Dr. Sophie Mort: Anleitung für dein Leben

„Hallo, mein Name ist Dr. Soph, ihr könnt mich Soph oder Sophie nennen. Ich bin klinische Psychologin.“

Dann schauen wir mal, was Frau Mort (ich lege weniger Wert auf akademische Titel als sie es offenbar tut, sonst würde sie – und der Verlag – ihn kaum erwähnen) so zu sagen hat. Viel Vernünftiges, so mein erster Eindruck. „Statt uns zu ermutigen, uns so anzunehmen, wie wir nun einmal sind, mit allen Makeln und Schwächen, verlangt man von uns, eine bestimmte Rolle zu spielen, die wir nach aussen hin jederzeit zu präsentieren haben. Dadurch verbergen wir unser wahres Empfinden – sogar vor uns selber.“ Und: „Dieses Buch erklärt euch, wie ihr durch eure Umwelt geformt wurdet. Und dass sich gelegentlich eher die Gesellschaft ändern müsste als ihr.“ Insbesondere der letzte Satz kann nicht genug betont werden, denn es ist kein Zeichen geistiger bzw. seelischer Gesundheit, in einer so kranken Gesellschaft wie der unseren, erfolgreich zu sein. Siehe auch hier.

„Statt zu lernen, wie wir mit unseren Emotionen und Beziehungen umgehen können – unsere häufigsten Stolpersteine als Erwachsene – , bekommen wir gewöhnlich beigebracht, dass es eine Hierarchie von Schulfächern gibt.“ Und weshalb ist das so? „Sich Zeit zu lassen, durch Versuch und Irrtum zu lernen, Kreativität und Spass zu geniessen – all das brachte die industrielle Entwicklung nicht weiter, und deshalb wurden diese Dinge schlichtweg nicht geschätzt.“ Das ist auch heute noch so, doch die Schule schlecht machen will die Autorin deswegen nicht. Stattdessen tut sie, was Psychologinnen eben so tun – sie will uns helfen, uns in einem System wohl zu fühlen, das überhaupt nicht auf unser Wohlbefinden ausgerichtet ist.

„Deine Noten sagen nichts  darüber aus, wer du bist“, lautet einer der Zwischentitel, ein anderer „Stress ist nichts Schlechtes –  in kleinen Dosen“. Dass solche Selbstverständlichkeiten Erwähnung finden, zeigt schon fast überdeutlich, wie prekär es um unsere Seelen stehen muss. 

Sophie Mort geht bei ihrer Hilfestellung strukturiert vor und bedient sich dabei einer einfachen, klaren Sprache. Gleichwohl argumentiert sie differenziert. „Denk immer daran: Fast jeder will sich einfügen.“ Man beachte das „fast“, denn nicht jeder will. Ich zum Beispiel wollte dies fast nie und will es mittlerweile überhaupt gar nicht mehr. Und dann diese beiden ganz wunderbar hilfreichen Sätze: „Die meisten Menschen konzentrieren sich auf sich selber und nicht auf dich. Das kann eine befreiende Erkenntnis sein.“ In der Tat!

Besonders aufschlussreich fand ich das Kapitel „Werbung, Medien, soziale Netzwerke“, in dem unter anderem eine Studie aus dem Jahr 2019 erwähnt wird, die gezeigt hat, „dass die Lebenszufriedenheit einer ganzen Nation ’signifikant‘ sinkt, wenn ein Land mehr Geld für Werbung ausgibt.“ Liegt ja eigentlich auf der Hand, oder? Werbung bewirkt nämlich, dass wir immer mehr wollen, kein Wunder, werden wir immer unzufriedener.

