Samantha Harvey: Umlaufbahnen

Zwei Frauen und vier Männer aus unterschiedlichen Ländern sind „auf einer Kerosinbombe in den Himmel geschossen worden“ und umrunden nun in ihrer Raumstation die Erde. Was soll man auf engstem Raum tun? Strichlisten führen, wurde ihnen im Training gesagt. „Führt eine Liste, einen Strich für jeden Morgen, an dem ihr aufwacht, sagt es euch selbst vor, dies ist der Morgen eines neuen Tages. Führt es euch immer wieder vor Augen. Dies ist der Morgen eines neuen Tages.“

So sehr am Anfang der Mission alle ihre Familien vermissen, mit der Zeit empfinden sie die andern an Bord als ihre Familie. Und so sehr sie sich bemühen mittels Krafttraining gegen die eigene Auflösung anzukämpfen, sie spüren auch, wie der Weltraum sie von ihren gewohnten Vorstellungen befreien will. „Doch der Verstand befreit sich innerhalb der ersten Woche. Ihr Verstand befindet sich in einer irren Sphäre, in der Tage bedeutungslos sind, und surft am taumelnden Horizont der Erde entlang. Kaum ist da ein Tag da, sehen sie auch schon wie die Nacht sich ähnlich dem Schatten einer Wolke, der über ein Weizenfeld hinweghuscht, nähert. Fünfundvierzig Minuten später abermals ein neuer Tag, stürzt sich über den Pazifik heran. Nichts ist so, wie sie es sich vorgestellt haben.“

Über die Welt als Wille und Vorstellung, schrieb bekanntlich Schopenhauer. Eindrücklich erzählt Samantha Harvey von einem Dasein, in dem unsere Vorstellungen nicht mehr greifen, sich unserem Verstand entziehen.

Diskretion ist wichtig, das Herkommen jedoch nicht, schliesslich sind sie jetzt eine Art fliegende Familie. Alles ist vorgegeben, die Tage minutiös geplant, „alles Unvorhergesehene wird vorhergesehen.“ Haben sie nicht Angst, etwas könnte schieflaufen, ein Leck im Treibstofftank, ein Zusammenstoss mit einem Meteoriten? Doch, haben sie, manchmal, „aber meistens nicht, immerhin leben alle Wesen in lebenserhaltenden Maschinen, gemeinhin Körper genannt, und die werden auch alle irgendwann den Geist aufgeben.“ Umlaufbahnen ist wesentlich ein Roman über die Fragilität, die Kostbarkeit, das Wunder des Lebens.

Sieben Astronauten sind auf der Challenger gestorben. „Ich war entsetzt, erzählt Nell. Es erschreckte mich, dass sie in einem Moment da waren und im nächsten schon nicht mehr. Einfach weg, innerhalb von siebzig Sekunden.“ Und natürlich stellen sie sich Fragen: Warum tun sie eigentlich, was sie tun? „Er ist sich nie sicher, ob die Sehnsucht der Menschen nach dem Weltraum Ausdruck von Neugier ist oder von Undankbarkeit.“ So sehr das Kreisen der Astronauten in vorgegebenen Bahnen verläuft, die Gedanken von Samantha Harvey tun das definitiv nicht. Immer wieder überrascht sie mit Überlegungen, die einen zum Innehalten verführen. Ein Glück!

Sie sehen, was die Menschen auf der Erde nicht sehen. Die sich zusammenbrauende Pracht eines aufkommenden Sturmes etwa. Macht über den Sturm haben sie jedoch nicht, können nur zuschauen, wie er sich nähert. „Sie, die Besatzung, sind wie Wahrsager, Wahrsager, die die Zukunft sehen und vorhersagen, aber nicht aufhalten oder ändern können.“

Je mehr die Wissenschaft voranschreitet, desto kleiner und bedeutungsloser werden wir. Umso eigenartiger ist, dass es uns überhaupt gibt. Und diesen Planeten Erde, der imstande ist Pilze oder Gehirne hervorzubringen. Und uns Menschen mit unseren wundersamen und abstrusen Eigenschaften. Als die russische Raumfahrtbehörde Toiletten nur für russische Kosmonauten einführte, gab es kurz darauf Toiletten, die ausschliesslich von Amerikanern, Europäern und Japanern benutzt werden durften. Nichtsdestotrotz schauen sich alle zusammen Kosmonauten in einen russischen Film an, „deren Körper während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre von Aliens gekapert werden.“ Umlaufbahnen ist sowohl unterhaltsam als auch erhellend – eine Mischung, der schwer zu widerstehen ist.

