Sigmund Freud: Zeitgemässes über Krieg und Tod / Warum Krieg? Der Briefwechsel mit Albert Einstein

Der erste der beiden Texte in diesem Band erschien 1915, der Briefwechsel 1932. Aktuell sind beide nicht nur insofern, als sie sich mit Grundsätzlichem auseinandersetzen, sondern auch deswegen, weil sich der Mensch emotional nicht zu entwickeln scheint.

Da lebte man im Zeitalter der Kulturstaaten, gab viel auf die Vernunft, vertraute auf die Einigung der Kulturvölker, bis dann der „Krieg, an den wir nicht glauben wollten“, ausbrach. Die Rede ist vom Ersten Weltkrieg, doch wähnt man sich genauso im Hier und Jetzt, wenn man etwa liest, der Krieg „wirft alles nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden unter den Menschen nach ihm geben,“

„Der kriegsführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde.“ Das beschreibt doch, was wir gerade erleben, obwohl es vor über hundert Jahren geschrieben wurde. Wie kommt das? Unter anderem daher, dass unsere Triebe sich nicht entwickelt haben, sondern immer noch die des Urmenschen sind. Lässt sich das ändern? Freud zeigt sich skeptisch, denn was wir Zivilisation oder Kultur nennen, besteht aus nicht mehr als aus einer dünnen Schicht angelernten Verhaltens, die jederzeit durchbrochen werden kann. Auch ohne sogenannten Anlass …

Wer glaubte, die Zivilisation, die Kultur würde die Barbarei nicht zulassen, sieht sich getäuscht. Doch diese Enttäuschung, so Freud, „ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen geniessen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, dass sie irgend einmal mit einem Stück der Wirklichkeit zusammenstossen, an dem sie zerschellen.“

Wir neigen dazu, unsere Kultur, die die „Heuchelei in ausserordentlichem Umfange begünstigt“, zu überschätzen. So verleitet sie uns, „ die Menschen ‚besser‘ zu beurteilen, als sie in Wirklichkeit sind.“ Wir können uns zwar entwickeln, doch wir können die früheren seelischen Zustände nicht hinter uns lassen, „das primitivste Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich.“ Das liegt an den Einwirkungen starker Gefühlsregungen, ja diese bestimmen uns weit mehr als unser Verstand es tut. „Die logische Verblendung, die dieser Krieg oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlsregung, und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden.“

Sodann wendet sich Freud unserem Verhältnis zum Tode zu, den wir für uns selber so recht eigentlich ausschliessen. „Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiss ebenso unvorstellbar und unwirklich, wie heute noch jedem von uns.“ Natürlich wissen wir, dass wir sterben werden, die Konsequenz, die wir daraus ziehen ist jedoch das Totschweigen. „Die Neigung den Tod aus der Lebensrechnung auszuschliessen, hat so viele andere Verzichte und Ausschliessungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlspruch der H a n s a gelautet: Navigare necesse est, vivere non necesse! (Seefahren muss man, leben muss man nicht.)“ Selten so gelacht …

Meine persönlichen Höhepunkte (also die Stellen, die einen starken Aha-Effekt zur Folge hatten): Zum Gebot Du sollst nicht töten: „Ein so starkes Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten, es schliesst sich von selbst aus.“ Und: „Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge von Völkermorden.“ Und: „Im Scherz darf man bekanntlich die Wahrheit sagen.“ Und: „Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.“

Mit „Ein patriotischer Universalist“ (treffender und entlarvender geht kaum) hat Herausgeber Hans-Martin Lohmann sein Nachwort überschrieben, in dem er wesentliche Argumente Freuds herausstreicht und unter anderem meint, man dürfe die EU vielleicht „als gelungenes Beispiel für das sehen, was Freud eine Identifizierung in diesem Sinne nennt.“ (gemeint ist die Identifizierung „bedeutsamer Gemeinsamkeiten“, die dem Krieg möglicherweise entgegenwirken könnten). Eher nicht, würde ich selber meinen. Genauer: Höchstens in der Theorie.