Dass soziale Medien süchtig machen, ist bekannt. Was kann man dagegen tun? Sophie Mort gibt in diesem Buch viele nützliche Kurztipps, die zwar recht banal, doch von „common sense“ geprägt sind. „Mein Wert bemisst sich nicht nach der Zahl der Likes, die ich bekomme, oder der Follower, die ich erreiche, oder durch irgendeine andere Zahl.“

Anleitung für dein Leben ist geprägt von der Vorstellung: Wissen hilft. Nehmen wir zum Beispiel Emotionen. Dazu gibt es wie immer wissenschaftliche Theorien; Sophie Mort leuchtet vor allem die sogenannte Theorie der konstruierten Emotionen ein, die im wesentlichen besagt, dass unser Gehirn nicht auf die unmittelbare Welt reagiert, sondern vorausschauend darauf eingeht, was es prognostiziert. Anders gesagt: Wir antizipieren andauernd, was als vermutlich als Nächstes passieren wird. Und wir tun dies auf der Basis unseres Gedächtnisses bzw. unserer Erfahrungen. Wir sind Sklaven unserer Gefühle. Doch das muss nicht so bleiben; dieses Buch zeigt unter anderem wie eine solche Befreiung gehen kann.

Dass eine klinische Psychologin ein positives Bild von Therapie hat, erstaunt nicht. Nur eben: Gelegentlich schiesst sie übers Ziel hinaus. So schreibt sie: „Eine diagnostizierte. psychische Erkrankung kann erkannt, behandelt und gewöhnlich auch geheilt werden.“ Ich sehe das weit weniger optimistisch und gehe so recht eigentlich davon aus, dass wir Menschen, vor allem die diplomierten, uns generell überschätzen. Zudem: Die Psychologie ist keine Wissenschaft, auch wenn sie mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet. Nichtsdestotrotz: Anleitung für dein Leben ist ein überaus nützliches Werk, pragmatisch, englisch-nüchtern sowie reich an Tipps, Selbsthilfemassnahmen und praktischen Übungen.

Dr. Sophie Mort
Anleitung für dein Leben
Alles, was du wissen musst, um dich selbst besser zu verstehen und glücklich zu werden
Penguin Verlag, München 2022

Angeline Boulley: Fire Keeper’s Daughter

Was ist bloss ein Fire Keeper?, habe ich mich gefragt, obwohl ich genug Englisch verstehe, um zu vermuten, dass es sich wohl um einen Feuerhüter handeln muss. Nur eben: Was, ums Himmels Willen, ist bloss ein Feuerhüter? Auf Seite 113 erfahre ich dann: „Feuerhüter entzünden das Feuer für Zeremonien, bei Beerdigungen, in Schwitzhütten und bei anderen kulturellen Anlässen, bei denen der Rauch unsere Gebete zu Schöpfer trägt. Ein zeremonielles Feuer ist etwas Besonderes; dort werden keine Marshmallows geröstet oder Forty-Niner-Songs gesungen. Feuerhüter sorgen dafür, dass die Regeln eingehalten werden, solange das Feuer brennt: keine Klüngeleien, kein Alkohol, klein Klatsch. Nur gute Gedanken, die das Feuer nähren und unsere Gebete tragen.“

Das ausführliche Zitat soll illustrieren, wovon dieses Buch handelt: Von den Native Americans, ihren Sitten und Gebräuchen. Die Autorin Angeline Boulley, „registriertes Mitglied der Sault Ste. Marie Tribes der Chippewa Indians“, schreibt hier – in fiktiver Form – über ihre Ojibwe-Gemeinschaft auf Michigans Oberer Halbinsel. Sie wollte mit Daunis Fontaine, der 18jährigen indigenen Protagonistin, die Medizin zu studieren beabsichtigt, doch ihre Pläne vorerst auf Eis legt, um sich um ihre Mutter zu kümmern, den Native Americans, „eine Heldin schenken, die wie sie aussieht und deren grösste Stärke ihre Ojibwe-Kultur und -Gemeinschaft ist.“

Die Rahmenhandlung bildet die Beziehung von Daunis Fontaine und Jamie Johnson, dem Eishockeyspieler, der sich als Undercover-Ermittler entpuppt, als eine junge Frau ermordet wird. Der Täter ist ein junger Mann, der von Alkohol zu Meth gewechselt hat (das wird eher beiläufig geschildert). Dann wird Daunis vom FBI rekrutiert, das zusammen mit dem BIA, dem Bureau of Indian Affairs, dem Drogenschmuggel bzw. den Herstellern von Crystal Meth in der Region hinterher sind – eine realistische Ausgangslage, doch packend las sich das nicht.

