Caroline Fourest: Generation Beleidigt

Die ersten zwei Sätze der Einleitung bringen es auf den Punkt: „Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder ‚beleidigt‘.“ Soll man da wirklich ein Buch drüber lesen? Wäre nicht gescheiter, sich einfach von diesen Leuten, die sich ständig beleidigt fühlen, abzuwenden? Caroline Fourest sieht das entschieden anders und berichtet unter anderem von französischen Lesbengruppen, die sich abgesondert haben. „Diese Frauen haben weder den Lauf der Welt noch die grassierende Homophobie auch nur um ein Jota verändert. Diese Radikalen sind oft Menschen, die weder die Kraft noch die Geduld haben, andere Menschen zu verändern.“

Doch weshalb sollte man das eigentlich wollen, „andere Menschen zu verändern“? Und zudem: Ist dieser mittlerweile grassierende Gesinnungsterror wirklich etwas Neues? Als ich Mitte der 1970er von Jura zu Ethnologie wechselte, stellte ich mit Befremden fest, dass die Ethnologen noch um einiges rechthaberischer waren als die Juristen, wohl auch deswegen, weil die Juristen die Macht verwalten und Ethnologen eh niemand ernst nimmt.

Das Leben ist unsicher. Und so streben wir nach Sicherheit. Nicht weil das eine schlaue Idee ist, sondern weil unser Lebenstrieb das so will. Diesem Streben nach Sicherheit ordnen wir alles unter. Die Folge ist, dass wir uns an allem festklammern, das uns Orientierung verspricht. Der Herkunft, der Rasse, der Zugehörigkeit, der korrekten Meinung. Unsere Welt, so Caroline Fourest, ist „zum Bersten identitär“ geworden.

Jede Identität ist kreiert und dauernd im Fluss. Sie festzumachen zu versuchen, sei es an der Hautfarbe, der Sprache oder den sexuellen Vorlieben, ist einerseits immer sehr willkürlich und andererseits oft selten etwas anderes als der hilflose Versuch, im Leben Halt zu finden. Gescheiter wäre, sich an der Realität, in der alles unsicher ist, auszurichten, anstatt sie zu verneinen, indem man auf Stabilität in der Form von Überzeugungen aus ist.

In der Essenz geht es bei der Frage, ob man sich bei einer anderen Kultur bedienen darf (Cultural Appropriation), um Zensur und um Leute, die sich zu Zensoren aufschwingen. Wir sollten uns weder solche Argumente noch solche Leute anhören, sondern einfach und gelassen unser Ding machen. „Ohne die Stones hätte der Blues die Pforten des Ghettos niemals überwunden“, lese ich zustimmend. Und auch dies: „Muddy Waters, der zu den ‚Beraubten‘ gehört, hat darüber den genialen Satz gesagt: ‚Sie haben mir meine Musik gestohlen, doch mir meinen Namen gegeben.’“

Generation Beleidigt zeigt die Entwicklung eines zunehmend rigiden gesellschaftlichen Klimas detailliert und gut nachvollziehbar auf. Immer wieder hatte ich bei den Fällen, die Caroline Fourest schildert, den Eindruck, diese Aufgeregtheiten und Empörungen müssten einen anderen Grund haben als die angeblich so verwerfliche kulturelle Aneignung. Nicht etwa, dass ich diesen kennen würde, doch die Gründe, die die angeblich Betroffenen anführen, nehme ich ihnen schlicht nicht ab. Auch deswegen nicht, weil sich viele zum Beispiel über Ausstellungen ereifern die sie gar nicht selber gesehen, sondern von denen sie gelesen oder gehört haben.

