Karl Ove Knausgård: Lieben

„Lieben“ ist mein erstes Knausgård-Buch. Vermutlich ist es ja keine besonders gute Idee mit dem zweiten Roman (sein Vorläufer heisst „Sterben“) eines auf sechs Bände angelegten Projekts zu beginnen, doch ich bin sofort drin in der Geschichte, denn da beschreibt einer das Leben, so wie es ist, in allen Details.

Das Buch handelt vom Leben zweier Erwachsener und drei kleiner Kinder. „Ihre Kindheit zu begleiten, verändert auch das Bild meiner eigenen Kindheit, nicht so sehr wegen der Qualität, sondern wegen der Quantität, der vielen Zeit, die man mit seinen Kindern verbringt, die schier unermesslich ist. So viele Stunden, so viele Tage, so unendlich viele Situationen, die sich ergeben und durchlebt werden. Aus meiner eigenen Kindheit sind mir nur eine Handvoll Episoden im Gedächtnis geblieben, die ich alle als bahnbrechend und bedeutsam empfand, obwohl sie eigentlich, wie ich heute erkenne, in einem Meer anderer Geschichten schwammen, was ihren Sinn gänzlich auslöscht, denn woher will ich eigentlich wissen, dass ausgerechnet diese Ereignisse, die sich mir eingebrannt haben, entscheidend waren und nicht all die anderen, über die ich nicht das Geringste weiss.“

Und weil man nicht wissen kann, was entscheidend ist oder werden könnte, schreibt man so viel auf wie nur geht. Und genau das macht Knausgårds Schreiben aus: dass er versucht, den Fluss des Lebens wirklich werden zu lassen. Indem er ihn in Worte fasst. Dass sein Unterfangen gelingt, ist auch deswegen erstaunlich, weil es etwas Artifizielleres als Worte so recht eigentlich gar nicht geben kann. Man also nur staunen kann, dass mit Künstlichem (zusammengesetzten Buchstaben, die es in der Natur nicht gibt) die Realität (das Leben im Fluss) hergestellt werden kann.

Karl Ove Knausgård guckt hin und denkt selber. Und das ist rar und keineswegs die Regel. Seine Kinder, so stellt er fest, strahlen alle ein ganz bestimmtes Gefühl aus. Seit den allerersten Tagen. Ihre Charakterzüge zeigten sich andeutungsweise bereits nach ein paar Wochen und sie „sind ähnlich unverändert geblieben.“ Das ist sehr berührend, und sehr weise, wie er Aristoteles‘ Satz, der Charakter sei dem Menschen Schicksal, am Beispiel seiner Kinder darlegt.

So recht eigentlich macht Knausgård nichts anderes als seinen Alltag als Norweger, Ehemann, Vater und Schriftsteller in Stockholm zu beschreiben und weckt dabei ungeheuer intensive Gefühle in mir, die mir wieder einmal zu Bewusstsein bringen, dass es nicht Faszinierenderes gibt als das Alltägliche. Jedenfalls für den, der es wahrzunehmen weiss. Und Knausgård tut es.

Eine Stunde pro Tag gehört dem Lesen. Dafür geht in ein Café. Doch nicht zu oft in das gleiche, weil er nicht als Stammkunde behandelt werden will. „Der entscheidende Vorteil daran, in einer Grossstadt zu leben, bestand für mich jedoch darin, dass ich in ihr vollkommen allein sein konnte, während ich gleichzeitig überall von Menschen umgeben war.“

Er liest Dostojewski und fühlt sich in dessen Welt unwohl. Es gehe bei ihm immer um das Drama und die Tiefe der Seele, „was bedeutet, dass er immer einen Aspekt des Menschlichen ausser Acht lässt, und zwar das, was uns mit allem ausserhalb von uns verbindet.“ Eine clevere Beobachtung. Auch weist er darauf hin – da wäre ich wohl ebenfalls nicht drauf gekommen – , dass im Gegensatz dazu viele Darlegungen Tolstois, nichts anderes sind und sein wollen, als sachkundige Dokumentationen etwa einer Landschaft oder von Sitten und Gebräuchen.

