Anett Kollmann: Kein Glück ohne Freiheit

Da ich mein eigenes Leben wesentlich als biologische Fortsetzung des Lebens meiner Eltern begreife, interessiert mich an dieser Familienbiografie vor allem, was für Eigenschaften, Anschauungen und Charakterzüge der Philosoph Arthur Schopenhauer wohl von seinen Eltern mitgekriegt bzw. fortgeführt hat – und erfahre viel Aufschlussreiches.

Als Vater Heinrich Floris („Die psychopathologische Veranlagung der Schopenhauers verschonte ihn nicht. Eine tiefe Depression wechselte mit heftigen Ausbrüchen von Jähzorn und Verfolgungswahn.“) am Morgen des 20. April 1805 tot aufgefunden wurde, glaubten Mutter und Sohn an Suizid. „Arthur philosophierte immer wieder ohne moralische Stigmatisierung über den ‚Selbstmord‘. Biographisch gesehen ein lebenslanger Dialog mit dem Vater.“

Kein Glück ohne Freiheit ist gut geschrieben, sehr informativ und auch immer mal wieder witzig. Als nach einer Vorführung am berühmten „Taubstummen“-Institut des Abbé Sicard in Paris Mutter Schopenhauer die stumme Schönheit der Vortragenden romantisierte, verstand Arthur sie, denen man vormals die Vernunft abgesprochen hatte, als Vernunftwesen. „Was der dritte Mitreisende, der ertaubende Heinrich Floris, von der Konversation ohne Gehör hielt, ist nicht überliefert“, kommentiert Anett Kollmann trocken.

Anregend weiss die Autorin auch die Reisen der Familie zu schildern. Gestutzt habe ich allerdings, als ich las: „In der Nähe von Salanche in der Schweiz starteten die Schopenhauers im Mai 1894 ihre Tour in die Berge“, denn von Salanche hatte ich noch nie gehört. Und so suchte ich im Internet nach dem Ort, wurde jedoch nicht fündig, stiess hingegen auf Sallanches, eine französische Gemeinde im Département Haute-Savoie, wo besagte Tour auch stattfand.

Als seine angestrebte Universitätskarriere mangels Zuhörern („Eine Honorarprofessur zahlten die Studenten, erst später der Staat.“) scheitert, flüchtet Schopenhauer nach Italien, um seine dort unterbrochene Reise fortzusetzen. „Sehn und Erfahren ist so nöthig wie als Lesen und Lernen“, erklärt er seinem Freund Osann.“Trotzig“, kommentiert Anett Kollmann. Das mag durchaus sein, fasst aber eben auch sein Denken bzw. seine Herangehensweise, Erkenntnisgewinn mittels Anschauung, pointiert zusammen.

‚Kein Glück ohne Freiheit‘ lautete das Wappenmotto der Schopenhauers, „und es meinte zunächst wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit.“ Als das Bankhaus Muhl, bei dem die Familie ihr Geld angelegt hatte, Konkurs ging und zahlungsunfähig wurde, „war der Charakter der Mutter ins Wanken geraten“, wie Anett Kollmann formuliert. Mit anderen Worten: die Freiheit war plötzlich weg und Johanna Schopenhauer am Boden zerstört. Doch sie raffte sich auf, wurde zur gefeierten Schriftstellerin, die es hervorragend verstand, den literarischen Zeitgeist zu bedienen. Auch für Arthur bedeutete Geld Unabhängigkeit bzw. Freiheit – in dieser Hinsicht waren sich Mutter und Sohn sehr ähnlich.

Adele, die Tochter, war von anderem Gemüt. „Keine einzige leidenschaftliche Empfindung bewegt mich, keine Hoffnung, kein Plan – kaum ein Wunsch; denn meine Wünsche strefen an das Unmögliche“, gestand sie Arthur, „ich lebe ungern, scheue das Alter, scheue die mir gewiss bestimme Lebenseinsamkeit.“ Anett Kollmann wertet dies als Pessimismus, mir selber kommt diese Selbstbeschreibung eher nüchtern, illusionslos und deswegen befreiend vor.

