Prof. Dr. Isabella Eckerle: Von Viren, Fledermäusen und Menschen

Die Autorin dieses sehr gut geschriebenen Buches arbeitet als Virologin an den Universitätskliniken Genf, wo sie sich hauptsächlich mit neuartigen und pandemischen Viren beschäftigt. Gleich zu Beginn schildert sie, wie die Erforschung von neuartigen Krankheitserregern in Fledermäusen vonstatten geht. Hier nur soviel: Sie gestaltet sich um einiges schwieriger als der Laie sich das vorstellt. „Die Fledermaus denkt nicht daran, das Netz zu streifen oder gar blind hineinzufliegen und sich in den feinen Maschen zu verheddern, sodass wir sie vorsichtig entwirren und beproben können.“

Dass alles mit allem zusammenhängt, ist zwar eine Binsenwahrheit, doch praktische Konsequenzen hat sie kaum, denn seine Selbstwahrnehmung suggeriert dem Menschen, dass er sich von anderen Lebewesen abhebt und etwas ganz Besonderes ist. Sicher, das ist er natürlich, sofern man von der Biologie absieht. Bezieht man hingegen diese mit ein, so ergibt sich ein etwas anderes Bild – der Mensch ist nur eine von vielen Arten, allerdings die invasivste, die „sich den Lebensraum und die Existenz aller anderen Arten untertan macht.“ Dass er sich viel dabei denkt, kann man nicht behaupten. Und genau das ist das Problem.

Viren übertragen sich nicht nur von Wildtieren auf Menschen, sondern auch von Menschen auf Tiere. Solange wir nicht verstehen, wie eng Mensch und Tier im Ökosystem miteinander verwoben sind „und dass selbst einzelne Arten einen Einfluss auf grössere nachgeordnete Systeme haben können, die am Ende auch den Menschen betreffen“, werden wir weiterhin zu potentiellen Desastern beitragen.

Wären wir nicht dermassen egozentrisch unterwegs, würden wir verstehen, dass so recht eigentlich Viren unsere Lehrmeister sein könnten/müssten, denn ihre Anpassungsfähigkeit ist der unseren weit überlegen. Doch auch unser Grundbedürfnis nach Stabilität steht uns im Weg, wenn es darum geht, mit den rasend schnellen Mutationen klarzukommen – selten ist mir deutlicher gewesen, dass alles in ständiger Veränderung begriffen ist.

Höchst anschaulich berichtet Isabella Eckerle von ihrem Forschungsgebiet, der Virologie, klärt darüber auf, was es mit Zoonosen auf sich hat, und warum die Ausrottung der Fledermäuse keine Lösung ist. Vor allem aber zeigt sie uns die Dinge (inklusive uns Menschen) im grösseren Ganzen. Immer mal wieder gingen mir bei der Lektüre diese Sätze aus Pauline Melvilles Der Bauchredner (2000) durch den Kopf: „Meiner Meinung nach ist das Virus der König auf diesem Planeten, und wir sollten uns nach ihm richten. Der Mensch existiert nur als Gast dieses Meisters der Quantensprünge, der sich so hervorragend an das anpasst, was er nicht vorhergesehen hat.“

Apropos grösseres Ganze: 1,6 Millionen Viren gibt es, so schätzt man. Und 4510 Spezies. „Eine eindrückliche bildliche Darstellung aus Sicht eines Virus ist der Säugetier-Supertree, also ein kompletter (deshalb „super“) Stammbaum aller Säugetierarten“, der sich im Bildteil dieses Buches findet. Die Bereitschaft, die Welt zu sehen wie sie wirklich ist, ist eine Grundbedingung für einen angemessenen Umgang mit dem Geschenk des Lebens.

