Vlada Mättig / Katharina Vogt: Rauschlos glücklich

An Bekenntnisbüchern herrscht in unseren Selbstdarstellungszeiten wahrlich kein Mangel. Um auf dem sogenannten Markt zu bestehen, muss man sich was einfallen lassen. Und genau das haben Vlada Mättig und Katharina Vogt, Freundinnen seit Kindheitstagen, getan. „Dieses Buch erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft, die den Alkohol bezwungen hat – und es macht Mut, sich Konventionen und Gruppenzwang entgegenzustellen und die eigene Freiheit zu verteidigen“, so die Verlagswerbung.

Ich bin mir nicht sicher, ob es ihre Freundschaft war, die den Alkohol bezwungen hat (das behaupten die beiden auch gar nicht), denn ich glaube nicht, dass wir wissen können, weshalb einige es schaffen, vom Alkohol loszukommen, die meisten Alkoholsüchtigen jedoch nicht. Unsere Erklärungen sind selten mehr als eine Gewohnheit zu denken, das Rätsel des Lebens erhellen sie nicht. Doch wir können dieses Rätsel annehmen – und davon handelt dieses Buch.

Alkoholiker wollen die beiden nicht sein. „Mich persönlich hat die Bezeichnung Alkoholikerin davon abgehalten, mir eher Hilfe zu suchen, denn ich war der festen Überzeugung, dass mir das niemals passieren konnte, obwohl ich natürlich wusste, dass Alkohol eine Droge ist und ich zu viel davon trank.“ Und: „Der Begriff ‚Alkoholiker*in‘ an sich allerdings ist und bleibt ungesund besetzt.“ Das liegt vielleicht auch ganz einfach daran, dass Alkoholismus ungesund ist! Nun gut, Abhängigkeit passt den beiden nicht, Freiheit ist ihnen lieber. „Freiheit bedeutet, frei von einem Label zu sein.“ Das ist vielleicht etwas unter-komplex, doch wenn es funktioniert bzw. hilft, ist dagegen meinerseits nichts einzuwenden, denn für mich gilt: whatever works.

Nicht immer war mir klar, wer von beiden eigentlich schrieb, doch so recht eigentlich war es egal, denn so persönlich Sucht auch erlebt wird, die Gemeinsamkeiten der Suchterfahrung sind weit häufiger, auch wenn jeder Alki natürlich denkt, er sei der absolute Spezialfall – jeder Alki denkt so, soviel zum Spezialfall.

Auch die beiden Autorinnen bemühen sich speziell bzw. originell zu sein und stellen den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker ihre „Elf Schritte, die du gehen kannst, um mit dem Trinken aufzuhören“ gegenüber. Wie gesagt: Alles kann sich positiv auswirken – sofern man es tut. Und in Sachen Tun sind die Anonymen Alkoholiker mit ihrem to act your way into a new way of thinking meines Erachtens unerreicht. Nein, nicht für alle, weshalb ich denn auch den Ansatz dieses Buches sehr schätze – das Darauf-Hinweisen, dass nicht so sehr Alkohol das Problem, sondern vielmehr ein klares Anzeichen ist, dass man es mit einem Lebensproblem zu tun hat und es so recht eigentlich nur eine Frage zu beantworten gilt: Will ich so leben?

Rauschlos glücklich bietet vielfältige Aufklärung, die unter anderem deutlich macht, wie ungeheuer verbreitet Alkohol in der westlichen Kultur („Zumindest in den Grossstädten haben wir das Zeug 24/7 vor der Nase.“) ist, in Malaysia oder Indonesien hingegen nicht. „In Deutschland ereigneten sich laut Statistischem Bundesamt 2019 täglich durchschnittlich 98 Verkehrsunfälle, bei denen mindestens bei einem Verkehrsteilnehmer Alkohol nachgewiesen konnte.“