Kein Glück ohne Freiheit ist auch eine beeindruckende Fleissarbeit; die Fülle an Details, die Anett Kollmann zusammengetragen hat, zeigt auch, dass Mutter und Sohn recht unterschiedlich auf die Welt reagierten („Wo der Sohn mitfühlte, regten sich bei der Mutter Angst und Abscheu.“) und überhaupt gänzlich verschiedene Leben führten, gesellig die Mutter, eigenbrötlerisch der Sohn, auch wenn beiden ein sehr eigensinniges Naturell gemeinsam war.

„Es ist der selbe Charakter, also der selbe individuell bestimmte Wille, welcher in allen Descendenten eines Stammes, vom Ahnherrn bis zum gegenwärtigen Stammhalter, lebt“, so Arthur im zweiten Band von Die Welt als Wille und Vorstellung. Wie sich dieser Charakter am Beispiel der Familie Schopenhauer offenbart, schildert Anett Kollmann differenziert, nachvollziehbar und erhellend.

Anett Kollmann
Kein Glück ohne Freiheit
Die Familie Schopenhauer
Reclam, Ditzingen 2022

Otto A. Böhmer: Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit

Dass ein Mann mit einem „ausgeprägten Hang zu düsteren Visionen und globaler Nörgelei“ sich zum Lebensberater eignet, ist vermutlich eher selten; im Falle des selbstgewissen Schopenhauer, dessen Einsichten sich ihm durch Anschauung erschlossen, jedoch offensichtlich. Er bietet eine nüchterne Sicht des Lebens, zu der auch gehört, dass das Glück wenig von unseren Anstrengungen abhängt. „Überhaupt aber beruhen neun Zehntel unseres Glücks allein auf der Gesundheit“, meinte er. Und folgert „Der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, sollen wir Tür und Tor öffnen …“.

Für Heiterkeit sorgt auch die Lektüre von Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit, wo man zum Beispiel lesen kann, dass Schopenhauer, „Privatgelehrter und in gleicher Funktion auch Privatsekretär des Willens zum Leben“, zum Frauenbeauftragten nicht taugte, sich dagegen sträubte, „dass die Einstellung unseres irdischen Geschäftsbetriebs das endgültige Aus bedeuten könnte“ und „eine enge Anlehnung an die Wirklichkeit“ sich nicht nur für die Kindererziehung empfehle, „sondern auch für Erwachsene, die nicht mit allem abgeschlossen haben und sich noch für lernfähig halten.“

„Schopenhauer kam es vor, als müsste er nur seiner inneren Stimme lauschen, die ihm Kunde gab vom Geheimnis der Welt. Er wurde zum Protokollant einer Philosophie, deren Zeit gekommen war“, so sein Biograf Otto A. Böhmer, dessen Darstellungskunst dieses Werk zu einem aussergewöhnlichen Lesevergnügen macht, einem überaus lehrreichen, notabene.

„Mich haben nicht die Bücher, sondern die Welt hat mich befruchtet“, schrieb Schopenhauer, dessen Philosophie ein Frontalangriff auf die damals herrschende Rationalität war. „Der Mensch ist nicht mehr die Krone der Schöpfung, sondern ein Lebewesen unter vielen, das sich vor anderen nur durch seine enorme Selbstüberschätzung auszeichnet.“ Es ist der allmächtige Wille, der uns am Leben hält, und nicht etwa der Verstand.

Ein umgänglicher Mann ist Schopenhauer offenbar nicht gewesen. Otto A. Böhmer hält ihn für die Diplomatie wenig geeignet. Auch Gelassenheit war ihm nicht gegeben. Seinen eigenen Angaben gemäss, kam er nur in seiner Philosophie zur Ruhe und „weniger im Leben, das ihm wiederkehrende Ängste bescherte.“ Mit anderen Worten: Nimmt man sein Leben zum Massstab, tut man seiner Philosophie unrecht. Nichtsdestotrotz: Leben und Werk können sich gelegentlich auch befruchten.

