Siddhartha Mukherjee: Das Lied der Zelle

„Physiologisch ist ja das Leben eine fortwährende rhythmische Bewegung der Zellen“, wird Friedrich Nietzsche zum Auftakt dieses höchst informativen und exzellent geschriebenen Werkes über die Zelle zitiert, das davon handelt, wie die Biologie die Medizin und unsere Vorstellung vom Leben revolutioniert.

Als sich im Oktober 1837 der ehemalige Rechtsanwalt und Botaniker Matthias Scheiden und der Zoologe Theodor Schwann in Berlin zum Abendessen trafen, tauschten sie sich über die Phytogenese, den Ursprung und die Entwicklung der Pflanzen, aus. Sie waren beide auf eine ‚Einheitlichkeit‘ von Aufbau und Struktur der pflanzlichen wie auch der tierischen Zellen gestossen. „Was den mikroskopischen Aufbau einschliesslich des auffälligen Zellkerns anging, sah das entstehende Tier fast genauso aus wie eine Pflanze.“ Die verschiedenen Reiche des Lebens waren durch ein gemeinsames Band verbunden.

Möglich geworden waren diese Erkenntnisse durch Antoni von Leeuwenhoek, einen Tuchhändler aus Delft, der im Jahre 1675 ein einfaches Mikroskop entwickelte, dass ihm erlaubte „lebende Geschöpfe in Regenwasser, welches einige Tage in einem neuen irdenen Topf gestanden hatte“, zu erkennen, doch die tonangebenden Kreise nahmen ihn nicht Ernst. „Meine Arbeit, der ich seit langer Zeit nachgehe“, schrieb er 1719 empört, „wurde nicht ausgeführt, weil ich das Lob erringen wollte, dessen ich mich jetzt erfreue, sondern vor allem aus dem Streben nach Wissen heraus, das, wie ich feststelle, in mir stärker wohnt als in den meisten anderen Menschen.“

Auch dem Mediziner Rudolf Virchow (1821-1902) war ein ausgeprägter Wissensdrang eigen, anerkannten Weisheiten und gängigen Erklärungen begegnete er skeptisch, sei es in der Wissenschaft, sei es in der Politik. Er bezeichnete Leben als Zelltätigkeit und die Zelle als den Sitz von Krankheiten. Von diesen beiden Grundsätzen ist auch das vorliegende Buch geprägt.

Das Lied der Zelle ist sowohl Medizingeschichte als auch Einführung in die Kunst der Diagnose. „Jedes Mal, wenn ich einen Patienten oder eine Patientin sehe, versuche ich, der Krankheitsursache mir drei grundlegenden Fragen auf die Spur zu kommen. Handelt es sich um einen äusseren Erreger, beispielsweise ein Bakterium oder ein Virus? Liegt eine innere Störung der Zellphysiologie vor? Ist die Krankheit die Folge eines besonderen Risikos, sei es der Kontakt mit einem Krankheitserreger, eine Familiengeschichte oder auch ein Giftstoff aus der Umwelt?“ Anschaulich und eindrücklich schildert Siddhartha Mukherjee wie er selber aus seinen Fehlern gelernt hat.

Apropos Medizingeschichte: Es gehört zu den Vorzügen dieses Werkes, dass es auch von den nicht unbeträchtlichen Widerständen des medizinischen Establishments berichtet, die Neuerungen selten aufgeschlossen gegenüberstehen. Besonders erwähnenswert scheint mir das Schicksal von Ignaz Semmelweis, der auf die Wichtigkeit des Händewaschen hinwies, deswegen verspottet und schliesslich aus dem Krankenhaus entlassen wurde.

Letztlich geht das Leben auf diese kleinen Teile genannt Zellen, von durchlässigen Membranen umhüllt, zurück. Herz, Blut, Gehirn sind aus ihnen aufgebaut; sie ermöglichen sowohl die Immunabwehr, Fortpflanzung. Empfindungsvermögen, Kognition und Erneuerung. Siddhartha Mukherjee lehrt uns mit diesem aufklärenden Werk wie komplexe lebende Organismen (von Pflanzen, Tieren und Menschen) aus winzigen, in sich geschlossenen und sich selbst regulierenden Einheiten, Leben hervorbringen.

Auch wenn Das Lied der Zelle hauptsächlich von den Zeilen und seinen ganz unterschiedlichen Funktionen (von der Zelle als Verteidiger über die Zelle als Bürger bis zur Zelle als Dirigent) erzählt, liefert es darüber hinaus vielfältige Informationen über das Immunsystem und informiert über grundlegende Merkmale von Lebewesen wie die Homöostase, „die Fähigkeit, ein konstantes, inneres Milieu aufrechtzuerhalten.“

Das Lied der Zelle ist auch eine aufschlussreiche Geschichte über die ungemeine Zerstörungskraft dysfunktionaler Zellen. Dabei hat uns nicht zuletzt die Covid-Pandemie gelehrt, dass wir weit weniger wissen, als wir angenommen hatten. „Gerade als wir den Eindruck hatten, wir wüssten etwas über die Zellbiologie des Immunsystems, als unser Selbstvertrauen seinen Höhepunkt erreicht hatte, wurden die Köpfe der Forschenden in die tiefsten Tiefen der Hölle hineingestossen.“ Und obwohl die rasante Entwicklung von Impfstoffen letztlich ein wissenschaftlicher Triumph war, gilt nach wie vor: „Wir wissen noch nicht einmal, was wir nicht wissen.“

Fazit: Faszinierend und äusserst lehrreich.