Weit spannender fand ich die Schilderungen von Daunis‘ unterschiedlichen Befindlichkeiten. Etwa beim frühmorgendlichen Joggen, bei dem die erste Meile immer die schwierigste ist. „Doch nach einer Weile findet mein Atem, vom Wippen meines schweren Pferdeschwanzes begleitet, seinen Rhythmus. Meine Arme und Beine funktionieren auf Autopilot. Von da an wandert mein Geist ins Dazwischen, in dem ich Teil dieser Welt bin, aber auch woanders, und die Meilen fliegen in einem Zustand halb bewusster Benommenheit an mir vorbei.“

Dieses Dazwischen fasziniert mich, das sie als „gleichzeitig in meinem Körper und an einem anderen Ort“ beschreibt und in dem sie sich als vollständig erlebt. „Joggen ist der Zustand, in dem sich wie bei einem Puzzle alle Teile von mir perfekt zusammenfügen. Das Dazwischen ist der Zustand, in dem ich einen Schritt von dem Puzzle zurücktrete, die Linien verblassen, und ich kann mich deutlich erkennen.“

Daunis‘ Leben ist von Ritualen, Familien- und Stammeswerten geprägt. Immer mal wieder tauchen im Text so eine Art Merksätze – herausgehoben durch die kursive Schrift – auf, die sich mir allerdings oft nicht erschlossen haben. Etwa: „Es gibt einen Grund, weshalb Schilde zwei Seiten haben.“ Oder: „Aber die guten Sachen passieren, wenn die Welten kollidieren.“ Letzteres bezieht sich auf die Beziehung zwischen Daunis und Jamie, eine typische Teenager-Liebesgeschichte, voller Unsicherheiten, Missverständnissen und Fehlinterpretationen.

Inspirierend ist wie Daunis undercover ermittelt. „Um das Gebiet systematischer zu erforschen, werde ich es als Körper betrachten, der einer Computertomografie unterzogen wird. (…) Mein Ziel ist, etwas zu finden, das bislang noch nicht katalogisiert wurde. Ich suche nicht nach Übereinstimmung – eher nach fehlender Übereinstimmung.“ Für mich speziell hilfreich erwiesen sich übrigens diese Sätze zum Wald, auch natürlich, weil die Protagonistin hier wiederum aufs Dazwischen zu sprechen kommt. „Wälder sind Medizin. Sie beanspruchen alle meine Sinne und verbinden mich mit etwas Zeitlosem. Als würde ich mich im Dazwischen befinden, obwohl ich gar nicht jogge. Blätter fallen zu Boden. In der Nähe huschen kleine Tiere weg. Die Düfte von Kiefer, Lebensbaum und Moos vermischen sich.“

Angeline Boulley scheint es vor allem um Aufklärung zu gehen. Und übertreibt es damit, jedenfalls für mein Empfinden – sogar das Vaterunser wird auf Anishinaabemowin zitiert. Zudem wird Jamie oft aufs Fragestellen bzw. zum Stichwortgeber reduziert. Ich kam mir gelegentlich wie in einer Schulstunde vor, in der sich einem nicht recht erschloss, wozu solches Wissen gut sein sollte „Wenn Leute Anishinaabe sagen, meinen sie damit Ureinwohner oder Ojibwe?“ „Anishinaabe bedeutet Ursprüngliches Volk, Indigen. Nish. Nishnaab. Shinaab. Meistens sprechen wir von Ojibwe-, Odawa- und Potawatomi-Völkern im Gebiet der Grossen Seen. Die Ojibwe-Sprache heisst Anishinaabemowin oder Ojibwemowin.“

Fire Keeper’s Daughter enthält auch ein Glossar, Erklärungen von Begriffen wie etwa Medizinrad oder Powwow sowie eine historische Einordnung. Am besten hat mir der toll gestaltete und farblich überaus ansprechende Umschlag gefallen. Und die Geschichte? Zu langfädig für meinen Geschmack, zu pädagogisch auch, doch anregend allemal.

Angeline Boulley
Fire Keeper’s Daughter
cbj, München 2022

Finn Beales (Hrsg.): Let’s Get Lost

„Der perfekte Augenblick an den schönsten Orten der Welt“ verspricht der Untertitel zu diesem Werk, das interessanter ist als es dieser der Werbung und dem Verkauf, den wesentlichen Kennzeichen unserer Zeit, geschuldete Superlativ vermuten lässt. So recht bedacht ist es ja eigentlich klar: Jeder Augenblick ist perfekt und den schönsten Ort, den gibt es nicht – doch das wäre eine andere Geschichte.

