Werner Bartens: Körperzeiten

Werner Bartens, geboren 1966, hat Medizin, Geschichte und Germanistik studiert und arbeitet als leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. In seinem neuesten Buch Körperzeiten  verspricht der Untertitel Wie wir im richtigen Moment das Richtige tun und besser lernen, lieben und leben  eine Verbesserung der Lebensqualität. Sein Ansatz dabei: Entscheidend ist nicht so sehr, wie wir die Dinge tun, sondern wann.

Diese Herangehensweise setzt natürlich voraus, dass es die Zeit auch wirklich gibt. Die nordamerikanischen Indianer (jedenfalls die in Süd Dakota) bezweifeln das; ich selber scheine eine immerwährende Gegenwart zu erleben. Auf der praktischen Alltagsebene scheint es sich jedoch mit der Zeit so zu verhalten, wie Einstein einmal unser Verhältnis zur Realität definiert hat: Sie mag eine Illusion sein, doch eine erstaunlich beständige.

Die Zeit ist ein Terrorist, pflegte mein ehemaliger Zahnarzt (damals bereits über neunzig) zu sagen. Daran musste ich denken als ich bei Werner Bartens las, wie vielfältig sie uns unter Druck setzt und unser Leben bestimmt. Sofern wir uns das gefallen lassen, will ich sofort hinzufügen. Es geht also darum, „sich nicht als wehrloses Opfer der Umstände zu sehen, sondern den Handlungsrahmen auszuschöpfen, den man hat. Und der ist häufig erstaunlich weit gefasst, in freien, demokratischen Gesellschaften sowieso“, behauptet der Autor. Arbeitgeber sehen das auch so, Arbeitnehmer eher weniger.

Vielfältig angespannt geht der moderne Mensch durchs Leben. Die Zeit, um auf sich selbst zu hören, fehlt den meisten. Dass das nicht gesund ist, geschweige denn gut tut, ist allgemein bekannt, weshalb man denn in Seminaren und Workshops lernt, dass es nicht nur gut ist, ab und zu eine Pause einzulegen, sondern dass sich das auch auszahlt. Mit ein wenig Selber-Denken, könnte man sich die Kurskosten sparen.

Die Magie des Augenblicks ereignet sich so recht eigentlich immer ungeplant und meist unverhofft. Dass es trotzdem empfehlenswert ist, seine Aufmerksamkeit zu steuern, macht Werner Bartens an ganz vielen Beispielen deutlich. Dabei erfahre ich auch, dass die Diagnose ADHS (von der ich eh noch nie viel gehalten habe) von einem erfahrenen Therapeuten so kommentiert wird: „Die meisten Kinder mit dieser Diagnose haben gar kein Aufmerksamkeitsdefizit. Die Aufmerksamkeit der Kinder ist nur nicht dort, wo sie Eltern und Kinder gerne hätten.“

Körperzeiten ist ein vielfältig anregendes Buch, doch wer sich davon versprochen hat, was der Untertitel verspricht, nämlich Wie wir im richtigen Moment das Richtige tun und besser lernen, lieben und leben,  der wird vermutlich enttäuscht sein. Wer hingegen gerne einem talentierten Geschichten-Erzähler zuhört, der viel Lehrreiches zu berichten weiss, trifft auf eine hilfreiche und oft amüsante Fundgrube. So berichtet der Autor etwa von Sascha Lobo, der die Erfahrung machte, dass die Zeit  einiges von selbst erledigt. „Lobo hatte sich irgendwann dazu entschlossen, Behördenbriefe nicht mehr zu öffnen. Als er nach einem Jahr nachschaute, was drinstand, war das Verfahren gegen ihn wegen Geringfügigkeit eingestellt worden.“

Zugegeben, meine Erwartungen wurden bei weitem nicht erfüllt. Anstatt mir zu sagen, wann genau ich was tun soll, um fortan ausgeglichen und glücklich meine Tage zu verbringen, werde ich mit einem Sammelsurium von schlauen Anregungen und vielerlei Wissenswertem abgespeist. Darunter finden sich übrigens auch ausgesprochen nützliche Hinweise. So weist der Autor unter anderem diejenigen, die glauben, was nicht verboten sei, sei ganz bestimmt unbedenklich, wie folgt zurecht: „Sicher, so wie es bis heute nicht verboten ist, mit Föhn in die Badewanne zu steigen, mit Drähten in Steckdosen herumzubohren oder sich ausschliesslich von Marzipanschweinen zu ernähren.“