Die Autorin schreibt gut und witzig und scheut vor klaren Aussagen nicht zurück. Hier zwei Beispiele: „Man kann die Leute nicht mehr zählen, die gezwungen sind, Entschuldigungen vorzubringen, weil sie es gewagt haben, eine Afrofrisur, Dreadlocks oder bloss angeblich ‚afrikanische‘ Zöpfe zu tragen.“ Und als eine schwarze Lesbengruppe deklariert: ‚Wir glauben, dass die tiefste und möglicherweise radikalste Politik direkt unserer Identität entspringt und nicht der Aufgabe, der Unterdrückung von jemand anderem ein Ende zu setzen‘, kommentiert sie trocken: „Damit ist alles gesagt. Die eigene Nabelschau ist wichtiger, als für das Wohl der ganzen Welt zu kämpfen.“ Das Wohl der ganzen Welt? Geht es auch etwas kleiner?

Zu Recht stellt sie fest, dass „die wirklichen Diskriminierungen in den letzten Jahren zurückgegangen sind.“ Das hindert Berufs-Aktivisten allerdings nicht, ständig neue Diskriminierungen auszumachen. „Ganz so als hätten sie Angst, arbeitslos zu werden, stürzen sich professionelle Aktivisten auf belanglose Nebenschauplätze, um sie polemisch aufzublähen und zu übertreiben (…) die im Theater, in Kinos oder in der Universität falsche Feinde erschaffen, nur um einen Posten zu ergattern.“

Würde es dabei bleiben, wäre das Ganze zwar lächerlich (wie einiges im Theater, in Kinos oder in der Universität), doch eben auch einigermassen harmlos. Doch das ist es nicht. Die drastischen Konsequenzen dieser Beleidigten-Weltsicht benennt die Autorin nicht nur deutlich, sondern stellt sie auch in einen grösseren Zusammenhang: „Die Frage lautet nicht mehr, ob ein Mann eine Frau vergewaltigt, sondern ob er einer bedrängten Minderheit angehört oder nicht. Sollte dies der Fall sein, so hat die Verteidigung der vermeintlich bedrängten Minderheit Vorrang vor der Anzeige der Vergewaltigung. Genau so dachten vor dreissig Jahren auch die sektiererischen Marxisten, als 1976 eine Feministin von einem eingewanderten Arbeiter vergewaltigt worden war und ihre Genossinnen sie dazu anhielten, die Tat nicht anzuzeigen. Sie warfen ihr vor, dem Proletariat zu schaden und den rassistischen Bossen in die Hände zu spielen.“

Doch es gibt Leute, die sich wehren. Die Autorin, die sich der weitverbreiteten Opfermentalität nicht beugen mag, wie auch die Theatermacherin Ariane Mnouchkine gehören dazu. „Die allerschlimmste Zensorin“, so warnt Mnouchkine, „ist unsere Angst. Es ist sehr beängstigend, des Rassismus bezichtigt zu werden, unsere Ankläger wissen das.“

Generation Beleidigt präsentiert eine Fülle von überwiegend reichlich grotesken Beispielen, bei denen ich mich immer mal wieder darüber wunderte, in welchem Masse vielen modernen Menschen die Bodenhaftung abhanden gekommen ist. Sektierertum ist offenbar verbreiterter als mir bewusst war. Gedeihen konnte es vor allem, weil wir Meinungen zu ernst nehmen und dabei vergessen, dass es doch nur Meinungen sind.

Caroline Fourests Aufruf gegen intellektuelle Blindheit (der viele durchaus Intelligente erliegen) und gegen die Spaltung der Gesellschaft ist ein Plädoyer für Würde, Zivilcourage, eine gerechtere Welt und common sense (der bedauerlicherweise nicht sehr common ist).