Um es gleich vorwegzunehmen: Let’s Get Lost  ist ein wirklich tolles Buch. Nicht nur der beeindruckenden Fotos wegen, sondern weil es den Prozess des Fotografierens dokumentiert. Konkret: Man erfährt, wie die Fotografinnen und Fotografen zu ihren Bildern gekommen sind. So erzählt etwa Jonathan Gregson, wie er sich um 4:30 mit seinem Guide auf den Weg machte, mit 20 kg Gepäck auf dem Rücken, um die Drei Zinnen, eines der Wahrzeichen der Dolomiten, bei Sonnenaufgang zu fotografieren. „Aus Fotografensicht ist das Zeitfenster bei Sonnenaufgang viel kleiner als bei Sonnenuntergang. Für eine Aufnahme bei Sonnenuntergang kann man früh ankommen, die beste Perspektive wählen und dann warten. Wenn die Sonne untergeht wird das Licht kontinuierlich besser (…) Sonnenaufgänge hingegen erlauben keine Fehler. Normalerweise ist die Wahl der Perspektive, des Objektivs und des Bildaufbaus ein Wettlauf mit der Zeit, bevor die Sonne ihre volle Kraft entfaltet.“

Solche Informationen sind selten in einem Fotobuch und mir ein Grund, weshalb ich dieses Werk schätze. Denn Fotos, diese zweidimensionalen Reduktionen einer dreidimensionalen Wirklichkeit, die weder klingen noch riechen, können vieles nicht zeigen. Dazu gehört der heftige Wind, auf den Alex Strohl und sein Wanderpartner auf der Livingstone Range in Montana trafen. „Der Wind trug zu unserem Abenteuer bei und erinnerte uns daran, dass uns Orte wie dieser nur zur Durchreise dienen.“ Mit diesem Wissen im Kopf, betrachte ich diese Bilder wiederum anders.

Das Buch ist unterteilt in Gebirge, Karge Natur, Küste, Eis & Schnee, Flüsse & Seen und Wälder. Die Fotos zeigen mir einerseits Gegenden, die ich aus eigener Anschauung kenne (Namibia, zum Beispiel), aus einer neuen Perspektive. „Es ist ein seltsames Gefühl, durch das Land zu streifen, ohne auch nur einer Seele zu begegnen – ein Gefühl, das zur einzigartigen Atmosphäre Namibias beiträgt. In den Weiten der Wüste, unter der brennenden Sonne, erfüllt der zitrusartige Duft von Myrrhe die Luft. Voller Ehrfurcht wanderte ich zwischen Baumgerippen durch die sonnenversengte Ebene.“ (Emilie Ristevski). Andererseits erfahre ich von Gebieten, die mir gänzlich neu sind und nicht nur meine Neugier wecken, sondern auch den Wunsch, mich unverzüglich dorthin aufzumachen. Die Bilder, die Finn Beales von Fogo Island, vor der Nordostküste Neufundlands gelegen, gemacht hat, hatten diesen Effekt auf mich.

Manchmal regten mich besonders die Fotografien an (die Flüsse in Schwedisch-Lappland  Tobias Hägg; die Gipsdünen im Tularose-Becken in New Mexico – Laura Pitchett), dann wieder die jedem Beitrag beigegebene Rubrik „Durch den Sucher“. So schreibt etwa Greg Lecoeur (Antarktis): „Denken Sie immer daran: In der Natur sind Sie der Gast, die Tiere sind in ihrem Zuhause. Wildtiermomente sind allgegenwärtig; man muss sich nur die Zeit nehmen, zu beobachten und die Schönheit des Ortes zu verstehen.“

Let’s Get Lost  erinnerte mich auch immer wieder daran, dass Fotos Momentaufnahmen sind, abhängig von einer Vielzahl nicht wirklich berechenbarer Faktoren. „Nebel ist oft recht flüchtig“, notiert Mats Peter Iversen, der im Waldgebiet von Hestehave Skow, Dänemark, fotografiert hat und dabei auch die Erfahrung machte: „Sich ein wenig zu verirren, ist oft der beste Weg, neue Orte zu entdecken.“

Fazit: Grossartig! Eine inspirierende Einladung, die Welt zu erkunden.