Siddhartha Mukherjee
Das Lied der Zelle
Wie die Biologie die Medizin revolutioniert – Medizinischer Fortschritt und der Neue Mensch
Ullstein, Berlin 2023

Michel Pastoureau: Alle unsere Farben

„Jede Kultur definiert Farben vor dem Hintergrund ihrer natürlichen Umgebung und klimatischer Begebenheiten, begreift sie im Kontext der eigenen Geschichte, Erfahrungen und Traditionen“, schreibt Michel Pastoureau und in mir fragt es automatisch: Ist es ‚meine‘ Kultur, die bestimmt, wie ich Farben sehe bzw. sie zu sehen habe? Doch dann lese ich: „Jeder und jede geht beim Thema Farbe von anderen Definitionen, Vorstellungen und Gewissheiten aus.“

Alle unsere Farben ist ein erfreulich persönliches Buch, das der Autor als teilweise autobiografisch bezeichnet, und in dem er aufzeichnet, was er zwischen 1950 und 2010 als Zeitzeuge in Bezug auf Farben wahrgenommen und sich überlegt hat. Dabei sieht er sich als „ein Zeuge unter vielen, zwangsläufig voreingenommen, belehrend, eigenwillig und egozentrisch“. was so recht eigentlich uns alle ganz wunderbar charakterisiert. Dass er jedoch nicht ein Zeuge wie irgendeiner ist, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass er sich wesentlich mehr farbige Gedanken macht als wohl die meisten. Dazu kommt: „Der Historiker weiss nur zu gut, dass die Vergangenheit nicht allein das ist, was die Erinnerung aus ihr macht. Erdachtes steht keineswegs im Gegensatz zur Wirklichkeit: Es ist weder ihr Gegenteil noch ihr Widerpart, sondern bloss eine weitere Realität – abweichend, fruchtbar, voller Melancholie, eine Realität, die unsere Erinnerungen komplizenhaft ergänzt.“

Immer mal wieder halte ich verblüfft inne. So habe ich etwa darüber gestaunt (weil ich noch gar nie wirklich darüber nachgedacht habe), dass uns unser Vorname ein Leben lang klassifiziert. Oder dass Thomas von Aquin und Platon dick waren. Was das mit Farben zu tun hat? Nun ja, es gibt bekanntlich schlankmachende Farben. Übrigens: Die Farben, die wir tragen, haben sich im Laufe der Jahre kaum verändert. Woran liegt das? „Erstens erneuert niemand seine Garderobe komplett auf einmal, jeder achtet  beim Kauf neuer Kleidungsstücke darauf, dass sie gut zu den anderen passen, wodurch sich Farben kaum verändern. Zweitens gibt es, anders als manche Stylisten oder Soziologen glauben, weitaus mehr Menschen, die nicht durch Kleidung auffallen wollen, als solche, die es wollen.“, so Michel Pastoureau.  Meine eigene Erklärung geht so: Der Mensch ändert sich ganz grundsätzlich nicht gerne und eigentlich nur, wenn er muss.

Michel Pastoureau wurde in eine Familie toleranter Bohemiens geboren. Von seinem Vater, der mit Salvador Dalis Frau Gala verbunden  war, erfuhr er unter anderem, dass „der kleine Dali“ fast den ganzen Tag schlief, die meisten Bilder von Assistenten anfertigen liess und nur die allerletzten Arbeitsgänge selber vornahm. Alle unsere Farben ist überaus reich an solchen Geschichten. So wurde Pastoureau  als historischer Berater für einen von Éric Rohmers Filmen beigezogen. „Rohmer hatte nichts von dem, was wir gesagt, ausgewählt, verworfen oder festgehalten hatten, berücksichtigt.“

Farben, so sagt man, reisen nicht gut. In Kulturen, in denen das Klima zum Leben draussen einlädt (zum Bespiel in Südostasien oder in Afrika), trifft man auf buntere Farben als etwa in Mitteleuropa. Als die DDR noch die DDR war, erlebte Michel Pastoureau vor allem Ostberlin alles als grau oder braun sowie ein senfiges Braungrauviolett, das er seither nirgendwo mehr angetroffen hat.

Bei Fragen nach der Lieblingsfarbe gibt es auf der Beliebtheitsskala in Europa einen eindeutigen Spitzenreiter. Blau, gefolgt von Grün. Die anderen Länder in der westlichen Welt teilen diese Vorliebe. In anderen Weltgegenden haben Menschen hingegen andere Vorlieben. So liegt in Japan Weiss vor Rot und Rosa, in China Rot vor Gelb und Blau. Und in Indien und der Indochinesischen Halbinsel sind vor allem Rosa und Orange populär.

