Albert Kitzler Vom Glück des Wanderns

Um praktisches Wissen gehe es ihm, schreibt Albert Kitzler, „das das menschliche Leben zum Gegenstand hat.“ Und er behauptet: „Weise nennen wir nicht jemanden, der viel weiss, sondern der zu leben versteht, der es versteht, mit sich selbst und den anderen umzugehen und die vielfältigen Herausforderungen des Lebens im beruflichen wie im privaten Bereich meistert, auch und gerade dann, wenn es schwierig und leidvoll ist. Weisheit ist Wissen und Können, das heisst die Umsetzung des Wissens im täglichen Leben.“

Das ist wohltuend zu lesen und erinnert mich an Ajahn Sumedho, einen nordamerikanischen Theravada-Mönch, der bei einer Meditation in Bangkok gesagt hat (ich zitiere aus dem Gedächtnis): „Meine Damen und Herren, sollten Sie zum Schluss gelangt sein, was ich gerade ausgeführt habe, sei interessant gewesen, so haben Sie mich gründlich missverstanden, denn interessant kann so ziemlich alles sein, auch das Liebesleben der Bienen. Doch das ist nicht, worauf es mir ankommt. Entscheidend ist, ob meine Ausführungen hilfreich waren, ob sie Ihnen dazu dienen können, Ihr Leben qualitativ zu verbessern.“

Darum geht es auch Albert Kitzler, der sich nicht nur bei den grossen Denkern der westlichen und fernöstlichen Antike auskennt, sondern Wesentliches auch von seinem Onkel, einem Landwirt, und von und in der Natur gelernt hat.

„Wir verfolgen kein Ziel, wir gehen nicht zu einem Ort, an dem wir etwas zu erledigen haben. Wir verfolgen keine andere Absicht, als zu gehen, zu uns zu kommen, unseren Körper zu fordern, eine Etappe zu bewältigen, eine Gegend kennenzulernen, Eindrücke, Aussichten und das Wetter zu geniessen oder ihm zu trotzen.“

Der Philosophie-Coach Albert Kitzler, geboren 1955,  war Filmproduzent und Medienanwalt und bietet, so der Klappentext, seit 2010 „Seminare, Matineen, Vorträge und philosophische Urlaube sowie Einzel- und Unternehmensberatungen an“, ist also ziemlich umfassend unterwegs. Und auch Vom Glück des Wanderns. Eine philosophische Wegbegleitung lässt kaum etwas aus – obwohl ein passionierter Bücherleser, fühlte ich mich von der Fülle geballten Wissens regelrecht erschlagen. Kaum ein Gedanke findet sich in diesem Buch, der nicht mit einem philosophischen oder literarischen Zitat untermauert wird. Das will nicht heissen, dass Albert Kitzler nicht selber denkt  – ganz im Gegenteil! – , das meint nur, dass weniger gelegentlich mehr gewesen wäre.

Trotz der vielen Hinweise auf Gelesenes und Studiertes überzeugt Vom Glück des Wanderns. Eine philosophische Wegbegleitung  sowohl durch einen ausgeprägt persönlichen wie auch praktischen Bezug. „Für mich ist der Aspekt innerer Sammlung beim Wandern einer der wichtigsten … Auch jenseits von Wanderungen ziehe ich mich regelmässig in mich selbst zurück, versuche still zu werden, in mich hinein zu horchen, mich zu spüren und mich in meiner Mitte einzurichten …“.

Das erfordert Übung, stetige Übung. „Es ist schwer, sich selbst zu Verhaltens- und Denkweisen zu erziehen, die uns dauerhaft guttun, vor allem am Anfang.“ Sowieso, sonst könnte es ja jeder (und jede). Und so mühsam sich das anhören mag, es wäre auch eine Welt vorstellbar, wie der Schweizer Autor Hans Albrecht Moser einmal geschrieben hat, wo es diese Möglichkeit des Übens nicht gibt.

„Es mag bisweilen anstrengend gewesen sein“, schreibt der Autor zum Schluss, „aber umsonst gewähren die Götter nichts.“ Das kann schon sein, doch etwas mehr Leichtigkeit hätte dem Glück des Wanderns  nicht geschadet. Deshalb ein Tipp: Leichter wird die Lektüre, wenn man dieses Buch in kleinen Häppchen zu sich nimmt.