Mir bedeutet „Lieben“ viel, ich lese es ganz langsam und gerne. Das liegt wesentlich daran, dass Knausgård sich ganz viele Gedanken über Gott und die Welt macht, die auch mich beschäftigen. Und dabei Überlegungen zum Alltag, zur Literatur, zur Moral oder Philosophie umstandslos ineinander übergehen, ganz so wie im richtigen Leben.

Sie schreibe, hat die australische Autorin Robyn Davidson einmal in einem Interview gesagt, um das Leben irgendwie wirklich werden zu lassen. Und genau das ist es, was ich beim Lesen von „Lieben“ empfinde: dass das, was hier beschrieben wird, die Wirklichkeit ist. Und viel spannender, anregender und aufregender als jede Fiktion.

Ein grossartiges Buch!

Karl Ove Knausgård
Lieben
Luchterhand Literaturverlag, München 2012

Paul Collier / John Kay: Das Ende der Gier

Im Vorwort gehen die beiden Autoren auch auf SARS-CoV-2 ein. „Die Erfolge der Reaktionen sind in hohem Masse davon abhängig, ob eine Gesellschaft eher gemeinschaftsorientiert oder individualistisch und ob die Regierung dezentralisiert oder zentralisiert ist.“ Dabei weisen sie auch darauf hin, dass „Länder mit stärkerem Zusammenhalt und dezentraler Regierung wie etwa Deutschland, die Schweiz, Dänemark und Finnland anfangs eine viel niedrigere Sterblichkeit als hochindividualistische wie die USA oder stark zentralistische wie Grossbritannien und Frankreich.“ Mir leuchtet das sofort ein, wenn da nur die Schweiz, wo ich lebe, nicht aufgeführt wäre, denn da erlebte ich den Föderalismus als desaströs. Zugegeben, die meisten Schweizer sehen das anders. So ergab etwa eine Studie der ETH Zürich, dass das Vertrauen in die Regierung während der Pandemie gestiegen sei. Ich habe beschlossen, fortan nicht mehr allen Studien zu glauben …

Was mich jedoch in diesen einleitenden Bemerkungen weit stärker berührt hat, war der Hinweis auf die Tatsache, dass der David Hume Tower an der Universität Edinburgh auf Betreiben von „Aktivist_innen“ umbenannt werden soll, da Hume in einer Fussnote eine rassistische Auffassung geäussert haben soll, die zu seiner Zeit weitverbreitet war. „Der selbstgerechte Narzissmus von ‚Aktivist_innen’“, der nichts anderes als eine der wenig erfreulichen Ausprägungen unserer egomanischen Weltsicht ist, ist schwer zu ertragen.

Paul Collier und John Kay, beide Professoren für Ökonomie, machen mit diesem Buch unter anderem deutlich, dass „die Intensität des selbstgerechten Fühlens für viele der Massstab des moralischen Wertes“ ist. Den Egoismus, den die Autoren Individualismus nennen, in den Mittelpunkt von Allem und Jedem zu stellen, verkennt die Grundlagen der menschlichen Existenz. Sie möchten „den Nachweis erbringen, dass es durchaus möglich ist, Gemeinwohl und Wirtschaftsinteressen unter einen Hut zu bringen.“

Das Ende der Gier gibt einen Überblick über ökonomische Theorien (Utilitaristischer Individualismus, Marktfundamentalismus, Shareholder-Value-Konzept etc.), erkennt als unsere wichtigste gesellschaftliche Ressource die Gemeinschaft und hält fest, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt unklar ist, „ob unsere Gesellschaften in sich ein hinreichend starkes Gemeinschaftsgefühl finden werden, um für dieses allgemeine Wohl zusammenzuarbeiten.“

Das Kapitel „Rechte“ wird eingeleitet mit einem Zitat von Simone Weil und gibt die Richtung an. „Der Begriff der Pflicht steht über dem des Rechtes, der ihm untergeordnet und von ihm abhängig ist.“ Sehr schön, macht es doch deutlich, dass man sich Rechte (auch) verdienen muss. Unter dem Zwischentitel „Selbstgerechter Narzissmus“ (Nichts, das die moderne Gesellschaft besser beschreiben würde), wird auch Mrs. Jellyby aus Charles Dickens‘ Bleak House aufgeführt, die ihre Tage damit verbringt, „Bittschriften im Namen der Eingeborenen von Borriobula-Gha am linken Nigerufer einzureichen“, statt sich um ihre Familie und das verletzte Kind vor der Haustür zu kümmern.

