Ray Monk: Wittgenstein

Die Originalausgabe dieser philosophischen Biografie, die zeigen will, „wie das Werk aus diesem Menschen hervorquoll“, erschien 1990, als ihr Autor gerade mal 33 Jahre alt war. Umso erstaunlicher, wie einfühlsam und differenziert, wie klug und, ja, lebensweise, er bereits auf den ersten Seiten die Familie Wittgenstein schildert. Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die überarbeitete und korrigierte Neuausgabe des gleichlautenden, 1992 erschienen Titels.

Ludwig Wittgenstein, geboren am 26. April 1889, war es schon früh um völlige Aufrichtigkeit („eine Moral, die von innen kommt, statt einem durch Regeln, Prinzipien und Pflichten aufgezwungen zu werden.“) zu tun, die allerdings ihren Gegenpart in seinem Drang hatte, es allen recht zu machen. Im Alter von 19 begab er sich mit dem Vorsatz, Flugzeugbau zu studieren, nach Manchester, wo er Bertrand Russells Principles of Mathematics entdeckte, deren Leitmotiv war, „dass man die gesamte reine Mathematik aus wenigen logischen Grundsätzen ableiten kann. Mathematik und Logik seien also ein und dasselbe.“ Der junge Wittgenstein fasste den Plan, ein philosophisches Buch zu schreiben.

„Als Wittgenstein einen Mentor brauchte, benötigte Russell einen Protégé.“ Das Verhältnis der beiden war kompliziert und auch von Missverständnissen geprägt, nicht zuletzt, weil Wittgenstein sich weigerte, seine Grundprinzipien zu diskutieren. „Als Russell ihn bat, nicht apodiktisch zu behaupten, sondern auch zu argumentieren, erwiderte er, Argumente zerstörten die Schönheit des Gedankens.“

Von heftiger Unbedingtheit („Wittgenstein ging völlig in logischen Problemen auf. Sie waren sein Leben, daneben gab es nichts.“), mit fanatischen Zügen und imponierender Geradlinigkeit, so wirkt Wittgenstein auf mich. Alles an ihm scheint geprägt von einer ungeheuren Intensität – seine Angstgefühle, seine neurotischen Episoden, sein Entweder-Oder. Ein getriebenes Ego (ständig sucht er das Problem bei sich selbst), mit den zugehörigen Höhen und Tiefen, voller schöpferischer Impulse, die aus ihm hinausdrängen.

Wittgenstein liest sich ausgesprochen spannend, höchst lehrreich, und auch wunderbar unterhaltend. Immer mal wieder musste ich laut heraus lachen, so etwa, als sich Russell zu Wittgensteins Plan, zwei Jahre in Norwegen zu verbringen, in einem Brief an Lucy Donnelly äusserte: „Ich sagte, es werde dunkel sein, & er sagte, er hasse das Tageslicht. Ich sagte, er werde einsam sein, & er sagte, er prostituiere seinen Geist, wenn er mit intelligenten Menschen spreche. Ich sagte, er sei verrückt, & er sagte, Gott behüte ihn vor der Normalität“. (Das wird Gott bestimmt tun.)“

Ray Monk beschreibt Wittgenstein als manisch-depressiv und so ziemlich alles spricht dafür, dass diese Einschätzung zutreffend ist. Die Gefühls-Extreme und Ansprüche an sich selber – „Klarheit oder Tod – es gab für ihn keinen Mittelweg“ – waren wahrlich nicht gesund! Mir selber ging bei der Lektüre ständig das Thomas-Evangelium durch den Kopf: „Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.“

Ein umgänglicher Mann war Wittgenstein beileibe nicht, über seine Grundüberzeugungen („Bessere Dich selbst – das ist alles, was Du tun kannst, um die Welt zu verbessern.“) galt es für ihn nicht zu argumentieren, seine Urteile waren oft schneidend. „Das Ärgste ist die Einleitung des Professor Postgate Litt.D.F.B.A. etc. etc. Etwas so Albernes habe ich selten gelesen.“ Doch ihn zu verstehen, war alles andere als einfach; auch Russell, so glaubte Wittgenstein, könne seinen Tractatus nicht verstehen.