Von Viren, Fledermäusen und Menschen bietet nicht nur exzellente Aufklärung über Viren, sondern legt auch überzeugend dar, dass unsere Art auf Pandemien zu reagieren eher suboptimal ist. Letzteres hat auch damit zu tun, dass Regierungen, die sich primär für ihre Machterhaltung interessieren, es vorziehen, der Bevölkerung notwendige Informationen vorzuenthalten. Das Resultat: Wer nicht informiert ist, spekuliert. Das meint nicht, dass adäquate Information ein Allheilmittel ist, wie uns Kommunikationsexperten (aus lauter Eigeninteresse) glauben machen wollen, doch es ist eine unabdingbare Basis für vernünftige Entscheide.

Als SARS-CoV-1 in Südchina ausbrach, geschah, was (besonders, aber nicht nur) unter autoritären Regimes die Regel ist: Die Realität wird verdrängt, Nachrichten werden unterdrückt, es wird abgewiegelt. „Das Fehlen offizieller Informationen einerseits und zunehmende Gerüchte über mysteriöse Krankenhaus-Ausbrüche andererseits führten in der Bevölkerung in manchen Regionen zu Panikkäufen von Antibiotika sowie zu vermehrter Nachfrage nach angeblich wirksamen alternativen Heilmitteln. So war damals in Südchina Essig so stark nachgefragt, dass er vielerorts ausverkauft war …“.

Was dieses Buch nicht zuletzt deutlich macht: Es geht darum, „wie wir Ökosysteme erhalten, als eine Spezies unter vielen unseren eigenen Lebensraum finden und dabei den Lebensraum unserer Mit-Spezies respektieren.“ Mit anderen Worten: Bescheidenheit, Anstand und Rücksichtnahme sind gefragt. Leider sind das keine Eigenschaften, mit denen man es im herrschenden Raubtierkapitalismus weit bringt.

So informativ Von Viren, Fledermäusen und Menschen ist, es ist darüber hinaus erfreulich persönlich, berichtet unter anderem auch von den Forschungen der Autorin in Panama, Uganda und Gabun, ihrer Neugier, Faszination und Begeisterung für ihren Beruf. Ein höchst aufschlussreiches, nützliches und sympathisches Werk!

Prof. Dr. Isabella Eckerle
Von Viren, Fledermäusen und Menschen
Eine folgenreiche Beziehungsgeschichte
Droemer Verlag, München 2023

Brigitte Giraud: Schnell leben

Vor zwanzig Jahren hat Brigitte Giraud den Mann ihres Lebens, Claude, bei einem Motorradunfall verloren. Drei Tage später ist sie mit ihrem kleinen Sohn in das Haus gezogen, das sie zusammen mit Claude gekauft hat. Als sie jetzt gezwungen wird, das Haus zu verkaufen, blickt sie zurück in die Vergangenheit, und kommt auf die Litanei des „Was wäre gewesen, wenn“ zurück, die sie all die Jahre gequält hat, und die eine simple Folgerichtigkeit suggeriert, die es im richtigen Leben nicht gibt – was dieser Roman sehr schön aufzeigt.

Die Geschichte spielt in Lyon und handelt auch von den Veränderungen, die in den letzten zwanzig Jahren die Stadt geprägt haben. Was sie für mich faszinierend macht – abgesehen von der Sprache (und das meint den Ton, den Rhythmus), die nicht zuletzt der gelungenen Übersetzung von Michael Kleeberg geschuldet ist – , ist dieser für eine Rückschau ungewöhnliche Ansatz: „Es gibt keine Ordnung in der Verkettung der Ereignisse, weder chronologisch noch methodologisch. Nichts als Wellen bis zum Horizont, gut zu erkennen an ihren Kammlinien und meistens ungefährlich, weil vorhersehbar. Ganz gleich, ob es kleine Wellen oder grössere Brecher sind. Dann aber ist da plötzlich eine gewaltige Woge, die man sich nicht hat aufbauen sehen, die sich immer höher türmt und einen, weil man gerade nicht hinsieht, unterpflügt.“

Das Haus, das sie mit Claude gekauft hatte, war so recht eigentlich ihr Haus, ja, ihre Obsession gewesen. Sie musste es unbedingt haben, gegen jede Vernunft, auch gegen ihre innere Stimme, die ihr davon abriet. Es ist sehr überzeugend, wie Brigitte Giraud dieses Nicht-Loslassen-Können schildert, und damit eindrücklich demonstriert, dass die Vorstellung, der Mensch sei ein von der Vernunft gesteuertes Wesen, bestenfalls ein Witz ist.