Caroline Fourest
Generation Beleidigt
Edition Tiamat, Berlin 2020

Ted Lewis: Schwere Körperverletzung

Ted Lewis wurde 1942 in Manchester geboren, studierte an der Hull Art School, arbeitete in der Werbung und wird zur britischen Noir-Schule gezählt. Er „starb überraschend im Jahr 1982“, lese ich in der Kurzbiografie des Verlages. Als ich dann jedoch aus dem Vorwort von Derek Raymond erfahre, dass Lewis offenbar ein schwerer Alkoholiker („Und keiner von uns hat ihn je kennengelernt, denn er war immer völlig betrunken.“) war, dachte es so in mir „überraschend“ hätte man getrost weglassen können, denn schwere Alkis sterben wenig überraschend an ihrer Sucht.

Apropos Alkohol: Die Protagonisten in diesem Buch scheinen nichts tun zu können ohne Drink in der Hand (die Alkoholiker Methode, sich ans Leben zu klammern) und die Frau des Hauptdarsteller George Fowler, Kopf eines weitverzweigten Londoner Unterweltimperiums, ist ständig scharf auf ihn – die klassische Wunschvorstellung eines Alk. Derek Raymond fragt sich im Vorwort, woher Lewis‘ Kenntnis und Verständnis der Hoffnungslosigkeit, des Hasses, der Wünsche etc. kommen. Na ja, er beschreibt, was er kennt. Und das Einzige, wovon man einigermassen eine Ahnung haben kann, sind die eigenen Empfindungen.

Doch zum Buch: Es spielt in der Unterwelt, handelt von Gewalt und Korruption, inklusive brutaler Folterungen (die, als Lewis diesen Roman schrieb, bei den englischen Banden legendär waren) und Entführungen. Und von Begierden der besonders Gierigen, die immer extremer und ausgefallener werden. Von einer Welt also, die mich nicht interessiert. Wie mich Gangster und Mafiosi generell nicht interessieren. Genau so wenig wie die Banker, Manager und Politiker, die legalisiert kriminell unterwegs sind. Und die, die dauernd auf der Suche nach dem nächsten Kick sind, sowieso nicht. Auch finde ich die Protagonisten entschieden zu cool gezeichnet – Ted Lewis scheint davon auszugehen, dass der Mensch nicht nur weiss, was er tut, sondern auch noch im Griff hat, was er tut. Nur dass sich dann im Laufe der Geschichte zeigt, dass da vieles ins Wanken gerät, von der Wahrnehmung bis zu den Gewissheiten. Alkoholiker kennen das nur allzu gut.

Dass ich Schwere Körperverletzung trotzdem für ein gutes, ja ein empfehlenswertes Buch halte, liegt daran, dass Ted Lewis etwas zu sagen hat. Er denkt eigenständig und klar – und das kommt bekanntlich nicht allzu oft vor. „Menschen stellen immer wieder eine Überraschung dar; alles Erdenkliche steckt in ihnen, doch nur sehr wenige wissen um die Möglichkeiten, die sich unterhalb der Oberfläche verbergen, von der sie meinen, dass sie sie ausmache, und noch weniger haben den Mut, ihr früheres Selbst abzustreifen wie einen Kokon.“

Dazu kommt, dass er spannend zu schreiben versteht. Der Text liest sich flüssig, die einzelnen Kapitel haben eine leserfreundliche Länge, die Übergänge sind gekonnt gesetzt und die Dialoge (jedenfalls einige) zeugen von einem smarten Kopf.

„Sie interessieren mich? Das glauben Sie?“ „Nun“, sage ich, „weshalb sollten Sie sonst hier sein?“ „Um irgendetwas zu tun, vielleicht?“ „Sie meinen, um sich die Zeit zu vertreiben?“ „Richtig. Man muss notwendigerweise nicht gleich an jemandem interessiert sein, wenn man die Zeit mit ihm verbringt.“ „Nicht notwendigerweise“, sage ich. „Nein.“

Als Fowler herausfindet, dass einige seiner Leute in die eigene Tasche wirtschaften, leitet er eine Säuberungsaktion ein und zieht sich nach Mablethorpe zurück, einem Kaff an der Küste, wo er sich langweilt. „Es ist eben so, dass die Fahrt in die Stadt und das Umherwandern mir die Illusion verschaffen, die Zeit verfliesse, stehe nicht still wie die immerwährende Leere, worin mein Verstand verharrt.“ Wie die meisten Menschen kann auch Fowler nicht viel mit sich anfangen und Ted Lewis beschreibt das eindrücklich.