Sigmund Freud
Zeitgemässes über Krieg und Tod
Warum Krieg? Der Briefwechsel mit Albert Einstein
Reclam, Ditzingen 2022

Dominique Manotti: Hartes Pflaster

Paris 1980. Türkische Sans-Papiers, die für die Prêt-à-Porter-Branche schuften, gehen für ihre Rechte auf die Strasse. In einem Konfektionsatelier im Stadtviertel Sentier, wo sich einige von ihnen treffen, wird die Leiche einer etwa 12jährigen thailändischen Prostituierten gefunden. Die Polizei wird gerufen und beginnt, einen türkischen Imbiss in der Nähe zu beobachten, den sie im Verdacht hat, Teil eines türkischen Drogennetzes zu sein. Der dafür zuständige Kommissar Daquin ist der Überzeugung, dass „ein Teil der Lösung des Problems dort unten, in den Herkunftsländern zu finden ist und wenn man die Drogenhändler hier festnehmen will, muss man erst einmal verstehen, was dort passiert.“

Dominique Manotti schreibt „politische Krimis“. Das meint, dass für sie die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur bedeutsam sind, sondern die Kriminalität damit zusammenhängt. So recht eigentlich ist das ziemlich offensichtlich, doch selten wird das im Krimi-Genre so überzeugend dargestellt. „Wissen Sie, unter dem Schah hatten die Alten, die über 60Jährigen das Recht auf ihre kostenlose Dosis Opium, vom Staat ausgegeben. Ich denke, das ist vor allem ein Mittel, um die zu eliminieren, die damit Handel treiben und die dem prowestlichen Clan angehören. Die Islamisten werden zweifellos den Handel wieder an sich reissen und anschliessend die Summen auf ihr eigenes Konto transferieren.“

Die Pariser Polizisten gehen bei der Suche nach den Mördern der 12Jährigen nicht zimperlich vor, sie scheinen sich von ihrer Klientel wenig zu unterscheiden. Dominique Manotti verfügt über viel psychologisches Gespür, versteht es ausgezeichnet, überzeugende Charaktere zu zeichnen. Und dann der Rhythmus ihrer Sprache! „Die beiden ähneln sich, um die fünfzig, Bauch, Schnurrbart. Typisches Bullengehabe, eine Mischung aus Jovialität und Überheblichkeit.“

Auch über die Mentalität und Arbeitsweise der Beamten erfährt man einiges. „Freitag, Nachmittag: Behördengänge sind zwecklos, es ist niemand mehr da.“ Hartes Pflaster bezeichnet treffend, was es mit diesem Noir auf sich hat – es ist ein weitgehend illusionsfreier Blick auf die soziale Realität. Dass die Autorin ihre Persönlichkeiten als verzweifelte Hoffnungsträger sieht, kann ich hingegen nicht nachvollziehen, denn Hoffnung ist kein Begriff, der sich mir bei dieser Lektüre einstellt.

Langjähriger Betrug mit der Sozialversicherung, eine Verbindung zwischen rechtsradikalen Türken und dem Drogenhandel, die Beschreibung eines Arbeitszimmers, das einer benutzten Bibliothek ähnelt, Zuhälterei, Freiheitsberaubung und Gewalt an minderjährigen, Mord, korrupte Polizisten – was Dominique Manotti da alles zusammenbringt, ist so divers wie das richtige Leben. Auch Ali Agça, der nachmalige Papst-Attentäter spielt in Hartes Pflaster eine Rolle. „Er war Student der Wirtschaftswissenschaften an der Universität, an der auch ich studieren wollte. Er war einer der Grauen Wölfe und ein echter Profikiller.“

Wir leben in Zeiten, in denen alles zum Geschäft verkommt, alles zur Ware wird, damit es gekauft und verkauft werden kann. Dass man dabei auch zu Sex und Drogen greift, um Kunden zu gewinnen, gilt als genauso selbstverständlich wie dass man darüber nicht spricht – bis man dazu gezwungen wird, weil die Dinge nicht so verlaufen wie sie gemäss den davon Profitierenden laufen sollten. „Hören Sie, Kommissar. Ich bin mir bewusst, dass das Ganze weder sehr legal noch sehr moralisch ist. Aber wir befinden uns in einem wahren Wirtschaftskrieg, wir dürfen keine Schwäche zeigen angesichts der ausländischen Konkurrenz. Das würde bedeuten, dass Frankreich selbst schwach wird.“ „Geben Sie sich nicht so viel Mühe, Monsieur Lestiboudois. Wenn ich wollte, könnte ich die Argumente an Ihrer Stelle ausführen.“