Doch nicht nur das Haus verdankt sich ihrer Obsession, sondern auch dieser Roman, der so recht eigentlich davon erzählt, dass alles genau so zu geschehen hat, wie es geschehen ist, damit es zu diesem Unfall hat kommen können. „Was wäre gewesen, wenn“ gehört wohl zu den am weitest verbreiteten Obsessionen, da dies implizit behauptet, wir könnten unserem Schicksal entkommen. Doch können wir? Schnell leben liefert ausgesprochen vielfältige Anregungen, sich mit den verschiedenen Aspekten dieser Frage auseinanderzusetzen, indem sie ganz viele Geschichten nebeneinander her laufen lässt. Und letztendlich konstatiert: „Es gibt kein Wenn.“

Natürlich hadert jeder halbwegs sensible Mensch mit seinem Schicksal. „Ich verfluche diese Welt, die sich auf meine Launen einliess. Ich verfluche diese Freiheit, die ich so schlecht genutzt habe.“ Und natürlich ist jedes individuelle Schicksal auch mit dem Zeitgeist verknüpft. So lerne ich etwa, dass ein normales, aufgeschlossenes Paar heute unter heteronormativ läuft, jedenfalls bei einigen – es ist zu vermuten, dass sie sich für modern oder progressiv halten.

Differenziert und einfallsreich führt Schnell leben vor, wie komplex unsere Welt ist, wie derart zahlreiche Faktoren über unser Leben mitbestimmen, dass der Versuch sie zu zählen, aussichtslos wäre. Brigitte Giraud befasst sich stattdessen mit Aspekten, die den meisten vermutlich gar nicht auffallen. Etwa mit Tadao Baba, dem japanischen Ingenieur, der für die Konstruktion der Honda 900 CBR Fireblade verantwortlich zeichnete, mit der Ihr Mann Claude zu Tode gekommen war. Oder mit Stephen King, der drei Tage vor Claudes Tod, einen schweren Unfall nur mit Glück überlebte.

Schnell leben ist ein philosophischer Roman. Und ein auch immer mal wieder sehr witziger. So kommentiert die Erzählerin die Vorstellung ihrer Neumieter, wieder eine Zwischendecke einfügen zu wollen, mit. „Er fand die Möglichkeit, dass die Holzbalken brennen könnten, nicht so berauschend. So hat jeder seine Zwangsvorstellungen.“ Ihre Einschätzung von SMS wiederum, „womit wir heutzutage jeden Ort kommunizieren, an dem wir uns gerade befinden, und jede Stimmungslage“, brachte mir wieder einmal zu Bewusstsein, dass wir unsere jeweiligen Stimmungslagen etwas arg wichtig nehmen.

Es gebe nichts zu verstehen, schliesst Brigitte Giraud Schnell leben. „Reine Choreografie des Schicksals.“ Das bezieht sich nicht nur auf den Tod ihres Mannes, es bezieht sich auch auf diesen sehr gut geschriebenen Roman, den man am besten einfach auf sich wirken lässt.

Brigitte Giraud
Schnell leben
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2023

Cormac McCarthy: Der Passagier

Bobby Western ist Bergungstaucher, mit einem Kollegen zusammen taucht er nach einem Flugzeug. Sie finden neun Leichen, jedoch keinen Flugschreiber. Dann erhält Bobby Besuch von zwei Männern mit Dienstausweisen, die sich nach Passagier Nummer zehn erkundigen.