So fasziniert ich von diesem Werk auch bin, gelegentlich lässt es mich auch zweifeln. Wenn etwa dieser Tagebuch-Eintrag Wittgensteins: „Die Furcht vor dem Tode ist das beste Zeichen eines falschen, d.h. schlechten Lebens.“ wie folgt kommentiert wird: „Das ist diesmal aber kein persönliches Credo, sondern ein Beitrag zum philosophischen Denken.“ Woher will Ray Monk das bloss wissen? Zudem: Jedes auf überlieferten Dokumenten nacherzählte Leben suggeriert eine Folgerichtigkeit, die das gelebte Leben, eine verwirrende Abfolge von Gefühlen und Gedanken, von denen wir nur wenige wahrnehmen, nun einmal nicht hat, weshalb denn auch dem schriftlichen Nachlass eine womöglich übertriebene Bedeutung gegeben wird. Und so picke ich mir die Aspekte heraus, die mir helfen, meine eigene Sicht auf die Welt zu erhellen. Und von diesen gibt es in diesem grandiosen Buch einige.

Ein Zweifler, der um die Wahrheit rang, unerbittlich, so kommt Wittgenstein mir vor. Die Unterscheidung zwischen Zeigen und Sagen ist für ihn zentral. „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ Die weithin verbreitete Methode, mittels Diskussionen über Zweifel und Einwände sich Klarheit zu verschaffen, lehnte Wittgenstein ab, sobald, in den Worten von Rudolf Carnap, „die Einsicht durch den Akt der Inspiration gewonnen war.“

Die Inspiration, das Unsagbare, scheint mir, macht diesen Mann wesentlich aus, der die Praxis und nicht die Theorie für entscheidend hielt. „Die Praxis gibt den Worten ihren Sinn.“ Darüber hinaus betonte er die Vielfalt des Lebens. „Er dachte sogar darüber nach, als Motto für sein Buch ein Zitat aus König Lear zu verwenden: ‚Ich werd‘ dich Unterschiede lehren.’“

Wittgensteins höchstes Ziel war es offenbar, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Eine schwierige Aufgabe für jeden und jede, doch noch weit schwieriger für jemanden mit seinen Anlagen und seinem Temperament, der sich auch einmal als Gärtnergehilfe verdingte. „Wenn die Arbeit am Abend getan ist, so bin ich müde und fühle mich dann nicht unglücklich.“ Doch auch diese Therapie hat ihre Grenzen, nach wie vor fühlt er sich an die Welt der Düsternis gefesselt. Selten ist mir deutlicher gewesen als bei der Lektüre dieser überaus eindrücklichen Biographie, dass sein Wesen dem Menschen Schicksal ist.

In regelmässigen Abständen überfällt ihn das Gefühl, er sollte etwas Nützliches tun (Philosophie zu unterrichten, rechnete er nicht dazu). Während des Zweiten Weltkrieges bemühte er sich um eine Anstellung als Hilfsarbeiter im Guy’s Spital und wurde als Apothekenbote eingestellt. Sein Chef, später gefragt, ob er sich an ihn erinnere: „Ja, sehr. Er hat hier gearbeitet, und nach drei Wochen erklärte er uns, wie wir den Laden zu organisieren hätten. Wissen Sie, er war offenbar ein denkender Mensch.“

Wittgenstein, wie er von Ray Monk vermittelt wird, spricht mich vor allem deswegen an, weil er ganz anders tickte als die sogenannt Normalen, die bestenfalls gescheit sind: Ein Philosophieprofessor, der sich nicht mit anderen Philosophen befasste, Null-Sympathie für die etablierte, hochnäsige Orthodoxie hatte, ahistorisch und existenziell philosophierte und anstrebte, „die Perspektive des Blicks auf bestimmte Dinge zu ändern.“

Fazit: Höchst informativ, glänzend geschrieben, ungemein anregend. Grossartig! Eine selten reichhaltige Fundgrube an Wesentlichem.