Daquin bemerkt, dass er verfolgt wird. Kurz darauf wird ein Inspektor beim Betreten von Daquins Wohnung niedergeschlagen und die Concierge des Wohnkomplexes erstochen. Dann wird der türkische Meister einer Werkstatt auf offener Strasse erschossen. Der Kommissar sucht das Café auf, in dem der Ermordete Stammgast war. „Sehr spezielle Atmosphäre. Alle Gäste sind Türken, die Gespräche sehr lebhaft, feindliche Blicke auf den Eindringling gerichtet.“ Es wird spannend …

Hartes Pflaster ist auch ein Buch über die Brutalität, die sich hinter der Maske der Zivilisiertheit verbirgt. In „unserer“ Gesellschaft erfolgreich zu sein, ist ein Ausweis für Rücksichtslosigkeit. Eindrücklich wird das am Beispiel des heroinsüchtigen Kashguri gezeigt, der eine wichtige Stelle bei der Zypern- und Orientbank innehält.

Ein Interview mit Dominique Manotti ist diesem Buch beigegeben. Überschrieben ist es mit „Zumindest Zeuge sein“, was ihrer eigenen aktuellen Position entspreche, wie sie sagt – eine wohltuend nüchterne Haltung.

Dominique Manotti
Hartes Pflaster
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2017

Stephanie Land: MAID

Port Townsend, Bundesstaat Washington, USA. „Wenn ich vor Jahren über meine Zukunft nachgedacht habe, schien Armut mir unvorstellbar, weit entfernt von jeglicher Realität. Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals so enden würde. Aber jetzt, nach der Geburt eines Kindes und einer Trennung, steckte ich mittendrin in einer Realität, aus der es keinen Ausweg zu geben schien.“

So schwierig und erniedrigend eine solche Situation ist, noch viel schwieriger und erniedrigender wird sie durch die Reaktion der völlig mit sich selber beschäftigten, dem Alkohol zuneigenden Mutter sowie dem vollkommen ignoranten Stiefvater. Und einem gesellschaftlichen Klima für das alle, die in Kategorien des Gewinnens und Verlierens denken, mitverantwortlich sind.

Stephanie kommt zusammen mit Mia, ihrer Tochter, in einem von den Sozialbehörden betriebenen Wohnkomplex unter. „Ich hatte Mia in eine Welt der Armut mitgenommen, sie mit Menschen umgeben, die auf manchmal tragische Weise versuchten, mit der Armut umzugehen; mit Menschen, von denen manche so lange im Gefängnis sassen oder eine Entziehungskur machten, dass sie ihre Wohnungen verloren; mit Menschen, die so wütend waren, weil sie nie einfach mal durchatmen konnten, und mit Menschen, die Symptome verschiedener psychischer Krankheiten zeigten.“

Sie erlebt eine Realität, vor der die meisten von uns keine Ahnung haben und auch nicht haben wollen. Darauf aufmerksam zu machen, ist nicht nur nützlich, sondern notwendig. Denn nur wenn wir die Augen davor nicht verschliessen, gibt es die Chance, dass sich da was tun kann. Das meint auch, dass eine Einstellungsveränderung vonnöten ist. „Die Regierung wie auch alle anderen gingen automatisch davon aus, dass mir nicht zu trauen war.“

Sie findet Arbeit als Putzhilfe, ihr Freund erwartet jedoch, dass sie ihm auch bei seiner Arbeit auf der Farm zu Hand geht – das Verhältnis der beiden ist eher suboptimal, mit Männern hat sie generell kein Glück, was auch an ihr liegt.

Als Putzhilfe ist sie gleichsam unsichtbar, sie wundert sich. wie unordentlich und nachlässig die Menschen sind. „Ich wurde zu einer Zeugin (…) Fast kam es mir so vor, als würde ich meine Kunden besser kennen, als ihre Verwandten es taten.“ Nicht nur für die Kunden, auch für die Reinigungsfirma wurde sie zu einem namenlosen Geist. Als ihr einmal ein Kunde sagte: „Wenn es aufhört, Spass zu machen, dann sollte man es gut sein lassen.“ gehen ihr diese Worte für den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf – kurz wirft sie ihr Freund aus der gemeinsamen Wohnung.