Umlaufbahnen erzählt die Geschichte zweier Perspektiven: von der Erde aus gesehen und die Erde von oben betrachtend. Das Faszinierende dabei ist, dass diese beiden Sichtweisen zusammengehören, die eine jeweils von der anderen ergänzt, korrigiert und manchmal über den Haufen geworfen wird. Ohne Ziel kreisen sie im All. „Gefangen im Dauerlooping und nie brechen sie aus.“ Alles ist minutiös geplant, Individualität ist nicht gefragt. Vermutlich werden sie schon bald durch Roboter ersetzt. Dabei hatten sie sich das alles ganz, ganz anders vorgestellt. „Ihr erscheint das alles seltsam. Alle deine Träume von Abenteuer und Freiheit und Entdeckungen kulminierten in dem Verlangen, Astronautin zu werden, und dann kommst du hier oben an und sitzt in der Falle.“

Samantha Harvey gelingt es ausgezeichnet, uns nicht nur das Unerklärliche (was könnte unerklärlicher sein als das Universum?) näherzubringen, sondern auch unsere eigenartigen Versuche, damit klarzukommen. Keine Frage, wir sind völlig überfordert. Was also tun? Unserer Standardeinstellung nachgeben (wir stehen im Zentrum, alles dreht sich um uns), die uns hilft, uns zu orientieren, obwohl wir wissen, dass sie falsch ist? „Mitunter sehen sie die Erde an und sind versucht, alles, wovon sie wissen, dass es wahr ist, über Bord zu werfen und zu glauben, dass dieser Planet im Zentrum von allem steht. Er wirkt so spektakulär, so ehrwürdig und majestätisch.“

Umlaufbahnen ist eine überaus gelungene Einladung, die Welt und unser Dasein neu zu sehen, sich vom gewohnten Denken zu befreien.

Samantha Harvey
Umlaufbahnen
Roman
dtv, München 2024

Anne Michaels: Zeitpfade

Dieser Roman spielt zwischen 1908 (Rue Gazan, Paris) und 2025 (Finnischer Meerbusen) und ist unter anderen auch John Berger (den ich zu den unabhängigsten und aufmerksamsten Kommentatoren der Fotografie zähle) gewidmet, weswegen ich die Lektüre denn auch ausgesprochen positiv angehe. Gleich zu Beginn stosse ich auf Sätze, die mein Weltverständnis besser ausdrücken als fast alles, was mir gegenwärtig präsent ist. „Er hielt das Geheimnis, das allem innewohnte, nicht für formlos oder vage oder für eine Unstimmigkeit, sondern für das, was in uns Raum liess für etwas klar Umrissenes. Er war nicht der Meinung, dass man diesen Raum mit Religion oder Wissenschaft ausfüllen musste, denn er sollte ganz und gar unberührt bleiben; wie Stille, Sprachlosigkeit oder die Dauer.“

Robert ist mit einem lahmen Bein aus dem Krieg zurückgekehrt. Helena überredet ihn, einen Assistenten für das Fotostudio einzustellen, jemand, der sich mit den Chemikalien und Verfahren auskannte, der wusste, wie man Lichter und Requisiten wirkungsvoll einsetzte. Robert Stanley hat zwar keine Erfahrung, doch er lernt schnell.

Das Fotostudio erfreut sich reger Kundschaft, vor allem Familienporträts sind gefragt, man zeigt sich im besten Licht, will einen Beweis dafür, dass man den Krieg überlebt hat. Nicht die Wirklichkeit soll abgebildet werden, sondern wie man sich entschieden hat, diese Wirklichkeit zu sehen.

Eines Tages fotografiert John einen jungen Mann. Er weiss, dass die Kamera oft Dinge sieht, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben, doch dass da plötzlich eine ihm unbekannte Frau auf den Abzügen zu sehen war, widersetzt sich jeder Erklärung. Der junge Mann sagt, es handle sich um seine verstorbene Mutter. Sind die Toten vielleicht unter uns?

„Die Toten zeigen uns auf viele Arten, dass sie bei uns sind. Manchmal bleiben sie absichtlich fern, um sich durch ihre Wiederkehr bemerkbar zu machen. Manchmal bleiben sie an unserer Seite und gehen dann, um zu zeigen, dass sie bei uns waren. Manchmal führen sie einen Hirsch zum Friedhof, setzen einen Rotkardinal auf den Zaun, bringen ein Lied im Radio, sobald wir es anmachen. Manchmal bringen sie Schnee.“

Zeitpfade besticht durch Wahrnehmungen, die sich uns dann erschliessen, wenn wir unsere vorgefertigten Gedanken, die das, was wir sehen, beiseitelassen und uns einfach dem hingeben, was ist. „Wie können wir die Existenz all dessen, was ist, infrage stellen? Wie können wir Unsichtbarkeit mit Inexistenz ins eins setzen?“ Uns ist die Möglichkeit gegeben, zu lernen, uns dem Zauber des Unbegreiflichen hinzugeben.