Wie in Büchern von Wissenschaftlern üblich, wird auch in Das Ende der Gier nicht mit Studien gespart. So wurde etwa herausgefunden, dass jenseits einer Schwelle von 70 000 Euro (andere meinen bei 120 000 Euro) sich das Wohlbefinden verringert, Drogensucht und Depressionen zunehmen. „Seitdem das Konzept der Selbstverwirklichung die Jugendkultur prägt, ist die Anzahl der depressiven Teenager in die Höhe geschnellt und ebenso die gravierendste messbare Folge von Depressionen: Suizide.“

Handelt Teil I vom Triumph des Individualismus, so nimmt sich Teil II den Aufstieg und Fall von Vater Staat vor sowie die Umbrüche in der Parteienlandschaft und geht der Frage nach, wie Labour die Unterstützung der Arbeiter verlor. Es erleichtert die Lektüre, wenn man mit der britischen Politik einigermassen vertraut ist. Teil III widmet sich dann der Gemeinschaft und insbesondere dem Kommunitarismus.

Es gehört zu den Stärken dieses Werkes, dass es deutlich macht – etwa am Beispiel Airbus, deren verschiedene Teile in verschiedenen Ländern gefertigt werden – , dass gemeinschaftliches Handeln nicht nur von Nöten ist, sondern auch praktiziert wird. „In Gemeinschaften organisierte Menschen wissen viel mehr, als jeder Einzelne jemals wissen kann.“

Ihre Danksagung leiten Paul Collier und John Kay mit dem Satz ein: „Die Prämisse dieses Buches lautet, dass die Gemeinschaft der Menschen, mit denen wir interagieren, unsere Gedanken prägen.“ Wir sind gut beraten, diesen Gedanken sich setzen zu lassen und in Ruhe zu bedenken. Die Chance, dass wir erkennen, dass wir alleine gar nicht existieren können und nur gemeinsam überleben werden, ist gross.

Das Ende der Gier zeigt differenziert und überzeugend auf, dass das gängige Narrativ von der Gesellschaft als Kampf zwischen Individuen und Staat sowohl irreführend als auch falsch ist.

Paul Collier / John Kay
Das Ende der Gier
Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreisst und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss
Siedler, München 2021

Hervé Guibert: Zytomegalievirus

Der Schriftsteller Hervé Guibert liegt, geschwächt von einer HIV-Infektion, im Krankenhaus. Eine Herpesvariante, das Zytomegalievirus, bedroht ihn mit dem Erblinden. „’Wenn das Zytomegalievirus aus irgendeinem Grund nicht so früh entdeckt worden wäre, dann hätte ich das Auge verloren, wäre das eine Frage von Monaten gewesen, von Wochen oder von Tagen?‘ ‚Von Tagen‘, antwortet sie. Vielleicht ist es verloren, abwarten!“

Die französische Originalausgabe erschien 1992, die deutsche Übersetzung ist sehr gelungen, mit, jedenfalls für meine Ohren, einer Ausnahme. „Also los, immer noch besser, man bleibt ein menschliches Wesen, als man wird zu einem Flatschen aus blutigem Brei.“ Eine Abkürzung wie AiP-ler hätte erklärt werden dürfen (ich habe sie auch im Kontext nicht verstanden).

