Wunderbar, toll, denkt es bereits nach den ersten wenigen Seiten in mir, denn die Stimme, der Tonfall, die Art und Weise, wie Maggie Sullivan von ihren jungen Jahren erzählt, gemahnt mich an meine eigene Kindheit, auch wenn diese ganz, ganz anders gewesen ist. Es ist der Umgang der Kinder miteinander, diese Mischung aus Freundschaft und Konkurrenz, die derart gut getroffen ist, dass ich mich in meine ersten Lebensjahre zurückversetzt fühle.
Der Vater landet im Gefängnis, Maggie bei Pflegeeltern. Sie wird vom Sportlehrer, einem Serientäter in Sachen Kinderschändung, missbraucht. Dann von einem Polizisten. Als dieser es unterlässt, sie zu ermahnen, niemandem davon zu erzählen, ist ihr klar, dass sie selber nicht zählt, er hingegen unantastbar ist. All das wird unaufgeregt und sachlich geschildert; dass man sich auch wehren könnte, ist kein Thema.
Eines Tages befindet ihre Pflegemutter, Maggie brauche einen BH. Die Frau im Laden taxiert sie, „mit der flotten Effizienz eines Automechanikers“, als 70C. Nach dem Kauf geht sie mit ihrer Pflegemutter zu Donut King, „und sie kaufte mir meinen ersten Cappuccino, wodurch ich mich erwachsener fühlte als durch die BHs.“ Ich kann mich nicht erinnern. mich jemals intensiver in meine Jugend zurückversetzt gefühlt zu haben, was, wenn man es recht bedenkt, einem Wunder gleichkommt, denn weder war ich ein Mädchen, noch jemals bei Pflegeeltern. Und auch nicht in Australien, sondern in der Schweiz. Doch die ersten Erfahrungen (die ersten Freunde, der erste Kuss, der erste Sex) sind eben auf der ganzen Welt die gleichen.
Sie kommt zu Judith, einer neuen Pflegemutter. „Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es sein würde, woanders zu leben, ohne Judith. Ich hatte mich an ihren trockenen Humor, ihre lakonische Ausdrucksweise und Direktheit gewöhnt. Sie erwartete viel. Sie fragte nach sich nur schwer vorstellen, dass Pädagogen und Pädagoginnen davon viel Ahnung haben
Judith erleidet einen Schlaganfall, Maggie macht ihren Schulabschluss, schreibt sich an der Uni ein. Bei den Einführungstagen kennt sie niemanden. „Ein Junge reichte mir einen Flyer für eine Wet-T-Shirt-Party, die an diesem Abend in einem Klub in der Stadt stattfinden sollte. Ich holte mir einen kostenlosen Kugelschreiber und einen Schlüsselring von der Studentenvereinigung, ein paar Broschüren über Abtreibung von der Sozialistischen Alternative und trank unter einem Baum ein warmes Bier.“ Nichts illustriert die Absurdität unseres menschlichen Tuns besser als die nüchterne Beschreibung dessen, was wir für normal halten.
Sie landet in der Psychiatrie, wie sie dorthin gekommen ist, weiss sie nicht. Im Nachhinein erfährt sie, dass ihre Freundin Alice sie eingewiesen hat. Als sie rauskommt, muss sie Medikamente nehmen, sich eine neue Wohnung suchen, da bei Alice zwischenzeitlich eine andere Frau eingezogen ist. „,,, ich stellte fest, dass ich nicht wütend war, nicht einmal schockiert. Ich empfand allgemein nicht viel. Es kam mir nur wie der nächste Schritt in einer Abfolge vor, die bereits im Gange war. Die nächste Szene in einem Theaterstück. Ich hatte das gleiche reisekranke Déjà-vu-Gefühl wie im Krankenhaus, das gleiche Gefühl von Unabwendbarkeit.“ Es ist dieses nüchterne Registrieren dessen, was ist, das ihr Überleben sichert. Sie ist stark und resilient. Kein Hadern mit dem Schicksal, sondern eine Fähigkeit zur Akzeptanz, die in einer imponierenden Lebenstauglichkeit gründet.
Maggie heiratet, wird schwanger, der Bub stirbt mit nur gerade zwölf Wochen. Sie wird wieder schwanger, der zweite Bub stirbt mit achteinhalb Monaten. Das dritte Kind, ein Mädchen, stirbt nach acht Wochen. Das ruft die Polizei auf den Plan. Sie wird befragt, kommt in Untersuchungshaft, dann auf Kaution frei, taucht unter, fliegt nach Neuseeland, erschafft sich ein neues Ich, lernt einen Amerikaner namens Jeff kennen, zieht zu ihm nach Amerika. Sie erlebt Jeff als durchdrungen von „einem patriotischen Pflichtgefühl“ und bringt damit den mir unerklärlichen amerikanischen Respekt für das Präsidentenamt auf den Punkt.
Sie und Jeff trennen sich, sie wird abhängig vom Schmerzmittel Oxycodon. Sie sehnt sich nach Liebe, ihre zahlreichen Begegnungen/Beziehungen scheitern allesamt. Weil sie sich nicht offenbaren kann, nicht zeigen kann, was sie selber vor sich versteckt? Käme wirklich jemand damit klar, dass ihre drei kleinen Kinder gestorben sind? „Ich dachte, ich hätte mein ganzes Leben damit verbracht, allein zu sein und alles selbst in die Hand zu nehmen. Aber ich war mir nicht bewusst gewesen, wie erdrückend diese Abgeschiedenheit sein würde. Es bringt nichts, in Selbstmitleid zu versinken, und doch – und doch.“
Sie beginnt zu saufen, landet auf der Strasse, beginnt mit Hilfe von Jeff einen Entzug, kommt in die Reha, geht zu den Narcotics Anonymous, und denkt, als sie an einem hellen, kalten Morgen mit ihrem Hund Gassi geht, „dass ich vielleicht dafür bestimmt bin, das zu überstehen. Wir haben nichts mehr zu befürchten.“
Körper aus Licht ist ein ungemein bewegendes Dokument der Resilienz, das Kindheitserfahrungen auf einzigartige Art und Weise nachvollziehbar macht, und eindrücklich aufzeigt, dass die Vorstellung, man könne etwas hinter sich lassen oder gar bewältigen, eine Illusion ist. Doch man kann lernen, mit seinen Dämonen zu leben. Auch das zeigt dieses grossartige Werk.
Jennifer Down
Körper aus Licht
Roman
Ullstein, Berlin 2025