Finn Beales (Hrsg.)
Let’s Get Lost
Der perfekte Augenblick an den schönsten Orten der Welt
Prestel, München-London-New York 20221

Craig Brown: One Two Three Four

Der englische Originaltitel dieses Buches heisst One Two Three Four: The Beatles in Time. Dass ich ihn hier erwähne, liegt daran, dass ich den deutschen Untertitel, Die fabelhaften Jahre der Beatles, mit seiner Anspielung auf die Fab Four weit gelungener finde.

Wer mit den Beatles aufgewachsen ist, weiss, dass der Autor Craig Brown ins Schwarze trifft, wenn er festhält, dass man sich entscheiden musste, welchen der vier man am ehesten favorisierte bzw. mit wem man sich identifizierte. Ich zum Beispiel schwankte hin und her zwischen Paul und John, bis ich mich dann irgendwann einmal für eine gewisse Zeit für George entschied. „Die zwölfjährige Linda Grant aus Liverpool favorisierte Ringo, ‚aus unerklärlichen Gründen‘. In ihrer Schule gab es eine ‚brave Musterschülerin, die Paul am liebsten mochte. George war irgendwie gar nichts. Und John wirkte unnahbar, viel zu einschüchternd.’“

Es geschieht ausgesprochen selten, dass mich die ersten Seiten eines Buches Tränen lachen lassen. Das liegt an Sätzen wie: „Ringo war der Beatle für Mädchen, denen es an Ehrgeiz fehlte. Entschied man sich für ihn, bewies man eine gewisse Realitätsnähe. Es verstand sich von selbst, dass die anderen bereits vergeben waren, beim Schlagzeuger allerdings gab’s vielleicht noch eine kleine Chance.“ Oder die Schilderung der Familie Harrison, als während des Krieges deutsche Bomben auf Liverpool fielen. „… ihr Ledersofa, auf dem selten jemand sass, weil es besonderen Anlässen vorbehalten werden sollte, wird von fliegenden Glasscherben zerfetzt. ‚Hätte ich das gewusst, hätten wir uns all die Jahre auch draufsetzen können‘, meinte Mrs Harrison später.“

Für die Recherche an diesem Buch hat sich Craig Brown nicht nur bei Beatles-Historikern kundig gemacht, er hat auch an Touristen-Führungen durch Pauls und Johns Geburtshaus sowie über Hamburgs Reeperbahn, wo die Gruppe einst aufgetreten war, teilgenommen. Das ist überaus witzig geschildert – dabei wunderte ihn unter anderem, dass die englischen Führungen unter dem Siegel der Vertraulichkeit standen und der deutsche Führer recht eigenwillig unterwegs war. „Er rattert die Ereignisse und Jahreszahlen in halsbrecherischem Tempo herunter, als ginge es um die Zusammenfassung einer Zusammenfassung, die er schon hunderte Male zum Besten gegeben hat.“

One Two Three Four ist allerbeste Geschichtsschreibung („Wenn wir über die Beatles sprechen, sprechen wir über uns selbst.“), die im Bewusstsein verfasst wurde, dass „eine vermeintlich auf Objektivität beruhende Wissenschaft, sich zwangsläufig auf den Treibsand der Erinnerung stützt.“ So zeigt der Autor einmal in Tabellenform auf, wie willkürlich und subjektiv eine Schlägerei an Pauls 21stem Geburtstag geschildert wurde. Er lügt wie ein Augenzeuge, sagt bekanntlich ein russisches Sprichwort.

Craig Brown hat mit diesem Geschichtenbuch voller Anekdoten und Reflexionen ein Werk geschaffen, das der Welt und der Zeit wesentlich näher kommt als die sogenannte Zeitgeschichte, die zumeist von Personen und Sachen handelt, die mit dem wahren Leben bestenfalls am Rande zu tun haben. Mit anderen Worten: Für diejenigen, die mit dem Beatles aufgewachsen sind, waren die vier Pilzköpfe und ihre Musik Teil ihres Lebens – die Politik und die Politiker, von denen wir im Geschichtsunterricht meist hören, sind es hingegen nicht.