Ray Monk
Wittgenstein
Das Handwerk des Genies
Klett-Cotta, Stuttgart 2021

Joseph O’Neill: Der Hund

Joseph O’Neills „Niederland“ hat mich beeindruckt, weniger der Geschichte als vielmehr einzelner Szenen wegen. Ich habe sie mir mit Bleistift angekreuzt und lese sie jetzt von Neuem. Eine lautet so: „Sie sei mit mir verheiratet geblieben, äusserte sie in Gegenwart von Juliet Schwarz, weil sie sich dafür verantwortlich fühle, mir durchs Leben zu helfen, und diese Verantwortung empfinde sie als schön.“

O’Neills neues Buch, „Der Hund“ handelt von einem in der Schweiz geborenen (wobei: ein Schweizer würde kaum das Wort „Alm“ benutzen) amerikanischen Wirtschaftsanwalt, dessen Ehe gerade in die Brüche gegangen ist und weg aus New York will. „Ich erinnere mich, dass ich mich nach einem fernen, einsamen Schicksal sehnte, dass niemandem Scham und Ungerechtigkeiten bereitete, nach einem Leben, das weder im Recht noch im Unrecht war. Dann kam Eddie Batros des Weges.“ Und so verschlägt es ihn nach Dubai, wo er für den superreichen libanesichen Batros-Clan zum Einsatz kommt und „dem unvermeidlichen Schicksal des überforderten Treuhänders“ unterliegt: „unauslöschliche Langeweile und Angst vor Haftbarkeit.“

Eine Tages erhält er Besuch von der Frau eines Bekannten, der verschwunden ist.

„Und was hat Sie hierher verschlagen?“, fragte sie. Ich sagte: „Ach, das Übliche.“ „Sie sind weggelaufen“, sagte sie. „Hier sind alle auf der Flucht. Ihr seid Flüchter.“

Bei dem Verschwundenen handelt es sich um Ted Wilson, mit dem der Treuhänder gelegentlich zum Tauchen gegangen ist. „Wir liessen uns mit dem Hintern zuerst in den Golf von Oman fallen.“ Ein Suchtrupp wird losgeschickt, obwohl Bekannte von Wilson glauben, er verstecke sich vor seiner Frau, weil es da noch eine andere gebe.

Immer wieder kommt der Erzähler auf seine gescheiterte Ehe zurück, die natürlich wie alle Ehegeschichten, eine Auseinandersetzung mit der Frage ist, was man denn eigentlich vom Leben will, erwartet, sich erhofft.

„Der Hund“ ist ein ungeheuer dichter und eindringlicher Text, der langsames Lesen verlangt, da einem sonst allzu viele immer wieder überraschende und höchst anregende Gedanken entgehen – und der innere Monolog des Protagonisten, der hier erzählt wird, ist voll davon:

„… weil der Junge ein Junge ist und eben deshalb keinen richtigen Begriff davon hat, dass noch irgendwer ausser ihm ein Mensch ist.“

„… Frauen in Kleidung, die als starkes Antidot gegen Nacktheit gedacht war, bei mir jedoch kontraproduktiverweise genau den Effekt hervorrief, dass ich sie im Geiste auszog …“

„Ich wurde auf schwindelerregende Weise daran erinnert, dass die Menschheit sich in absoluter Unwissenheit erneuert und dass ohne eine gewaltige, niemals endende pädagogische Anstrengung alles zum Teufel ginge.“

„Der Hund“ spielt zwar im Dubai der Expats und schildert, was diese so umtreibt, doch „ein gnadenloses Porträt einer Stadt des 21. Jahrhunderts“, das die New York Times ausgemacht hat, ist es nicht, jedenfalls für mich nicht. Vielmehr ist es eine ideenreiche, komplexe und smarte Auseinandersetzung mit ganz vielen Grundfragen der menschlichen Existenz anhand des Internets, der Finanzkrise und vor allem der Beziehungen der Menschen untereinander (von der Liebe zur Freundschaft zur Geschäftspartnerschaft).