Andererseits: Solche Umfragen sind nicht unproblematisch. Eine Lieblingsfarbe wofür? Für eine Tischdecke oder für Unterhosen? Und dann auch dies: Menschen in Schwarzafrika und Zentralasien finden es bei bestimmten Farbnuancen „mitunter entscheidender zu wissen, ob sie trocken oder feucht, weich oder hart, glatt oder rau sind, als darüber zu urteilen, ob sie in die Skala der Rot-, Blau- oder Gelbtöne hineinpassten. Farbe gilt nicht als ein Phänomen, das nur die Augen wahrnehmen. Farbperzeption steht in Verbindung mit anderen sensorischen Parametern, und daher sind ‚europäische‘ Umfragen zur Beliebtheit von Fragen nicht immer sehr aussagekräftig.“

Als Kulturgeschichte habe ich Alle unsere Farben nicht gelesen, vielmehr als Lebensrückblick anhand der vielfältigen Interessen des wunderbar neugierigen Autors, der von seinen Vorlieben und Abneigungen berichtet. Das ist auch deswegen spannend, weil wohl nicht jeder und jede seinen Geschmack teilt. So mag er etwa Stendhal nicht, ich hingegen schätze ihn. Seine Begeisterung für Flaubert finde ich wiederum ansteckend …

Michel Pastoureau
Alle unsere Farben
Eine schillernde Kulturgeschichte
Wagenbach, Berlin 2023

Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit

Science Fiction werde häufig als extrapolativ bezeichnet, so Ursula K. Le Guin im Vorwort. Das meint: Man nimmt Ereignisse des Hier und Jetzt und stellt sich vor, wie sich das in der Zukunft so entwickelt. Sicher, das komme vor, doch so simpel und rationalistisch sei es dann doch nicht, denn: „Variablen sind die Würze des Lebens.“

Als einer, der sich mit Science Fiction nicht auskennt – mir sind ausser Schöne Neue Welt, 1984, noch J.G. Ballard und Philip K. Dick bekannt – , ist dieses Vorwort nicht nur eine hilfreiche Einführung, sondern ein veritabler Augenöffner. „Science Fiction ist nicht prognostisch, sondern deskriptiv.“ Mit Geschehnissen, die in einer fernen Zukunft spielen, hat Science Fiction demnach, entgegen meiner Vorstellung, nichts zu tun, denn der Bereich der Prognose ist die Domäne von Propheten (kostenlos) und Hellsehern („üblicherweise gegen Gebühren, weshalb sie zu ihrer Zeit mehr verehrt werden als Propheten.“). Nur schon die Gebühren-Bemerkung macht deutlich, dass Ursula K. Le Guin ausgesprochen realistisch unterwegs ist, auch wenn sie schreibt: „Ein Schriftsteller stellt keine Prognosen, er lügt.“

Schriftsteller lügen? Zugegeben, so habe ich das noch nie gesehen. Ich hatte immer gedacht, sie seien auf der Suche nach der Wahrheit. „Ja, gewiss, Schriftsteller streben, zumindest in ihren mutigeren Momenten, nach der Wahrheit: sie zu erkennen, zu äussern, ihr zu dienen. Aber sie tun es auf merkwürdig verschlungenen Wegen mit Hilfe von erfundenen Figuren, von Orten und Ereignissen, die es niemals gegeben hat und niemals geben wird, und erzählen lang und breit und mit viel Gefühl von ihnen, um am Ende, wenn sie diese ganzen Lügen zu Papier gebracht haben, zu verkünden: Da! Das ist die Wahrheit!“

Ursula K. Le Guin ist eine eigenständige und originelle Schriftstellerin, die, wenn sie etwa, wie im vorliegenden Roman, androgyne Menschen auftreten lässt, damit lediglich sagen will, „dass wir es zu bestimmten Tageszeiten bei bestimmten Wetter besehen längst sind. Ich schreibe weder voraus, noch schreibe ich vor. Ich beschreibe. Ich beschreibe in Schriftstellermanier bestimmte Aspekte der psychologischen Realität, indem ich weitschweifige Lügen erfinde.“

Worum geht es in Die linke Hand der Dunkelheit? Genly Ai ist ein terrenischer Abgeordneter auf Gethen, einem Winterplaneten, der permanent mit Eis bedeckt ist. Er soll das Königreich Karhide und sein Nachbarland Orgoreyn, zwischen denen politische Spannungen bestehen, davon überzeugen, dem Weltenverbund der Ekumen beizutreten. Eine schwierige Herausforderung, denn einerseits sind ihm die Sitten und Gebräuche vor Ort nicht vertraut, und andererseits irritiert ihn die fehlende Zweigeschlechtlichkeit der Bewohner.

Auf Gethen wird der Sexualität reichlich Raum gegeben, doch in „ihrem täglichen Handeln und Fortbestehen ist die gethenische Gesellschaft frei von Sex“, was unter anderem zur Folge hat, dass es weder unfreiwilligen Sex, noch einen Ödipusmythos gibt. Doch vor allem: „Es gibt keine Aufteilung der Menschheit in eine starke und eine schwache Hälfte, Beschützer/Beschützte, Besitzer/Abhängige, dominant/unterwürfig, aktiv/passiv. Dadurch wird vorstellbar, dass die das menschliche Denken insgesamt durchdringende Neigung zum Dualismus auf Winter weniger ausgeprägt ist oder gänzlich andere Formen annimmt.“ Mit anderen Worten: Die linke Hand der Dunkelheit demonstriert eindrücklich, wie ein Denken ausserhalb des gemeinhin Gewohnheiten aussehen kann.