Die Geschichten, die die beiden Autorinnen erzählen, sind ganz unterschiedlich und reichen von sehr lustig (als sie irrtümlich alkoholfreien Amaretto gekauft haben) bis zu tragisch. Vor allem berührt hat mich, als Vlada plötzlich verschwunden war und ihre Mutter und Katharina sie nicht finden konnten. Katharina ist verzweifelt. Und leidet. „Das Widersprüchliche an alldem ist jedoch, dass ich Vlada selbst nach dieser Geschichte nicht gesagt habe, was ich dachte, dass sie nämlich Hilfe brauchte und es so nicht mehr weitergehen konnte. Zumindest kann ich mich an solche Worte nicht erinnern.“ Das ist kein Katharina-Problem, es ist auch kein Vlada-Problem, es ist ein Gesellschaftsproblem. So frei wir auch sein mögen bzw. uns dies einbilden – unsere Gefühle sind gesellschaftlich unerwünscht.

Wer nicht fühlen will, was er fühlt, für den ist Alkohol eine wunderbare Medizin. Jedenfalls am Anfang. Ist man jedoch mit einer Suchtpersönlichkeit geschlagen, wird der Alkohol zum Problem. Wer seine Gefühle und damit sich selber leben lassen will – Vlada Mättig und Katharina Vogt – , hat eine gute Chance, vom Alkohol loszukommen. Das meint übrigens nicht, unseren Gefühlen einfach nachzugeben – es gibt schliesslich auch solche, die uns in die Irre führen – , sondern sie zu akzeptieren, zu prüfen, und uns dann zu entscheiden, in welche Richtung wir gehen wollen.

„Mit meiner Nüchternheit habe ich dann endlich die Entscheidung getroffen, dass es reicht“, bringt es auf den Punkt. Und: „Ich wollte wieder fühlen, ich wollte wieder richtig leben, ich wollte wieder ich selbst sein. Meine Nüchternheit ist ein Nebenprodukt dieses Prozesses, ein ganz wunderbares Nebenprodukt, das ich nicht mehr missen möchte!“

Rauschlos glücklich plädiert dafür, mit sich selber Freundschaft zu schliessen. Nichts, das lebensfreundlicher wäre!

Vlada Mättig / Katharina Vogt
Rauschlos glücklich
Auf die Freundschaft & das Leben ohne Alkohol
Knaur Taschenbuch, München 2021

Hari Kunzru: Red Pill

Der Ich-Erzähler, verheiratet, eine dreijährige Tochter, wohnhaft in Brooklyn, ist Autor, wird sich seiner Sterblichkeit bewusst, gerät in eine Krise und erhält von einer Berliner Kulturstiftung ein dreimonatiges Stipendium. Ihm und seiner Frau ist klar, dass sein Berlin-Aufenthalt an seinem Lebensproblem etwas ändern sollte.

Im Deuter-Zentrum wird ihm eine Arbeitsstation in einem Grossraumbüro zugewiesen, nur muss er für sich sein, wenn er schreibt. Doch die Regeln des Zentrum-Gründers sind strikt, sie lassen sich nicht ändern. Frustriert erkundet der Stipendiat, Vater Inder, Mutter Engländerin, der nicht an nationale Literaturen glaubt, die nähere Umgebung und stösst auf das Grab von Heinrich von Kleist, den er als Hysteriker und „Verfasser schriller Stücke und fragmentarischer Geschichten voller Hektik, Schlachten, Erdbeben und psychischer Schocks“ begreift.

Selten war mir so bewusst, wie langweilig, selbstbezogen, eigenartig, ja bizarr, die akademische Welt funktioniert. Kleist lesen, sich mit Wirtschaftsgeschichte oder Politologie beschäftigen und dafür ein Stipendium kriegen, ja bezahlt werden? Im Deuter-Zentrum werden die Stipendiaten angehalten, über ihre „Aktivität“ Rechenschaft abzulegen. „Meine Lösung bestand darin, meine Zeit abzusitzen“, so der Protagonist, der oft mehrere Stunden am Tag fernsieht, vor allem Blue Lives, eine Serie über zivile Cops und „wie sie sich an Leuten vergriffen“. Erwachsene gibt es nicht, habe ich einmal gelesen, nur Leute, die so tun als ob.