One Two Three Four macht mir unter anderem bewusst, wie vieles aus dieser Zeit ich gar nicht mitbekommen habe bzw. mir nicht wirklich bewusst war. Etwa die Dominanz der Beatles, die zum Beispiel am 4. April 1964 die ersten fünf Plätze der Hitparade einnahmen. Oder dass die alte Garde der Showbusiness, von Marlene Dietrich zu Cliff Richard von den vier jungen Männern Anfang zwanzig quasi hinweggefegt wurden. Oder dass sich das Leben von – alle im Alter von 9 bis 14 – Bruce Springsteen, Chrissie Hynde, Greg Khin, Ann und Nancy Wilson sowie Billy Joel sich durch diese Musik radikal änderte.

Und dann die Beatlemania, die ich noch nie so lustig beschrieben gefunden habe: „ …ein Mädchen auf einem Platz am Gang, das jedes Mal weinte, wenn die Scheinwerfer an- und wieder ausgingen. Gegen Ende, nach Twist and Shout, stellte sie sich auf ihren Sitz und schrie und weinte, bis die Nationalhymne durch die Lautsprecher dröhnt. In diesem Moment hörte sie ebenso wie all die anderen Mädchen auf zu schreien und stand stocksteif da. Kaum endete die Hymne – Gar-aar-ard Say-aay-aayve the Quee-eee-eeen! –fingen alle wieder an zu kreischen.“

Ich selber habe genauso empfunden wie Roz Chast, als sie She Loves You kurz vor ihrem neunten Geburtstag hörte, es ausdrückte. „Der Song liess mich zum ersten Mal erahnen, dass es da draussen ein andere Welt geben könnte …“. Diese Musik war eine Verheissung und stand für das Traumbild einer möglichen Zukunft, „die viel freudvoller und interessanter war als meine einsame und beinahe schon trostlose Kindheit mit den Hausaufgaben, Prüfungen, gemeinen Mädchen, dummen Jungs und Eltern, die sich über alles Sorgen machten und aus dem geringsten Anlass wütend wurden.“

Und wie immer passten Neuerungen, die nicht zu ihrem Vorteil sind, den Etablierten nicht. Sie verteufelten die Musik, regten sich über die langen Haare auf („Das ist heute fast unmöglich zu erklären, wie das wirkte … die HAARE“, so Bruce Springsteen), waren gegen alles, das sie aus ihrer comfort zone aufscheuchte. Die Beatles verkörperten Freiheit und veränderten damit die Welt weit drastischer als dies Dissidenten je vermochten. Und wurden dann von den Herrschenden vereinnahmt, denn sie brachten dem Land Ruhm und Geld, und nichts wurde damals wie heute mehr verehrt.

Der Beatles-Kult war jedoch auch ziemlich durchgeknallt, für ein Erinnerungsstück wie die Überstundenrechnung einer Angestellten im Haus von Ringo, war ein Sammler bereit 384 Pfund zu bezahlen. Die Götterverehrung nahm bisweilen auch makabre Züge an: „2011 wurde das Cover des Albums Double Fantasy, das John Lennon für seinen Mörder Mark Chapman signierte, für 532 000 Dollar versteigert.“

One Two Three Four zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, dass ganz viele und auf den ersten Blick unbedeutende Details (etwa die Geschichte über den Schlagzeuger Jimmie Nicol, der zehn Tage lang für Ringo einspringen durfte) zu einem überaus eindrücklichen Ganzen gefügt wurden, liegt an der überragenden Fabulierkunst des hellsichtigen, differenzierten und ausgesprochen humorvollen Craig Brown.

Fazit: Eine ganz wunderbare Zeitreise, sehr amüsant, höchst informativ, glänzend geschrieben. Eine Perle von einem Buch!

