
Oberhalb von Wald, Zürcher Oberland, am 2. Januar 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Oberhalb von Wald, Zürcher Oberland, am 2. Januar 2020
Tim Cornwell, der diese Briefe seines Vaters herausgegeben hat, starb kurz nach Fertigstellung dieses Buches. Sein Vorwort ist teils Lobeshymne, teils Porträt, ein hellsichtiges und einfühlsames. „Anscheinend fühlte er sich vor allem von Menschen angezogen – ob nun romantischerweise oder nicht – , die konsequent und wirkmächtig handelten, aber auch von denen, deren Verzweiflung seiner eigenen ähnelte.“
Briefe herauszugeben ist keine leichte Aufgabe – was soll man rauslassen, was hineinnehmen? – , als Sohn die Briefe seines Vaters herauszugeben, ist noch um einiges schwieriger. Vonnöten ist eine Mischung aus Distanziertheit und Einfühlungsvermögen. Dass sich Tim Cornwell entschieden hat, so wenige Eingriffe wie möglich vorzunehmen, war sicherlich ein weiser Entscheid. Hilfreich ist überdies, dass er die meisten Briefe kontextualisiert, erfreulicherweise jedoch nicht im Übermass – auch das ist eine Kunst!
Schriftsteller verfassen auch ihre Briefe für die Nachwelt. So spannend sie als Dokumente der Selbstdarstellung auch sind, manchmal hätte man sich auch die Antwort des Adressaten gewünscht. So entschuldigte sich etwa le Carré wortreich bei Graham Greene für ein Interview in der „Times“, worin ihm eine nicht existierende Nähe zu Greene unterschoben wurde. Gerne hätte man Greenes Reaktion (so es denn eine gab) darauf erfahren.
John le Carré war ein produktiver Briefeschreiber, der seine Einschätzungen klar äusserte, was diesem Werk sehr zugute kommt. Dabei wird einem auch schmerzlich bewusst, wie feige viele Schreiber sind. Mit anderen Worten: le Carré scheint ein mutiger Mann gewesen zu sein. Und einer, dem es finanziell gut ging. In Zürich stieg er im Dolder Grand ab und speiste in der Kronenhalle; in Hamburg logierte er eine Woche im Kempinski Atlantic.
Man kann dieses Buch chronologisch angehen, man kann aber auch nach Belieben irgendwo reinlesen. Ich habe mich zu Letzterem entschieden, blätterte nach vor und zurück, und las mich immer mal wieder fest. Ein diskreter Spion ist eine überaus lehrreiche Lektüre. So erfährt unter anderem, dass der deutsche Journalist und Schriftsteller Yassin Musharbash le Carré als Rechercheur zur Seite stand und ihm vermitteln sollte, „wie Islamisten denken und planen und wie deutsche Geheimdienste operieren.“
Für einen Sozialdemokraten hat le Carré sich nie gehalten, auch „das neblige Wort“ Liberaler behagt ihm nicht, am ehesten passen würde vielleicht Humanist, „aber das klingt zu sehr nach Arbeit, wie ‚was mit Menschen machen'“, schreibt er 2020 an Daniel Ellsberg. Wenig später notiert er in einem Brief an Nicholas Shakespeare: „Ich habe das Gefühl, mit einem sinkenden Schiff unterzugehen, das von Irren und Katastrophensüchtigen gesteuert wird.“ Boris Johnson und Donald Trump hielt er für lächerliche Anführer „mit keinerlei Interesse am Gesetz.“
Wie wir uns über andere äussern, offenbart ja immer auch viel über uns selbst. In einem Brief an Ben Macintyre, den Verfasser von „Agent Sonja: Kommunistin, Mutter, Topspionin“, merkt er unter anderem an: „Doch am meisten gefällt mir, dass Sie uns mit der Zeit dazu bringen, Sonja selbst zu lieben und zu bewundern und ihre endgültige Desillusionierung zu bedauern, die in gewisser Hinsicht ja unsere eigene Enttäuschung spiegelt. Sie hatte wirklich Mumm und Nerven.“
Ein diskreter Spion ist auf vielfältige Art und Weise aufschlussreich und immer mal wieder auch überraschend. So erfährt man etwa aus einem Brief an Stephen Fry, das le Carrés einst die Schweizer Staatsbürgerschaft angeboten wurde – ein ziemlich beispielloser Vorgang (die offizielle Version will es, dass man sich zuerst bei einer Gemeinde darum bemühen muss), andererseits beileibe nicht das Einzige, das in der Schweiz hinter geschlossenen Türen abläuft. Schliesslich entschied er sich für das Exil in Cornwall – auf den englischen Witz und die oft damit einhergehende Niedertracht mochte er nicht verzichten.