Joseph O’Neill
Der Hund
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2016

Mark Honigsbaum: Das Jahrhundert der Pandemien

Dieses Buch beginnt wie ein Thriller. Die Küste von New Jersey. Sommer 1916. Ein Hai greift an … Und was, so werden sich einige vermutlich fragen, hat das mit Pandemien zu tun? Es gibt viele Zusammenhänge, die wir uns weigern zu sehen. Weil wir in Gewohnheiten gefangen sind, es uns nicht gegeben ist, über den Tellerrand zu schauen. „ … denn genauso, wie sich die meisten Biologen keinen Haiangriff in den kalten Gewässern des Nordatlantiks vorstellen konnten, konnten sich die meisten Experten für Infektionskrankheiten im Sommer 2014 nicht vorstellen, dass Ebola, ein Virus, dessen Vorkommen sich zuvor auf abgelegene Waldregionen in Zentralafrika beschränkt hatte, eine Epidemie in einer Grossstadt in Sierra Leone oder Liberia auslösen könnte, noch viel weniger jenseits des Atlantik, in Europa oder den Vereinigten Staaten.“

Das Aufschlussreichste, das ich bislang über Pandemien gelernt habe, stammt von Medizinhistorikern, zu denen auch Mark Honigsbaum gehört. Das hat wesentlich damit zu tun, dass bei ihnen die Aufgeregtheiten des Tages nicht überhand nehmen, sondern im weiteren Zusammenhang gesehen werden. Und so wird (wieder einmal) deutlich, dass der Mensch es vorzieht, die Dinge nicht zu sehen, wie sie sind, sondern wie er sie gerne hätte. Dass man die Ruhe bewahren soll in Zeiten von Krisen, ist einleuchtend, doch dass abzuwarten und nichts (oder das Gewohnte) zu tun, auch ein fatales Signal sein kann, wird dabei oft übersehen.

Um die 50 Millionen Leben kostete die Spanische Grippe (so genannt, weil Spanien das einzige Land war, das Berichte über die sich zwischen Sommer 1918 und Frühjahr 1919 ausbreitende Epidemie nicht zensierte), die wohl hauptsächlich auf „die Konzentration von Rekruten aus ländlichen und städtischen Distrikten in engen und überfüllten Baracken“ zurückzuführen war. Das Verblüffende dabei: „Zwei Drittel der Bevölkerung hatte sich gar nicht angesteckt, und die Mortalität, auf die Gesamtpopulation bezogen, hatte nur 2 Prozent betragen.“ Da die Influenza sich nach dem Krieg schnell zu einem saisonalen Leiden entwickelte, war sie schon bald vergessen.

Anhand der Lungenpest, die Los Angeles 1924 heimsuchte, erläutert Mark Honigsbaum, woran der Umgang mit Pandemien auch heute noch krankt: Zu viele Einzelinteressen versuchen sich (leider mit Erfolg) Gehör zu verschaffen, obwohl aus epidemiologischer Sicht so recht eigentlich klar ist, was zu tun wäre: schnelles Handeln, sofortige Quarantäne, rasche Isolierung der Kranken, Hygiene, Distanz. Nur eben: Es wird nicht getan, denn die Pandemie-Bekämpfung geniesst bei den meisten keine Priorität.

Dass man einer Pandemie überhaupt auf die Spur kommt, ist alles andere als selbstverständlich. Als Beispiel soll die Geschichte der Papageienkrankheits-Pandemie dienen: Ein Arzt in Annapolis, Maryland, vermutet bei einer Familie zuerst eine Lungenentzündung und möglicherweise Typhus. Als er zuhause seiner Frau davon erzählt, weist diese ihn auf einen Zeitungsartikel über ein Theater in Buenos Aires hin, wo die Papageienkrankheit ausgebrochen war. Der Arzt wird hellhörig, stellt Nachforschungen an. Diese fruchteten anfänglich nichts (von der Papageienkrankheit hatten die zuständigen Fachleute noch nie gehört), bis dann doch … Es sind solche Geschichten, die dieses Buch zu einer überaus spannenden Lektüre machen.