1951, in London, entdeckt Helena ihr Maltalent. Und sie nimmt wahr, dass vieles, das sie weiss, nicht in Worten ausgedrückt werden muss. Zudem lernt sie, das Ungewohnte zu schätzen. „… sie wusste, dass gerade etwas passiert war, ohne zu wissen, was es zu bedeuten hatte …“. .

Dieser Roman wird nicht chronologisch erzählt, auch weil das, von dem hier erzählt wird, sich nicht in den uns vertrauten Kategorien von Zeit, Sprache und Raum fassen lässt. „Maras Erfahrung nach war das Übernatürliche nichts anderes als die Präsenz des Guten, die Liebe, die sich vom Leichnam freibrennt; es ist immer die Liebe, die dem Wüten der Menschheit zu entkommen versucht.“

Zeitpfade setzt sich auf vielfältige und sehr behutsame Weise mit der Erinnerung auseinander, weshalb denn auch die Fotografie eine zentrale Rolle spielt. „Man benötigt keine Kamera, um zu sehen oder sich zu erinnern“, sagte er, „aber man braucht sie, um das zu belegen, was vergangen ist – damit andere sich erinnern.“

Der Fotografie eignet etwas Geheimnisvolles. Fotos können ganz Unterschiedliches auslösen, doch nichts davon ist wirklich fassbar, vor allem nicht die Sehnsucht, die einige Fotografien hervorrufen können. „Es geht ums Besitzen, dachte sie, um die Anerkennung dessen, was uns niemals gehören kann, eigentlich steht uns diese Sehnsucht nicht zu, und trotzdem erzeugt das Sehen eine Erinnerung oder gewährt eine Erinnerung oder bestätigt eine Erinnerung (…) Vielleicht stirbt die Erinnerung, wenn wir sterben. Vielleicht verdunstet sie und hinterlässt ihr Salz. Wenn jemand stirbt, verändert sich sogar die Luft.“

Nichts entzieht sich uns mehr als die Erinnerung, nichts ist unerklärlicher und mysteriöser. Selten wurde das poetischer gezeigt als in Zeitpfade.

Anne Michaels
Zeitpfade
Roman
Berlin Verlag 2024

Anders de la Motte: Eisiges Glas

Kriminalkommissarin Leo Asker kriegt einen Anruf von ihrem Vater, von dem sie seit Jahren nichts gehört hat. „Ihr Vater, der Verrückte, der Bunker baut und Waffen, Sprengmittel und lebensnotwendige Güter ansammelt, während er sich auf den Tag des Jüngsten Gerichts vorbereitet.“ Er ist ein Prepper oder Survivalist, der sein Leben der Vorbereitung auf eine künftige Katastrophe gewidmet hat.

Zur gleichen Zeit erhält Leos Kindheitsfreund Martin Hill, Lektor an der Universität Lund, wo er ein Seminar über die Architektur des Verfalls gibt (nichts, was man an einer Uni nicht unterrichten könnte!), das Angebot, auf einer Privatinsel mit verlassenem Observatorium die Geschichte der Firma Alfacent zu schreiben, die im medizintechnischen Bereich erfolgreich wirtschaftet. Wie der Autor die Atmosphäre bei der Firma schildert – die modisch inszenierte Kompetenz – wirkt genauso klischeehaft wie die moderne Wirklichkeit sich präsentiert.

Leo Asker und Martin Hill verbindet mehr als eine gemeinsame Kindheit. Martin wurde von einem Serienmörder angeschossen, Leo hat diesen erschossen. Und dann ist da noch diese Anziehungskraft zwischen den beiden. Anders de la Motte lässt wirklich nichts aus.

Leos Vater Prepper-Per hatte einst versucht, sie umzubringen „Fünfzehn Jahre lang hat sie den Gedanken an Prepper-Per verdrängt. Ihr Gespenst, ihr Dämon. Und manchmal auch ihr Retter, so seltsam das klingen mag. Und vor allem – ihre Schwachstelle.“ Eine Leiche wird gefunden, in einer alten Deponie für Gartenabfälle, die seit fünfzehn Jahren nicht mehr in Betrieb ist. Leo kennt den Toten, es ist Onkel Tord. Die Polizei bringt ihren Vater damit in Verbindung und plant einen Einsatz auf der Farm, wo er sich verschanzt hat.

Das Anwesen der Familie Irving, der Eigentümerin der Firma Alfacent, ist riesig. Hier nun soll Martin Hill die Firmengeschichte, und vor allem die Biographie des Familienpatriarchen schreibe. „Das alles kommt ihm unwirklich vor und dabei so spannend.“ Ich fühlte mich an Stieg Larssons Schilderung der Familie Vanger erinnert, als Mikael Blomkvist auf dem Anwesen der Familie Recherchen zur Familiengeschichte vornimmt.