John le Carré muss ein ausgesprochen meinungsstarker Mann gewesen zu sein. „Bin gerade aus dem Kongo zurück. Nicht zu empfehlen, grausiges Essen.“ Ein Zwar/Aber findet man bei ihm kaum – McEwans „Amsterdam“ fand er grässlich, Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ „einfach nur schlecht, anödend schlecht“ –, dafür Widersprüchliches wie etwa seine Einschätzung von Tom Wolfes „Ein ganzer Kerl“. Und er war ein aufmerksamer Leser, der unter anderem befand, Graham Greenes wunderbarere Satz Ich verhalte mich so, weil die Menschen mich beobachten „ist keine leicht in Worte zu fassende Einsicht“.
Ein diskreter Spion bietet ein breites Panorama von ganz Unterschiedlichem – Literatur, Familie, Politik. Zu den amüsantesten und erhellendsten Briefen gehört ein Schreiben an Alan Judd vom Februar 1996, in dem er auf ein Treffen mit Anatoly Adamishin, Botschafter der Russischen Föderation, sowie dessen Frau Olga Bezug nimmt. „Seine Gattin, die ständig von etwas schwärmt, ist eine Art Kunsthistorikerin. Sie haben ein Buch mitgebracht, das sie zusammen über die Villa der Botschaft in Italien ‚geschrieben‘ haben – es besteht nur aus Fotos. Beide sind völlig verzweifelt wegen Russland, sie vor allem bedauert das Ableben der alten Garde, auf spöttische Weise, denn damals habe man zumindest gewusst, wer die Ganoven gewesen seien. Vor allem beklagen die beiden den Verlust von Nationalstolz, der sich ganz echt & rührend anfühlt.“
Ganz besonders interessant sind die Briefe an die jeweiligen Verleger. Und speziell das Schreiben an Peter Osnos von Random House, New York, worin le Carré sich dagegen verwahrt, dass Markus Wolf, der einstige DDR-Geheimdienstchef, als Autor der Verlagsgruppe in Betracht gezogen werden soll. Einige werden sich erinnern: Nach dem Fall der Mauer war Wolf ein gefragter Gesprächspartner der Medien. Es spricht sehr für le Carrés Integrität, dass er nicht als Teil der Werbekampagne dieses Wendehalses zur Verfügung gestanden ist.
John le Carré war nicht nur bestens informiert, sondern verfügte auch über einen klaren Blick für das Wesentliche. Kein Wunder, sind seine Ausführungen zu den Russen besonders aufschlussreich. „Der Subtext sind natürlich die rücksichtslosen Geldwäscheoperationen, die die City zugunsten der Oligarchen durchführt, und das Auge, das wir angesichts der russischen Kleptokratie zudrücken.“
Fazit: Höchst unterhaltsame und überaus erhellende Aufklärung.
Tim Cornwell (Hrsg.)