Genly Ais wichtigster Ansprechpartner ist Estraven, der Premierminister des Königs, sowie der König Argaven von Karhide selber. Genly Ai weiss nie so recht, woran er glauben soll oder kann; der König rät ihm, niemandem zu trauen. Warum sollte das Königreich Karhide dem Weltenbund der Ekumen beitreten?, will der König von ihm wissen. Die Gründe, die Genly Ai aufzählt, sind einleuchtend. „Materieller Gewinn, Wissensvermehrung, Mehrung der Komplexität und Intensität allen intelligenten Lebens. Kultivierung von Harmonie und der Verehrung Gottes. Neugier. Abenteuer. Glück.“ Doch das ist nicht die Sprache der Könige und anderer Herrscher. König Argaven beschäftigt anderes, er weiss, dass „nur Angst die Menschen regiert.“

Dann wird Estraven des Verrats bezichtigt und in die Verbannung nach Orgoreyn gezwungen, wohin auch Genly Ai sich begibt. Die Menschen, denen er dort begegnet, wirkten auf ihn nicht ganz echt. Kann/soll er Estraven trauen? Er muss sich entscheiden …

Die linke Hand der Dunkelheit ist eine hellsichtige Beschreibung der Art und Weise, wie aggressiv an Macht interessierte Menschen ticken. „Dass ich mich mit Argaven nicht duellierte, sondern mit ihm zu kommunizieren versuchte, war ihm nicht begreiflich zu machen.“ Darüber hinaus ist es ein die Fantasie vielfältig anregender, sehr gut geschriebener Roman. Doch vor allem ist es eine nicht vom sogenannt Realen eingeschränkte Auseinandersetzung mit den Grundfragen unserer Existenz. „Ahnungslosigkeit ist der Grund des Denkens. Beweisloses der Grund des Handelns. (…) Das Einzige, was das Leben ermöglicht, ist permanente, unerträgliche Ungewissheit: nicht zu wissen, was als Nächstes kommt.“

Ursula K. Le Guin
Die linke Hand der Dunkelheit
FISCHER Tor, Frankfurt am Main 2023

Oliver Bullough: Der Welt zu Diensten

Oliver Bullough, geb. 1977, schreibt nicht nur historisch fundierte Bücher (er hat Geschichte studiert), sondern fungiert auch als Stadtführer bei den London Kleptocracy Tours, die Rundfahrten zu den „Immobilien in den Londoner Stadtteilen Knightsbridge und Belgravia, die Oligarchen gehören,“ anbieten. Wunderbar, dachte es so in mir, diese überaus originelle Art von Aufklärung – eine andere bietet übrigens das vorliegende Buch, das auch deutlich macht, dass Oligarchen und Verbrecher dasselbe sind.

Der Welt zu Diensten. Wie Grossbritannien zum Butler von Oligarchen, Kleptokraten und Verbrechern wurde zeigt ein anderes Grossbritannien als das öffentliche Image (von Queen Elizabeth II zu James Bond), das der Welt gemeinhin vermittelt wird. „Grossbritannien ist wie ein Butler“, erklärt Bullough einem amerikanischen Journalisten. „Wenn jemand reich ist, ganz egal, ob er Chinese, Russe oder was auch immer ist, und er will, dass etwas getan, versteckt oder verkauft wird, dann kümmert sich Grossbritannien für ihn darum.“ In der Schweiz nennt sich dieses Geschäftsmodell Neutralität.

Vom einstigen Empire zum Finanzzentrum. Wie ist es dazu gekommen? Und wie war es überhaupt möglich, dass diese Inselnation es zu einem Empire gebracht hat? An den vermeintlichen Tugenden – von der rule of law bis zum fair play – lag es nicht (für die englische Kultur sind Wochenend-Besäufnisse und Hooligans typischer als Shakespeare und die Beatles). „Beim Empire ging es um Profit und darum, alles auszuradieren, was dem Profit im Weg stand. Im Gegensatz zu den Kontinentalreichen anderer europäischer Länder verdienten die Briten ihr Geld dabei durch Handel statt durch Steuern von Kleinbauern, sodass die Briten weiter und schneller expandieren konnten als alle anderen, ohne in den eroberten Ländern komplexe Verwaltungsstrukturen aufbauen zu müssen. Dadurch wurde das Empire so riesig.“

Nach den beiden Weltkriegen, in denen das Land sein gesamtes Vermögen ins Militär investiert hatte, musste es sich auf die Suche nach neuen Einkommensquellen machen – und wurde mit der City of London fündig. „Je mehr Zeit ich mit der kleinen Clique verbrachte, die die City of London beherrschte, umso klarer wurde mir, dass man sie völlig missverstand, wenn man sie durch eine philosophische Brille betrachtete. Sie existierte auf einer völlig anderen Ebene (…) sie verabscheuten Wirtschaftswissenschaftler und wie diese die Welt analysierten, und nichts schätzten sie mehr als den ‚gesunden Menschenverstand‘, abgesehen vielleicht von ’nüchternem‘ oder ‚praktischem‘ Denken und Handeln.“ Gesunder Menschenverstand meint hier: rücksichtslos auf den eigenen Vorteil bedacht. Und dies gesund und normal zu finden sowie alles davon Abweichende als krank abzuqualifizieren.

Oliver Bullough ist ein begabter Erzähler, der die Entwicklung Grossbritanniens zu einem der Zentren der globalen Offshore-Ökonomie und zum Handlanger der Oligarchen, Kleptokraten und Kriminellen dieser Welt anhand von Fallstudien spannend zu schildern weiss. Darüber hinaus bietet Der Welt zu Diensten auch aufschlussreiche Informationen in Sachen Finanzwelt, die wie viele erfundene Welten für allem für sich selbst bzw. zum eigenen Vorteil da ist. Dabei kreiert man auch ‚Finanzinvestitionen‘. Doch was sind das eigentlich?