Körperzeiten  ist unterhaltsam und erhellend, auch wenn sich darin für meinen Geschmack arg viele „es kommt drauf an“-Aussagen finden. Andererseits: So ist die Welt nun mal. Und eben auch die Wissenschaft. Gewissheiten gibt es nur auf Zeit. Das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach. Zu meinem Lieblingsratschlägen in diesem Werk gehört: „Was hilft aller Sonnenaufgang, wenn wir nicht aufstehen.“ (Georg Christoph Lichtenberg).

PS: Sehr gelacht habe ich, als ich die Danksagung las, denn diese führt (auf zwei Seiten!) neben zwei Doktoren ausschliesslich Professoren auf. Es ist nicht anzunehmen, dass sie zu ihren Titeln und Funktionen gekommen sind, weil sie sich den Erfordernissen unserer überaus hektischen Zeit, und insbesondere dem Zeitdruck, entzogen haben.

Werner Bartens
Körperzeiten
Wie wir im richtigen Moment das Richtigetun und besser lernen, lieben und leben
Droemer, München 2021

Frederic Hanusch, Claus Leggewie, Erik Meyer: Planetar denken

Der erste Eindruck. Ein clever gestalteter Umschlag, höchst ansprechende und gut platzierte Illustrationen. „Kann es sein, dass wir immer  noch nicht weit genug denken?“, lese ich im Vorwort – und bin gespannt, denn dass man Probleme nicht mir der Art Denken lösen kann, die diese Probleme hervorgebracht haben, wie Einstein bekanntlich meinte, liegt meines Erachtens auf der Hand. Nur eben: Sich vorzustellen, dass mit Planetar denken  eine neue oder andere Art zu denken gemeint sein könnte, erweist sich bereits auf den ersten Seiten als Wunschdenken, denn da werden wie gewohnt haufenweise Akademiker zitiert, die zwar Bedenkenswertes und Nützliches geschrieben haben, doch die Erkenntnis, dass alles miteinander verbunden und wir Menschen nicht das Zentrum des Universums sind, das wusste ich bereits. Doch das Buch lohnt sich, sehr sogar. Weil es gut geschrieben ist. Und weil man gar nicht oft genug auf die darin formulierten Perspektiven aufmerksam machen kann.

Hier zwei Beispiele. Das erste vom Astronauten Edgar Mitchell, der den Blick aus einem Raumschiff schildert: „Man entwickelt hier oben spontan ein globales Bewusstsein, eine Zuwendung zu den Menschen, eine starke Unzufriedenheit mit dem Zustand der Welt und den Drang, etwas dagegen zu unternehmen. Von da draussen auf dem Mond sieht die internationale Politik so kleinlich aus. Du willst einen Politiker beim  Genick packen, ihn eine Viertelmillion Meilen hinaufziehen und ihm sagen: ‚Schau dir das an, du Hurensohn.'“

 Das zweite Beispiel stammt von Suzanne Simard, einer kanadischen Forstwissenschaftlerin. „Kohlenstoff, Wasser, Nährstoffe, Alarmsignale und Hormone können durch diese  unterirdischen Kreisläufe von Baum zu Baum gelangen. Ressourcen fliessen in der Regel von den ältesten und grössten Bäumen zu den jüngsten und kleinsten. Von einem Baum erzeugte Alarmsignale bereiten Bäume in der Nähe auf Gefahren vor. Sämlinge, die von den unterirdischen Lebensadern des Baumes abgetrennt wurden, sterben viel häufiger als ihre vernetzten Gegenstücke. Und wenn ein Baum am Rande des Todes steht, hinterlässt er seinen Nachbarn manchmal einen erheblichen Teil seines Kohlenstoffs.“

Der Planet Erde lässt sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten: von oben, von unten, als Teil des Universums. Überdies stand er nicht für ein und alle Mal fest, sondern veränderte sich im Laufe der Zeit. Insbesondere Abb. 18 zeigt schön, wie die Erde immer mal wieder eine andere geworden ist und auch künftig wieder eine andere werden wird. „Der Planet Erde ist kein solider Block, der sich menschenfreundlich entwickeln lässt, er bleibt Teil einer komplexen, fluiden und riskanten Biosphäre.“