Die Krankenhausatmosphäre hat etwas Zeitloses. „Man muss dafür sorgen, dass man von Anfang an respektiert wird …“. Nüchtern konstatiert der Patient Guibert seine Umgebung, wie er behandelt wird, wie er sich selber verhält. Trocken kommentiert er: „Finde natürlich die Klingel nicht, ungeschickt wie immer. Und schaffe es, keine Ahnung wie, mir den Infusionsschlauch um den Fuss zu wickeln, bald kann ich mich nur noch ein paar Zentimeter bewegen.“

Natürlich schreibt der Schriftsteller auch über das Schreiben. „Schreiben ist auch eine Art, die Zeit zu strukturieren“ … ja, unbedingt … „und sie sich zu vertreiben.“ Das hingegen teile ich ganz und gar nicht, vielmehr: Das Schreiben (für mich ist das so), macht die Zeit wirklicher, lässt sie zumindest wirklich erscheinen. An anderer Stelle nennt er das Schreiben „die einzige Art des Vergessens.“ Doch ist das nicht dasselbe wie „sie sich zu vertreiben“? Für mich nicht – vergessen kann man nur, was man zugelassen, womit man sich beschäftigt, was einen betroffen hat.

Soll er das Antidepressivum nehmen oder es doch besser lassen? Er beklagt sich bei einer Pflegerin über ihr Verhalten; sie wird abgelöst von einer neuen, „die die Spritzen ins Auge so anpreist.“ Eine verrückte verrückte Geschichte aus Kolumbien (einem Betrunkenen wurden die Augen geklaut). Das Verhältnis Arzt/Patient. Ganz Unterschiedliches kommt hintereinander zur Sprache – genau wie im richtigen Leben.

Nichts ist faszinierender, berührender, fantastischer als die erlebte und beobachtete Realität. Die Leutseligkeit beim Schichtwechsel. Der dunstige Himmel, in dem der Autor Aquarelle von Turner oder Constable zu finden versucht („Ein paar konnte ich entdecken.“). Unter einer schwarzen Plane wird ein Leichnam aus der Intensivstation gerollt. Die Ärzte des Rettungswagens, der auf einen Selbstmordversuch antwortete, werden beschimpft. Generalstreik im Krankenhaus (Streiks in Spitälern erlebt er offenbar öfters).

Er macht aus seiner Situation ein Studienthema. Treffend notiert sein Übersetzer im informativen Nachwort, Guibert nehme uns mit „an den Rand einer der äussersten Stufen des Lernens ohnegleichen.“ Manchmal musste ich auch laut heraus lachen, des Humors wegen. „Ich glaube wirklich, dass in den Krankenhäusern Materialdiebstahl stattfindet (…) Wie muss das erst in Russland sein!“

Zytomegalievirus ist ein auf mannigfaltige Weise berührendes Werk. Das Nebeneinander von Alltäglichem, Philosophischem und Humor überzeugt, könnte faszinierender, realitätsnäher und zeitloser nicht sein.

Hervé Guibert
Zytomegalievirus
Krankenhaustagebuch
August Verlag, Berlin 2021

Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen

Würde ich auf meinen Bauch hören, würde ich Bauchentscheidungen nicht lesen. Wenn mich nämlich der Klappentext informiert, dass der Autor ein weltweit renommierter Psychologe ist und das Gottlieb Duttweiler Institut ihn „als einen der 100 einflussreichsten Denker der Welt“ bezeichnet habe, sagt mir meine Intuition, dass wer mit solch eitlen Zuschreibungen hausieren geht, in einer Welt lebt, die mich nicht interessiert. Wer, um Himmels Willen, glaubt bloss, was ein paar Institutsangestellte in Rüschlikon (wo das Gottlieb Duttweiler Institut seinen Sitz hat) behaupten?

Soviel zu meinen Voreingenommenheiten. Doch wovon sind diese beeinflusst? Von meinen Ahnungen oder Überlegungen, von meinem bewussten oder unbewussten Denken? Ja, gibt es überhaupt unbewusstes Denken? Ich erhoffe mir von Bauchentscheidungen Aufklärung. Und bin gleichzeitig skeptisch, denn es liegt doch so recht eigentlich schon im Begriff des Unbewussten, dass man darüber – weil nicht bewusst – kaum etwas empirisch Belegbares aussagen kann.