Ein diskreter Spion
John le Carrés Briefe
Ullstein, Berlin 2025

Hibiscus, Santa Cruz do Sul, am 21. Dezember 2021
Zwei Frauen und vier Männer aus unterschiedlichen Ländern sind „auf einer Kerosinbombe in den Himmel geschossen worden“ und umrunden nun in ihrer Raumstation die Erde. Was soll man auf engstem Raum tun? Strichlisten führen, wurde ihnen im Training gesagt. „Führt eine Liste, einen Strich für jeden Morgen, an dem ihr aufwacht, sagt es euch selbst vor, dies ist der Morgen eines neuen Tages. Führt es euch immer wieder vor Augen. Dies ist der Morgen eines neuen Tages.“
So sehr am Anfang der Mission alle ihre Familien vermissen, mit der Zeit empfinden sie die andern an Bord als ihre Familie. Und so sehr sie sich bemühen mittels Krafttraining gegen die eigene Auflösung anzukämpfen, sie spüren auch, wie der Weltraum sie von ihren gewohnten Vorstellungen befreien will. „Doch der Verstand befreit sich innerhalb der ersten Woche. Ihr Verstand befindet sich in einer irren Sphäre, in der Tage bedeutungslos sind, und surft am taumelnden Horizont der Erde entlang. Kaum ist da ein Tag da, sehen sie auch schon wie die Nacht sich ähnlich dem Schatten einer Wolke, der über ein Weizenfeld hinweghuscht, nähert. Fünfundvierzig Minuten später abermals ein neuer Tag, stürzt sich über den Pazifik heran. Nichts ist so, wie sie es sich vorgestellt haben.“
Über die Welt als Wille und Vorstellung, schrieb bekanntlich Schopenhauer. Eindrücklich erzählt Samantha Harvey von einem Dasein, in dem unsere Vorstellungen nicht mehr greifen, sich unserem Verstand entziehen.
Diskretion ist wichtig, das Herkommen jedoch nicht, schliesslich sind sie jetzt eine Art fliegende Familie. Alles ist vorgegeben, die Tage minutiös geplant, „alles Unvorhergesehene wird vorhergesehen.“ Haben sie nicht Angst, etwas könnte schieflaufen, ein Leck im Treibstofftank, ein Zusammenstoss mit einem Meteoriten? Doch, haben sie, manchmal, „aber meistens nicht, immerhin leben alle Wesen in lebenserhaltenden Maschinen, gemeinhin Körper genannt, und die werden auch alle irgendwann den Geist aufgeben.“ Umlaufbahnen ist wesentlich ein Roman über die Fragilität, die Kostbarkeit, das Wunder des Lebens.
Sieben Astronauten sind auf der Challenger gestorben. „Ich war entsetzt, erzählt Nell. Es erschreckte mich, dass sie in einem Moment da waren und im nächsten schon nicht mehr. Einfach weg, innerhalb von siebzig Sekunden.“ Und natürlich stellen sie sich Fragen: Warum tun sie eigentlich, was sie tun? „Er ist sich nie sicher, ob die Sehnsucht der Menschen nach dem Weltraum Ausdruck von Neugier ist oder von Undankbarkeit.“ So sehr das Kreisen der Astronauten in vorgegebenen Bahnen verläuft, die Gedanken von Samantha Harvey tun das definitiv nicht. Immer wieder überrascht sie mit Überlegungen, die einen zum Innehalten verführen. Ein Glück!
Sie sehen, was die Menschen auf der Erde nicht sehen. Die sich zusammenbrauende Pracht eines aufkommenden Sturmes etwa. Macht über den Sturm haben sie jedoch nicht, können nur zuschauen, wie er sich nähert. „Sie, die Besatzung, sind wie Wahrsager, Wahrsager, die die Zukunft sehen und vorhersagen, aber nicht aufhalten oder ändern können.“
Je mehr die Wissenschaft voranschreitet, desto kleiner und bedeutungsloser werden wir. Umso eigenartiger ist, dass es uns überhaupt gibt. Und diesen Planeten Erde, der imstande ist Pilze oder Gehirne hervorzubringen. Und uns Menschen mit unseren wundersamen und abstrusen Eigenschaften. Als die russische Raumfahrtbehörde Toiletten nur für russische Kosmonauten einführte, gab es kurz darauf Toiletten, die ausschliesslich von Amerikanern, Europäern und Japanern benutzt werden durften. Nichtsdestotrotz schauen sich alle zusammen Kosmonauten in einen russischen Film an, „deren Körper während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre von Aliens gekapert werden.“ Umlaufbahnen ist sowohl unterhaltsam als auch erhellend – eine Mischung, der schwer zu widerstehen ist.