Als Bobby, während er nicht zu Hause war, offenbar noch einmal unerwünschten Besuch bekommen hat, zieht er aus. Auch am neuen Ort erhält er Besuch. Dann kommt sein Taucherkollege ums Leben. Bobby sucht einen Privatermittler auf, der zuvor Wahrsager gewesen ist …

Der Passagier ist eine Art Tour d’Horizon durch die jüngere amerikanische Geschichte, Vietnam, der Mord an John F. Kennedy, wobei der Bau der Atombombe prominent figuriert – besonders was die Menschen in Hiroshima und Nagasaki erleiden mussten, ist ungeheuer eindrücklich geschildert.

Übrigens: Von Oppenheimer, dem „Vater der Atombombe“, glaubten viele kluge Menschen, dass er möglicherweise der klügste Mensch war, den Gott je geschaffen hatte, was mit „Komischer Kerl, dieser Gott“ kommentiert wird.

Was diesen Roman hauptsächlich prägt, sind die Dialoge. Etwa mit Debbie, die als Bub zur Welt gekommen ist und jetzt als Frau alle Blicke auf sich zieht. „Ich habe Angst vor allem. Ich habe überhaupt keinen festen Halt mehr.“ „Das merkt man dir gar nicht an.“ „Danke. Ich gebe mir Mühe.“ „Keine Angst zu haben?“ „Das ist zu freundlich ausgedrückt. Ich gebe mir Mühe, es nicht zu zeigen. Es ist das reinste Affentheater. Aber ich weiss nicht, wie ich sonst damit umgehen soll. Alles was du siehst, hat Mühe erfordert. Viel Mühe.“ Oder der überaus witzige Austausch mit der Kellnerin in Wartburg, Tennessee, als Bobby dort seine Grossmutter besucht.

Die meisten der Dialoge sind jedoch von philosophischer Natur. Handelt es sich bei Tomaten um Obst oder um Beeren? „Selbst wenn alles, was man von der Welt weiss, Lüge wäre, folgt daraus nicht, dass es, damit es eine Lüge sein kann, irgendeine ihr entgegengesetzte Wahrheit geben muss.“ Und als seine Grossmutter Bobby fragt, ob er an Gott glaube, erwidert er: „Ich kann allenfalls sagen, dass ich glaube, er und ich haben so ziemlich die gleichen Ansichten. Jedenfalls an meinen besseren Tagen.“

Cormac McCarthy ist ein Menschenkenner; er versteht viel von der Seele der Gefährdeten. Sein Schreiben handelt von Existenziellem, von Fragen über Leben und Tod. „Er hatte sie gefragt, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaube (…) hatte sie gesagt, Gott sei nicht an unserer Theologie, sondern nur an unserem Schweigen gelegen.“

Es ist seine sehr eigenständige Sichtweise aufs Leben, die diesen Roman prägt – eine Sichtweise, die sich nicht an den Eitelkeiten der Menschen, sondern an Fragen der Moral und der Wissenschaft orientiert. An Grundsätzlichem, wozu auch die Einsicht gehört, dass viele Bücher geschrieben wurden, „anstatt die Welt niederzubrennen – wonach es ihre Verfasser in Wahrheit verlangte.“

Cormac McCarthy lebte die letzten Jahre seines Lebens in der Nähe des Santa Fe Instituts, wo er hauptsächlich mit Wissenschaftlern Umgang pflegte. Die Gespräche, die er dort führte, haben auch Eingang in Der Passagier gefunden. Unter anderem handeln sie von der Quanten- und der Stringtheorie – ich will nicht behaupten, dass ich viel davon verstanden habe. Doch gelegentlich stosse ich auf Sätze, die für mich Wesentliches zusammenfassen (einer der für mich wichtigsten Gründe, Bücher zu lesen): „Glaubst du wirklich an die Physik?“ „Ich weiss nicht, was das heissen soll. Die Physik versucht, ein numerisches Bild von der Welt zu zeichnen. Ich weiss nicht, ob das tatsächlich etwas erklärt. Man kann das Unbekannte nicht illustrieren. Was immer das heissen mag.“