Albert Kitzler
Vom Glück des Wanderns
Eine philosophische Wegbegleitung
Droemer Verlag, München 2019

Per J. Andersson: Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte

Für den schwedischen Journalisten und Schriftsteller Per J. Andersson, Jahrgang 1962, ist Reisen wesentlich Therapie. „Erst wenn du in einer anderen Umgebung bist, kannst du anfangen, dich selber zu sehen. Indem du auf andere Kulturen reagierst, verstehst du, wer du bist und woher du kommst. Zu reisen, das ist, als würde man sich einen Spiegel vorhalten. Die reinste Therapie.“ Mir selber geht es auch so.

Menschen reisen aus den unterschiedlichsten Gründen, doch zu behaupten, wie das der Klappentext tut („Wer reist ist nicht borniert und engstirnig. Wer weiss, wie es in anderen Weltgegenden aussieht. hat keine Angst vor dem Fremden“) ist derart falsch, dass es falscher fast gar nicht geht. Ich jedenfalls habe auf meinen Reisen ganz viele bornierte und engstirnige Reisende erlebt und auch die Angst vor dem Fremden geht nicht einfach weg, wenn man in die Welt hinaus geht. Für Reisende wie auch für Zuhausebleibende gilt: Es ist die Einstellung, die zählt.

Per J. Andersson erzählt von seinen Erfahrungen in Indien und Südtirol, den USA und Griechenland, berichtet vom Reisen mit der Eisenbahn, dem Schiff und dem Flugzeug. Und auch davon, wie sich das Unterwegssein im Laufe der Zeit gewandelt hat. So machen heutzutage die Chinesen die grösste Gruppe der Auslandsreisenden aus.

Doch nicht nur Per J. Andersson, sondern auch ganz viele andere kommen in diesem Buch zu Wort. Darunter nicht wenige meiner Favoriten wie Henry David Thoreau („In dem Moment, in dem meine Beine anfangen, sich zu bewegen, beginnen meine Gedanken zu fliessen.“) und Rebecca Solnit („Sich zu Fuss zu bewegen macht es scheinbar leichter, durch die Zeit zu reisen, das Bewusstsein wandert durch Zukunftspläne, Erinnerungen und Beobachtungen.“).

Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte ist auch ein sehr informatives Buch, wobei ich mich allerdings auch immer mal wieder gewundert habe, wo Sätze wie zum Beispiel dieser bloss herkommen. „Vor sechs Millionen Jahren kletterten unsere Vorväter von den Bäumen herunter.“ Wie haben die eigentlich in den Jahren zuvor gelebt? Von Baum zu Baum hopsend, Blätter und Zweige essend? Auch drängt es sich nicht unbedingt auf, über die Geschichte der Zähmung der Kamele zu lesen („Vor fünftausend Jahren begann der Mensch das Kamel zu domestizieren …“), nur weil der Autor auf einem Kamel in einem Sattel mit Steigbügeln aus Hanfseil durch die Gegend geschaukelt wird.

Doch das Positive überwiegt bei weitem. Speziell spannend fand ich des Autors Begegnungen mit Stieg Larsson und Kärsti Stiege (einer ehemaligen Sängerin in einer Punkband) oder die Bezugnahmen auf so ganz unterschiedliche Charaktere wie Walter Benjamin, Bruce Chatwin und Jean-Jacques Rousseau, „der meinte, nur dann meditieren zu können, wenn er ging“ und der schrieb: „Wenn ich stehen bleibe, höre ich auf zu denken, meine Seele funktioniert nur,wenn sie mit meinen Beinen zusammenarbeitet.“

Den für mich wichtigsten Grund zu reisen, erwähnt Andersson übrigens auch. „Ein Monat des Reisens kann sich wie ein ganzes Jahr anfühlen. Man erlebt mehr Eindrücke pro Minute, das Leben ist intensiviert. Für die Freunde, die zu Hause geblieben sind, scheint die Zeit hingegen stillgestanden zu haben. Das ist die reinste Zauberei.“

Ein empfehlenswertes Buch!

Per J. Andersson
Vom Schweden, der die Welt einfing und in seinem Rucksack nach Hause brachte
Reisen in die Ferne und zu sich selbst
C.H. Beck, München 2018

Jasmin Rogg: Ich Hör Jetzt auf

Das ist ein ärgerliches und so recht eigentlich ziemlich überflüssiges Buch, weil man viel banaler eigentlich nicht über Sucht schreiben kann.