Umlaufbahnen erzählt die Geschichte zweier Perspektiven: von der Erde aus gesehen und die Erde von oben betrachtend. Das Faszinierende dabei ist, dass diese beiden Sichtweisen zusammengehören, die eine jeweils von der anderen ergänzt, korrigiert und manchmal über den Haufen geworfen wird. Ohne Ziel kreisen sie im All. „Gefangen im Dauerlooping und nie brechen sie aus.“ Alles ist minutiös geplant, Individualität ist nicht gefragt. Vermutlich werden sie schon bald durch Roboter ersetzt. Dabei hatten sie sich das alles ganz, ganz anders vorgestellt. „Ihr erscheint das alles seltsam. Alle deine Träume von Abenteuer und Freiheit und Entdeckungen kulminierten in dem Verlangen, Astronautin zu werden, und dann kommst du hier oben an und sitzt in der Falle.“
Samantha Harvey gelingt es ausgezeichnet, uns nicht nur das Unerklärliche (was könnte unerklärlicher sein als das Universum?) näherzubringen, sondern auch unsere eigenartigen Versuche, damit klarzukommen. Keine Frage, wir sind völlig überfordert. Was also tun? Unserer Standardeinstellung nachgeben (wir stehen im Zentrum, alles dreht sich um uns), die uns hilft, uns zu orientieren, obwohl wir wissen, dass sie falsch ist? „Mitunter sehen sie die Erde an und sind versucht, alles, wovon sie wissen, dass es wahr ist, über Bord zu werfen und zu glauben, dass dieser Planet im Zentrum von allem steht. Er wirkt so spektakulär, so ehrwürdig und majestätisch.“
Umlaufbahnen ist eine überaus gelungene Einladung, die Welt und unser Dasein neu zu sehen, sich vom gewohnten Denken zu befreien.
Samantha Harvey
Umlaufbahnen
Roman
dtv, München 2024

Aechmea fasciata, Santa Cruz do Sul, 2. Januar 2022
Dieser Roman spielt zwischen 1908 (Rue Gazan, Paris) und 2025 (Finnischer Meerbusen) und ist unter anderen auch John Berger (den ich zu den unabhängigsten und aufmerksamsten Kommentatoren der Fotografie zähle) gewidmet, weswegen ich die Lektüre denn auch ausgesprochen positiv angehe. Gleich zu Beginn stosse ich auf Sätze, die mein Weltverständnis besser ausdrücken als fast alles, was mir gegenwärtig präsent ist. „Er hielt das Geheimnis, das allem innewohnte, nicht für formlos oder vage oder für eine Unstimmigkeit, sondern für das, was in uns Raum liess für etwas klar Umrissenes. Er war nicht der Meinung, dass man diesen Raum mit Religion oder Wissenschaft ausfüllen musste, denn er sollte ganz und gar unberührt bleiben; wie Stille, Sprachlosigkeit oder die Dauer.“
Robert ist mit einem lahmen Bein aus dem Krieg zurückgekehrt. Helena überredet ihn, einen Assistenten für das Fotostudio einzustellen, jemand, der sich mit den Chemikalien und Verfahren auskannte, der wusste, wie man Lichter und Requisiten wirkungsvoll einsetzte. Robert Stanley hat zwar keine Erfahrung, doch er lernt schnell.
Das Fotostudio erfreut sich reger Kundschaft, vor allem Familienporträts sind gefragt, man zeigt sich im besten Licht, will einen Beweis dafür, dass man den Krieg überlebt hat. Nicht die Wirklichkeit soll abgebildet werden, sondern wie man sich entschieden hat, diese Wirklichkeit zu sehen.
Eines Tages fotografiert John einen jungen Mann. Er weiss, dass die Kamera oft Dinge sieht, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben, doch dass da plötzlich eine ihm unbekannte Frau auf den Abzügen zu sehen war, widersetzt sich jeder Erklärung. Der junge Mann sagt, es handle sich um seine verstorbene Mutter. Sind die Toten vielleicht unter uns?