Was muss der Mensch auch zum Mond und Mars und sonst wohin fliegen? Gescheiter wäre doch, er würde dieses Geld zur Minderung der Ungerechtigkeiten auf der Erde einsetzen. Wer hat das nicht schon gehört und gedacht? Dabei wird jedoch vergessen, dass wir den ‚Pale Blue Dot‘, der den Raumfahrern ihr Blick auf die Erde beschert hat, nicht nur nicht hätten sehen, sondern auch kein visuelles Bewusstsein von unserem Dasein im Universum hätten haben können. Und dass dieses Not tut, gehört zu den eindrücklichen Lektionen, die Planetar denken  bereit hält.

Dass alles mit allem verbunden ist, bedeutet auch vielfältige Wechselwirkungen. So stellen die Autoren unter anderem fest: „Fast zwei Drittel menschlicher Erkrankungen werden durch Tiere übertragen, unter anderem Pest, Tuberkulose, Schweinegrippe, Tollwut, Milzbrand (Anthrax), Borreliose, Aviäre Influenza (‚Vogelgrippe‘), Taeniose (Bandwurm-Befall) u.v.a., darunter auch Ebola und HIV.“

Planetar denken  bedeutet, das grosse Ganze zu sehen und entsprechend zu handeln. Was das im Detail heisst, führt dieses Buch an zahlreichen, aus ganz unterschiedlichen Wissensgebieten stammenden Beispielen aus. Das geht von Cornelia Funke (die festgestellt hat, „dass es in indigenen Märchen vor der Christianisierung ein ganz selbstverständliches Verhältnis zu Tieren und Pflanzen gibt, wo man mit ihnen redet und sie göttliche Qualitäten haben. Nach der Christianisierung sind das plötzlich nur noch dumme Geschöpfe, der Mensch ist masslos überlegen.“) zu der visuellen Dokumentation von Umweltschäden durch Sebastião Salgado und andere.

Fazit: Vielfältig anregend, grundsätzlich und relevant.

Frederic Hanusch, Claus Leggewie, Erik Meyer
Planetar denken
Ein Einstieg
Transcript Verlag, Bielefeld 2021

James Lee Burke: Keine Ruhe in Montana

Nachdem der Hurrikan Katrina über New Orleans hinweggefegt war, brauchte Detective Dave Robicheaux eine Auszeit. Zusammen mit seiner Frau Mary und seinem besten Freund Clete, dem Albträume zusetzen, fährt er nach Montana zum Fischen. Natürlich wird dann nichts aus der vorgestellten Idylle. Es sind ganz unterschiedliche Geschichten, die in der Folge ineinandergreifen – was sie verbindet ist die Gewalt, eindrückliche Landschafts- und Wetterschilderungen sowie die Seelenkenntnis des Autors.

Apropos Cletes Albträume: In diesen mischen sich Bilder aus dem Vietnamkrieg mit der in den Wellen versinkenden Stadt New Orleans. „Ein Psychiater hatte ihm erklärt, dass er an manischen Depressionen leide, die wiederum psychoneurotische Angstzustände auslösen. Clete seinerseits hatte den Arzt gefragt, wo zum Teufel er in den letzten 50 Jahren eigentlich gelebt habe.“ Soviel zu den modernen psychologischen Sinngebungsversuchen, zu deren Kennzeichen das Ausblenden der Realität gehört.

James Lee Burke, 1936 in Houston/Texas geboren und an der Golfküste von Louisiana aufgewachsen, gehört zu meinen Lieblingsautoren. Mittlerweile hat er 23 Dave-Robicheaux-Krimis geschrieben, muss also über eine gosse Arbeitsdisziplin und reichlich Fantasie verfügen. Mir jedenfalls ist schleierhaft wie jemand so konstant gute Bücher schreiben kann. Und wie er es schafft, 570 Seiten lang die Spannung aufrecht zu halten. Übrigens: Die Umschlaggestaltung ist auch sehr gelungen.