Er ist eigenbrötlerisch, egozentrisch und unehrlich, doch er ist auch sensibel und unsicher, und er fühlt sich beobachtet. Monika, die Putzfrau, mit der er das Gespräch sucht, klärt ihn auf … Und jetzt wird es spannend, richtig spannend …

Monika war in der DDR Schlagzeugerin in einer Frauen-Punk-Band gewesen – das ist so frisch und intensiv geschildert, dass man glaubt, vor Ort mit dabei zu sein. Dann wird sie von der Stasi als Informantin rekrutiert, das liest sich ungemein beklemmend. Selten wurde mir eindrücklicher vorgeführt, wie raffiniert und brutal dieser Unterdrückungsapparat funktionierte. Niemandem konnte man trauen, Verrat war allgegenwärtig. Nichts war so wie es den Anschein hatte.

Bei einer Party kommt der Ich-Erzähler mit Anton, dem Regisseur von Blue Lives, ins Gespräch, der in seiner Serie auf Heraklit, Schopenhauer, Cioran und vor allem, Joseph de Maistre, einen französischen Gegenaufklärer (kurzum: ein Reaktionär, der die Auffassung vertrat, die Erde sei ein Schlachthof) aus dem achtzehnten Jahrhundert, Bezug nimmt. „Glauben Sie das wirklich? Dass es ein Kampf jeder gegen jeden ist? Dass wir in der Hölle leben?“

Anton ist ein arroganter Rassist, der den Deuter-Stipendiaten bewusst provoziert und sich das Mietfrei in Ihrem Kopf zum Ziel gesetzt hat, was ihm auch gelingt. Red Pill (die zunehmende Mode deutscher Verlage, sich englischer Titel zu bedienen, spricht für einen Mangel an Fantasie) führt auch vor, wie erfolgreiche Themensetzung funktioniert.

Die existenzielle Krise, vor welcher der Protagonist aus Brooklyn nach Berlin geflüchtet ist, holt ihn ein, wird stärker, vertieft sich. Ist er, wie Anton meint, ein verweichlichter Liberaler? Warum gibt es eigentlich Menschenrechte, sind sie vielleicht eine Fiktion, die wir uns einreden?, will er von seiner Frau Rei, einer Menschenrechtsanwältin wissen, die diesen Fragen genauso ausweicht wie er der Konfrontation mit ihrem gemeinsamen Leben in New York.

Er folgt Anton nach Paris, anschliessend nimmt er den Zug in die schottischen Highlands, dann die Fähre zu einer der Inseln, zu Antons unbewohnter Hütte. Dort quartiert er sich ein und schreibt – über die Zerstörung der Natur, den Menschen als cleveren Affen und anderes mehr. Auch offenbart sich ihm Antons Geheimnis.

Die Apokalypse ist im Anzug. „Ich begriff nicht, wie Menschen so selbstgefällig und zufrieden sein konnten, nicht angesichts der Dinge, die da vorgingen.“ Das Buch endet mit der Wahlnacht vom 8. November 2016, als Clinton, die der Ich-Erzähler nicht schätzt, doch dem Rüpel, der schliesslich gewann, klar vorzieht, verlor. Die Apokalypse kommt näher …

Red Pill ist eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit den Überzeugungen und Vorstellungen, die unsere Zeit charakterisieren, und macht deutlich, dass es einer neuen Art zu denken und zu fühlen bedarf – spannend erzählt, immer wieder verblüffend und überaus anregend.