Schopenhauers Einsichten haben es in sich. „Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloss im Zustand der Bändigung und Zähmung, welcher Zivilisation heisst: daher erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur. Aber wo und wann einmal Schloss und Kette der gesetzlichen Ordnung abfallen und Anarchie eintritt, da zeigt sich, was er ist.“

Schopenhauer gilt bekanntlich vielen als Pessimist. Auf mich wirkt er zwar nicht gerade wie eine Ausgeburt an Lebensfreude, jedoch erfreulich realistisch – und das erlebe ich befreiender als die unter Wahrnehmungsverzerrung leidenden Berufsoptimisten, die andauernd behaupten, alles werde gut kommen und auf ihr Bauchgefühl als Beleg hinweisen. Obwohl: Auch Schopenhauer scheint zu glauben, dass die Auseinandersetzung mit sich selber dem Menschen erlaube „stets mit voller Besonnenheit ganz er selbst sein und wird nie von sich selbst im Sich gelassen werden, weil er immer wusste, was er sich selber zumuten konnte“. Für Autor Böhmer ist dies Wunschdenken, da unser innerer Kern von der Selbsterkenntnis weitgehend unberührt bleibt, denn: „Das Bewusstsein hat genug mit sich selbst zu tun: Es muss funktionieren und kann froh sein, wenn es unfallfrei durch den Tagesbetrieb kommt, der ihm fortwährend zugemutet wird.“ Wunderbar!

Der Egoismus ist die Triebfeder des Menschen, so Schopenhauer. Aber eben nicht nur, wendet Autor Böhmer ein und bleibt die Beispiele nicht schuldig. Wir sind vom Willen geleitet, der Verstand ist diesem untergeordnet, lehrt Schopenhauer. Zustimmend kommentiert Böhmer: „Der Mensch, mit einem Intellekt ausgerüstet, der in der Regel nicht bestaunenswert leistungsfähig ist, kann von seinem tierischen Erbe jederzeit eingeholt werden. Um so mehr sollte er die Momente ruhiger Einsichtigkeit schätzen, die ihm gelegentlich widerfahren.“ Und sich dabei dieses schöne Buch zu Gemüte führen, wie ich gerne hinzufügen will.

Erhellende Einsichten zur Eigen- und Fremdwahrnehmung wie auch über den Egoismus, unser aller Antriebskraft, den konstant bleibenden Charakter, die Willensfreiheit, das Gewissen („das geheime Regulativ unseres Handelns“), und und und, finden sich in diesem flüssig geschriebenen Werk, dessen Titel „die Erfindung der Altersweisheit“ erwähnt, was impliziert, dass diese sich nicht einfach so ergibt und schon gar nicht jeder an ihr teilhat.

„Der Wille lässt das Bewusstsein für sich arbeiten“, fasst Autor Böhmer zusammen, „warum, wird nicht wirklich ersichtlich. Im Grunde gelangen wir nur zu einer Einsicht, die sich so zusammenfassen lässt: unser Wille geschehe. Dass er überhaupt geschieht, ist nicht in Frage zu stellen, sondern hinzunehmen.“ Das bestätigt übrigens auch die moderne Hirnforschung.

Bücher, die ich schätze – und das vorliegende gehört dazu – machen mich auch immer wieder mal laut heraus lachen, so ungemein treffend bringen sie unsere Lage auf dem Planeten Erde auf den Punkt. „Der Mensch wird ins Leben geworfen und tappt, mal orientierungsstolz, mal ratlos, durch Zeit und Raum. Was er sieht und denkt, entspricht seinen Möglichkeiten. Damit das Ganze nicht allzu lange dauert, darf er sich über die Vergänglichkeit freuen, die über seinem Tun und Lassen liegt. Aus der Gegenwart aber wird er nicht entlassen, nicht einmal auf Bewährung …“.

Fazit: Anregende Aufklärung, differenziert und unterhaltsam.