Menschen am unteren Ende der Leiter des sozialen Lebens haben noch nie viel Ansehen genossen. Während der Pandemie gab es ein paar Wochen, in denen vielen bewusst wurde, wie abhängig wir alle von all den Hilfskräften sind, die wir selten einmal wahrnehmen. Dieses Buch macht unter anderem deutlich, wie sich ein solches Leben anfühlt – da gibt es dieselben Probleme mit den Chefs, dieselben Neidereien unter den Angestellten wie überall. Der Unterschied ist: Diese Menschen sind resilienter, stärker und lebenstüchtiger als wir andern, die wir an ein wesentlich leichteres Leben gewohnt sind.

Sie bittet online um Hilfe. Nicht wenige helfen, andere schauen jedoch auf sie herab, halten sozial Bedürftige für Profiteure. Barbara Ehrenreich bringt es in ihrem Vorwort auf den Punkt: „Das vielleicht verletzendste Merkmal der Welt Stephanies ist die Feindseligkeit, die ihr von Bessergestellten entgegenschlägt.“

Obwohl ihr mitunter alles über den Kopf wächst, gibt Stephanie nicht auf. Und auch immer wieder trifft sie auf Menschen, die es gut mit ihr meinen. Dass sie sich nicht hat unterkriegen lassen, dass sie trotz vieler Rückschläge nicht aufgehört hat, für eine bessere Zukunft für sich und ihre Tochter zu kämpfen, macht nicht nur Eindruck, sondern zeigt, dass es auch eine wahre Heldin manchmal in die Medien schafft.

Stephanie Land
MAID
Harte Arbeit, wenig Geld und der Überlebenswille einer Mutter
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2022

Pascal Engman: Mörderische Witwen

Ich bin sofort drin, denn bereits der Prolog wartet mit Überraschungen auf. Hinweise auf Schläfer und Anschläge geben die Richtung an, und der Titel Mörderische Witwen macht deutlich, dass es sich um Witwen des IS handeln muss. Darunter versteht man Frauen des Kalifats, deren Männer gefallen waren und die sich unter den Strom der Flüchtlinge gemischt hatten, um in Europa als Schläferinnen auf ihren Einsatz zu warten.

Das Markenzeichen dieses Thrillers ist, dass er an ganz verschiedenen Orten, mit ganz unterschiedlichen Akteuren spielt. Und ungeheuer gekonnt die Schauplätze wechselt. Der rote Faden ist die Stockholmer Ermittlerin Vanessa Frank; Stockholm spielt eine zentrale Rolle, Pascal Engmans Stockholm. „Schweden und Stockholm hatten sich verändert. Die oberen Zehntausend hatten jetzt Panic Rooms in ihren Villen, CEOs und Unternehmer bezahlten Bodyguards, die sie und ihre Familien vor Kidnappern und Erpressern schützten. Fast täglich berichteten die Zeitungen von neuen Sprengstoffanschlägen und Schiessereien in den Vororten.“

Einer dieser Bodyguards ist Nicolas, der von der Eliteeinheit der schwedischen Streitkräfte SOG unehrenhaft entlassen worden war. Mit Vanessa Frank verbindet ihn ein sehr spezielles Zusammengehörigkeitsgefühl. Sein Arbeitgeber ist ein Kotzbrocken der Sonderklasse, dessen Frau eine verzweifelte Alkoholikerin.

Die Figuren, die Pascal Engman auftreten lässt, sind sehr unterschiedlich, repräsentieren diverse Milieus und manchmal auch nur sich selber. Molly, die Edelprostituierte aus Kiruna, die Arabisch spricht (wie das kommt, erfährt man nicht), Samer, der sich wegen Problemen mit Kollegen (sie schnitten ihn, weil er mit dem bekannten Dschihadisten Hamza Kontakte hatte) nach Stockholm versetzen liess, Axel, der auf Rache sinnt, weil sein Sohn angefahren wurde und jetzt um sein Leben ringt, Thomas vom MI6, der Molly für seine Zwecke einsetzen will, Hamza, der sich auf einen Einsatz vorbereitet …. und und und …

Natasja, Vanessas syrische Stieftochter, und ein Polizist werden tot aufgefunden. Gibt es da eine Verbindung? Dann stellt sich heraus, dass Natasja nicht die Person war. für die sie sich ausgegeben hat. Vanessa wehrt sich dagegen, dies zu akzeptieren, doch die Beweise sind eindeutig. Auch Sabrina, Natasjas Freundin, hat Vanessa belogen. Der Verdacht, dass da mehr und anderes im Spiel sein könnte, beschäftigt die Ermittlerin, doch ihr Vorgesetzter ist davon nicht überzeugt bzw. hält ihre Ahnungen anfänglich für zu wenig aussagekräftig, bis er sich dann anders besinnt.