Der Passagier erzählt auch von einem Amerika, wo ein Mann, der alleine im Wald unterwegs ist und kein Gewehr dabei hat, sich verdächtig macht. Und von einer Bohrinsel bei Pensacola vor der Küste Floridas. Und von der Atmosphäre in ländlichen Diners. Und davon, dass „Schönheit die Macht hat, einen Kummer hervorzurufen, den andere Tragödien niemals bewirken können. Der Verlust einer Schönheit kann eine ganze Nation in die Knie zwingen. Nichts anderes vermag das.“

Cormac McCarthy weiss, dass uns unser Wissen (inklusive das vermeintliche) nicht erlösen kann. „Man kann nicht sehen, was die Zukunft bringt, Bobby. Und selbst wenn, wäre das keine Garantie dafür, dass man die richtige Entscheidung trifft.“ Eindrücklich wird unsere Beschränktheit mit diesen Sätzen illustriert: „Ihr Haar glich Sommerfäden. Es wusste nicht genau, was Sommerfäden waren. Ihr Haar glich Sommerfäden.“

Fazit: Gescheit, sensibel, berührend und horizonterweiternd.

Cormac McCarthy
Der Passagier
Rowohlt, Hamburg 2022

Hans Magnus Enzensberger: Eine Experten-Revue in 89 Nummern

„In erster Linie habe ich meinen Experten zu danken“, schreibt der 2022 verstorbene Hans Magnus Enzensberger in der Danksagung zu diesem Werk. „Meine These ist, dass jeder Mensch, ob er will oder nicht, zu dieser Kategorie gehört, auch wenn er sich nicht damit brüstet.“

Angesichts der in der modernen Welt, in der kein Mensch mehr den Überblick haben kann, grassierenden Expertenmanie – es kommt eher selten vor, dass ein Fach- bzw. Problemspezialist auf eine konkrete Frage etwas anderes als: Es kommt drauf an antwortet – , ist die These, dass so recht eigentlich jeder in irgendetwas ein Experte ist, mehr als nur speziell, sie ist höchst überzeugend.

Man kann dieses Buch irgendwo aufblättern, man wird immer auf Anregendes, Lehrreiches und Amüsantes stossen, denn Enzensberger ist ein begnadeter Causeur, dem die Lust und das Talent am geistvollen Parlieren mit auf den Lebensweg gegeben wurde. Es ist wohltuend, ja eine Freude, sich die hier Porträtierten zu Gemüte zu führen.

Auguste Comte etwa, den Begründer des Positivismus und der Soziologie, der als Hirnforscher „das Organ für die Selbstlosigkeit im Hinterkopf“ fand. Zudem: „Für ‚Ordnung und Fortschritt‘ ist er in einer Prosa eingetreten, die an Trockengemüse erinnert. Immerhin ist dieser Slogan bis auf den heutigen Tag der Flagge der brasilianischen Republik eingeschrieben, die den Positivismus theoretisch hochhält und in der politischen Praxis verhöhnt.“

Damit der Mensch sich nicht vollkommen verloren fühlt auf dem Planeten Erde, greift er üblicherweise zu Vereinfachungen. Hans Magnus Enzensberger tut das Gegenteil: Er beschreibt die Komplexität der Welt, indem er uns Experten vorstellt, von denen die meisten unter uns gar nicht wissen, dass es sie gibt. Spezialisten für Schwäne etwa. Oder den Herr über die 770 Rolltreppen der Münchner U-Bahn, der allerdings die Bezeichnung Fahrtreppe vorzieht.