Otto A. Böhmer
Schopenhauer oder Die Erfindung der Altersweisheit
Verlag C.H. Beck, München 2010

Winston Churchill: Meine frühen Jahre

Churchill, schrieb einst Boris Johnson, der selber gerne so einer wie Sir Winston geworden wäre, sei so recht eigentlich der Beweis dafür, dass einzelne Menschen den Lauf der Geschichte beeinflussen können. Mir selber fällt zu Churchill zuerst ein, dass er unter Depressionen litt und wohl das Schlaueste zur Demokratie gesagt hat, das man darüber sagen kann. Nein, nicht den Satz, gemäss dem die Demokratie die beste von allen schlechten Staatsformen, sondern dass das beste Argument gegen sie ein zehnminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler sei.

Churchill ist ein ausgesprochen begabter Schreiber. Davon zeugt auch das vorliegende Buch, Meine frühen Jahre, die er sehr farbig, humorvoll und so aufrichtig schildert, wie es einem wohl erzogenen Briten möglich ist. Dass es ihm dabei gelingt, höchst überzeugend als sein jugendliches Selbst zu sprechen, macht dieses Werk geradezu einzigartig.

Vom Untergang der Eurydice liest man, bei dem dreihundert Soldaten zu Tode kamen, und auch von einem Zugunglück in Schottland, als eine Brücke einstürzte. „… ich wunderte mich nicht, dass die Menschen erklärten, sie würden bei den kommenden Wahlen gegen die Regierung stimmen, weil sie aus Trägheit und Nachlässigkeit etwas so Schreckliches hatte geschehen lassen.“ Und er bedauert, „dass der Krieg den sachkundigen und eigens dafür geschulten Personen aus den Händen genommen wurde, und machten ihn so zu einer nur noch widerlichen Angelegenheit von Massen, Geld und Maschinen.“

Die Schule war so ziemlich gar nicht sein Ding. „Ich wäre gerne in Geschichte, Literatur und Aufsatz geprüft worden. Meine Lehrer hingegen versteiften sich auf Latein und Mathematik, und ihr Wille war Gesetz.“ Seine Zinnsoldatensammlung in vorschriftsmässige Angriffsstellung zu versetzen, behagte ihm weit mehr und so bog er in die militärische Laufbahn ein. „Jahrelang glaubte ich, Erfahrung und Scharfblick meines Vaters hätten in mir das militärische Talent entdeckt. Später erfuhr ich, dass er nur zu der Überzeugung gekommen war, ich sei zum Jurastudium nicht begabt genug.“

Seine militärische Ausbildung erhält er in Sandhurst, wo er begeistert das Kriegshandwerk lernt und es bedauert, dass es mit Kriegen zwischen zivilisierten Völkern vorbei zu sein scheint. Eine Fehleinschätzung, wie wir heute wissen. Höchst einfühlsam berichtet er vom Verhältnis zu seinem im Alter von 46 Jahren verstorbenen Vater, mit dem ihn viel verband. „Ein Junge hat den Trieb, es seinem Vater nachzutun im Erringen von Nahrung und Beute. Er wünscht, nützliche Dinge zu verrichten, soweit es seine Kräfte bei äusserster Anspannung erlauben. Er wünscht, etwas zu verdienen, zum Unterhalt der Familie beizutragen, so wenig es auch sein mag. Er möchte auch Mussestunden ganz für sich haben ….“. Schon früh war in ihm angelegt, was ihm sein Leben lang leitend war.

Meine frühen Jahre ist überaus lebendig geschrieben, mit viel Witz und Selbstironie. Darüber hinaus machen diese Erinnerungen auch – womöglich unbeabsichtigt – deutlich, dass sich die Geschichte von Generation zu Generation wiederholt. „Ich fragte mich oft, ob je eine andere Generation eine so völlige Umwälzung aller Werte und Tatsachen erlebt hat, wie wir sie durchmachten. Kaum irgendetwas in geistiger oder materieller Beziehung, das als feststehend, unverrückbar und unverlierbar anzusehen mir beigebracht wurde, hat standgehalten. Alles das ist eingetreten, was mir als schlechthin unmöglich erschien oder was für unmöglich zu halten uns gelehrt wurde.“