Zudem gibt es die Schilderungen von Forscher-Typen, die, wie Honigsbaum schreibt, „aus der heutigen amerikanischen Medizin so gut wie verschwunden sind, wie etwa Charlie Armstrong, „der sich mit Malaria, Denguefieber, Enzephalities, Q-Fieber und Tularämie“ infizierte, 1950 pensioniert wurde und auf die Reporter-Frage, wie man sich Influenza vorstellen müsse, antwortete: „Wenn man Influenza hat, dann glaubt man, dass man bald sterben wird, und hat Angst, dass es nicht so ist.“

Was mich fast am meisten überrascht hat, ist die ungeheuere Macht der Gewohnheit und unser schlechtes Gedächtnis. So sieht man heutzutage AIDS weitestgehend als lediglich eine weitere Infektionskrankheit, obwohl die frühen Patienten (das liegt nicht mehr als rund vierzig Jahre zurück) aussahen „wie die Überlebenden eines Konzentrationslagers. Vergrössert wurde diese Bestürzung dadurch, dass die Ursachen der Erkrankung ‚völlig unbekannt‘ waren.“ Insgesamt sind rund 40 Millionen daran gestorben. Und wer, ausser den Fachleuten und den Betroffenen, erinnert sich eigentlich noch an Zika?

Das Jahrhundert der Pandemien bietet überaus aufschlussreiche Aufklärung. Staunen machten mich insbesondere die Ausführungen über die Legionärskrankheit, auf die man überdies verblüffend ähnlich reagierte wie auf Covid-19: Die Behörden reagierten panisch, schnell war ein Impfstoff gefunden, und fast ebenso schnell wollten sich (in diesem Fall: grosse) Teile der Bevölkerung nicht impfen lassen. Die Gleichgültigkeit, Ignoranz und Rücksichtslosigkeit allzu vieler, der auch viele Ärzte und Pflegekräfte zum Opfer fallen, ist erschütternd und macht wütend. Es ist nicht zuletzt das Verdienst Mark Honigsbaums, dass wir, um ein Beispiel zu nehmen, von der Ärztin am First Consultant Hospital in Lagos erfahren (sie wurde in der Folge selber krank und starb), deren schnelle Reaktion es zu verdanken war, dass ein Ebola-Ausbruch sich nicht weiter verbreitete,

Das Jahrhundert der Pandemien erzählt nicht nur detailreich von den verschiedensten Ansteckungen und wie kulturelle, soziale und kulturelle Faktoren sowie neue Technologien ihre Ausbreitung begünstigen, sondern klärt auch darüber auf, wie Mediziner und Epidemiologen arbeiten. Spannender und faszinierender bin ich selten aufgeklärt worden.

Mark Honigsbaum
Das Jahrhundert der Pandemien
Eine Geschichte der Ansteckung von der Spanischen Grippe bis Covid-19
Piper, München 2021

Niall Ferguson: Doom

Bei der Lektüre des Vorworts gedacht: Wie liesse sich eigentlich Doom am besten übersetzen? Schicksal, Verhängnis. Jüngstes Gericht, Verderben, Untergang …? Es gäbe noch mehr Varianten. Das war der eine Gedanke, der andere war: Das sind doch alles nur Argumente und Behauptungen, was der Mann hier präsentiert. Nachvollziehbare, auf Daten basierende, notabene, vor allem wenn man die Grundüberzeugungen des Autors teilt. Wie heisst es doch im Talmud so treffend: Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind.

Niall Ferguson, geboren 1964, „ist einer der bekanntesten und renommiertesten Historiker unserer Zeit“, informiert der Klappentext. Man sollte sich also von diesem Buch nicht mehr erwarten als das bestens informierte, intelligente Übliche, was sich bereits auf den ersten Seiten zeigt, wo er argumentiert, dass das umfassende Versagen der nordamerikanischen und britischen Behörden bei der Corona-Pandemie nicht einfach als populistische Breitbeinigkeit gesehen werden dürfe, was sicher richtig ist. Die Begründung macht hingegen mehr als stutzig. „In Belgien war die Übersterblichkeit mindestens genauso hoch, und dieses Land hatte fast das ganze Jahr 2020 über mit Sophie Wilmès eine Frau und Liberale an der Spitze seiner Regierung.“ Da glaubt einer offenbar ernsthaft an die sogenannte Gestaltungskraft von Politikern. Ich teile diese Auffassung nicht, ich halte Politiker (wie uns alle) für Getriebene. Gestalterisch sind Politiker allein, wenn es um ihren persönlichen Vorteil, also etwa ihre heimlichen Offshore-Geschäfte, geht, wie die Pandora Papers (und vor zwei Jahren die Panama Papers) enthüllten.

