Die Autorin dieses sehr gut geschriebenen Buches arbeitet als Virologin an den Universitätskliniken Genf, wo sie sich hauptsächlich mit neuartigen und pandemischen Viren beschäftigt. Gleich zu Beginn schildert sie, wie die Erforschung von neuartigen Krankheitserregern in Fledermäusen vonstatten geht. Hier nur soviel: Sie gestaltet sich um einiges schwieriger als der Laie sich das vorstellt. „Die Fledermaus denkt nicht daran, das Netz zu streifen oder gar blind hineinzufliegen und sich in den feinen Maschen zu verheddern, sodass wir sie vorsichtig entwirren und beproben können.“
Dass alles mit allem zusammenhängt, ist zwar eine Binsenwahrheit, doch praktische Konsequenzen hat sie kaum, denn seine Selbstwahrnehmung suggeriert dem Menschen, dass er sich von anderen Lebewesen abhebt und etwas ganz Besonderes ist. Sicher, das ist er natürlich, sofern man von der Biologie absieht. Bezieht man hingegen diese mit ein, so ergibt sich ein etwas anderes Bild – der Mensch ist nur eine von vielen Arten, allerdings die invasivste, die „sich den Lebensraum und die Existenz aller anderen Arten untertan macht.“ Dass er sich viel dabei denkt, kann man nicht behaupten. Und genau das ist das Problem.
Viren übertragen sich nicht nur von Wildtieren auf Menschen, sondern auch von Menschen auf Tiere. Solange wir nicht verstehen, wie eng Mensch und Tier im Ökosystem miteinander verwoben sind „und dass selbst einzelne Arten einen Einfluss auf grössere nachgeordnete Systeme haben können, die am Ende auch den Menschen betreffen“, werden wir weiterhin zu potentiellen Desastern beitragen.
Wären wir nicht dermassen egozentrisch unterwegs, würden wir verstehen, dass so recht eigentlich Viren unsere Lehrmeister sein könnten/müssten, denn ihre Anpassungsfähigkeit ist der unseren weit überlegen. Doch auch unser Grundbedürfnis nach Stabilität steht uns im Weg, wenn es darum geht, mit den rasend schnellen Mutationen klarzukommen – selten ist mir deutlicher gewesen, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist.
Höchst anschaulich berichtet Isabella Eckerle von ihrem Forschungsgebiet, der Virologie, klärt darüber auf, was es mit Zoonosen auf sich hat, und warum die Ausrottung der Fledermäuse keine Lösung ist. Vor allem aber zeigt sie uns die Dinge (inklusive uns Menschen) im grösseren Ganzen. Immer mal wieder gingen mir bei der Lektüre diese Sätze aus Pauline Melvilles Der Bauchredner (2000) durch den Kopf: „Meiner Meinung nach ist das Virus der König auf diesem Planeten, und wir sollten uns nach ihm richten. Der Mensch existiert nur als Gast dieses Meisters der Quantensprünge, der sich so hervorragend an das anpasst, was er nicht vorhergesehen hat.“
Apropos grösseres Ganze: 1,6 Millionen Viren gibt es, so schätzt man. Und 4510 Spezies. „Eine eindrückliche bildliche Darstellung aus Sicht eines Virus ist der Säugetier-Supertree, also ein kompletter (deshalb „super“) Stammbaum aller Säugetierarten“, der sich im Bildteil dieses Buches findet. Die Bereitschaft, die Welt zu sehen wie sie wirklich ist, ist eine Grundbedingung für einen angemessenen Umgang mit dem Geschenk des Lebens.
Von Viren, Fledermäusen und Menschen bietet nicht nur exzellente Aufklärung über Viren, sondern legt auch überzeugend dar, dass unsere Art auf Pandemien zu reagieren eher suboptimal ist. Letzteres hat auch damit zu tun, dass Regierungen, die sich primär für ihre Machterhaltung interessieren, es vorziehen, der Bevölkerung notwendige Informationen vorzuenthalten. Das Resultat: Wer nicht informiert ist, spekuliert. Das meint nicht, dass adäquate Information ein Allheilmittel ist, wie uns Kommunikationsexperten (aus lauter Eigeninteresse) glauben machen wollen, doch es ist eine unabdingbare Basis für vernünftige Entscheide.
Als SARS-CoV-1 in Südchina ausbrach, geschah, was (besonders, aber nicht nur) unter autoritären Regimes die Regel ist: Die Realität wird verdrängt, Nachrichten werden unterdrückt, es wird abgewiegelt. „Das Fehlen offizieller Informationen einerseits und zunehmende Gerüchte über mysteriöse Krankenhaus-Ausbrüche andererseits führten in der Bevölkerung in manchen Regionen zu Panikkäufen von Antibiotika sowie zu vermehrter Nachfrage nach angeblich wirksamen alternativen Heilmitteln. So war damals in Südchina Essig so stark nachgefragt, dass er vielerorts ausverkauft war …“.
Was dieses Buch nicht zuletzt deutlich macht: Es geht darum, „wie wir Ökosysteme erhalten, als eine Spezies unter vielen unseren eigenen Lebensraum finden und dabei den Lebensraum unserer Mit-Spezies respektieren.“ Mit anderen Worten: Bescheidenheit, Anstand und Rücksichtnahme sind gefragt. Leider sind das keine Eigenschaften, mit denen man es im herrschenden Raubtierkapitalismus weit bringt.
So informativ Von Viren, Fledermäusen und Menschen ist, es ist darüber hinaus erfreulich persönlich, berichtet unter anderem auch von den Forschungen der Autorin in Panama, Uganda und Gabun, ihrer Neugier, Faszination und Begeisterung für ihren Beruf. Ein höchst aufschlussreiches, nützliches und sympathisches Werk!
Prof. Dr. Isabella Eckerle
Von Viren, Fledermäusen und Menschen
Eine folgenreiche Beziehungsgeschichte
Droemer Verlag, München 2023