„Die Toten zeigen uns auf viele Arten, dass sie bei uns sind. Manchmal bleiben sie absichtlich fern, um sich durch ihre Wiederkehr bemerkbar zu machen. Manchmal bleiben sie an unserer Seite und gehen dann, um zu zeigen, dass sie bei uns waren. Manchmal führen sie einen Hirsch zum Friedhof, setzen einen Rotkardinal auf den Zaun, bringen ein Lied im Radio, sobald wir es anmachen. Manchmal bringen sie Schnee.“
Zeitpfade besticht durch Wahrnehmungen, die sich uns dann erschliessen, wenn wir unsere vorgefertigten Gedanken, die das, was wir sehen, beiseitelassen und uns einfach dem hingeben, was ist. „Wie können wir die Existenz all dessen, was ist, infrage stellen? Wie können wir Unsichtbarkeit mit Inexistenz ins eins setzen?“ Uns ist die Möglichkeit gegeben, zu lernen, uns dem Zauber des Unbegreiflichen hinzugeben.
1951, in London, entdeckt Helena ihr Maltalent. Und sie nimmt wahr, dass vieles, das sie weiss, nicht in Worten ausgedrückt werden muss. Zudem lernt sie, das Ungewohnte zu schätzen. „… sie wusste, dass gerade etwas passiert war, ohne zu wissen, was es zu bedeuten hatte …“. .
Dieser Roman wird nicht chronologisch erzählt, auch weil das, von dem hier erzählt wird, sich nicht in den uns vertrauten Kategorien von Zeit, Sprache und Raum fassen lässt. „Maras Erfahrung nach war das Übernatürliche nichts anderes als die Präsenz des Guten, die Liebe, die sich vom Leichnam freibrennt; es ist immer die Liebe, die dem Wüten der Menschheit zu entkommen versucht.“
Zeitpfade setzt sich auf vielfältige und sehr behutsame Weise mit der Erinnerung auseinander, weshalb denn auch die Fotografie eine zentrale Rolle spielt. „Man benötigt keine Kamera, um zu sehen oder sich zu erinnern“, sagte er, „aber man braucht sie, um das zu belegen, was vergangen ist – damit andere sich erinnern.“
Der Fotografie eignet etwas Geheimnisvolles. Fotos können ganz Unterschiedliches auslösen, doch nichts davon ist wirklich fassbar, vor allem nicht die Sehnsucht, die einige Fotografien hervorrufen können. „Es geht ums Besitzen, dachte sie, um die Anerkennung dessen, was uns niemals gehören kann, eigentlich steht uns diese Sehnsucht nicht zu, und trotzdem erzeugt das Sehen eine Erinnerung oder gewährt eine Erinnerung oder bestätigt eine Erinnerung (…) Vielleicht stirbt die Erinnerung, wenn wir sterben. Vielleicht verdunstet sie und hinterlässt ihr Salz. Wenn jemand stirbt, verändert sich sogar die Luft.“
Nichts entzieht sich uns mehr als die Erinnerung, nichts ist unerklärlicher und mysteriöser. Selten wurde das poetischer gezeigt als in Zeitpfade.
Anne Michaels
Zeitpfade
Roman
Berlin Verlag 2024
Kriminalkommissarin Leo Asker kriegt einen Anruf von ihrem Vater, von dem sie seit Jahren nichts gehört hat. „Ihr Vater, der Verrückte, der Bunker baut und Waffen, Sprengmittel und lebensnotwendige Güter ansammelt, während er sich auf den Tag des Jüngsten Gerichts vorbereitet.“ Er ist ein Prepper oder Survivalist, der sein Leben der Vorbereitung auf eine künftige Katastrophe gewidmet hat.
Zur gleichen Zeit erhält Leos Kindheitsfreund Martin Hill, Lektor an der Universität Lund, wo er ein Seminar über die Architektur des Verfalls gibt (nichts, was man an einer Uni nicht unterrichten könnte!), das Angebot, auf einer Privatinsel mit verlassenem Observatorium die Geschichte der Firma Alfacent zu schreiben, die im medizintechnischen Bereich erfolgreich wirtschaftet. Wie der Autor die Atmosphäre bei der Firma schildert – die modisch inszenierte Kompetenz – wirkt genauso klischeehaft wie die moderne Wirklichkeit sich präsentiert.