Die Dave-Robicheaux-Krimis, die ich bisher gelesen habe (es waren einige) spielten in Louisiana, einem sehr speziellen Staat, wie eigentlich alle amerikanischen Staaten. Auch Montana hat so seine Eigenarten – „ein Landstrich, wo Vegetarier Pazifisten und schwule Ehepaare nichts zu lachen hatten.“ Ich lese diese Bücher auch als philosophische Meditationen: „… denn Candace wusste nur allzu gut, dass Wünsche und Bedürfnisse – wenn sie an ein anderes menschliches Wesen gebunden waren – schnurstracks in Abhängigkeit und Ärger führten.“

Amerika ist ein gewalttätiges Land und James Lee Burke versteht es meisterhaft, die in der Luft liegende Aggressivität spürbar zu machen. Auch glaubt man ständig die Weite des Landes und ihre beeindruckende Natur vor Augen zu haben. Überhaupt vermitteln die Dave-Robicheaux-Krimis ein anderes Amerika als die Nachrichten. „Das Gefängnis wurde zwar von einer privaten Firma geführt, ähnelte aber eher einer militärischen Operation.“ Privatisierung bedeutet selten etwas anderes, als dass primitiven Egomanen ein Freibrief ausgestellt wird.

Und auch über Verbrechensbekämpfung lernt man einiges. „Die meisten Cops neigen dazu, Opfer und Täter eines Verbrechens in der gleichen gesellschaftlichen Schublade abzulegen – vor allem, wenn Faktoren wie Alkoholismus oder Sadismus im Spiel sind. Warum? Die Antwort ist denkbar einfach. Man kann sich so besser einreden, dass der Verbrecher das schwarze Schaf einer Subkultur ist, die mit dem Rest der Gesellschaft wenig bis nichts gemein hat. Entsprechend ist das Opfer ebenfalls ein gesellschaftlicher Fremdkörper.“ Auch darin zeigt sich, dass es in jeder Gesellschaft wesentlich darum geht, die Verhältnisse nicht ins Wanken zu bringen – Stabilität und Sicherheit, darum geht es den Menschen.

Keine Ruhe in Montana zeichnet sich auch immer mal wieder durch Witz aus. „Sein Profil erinnerte mich immer an Lord Byron – ein Poet, der durch die Ruinen der Zivilisation wandert und gelegentlich ein Steinfragment in die Hand nimmt, das ihn an das verflossene Empire erinnert.“

James Lee Burke macht einem bewusst, dass die dünne Schicht unseres angelernten sozialen Verhaltens jederzeit durchbrochen werden kann. Meisterhaft, wie er etwa die komplexe Persönlichkeit von Clete und anderen zeichnet. Und wie er den recovering alcoholic Robicheaux schildert. Auch schätze ich seine Moralvorstellungen. „Mein Ehemann und mein Schwager haben sich immer dafür eingesetzt, ehemaligen Häftlingen eine helfende Hand zu reichen. Glauben Sie nicht an die Kraft der Vergebung, Mr. Robicheaus?“ „Ich persönlich glaube eher, dass der beste Platz für Kinderschänder das Grab ist“, sagte ich. „Aber ich bin auch kein Theologe.“

Fazit: Vielschichtig und lebensweise. Wer Amerika verstehen will, sollte James Lee Burke lesen.

James Lee Burke
Keine Ruhe in Montana
Pendragon Verlag, Bielefeld 2021

Silvia Ferrara: Die grosse Erfindung

Ob man ein Buch mag, entscheidet sich oft auf den ersten Seiten. Nein, nicht immer. In diesem Falle jedoch, Silvia Ferraras Die grosse Erfindung, ist es so – ich bin sofort höchst angetan. Das liegt an der Art der Erzählens, dem Ton, so stelle ich mir vor. Und daran, dass die Autorin gleichsam bei Adam und Eva, und so recht eigentlich noch früher, anfängt und Kinderfragen stellt: „Wie entsteht eine Schrift?“ Gute Frage, sagt man, wenn man keine Antwort weiss, doch Silvia Ferrara, Professorin für ‚Ägäische Kulturen‘ an der Universität Bologna, verfügt über Antworten, jedenfalls über einige.