Besonders gelungen sind Churchills Charakterisierungen. „Das scharf geschnittene, regelmässige Gesicht, die hellen grauen Augen, das kräftig modellierte Kinn wurden aufs Vorteilhafteste unterstrichen durch einen Schnurrbart, den selbst der deutsche Kaiser als sein unerreichbares Ideal angesehen haben würde“, notierte er über Oberst Brabazon, der das 4. Husarenregiment kommandierte und offenbar einen recht rüden Umgang pflegte. „Zu jener Zeit war man gewöhnt, sich seine Rechte mit einer Rücksichtslosigkeit zu wahren, die heute vielleicht als unangemessen gelten würde.“

Meine frühen Jahre ist ein vielschichtiges Selbstporträt, ebenso reich an jugendlichen Torheiten wie an sensiblen Betrachtungen. „Die Botschaft des Sonnenuntergangs ist Trauer, die des Sonnenaufgangs Hoffnung.“ Und obwohl dies auch ein zeitgeschichtliches Dokument ist, geht es weit darüber hinaus, denn Churchill hat Fundamentales, die Zeit Überdauerndes begriffen. „… so kann ich den hohen Göttern nur aufrichtig danken für das Geschenk des Daseins. Alle Tage waren schön, und jeder noch schöner als der vorhergehende. Höhen und Tiefen, Abenteuer und Reisen, dabei stets das Gefühl der Bewegung und die Illusion der Hoffnung.“

Apropos zeitgeschichtliches Dokument: Es scheint dem Menschen eigen, die Zeit, in der er lebt, als von übertriebener Wichtigkeit zu deuten, denn die „völlige Umwälzung aller Werte und Tatsachen“ ereignete sich nicht nur zu Churchills Zeiten, sondern geschieht auch heutzutage, weshalb wir denn auch gut beraten sind, uns dies vor Augen zu halten: „Alles das ist eingetreten, was mir als schlechthin unmöglich erschien oder was für unmöglich zu halten uns gelehrt wurde.“

Meine frühen Jahre spielen in England, Kuba, Indien, dem Sudan und Südafrika, zu einer Zeit, die weit entfernt war von dem mobilen Menschen von heute. 2028 Meilen per Zug in Indien dauerten damals fünf Tage; die Fahrt von London über Marseille nach Kairo sechs Tage.

Der privilegiert aufgewachsene Churchill, ein Freund des Soldatischen und des fairen Wettbewerbs, versteht, wie der Mensch tickt und was ihm nützt. „Ich war von Natur aus nicht nur sehr wahrheitsliebend, sondern auch auf der Hut.“ Vor allem aber weiss er, was uns Menschen formt, so wir denn lernwillig sind. „Man sollte sich immer vor Augen halten, dass ein Missgeschick, das uns trifft, uns möglicherweise vor einem weit schlimmeren bewahrt, oder auch, dass ein schwerer Irrtum, den man begeht, uns oft heilsamere Dienste leistet als eine noch so gut beratene Entscheidung. Das Leben ist ein Ganzes, und das Schicksal ist ein Ganzes, und kein Teil kann von dem übrigen abgesondert werden.“

Meine frühen Jahre ist ein überaus anregendes Werk, das sich auch über die „Erziehung von Söhnen wohlhabender Bürger“ auslässt und zum Schluss kommt: „Nur wenn sie ein wirkliches Verlangen nach Wissen, einen starken Trieb zum Lernen haben, würde ich sie auf die Hochschule gehen lassen.“ Leider sind wir weiter davon entfernt denn je.

Fazit: Aussergewöhnlich vielfältige Erinnerungen von einer seltenen Lebendigkeit sowie eine aufschlussreiche Darstellung der englischen Oberschicht.

PS: Obwohl es Bücher ohne Druckfehler so recht eigentlich nicht gibt, sind mir im ersten Teil dieses Werkes mehr als sonst aufgefallen. Churchill erging es nach seiner ersten Publikation („… interpunktiert von einem umnachteten Korrekturbogen-Leser“) allerdings weit schlimmer.