Martin musste eine Schweigeklausel unterschreiben, er darf mit niemandem über sein Projekt sprechen, auch darf er nicht alle Teile des Anwesens aufsuchen. Aus Sicherheitsgründen, wird ihm gesagt. Wie jedes System zeichnet sich auch dieses durch Kontrolle aus. Martin merkt, dass er überwacht wird; er merkt aber auch, dass jemand ihm Hinweise gibt.

Eisiges Glas pendelt hin und her zwischen Leos Bemühungen ihren Vater zu schützen und Martins leicht surrealer Anwesenheit auf dem Anwesen der Familie Irving, wo er den Mythos über die Firmengründung mit der modernen Ausrichtung der Firma in Einklang bringen soll. Dazu kommen Rückblenden zu Ereignissen von vor sechzehn Jahren. Und dann tritt auch immer wieder „Der Gläserne Mann“ in Erscheinung, der das Geschehen aus der Distanz verfolgt. Nicht zuletzt geht es in diesem Kriminalroman auch darum, dass der Mensch – das Frankenstein-Syndrom – die Kontrolle über das von ihm Geschaffene verliert.

Es passiert viel Geheimnisvolles in diesem Buch. Nicht nur wird Leo von einem Unbekannten verfolgt, zirkuliert eine Ufo-Geschichte, läuft vieles über Blicke; auch die ganz unterschiedlichen Begegnungen der Protagonisten Leo und Martin sind nicht wirklich zu fassen. Dies trägt viel zur Suspense-Atmosphäre bei. Nach und nach zeigen sich dann die Dinge, wie sie sind. Der Faden, der sich durch die Geschichte zieht, ist das Schicksal von Kindern, die unter Vätern leiden, die verrückt geworden sind.

Wir leben in globalisierten Zeiten, in denen überall auf der Welt (Nord)Amerikanisches präsent ist. Anders de la Motte unterstreicht dies unter anderem mit Bezugnahmen auf Apocalypse Now oder die Simpsons. Und er zeigt auch sehr schön auf, was Google Maps uns nicht zeigen können. „Was die Bilder aber nicht zeigen, stellt sie bei ihrer Ankunft fest: Beide Gebäude stehen kurz vor dem Verfall.“

Humor ist in diesem Kriminalroman spärlich gesät und nicht immer gelungen. „Ihr Schwager hatte so wenig Persönlichkeit, dass sich die automatischen Türen des Supermarktes kaum öffnen, wenn er kommt.“ Sehr gelungen sind hingegen das Porträt des paranoiden Manipulators Prepper-Per sowie die Einblicke in polizeiliche Befragungstechniken. „Der Trick bei Befragungen mit Leuten, die medienerfahren sind, ist es, auf das zu hören, was die Leute auslassen.“

„Laut Polizeiregister ist er unter verschiedenen Namen wegen minderschwerer Hehlerei vorbestraft, was vermutlich bedeutet, dass er clever genug ist, mit seinen grösseren Delikten ungeschoren davonzukommen.“ Auf der Suche nach diesem Mann landet Leo auch in einem Sportstudio, wo sie irrtümlicherweise als Teilnehmerin eines Selbstverteidigungskurses identifiziert und aufgefordert wird, mitzumachen. Was dann geschieht gehört zu meinen Lieblingsszenen in diesem Buch.

Fazit: Wechselvoll und vielgestaltig. Besonders aufschlussreich ist, wie Anders de la Motte die Polizeiarbeit schildert. Kein Wunder, er arbeitete mehrere Jahre als Polizist.

Anders de la Motte
Eisiges Glas
Leonore Askers besondere Fälle
Droemer, München 2024

C. K. McDonnell: Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit

Dass ich bereits auf den ersten Seiten eines Romans mehrmals laut heraus lache, geschieht überaus selten. Bei Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit liegt dies an Dialogen wie diesem: „Bitte verzeihen Sie die Unordnung, unsere Putzhilfe ist verhindert.“ Sie schaute sich um. „Seit wie vielen Jahren?“ Und an Beschreibungen wie dieser. „Sie warf ihm das Geld zu und wandte sich ab. Sie griff nach dem Knauf, trat gegen die Tür und öffnete sie in einer einzigen flüssigen Bewegung – auf eine Weise, die Paul den restlichen Abend lang zu wiederholen versuchte. Ohne Erfolg.“