„Heute liegen uns ungefähr ein Dutzend alte Schriften vor, die wir nicht lesen und verstehen können. Sie warten immer noch auf ihre Entzifferung. Und fast alle werden in diesem Buch behandelt …“. Etwa die Rongorongo-Zeichen, die auf der Osterinsel vorgefunden wurden. Vier der 26 mit Rongorongo beschriebenen Holztafeln befinden sich übrigens in Rom. Wie kommt das? Und was tun sie da? Silvia Ferrara, die auch Projektleiterin des vom Europäischen Forschungsrat finanzierten Projekts INSCRIBE ist, das die Erfindung und die frühen Phasen der Schrift untersucht, klärt uns auf. Und auch darüber, dass die Forschung mit 3D-Modellen arbeitet, die es erlauben, „kohärente Abfolgen von Zeichen zu erkennen, aus denen wir Muster der Morphologie (also eine Grammatik) rekonstruieren und nachvollziehen können, ob Wiederholungen, Logogramme, Zahlwörter usf. auftauchen.“

Die grosse Erfindung ist nicht nur ein überaus lehrreiches Buch, es besticht auch dadurch, dass es sehr anschaulich auf Phänomene hinweist, die einen staunen machen. Wie kann das nur sein? Wie kommt das bloss? habe ich mich bei der Lektüre oft gefragt. Nehmen wir die Osterinsel, die über dreitausend Kilometer vor der chilenischen Küste im Pazifik liegt. Dass sie überhaupt entdeckt wurde, ist ein Wunder. Dass ihre natürliche Vegetation beseitigt wurde, überrascht hingegen weniger, denn so ist der Mensch. Und dass die Inselbewohner sich für den Nabel der Welt halten, erstaunt auch nicht, denn genauso denken die auf dem Festland und in den Bergen, ja so denkt man überall auf der Welt. Ein Wunder ist hingegen, dass eine Schrift, „etwas so Komplexes und Raffiniertes in der Einöde Rapa Nuis ersonnen wurde.“

Man merkt Silvia Ferrara die Begeisterung für das Schriften-Entziffern an. Im Gegensatz zu vielen Büchern von Akademikern, denen es vor allem darum geht, zu zeigen wie belesen, gebildet und schlau sie sind, ist dieses Buch von Neugier und Entdeckerfreude durchdrungen. Mir scheint dies die Grundhaltung der Autorin – nicht nur der Wissenschaft, sondern dem Leben gegenüber.

Die grosse Erfindung handelt auch vom Forschen und von den Forschern. „Der Forscher muss mobil, muss bereit sein, dem Strom zu folgen, sich den Fesseln der Stabilität zu entziehen. Diese Sichtweise ist subjektiv. Es gibt statische Forscher. Aber zumindest für mich sind Reise und Forschung Synonyme.“

„Wir haben ein verzweifeltes Bedürfnis nach Wurzeln.“, notiert Silvia Ferrara. Und dieses steht dem wirklichen Erkennen im Weg. Genauso wie die Aufmerksamkeit, die man etwa den Maoi, den kolossalen Steinstatuen der Osterinsel, schenkt und damit von den Petroglyphen ablenkt, den in Stein gearbeiteten Felsbildern. „Die Petroglyphen, als Halbrelief eingemeisselt oder aufgemalt, sind wohl die wahren Meisterwerke der Osterinsel.“

Die grosse Erfindung gehört zu den seltenen, sehr seltenen Büchern, die mich immer mal wieder innerlich jubeln lassen. Wegen solcher Sätze: „Man kann Wissenschaft und ihr Verhältnis zu allem anderen nur begreifen, wenn man sie als das grosse Abenteuer unserer Zeit auffasst und schätzt. Sie leben nicht in unserer Zeit, Wenn Sie nicht verstehen, dass sie ein ungeheures Abenteuer, etwas Kühnes, Erregendes ist.“ Richard Feynman, Nobelpreisträger für Physik, hat das gesagt. 1963 war das. Und es beschreibt genau, was Silvia Ferraras Schreiben vermittelt.

Sie schreibt überaus vergnüglich und widmet sich so recht eigentlich der Frage: Wie soll sich der Mensch um Himmels Willen auf dieser Welt zurecht finden? Kommt ganz drauf an, was für ein Typ Mensch man ist. „Die Welt ist in zwei Typen von Menschen unterteilt: in diejenigen, die Listen erstellen (was zu tun, einzukaufen, zu sehen, zu denken, zu unterlassen ist), und in die anderen, die sich dem verweigern.“ Sie selber gehört, wenig überraschend, zur ersten Kategorie und bezeichnet sich als Hardcore-Listomanin, die auch chiffrierte Listen mit Kürzeln anlegt, die anderen unverständlich sind. Übrigens: „Der Listomane schreibt ausschliesslich und rigoros von Hand: Listen am Computer zu erstellen ist wie bei Wikipedia recherchieren – nichts bleibt hängen, alles ist am nächsten Tag wieder vergessen.“

Damit etwas hängenbleibt, muss man es wiederholen. Ständig. Man denke etwa an den Ritus der Messe. „Damit ein Phänomen am Fliegenfänger der Kultur kleben bleibt, genügt keine zufällig verlaufende Übermittlung.“ Was für ein wunderbarer Satz! Genauigkeit ist übrigens nicht vonnöten, Attraktivität ist wichtiger.