Leo Asker und Martin Hill verbindet mehr als eine gemeinsame Kindheit. Martin wurde von einem Serienmörder angeschossen, Leo hat diesen erschossen. Und dann ist da noch diese Anziehungskraft zwischen den beiden. Anders de la Motte lässt wirklich nichts aus.
Leos Vater Prepper-Per hatte einst versucht, sie umzubringen „Fünfzehn Jahre lang hat sie den Gedanken an Prepper-Per verdrängt. Ihr Gespenst, ihr Dämon. Und manchmal auch ihr Retter, so seltsam das klingen mag. Und vor allem – ihre Schwachstelle.“ Eine Leiche wird gefunden, in einer alten Deponie für Gartenabfälle, die seit fünfzehn Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Leo kennt den Toten, es ist Onkel Tord. Die Polizei bringt ihren Vater damit in Verbindung und plant einen Einsatz auf der Farm, wo er sich verschanzt hat.
Das Anwesen der Familie Irving, der Eigentümerin der Firma Alfacent, ist riesig. Hier nun soll Martin Hill die Firmengeschichte, und vor allem die Biographie des Familienpatriarchen schreibe. „Das alles kommt ihm unwirklich vor und dabei so spannend.“ Ich fühlte mich an Stieg Larssons Schilderung der Familie Vanger erinnert, als Mikael Blomkvist auf dem Anwesen der Familie Recherchen zur Familiengeschichte vornimmt.
Martin musste eine Schweigeklausel unterschreiben, er darf mit niemandem über sein Projekt sprechen, auch darf er nicht alle Teile des Anwesens aufsuchen. Aus Sicherheitsgründen, wird ihm gesagt. Wie jedes System zeichnet sich auch dieses durch Kontrolle aus. Martin merkt, dass er überwacht wird; er merkt aber auch, dass jemand ihm Hinweise gibt.
Eisiges Glas pendelt hin und her zwischen Leos Bemühungen ihren Vater zu schützen und Martins leicht surrealer Anwesenheit auf dem Anwesen der Familie Irving, wo er den Mythos über die Firmengründung mit der modernen Ausrichtung der Firma in Einklang bringen soll. Dazu kommen Rückblenden zu Ereignissen von vor sechzehn Jahren. Und dann tritt auch immer wieder „Der Gläserne Mann“ in Erscheinung, der das Geschehen aus der Distanz verfolgt. Nicht zuletzt geht es in diesem Kriminalroman auch darum, dass der Mensch – das Frankenstein-Syndrom – die Kontrolle über das von ihm Geschaffene verliert.
Es passiert viel Geheimnisvolles in diesem Buch. Nicht nur wird Leo von einem Unbekannten verfolgt, zirkuliert eine Ufo-Geschichte, läuft vieles über Blicke; auch die ganz unterschiedlichen Begegnungen der Protagonisten Leo und Martin sind nicht wirklich zu fassen. Dies trägt viel zur Suspense-Atmosphäre bei. Nach und nach zeigen sich dann die Dinge, wie sie sind. Der Faden, der sich durch die Geschichte zieht, ist das Schicksal von Kindern, die unter Vätern leiden, die verrückt geworden sind.
Wir leben in globalisierten Zeiten, in denen überall auf der Welt (Nord)Amerikanisches präsent ist. Anders de la Motte unterstreicht dies unter anderem mit Bezugnahmen auf Apocalypse Now oder die Simpsons. Und er zeigt auch sehr schön auf, was Google Maps uns nicht zeigen können. „Was die Bilder aber nicht zeigen, stellt sie bei ihrer Ankunft fest: Beide Gebäude stehen kurz vor dem Verfall.“
Humor ist in diesem Kriminalroman spärlich gesät und nicht immer gelungen. „Ihr Schwager hatte so wenig Persönlichkeit, dass sich die automatischen Türen des Supermarktes kaum öffnen, wenn er kommt.“ Sehr gelungen sind hingegen das Porträt des paranoiden Manipulators Prepper-Per sowie die Einblicke in polizeiliche Befragungstechniken. „Der Trick bei Befragungen mit Leuten, die medienerfahren sind, ist es, auf das zu hören, was die Leute auslassen.“
„Laut Polizeiregister ist er unter verschiedenen Namen wegen minderschwerer Hehlerei vorbestraft, was vermutlich bedeutet, dass er clever genug ist, mit seinen grösseren Delikten ungeschoren davonzukommen.“ Auf der Suche nach diesem Mann landet Leo auch in einem Sportstudio, wo sie irrtümlicherweise als Teilnehmerin eines Selbstverteidigungskurses identifiziert und aufgefordert wird, mitzumachen. Was dann geschieht gehört zu meinen Lieblingsszenen in diesem Buch.