In Mablethorpe holen Fowler auch die Dämonen der Vergangenheit ein, die er in klassischer Alkoholiker-Manier zu ersäufen trachtet und sie dadurch, auch das ist klassisch, nur noch verwirrender und intensiver erlebt – seine Ängste haben ihn an der Gurgel. Dann läuft ihm die junge Lesley über den Weg … ist sie von der Polizei, der Presse? Sie verschwindet, taucht wieder auf, ist nicht zufassen. Eine faszinierende und rätselhafte Figur, die nicht nur Fowler, sondern auch den Leser gefangennimmt und die Geschichte vorantreibt.

Fazit: Ein cleverer Thriller mit überraschenden Wendungen. Nichts für empfindsame Seelen.

Ted Lewis
Schwere Körperverletzung
Pulp Master, Berlin 2020

Jürgen Leinemann: Höhenrausch

In seinem Buch „Höhenrausch. Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker“ hat der deutsche Historiker und langjährige Spiegel-Autor Jürgen Leinemann der Herkunft und Lebensgeschichte der politischen Akteure wie auch den sozialen Rollen, die sie spielen, nachgespürt. Und er hat, weil er nicht nur genau zu beobachten weiß, sondern oft auch Zusammenhänge bemerkt, die von viel Menschenkenntnis zeugen, Schilderungen von erhellender Eindrücklichkeit zustande gebracht.

Helmut Schmidt, der als deutscher Bundeskanzler mehr als ein Dutzend Mal bewusstlos zusammengebrochen war, und Franz Josef Strauß, der gemäß seiner Lebensgefährtin Renate Piller „einfach nicht nippen“ konnte, hat Jürgen Leinemann als süchtig erlebt; Joschka Fischer, der vom unmäßigen Bechern und Futtern zum unmäßigen Joggen (und wieder zurück) wechselte, ist ihm ein Exempel an Suchtverlagerung. Leinemann, der wohl zu den kenntnisreichsten politischen Berichterstattern Deutschlands gehört, weiß, wovon er schreibt – er ist selber süchtig, er hat sich seiner Sucht gestellt, ist mittlerweile schon lange trocken.

Seit zwanzig Jahren wusste er, dass er über seine Erfahrungen und Beobachtungen zum Thema Sucht und Politik ein Buch schreiben würde. Warum hat er so lange gewartet? „… weil ich wusste, dass ich mich selbst als Süchtiger zu erkennen geben müsste, sollte die Charakterisierung der Politiker als potenzielle Erfolgs-Junkies nicht denunzierend wirken.“ Zudem wollte er sich erst als trockener Alki bekennen, wenn er nicht mehr für den Spiegel, der ihn, als er es nötig hatte, schützte und stützte, im politischen Tagesgeschäft tätig war, denn schließlich begegnet man auch in unseren vermeintlich aufgeklärten Zeiten einem Süchtigen nach wie vor mit (moralisch eingefärbten und diffamierenden) Vorbehalten.

Das Wort ‚Sucht’ kommt nicht von ’suchen‘, es kommt von ’siech‘ und das heißt krank. Ein Süchtiger ist ein Kranker, der die Wirklichkeit als unerfüllt oder bedrohlich erlebt und nun versucht, diesem Gefühl Abhilfe zu schaffen, sei es durch chemische Substanzen wie Alkohol oder Rauchwaren, sei es durch Arbeit oder öffentliche Anerkennung. Man gewöhne sich an solche Mittel, durch ständige Wiederholung und immer höhere Dosierung entstehe zunächst Abhängigkeit, dann Sucht, schreibt Leinemann, und fügt hinzu:

„Einzugestehen, dass ich zwar alkoholabhängig war, dass mein süchtiges Verhalten aber nicht durch Whisky, Bier oder Wein erzeugt wurde, sondern dass umgekehrt der Suff die Folge eines persönlichen Defizits war, fiel mir nicht leicht. Es half aber, dass ich schnell merkte, wie sehr auch andere sich mit dieser Problematik herumschlugen – nicht zuletzt in der Politik.“

Die Beweggründe eines Politikers, hat Willy Brandt gesagt, ergäben sich häufig mehr aus dessen Struktur als aus den eingespielten politischen Regeln. Auf dieser Einsicht gründet Leinemanns Berichterstattung. Sorgsam hat er jeweils der Herkunft und Lebensgeschichte der politischen Akteure wie auch den sozialen Rollen, die sie spielen, nachgespürt. Und er hat, weil er nicht nur genau zu beobachten weiß, sondern oft auch Zusammenhänge bemerkt, die von viel Menschenkenntnis zeugen, Schilderungen von erhellender Eindrücklichkeit zustande gebracht, die einem noch lange im Kopf bleiben. Diese hier zum Beispiel:

„Franz Josef Strauß war nicht nur der bayerische Kraftbolzen, als der er sich mit Vorliebe gerierte and als den ihn Freund und Feind bewunderten. Er war auch empfindlich, verwundbar und ängstlich. In Wahrheit kennzeichnete ihn Unstimmiges. Statisch und dynamisch war er zugleich, grazil und massig, großspurig und kleinmütig. Er marschierte ja nicht, wie das Klischee behauptete, er walzte nicht und schon gar nicht schob er sich vorwärts. Er hastete vielmehr in weicher Eile, verfiel fast ständig in einen unsteten Trippeltrab. Sein Gang hatte kein Gewicht.“

Leinemanns Buch überzeugt nicht zuletzt, weil er offen legt, dass seine jeweilige Sichtweise mit seiner persönlichen Biografie, mit dem jeweiligen Stand seiner Selbsterkundung zu tun hat. Damit macht er klar, dass es objektive Berichterstattung nicht gibt, sie nicht geben kann; dass man, um wahrhaft Zeugnis ablegen zu können, auch über sich selber Auskunft geben muss, sich selber und anderen gegenüber. Über Strauß zum Beispiel konnte er erst (und vor allem darum) einfühlend schreiben, als er entdeckte, dass es mit dem Bayer – „nicht in seinen politischen Inhalten und seinen gesellschaftlichen Zielen und schon gar nicht in seinen finanziellen Praktiken, wohl aber in seinen verdeckten Ängsten, in den Lebenszielen des ehrgeizigen Aufsteigers, in den emotionalen Einfärbungen und den zeitgeschichtlichen Prägungen durch eine autoritäre Familien- und Kleinbürgerwelt – mehr Ähnlichkeiten und Überschneidungen [gab], als ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen hätte ausmalen können.“

Auch wenn der 1937 im niedersächsischen Celle geborene Historiker, der seit 1971 für den Spiegel arbeitet, eine Fülle von Informationen verarbeitet und eine veritable, aus der Nähe miterlebte, deutsche Polit- und Politiker-Geschichte der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts vorgelegt hat, die eigentliche Stärke seines Buches liegt in der Selbstreflexion, zu der auch die Einordnung des eigenen Ego in Zeit und Kultur gehört: „… es bedurfte des völligen physischen und psychischen Zusammenbruchs, bis ich begriff, dass mein privates Unglück, meine zunehmende Entfremdung von mir selbst, vom gesellschaftlichen und politischen Umbruch dieser Jahre nicht zu trennen war.“

Eine zunehmende ‚Versüchtelung‘ der Gesellschaft diagnostiziert der Suchtexperte Werner Groß in der heutigen Zeit – mehr denn je scheint der Mensch von Sucht bedroht; das von den Medien geförderte Bedürfnis nach der Droge Aufmerksamkeit („die unwiderstehlichste aller Erfolgsdrogen“) trägt nicht wenig dazu bei.