Ein mysteriöses Rachekommando namens Púca hat sich die Profiteure der irischen Wirtschaftskrise vorgenommen. Ein prominenter Bauunternehmer ist gefoltert und umgebracht worden, das zweite Opfer ist ein Stadtrat, weitere folgen. Selbst die Pathologin würde später, wenn sie alleine in ihrem Büro sass, „eine heimliche Träne vergiessen angesichts der tief sitzenden Brutalität der Menschheit.“ Mit anderen Worten: Dieser Krimi ist von tiefer Menschlichkeit durchdrungen. „Es gebe eine tief sitzende Scheinheiligkeit im Herzen der îrischen Gesellschaft, die offengelegt werden müsse, sagte (Pater) Franks- Die grossen Konzerne würden heiliggesprochen und die einfachen Menschen geopfert. Es mochte ja sein, dass die Sanftmütigen eines Tages das Erdreich besitzen würden, wie es in der Bibel hiess, aber in welchem Zustand würde die Erde sein, wenn es soweit war?“

Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit gehört zu der Art von Krimi, die so recht eigentlich unsere Zeit weit besser abbilden, als das soziologische oder psychologische Studien vermögen. So sind etwa die Protestler, die sich Pater Franks angeschlossen und ein leerstehendes Industriegebäude besetzt haben, ein überaus bunter Haufen ganz verschiedenartiger Charaktere. Dass geht von den normalen Obdachlosen zu den Kleinkriminellen und Drogensüchtigen zu den Kindern aus gutem Hause, die ihren Eltern eins auswischen wollen. Und sie sind überall dabei, wo es irgendetwas zu protestieren gilt, von den Umgehungsstrassen, zu den Gas-Pipelines zu den Hausräumungen.

Es ist eine ausgesprochen farbige Mischung, die derzeit den Planeten Erde bevölkert. Und kaum jemand demonstriert das eindrücklicher als C. K. McDonnell. „Sie trug an ihrem Körper derartig viel Metall, dass es vermutlich einen Monat dauerte, um sie durch die Kontrolle am Flughafen zu bekommen.“ Und gerade noch ein Beispiel: „Der Einsatzleiter, Sergeant Paice, machte den Eindruck eines Mannes, der seit seiner Geburt an nichts eine Freude gehabt hatte, aber Brigits Auftauchen schien ihn ganz besonders unglücklich zu machen.“

Paul Mulchrone, die Krankenpflegerin Brigit Conray und Bunny McGarry, alle drei furchtlose Anhänger von Selbstjustiz (Birgit fesselte einen nackten Arzt acht Stunden lang mit Handschellen ans Bett) wollen eine Detektei gründen, was allerdings auf bürokratische Hürden stösst, da Bunny, der einzige, der die erforderlichen Qualifikationen vorweisen kann, wie vom Erdboden verschluckt ist. Paul nimmt trotzdem einen ersten Auftrag wahr: Im Auftrag der Geliebten eines vermögenden Gauners soll er herausfinden, ob dieser beabsichtigt, zu seiner Gattin zurückzukehren!

Da ein Privatdetektiv über gewisse Kenntnisse verfügen sollte, doch Paul keine solche hat, beschliesst er, sich in einer Buchhandlung kundig zu machen, wo er sich bei einer Verkäuferin nach Büchern übers Beschatten erkundigt. „Ihr Gesicht zierten zwei Piercings und ihre rot gefärbten Haare sahen aus, als hätten drei verschiedene Friseure auf ihrem Kopf einen Frisurenwettbewerb ausgetragen, der zu einer recht unbefriedigenden Pattsituation geführt hatte.“

Währenddessen versucht Brigit herauszufinden, wo sich der Säufer und Spieler Bunny (“ … ein guter Mensch, der böse Dinge tut, um zu erreichen, was er für richtig hält.“) aufhält, wobei sie auch auf einen junge Mann trifft, der ein Lächeln draufhatte, „das in seiner Strahlkraft entschieden unirisch wirkte.“ Es sind solche Beobachtungen, die überaus witzig unsere (grösstenteils unbewussten) Erwartungen beleuchten, die diesen Dublin-Krimi auszeichnen. Dann aber auch Sätze wie diese, die für die Absurdität unserer Konsumwelt stehen. „Paul wartete und lauschte einer berühmten Klassikmelodie. Er kannte sie aus einer Werbung für Aftershave oder Bier; er konnte sich nicht mehr genau erinnern.“

Rasant, bizarr, skurril, lustig, abgedreht, so schreibt C. K. McDonnell, der Stand-up-Comedian gewesen war und Fernsehdrehbücher verfasst hatte, bevor er mir dem Schreiben von Romanen anfing. Sein grösstes Talent besteht jedoch darin, Vorgänge, über die man noch nie wirklich nachgedacht hat (zugegeben, ich spreche von mir), so zu schildern, dass man sie mit ganz neuen Augen sehen kann. So meint er etwa zur Massage: „Kennedy war es egal, was andere darüber dachten, aber Small Talk war eine Sache der Unmöglichkeit, wenn einer der Beteiligten dabei nackt war und für die Anwesenheit der anderen Person zahlte.“