Wie immer bei Akademikern, beginnt es mit der Eingrenzung des Themas bzw. der Begriffsklärung. „Intuition ist unbewusste Intelligenz, die – unabhängig vom Geschlecht – auf jahrelanger Erfahrung beruht. Man spürt sofort, was man tun soll, kann es aber nicht begründen.“ Das kennen wir alle; was es allerdings mit Intelligenz zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Und auch was es mit Erfahrung zu tun haben soll, erschliesst sich mir nicht – ich kenne jedenfalls Menschen jeden Alters mit aussergewöhnlich ausgeprägtem Gespür.

Gerd Gigerenzer verwendet „die Begriffe Bauchgefühl, Intuition und Ahnung austauschbar, um ein Urteil zu bezeichnen, 1. das rasch im Bewusstsein auftaucht, 2. dessen tiefere Gründe uns nicht ganz bewusst sind, 3. das stark genug ist, um danach zu handeln.“ Insbesondere Punkt 3 finde ich einigermassen problematisch. Anders gesagt: Ich bin froh, dass ich meiner Intuition nicht immer nachgebe, denn allzu oft hat sie mich nachweislich in die Irre geführt. Doch Professor Gigerenzer plädiert keineswegs für das Primat der Intuition; er weiss sehr wohl, dass Kopf und Bauch zusammengehören und die Welt für allzu simple Wahrheiten zu kompliziert ist. Ihm geht es darum, der Intuition die ihr gebührende Achtung entgegenzubringen, ihren Wert und ihre Bedeutung anzuerkennen, denn „ohne sie brächten wir wenig zustande.“

„Wir bewegen uns immer mehr weg von einer Leistungskultur und hin zu einer Rechtfertigungskultur. Eine Bauchentscheidung kann man nicht mit harten Fakten begründen und wird damit angreifbar. Doch mit einer Rechtfertigungskultur erstickt man Innovation in einer Flut von Dokumentation, um sich abzusichern statt etwas zu riskieren.“ Ich sehe das genauso, jedenfalls von der Tendenz her. Wenn ich mir jedoch den bekanntesten Bauchgefühl-Vertreter der letzten Jahre vor Augen führe, den Florida-Golfer, dann weiss ich auch, weshalb die Orientierung an Fakten wesentlich ist. Auch beim Fliegen, so haben mich Piloten instruiert, ist man schlecht beraten, sich auf seinen Bauch statt auf die Instrumente zu verlassen.

Bauchgefühle bestehen gemäss Gerd Gigerenzer aus einfachen Faustregeln, die sich evolvierte Fähigkeiten des Gehirns zunutze machen. Das Ziel des vorliegenden Buches ist es, „zunächst die verborgenen Faustregeln zu erläutern, die der Intuition zugrunde liegen, und an zweiter Stelle zu verstehen, wann Intuitionen zum Erfolg oder zum Scheitern führen können.“

Bauchentscheidungen ist reich an aufschlussreichen Fallbeispielen und illustrativen Geschichten, die sich zumeist spannend und amüsant lesen. Ganz speziell zugesagt hat mir Das Keine-Wahl-Dinner. Dann aber auch die Geschichte über Ungewissheit, die aufzeigt, dass bei der Zukunftsvorhersage Laien, Experten und Politiker gleich schlecht abschneiden (Überrascht das jemanden?) sowie die Geschichte über den Fall der Berliner Mauer. Bei allen drei (und auch bei anderen) war mir nicht immer klar, was sie mit Bauchentscheidungen zu tun haben. Eher unterstreichen sie des Autors Lieblingsthese: Zuviel Information überfordert uns; je weniger wir wissen, desto leichter gelingt die Entscheidungsfindung. Verwunderlich finde ich das nicht, über die Qualität des Entscheids sagt dies allerdings wenig aus.

Zu den Schlüsselsätzen in diesem Werk gehört für mich: „Ich denke, die meisten sozialen Interaktionen sind weniger das Ergebnis komplexer Kalkulationen als vielmehr das Resultat besonderer Bauchgefühle, die ich soziale Instinkte nenne.“ Woraus sich ableiten liesse, dass das Bild, das wir von uns Menschen – von der Vernunft geleitete Wesen – haben, weitestgehend auf einer Fehleinschätzung beruht. „Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt“, meinte bekanntlich Goethe. Schön zeigt das Professor Gigerenzer am angeblich alles dominierenden Egoismus auf, den er mit dem Familien- und dem Stammesinstinkt ergänzt.