Ein Beispiel soll genügen: „Die Rehabilitation muss oberste Priorität haben – und zwar auf täglicher Basis. Der Genesungsprozess beinhaltet eine mentale Umorientierung, wobei man sich bewusst mit den eigenen Denkmustern auseinandersetzt. Die Aufmerksamkeit wird auf den inneren Prozess gelegt – aber seien Sie freundlich und nachsichtig mit sich. Heilung und Wachstum benötigen Zeit. Wann immer Sie in störende Denkmuster zurückfallen, nehmen Sie diese als einen Teil Ihrer selbst an, dem Sie mit Geduld und Nachsicht begegnen. Auch Gebete helfen, die Anfangszeit durchzustehen. Es geht nicht um das Streben nach Fehlerlosigkeit, sondern um die Teilnahme am Leben, um das Sammeln von Erfahrungen. Erlauben Sie sich, in Ihrem eigenen Tempo weiterzumachen, auch wenn es Ihnen langsam erscheint. So wie ein Kind am Anfang ein Rad mit Stützrädern fährt, werden auch Sie eines Tages dieser Phase entwachsen.“

Nichts von dem, was Jasmin Rogg hier schreibt ist falsch (obwohl: Geduld und Nachsicht sind bei Sucht häufig ganz fehl am Platz), doch wenn man so allgemein bleibt, haben solche Aussagen den Wert von Kalendersprüchen. Nur eben, die Wahrheit ist konkret. Leider kommen selbst die durchaus konkreten Erlebnisberichte der Alkoholiker in diesem Band wenig überzeugend daher. Das liegt daran, dass dieses Buch keine Erfahrungen vermittelt, sondern Gemeinplätze aneinanderreiht.

Da es nicht ausbleiben kann, dass auf über 200 Seiten Text auch Nützliches und Hilfreiches zu erfahren ist, hier einige der Stellen, die mich angesprochen haben:

„Das ‚ismus‘ im Alkoholismus bezieht sich weniger auf das Trinken selbst – es geht hier mehr um eine überreizte und pathologische Reaktion auf die Realität und das unwiderstehliche Bedürfnis, ihr zu entfliehen.“

„Neue Forschungsergebnisse legen die Existenz eines Alkoholismus-Gens nahe, das einen Mangel an Dopamin-Rezeptoren im Gehirn des Süchtigen verursacht.“

„Die Anonymen Alkoholiker haben deshalb das Motto ‚ Zieh dich an und zeig dich, egal, wie du dich fühlst‘ entwickelt – etwas, das für andere Menschen eigentlich selbstverständlich ist. Die Idee dahinter ist, dass Anteilnahme am eigenen Wohlergehen wichtig ist und Depressionen entgegenwirkt, weil das Unterbewusstsein die Meldung erhält: ‚Ich kümmere um mich – alles ist gut.‘ Und man fühlt sich besser.“

Die überzeugendsten Einsichten, die Jasmin Rogg in diesem Buch vermittelt, stammen von den Anonymen Alkoholikern. Und das legt sie auch offen. Warum also nicht gleich zum Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker greifen? Weil man dann ein paar schöne Zitate verpassen würde, etwa dieses hier von M. Scott Peck: „Psychische Gesundheit ist Hingabe an die Realität um jeden Preis …“.

Jasmin Rogg
Ich Hör Jetzt auf
Südwest Verlag, München 2012

Peter Wawerzinek: Schluckspecht

„Hätte ich besser auf Tante Luci gehört, es wäre nicht so schlimm mir mir gekommen. Hätte ich die Augen fest verschlossen und meine Nase gut abgedichtet, wie es die Delphine tun, wenn sie abtauchen, und nicht an Tante Lucis Likörglas gerochen, als Tante Luci es mir unter die Nase hielt, ich wäre vielleicht davongekommen.“ Nur hat er das eben nicht und ist deswegen nicht davongekommen. Vielleicht, wie Peter Wawerzinek treffend schreibt, denn was wissen wir denn schon.

Andrerseits weiss und/oder merkt und/oder spürt er doch einiges. Dass er anders trinkt als die anderen aus seiner Gruppe. „Ich kann nicht aufhören. Ich greife grade aus dem Koma erwacht zur Flasche, trinke weiter, wo die anderen Mostfreunde längst aufgehört haben.“

Zwei Seiten vorher schreibt er: „Noch bin ich weit entfernt von der Sucht der Süchtigen. Noch sitze ich mit meinen Freunden im Mostkeller. Jeder Tag ein Festtag, wenn wir zusammen sind. Noch werden wir nahezu zeitgleich betrunken. Noch erwachen wir nahezu gleichzeitig und trinken weiter. Es macht Spass zu trinken. Trunkenheit ist eine fröhliche Reise mit heiteren, urkomischen, lustigen Zwischenstationen, wenn einer aus dem Rhythmus kommt, wie ein Ausserirdischer zu lallen beginnt, bringt das alle anderen zum Lachen. Schluckspecht zu sein ist da noch ein Kosename zum jugendlichen Spiel.“