Hari Kunzru
Red Pill
Liebeskind Verlag, München 2021

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit

Von Friedrich Glauser habe ich einiges gelesen, vor vielen Jahren – ich habe nur äusserst vage Erinnerungen daran; von Simenon habe ich auch einiges gelesen, das meiste ebenfalls vor vielen Jahren, doch mein letztes Buch von ihm liegt kaum ein Jahr zurück – gleichwohl, auch hier: nur sehr, sehr vage Erinnerungen. Mit anderen Worten: Ich lese dieses Buch, weil ich mir davon eine Auffrischung verschütteter Erinnerungen und neue Aufschlüsse auf diese zwei Krimi-Legenden verspreche.

Den Einfall, Glauser und Simenon einen Kriminalroman schreiben zu lassen, finde ich höchst originell, auch weil Glausers Kommissär Studer schon mit Maigret verglichen worden ist. Doch zuerst einmal müssen sich die beiden kennenlernen – und das geschieht dann durch die Vermittlung des Schweizer Arztes Doktor Schöni in einem Seebad an der französischen Atlantikküste.

Glauser hat so seine Schreibschwierigkeiten, die auch mit seinem Opium-Morphium-Konsum zu tun haben; Simenon, der mit Maigret abgeschlossen hat und nach Höherem strebt, hadert mit seinem Verleger Fayard. Die beiden verstehen sich, hören gar nicht mehr mit dem Reden auf, und Glauser fühlt sich geehrt, dass er mit dem grossen Simenon einen Kriminalroman schreiben darf – das erste Kapitel entsteht: Eine Leiche am Strand, die jemand anderer ist als sie zuerst zu sein scheint.

Im Anschluss an dieses (und alle folgenden) Kapitel unterhalten sich die beiden Schriftsteller über das gerade Geschaffene. Ursula Hasler gibt hier einen spannenden Einblick in den Schreibprozess, wohl hauptsächlich in ihren eigenen, doch da alle Autoren mit Ähnlichem kämpfen, lese ich ihn als durchaus exemplarisch. Einerseits. Andererseits: Was die Autorin die beiden Schriftsteller über ihr Schreiben sagen lässt, sind praktisch alles Originalaussagen der beiden aus Briefen und autobiografischen Werken.

Die schiere Wahrheit ist also ein sehr spezieller Kriminalroman, wenn er denn überhaupt einer ist. Ursula Hasler hat ihm ein Glauser-Zitat vorangestellt, das klar macht, womit wir es hier zu tun haben. „Es wird kein Kriminalroman, es wird eine andere Angelegenheit. Und ich freue mich direkt, dass die Leute es wie einen Kriminalroman von der ein wenig langweiligen Sorte lesen werden und lache mir ins Fäustchen, weil es doch etwas anderes wird und niemand es merken tut.“ Was man daraus auch lernt: Dass Schriftsteller sich genauso häufig irren wie ihre Leser.

Wer sich unter einem Kriminalroman „eine reine Rätsellösungsgeschichte“ erwartet, liegt sowohl bei Glauser als auch bei Simenon falsch. „Nicht der Kriminalfalls an sich, die Entlarvung des Täters und die Lösung sind Hauptthema, sondern die Menschen und die Atmosphäre, in der sie sich bewegen.“ Und natürlich trifft das (und einiges mehr) auch auf den vorliegenden Roman zu.

Die auftretenden Personen sind überaus gelungen. Und ganz speziell der um Diskretion besorgte französische Hoteldirektor, der ganz aus dem Häuschen ist, dass da ein Kommissar aus der Schweiz angereist ist … Offenbar ist nicht nur für Schweizer Anlageberater Diskretion eine Tugend.