Die Spannung verdankt sich den kurzen Kapiteln, die der Autor überaus gekonnt sich zuspitzen lässt. Pascal Engman versteht sich ausgezeichnet auf höchst gelungene Übergänge. Von der Psyche des Menschen versteht er hingegen wenig, diese gerät ihm zumeist arg eindimensional.

Trotzdem ist Mörderische Witwen ausgesprochen vielschichtig. Da ist der todkranke Alkoholiker, um dessen Tochter sich Vanessa kümmert. Der schiitische Polizist, der sich in eine Sunnitin verliebt, deren Bruder ein IS-Rückkehrer ist. Der Besitzer von Online-Casinos, die der Geldwäscherei dienen. Die Witwen des IS, die kurz vor ihrem Ziel sind.

Geschickt weiss Pascal Engman diese ganz unterschiedlichen Erzählstränge zu verbinden. Vor allem versteht er jedoch, Spannung herzustellen und, fast noch wichtiger, sie beizubehalten – erst nach und nach erfährt man, was es mit den IS-Witwen auf sich hat.

Mörderische Witwen handelt auch von zum Märtyrer-Tod bereiten Feinden der westlichen Welt, die sie als gottlos, sich selber aber – eigenartigerweise – als gottesfürchtig verstehen. Und auch davon, dass nicht alle Flüchtlinge sind, was sie zu sein scheinen. „Ein Flüchtlingsmädchen, das lügt. Ist das alles? Dann lass dir eins sagen: Flüchtlinge lügen. Wenn das jemand weiss, dann du. Nicht, weil sie so sind, sondern weil sie dann in Schweden bleiben können.“

Fazit: Packend und rasant erzählt – dieser Mann beherrscht das Thriller-Handwerk.

Pascal Engman
Mörderische Witwen
Tropen, Stuttgart 2022

Damon Galgut: Das Versprechen

Südafrika, vor und nach den ersten gemischtrassigen Wahlen, die Mandela an die Macht brachten. Ich war vor und während dieser Wahlen als IKRK-Delegierter im Land und wähnte mich bei Damon Galguts sensibler, gescheiter und auch witziger Meditation über Tod und Vergänglichkeit oft selber vor Ort.

Der Tod der eigenen Mutter kommt jedem unwirklich vor. So auch der jungen Amor, deren Begegnung mit ihren Verwandten ebenso unwirklich abläuft. Damon Galgut schildert das Geschehen um Tod und Begräbnis so absurd-komisch, dass man sich ganz nah an der Wirklichkeit wähnt. So trifft Amor auch auf ihren Cousin Wessel, der mit vierundzwanzig immer noch bei den Eltern wohnt und vorwiegend mit Briefmarkensammeln beschäftigt ist. „Anscheinend hat er Angst davor, auf eigenen Füssen zu stehen. Er hat Depressionen, sagt sein Vater, und seine Mutter meint, er habe seinen Weg noch nicht gefunden. Pa hingegen ist der Ansicht, sein Neffe sei schlicht und einfach faul und verwöhnt, und man müsse ihn zur Arbeit zwingen.“

Amor macht sich auf nach London, ihr Bruder Anton desertiert von der Armee, und ihre Schwester Astrid wird schwanger, kriegt Zwillinge, und heiratet. Und dann stirbt Pa, der Vater der drei Geschwister, an einem Schlangenbiss, was unter anderem zur Frage führt, ob Salome, die seit vielen Jahren im Dienste der Familie stehende schwarze Helferin, das Haus, das sie bewohnt, zu Eigentum kriegt. Denn genau das wurde ihr von ihren verstorbenen Arbeitgebern versprochen. Soweit die Rahmenhandlung, die wunderbar gekonnt erzählt wird. Was mich jedoch vor allem für diesen Roman einnimmt, sind die vielfältigen Erkenntnisse, die er mir vermittelt.