Dass und wann und wie man diese unsichtbare Linie, welche die Alkoholiker von denen trennt, die nicht saufen müssen, überschreitet, können die Betroffenen bestenfalls im Nachhinein erkennen. Dass er alkoholgefährdet gewesen ist, scheint Peter Wawerzinek schon recht früh erkannt zu haben. „Mich reizt das Zeug mehr als die anderen. Ich greife viel öfter zu … Ich bin durch den Büffelwodka zum Alkoholiker geworden. Eine Zeitlang kann ich meine Sucht geheim halten … Aber dann erleide ich durch den Büffelwodka doch den ersten heftigen Filmriss …“.

Es ist die Zeit der jugendlichen Sehnsüchte, der Musik, die einen in andere Sphären hievte (Something in the Air  von Thunderclap Newman, Son of a Preacher Man  von Dusty Springfield, La poupée qui fait non von Michel Polnareff), als der schüchterne Peter Wawerzinek, der für einige bereits „ein  elendiger Säufer“ ist, anfängt, jeden Tag in die Kneipe zu gehen und häufig so besoffen ist, dass er sein Überleben weniger seinem Willen als „eher uralten Säuferinstinkten“ verdankt.

„Am Anfang ist der Säufer noch Mensch. Am Ende ist dieser Mensch nur noch Säufer“, notiert er einmal und säuft weiter, verflucht seine Inkonsequenz. An hellsichtigen Erkenntnissen mangelt es ihm nicht: „Suff ist Vergessen. Suff nimmt das Leid anderer Menschen nicht wahr. Suff erzeugt Wut auf sich. Suff bringt einen in Schwierigkeit. Man kennt keine Beschaulichkeit mehr …“.

Der Suff beginnt seinen Alltag zu bestimmen, er ist sich dessen bewusst, gibt weiterhin Unsummen für seinen Alkoholkonsum aus und landet schliesslich im Ulenhof, einer therapeutischen Einrichtung für hoffnungslose Fälle.

„Einmal Alkoholiker immer Alkoholiker, wiederholt der Doktor. Säufer sind ständig in Gefahr, auch wenn sie sich geheilt vorkommen. Von heute auf morgen mit dem Trinken aufhören, sagt der Doktor, bedeutet noch nicht, es für den Rest des Lebens geschafft zu haben. Man ist ein Gefangener in seiner Trockenzelle, von angsteinflössenden Suchtträumen heimgesucht … Davon, die Säufer radikal trocken zu setzen, hält der Doktor nichts. Je länger der Trockenzustand anhält, desto grösser sind die Gefahren. Man schafft es, jahrelang trocken zu bleiben.Und dann, durch allzu grosse Freude, durch Kummer, Trauer, Gram, greift man nach dem einen Schnaps. Und schon beginnt alles mit diesem Einglasschadetnicht wieder von vorne und endet heilloser als je zuvor.“

Ich halte die Überzeugung „Je länger der Trockenzustand anhält, desto grösser sind die Gefahren“ für ausgemachten Blödsinn, denn es ist nicht die Länge der Trockenheit, die zählt, sondern die tägliche Lebensqualität. Mit dem Saufen aufzuhören ist für Säufer die Grundbedingung, ohne die ein anderes, neues Leben nicht möglich ist.

Peter Wawerzinek sieht das anders. In einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ meinte er, er habe sich  die „Drei-Drinks“ angewöhnt. „Das heisst also drei Gin Tonic, wenn ich abends weg bin, oder höchstens drei kleine Sektgläser. Immer drei, drei, drei. Wähle 333 am Telefon. Das hat sich dann so ergeben mit diesem Therapeuten, mit dem Dr. Gredig, der so ein Hippie-Typ gewesen ist und das Problem von mir gleich erfasst hat. Vollalkoholiker auf ein Mass zurückzubringen, das ist schon ein Erfolg. Ich will nicht trocken sein …“

Nur eben: es geht nicht darum, trocken zu sein. Es geht darum, sich mit sich selber wohlzufühlen. Und ohne sich dabei selber zu betrügen. Das „Absturz“-Kapitel trägt den Untertitel: „Das Gefährlichste am Alkohol ist der Alkohol.“

Peter Wawerzinek
Schluckspecht
Galiani Berlin 2014

Tove Ditlevsen: Abhängigkeit

In meinen 20ern verliebte ich mich auf Fünen in eine junge Dänin und in Dänemark. Ich las dann auch einige dänische Autoren, unter ihnen Leif Panduro und Tove Ditlevsen, doch wie bei den meisten Büchern, die ich einmal gelesen habe, ist mir ausser den Autorennamen so ziemlich gar nichts geblieben. Mit anderen Worten; Abhängigkeit von Tove Ditlevsen weckt Erinnerungen und natürlich haben die meisten nichts mit dem vorliegenden Buch zu tun.