Doom ist reich an überaus vielfältigen, anregenden Einsichten und eindrücklichen Erlebnisberichten – wie bildhaft etwa der 21-jährige Ryo Kanouya den Tsunami am 11. März 2011 schilderte, hinterliess bei mir einen bleibenden Eindruck. Gleichzeitig ist es das Dokument einer ausgesprochen akademischen Geisteshaltung, die sich etwa darin zeigt, dass der Autor sich bemüssigt fühlt, für einen Allerweltssatz wie, es gebe „eine grosse Kluft zwischen der Formulierung einer politischen Strategie und deren Umsetzung“, die Quelle anzugeben. Quellen sind für einen Historiker natürlich zentral; wer gesagt hat „Ein Tod ist eine Tragödie, eine Million Tote Statistik“, ist Niall Ferguson offenbar wichtig – weshalb ist mir schleierhaft.

„Mit dem Aufstieg des Internets haben falsche Informationen und gezielte Desinformation ein ganz neues Ausmass angenommen, weshalb wir 2020 von einer Doppelseuche sprechen können: eine, die von einem biologischen Virus verursacht wurde, und eine zweite, noch ansteckendere, der viralen Phantasien und Lügen.“ Soweit die Ausgangslage. Hegel war bekanntlich der Auffassung, dass die Geschichte uns lehre, dass sie uns nichts lehre. Niall Ferguson ist optimistischer und glaubt, dass wir aus ihr lernen können „die Struktur von Gesellschaft und Politik so einzurichten, dass sie widerstandsfähig, oder besser noch antifragil wird …“. Als Historiker muss er das wohl so sehen. Und auch wenn ich selber Hegel zuneige, habe ich von Ferguson einiges gelernt, das mich die Aufgeregtheiten der modernen Zeit eingebunden in ein grösseres Ganzes sehen lässt – und das ist hilfreich.

Wie man weiss lässt sich die Zukunft schlecht vorhersagen, was die Menschen (okay, einige, meistens an Universitäten beschäftigte) jedoch nicht davon abhält, es trotzdem zu versuchen. Auf der Basis ganz vieler Daten werden Statistiken und Modelle erstellt, doch gibt es offenbar bislang kein Mittel, das sich als tauglich erwiesen hätte. „Kein Wunder, dass wir uns in einer Welt der scheinbar zufälligen Katastrophen, zu deren Prognose sich unser Gehirn nicht sonderlich gut eignet, mit schwarzen Humor behelfen.“

Historiker arbeiten mit Analogien. Ereignis A gleicht Ereignis B, Staatsmann C gleicht Staatsmann D. Sie können Parallelen herstellen, vorausgesetzt, es sind Zeugnisse vorhanden. Sie betrachten also die Welt auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeit und Plausibilität. Grundsätzlich. Doch woher können sie eigentlich wissen, dass das vermutlich tödlichste Erdbeben der Menschheitsgeschichte, das 1556 die chinesische Provinz Shaanxi erschütterte, eine Stärke von 7,9 bis 8,0 gehabt hatte?

Die Corona-Pandemie wurde häufig als etwas vollkommen Neues, mit dem niemand habe rechnen können, charakterisiert. „Wenn Menschen eine Krise mit Begriffen wie ‚ohnegleichen‘ beschreiben, dann sagen sie damit weniger über das Ereignis als über ihre Unkenntnis der Geschichte.“ Nun ja, die Warner, die gab es; es waren meist Epidemiologen, denen die Gefahren von Zoonose und Spillover bestens bekannt sind. Doch wer hört schon auf Warner, diese neidischen Spielverderber? Stattdessen verlangte man nach Freiheit und Planungssicherheit!

Doom macht unter anderem deutlich, dass die gängige Unterscheidung von natürlichen und von Menschen gemachten Katastrophen, in die Irre führt, denn was Naturereignisse zu Katastrophen macht, ist, dass sie auch Menschenleben kosten. Menschen bauen nahe an Flüssen, die über die Ufer treten oder an Hängen, die ins Rutschen geraten können.