Eine Experten-Revue in 89 Nummern bildet eine willkommene Korrektur zu dem gleichförmigen Bombardement der Massenmedien, die so recht eigentlich fast nichts anderes tun, als eitlen, ambitionierten, und oft aggressiven Erfolgssüchtigen eine Plattform zu bieten. Enzensberger zeigt, dass die Welt und ihre Bewohner wesentlich bunter unterwegs ist als uns die gängigen Medien glauben lassen, die sich erstaunlich einig sind, was wichtig ist bzw. und beschäftigen soll. .

Eine Experten-Revue in 89 Nummern zu lesen, macht einem auf höchst amüsante Art und Weise die Uniformität der täglichen Indoktrination bewusst. Das hat wesentlich damit zu tun, dass dem Autor das Sich-Wundern nicht abhanden gekommen ist. „Alles muss einen Namen haben. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das nach diesem Prinzip verfährt. Kein Baum, kein Berg, kein See weiss, wie er heisst. Offenbar sind wir die einzigen, die das kümmert und die alles und jedes taufen müssen.“

Die Bandbreite der vorgestellten Experten reicht von den wichtigsten Eulenkennern bis zum deutschen Philosophen Odo Marquard, der die These von Karl Marx, „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretirt, es kömmt darauf an, sie zu verändern“ im Sinne des legendären russischen Faulpelzes Oblomow vom Kopf auf die Füsse gestellt hat: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden verändert, es kömmt darauf an, sie zu verschonen.“

Der wunderbar neugierige Hans Magnus Enzensberger erzählt auch von einem viktorianischen Gentleman namens Henry Mayhew, der er sich zur Aufgabe gemacht hatte, die eigene Gesellschaft zu untersuchen, „und zwar gerade dort, wo sie dem Bürger am unbekanntesten ist“, was ihm auch deshalb gut gelang, da „er selber mehr als einen Bankrott überstanden hatte.“ Das vierbändige Werk, erschienen 1851-1861, trug den Titel: London Labour and the London Poor: A Cyclopaedia of the Condition and Earnings of Those that Will Work. Those that Cannot Work, and Those that Will not Work.

Übrigens: Auch Schöffen, ehrenamtlichen Richtern bei Strafprozessen, können den Ausgang eines Prozesses beeinflussen, sofern sie sich nicht nur mit dem Strafgesetzbuch, sondern auch mit der Strafprozessordnung vertraut gemacht haben. Was allerdings gar nicht so einfach ist, schliesslich haben die Juristen dafür gesorgt, dass nicht jeder Dahergelaufene einfach so mitreden kann. So ist der ideale Schöffe, laut Enzensberger, gut beraten, sich nicht nur über den dinglichen Arrest, sondern auch über das Adhäsionsverfahren sowie die Verfolgung bei verwaltungsrechtlicher Vorfrage kundig zu machen. Selten so gelacht!

Fazit: Geistreich, unterhaltsam und aufklärend.

Hans Magnus Enzensberger
Eine Experten-Revue in 89 Nummern
Suhrkamp, Berlin 2023

María Gainza: Schwarzlicht

In jüngeren Jahren, als ich mir von Büchern sinngebende Einsichten versprach, pflegte ich mir wichtige Sätze anzustreichen – und da ich fast alles wichtig fand, nahmen die Unterstreichungen gelegentlich ganze Seiten ein. Daran musste ich denken, als ich María Gainzas Schwarzlicht zur Hand nahm, denn bereits die ersten Seiten begeisterten mich derart, dass ich drauf und dran war, praktisch jeden einzelnen Satz zu unterstreichen.

Hier einige ganz willkürlich ausgewählte Beispiele:

„Sie trug eine zitronengelbe Bluse und ein zerknittertes stahlgraues Kostüm. Sie machte einen gewöhnlichen, ja geradezu etwas lächerlichen Eindruck, doch ihr Äusseres war, wie ich nach einiger Zeit feststellen sollte, ihrer Geisteshaltung genau entgegengesetzt.“ Soviel zu all den Trotteln, die vom ersten Eindruck auf eine Person schliessen.