Wie muss man sich die Erschaffung der Schrift eigentlich vorstellen? Setzen sich da ein paar Leute zusammen, definieren Ziel und Vorgehen? Sich durchwursteln sei keine Option in einem Business-Plan, meinte der letzte englische Gouverneur von Hongkong, Chris Patten, einmal. Aber eben eine Realität. Das gilt auch für die Entstehung der Schrift, die von zufälligen Aspekten geprägt ist, „die Listen, Modelle und zurechtgebogene Gleichungen in kein System bringen oder erklären können.“ Sinn erschliesst sich uns bekanntlich erst im Nachhinein.

Die grosse Erfindung gründet auf der Überzeugung, „dass der zündende Funke, der die Schrift entstehen liess, eine fulminante Entdeckung und eben keine Erfindung war, zumindest anfangs nicht.“ Darüber hinaus ist es reich an ganz vielfältigen Informationen, die deutlich machen, dass die Neugier von Schriftforschern (jedenfalls die von Silvia Ferrara) sich nicht auf das Entziffern von eigenartigen Zeichen beschränkt. So erfahre ich etwa, dass Tolstoi schreibsüchtig war, Diderot wegen eines neuen Hausmantels seine Garderobe und seinen Hausstand komplett erneuerte, und der laotische Analphabet Shong Lue Yang in einer Nacht des Jahres 1959 einen Traum hatte, in dem ihm eine Semisilbenschrift offenbart wurde.

Das Buch sei Andrea Zerbini gewidmet, auf den unter anderem der Satz zurückgeht: „Erkenntnis ist das Einzige, wofür wir leben.“ Und genau davon ist dieses wirklich tolle Buch geprägt, das einem bewusst macht, dass die Schrift reinste Magie ist. „Die Magie besteht darin, dass Sie sich in den Text von jemandem vertiefen, der nicht bei Ihnen ist, nicht mit Ihnen spricht und auch nicht antwortet.“

Fazit: Eine ganz wundervolle Einladung zum Staunen!

Silvia Ferrara
Die grosse Erfindung
Eine Geschichte der Welt in neun geheimnisvollen Schriften
C.H. Beck, München 2021

Albert Hofmann: Einsichten Ausblicke

Von den vielen Büchern, Essays und Artikeln, die ich gelesen habe, ist mir erstaunlich wenig hängengeblieben. Warum sich mir dennoch Einiges davon ins Hirn eingegraben hat und Anderes nicht, vermag ich nicht zu sagen. Zu dem Hängengebliebenen gehört eine Aussage von Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, auf die ich in einem Artikel der Weltwoche vom 15. Januar 1998 gestossen bin und worin es heisst: „Jeden Morgen lässt er seinen Wecker um sechs schellen, um zu erleben, wie der Morgen, wie der Tag kommt, und dem Herrgott seine Welt zu sehen.“

Als ich zum ersten Mal seine Essays Einsichten Ausblicke  durchblättere, fällt mein Blick auf:

Ist es nicht wunderbar.
dass wir nicht wissen,
woher wir kommen,
wohin wir gehen?

Das Wissen
würde das Wunder
zerstören.

So habe ich das noch nie gesehen. Und obwohl ich mit der Vorstellung, dass das Wissen das Wunder zerstört, nicht einig gehe, gefällt mir die Idee, dass es wunderbar sein kann, nicht zu wissen. Anstatt einen vermeintlichen Halt im Wissen zu suchen, wäre wichtiger, das Wunder des Lebens zu erfahren. So .interpretiere ich dieses Gedicht momentan.