Es sind so weise Sätze wie „Geduld ist eine Form der Meditation“ oder so scharfsinnige Gedanken wie „…. Astrids wahnwitzige Angst, dass das, was Pa passiert ist, auch ihr passieren wird. Als ob das Schicksal ansteckend wäre.“ oder „… sei erinnert, dass jeder Zufall unwahrscheinlich ist, das liegt in der höchsteigenen Natur des Zufalls.“, die es mir ganz besonders angetan haben. Und auch Aussagen wie „Dem Wetter ist der Lauf der Welt egal!“ und „… Pissen ist eine grundsätzlich ehrliche Tätigkeit. Kacken auch. Da kann man sich nicht hinter gesellschaftlichen Umgangsformen verstecken. Diplomatie sollte prinzipiell auf dem Scheisshaus stattfinden.“ machen mich sowohl schmunzeln als auch nachdenklich.

Begräbnisse sind so recht eigentlich auch immer soziale Veranstaltungen, bei denen die Rituale dazu dienen, mit der Realität des Todes klarzukommen, den man nur schwer (wenn überhaupt) akzeptieren kann. So hatte der Bestatter von seinem Vater, der ebenfalls Bestatter gewesen war, mit auf den Weg gekriegt, dass die Verwandten sehen wollten, dass der Verstorbene seinen Frieden gefunden hatte, doch er selber sieht das anders. „Quatsch. In Wirklichkeit wollen sie sehen, dass der von ihnen so geliebte Mensch noch lebt. Sie wollen glauben, dass Manie nur schläft. Die Familie will ihren Frieden finden.“

Was wir uns vorstellen, ist möglicherweise nicht das, was ist, sondern wovor wir uns fürchten bzw. wir nicht wahrhaben wollen. Und vielleicht sehen ja manchmal andere besser und klarer, was mit uns los ist. „Ich war doch gestern erst bei ihm, denkt Astrid, da hat er noch gelebt und geatmet, wie kann es sein, dass er jetzt weder das eine noch das andere mehr tut? Doch wieder sieht Anton, was in seiner Schwester vorgeht, kalt und klar wie den Klöppel einer Glocke, dass es ihr eigener Tod ist, den sie spürt. Wenn es unseren Vater treffen kann, kann es auch mich treffen. Dieses Nichts, dieser Nicht-Zustand. In panischem Schrecken betrauert sie sich selbst.“

Auf der Suche nach Orientierung sucht Antons Frau Desirée Hilfe in einem Meditationskurs, er selber wendet sich an eine Psychotherapeutin, die sich bei seinen Schilderungen ihre eigenen Gedanken macht. „Hmmm. Du solltest dich mal reden hören, du Trottel. Nicht mal deine inneren Konflikte sind besonders originell.“ Es ist vermutlich gar nicht so schlecht, dass Therapeuten sich vornehmlich mit Zuhören begnügen.

Das Versprechen ist eine spannende Geschichte, mit vielen überraschenden Wendungen, die ein Südafrika schildert, in dem man sich auf so ziemlich gar nichts verlassen kann. „Als die Schwarzen das Land übernommen haben, war sie völlig ausser sich, die Leute horteten Lebensmittel und Waffen, als stünde das Weltenden bevor. Und dann passierte nichts, und alle machten einfach weiter wie gehabt, nur war es sehr viel angenehmer, da jetzt ein Klima der Versöhnung herrschte und es keine Boykotts mehr gab.“ sagt Astrid. Ein paar Zeilen später wird sie entführt und ermordet, weil der Entführer den Auftrag hatte, einen BMW zu beschaffen und keine Zeugen zurücklassen wollte. Dramaturgisch cleverer (und realistischer) kann man die Komplexität unserer sich ständig im Fluss befindlichen Welt kaum schildern.

Es ist dieses faszinierende Nebeneinander von Gesellschaftlichem („Die Apartheid war einmal, wir sterben jetzt Seite an Seite, in trauter Nähe. Nur das Zusammenleben müssen wir noch üben.“) und illusionslosen Einschätzungen („Du warst ein versoffenes Arschloch, bevor du zum Glauben gefunden hast, und danach warst du ein trockenes Arschloch, das meine Mutter wie Dreck behandelt hat.“), das eindrücklich aufzeigt, dass Schwarz/Weiss und Richtig/Falsch zu simple Kriterien sind, um die Welt zu verstehen. Und manchmal auch nicht. „Die Wege des Herrn sind uns auf ewig unergründlich!“

Fazit: Sensibel, gescheit, witzig, berührend – ein wichtiges Buch.

Damon Galgut
Das Versprechen
Luchterhand, München 2021

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