Gut gefallen hat mir auch der Witz der Autorin, der mich immer mal wieder schmunzeln machte. „Wenn seine Kollegen behaupteten, er spinne, so meinten sie vielleicht damit, dass er für einen Berner allzu viel Fantasie hatte. Aber auch dies stimmte nicht ganz. Er sah vielleicht nur etwas weiter als seine Nase, die lang, spitz und dünn aus seinem hageren Gesicht stach und so gar nicht zu seinem massigen Körper passen wollte.“ Auch schreibt sie gekonnt und hat ein gutes Gespür – das ihr auch bei der Schilderung ihrer beiden Spürhunde zustatten kommt – für die Absurditäten von Alltagssituationen, die sie überaus humorvoll in Worte zu fassen versteht. „Die Herren setzten sich, der zierliche Korbstuhl knackte entsetzt und entsetzlich, als der schwere Studer sich darauf niederliess … Das Mobiliar der Hotelterrasse war so modern wie unbequem.“

Der Ton stimmt, die Atmosphäre stimmt, die Lektüre ist vergnüglich – man wird bestens unterhalten. Zudem erhält man interessante Aufschlüsse über Glauser, Simenon und das Krimi-Schreiben im Besonderen. Die besten Einfälle, lerne ich, werden Autoren übrigens geschenkt. „Wer das getan hat, weiss ich nicht. Vielleicht hängt es mit dem Leben zusammen, durch das ich mich hindurchgezwängt habe und wo ich hin und wieder ziemlich teuer hab zahlen müssen …“ , räsoniert Studer.

Doch Die schiere Wahrheit ist mehr als gute Unterhaltung und eine Anleitung zum Krimi-Schreiben, es ist auch eine Auseinandersetzung – der Titel deutet es an – mit Grundsätzlichem. „Die Wahrheit ist nie wahr (…) Etwas echter zu machen, als es ist, das ist das ganze Geheimnis.“

Am Ende des Buches informiert die Autorin über „Die Fakten hinter der Fiktion“, erläutert also, was sie wieso gemacht hat und was ihre Quellen gewesen sind– es sind dies sehr aufschlussreiche Hinweise, wobei sie auch ausführt, was es mit dem wunderbar gelungenen Umschlagbild auf sich hat.

Fazit: Kenntnisreich, stimmig und überaus anregend.

Ursula Hasler
Die schiere Wahrheit
Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman
Limmat Verlag, Zürich 2021

James Sallis: Sarah Jane

Der 1944 in Arkansas geborene James Sallis lebt heute in Phoenix, Arizona. „Ich wusste über Arizona nur, dass es dort heiss war und dass es Kakteen und Cowboys gab, das war’s auch schon, wie sich Jahre später herausstellte“, lässt er Sarah Jane sagen, die über ihren einstmaligen Freund Gregory, über den die gegensätzlichsten Geschichten kursierten, festhält: „Allen Geschichten gemein war, dass er flüchtete.“ Und genau das hat sie auch mit ihm gemein.

„Sallis ist der grosse Philosoph des Hardboiled, ein Neuerfinder des Noir“, liess ‚Die Welt‘ über Driver 2 verlauten. Ein Philosoph ist der Mann zweifellos, doch des Hardboiled, des Noir?! Wer ums Himmels Willen braucht denn so komische Kategorien! Ein Philosoph, der von Lebenserfahrung gesättigte Geschichten erzählt, die nicht zuletzt auszeichnet, dass sie sich den üblichen Zuordnungen entziehen, trifft es meines Erachtens besser. Wer nicht an der Phantasie teilhaben will, soll doch wieder zurück an die Uni, meinte die Filmregisseurin Lina Wertmüller einmal.