Wobei: Das Eine schliesst das Andere ja nicht notwendigerweise aus. So hat etwa die wissenschaftliche Forschung „sichtbar werden lassen, wie der Mensch in das Ganze der Natur eingebettet ist und wie er ein unablösbarer Teil von ihr darstellt. Dieses Wissen steht in Übereinstimmung mit der emotionalen Erfahrung des Mystikers von der Einheit alles Lebendigen.“

Für Kinder ist die Welt noch nicht selbstverständlich. „So erscheint sie erst den Erwachsenen mit ihrem durch Gewohnheit abgestumpften Empfinden.“ Albert Hofmann warnt: „An Selbstverständlichkeit könnte die Welt zugrundegehen.“ Um dies zu vermeiden, gilt es Gegensteuer zu geben. De-automatize,  hat Osho vorgeschlagen.

Unsere Weltsicht hängt von unserem Standpunkt ab: Unten im Tal, oben auf dem Berg, in der Tiefe des Meeres, vom Weltall aus – die Perspektiven variieren, doch sie schliessen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Und genau davon handeln diese Essays.

„Das Sender-Empfänger Modell der Wirklichkeit“ heisst der erste, der aufzeigt, „dass Wirklichkeit kein fest umrissener Zustand ist, sondern das Ergebnis von kontinuierlichen Prozessen, bestehend aus einem kontinuierlichen Input von materiellen und energetischen Signalen aus dem äusseren Raum und ihrer kontinuierlichen Dechiffrierung, das heisst Umwandlung in psychische Erfahrungen, im inneren Raum.“ Wir sind also stetig dabei, unsere sehr persönliche Wirklichkeit zu erschaffen. Und zwar auf Grundlage dessen, was uns zur Verfügung steht, denn die menschlichen Sinne sind begrenzt. So kann etwa unser Sehapparat nur einen kleinen Ausschnitt der im Universum existierenden elektromagnetischen Wellen erkennen.

Der zweite Essay ist mit „Geborgenheit im naturwissenschaftlich-philosophischen Weltbild“ überschrieben, und macht mir bewusst, wie informiertes Hinschauen das genaue Hinsehen ergänzt. „Wenn ich im Garten oder auf einem Spaziergang vor einer Pflanze stehe, sie meditierend betrachte, dann sehe ich nicht nur, was auch der Nichtchemiker sieht, ihre Gestalt, ihre Farbe, ihre Schönheit, sondern es drängen sich mir zudem Gedanken auf über ihren Bau, ihr inneres Leben und die chemischen und physikalischen Vorgänge, die ihm zugrundeliegen.“

Mit „Über den Besitz“ („Der Herr sagte: Mein Garten …– und sein Gärtner lächelte.“) ist der dritte Essay überschrieben; mit „Atomkraftwerk Sonne“ der vierte („Es wurde errechnet, dass die an einem einzigen Tag auf die Erde einfallende Energiemenge ausreichen würde, um den heutigen Energiebedarf für einige hundert Jahre zu decken.“). Abgerundet wird der Band mit „Gedanken und Bilder“, aus dem das eingangs erwähnte Gedicht stammt. 

Diesen Einsichten Ansichten  gemeinsam ist eine Grundhaltung der Ehrfurcht – und diese tut uns Not.

Albert Hofmann
Einsichten Ausblicke
Essays
Nachtschatten Verlag, Solothurn 2021

Alexis von Mirbach / Michael Meyen: Das Elend der Medien

Das Positive zuerst: Die beiden Autoren schreiben gut, anschaulich und nachvollziehbar. Mein Problem liegt bei Aussagen wie „Es steht das Vertrauen in die politische Weisheit der ‚Vielen‘ auf dem Spiel.“ (Michael Meyen), die so tut, als ob es Demokratie, die eine echte Herrschaft des Volkes wäre, irgendwo geben würde („the best democracy money can buy“ hat Greg Palast einmal die amerikanische Variante genannt) und bei der typisch journalistischen Personalisierung von Allem und Jedem: „In dieser Erzählung von Merkel-Macron-Steinmeier …“ (Alexis Mirbach). In meiner Welt gibt es niemanden, der sich um die Meinungen von Politikern scheren, geschweige denn sie zitieren würde. Mit anderen Worten: Die sogenannten Gefährder der sogenannten Demokratie sind das Resultat „der politischen Weisheit der Vielen“ oder, weniger prosaisch, der Mehrheit der bei Wahlen Stimmenden (so ist jedenfalls zu vermuten). 