Winston Churchill
Meine frühen Jahre
Gatsby im Kampa Verlag, Zürich 2023

Leslie Jamison: Es muss schreien, es muss brennen

Leslie Jamisons Klarheit gehört für mich zu den eindrücklichsten Büchern über Alkoholismus, die ich kenne, weshalb ich denn auch die vorliegenden Essays gut eingestimmt angehe, wobei ich nicht mit dem ersten, sondern mit dem titel-gebenden Es muss schreien, es muss brennen beginne, der von James Agee und dessen Zeit in Alabama handelt, als er, zusammen mit dem Fotografen Walker Evans, das Leben der Baumwollpflücker zur Zeit der Weltwirtschaftskrise dokumentieren sollte. Dabei herausgekommen ist „Let Us Now Praise Famous Men“, erschienen 1941.

Neben „Let Us Now Praise Famous Men“ gibt es noch einen zweiten, unveröffentlichten Text mit dem Titel „Cotton Tenants“, der lange als verschollen galt und von Agees Tochter wiedergefunden wurde. „Der Artikel dokumentiert das Leben anderer, das Buch dokumentiert den Prozess des Dokumentierens.“ Es gibt jedoch noch einen anderen, gewichtigen Unterschied: „„Let Us Now Praise Famous Men“ ist weit entfernt vom gängigen Journalismus und so recht eigentlich ein Text darüber, dass jedes Schreiben den Autor miteinbeziehen sollte. „Er lehnt sowohl fiktionale Erzählstrategien (Plot, Figuren, Tempo) als auch standardisierte journalistische Strategien ab (die Illusion von Objektivität oder das in die Unsichtbarkeit abgetauchte ‚Ich‘.).“

So sehr sich James Agee bemüht hat, den Menschen, die er porträtierte, und ihren Lebensumständen gerecht zu werden, „Let Us Now Praise Famous Men“ handelt letztlich genau so von Agee selber, seiner Auseinandersetzung mit der Welt und dem Leben. Und so recht eigentlich handelt es sich auch bei Leslie Jamison genau darum. Sie bringt sich nicht etwa in ihre Texte ein, sie ist Teil davon, befragt ihr Tun genauso wie ihre eigene Rolle. Als sie im Auftrag eines Reisemagazins in Sri Lanka unterwegs ist, notiert sie: „Leute wie ich – Leute, die das Privileg haben, reisen zu können und das Reisen für einen Teil ihrer Identität halten – reisen gern an Orte, an denen ihresgleichen noch nicht gewesen sind, und halten solche Reisen gern für ‚authentisch‘ und weniger ‚touristisch‘. Aber in Jaffna gab mir das Fehlen anderer Touristen nicht das Gefühl, weniger Tourist zu sein. Im Gegenteil. Ich fiel auf, ich wurde beäugt, ich warf Fragen auf, und das zu Recht, denn was machte ich hier? Ich spürte, dass ich nichts Sinnvolles tat.“

Die Themen der Essays sind unterschiedlich und reichen von den Erinnerungen eines Kindes an frühere Leben zu einem Wal namens 52 Blue, der auf einer anderen als der üblichen Frequenz Töne von sich gibt und deshalb für viele Menschen zu einer Projektionsfläche geworden ist, Dass wir die Natur vermenschlichen, ist so naheliegend wie problematisch. Eindrücklich zeigt Leslie Jamison, dass wir mit unserem gewohnten Entweder/Oder nicht sehr weit kommen.

Was diese Essays auszeichnet, ist die Autorin. Worüber sie auch immer schreibt, letztlich setzt sie sich mit sich selbst auseinander. So recht eigentlich tun das viele, vielleicht sogar alle, doch kaum jemand tut dies so aufrichtig und unprätentiös wie Leslie Jamison. Homo sum: humani nil a me alienum puto (Ich bin ein Mensch: Nichts Menschliches ist mir fremd), hat sie sich auf ihren Arm tätowieren lassen, was nicht etwa bedeutet, dass sie den Durchblick hat, vielmehr ermahnt sie sich damit, sich nicht als speziell wahrzunehmen. „Am Ende ist es das, was mich an der Geschichte über Reinkarnation so gereizt hat: dass sie von mir verlangt hat, an ein selbst ohne feste Grenzen zu glauben, ein Selbst, das vor mir gelebt hat und das nach mir leben würde. Damit war sie eine Metapher für einen Aspekt des Lebens, den zu akzeptieren mir schon immer schwer gefallen ist; dass nichts in unserem Leben einzigartig ist, dass wir immer – in gewisser Weise – wiederleben.“