„Im Grunde geht es im Finanzwesen immer nur um eines: Man nimmt Geld von Menschen, die es haben, aber nicht brauchen, und gibt es Menschen, die es brauchen und nicht haben, und kassiert für seine Mühen eine Gebühr. Regierungen bemühen sich, diesen Vorgang zu regulieren und die Gelder in Bereiche zu lenken, die ihnen wichtig sind, damit sie die Gelder direkt dahin steuern können, wo die höchsten Gebühren bezahlt werden. Finanzinvestitionen sind also künstliche Wege, um künstliche Regeln auszunutzen, für die das künstliche Ding namens Geld gelten, und normalerweise zielen sie darauf ab, Diskrepanzen zwischen den Regierungen in verschiedenen Ländern zu finden. Es ist schlau, aber es trägt nichts zur Summe menschlicher Leistungen bei.“ Das klingt zwar etwas holprig, doch den Kern des Geldwesens trifft es gut: Die breite Bevölkerung hat nichts davon.

Die Geschichten, die Oliver Bullough in diesem Buch erzählt, zeigen an konkreten Beispielen, „dass Grossbritannien bereit ist, jedem zu Diensten zu sein, ohne Fragen zu stellen, wenn der Preis stimmt.“ Eine dieser Geschichten handelt von einem Ukrainer, der einen stillgelegten U-Bahnhof, erwerben konnte, damit Zugang zum britischen Establishment erhielt und die Regierung bei Putins Invasion beriet. Übrigens: Es handelte sich um Putins Mann in der Ukraine. Glaubt da wirklich noch jemand, die britische Regierung meine es mit ihren Sanktionen gegen Russland ernst? 2014 wurde der Mann auf Antrag des FBI von österreichischen Beamten festgenommen, 14 Tage nachdem die britische Regierung den U-Bahnhof-Kauf abgesegnet hatte. Er hält sich immer noch in Österreich auf.

Auch wenn Grossbritannien nicht das einzige Territorium ist, in dem man Reichen gerne zu Diensten ist – man denke etwa an die Schweiz, Liechtenstein oder Delaware – , auffällig ist, wie unterschiedlich etwa in den USA mit Kriminellen umgegangen wird. Woran liegt’s? Die gängigen Erklärungen behelfen sich mit der geschichtlichen Entwicklung, für andere ist die Grundhaltung zentraler: die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz scheint mir – und Der Welt zu Diensten bestätigt dies – eher ein amerikanisches, denn ein britisches Postulat.

Dass sich die City of London als eines der zentralen Finanzzentren weltweit hat etablieren können, liegt auch am Geldwaschen. „Nach konservativen Schätzungen fliessen jedes Jahr Hunderte von Milliarden Pfund durch die City of London, das meiste davon dem schutzlosen Volk in einigen der ärmsten Länder der Welt geschuldet.“ Und wo bleibt die Moral? Sie erschöpft sich in der Art von leeren Worten, die wir uns von der Politik, die da so recht eigentlich eingreifen müsste, gewohnt sind.

Der Welt zu Diensten ist nicht nur ein Lehrstück über die britische Klassengesellschaft, deren sogenannt bessere Kreise sich durch eine beispiellose Überheblichkeit auszeichnen, die sie oft mit Exzentrik maskieren, sondern auch überaus eindrückliche Aufklärung darüber, wie das Empire der Kolonien seinen Nachfolger im Finanzzentrum der City of London gefunden hat. Was beide verbindet: Arroganz und Profitdenken.

Oliver Bullough
Der Welt zu Diensten
Wie Grossbritannien zum Butler von Oligarchen, Kleptokraten und Verbrechern wurde
Kunstmann, München 2023

Ulf Danielsson: Die Welt an sich

Es ist ausgesprochen selten, dass mich Bücher bereits bevor ich den ersten Satz gelesen habe, für sich einnehmen. Im Falle von Die Welt an sich liegt das am Edmund Husserl-Zitat, das der Einführung vorangestellt ist: „… Naturobjekte müssen vor aller Theorie erfahren sein.“ Für mich meint das: Sich freimachen von unseren Vorstellungen über uns und die Welt – und uns und sie so direkt wie möglich  erfahren. 

Und dann dieser erste Satz von einer Klarheit, der von reflektierter Erfahrung zeugt: „Ich habe ein Geheimnis zu erzählen: Lebewesen sind keine Maschinen, es gibt keine Mathematik ausserhalb unseres Kopfes, die Welt ist real und keine Simulation, ein Computer kann nicht denken, Ihr Bewusstsein ist keine Illusion und Ihr Wille ist nicht frei.“

So recht eigentlich drückt dieser Satz, der zusammenfasst, wovon dieses Buch handelt, genau das aus, was ich schon immer irgendwie so empfunden habe. Irgendwie meint: Ohne die Klarheit, dies so zu formulieren. Natürlich fehlt mir auch das Wissen des Autors. Ulf Danielsson ist Mitglied der  Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, verkündet, wer den Nobelpreis für Physik erhält, und erläutert der Weltöffentlichkeit, für welche Leistungen die Preisträger ausgezeichnet werden. Vor allem ist er jedoch ein begnadeter Wissensvermittler.

Vieles, was Ulf Danielsson ausführt, ist mir neu … und leuchtet mir ein. „Es gibt draussen unter den Sternen oder im Innersten der Atome keine Naturgesetze. Sie bilden lediglich einen Weg, um unser Wissen über das Universum zusammenzufassen. Die Natur ist, was sie ist, während wir als biologische Organismen so weit wie möglich versuchen, das, was wir sehen, zu verstehen.“ Mit anderen Worten: Wir haben die Naturgesetze konstruiert, um das Universum verstehen zu können. Aber das Gravitationsgesetz, das gibt es doch! Laut Newton schon, Einstein hingegen argumentierte mit der gekrümmten Raum-Zeit in Übereinstimmung mit der Allgemeinen Relativitätstheorie. Was lerne ich daraus? Der Apfel fällt und kümmert sich nicht um unsere Erklärungen.