„Wir werden nie wissen, wie andere die Welt sehen, werden nie wissen, was in ihren Köpfen herumgeistert: Kleingeld, grossartige Ideen, Münzen aus dem Springbrunnen, schöngefärbte Erinnerungen, Codes und Chiffren.“ So isses! Doch wir können richtig fragen lernen. „Man sollte stets die Frage stellen: Wem nützt es? Lenin. Versuchen Sie, die letzte Äusserung eines x-beliebigen Politikers, eines millionenschweren Fernseh-Evangelisten oder Konzernchefs in diesem Sinn zu deuten.“ Dieses Buch, wie alle Bücher von James Sallis, bietet auch viele lebensweise Einsichten, nicht wenige davon sind ausgesprochen lustig. „Der, an den ich geriet, war ein Schreibtischhengst, auf den die russische Bürokratie um 1900 stolz gewesen wäre. Ich bin sehr sicher, dass er von einem Manuskript ablas.“

Sarah Jane erzählt nicht eine, sondern ganz viele und ganz unterschiedliche Geschichten, die von einem sehr speziellen, schlichten Klang geprägt sind und ein Amerika zeichnen („Das schlichte, weisse, schmucklose Haus lag ein wenig zurückgesetzt von der Strasse. Es stammte aus einer Zeit, in der wir, irrtümlicherweise oder nicht, den Amerikanischen Traum noch als Gemeinschaftsprojekt und nicht als Wettkampf verstanden.“), von dem man aus den Massenmedien kaum einmal erfährt. Aufgewachsen in einer Familie, in der man seine Angelegenheiten selber regelt und nicht die Polizei holt, landet Sarah auf Umwegen bei der Polizei. „In der Natur gibt es keine rechten Winkel und im Leben nur wenig gerade Linien.“ Dass alles miteinander in Verbindung steht, kann sie allerdings auch nicht finden.

„Ich schätze, hier beginnt nun die eigentliche Geschichte“, lese ich auf Seite 66. Und diese handelt davon, dass Sarah Jane Pullman sich unverhofft auf dem Posten des diensthabenden Sheriffs wiederfindet, da dieser spurlos verschwunden ist. Ihre Suche nach ihm, die sie in seine und ihre eigene Vergangenheit vor dem Polizeidienst führt, wird nicht von der Vorstellung geleitet, „alles passiert aus einem Grund … das sei das absolut Dümmste, was ich je gehört hätte, ein jämmerlicher Versuch, sich besser zu fühlen. Manche Dinge passieren einfach. Trotzdem ist es schwer aufzuhören, wenn man einmal angefangen hat, in der Vergangenheit herumzustochern.“

Es sind solche Einsichten, die mir diesen Roman, in dem übrigens auch auf Spengler Bezug genommen wird, der dargelegt hat, dass die von Idealen angetriebene Kultur im Laufe der Zeit der Herrschaft der Institutionen weichen wird, teuer machen. Hier noch eine: „Ein nicht hinterfragtes Leben mag nicht lohnenswert sein, aber ein hinterfragtes Leben, grundsätzlich jedes hinterfragte Leben, wird uns immer überraschen, verwirren und verstören.“ Letzteres gilt auch für dieses exzellente Werk, das darüber hinaus den Vorteil hat, höchst unterhaltend zu sein.

Fazit: Wunderbar stimmig, anregend und weise. Ein wesentliches Buch!

James Sallis
Sarah Jane
Liebeskind Verlag, München 2021

Deon Meyer: Todsünde

Ein Zitat von Stephen Hawking ist diesem Thriller vorangestellt: „Wir riskieren, uns durch Gier und Dummheit selbst zu zerstören.“ Mehr gibt es über unsere Zeit kaum zu sagen, ausser vielleicht, dass das Risiko bereits zu einer Realität geworden ist.

Todsünde spielt in Südafrika, ein Land, das mir sowohl als Tourist wie auch als Delegierter des IKRK (des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz) bekannt ist. Die Bilder, die sich bei der Lektüre in meinem Kopf einstellen, bringen mich auch immer wieder 25 Jahre zurück – ich war damals viel auf Polizeistationen und habe südafrikanische Polizisten zumeist als no-nonsense Typen kennengelernt.