Der Autor beklagt, dass „die Intuition von göttlicher Gewissheit zum blossen Gefühl abgestiegen“ sei. Das mag bei den sogenannt Gebildeten so sein, in der breiten Bevölkerung ist das meiner Erfahrung nach nicht der Fall. Dazu kommt, dass wir weit mehr von Gefühlen, Impulsen, Instinkten regiert werden als uns lieb ist. Nur geben wir uns das nicht zu, wollen wir mehr als bloss Tiere sein. Hochmut kommt vor dem Fall, heisst es bekanntlich. Und im Falle unserer Zivilisation paart sich dieser Hochmut gerade mit Ignoranz – und fährt uns an die Wand.

Bauchentscheidungen ist eine Horizont-erweiternde Lektüre und lohnt vor allem der vielfältigen Beispiele wegen, von denen viele aus des Professors abwechslungsreichem Berufsleben stammen.

Gerd Gigerenzer
Bauchentscheidungen
Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition
Pantheon, München 2021

Karl Hepfer: Verschwörungstheorien

Wir wissen nicht, woher wir kommen, nicht, was wir hier sollen, nicht, was nachher kommt. Wir sind also ziemlich verloren und so suchen wir Ordnung und Stabilität, ja mehr noch, Gewissheit. Nun ist, ausser dass wir sterben werden, so recht eigentlich gar nichts gewiss, was uns jedoch nicht davon abhält, um jeden Preis irgendwo Halt finden zu wollen, auf dass wir nicht untergehen. Alles, so scheint es, was uns irgendwie Halt verspricht, eignet sich, um uns daran festzuklammern. Nur eben: Falls wir uns als vernünftige Wesen sehen wollen, können/dürfen wir offensichtlichen Unsinn nicht glauben. Doch was ist eigentlich unsinnig? Die philosophische Kritik der Unvernunft, die Karl Hepfer hier vorlegt, gibt Orientierungshilfe.

Es handelt sich bei diesem Buch um die nunmehr 3., aktualisierte und ergänzte Ausgabe. Seit der im November 2014 erschienen ersten Ausgabe hat sich die Rolle des Internets als Brandbeschleuniger (die korrigierende Wirkung des unmittelbare Kontakts verringerte sich) sowie der Vertrauensverlust in die Arbeit der Regierung (die sich vor allem an Umfragewerten orientiert) intensiviert.

Es gehört zu unserer Zeit, dass wir Alles und Jedes aus verschiedenen Winkeln betrachten, zumeist aus der Sicht der Disziplin, mit der wir uns einigermassen auskennen. Dass das auch irgendwie komisch ist – alle diese Disziplinen sind Erfindungen und dienen wesentlich dem Broterwerb und der Orientierung – sehen die wenigsten so, denn dass der Jurist die Welt durch die juristische Brille, der Mediziner sie durch die medizinische Brille … und so weiter … sieht, ist uns so recht eigentlich selbstverständlich.

Hier nun also kommt die philosophische Sicht. Wie formen theoretische Grundstrukturen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit? Darum geht es in der Philosophie. „ … um Fragen nach unserem Wissen und dem, was es in der Welt gibt oder nicht gibt.“ Die Basis unserer Erkenntnis sind konkrete, empirisch überprüfbare Sachverhalte. Wer sich in seinen Argumenten nicht auf solche bezieht, bewegt sich im Bereich der frei erfundenen Theorie.