Craig Brown
One Two Three Four
Die fabelhaften Jahre der Beatles
C.H. Beck, München 2022

Nicolas Chamfort: Alle Gedanken, Maximen, Reflexionen

Ich wusste nicht, wer Nicolas Chamfort ist, als ich zu diesem Buch griff. Angesprochen hatte mich der Titel Alle Gedanken, Maximen, Reflexionen, denn ich schätze eigenständige Denker. Aus Albert Camus‘ eher mühsam zu lesendem Vorwort erfahre ich, dass die Handlung am Ende des 18. Jahrhunderts spielt, „in den Kreisen einer Gesellschaft, der es an Kraft, wenn auch nicht an Grazie fehlt und deren einzige Beschäftigung darin zu bestehen scheint, auf Vulkanen zu tanzen.“ Was man so recht eigentlich, wie ich finde, fast von jeder Gesellschaft sagen kann. Wie Camus hingegen Chamfort charakterisiert („Chamfort setzt seine Welterfahrung nicht in Formeln um.“) hat meine Sympathie und dass er ihn an Stendhal erinnert, verdoppelt sie geradezu.

Was ist ein Philosoph?, fragt Chamfort und antwortet wie folgt: „Ein Mensch, der dem Gesetz die Natur, dem Brauch die Vernunft, der öffentlichen Meinung sein Gewissen und dem Irrtum sein Urteil gegenüberstellt.“ Er spricht sich also nicht einfach für die  Vernunft aus, denn er weiss um ihre Tragik. „Unsere Vernunft macht uns manchmal ebenso unglücklich wie unsere Leidenschaften, und von dem Menschen, der sich in einer solchen Lage befindet, kann man sagen, dass er ein Kranker ist, den sein Arzt vergiftet hat.“

Alle Gedanken, Maximen, Reflexionen  ist ein sowohl geistreiches als auch witziges Werk, das unsere Illusionen über uns selber an ihren Platz verweist. „Die Menschen sind so verdorben, dass die blosse Hoffnung oder sogar der blosse Wunsch, sie zu bessern, sie vernünftig und ehrbar zu sehen, eine Absurdität ist, eine überspannte Idee, die man nur der Einfalt der ersten Jugend nachsehen kann.“ Ganz offenbar sind Selbstverbesserungsvorstellungen keine moderne Erscheinung. Eine besonders nüchterne Auffassung der menschlichen Natur, so lerne ich, ist in Italien heimisch. „Die Italiener sagen: Sotto ombelico nè religione nè verità.

Nicolas Chamfort hat sich zu ganz Unterschiedlichem Gedanken gemacht. „Von der Gesellschaft, den Grossen, den Reichen und den Leuten von Welt“ heisst ein Kapitel, ein anderes „Vom Geschmack am zurückgezogenen Leben und von der Würde des Charakters“, noch ein anderes „Über Frauen, Liebe, Ehe und Galanterie“. Ich überfliege vieles, auch mag ich mich mit Chamforts Verachtung der Frauen nicht befassen, konzentriere mich auf die mir nützlich erscheinenden Ausführungen. „Wir sollen nicht nur verstehen, mit denen zu leben, die uns richtig einschätzen können: solche Eigenliebe wäre zu empfindlich und zu schwer zu befriedigen. Aber unser eigentliches Leben sollten wir nur mit denen teilen, die wissen, wer wir sind. Selbst der Philosoph tadelt nicht eine derartige Eigenliebe.“

Speziell aufschlussreich fand ich die Rede, die im Jahre 1767 den Preis der Akademie von Marseille erhalten hat, worin er unter anderem darauf aufmerksam macht, wie verschieden doch die Natur den Menschen gemacht hat. „Welch unermesslicher Abstand besteht zwischen einem plumpen Wilden, der kaum zwei oder drei Vorstellungen miteinander verknüpfen kann, und einem Genie wie Descartes oder Newton!“ Und was schliesst er daraus? „Nutzt eure Macht, um das Genie zu beschützen, das eure Macht vergrössern soll; befreit diese friedlichen Gesetzgeber der Vernunft, die nur zugunsten eures Ruhms und für das Glück der Menschheit reden, vom Wüten des Neides und des barbarischen Vorurteils, und erinnert euch daran, dass es nicht in eurer Gewalt steht, eure Untertanen zu zwingen, ihnen den Gehorsam zu versagen.“

Fazit: Anregend, provozierend, realistisch.

Nicolas Chamfort
Alle Gedanken, Maximen, Reflexionen
Matthes & Seitz Berlin 2022

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