Neben Es muss schreien, es muss brennen setzen sich noch weitere Essays mit der Fotografie auseinander. Anhand der Bilder aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, als viele Aufnahmen inszeniert wurden, stellt sie fest: „Der Wunsch nach dem absolut unveränderten Foto entspringt einer kollektiven Illusion, dass der unbewegte Körper irgendwie ein unmittelbareres Bild der Realität abgeben würde.“ Und in Maximale Belichtung, in dem sie Annie Appels Mexiko-Projekt als „spiritueller Nachfolger von Let Us Now Praise Famous Men“ bezeichnet, behauptet sie, anschliessend an Susan Sontag: „Die Sprache der Fotografie hat etwas Aggressives, Besitzergreifendes: Man schiesst ein Foto. Man fängt ein Bild ein, stiehlt einen Moment. Es ist, als müsste man das Leben – oder die Welt oder andere Menschen oder die Zeit – gewaltsam an sich reissen oder plündern.“ Mit Verlaub, das ist Quatsch. Klar, diese Sprache gibt es und Fotografen, die sie benutzen, gibt es auch. Nur eben: Es gibt auch ganz andere Ausdrücke fürs Fotografieren: Vom Bilder aufnehmen bis zum abbilden, vom Zeichnen mit Licht bis zum ‚die Wahrheit wiedergeben‚, wie es im Japanischen heisst.

Ehrlichkeit ist der Schlüssel. Und diese beruht auf genauem Hinsehen. Das ist es, was diese Essays eindrücklich aufzeigen.

Leslie Jamison
Es muss schreien, es muss brennen
Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2023

Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

Natürlich gehe ich diese Liebesgeschichten mit Vorlieben und Abneigungen an. Bertolt Brecht mochte ich noch nie, Florian Illies charakterisiert ihn ganz in meinem Sinn. „Wer so um sich selbst kreist, dem droht eigentlich ein Schleudertrauma. Doch bei Brecht bedroht es nur all die anderen, die ihn beim beständigen Kreiseln zu stören wagen.“ Meine Verachtung für die, welche diesen Egomanen möglich machen, ist allerdings noch grösser.

Natürlich (jedenfalls vermute ich es) ist das nicht so gemeint, doch bei mir lösen ausschliesslich triebgetriebene Kotzbrocken wie Brecht, Picasso, Erich Mühsam und andere nicht nur Abscheu, sondern auch Aggressionen aus – sie repräsentieren für mich, was auf dieser Welt falsch läuft: Dass Erfolg und Begabung mehr zählen als Anstand. Doch dann gibt es eben auch die süssen Vladimir und Vera Nabokov.

Als einer, dem Bildung von früh auf viel bedeutete und der fast ein Leben lang von den klingenden Namen in Liebe in Zeiten des Hasses nicht nur beeindruckt, sondern regelrecht eingeschüchtert gewesen bin, ist dieses Werk nicht zuletzt deswegen bedeutsam, weil es die von mir Verehrten in einem menschlichen Licht zeigt, das sie mir auch nicht viel anders erfahren lässt als mich selber und meine Bekannten.

Autor Florian Illies, ein sehr begabter Schreiber und Meister des gehobenen Geplauders, stelle ich mir als gern gesehenen Gast bei Anlässen mit kulturellem Anstrich vor, bei denen man sich am wohlformulierten Klatsch dieses talentierten Causeurs ergötzt. Und seine Beschreibungen haben es ja in der Tat in sich, so bezeichnet er den 55jährigen Hugo von Hofmannsthal als „gutgekleidetes Fossil, ein Aristokrat des Geistes, ein unerträglicher Snob und gelegentlicher Libretto-Lieferant für Richard Strauss.“

Ein ungemein buntes Panorama von vielfältigen Egos treten in diesen amüsanten, zum Schmunzeln einladenden Klatschgeschichten auf; Charaktere, die vom Autor häufig wunderbar süffisant eingeordnet werden. So notiert er etwa über Gustaf Gründgens: „Immer öfter spielt er die Rollen der seelenlosen Intriganten mit eleganter Verworfenheit. Das kann er besonders gut.“

Von Erich Kästner und Kurt Tucholsky weiss er, dass beide die Frauen nicht lieben, sondern verwerten, von Salvador Dalí, dass er „panische Angst vor dem weiblichen Geschlecht“ hat, von Le Corbusier und Josephine Baker, dass sie gemeinsam duschten.