Dänemark zur Zeit der deutschen Besatzung. Die Protagonistin ist zwanzig, ihren Mann, Viggo F., beschreibt sie unter anderem so: „Ein Gebiss lehnt er mit der Begründung ab, dass alle Männer in seiner Familie mit 56 Jahren gestorben sind, und das sei schon in drei Jahren, wozu also diese Geldverschwendung?“

Sie schreibt an einem Roman. Den Titel hat sie bereits, worüber sie schreiben will, weiss sie hingegen noch nicht. „Ich schreibe einfach nur, vielleicht kommt etwas Gutes dabei heraus, vielleicht nicht. Das Wichtigste ist, dass ich mich beim Schreiben glücklich fühle, so, wie es immer schon war.“ Genau so sollte Schreiben sein.

Viggo F. arbeitet bei der Brandversicherung und schreibt selber Romane, die seine Gattin jedoch nicht mag. Im ‚Club der jungen Künstler‘ lernt sie Piet kennen, denkt an Scheidung, doch als ihr Mann sich über ihr erstes Buch begeistert äussert, verwirft sie den Gedanken, für den Moment, doch Piet drängt. Nur eben: Sie verabscheut Veränderungen. Die Scheidung kommt dann doch noch, aber nicht wegen Piet, sondern wegen Ebbe. Sie wird Mutter, die zweijährige Tochter Helle beschreibt sie so: „Wenn ich vormittags schreibe, setze ich sie mit ihren Bauklötzen und Puppen zum Spielen auf dem Boden, und sie hat gelernt, mich nicht zu stören. ‚Mama schreibt‘, sagt sie feierlich zu ihrer Puppe, ‚und danach machen wir alle zusammen einen Spaziergang.’“ Wunderbar!

Die deutsche Besatzung endet, berührend wie sie die deutschen Soldaten, „vielleicht erst fünfzehn oder sechzehn“, beschreibt: „ Müde deutsche Soldaten stolpern durch eine fremde Stadt mit der Frühlingssonne im Gesicht …“. Eine feinfühlige Frau, doch mit konventioneller Treue hat es sie nicht so.

Der zweite Teil handelt wesentlich von ihrer Schmerzmittelsucht. „Im Laufe des Tages ging es mir schlecht, so, wie ich es schon einige Male zuvor erlebt hatte. Ich zitterte und schwitzte und bekam Durchfall. Ausserdem wurde ich von einer panischen Angst gepackt, und mein Herz raste. Mir wurde klar, dass ich diese Tabletten haben musste …“. Sie lernt zu unterscheiden: Mit Pethidin kann sie nicht arbeiten, mit Methadon hingegen schon.

Wie alle Drogensüchtigen ist sie eine gewiefte Taktikerin. So behauptet sie, unter Ohrenschmerzen zu leiden, um Schmerzmittel verschrieben zu bekommen. Ein Ohrenarzt, der merkt, dass er belogen wird, will sie nicht operieren, ein anderer, der es nicht merkt oder nicht merken will, tut es. Nach der Operation weiss sie zum ersten Mal, was Ohrenschmerzen sind. Und verlangt nach immer grösseren Dosen von Pethidin. „Kein Preis war zu hoch, um sich die unerträgliche Wirklichkeit vom Leib zu halten.“

Tove Ditlevsen beschreibt, sie analysiert nicht. Leicht und flüssig wirkt ihr Schreiben. Sie rätselt nicht über die Ursachen ihrer Sucht, wird zur Entziehungskur in eine Klinik eingewiesen, sie wiegt noch ganze dreissig Kilo. Nur einer von hundert Patienten werde wieder gesund, erklärt ihr der behandelnde Arzt. „Aber manchmal glaube ich daran, dass Sie diese eine sind, weil Ihr Fall so aussergewöhnlich ist, und weil Sie im Gegensatz zu den meisten Süchtigen noch etwas anderes haben, wofür Sie leben.“ Weise Worte, er sollte recht behalten, doch Tove weiss, solange sie lebt, wird die Sehnsucht nie ganz sterben.

Tove Ditlevsen
Abhängigkeit
Aufbau Verlag, Berlin 2021

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