Karl Hepfer schält Hilfreiches heraus. Etwa, dass die gegenwärtig sehr verbreiteten Verschwörungstheorien mit einer ‚Krise des modernen Subjekts‘ einhergehen – die Komplexität der Welt überfordert uns, also suchen wir nach einfachen Erklärungen (nach solchen, die wir verstehen bzw. nachvollziehen können). „Zusammenhänge herzustellen und dabei Urteilskraft und Augenmass zu bewiesen sowie eine klaren Sinn für Sein und Schein zu bewahren, wird im aktuellen Dauerfeuer der Daten und ‚Informationen‘ nicht eben leichter.“

Anhand von Beispielen aus der Philosophie zeigt Karl Hepfer auf, dass bereits seit geraumer Zeit um die Frage gerungen wird: Was ist eigentlich die ‚Wirklichkeit‘? Gemäss unserem gegenwärtigen Wissensstand (Wir wissen mehr als was uns unsere Sinne vermitteln. So können wir etwa Viren, von denen wir wissen, dass es sie gibt, nicht von blossem Auge erkennen) … wie immer: Es kommt drauf an. Die Ausführungen in Verschwörungstheorien sind ausgesprochen illustrativ und machen deutlich, dass wer auf Eindeutigkeit beharrt, sich womöglich am besten mit seiner Psyche (seiner Motivation, seinen Ängsten etc.) auseinandersetzt. (Das sagt nicht der Autor, das sage ich.)

Verschwörungstheoretikern ist unter anderem eigen, dass sie (oft nicht unberechtigte) Zweifel an etablierten Gewissheiten säen, diesen dann aber eigene Gewissheiten entgegenstellen. Kurz und gut: Sie sind Gläubige. Und glauben kann der Mensch bekanntlich vieles, inklusive Unsinn.

Verschwörungstheorien seien „eine historische Konstante“ lerne ich und schliesse daraus, dass mehr empirisch gesichertes Wissen Verschwörungsgläubige kaum erreichen wird, denn eine Einstellungsveränderung setzt die Grundbereitschaft voraus, sich zu ändern – und diese geht den meisten Menschen ab. Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind, heisst es im Talmud.

Im letzten Teil setzt sich Karl Hepfer auch mit der Corona-Pandemie auseinander, während der die Verschwörungstheorien bekanntlich bestens gedeihen. Das liegt jedoch nicht nur an Corona, es liegt auch an unserer Zeit, die nicht zuletzt gekennzeichnet ist vom „willigen Rückzug vieler Menschen in ausdifferenzierte Meinungsbiotope, in hermetische Systeme der Bestätigung, die die Räume für eine produktive Auseinandersetzung mit fremden Ansichten eng machen.“ Vorsichtiger kann man es kaum formulieren. Etwas deutlicher geisselt er dann die politische „Doktrin der Risikovermeidung um jeden Preis“, denn ein Leben ohne Risiko gibt es nicht.

Verschwörungstheorien schätze ich wegen der klaren und nachvollziehbar vorgetragenen Argumentation, die mich Nützliches über philosophisches Räsonieren lehrte und zwar nicht im Sinne einer Fachdisziplin, sondern als für den Alltag taugliches Denken.

Karl Hepfer
Verschwörungstheorien
Eine philosophische Kritik der Unvernunft
transcript Verlag, Bielefeld 2021

James Hamblin: Natürlich waschen!

James Hamblin, gemäss Klappentext „ehem. Arzt“, arbeitet heute als Autor, leitender Redakteur bei The Atlantic und Dozent an der Yale School of Public Health. Es ist das erste Mal, dass ich jemanden als „ehem. Arzt“ charakterisiert sehe – und ich finde das bemerkenswert, positiv bemerkenswert, denn es ist selten, dass jemand, der studiert hat, sich nicht ein Leben lang über sein Studium definiert, das oft nichts weiter als eine Basisausbildung gewesen ist. Bei denen, die doktoriert haben, ist es meist noch schlimmer – weil sie im Alter von 23 Jahren eine Arbeit geschrieben haben, die selten mehr als eine Anpassungsleistung an das herrschende System ist, erwarten viele von ihnen, für den Rest ihres Lebens mit Doktor angeredet zu werden.