Unsere Weltsicht hängt davon ab, wer wir sind. „Wie wir das, was uns umgibt, systematisieren und als Konzepte formulieren, hängt davon ab, wer wir sind.“ Sieht also jeder und jede die Welt wiederum anders? Ja und Nein. Aufgrund unserer Anlagen erfahren wir die Welt ähnlich, auch wenn wir unterschiedliche Vorstellungen von ihr haben mögen. Wenn dem nicht so wäre, wäre Kommunikation  nicht möglich.

Um unser gängiges, doch irreführendes Weltbild darzustellen, nimmt Ulf Danielsson auch Bezug auf den Philosophen Hans Jonas (1903-1993), der in seinem  Buch  ‚Das Prinzip Leben‘ überzeugend dargelegt hat, wie der Mensch sich im Laufe seiner Entwicklung zu orientieren versuchte. Als die Wissenschaft entdeckte, dass die Erde nur einen kleinen Teil des Universums einnahm und das Leben eine Ausnahme war, änderte sich seine Weltsicht: Der Tod wurde nun die Regel und das Leben ein Mysterium, das es zu erklären galt. Dies war, so Jonas, die Geburt des Dualismus.

„Der Dualismus unterscheidet zwischen Körper und Seele, wobei der Körper aus vergänglicher Materie besteht, während die Seele spirituell und ewig ist.“ Auf dieser Grundlage entwickelten sich die modernen Wissenschaften. „Der Wissenschaftler hält sich ausserhalb der toten Welt der Materie auf und kann sie von einem sicheren, erhabenen und objektiven Standpunkt aus mit seinen empfindlichen Instrumenten erkunden und seine Ergebnisse in Form von mathematischen Gesetzen zusammenfassen.“

.Diese Zweiteilung der Welt in beseelt/unbeseelt hält sich weiterhin, obwohl die Evolutionstheorie das Kontinuum des Lebens bewiesen hat.  Für Ulf Danielsson ist das innere Selbst so real wie jeder andere Gegenstand. „Wir können uns nicht ausserhalb der Welt stellen, wir sind als lebendige Körper mitten in ihr, und wir betrachten die Welt stets vom einzigen Standpunkt aus, der uns gegeben ist: von innen.“

Wie leben in Zeiten, die ein neues Denken verlangen. Die Welt an sich illustriert dies überzeugend – ein erhellendes und horizonterweiterndes Plädoyer für eine Abkehr vom Dualismus und für eine Weltsicht, die in unserer subjektiven Erfahrung als organische Wesen gründet.

Ulf Danielsson
Die Welt an sich
Und wie wir sie begreifen können
Klett-Cotta, Stuttgart 2022

Christian Busch: Erfolgsfaktor Zufall

Unser Hirn ist auf Nützlichkeit programmiert. Es ist also anzunehmen, dass die Titelkombination Erfolgsfaktor Zufall und Wie wir Ungewissheit und unerwartete Ereignisse für uns nutzen können zum Erfolg dieses Buches beitragen wird, das auch immer mal wieder auf die – zugegeben, bemerkenswerte – Karriere des Autors Bezug nimmt.

Erfolgreich sein wollen wir doch alle, oder etwa nicht? Kommt ganz drauf an, was wir unter Erfolg verstehen, doch das ist nicht Thema dieses Buches, das so recht eigentlich in Superlativen unterwegs ist und von aussergewöhnlichen Menschen und Spitzenleuten nur so wimmelt, die es in unserer Wettbewerbsgesellschaft zu Geld und Ansehen gebracht haben, Kriterien also, die nur im Vergleich mit anderen Sinn machen.

Erfolgsfaktor Zufall sei ein Buch über Serendipity (Serendipität klingt gewöhnungsbedürftig) und diese lasse sich am besten definieren „als unerwartetes Glück, das sich aus ungeplanten Ereignissen ergibt, in denen unsere Entscheidungen und unser Handeln zu positiven Ergebnissen führt.“ Es handelt sich dabei also nicht um blossen Zufall, „der uns einfach begegnet, sondern um einen Prozess des Erkennens und Verbindens von Punkten“, der uns instandsetzt, anstelle von Gräben Brücken zu sehen.

Autor Busch begreift Serendipität als Denkweise, bei der es darum geht, „zu erkennen, dass wir uns für das Unerwartete öffnen können.“ Es ist so recht eigentlich eine Lebensphilosophie, die sich als Fähigkeit materialisieren kann. Auf der Basis von wissenschaftlichen Studien zeigt er anhand anekdotischer Geschichten einleuchtend auf, worauf es dabei wesentlich ankommt.

Natürlich wissen wir, dass wir mit Unerwartetem rechnen müssen, natürlich wissen wir, dass das Leben letztlich nicht berechenbar ist. In unseren Verhalten zeigt sich das jedoch nicht. Wir verhalten uns so berechenbar, dass, könnten wir uns selber von aussen sehen, wohl nicht schlecht staunen würden. Dafür gibt es viele Gründe und die Macht der Gewohnheit ist vermutlich der wesentlichste. Zudem: Wir ändern uns nur, wenn wir dazu gezwungen sind.