„Auch wenn sie selten davon sprach, schien sie einer älteren Zivilisation zu entstammen, die es nicht nötig hatte, alles in Worte zu fassen.“ Wie wohltuend, denkt es so in mir.

„Ich war jung, wusste wenig, und was ich wusste, verstand ich kaum, dafür jedoch weckte nahezu alles rasendes Interesse bei mir.“ Treffender kann ich meine eigene Jugend nicht beschreiben!

Die Kunstkritikerin María, die in der Welt der Kunst eine Zeitlang „ein gewisses Prestige erlangt hatte, das sich der Illusion verdankte, eine empfindsame Prosa sei Ausdruck einer ehrbaren Gesinnung, am Stil erkenne man den Charakter“, ist eigentlich nicht darauf aus, sich zu etablieren, als sie bei der Taxierungsabteilung des Banco Ciudad eine neue Stelle antritt.

Ihre Chefin, Enriqueta Macedo, führt sie in die Welt der gefälschten Kunstwerke ein. Enriqueta hatte die Fälschungen der Bande der melancholischen Fälscher („Ihre Mitglieder, die davon lebten, dass sie die Reichen übers Ohr hauten, fühlten sich wie durch ein brüderliches Band verbunden.“), ansässig in Buenos Aires, im Stadtteil Belgrano, während vierzig Jahren für echt erklärt. Im Namen der Kunst und nicht etwa des Geldes wegen. „Falsch waren ihrer Ansicht nach bloss Werke von zweifelhafter Qualität.“

Es geht in diesem glänzend geschriebenen Roman nicht nur um die darstellende Kunst („Ein Sammler kauft keine Kunst, er kauft die gesellschaftliche Bestätigung seiner Investition.“), sondern auch, und vor allem, um die Lebenskunst. „Obwohl es vordergründig immer um Malerei ging, schienen ihre Ratschläge sich in Wirklichkeit auf die Kunst des Lebens zu beziehen.“

Als Enriqueta stirbt, wird María Kunstkritikerin bei einer Zeitung. Als sie den Job verliert, macht sie sich auf die Suche nach der legendären Kunstfälscherin Negra. „… frage ich mich manchmal, ob das Fälschen nicht das einzig wirklich grosse Kunstwerk des 20. Jahrhundert darstellt.“

Schwarzlicht ist ausgesprochen reich an Lebensweisheiten, zu denen auch gehört: „Wie die Grossmutter einer Freundin immer sagte: ‚Nur weil dir schon mal was Schlimmes passiert ist, heisst das nicht, dass dir danach nichts Schlimmes mehr passieren kann.’“ Ob die Erkenntnisse, die etwa Proust („Jeder Mensch kann auf sieben genaue Kopien seiner selbst zählen.“) und anderen bekannten Autoren zugeschrieben werden, erfunden sind oder nicht, ist bei einem Werk, das sich der Fälschung widmet, schwer abzuschätzen – ich jedenfalls habe mich entschieden, sie als wahr zu betrachten.

Immer mal wieder muss/darf ich Tränen lachen. „Ohne sie war ich wie eine Kuh ohne Weide …“. Fühle ich mich nachdenklich gestimmt. „Vielleicht gibt es tatsächlich so etwas wie ‚die glücklichste Zeit des Lebens‘, eine Feststellung, die einen ganz schön traurig machen kann.“ Weiss ich mich mit Wesentlichem konfrontiert. „Doch wie Bach, der darum bat, ihn niemals bewaffnet ausser Haus gehen zu lassen – er fürchtete, ihn könne plötzlich Mordlust befallen – , hielt ich mich von allen Verlockungen fern.“

Schwarzlicht ist gescheit, witzig und lebensklug. Und überdies vielfältig lehrreich. Eine Perle!

María Gainza
Schwarzlicht
Roman
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2023

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