So sehr auch C. K. McDonnell einen lachen macht, seine praktisch-philosophischen Einsichten haben es in sich. „Besonders geschickt war er immer im Umgang mit Menschen gewesen – was nicht selten Leute von sich behaupteten, die gut lügen konnten und es wie eine Stärke und nicht wie einen Charakterfehler erscheinen lassen wollten.“ Und seine Beschreibung der politischen Kultur, in der Charakterfehler der Karriere keineswegs hinderlich sind, Integrität jedoch schon, zeugt von einer erfreulich nüchternen Weltsicht. Dazu kommt seine unvergleichliche Begabung, den zeitgenössischen Irrsinn als Satire abzuhandeln. Und dann ist da noch die ehemalige Polizeihündin Maggie, die es in Sachen Eigenwilligkeit mit all den anderen eigenwilligen Figuren dieses Krimis locker aufnehmen kann.

Fazit: Grossartig, ich habe Tränen gelacht! Besser lassen sich unsere aberwitzigen Zeiten nicht schildern.

C. K. McDonnell
Bunny McGarry glänzt durch Abwesenheit
Ein Dublin-Krimi
Eichborn, Köln 2024

Bonnie Kistler: Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer

Dass es auf den ersten Satz ankomme, behaupten viele, die sich intensiv mit Büchern beschäftigen. Im Falle dieses Thrillers ist man froh, dass er kein Indiz für das Nachfolgende ist: „Da war es, das Gefühl, der Rausch, der Nervenkitzel, die freudige Erregung, die wie flüssiges Gold durch die Adern flossen.“ Das ist entschieden suboptimal für meinen Geschmack, da mir die Vorstellung von flüssigem Gold in meinen Adern nicht nur wenig behagt, sondern geradezu absurd vorkommt. Gut also, dass es nicht so weitergeht, sondern eine packende Geschichte erzählt wird, in deren Mittelpunkt die Anwältin Kelly McCann steht, die seit zehn Jahren Männer verteidigt, denen Sexualdelikte vorgeworfen wurden. Eine höchst ungewöhnliche Ausgangslage.

Kelly ist mit dem 20 Jahre älteren Adam, ebenfalls Anwalt, verheiratet, sie haben zwei Kinder. Seit einem Schlaganfall ist Adam ans Bett gefesselt und zu einem Pflegefall geworden. Sehr schön schildert Bonnie Kistler, wie sich die beiden kennenlernten. „Sie scherzten, dass ihre Ehe eine Mischehe sei. Alle nahmen an, dass sie sich auf ihre verschiedene Religionszugehörigkeit bezogen – jüdisch und katholisch – dabei bestand wirklich kein grosser Unterschied zwischen einem säkularen Juden und einer nicht praktizierenden Katholikin.“

Kelly hatte früh begriffen, dass sie nicht besonders talentiert und eine Durchschnittsanwältin war. Was sie jedoch von vielen unterschied, war ihr Drang, sich mit anderen zu messen. Der Wettkampf war ihr Ding, die Lust zu siegen ihr dominierender Charakterzug. Wunderbar treffend beschreibt Autorin Bonnie Kistler, eine ehemalige Prozessanwältin aus Philadelphia, dass es im Kapitalismus einzig aufs Gewinnen ankommt. Und eindrücklich zeigt sie auf, wie rücksichtslos es da, wo man um Geld ringt, wie etwa in der Juristerei, zu und her geht.

Dann wird Kelly, die Verteidigerin von Vergewaltigern, selber vergewaltigt. Von einem ihrer Klienten, einem Doktor der Medizin/Bakteriologie/Virologie, George Benedict, der davon ausgeht, dass sie nicht gegen ihn vorgehen wird, da sie sonst ihr ganzes Berufsleben diskreditiert. Als Kelly nach Hause kommt, tut sie all das nicht, was jede vergewaltigte Frau tun sollte: Beweise sichern. Als Anwältin weiss sie, dass vor Gericht nicht die Wirklichkeit verhandelt wird, sondern nur das, was gemäss der Ursache-/Wirkungslogik belegt bzw. bewiesen werden kann. Doch jetzt ist sie Opfer, der Verstand wird ausgeschaltet, die Emotionen übernehmen, das Nicht-Wahrhaben-Wollen setzt ein.

George Benedict hat Zugang zu allen ihren elektronischen Vernetzungen gefunden, weiss also vollständig über sie Bescheid – ihr Privatleben, ihre Bankkonten, ihren Schriftverkehr mit Klienten. Sie ist voller Hass auf ihn – und damit hoch motiviert, sich zu rächen, ihren Peiniger zu vernichten. Das ist packend und überzeugend geschildert; was des Peinigers Motivation gewesen ist, sie zu demütigen, hat sich mir allerdings nicht wirklich erschlossen.