Wir wissen, dass Erdbeben und Wirbelstürme sich ereignen werden, wir wissen, was mit der Erderwärmung auf uns zukommen wird, wir wissen, dass der Tod eintritt. Können wir uns vorbereiten, können wir lernen, darauf gefasst zu sein? Eher nicht. Historiker Ferguson sieht das anders, hoffnungsvoller – er konzentriert sich darauf, was besser gemacht werden könnte. Und so fragt er etwa, wer in der Corona-Pandemie versagt hat. „Nicht nur die Politiker, sondern auch Beamte und Gesundheitsexperten ‚blieben in katastrophaler Weise hinter den Massstäben zurück, wie sie die Öffentlichkeit zu Recht erwarten darf’“, wie der ehemalige britische Regierungsberater Dominic Cummings meinte. In den Worten von Niall Ferguson: „Das Katastrophenmanagement wird noch durch die Tatsache erschwert, dass unser politisches System zunehmend Menschen in verantwortliche Positionen befördert, die für die eben beschriebenen Gefahren besonders blind zu sein scheinen: keine Spitzenprognostiker, sondern Kurzsichtige.“

Mit Verlaub: Es ist nicht nur das politische System, dass denkbar Ungeeignete in Spitzenpositionen hievt, es ist unser Wettbewerbssystem, dass diejenigen mit den starken Ellbogen belohnt. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat der amerikanischen Demokraten, Adlai Stevenson, sagte einmal, dass die Eigenschaften, die einen befähigten, erfolgreich eine Kampagne zu führen, auch die seien, die einen für das Präsidentenamt disqualifizierten. Das ist, wie ich finde, das wahre Dilemma „unseres“ Systems.

Doom ist allein der vielen Informationen (die den Eindruck verstärken, die Wirklichkeit sei noch um einiges komplexer, als wir gemeinhin annehmen) wegen lesenswert. Was Niall Ferguson aus ganz unterschiedlichen Wissensgebieten zusammengetragen hat, ist sowohl beeindruckend als auch verwirrend. Mir war dieses Feuerwerk an Details und Zusammenhängen, diese Demonstration geballten Wissens, letztendlich zu viel. Auch deswegen, weil es ja nicht an gescheiten Einsichten mangelt (dieses Buch zeugt davon), sondern am entsprechenden Handeln. Auch seine eigenen Erkenntnisse und seine hellsichtige Voraussicht, haben den Autor, wie er in seiner Einleitung ausführt, schliesslich nicht davon abgehalten, zum Superspreader (er meint das selbstironisch) zu werden.

Niall Ferguson
Doom
Die grossen Katastrophen der Vergangenheit und einige Lehren für die Zukunft
DVA, München 2021

Fjodor M. Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Untergrund

Keiner, dessen Einsichten in die menschliche Seele mich mehr gelehrt hätten. Für mich ist Fjodor M. Dostojewski der grösste Psychologe, den die Welt je gesehen hat. Und so überrascht es mich denn auch nicht, dass ich bereits auf der ersten Seite dieser Aufzeichnungen aus dem Untergrund  auf einen Satz stosse, den ich mir unverzüglich anstreiche: „Ich bin gebildet genug, um nicht abergläubisch zu sein, und  doch bin ich abergläubisch.“

Ein ehemaliger Beamter, vierzigjährig, regt sich auf, über Mensch und Gesellschaft. „Und nun friste ich mein Leben in meinem einsamen Winkel und verhöhne mich selbst, indem ich mich der trotzigen und völlig nutzlosen Genugtuung ergebe, dass ein kluger Mensch doch nicht ernsthaft etwas werden kann, sondern dass nur ein Dummkopf etwas werden kann.“ Ganz offenbar hat sich seit dem neunzehnten Jahrhundert diesbezüglich nichts geändert.

In der Schule lernen wir, dass die Dinge im Kontext gesehen werden müssen. Mir selber steht Ralph Waldo Emersons Anregung näher, man solle sich seine eigene Bibel machen, indem man die Wörter und Sätze verwende, die man bei der Lektüre als Trompetenstoss erfahren habe. Konkret: Ich nehme mir von diesem Buch, was mich anspricht; Zusammenhänge überlasse ich denen mit literarischen Interessen.