Florian Illies ist jedoch viel mehr als ein kenntnisreicher und unterhaltsamer Plauderer, er vermittelt auch Zeitgeschichte oder vielmehr das damals herrschende Zeitgefühl der Kulturelite. „Die Frauen brauchen die Männer nicht mehr. Das ist die für die Männer verstörende Botschaft der späten zwanziger Jahre.“ Frauen, zumindest in Berlin und anderen Grossstädten, können für sich selber aufkommen. Und auch für Sex brauchen sie die Männer nicht mehr, „denn Erfüllung finden sie auch bei ihren Freundinnen (oder sich selbst).“ Und er konstatiert: „Was die Menschen der zwanziger Jahre dringend gebraucht hätten, war Liebe (oder wenigstens Therapeuten). Was sie bekamen, waren Aufputschmittel.“

Liebe in Zeiten des Hasses klärt auch auf, besonders Unwissende wie mich, der ich nicht wusste, dass Henry Millers Frau June eine Geliebte hatte oder Alma Mahler Werfel ihren jüdischen Mann regelmässig mit antijüdischen Wutattacken traktierte. Diese Chronik macht auch deutlich, dass es so etwas wie ’normal‘ für Künstler definitiv nicht gibt. Doch gelegentlich stockt meine Lektüre auch, glaube ich mich in einer Werbebroschüre, etwa als von Scott und Zelda Fitzgeralds Besuch in einer Villa in Antibes berichtet wird. „Die Cocktailpartys unter den schweren Blättern der Palmen und auf sattem, kurzgeschorenen Gras, all die schönen braun gebrannten und weiss gekleideten Menschen aus New York und Paris, der kühle Champagner, der leise Jazz, unten das glitzernde Mittelmeer und die untergehende Sonne wärmend im Rücken – aber diesmal hilft es nicht mehr. Das Leben ist kein Sundowner.“ Dazu kommt, dass der Autor von Alkoholismus keine Ahnung hat, was sich in Aussagen wie „Er (Scott Fitzgerald) trinkt, um seine Verkommenheit zu spüren …“ oder „Ein neuer Grund, sich gross zu trinken“ zeigt, denn Alkoholiker brauchen keinen Grund um zu trinken, sie trinken, weil sie Alkoholiker sind.

Konrad Adenauer verzockt sich, Alfred Döblin versucht ein Leben lang, nicht in die Fussstapfen seines Vaters zu treten, Ernst Jünger und sein Freund Carl Schmitt erwarten von ihren Ehefrauen Verständnis für ihre sexuellen Eskapaden. Und von Leni Riefenstahl sagt ihr Regisseur und Verlobter Harry R. Sokal: „Ihre Partner waren stets die Besten in ihrem Fach, ihre Nymphomanie hatte elitäre Züge.“ Doch genug – ich will doch hier nicht das ganze Buch nacherzählen.

Dieses so wunderbar leichthändig geschilderte Nebeneinander von allem und jedem, teils tragisch, teils banal, lässt einen die Welt unaufgeregter und gelassener sehen, denn diese Chronik eines Gefühls macht nicht zuletzt deutlich, dass Gefühle stärker sind als Einsichten, Überzeugungen und Verstand. Kurzum: Wir alle, ungeachtet unserer Talente und Fähigkeiten, sind ihnen ausgeliefert.

Fazit: Informativ, amüsant, witzig und lehrreich.

Florian Illies
Liebe in Zeiten des Hasses
Chronik eines Gefühls 1929-1939
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main, Mai 2023

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