Dr. Benedict, glaubt man den Pressemeldungen, ist gerade dabei, ein Medikament gegen Alzheimer zu entwickeln, und Kelly fragt sich nun, ob ihre Rache möglicherweise verhindern könnte, dass Alzheimer-Patienten ein lebensrettendes Medikament vorenthalten werden. Das ist wenig überzeugend, und wird dann auch schnell verworfen.

Kelly schart drei von Benedict vergewaltigte Frauen um sich. „Sie waren vier Frauen aus völlig verschiedenen Lebensbereichen: eine Anwältin, eine Mikrobiologin, eine IT-Spezialistin und eine Reinigungskraft. Sie hatten absolut nichts gemeinsam, ausser den Übergriffen und dem Schweigegeld, und eine der Grundregeln für das Wochenende erklärte diese beiden Themen zum Tabu.“ Dann taucht plötzlich Courtney auf, Adams Tochter aus erster Ehe, die gerade ihr Anwaltsexamen gemacht hat und nun verlangt, dass …. doch mehr soll nicht verraten werden …

Die Autorin Bonnie Kistler schafft es ausgezeichnet, die Spannung immer wieder von Neuem zu steigern, wobei die beruflich erfolgreiche Kelly erstaunlich unbedarft agiert, sobald es um ihre persönlichen Angelegenheiten geht. Genau so ist es übrigens auch im richtigen Leben: Sobald wir persönlich betroffen sind, setzt die Vernunft aus.

Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer ist nicht nur spannend erzählt, sondern setzt sich auch mit der Problematik des Anwaltsberufs auseinander. Eine Anwältin Vergewaltiger verteidigen zu lassen, wirft einen ganzen Haufen Fragen auf, darunter auch diese: Sollen Vergewaltiger überhaupt verteidigt werden? Juristen werden selbstverständlich die Unschuldsvermutung anführen. Nur eben: Diese begründet hauptsächlich das juristische Geldverdienen, schliesslich sind die Meinungen längst vor der Urteilsverkündung gemacht. Kelly weiss, dass ihr Mandant die ihm vorgeworfene Tat begangen hat. Dass sie dann selber zum Opfer wird, ist ihrer Gewinnsucht geschuldet, doch auch ihre Rache ist in ihrer Gewinnsucht begründet. Sehr schön demonstriert Bonnie Kistler, dass wir nicht nur zum Opfer unserer Veranlagung werden können, sondern dass diese auch das Potential hat, uns zu befreien.

Fazit: Ein Thriller voller thrills! Rasant, fesselnd, vielschichtig, mit vielen unerwarteten Wendungen.

Bonnie Kistler
Die Anwältin … und plötzlich ist sie selbst das Opfer
Thriller
Knaur Verlag, München 2024

Willi Winkler: Kissinger & Unseld

Während meiner Gymnasialzeit wunderte ich mich gelegentlich, was eigentlich berühmte Fussballer (nichts imponierte mir damals mehr) und berühmte Politiker (nichts interessierte mich damals weniger), die regelmässig zusammen auf Pressefotos zu sehen waren, gemeinsam hatten. Den Erfolg natürlich, stellte ich mit einiger Ernüchterung fest. Heutzutage sehe ich das zwar im wesentlichen immer noch so, doch mein einstiges, recht eindimensionales Weltbild hat in der Zwischenzeit ein paar (wenige) Korrekturen erfahren. Mit Kissinger & Unseld zeigt mir Willi Winkler eindrücklich, dass auch Machthungrige um einiges komplexer sind, als ich mir das vorgestellt habe. Zudem: Mir ist weder Kissinger noch Unseld sympathisch, was möglicherweise auch damit zusammenhängt, dass ich kaum etwas von den beiden weiss. Dass ich am Ende meiner Lektüre viel mehr über sie weiss, hat mir die beiden jedoch nicht sympathischer gemacht.

Kissinger & Unseld ist vielfältige Aufklärung über ganz Unterschiedliches. Jedenfalls ist bei mir ganz Unterschiedliches hängengeblieben. Der aussergewöhnliche Überlebenswille von Unseld etwa, der von neun Uhr abends bis um fünf in der Früh um sein Leben schwamm. Oder dass Kissinger behauptete, die politische Verfolgung in seiner Kindheit habe keineswegs sein Leben bestimmt (andere, ihm Nahestehende, sahen das entschieden anders). Oder dass der Nationalsozialismus auch ein Angebot war, sich vom Elternhaus freizumachen. Oder dass der Autor Willi Winkler aus einem Roman von Ulla Berkéwicz, Unselds zweiter Frau, zitiert als ob es sich um die Biographie des jungen Unseld handeln würde (was sehr plausibel ist).