Er schreibe doch jetzt seit vier Jahrzehnten über Politik, das sei also auch sein Leben, meinte Die Zeit in einem Gespräch mit Leinemann und fragte: „Warum tun Sie sich das an? Immer noch einen leeren Egomanen? Immer noch einen, der nicht aufhören kann?“, worauf dieser antwortete: „Vielleicht bin ich auch so. Ein bisschen. Sonst würde mich diese Welt wohl nicht so faszinieren.“

Jürgen Leinemann
Höhenrausch
Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker.
Karl Blessing Verlag, München 2004

Stefan Müller / Katja Gelbrich: Interkulturelle Kommunikation

Zuerst aufgefallen ist mir, dass dieses Buch von einem emeritierten Lehrstuhlinhaber für Marketing (Stefan Müller) und einer Lehrstuhlinhabern für Internationales Management (Katja Gelbrich) verfasst worden ist, von Leuten also, die nicht unwesentlich mit Fragen des Verkaufens befasst sind und damit speziell geeignet scheinen, sich über interkulturelle Kommunikation auszulassen. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass der Teil über kommerzielle Kommunikation, der praktischen Relevanz wegen, der ergiebigste ist.

Meinen ersten Blick warf ich ins Literaturverzeichnis, wo ich, wie zu erwarten war, mein eigenes Buch nicht fand. Doch auch einige der Autoren, von denen ich viel halte und einiges gelernt habe, waren dort nicht zu finden: Christoph Antweiler, Norbert von Mecklenburg und ganz besonders Elmar Holenstein. Dafür waren natürlich ganz, ganz viele andere dort vermerkt …

Interkulturelle Kommunikation wendet sich an Studierende und Doktoranden. Da wird also unterschieden, was unterschieden werden kann, werden Begriffe erfunden, um dann wieder geklärt zu werden, wird das akademisch Gefragte präsentiert – damit Studierende und Doktoranden ihre Prüfungen bestehen können. Doch was hilft es dem interkulturell Interessierten, wenn er oder sie weiss, dass es nicht nur verbale und nonverbale, sondern auch paraverbale, und extraverbale Kommunikation gibt?

Die Fülle an Informationen, die Eingang in dieses umfangreiche Werk gefunden hat, ist beeindruckend. Ob die gewählten Beispiele zutreffend dargestellt worden sind, vermag ich nicht generell zu beurteilen, in Einzelfällen hingegen schon. Dass etwa in Thailand „abfällige Bemerkungen über den König und dessen Familie“ zu „den ungeeigneten Gesprächsthemen zählen“ sollen, gehört jedenfalls zu den Untertreibungen des Jahres, denn Majestätsbeleidung kann in Thailand (laut Wikipedia) mit Gefängnisstrafen bis zu 15 Jahren geahndet werden.

Schade auch, dass die Ausführungen zu „Sprachrelativismus vs. Sprachuniversalismus“ so dürftig ausgefallen sind: Sollte ‚die Realität‘ „nicht unterschiedlich wahrgenommen, sondern unterschiedlich kategorisiert und benannt werden“, wäre das ja nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Diskussion, denn so recht eigentlich wird doch ‚die Realität‘ erst nachdem sie unterschiedlich kategorisiert und benannt worden ist, auch unterschiedlich wahrgenommen.