Der Protagonist von Aufzeichnungen aus dem Untergrund  beschäftigt sich wesentlich mit der Frage, was eigentlich den Menschen ausmacht. „Die Vernunft, meine Herrschaften, ist eine gute Sache, das ist unbestritten, aber die Vernunft ist lediglich die Vernunft und befriedigt lediglich die vernünftigen Begabungen des Menschen, das Wollen hingegen ist die Bekundung des Lebens insgesamt, das heisst des gesamten menschlichen Lebens, und zwar mitsamt der Vernunft und allen anderen Gelüsten. Und selbst wenn das Leben in dieser Form ein ziemlicher Mist ist, ist es doch das Leben und nicht allein das Ziehen der Quadratwurzel.“

Was ist der Mensch? Was soll er sein, wonach sich ausrichten? Und vor allem: Weshalb sollte er nicht das für ihn Nützliche wollen? „um das Recht zu haben, für sich das Allerdümmste zu wünschen und nicht an die Pflicht gebunden zu sein, für sich selbst ausschliesslich Kluges zu wünschen.“ Denn die Rechthaberei macht seine Persönlichkeit und Individualität aus. Nichts ist dem Menschen wichtiger als dieses launenhafte Ich, das ihn doch ausmacht, auch wenn er darunter leidet.

Der Protagonist ist besserwisserisch, sich bemitleidend, zweifelnd, sich rechtfertigend. Er weiss um die Heilkraft der Aufrichtigkeit, aber eben auch um ihre Grenzen. Schreiben ist für ihn Therapie. „Schlussendlich: Ich langweile mich und tue die ganze Zeit nichts. Das Schreiben ist ja doch tatsächlich so etwas wie Arbeit. Es heisst, der Mensch werde durch Arbeit gut und ehrlich. Das ist doch immerhin eine Chance.“ Damit endet „Untergrund“, wie der erste Teil heisst; der zweite trägt den Titel „Angelegentlich nassen Schnees“ und handelt von Begebenheiten aus der Vergangenheit des Ich-Erzählers, hauptsächlich von Verletzungen, die er nicht verwinden kann.

„Die anderen waren alle dumm und einer wie der andere wie Schafe einer Herde“, räsoniert er. Trotzdem grämt er sich, dass ihm keine Achtung gezollt wird. Er sinnt auf Rache, ständig. Dabei schwankt er zwischen Überheblichkeit und Selbsterniedrigung. „Held oder Dreck, dazwischen gab es nichts.“ Er macht die Bekanntschaft einer jungen Prostituierten, will sie retten und versagt kläglich – er ist ein Merker, kein Täter, lebt in seinen Fantasien, nicht in der Realität.

So recht eigentlich wartet der Ich-Erzähler ständig auf den radikalen Umbruch in seinem Leben. Gleichzeitig glaubt er, dass ein solcher von sich aus nicht möglich ist. „Wir sind ja sogar so weit, dass wir das echte ‚lebendige Leben‘ als mühevolle Arbeit betrachten, fast so etwas wie eine dienstliche Verpflichtung, und wir alle sind insgesamt der Ansicht, dass ein Leben, wie es im Buche steht, besser sei.“ Der Mensch auf sich alleine gestellt, so schliesse ich daraus, ist verloren. Das Damaskus-Erlebnis der inneren Umkehr hält Dostojewski für gleichwohl möglich – als Gnade, die einem zuteilwerden kann.

Aufzeichnungen aus dem Untergrund  wurde von Ursula Keller aus dem Russischen übersetzt und mit einem aufschlussreichen Nachwort versehen. Sie charakterisiert Dostojewski treffend als grossen Zweifler und eigensinnigen Nonkonformisten, der das allgemein Akzeptierte ablehnt.

Der Mensch handelt, wie er handelt, um sich seiner Selbst zu vergewissern. Es ist unser Ego, das uns am Leben hält, und dieses ist unseren Emotionen (und nicht etwa der Ratio) unterworfen. Selten wurde das eindrücklicher geschildert als in diesem „wahren Geniestreich der Psychologie“ (Nietzsche).

Fjodor M. Dostojewski
Aufzeichnungen aus dem Untergrund
Manesse, München 2021

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