Der erste der beiden Texte in diesem Band erschien 1915, der Briefwechsel 1932. Aktuell sind beide nicht nur insofern, als sie sich mit Grundsätzlichem auseinandersetzen, sondern auch deswegen, weil sich der Mensch emotional nicht zu entwickeln scheint.
Da lebte man im Zeitalter der Kulturstaaten, gab viel auf die Vernunft, vertraute auf die Einigung der Kulturvölker, bis dann der „Krieg, an den wir nicht glauben wollten“, ausbrach. Die Rede ist vom Ersten Weltkrieg, doch wähnt man sich genauso im Hier und Jetzt, wenn man etwa liest, der Krieg „wirft alles nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden unter den Menschen nach ihm geben,“
„Der kriegsführende Staat gibt sich jedes Unrecht, jede Gewalttätigkeit frei, die den Einzelnen entehren würde.“ Das beschreibt doch, was wir gerade erleben, obwohl es vor über hundert Jahren geschrieben wurde. Wie kommt das? Unter anderem daher, dass unsere Triebe sich nicht entwickelt haben, sondern immer noch die des Urmenschen sind. Lässt sich das ändern? Freud zeigt sich skeptisch, denn was wir Zivilisation oder Kultur nennen, besteht aus nicht mehr als aus einer dünnen Schicht angelernten Verhaltens, die jederzeit durchbrochen werden kann. Auch ohne sogenannten Anlass …
Wer glaubte, die Zivilisation, die Kultur würde die Barbarei nicht zulassen, sieht sich getäuscht. Doch diese Enttäuschung, so Freud, „ist, strenge genommen, nicht berechtigt, denn sie besteht in der Zerstörung einer Illusion. Illusionen empfehlen sich dadurch, dass sie Unlustgefühle ersparen und uns an ihrer Statt Befriedigungen geniessen lassen. Wir müssen es dann ohne Klage hinnehmen, dass sie irgend einmal mit einem Stück der Wirklichkeit zusammenstossen, an dem sie zerschellen.“
Wir neigen dazu, unsere Kultur, die die „Heuchelei in ausserordentlichem Umfange begünstigt“, zu überschätzen. So verleitet sie uns, „ die Menschen ‚besser‘ zu beurteilen, als sie in Wirklichkeit sind.“ Wir können uns zwar entwickeln, doch wir können die früheren seelischen Zustände nicht hinter uns lassen, „das primitivste Seelische ist im vollsten Sinne unvergänglich.“ Das liegt an den Einwirkungen starker Gefühlsregungen, ja diese bestimmen uns weit mehr als unser Verstand es tut. „Die logische Verblendung, die dieser Krieg oft gerade bei den besten unserer Mitbürger hervorgezaubert hat, ist also ein sekundäres Phänomen, eine Folge der Gefühlsregung, und hoffentlich dazu bestimmt, mit ihr zu verschwinden.“
Sodann wendet sich Freud unserem Verhältnis zum Tode zu, den wir für uns selber so recht eigentlich ausschliessen. „Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiss ebenso unvorstellbar und unwirklich, wie heute noch jedem von uns.“ Natürlich wissen wir, dass wir sterben werden, die Konsequenz, die wir daraus ziehen ist jedoch das Totschweigen. „Die Neigung den Tod aus der Lebensrechnung auszuschliessen, hat so viele andere Verzichte und Ausschliessungen im Gefolge. Und doch hat der Wahlspruch der H a n s a gelautet: Navigare necesse est, vivere non necesse! (Seefahren muss man, leben muss man nicht.)“ Selten so gelacht …
Meine persönlichen Höhepunkte (also die Stellen, die einen starken Aha-Effekt zur Folge hatten): Zum Gebot Du sollst nicht töten: „Ein so starkes Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten, es schliesst sich von selbst aus.“ Und: „Noch heute ist das, was unsere Kinder in der Schule als Weltgeschichte lernen, im wesentlichen eine Reihenfolge von Völkermorden.“ Und: „Im Scherz darf man bekanntlich die Wahrheit sagen.“ Und: „Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.“
Mit „Ein patriotischer Universalist“ (treffender und entlarvender geht kaum) hat Herausgeber Hans-Martin Lohmann sein Nachwort überschrieben, in dem er wesentliche Argumente Freuds herausstreicht und unter anderem meint, man dürfe die EU vielleicht „als gelungenes Beispiel für das sehen, was Freud eine Identifizierung in diesem Sinne nennt.“ (gemeint ist die Identifizierung „bedeutsamer Gemeinsamkeiten“, die dem Krieg möglicherweise entgegenwirken könnten). Eher nicht, würde ich selber meinen. Genauer: Höchstens in der Theorie.
Sigmund Freud
Zeitgemässes über Krieg und Tod
Warum Krieg? Der Briefwechsel mit Albert Einstein
Reclam, Ditzingen 2022