Als James Hamblin von der Medizin zum Journalismus wechselte, stellte er alles, sein ganzes Leben, auf den Prüfstand. Zu dieser gründlichen Inventur gehörte auch die Körperpflege. In Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält erzählt er jedoch nicht nur von seinen diesbezüglichen Überlegungen, sondern er setzt sich auch mit den Einwänden von Freunden und Bekannten auseinander. Obwohl Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält suggeriert, es handle sich dabei um einen Ratgeber, ist dieses Buch weit mehr: Eine überaus facettenreiche Einführung in das grösste Organ des Menschen. „Würde man sie (die Haut) ausbreiten, wäre sie fast zwei Quadratmeter gross.“

Nichts, dass man in der heutigen Zeit nicht zu einem Objekt des Geldverdienens machen kann. Seife, Reinigungsmittel, Deos, Haar- und Hautpflegeprodukte sind ein Billionen US-Dollar Geschäft. Und wie jedes Geschäft, das sich lohnt, lohnt es sich vor allem für die Verkäufer. Doch wie gesund sind eigentlich diese mannigfaltigen Geldproduzenten? Die Billiarden von Mikroben, die auf unserer Haut leben, werden sich über diese chemischen Attacken kaum uneingeschränkt freuen. „Ihre grosse Mehrheit ist nämlich nicht nur harmlos, sondern sogar sehr wichtig für unsere Haut und somit auch für unser Immunsystem.“

Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält macht mich auf vieles aufmerksam, worüber ich mir noch gar nie Gedanken gemacht habe. Etwa: „Bislang verstehen wir erst in Ansätzen, welche Folgen es für unser Immunsystem und unser wichtigstes Immunorgan, die Haut, hat, wenn wir, gezwungenermassen oder freiwillig, in von der Aussenwelt abgeschotteten Räumen leben.“ Oder: „Sämtliche Wirbeltiere befolgen offenbar Hygieneregeln.“ Oder: „ … das Pflegeritual Spass macht, weil man sich täglich ein wenig Zeit für sich nimmt.“

Wie jedes Wissensgebiet, unterliegt auch die Dermatologie dem steten Wandel. „Lange Zeit hat man die Haut als Barriere betrachtet, die uns von unserer Umgebung trennt, doch wie neuere Erkenntnisse zum Mikrobiom zeigen, ist sie wohl eher eine dynamischen Schnittstelle.“ Auch hatte die Körperpflege die längste Zeit der Menschheitsgeschichte eher mit Spiritualität und Ritus zu tun als mit heutigen Gesundheits- und Schönheitsvorstellungen.

Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält ist nordamerikanischer Journalismus vom Feinsten – enorm detailreich sowie dem storytelling verpflichtet. Seit wann verwenden eigentlich Milliarden von Menschen mehrmals täglich Seife, „und zwar nicht, weil ihnen danach ist, sondern weil sie das für absolut notwendig halten?“ James Hamblin sucht einen Seifenhistoriker auf. Natürlich nicht irgendeinen, sondern den ‚Seifenkönig‘, von dem er unter anderem erfährt, „dass der Verkauf von Seife eine Kunst ist, mehr noch als ihre Herstellung.“

Natürlich waschen! Was unsere Haut wirklich gesund hält ist ein veritabler Augenöffner, der wesentlich über die biologische Diversität in und auf unserem Körper aufklärt. „Die Biodiversitäts-Hypothese besagt nicht, dass Hygiene per se schlecht sei, sondern dass es schlecht sei, wenn die Vielfalt der Mikrobenwelt schwindet.“ Konkret: Nicht nur Achseln, Genitalbereich und Füsse gehören gereinigt, auch Händewaschen ist wichtig, denn dadurch können viele Infektionsketten unterbrochen werden.

Dass alles mit allem verbunden ist, sagen heutzutage (fast) alle. Was das in Sachen Haut bedeutet, führt James Hamblin in diesem ausgesprochen informativen Werk aus, in dem er unter anderem darauf hinweist, „dass unsere Körperpflege nicht nur uns selber betrifft, sondern ebenso die Bakteriengemeinschaften, die überall auf und um uns leben, die Einfluss haben auf all unser Tun, so wie unser Tun auf sie.“

Fazit: Anregend, lehrreich und nützlich.

James Hamblin
Natürlich waschen!
Was unsere Haut wirklich gesund hält
Kunstmann, München 2021

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