Fazit: Wechselvoll und vielgestaltig. Besonders aufschlussreich ist, wie Anders de la Motte die Polizeiarbeit schildert. Kein Wunder, er arbeitete mehrere Jahre als Polizist.
Anders de la Motte
Eisiges Glas
Leonore Askers besondere Fälle
Droemer, München 2024

Zwischen Santa Cruz und Sinimbu, am 20. Dezember 2021
Dass ich bereits auf den ersten Seiten eines Romans mehrmals laut heraus lache, geschieht überaus selten. Bei Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit liegt dies an Dialogen wie diesem: „Bitte verzeihen Sie die Unordnung, unsere Putzhilfe ist verhindert.“ Sie schaute sich um. „Seit wie vielen Jahren?“ Und an Beschreibungen wie dieser. „Sie warf ihm das Geld zu und wandte sich ab. Sie griff nach dem Knauf, trat gegen die Tür und öffnete sie in einer einzigen flüssigen Bewegung – auf eine Weise, die Paul den restlichen Abend lang zu wiederholen versuchte. Ohne Erfolg.“
Ein mysteriöses Rachekommando namens Púca hat sich die Profiteure der irischen Wirtschaftskrise vorgenommen. Ein prominenter Bauunternehmer ist gefoltert und umgebracht worden, das zweite Opfer ist ein Stadtrat, weitere folgen. Selbst die Pathologin würde später, wenn sie alleine in ihrem Büro sass, „eine heimliche Träne vergiessen angesichts der tief sitzenden Brutalität der Menschheit.“ Mit anderen Worten: Dieser Krimi ist von tiefer Menschlichkeit durchdrungen. „Es gebe eine tief sitzende Scheinheiligkeit im Herzen der îrischen Gesellschaft, die offengelegt werden müsse, sagte (Pater) Franks- Die grossen Konzerne würden heiliggesprochen und die einfachen Menschen geopfert. Es mochte ja sein, dass die Sanftmütigen eines Tages das Erdreich besitzen würden, wie es in der Bibel hiess, aber in welchem Zustand würde die Erde sein, wenn es soweit war?“
Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit gehört zu der Art von Krimi, die so recht eigentlich unsere Zeit weit besser abbilden, als das soziologische oder psychologische Studien vermögen. So sind etwa die Protestler, die sich Pater Franks angeschlossen und ein leerstehendes Industriegebäude besetzt haben, ein überaus bunter Haufen ganz verschiedenartiger Charaktere. Dass geht von den normalen Obdachlosen zu den Kleinkriminellen und Drogensüchtigen zu den Kindern aus gutem Hause, die ihren Eltern eins auswischen wollen. Und sie sind überall dabei, wo es irgendetwas zu protestieren gilt, von den Umgehungsstrassen, zu den Gas-Pipelines zu den Hausräumungen.