Ein Geldtransporter wird überfallen, Kaptein Bennie Griessel und seine Kollegen rücken aus. „Griessel spürte sofort das intensive Bedürfnis nach der beruhigenden Wirkung eines Jack Daniel’s. Er war trockener Alkoholiker; kein Tropfen, seit über zweihundert Tagen.“ Auch eine andere Polizeieinheit begibt sich vor Ort – ein Chaos sondergleichen entwickelt sich, bei dem alle durch die Gegend schiessen, doch keiner weiss, was er tut.

Todsünde erzählt keine eindimensionale Geschichte, sondern verbindet ganz unterschiedliche Erzählstränge miteinander. Ein Disziplinarverfahren gegen Bennie Griessel und seinen Partner Vaughn Cupido, das sie von ihren Funktionen im Direktorat für Schwerverbrechen entbindet und sie ins vermeintlich ruhige Stellenbosch versetzt, wo „die Superreichen und ganz Armen Seite an Seite“ leben. Der Verkauf einer mehrere Millionen teuren Immobilie für einen psychopathischen Geschäftsmann, der plötzlich verschwindet. Die Ermordung eines Polizisten, der als Whistleblower gefährlich hätte werden können. Ein Student und begabter Hacker ist plötzlich nicht mehr auffindbar. Und und und …

Auch über das Privatleben von Bennie Griessel und Vaughn Cupido erfährt man einiges. So traut etwa Bennies Sohn der Abstinenz seines Vaters nicht, seine Tochter geht damit jedoch recht locker um. Und Vaughn befürchtet seine Beziehung zu Desiree könnte darunter leiden, dass er immer dicker wird. „Sie muss mir helfen! Sie kann einfach alles essen und beleibt schlank. Dahinter steckt ein Geheimnis, Benna, und das muss ich wissen.“ So witzig ich das finde, man kann sich natürlich schon fragen, wie jemand, der so denkt, jemals einen Kriminalfall lösen kann.

Deon Meyer versteht sich nicht nur aufs Thriller-Schreiben, er weiss auch, wie Menschen ticken, denen gemeinsam ist, dass sie die Wirklichkeit nicht wahrhaben wollen und sich in Alkohol und andere Formen der Verdrängung flüchten. Sein nüchterner Blick auf die (Polizei)Behörden, bei denen politische Loyalität häufig vor der Sachkenntnis kommt, wie auch auf die korrupte Regierung des Landes, ist wohltuend.

Wie jeder Thriller, so gibt auch dieser dem Autor die Gelegenheit, sich über Sachen auszulassen, die ihm auf die Nerven gehen. Die politische Korrektheit liberaler Weisser etwa, die sich nicht trauen, korrupte schwarze Politiker beim Namen zu nennen. Oder: „Die indischen Geschäftsleute, die mit dem Präsidenten zusammen haben den Staat ausbluten lassen, mussten erst vier, fünf Billionen stehlen, bevor sie ins Scheinwerferlicht gerieten. Da sieht man’s mal wieder: Als Weisser ist man privilegiert, sogar als Krimineller.“

Nicht zuletzt ist Todsünde auch eine gute Südafrika-Einführung, die immer mal wieder zum Schmunzeln einlädt. „Rolli“, sagte Cupido, „wenn eure Partnerschaft so unschuldig ist, warum hast du dann zuerst gesagt, dass du ihn nicht kennst?“ „Jetzt tun Sie doch nicht so, als ob Sie das nicht wüssten! So was macht man als Farbiger, wenn die Buren anklopfen. Bloss nix zugeben.“

Ein solider Thriller, gut geschrieben, aufklärend und spannend – der Schluss ist schlicht genial!

PS: Aus dem irreführenden und aussergewöhnlich unbedarften Klappentext: „Griessel und Cupido halten sich an ihre bewährte Strategie: Mund halten, Kopf zusammenhalten, durchhalten.“ Was das mit diesem Buch zu tun haben könnte, hat sich mir nicht erschlossen …

Deon Meyer
Todsünde
Ein Bennie-Griessel-Thriller
Rütten & Loening, Berlin 2021

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