„Wir neigen von Natur aus dazu, alles kontrollieren zu wollen – aber dadurch verpassen wir die Chance für Verbindungen, die sich im Unerwarteten verbergen.“ Damit bringt Christian Busch auf den Punkt, was uns primär leitet – Angst, womit er sich jedoch nicht gross aufhält. Stattdessen macht er sich stark für die Möglichkeiten, die sich ergeben können, wenn wir offenen Sinnes durchs Leben gehen.

Was uns zu-fällt ist meist entscheidender als was wir selbst planen. Anders gesagt: wir müssen die Welt nicht erfinden, wir müssen bereit dazu sein, sie zu entdecken. The readiness is all, sagt Horatio in Hamlet. Und diese Welt ist weit komplexer und faszinierender als unsere Modelle und Pläne uns glauben machen.

„Wir denken oft, dass Misserfolge auf Pech zurückzuführen sind, während wir Erfolge auf unsere Anstrengungen oder Fähigkeiten zurückführen. Dies führt dazu, dass wir aus (Pseudo-)Erfolgen zu viel und aus Misserfolgen zu wenig lernen. Was uns die Illusion von Kontrolle vermittelt.“ Nun ja, der Mensch kann sich von so ziemlich allem überzeugen. Wie sagte doch Richard Feinman (inbezug auf die Wissenschaft, doch meines Erachtens gilt dies generell) so treffend: The first principle is not to fool yourself. And, you are the easiest person to fool.

Vieles in diesem Buch mag für Ökonomen neu sein; Menschen, die sich mit destruktiven Verhaltensweisen wie Sucht auseinandersetzen, wird hingegen einiges bekannt vorkommen. Dass sich das Buch auch für Letztere lohnt, liegt zum Einen an den gut, wenn auch verblüffend linear erzählten, anekdotischen Geschichten, und an den vielen praktischen Anregungen, die didaktisch sehr gut präsentiert werden.

Fazit: Ein nützliches, lebenspraktisches Buch.

Christian Busch
Erfolgsfaktor Zufall
Wie wir Ungewissheit und unerwartete Ereignisse für uns nutzen können
Murmann, Hamburg 2023

Mathijs Deen: Der Taucher

Das holländische Bergungsschiff Freyja stösst auf ein seit vielen Jahren verschollenes Wrack, das nicht nur begehrtes Kupfer, sondern auch einen toten Taucher, mit Handschellen gefesselt, an Bord hat. Die Leiche entpuppt sich als Jan Matz, Alkoholiker, unbeliebt im Ort. Hauptkommissar Liewe Cupido ist für den Fall zuständig, der sich, wie bei Kriminalfällen üblich, als ziemlich verzwickte Angelegenheit entpuppt.

Es sind ja meist die ersten Seiten, die darüber entscheiden, ob man ein Buch mag. Auf den ersten Seiten von Der Taucher tritt auch Dineke Hooimaker von der Inselpolizei Terschelling auf, die zusammen mit dem Kollegen Joost Fons gerade dabei ist, sich einer dementen Seniorin anzunehmen – das wird so wunderbar sympathisch, nüchtern und sehr menschlich geschildert, dass ich gleich hin und weg bin.

Überhaupt sind es die Nebenschauplätze bzw. die für die Handlung nicht so arg zentralen Dinge, die mich für diesen Roman einnehmen. Etwa die Hündin von Hauptkommissar Cupido, eine Streunerin, die einst unbemerkt in sein Autor gesprungen ist und ihm seither nicht mehr von der Seite weicht. Er hat sich mittlerweile daran gewöhnt, die Leute, die mit ihm zu tun haben ebenso. Nur wenn Liewe unterwegs übernachten muss, „ist es fast immer das Hotel das Schwierigkeiten macht, nie der Hund.“ Oder auch wie der Polizist Snausbjard mit einem Anruf einer Kollegin umgeht, den er nicht so richtig versteht – das ist so einfühlsam nachempfunden und witzig erzählt, dass es eine wahre Freude ist.

Der Taucher ist reich an ganz unterschiedlichen und unspektakulären Alltagsereignissen, sei es die Suche nach eine Frühstückscafé an einem nasskalten Morgen, sei es das Kaffeegeplauder mit einer Frau, die den Polizisten einen wertvollen Hinweis geben kann – und das macht den Charme dieses gut geschriebenen Romans aus. Und auch, dass man beiläufig Aufschlussreiches über Hunde lernt. „Hunde freunden sich schnell an“, sagt sie. „Und sie vergessen andere Hunde nie wieder, auch nach Jahren nicht.“

Im Gegensatz zum sympathischen Ermittler Liewe Cupido, werden Jan Matz und sein Sohn Johnny als die Art unangenehmer Zeitgenossen geschildert, die es wohl in jedem Ort gibt – und von denen sich dann zeigt, dass sie weit komplexer unterwegs sind als es zunächst den Anschein hat.

Sind die Maurers, deren Sohn von Johnny Matz bewusstlos geschlagen wurde und der womöglich für den Rest seines Lebens behindert sein wird, für den Mord am Taucher Jan Matz verantwortlich? Sie unterliegen heftigen Stimmungsschwankungen, ihre Beziehung ist alles andere als einfach, und auch sonst scheint vieles darauf hinzudeuten.

Liewe Cupido, ein recht umständlicher Mann, ist den Menschen zugetan, versteht es, mit ihrer Aggressivität, ihrem Misstrauen und Ihren Schwächen klarzukommen. Du kennst die Lösung oft schon, bevor es dir bewusst ist, hat er von seiner ersten Vorgesetzten und Mentorin gelernt. Eine Lebenstatsache, die nicht nur auf Kriminalfälle anwendbar ist.