Es ist eine ausgesprochen farbige Mischung, die derzeit den Planeten Erde bevölkert. Und kaum jemand demonstriert das eindrücklicher als C. K. McDonnell. „Sie trug an ihrem Körper derartig viel Metall, dass es vermutlich einen Monat dauerte, um sie durch die Kontrolle am Flughafen zu bekommen.“ Und gerade noch ein Beispiel: „Der Einsatzleiter, Sergeant Paice, machte den Eindruck eines Mannes, der seit seiner Geburt an nichts eine Freude gehabt hatte, aber Brigits Auftauchen schien ihn ganz besonders unglücklich zu machen.“
Paul Mulchrone, die Krankenpflegerin Brigit Conray und Bunny McGarry, alle drei furchtlose Anhänger von Selbstjustiz (Birgit fesselte einen nackten Arzt acht Stunden lang mit Handschellen ans Bett) wollen eine Detektei gründen, was allerdings auf bürokratische Hürden stösst, da Bunny, der einzige, der die erforderlichen Qualifikationen vorweisen kann, wie vom Erdboden verschluckt ist. Paul nimmt trotzdem einen ersten Auftrag wahr: Im Auftrag der Geliebten eines vermögenden Gauners soll er herausfinden, ob dieser beabsichtigt, zu seiner Gattin zurückzukehren!
Da ein Privatdetektiv über gewisse Kenntnisse verfügen sollte, doch Paul keine solche hat, beschliesst er, sich in einer Buchhandlung kundig zu machen, wo er sich bei einer Verkäuferin nach Büchern übers Beschatten erkundigt. „Ihr Gesicht zierten zwei Piercings und ihre rot gefärbten Haare sahen aus, als hätten drei verschiedene Friseure auf ihrem Kopf einen Frisurenwettbewerb ausgetragen, der zu einer recht unbefriedigenden Pattsituation geführt hatte.“
Währenddessen versucht Brigit herauszufinden, wo sich der Säufer und Spieler Bunny (“ … ein guter Mensch, der böse Dinge tut, um zu erreichen, was er für richtig hält.“) aufhält, wobei sie auch auf einen junge Mann trifft, der ein Lächeln draufhatte, „das in seiner Strahlkraft entschieden unirisch wirkte.“ Es sind solche Beobachtungen, die überaus witzig unsere (grösstenteils unbewussten) Erwartungen beleuchten, die diesen Dublin-Krimi auszeichnen. Dann aber auch Sätze wie diese, die für die Absurdität unserer Konsumwelt stehen. „Paul wartete und lauschte einer berühmten Klassikmelodie. Er kannte sie aus einer Werbung für Aftershave oder Bier; er konnte sich nicht mehr genau erinnern.“
Rasant, bizarr, skurril, lustig, abgedreht, so schreibt C. K. McDonnell, der Stand-up-Comedian gewesen war und Fernsehdrehbücher verfasst hatte, bevor er mir dem Schreiben von Romanen anfing. Sein grösstes Talent besteht jedoch darin, Vorgänge, über die man noch nie wirklich nachgedacht hat (zugegeben, ich spreche von mir), so zu schildern, dass man sie mit ganz neuen Augen sehen kann. So meint er etwa zur Massage: „Kennedy war es egal, was andere darüber dachten, aber Small Talk war eine Sache der Unmöglichkeit, wenn einer der Beteiligten dabei nackt war und für die Anwesenheit der anderen Person zahlte.“
So sehr auch C. K. McDonnell einen lachen macht, seine praktisch-philosophischen Einsichten haben es in sich. „Besonders geschickt war er immer im Umgang mit Menschen gewesen – was nicht selten Leute von sich behaupteten, die gut lügen konnten und es wie eine Stärke und nicht wie einen Charakterfehler erscheinen lassen wollten.“ Und seine Beschreibung der politischen Kultur, in der Charakterfehler der Karriere keineswegs hinderlich sind, Integrität jedoch schon, zeugt von einer erfreulich nüchternen Weltsicht. Dazu kommt seine unvergleichliche Begabung, den zeitgenössischen Irrsinn als Satire abzuhandeln. Und dann ist da noch die ehemalige Polizeihündin Maggie, die es in Sachen Eigenwilligkeit mit all den anderen eigenwilligen Figuren dieses Krimis locker aufnehmen kann.
Fazit: Grossartig, ich habe Tränen gelacht! Besser lassen sich unsere aberwitzigen Zeiten nicht schildern.
C. K. McDonnell
Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit
Ein Dublin-Krimi
Eichborn, Köln 2024

Zürich, am 14. Juli 2023