Das Elend der Medien  lehnt sich an Bourdieus La misère du monde an, das, kurz zusammen gefasst, propagierte: „weg von Konflikten, flüchtigen Berichten und Dramen, hin zum Alltag.“ So sehr mir das zusagt, in einer Gesellschaft, die auf dem Sich-Verkaufen, also der Prostitution, aufbaut, scheint mir das weitgehend illusorisch. Trotzdem: Dieses Buch gehört zu den spannendsten Medienbüchern, die ich kenne.

Die Autoren haben ganz unterschiedliche Medienleute befragt und das Buch in Themenblöcke gegliedert. Was der öffentliche Rundfunk braucht, um seinen Auftrag zu erfüllen; Die Regionalpresse, mit DDR-Erfahrung von Innen gesehen; Sieben Stimmen vom Rand des journalistischen Feldes; Vom Kampf um Definitionsmacht; Linker Aktivismus von Kreuzberg bis Kurdistan; Medienkritik von unten; Corona-Gespräche in München und Oberbayern; Vier Stimmen aus dem Osten, dreissig Jahre danach; Am Rande der Wahrheit in Hildburghausen.

Michael Meyen weist in seinem Vorwort unter anderem auf dies hin: „Eine Angst geht um in der Wissenschaft, die sich schwer greifen lässt und einen eigenen Forschungsverbund verdienen würde oder wenigstens ein eigenes Buch.“ Ob man damit dieser Angst, die sich wesentlich als Selbstzensur äussert, beikommen kann, sei einmal dahingestellt, doch darum geht es in diesem Buch ja nicht. Und Alexis Mirbach erläutert in seinem einführenden Beitrag „Jenseits von Gut und Böse. Warum das Elend der Medien viele Gesichter hat“, dass sie Menschen befragt hätten, die mit dem Status Quo unzufrieden sind, denn sie wollten deren Kritik verstehen. „Wir haben mit den Befragten folglich nicht Pro und Contra diskutiert, sondern sie wohlwollend unterstützt.“ Ein mir sympathischer Ansatz.

Die Interviews geben ein ziemlich umfassendes Bild von den vielen Facetten der Medien. Wer sich derart intensiv und ausführlich mit der Funktionsweise der Medien auseinandersetzt wie die an diesem Buch Beteiligten es tun, geht ziemlich ernüchtert durch die Welt – und das ist gut so. Besonders verdienstvoll finde ich, dass ich selten so deutlich vorgeführt gekriegt habe, dass und wie die Medien als Stützen der herrschenden Ordnung fungieren. Und dass Medienleute nicht anders funktionieren als alle anderen auch. „Menschen, die am Machtpol des Feldes sind  oder nicht sehr weit davon weg, suchen Nachfolger, die so ähnlich ticken wie sie selbst.“

Das Elend der Medien  ist auch ein (in Massen) grundsätzliches Buch. Auch wenn die Probleme überall ganz ähnlich sind, genüge es nicht, „Menschen zu haben, die sich für ‚ihr‘ Thema engagieren. Diversität braucht eine materielle Basis und dafür möglicherweise ein Mediensystem, das nicht am Gewinn ausgerichtet ist und auch nicht an den eher kurzfristigen Förderungszielen der Politik“, so Alexis Mirbach. ‚Möglicherweise‘ gehörte meines Erachtens gestrichen, denn solange die Gewinnorientierung das Leitprinzip ist, kann man sich so recht eigentlich alle Gesellschaftsdebatten sparen. 

„Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sachbezogenheit“, antwortet Volker Bräutigam auf die Frage, was für ihn guter Nachrichtenjournalismus sei. Das sind so recht eigentlich Eigenschaften, die überall, also in allen gesellschaftlichen Bereichen, gelten sollten. Dass sie es nicht tun, sagt mehr über unsere Welt aus, als alle gescheiten Analysen zusammen. Was also ist zu tun? Sich um „Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Sachbezogenheit“ bemühen, in allen Bereichen, auch im Journalismus. Das Elend der Medien leistet dazu einen wertvollen Beitrag.

Fazit: Differenziert und vielfältig; eine bessere und umfassendere Darstellung darüber, wie die modernen Medien funktionieren, kenne ich zur Zeit nicht.

Alexis von Mirbach / Michael Meyen
Das Elend der Medien
Schlechte Nachrichten für den Journalismus
Herbert von Halem Verlag, Köln 2021

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