So verwickelt das Geschehen auch geschildert wird, es gibt rote Fäden, die sich durch den Roman ziehen. So fühlt sich Liewe Cupido mit dem im Meer ermordeten Taucher auch deshalb verbunden, weil sein eigener Vater, ein Fischer, ebenfalls im Meer umgekommen ist. Ein anderer die Geschichte durchziehender Faden ist das Verhältnis Cupidos zu seiner Hündin Vos, durch die er auch mit Miriam Roth bekannt wird, die eine Hundeschule betreibt und dabei viel übers Leben gelernt hat. „Wenn man Menschen hilft, mit ihren Hunden zurechtzukommen, hilft man ihnen auch, mit sich selbst zurechtzukommen.“

Mathijs Deen, ein Meister des Atmosphärischen, ist mit Der Taucher, ein dichter und berührender gelungen, der auch Lust auf einen Besuch im holländisch-deutschen Küstengebiet macht.

PS: Die deutsche Übersetzung ist dermassen gut, dass ich mich gefragt habe, ob die niederländische Originalfassung wohl ebenso gut sei.

Mathijs Deen
Der Taucher
mare, Hamburg 2023

Werner Herzog: Das Dämmern der Welt

Hiroo Onoda lebt im philippinischen Urwald, als Japan im Zweiten Weltkrieg vor den USA kapituliert. Er weiss nichts davon. Werner Herzog lernt ihn 1997 kennen, schreibt seine Geschichte auf – und nimmt sie zum Anlass, grundsätzlich über das Leben zu meditieren

Im Februar 1974 trifft der 23jährige Suzuki auf der Insel Lubang beim Wakayama-Fluss auf Onoda, der ungläubig zuhört, als er vom Koreakrieg, vom Vietnamkrieg und von der Mondlandung hört.

Rückblende. Dezember 1944. Flugfeld Lubang. Onoda erhält den Befehl, mit dem noch auf der Insel befindlichen Sprengstoff das Flugfeld sowie einen Landungssteg – beides mögliche Einfallspunkte für den Feind – zu zerstören. Beides schlägt fehl. „Ich habe meine Ehre verloren.“

Zusammen mit dem Gefreiten Shimada begibt sich Onoda in den Urwald, wo es keine Zeit gibt und ein überwältigendes, unerbittliches Präsens herrscht. Packend beschwört Werner Herzog diesen Urwald herauf. „… wie sich in der Natur Geschöpfe zur Wehr setzen, wie sie unsichtbar werden wie Falter, die in Mimikry die Musterung von Baumrinde annehmen, Fische, die ihre Färbung den Kieselsteinen des Flussgrunds anpassen, Insekten, die wie grüne Blätter von Bäumen aussehen, Spinnen, die wie teuflische Harfenspieler einer unwiderstehlichen Melodie in die Saiten greifen und so das Netz einer feindlichen Art genau in der Weise zum Zittern bringen als habe sich darin ein Insekt verfangen.“ Eindringlicher lässt sich kaum schildern, dass alle Tiere (wir Menschen eingeschlossen) absolut alles tun, um zu überleben, dass nichts uns mehr leitet als unser Lebenstrieb.

Zwei weitere Männer, die Teil der Flughafengarnison gewesen sind, stossen zu ihnen. Die vier Männer erleben ein traumhaftes Dasein, das gleichzeitig überaus real ist – der Morast, die Blutegel, die Moskitos, das Schreien der Vögel, das Jucken der Haut. Der Kampf um ihre Gesundheit bestimmt alles. Die Jahre vergehen. „Die Zeit ausserhalb unseres scheint die Eigenschaft von jähen Anfällen zu haben, ohne dass es das Universum aus seiner Gleichgültigkeit rütteln könnte. Onodas Krieg ist bedeutungslos für das Weltall, das Schicksal der Völker, den Verlauf des Krieges.“ Das beschreibt so recht eigentlich auch unser aller Leben.

Die vier leben äusserst diszipliniert, lernen, sich Nahrung zu beschaffen. Ab und zu greifen sie Dorfbewohner an. Als sie auf philippinische Soldaten treffen, eröffnen diese das Feuer, Shimada wird tödlich getroffen.

30 Jahre verbringt Onoda im Dschungel. Als er schliesslich nach Japan zurückkehrt, ist er „vom Konsumwahn der japanischen Nachkriegsgesellschaft zutiefst enttäuscht. Für ihn hatte Japan seine Seele verloren.“ Er entschliesst sich zu seinem Bruder in Brasiliens Mato Grosso zu ziehen, wo er in der Folge eine Rinderfarm betreibt. Einen guten Teil des Jahres verbringt er jedoch in seiner ursprünglichen Heimat, wo er Onoda’s Nature School, eine Privatschule, eröffnet, in der er Überlebenstechniken unterrichtet. Im Alter von einundneunzig Jahren stirbt er in Tokio.

Ein Tatsachenbericht ist Das Dämmern der Welt nicht, vielmehr eine Meditation über die Gegenwart. „… sein Gedächtnis habe die Geheimnisse verformt, habe sie manchmal in verwirrender Weise durcheinandergebracht“, lässt Werner Herzog Onoda sagen, der im Dschungel zum Schluss gekommen ist, dass es die Gegenwart nicht gibt, nicht geben kann. „Jeder Zentimeter seines Fusses nach vorne etwas Kommendes, jeder Zentimeter dahinter schon Vergangenes.“

Werner Herzog
Das Dämmern der Welt
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2023

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