Kissinger und Unseld lernen sich 1955 kennen, in Harvard, wo Kissinger Seminare organisiert, die er „als geistige Widerstandsarbeit gegen den Kommunismus“ versteht und deren Teilnehmer, jedenfalls einige von ihnen, sich später in der internationalen Politik profilieren sollten. Diese Seminare wurden von der Ford Foundation (hinter der die CIA steckte) finanziert, und von Kissinger zur Etablierung eines Netzwerkes benutzt; ein solches ist unabdingbar für gesellschaftlichen Erfolg. Auch Unseld besitzt dieses Faible fürs Netzwerken. Laut Willi Winkler verbindet die beiden auch die Vorstellung von Literatur, die sowohl ein künstlerisches als auch ein moralisches Ziel habe. „Die zerfallende Wirklichkeit unserer Zeit muss in einen individuellen Kosmos überführt werden.“ Eine andere Gemeinsamkeit ist ihr übergrosses Ego sowie ihr unstillbares Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Und dann ist da noch die Umtriebigkeit der beiden, die einen sich wundern lässt, dass sie überhaupt noch Zeit zum Nachdenken, geschweige denn zum Bücherlesen und -schreiben finden.

Prominent wurde Kissinger mit einem Buch über Nuklearrüstung (von der er gemäss eigenen Angaben „praktisch keine Ahnung hatte“.), worin er einen begrenzten Atomschlag befürwortet. Absurder geht kaum, denn sofern die derart angegriffene Macht über Kernwaffen verfügt, liegt es auf der Hand, dass sie diese auch einsetzen wird. Den amerikanischen Irrwitz gab es also bereits vor dem Florida-Golfer.

Was mich ganz besonders für dieses Werk einnimmt, sind die vielen Geschichten. Etwa die von Gregory Corso, der zur Beat Generation gehörte, und sich in Harvard Zugang zu Vorlesungen über griechische Mythologie erschlich. Oder dass Frischs „Stiller“ und insbesondere die Amerika Passagen (die Kissinger „albern“ findet, doch das Buch hat ihn beeindruckt) mit Unterstützung der Rockefeller-Stiftung entstanden sind. Oder dass Ingeborg Bachmann eines von den Kissinger-Girls gewesen ist. Oder die überaus vielfältigen Informationen zu Uwe Johnsons „Jahrestage“.

Kissinger & Unseld ist nicht nur spannend und höchst aufschlussreich, es ist darüber hinaus auf eine Art und Weise anregend, die selten ist. So wandelt sich etwa mein Bild von Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Martin Walser, Max Frisch und Gunnar Myrdal, bin ich verblüfft, dass die Tagung der Gruppe 47 in Princeton von der CIA finanziert wurde, sehe ich den Suhrkamp Verlag mit ganz neuen Augen. Und dann gibt es da noch diese Sätze, die mich geradezu begeistern, so treffend sind sie formuliert. „Unseld war ein Werbe- und Verkaufsgenie, aber dass er über besondere Manieren verfügt hätte, ist nicht überliefert.“ Ein Satz, der nicht nur Unseld, sondern auch unsere Zeit charakterisiert.

Kissinger & Unseld ist auch eine Zeitreise durch die Debatten über Vietnam. Dabei lernt man unter anderem, dass nicht wenige der aufgeführten Schriftsteller von der eigenen Bedeutung ziemlich besoffen waren. Sehr schön hat das Helmut Salzinger in Bezug auf Peter Weiss beschrieben, dem er „ein nicht zu unterdrückendes Bedürfnis, sich zu etwas zu bekennen“ attestierte.

Oft machte mich die Lektüre schmunzeln, denn der Autor bringt seine Haltung wunderbar beiläufig auf den Punkt. Etwa wenn er die Reaktion der FAZ auf den Vietnamkrieg, den die meisten Intellektuellen verurteilten, so zusammenfasst. „Die FAZ verzichtet auf den gewohnten Eiertanz und sagt lieber gar nichts zum Protest der offenbar linken Intelligenz.“ Oder wenn er Kissingers Charakter erläutert. „Weil er so entschlossen die Teilhabe an der Macht anstrebt, vielleicht auch weil es ihn nach der heroischen Tat dürstet, steht er fast von Anfang an auf der falschen Seite.“ Und: „Er denkt wie Bismarck in grossen Linien, flexibel und amoralisch, mit kaltem Blick auf die Kräfteverhältnisse.“

Fazit: Spannend, unterhaltsam, reich an Pointen. Eine glänzend geschriebene Geschichte des intellektuellen Klimas Deutschlands und Amerikas im zwanzigsten Jahrhunderts.

Willi Winkler
Kissinger & Unseld
Die Freundschaft zweier Überlebender
Rowohlt Berlin 2024

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