Es versteht sich: man kann auf 500 Seiten unmöglich umfassend über ein so weites Feld wie die interkulturelle Kommunikation informieren, doch dass ich da überhaupt gar nichts von Grundkonzepten wie etwa dem thailändischen sanug oder dem brasilianischen jeito  las, ohne die diese Kulturen kaum verständlich sind, schien mir dann doch reichlich seltsam. Noch seltsamer ist hingegen die Logik dieser Sätze: „An den zahllosen Ahnenschreinen kann jeder Thailand-Reisende die Toleranz des Buddhismus erkennen. Denn obwohl 94% der Thais sich zum Theravada-Buddhismus bekennen, bestimmen nach wie vor die ursprünglich animistischen Rituale – wie die Ahnenverehrung – das tägliche Leben insb. der Dorfbevölkerung.“ Nun ja, die Lebenserfahrung lehrt, dass das, wozu man sich bekennt und das, was man praktiziert, sich eher selten decken.

Nichtsdestotrotz, ich finde Interkulturelle Kommunikation auf vielfältige Art und Weise informativ und anregend. So erfährt man etwa, dass die Sprache nicht nur für die Konstruktion der Wirklichkeit entscheidend ist, sondern ebenso „um den sozialen Status der Sprecher zu steigern und (Sexual)Partner zu gewinnen.“ Oder dass die Variante „Blutspenden verhindern Todesfälle“ offenbar mehr Menschen dazu bewegt, Blut zu spenden als die Variante „Blutspenden retten Leben“. Oder dass die Effizienz interkultureller Teams „im Prinzip nicht schlechter, zum Teile sogar besser“ sei, als die von monokulturellen Gruppen, nur müssten erstere „in der Anfangszeit mehr Probleme bewältigen.“

PS: Die Schweiz wird übrigens zweimal erwähnt, beide Male mit einem weitestgehend identischen Text: „Es ist für Schweizer normal“, lese ich da, „sich schon vor dem Treffen mit allen Beteiligten über ihre Standpunkte auszutauschen. Das Ergebnis steht oft zum grossen Teil schon vor dem Beginn des Meetings fest.“ Das liegt vermutlich auch daran, dass man in der Konsens-Schweiz den Kompromiss sucht, bevor man das Problem erkannt hat, nur scheint diese Konsens-Schweiz seit einiger Zeit in Auflösung begriffen …

Stefan Müller / Katja Gelbrich
Interkulturelle Kommunikation
Verlag Franz Vahlen, München 2014

Peter Richter: Über das Trinken

„Trinken sollte zum Rausch führen. Punkt.“ Davon ist in diesem Essay die Rede, und zwar plaudernd und eloquent – man stellt sich den Autor als gerne gesehenen Gast bei Abendgesellschaften konventionell gebildeter Kreise vor.

Die Befürchtung Peter Richters, „dass es auf dem Gebiet des Trinkens zu einer ähnlich restriktiven Gesundheitspolitik kommen könnte wie zuletzt beim Rauchen“, teile ich. Und ebenso, dass Sinn und Zweck des Trinkens sei, dass Alkohol „in ausreichenden Mengen über das Blut ins Gehirn gelangen (sollte), um dort für ein paar Veränderungen zu sorgen.“ Warum sollte man auch sonst zum Alkohol greifen? Für Leute, die keine grossen Probleme mit gelegentlichem morgendlichem Kopfweh etc. haben, kann das durchaus bereichernd sein. Es gibt aber eben auch andere:

„Man hat ihr wieder den Führerschein abgenommen, sie ist das dritte Mal in den letzten anderthalb Jahren mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Ich sag zu ihr: „Herr im Himmel, kannst du nicht was trinken, ohne jedes Mal stockbesoffen zu werden?‘ Sagt sie: ‚Was soll denn das für ’nen Sinn haben?’“ (Elmore Leonard: Callgirls).

Wenn einigen der Alkohol nicht bekommt und andere davon abhängig werden, ist das noch kein Grund den Alkoholkonsum zu verteufeln. Das sieht Richter genauso wie die Alkoholindustrie. Und sie haben natürlich recht.

„Abstinenz ist kein kontrolliertes Trinkverhalten“, sagen laut Richter die diplomierten Verkehrspsychologen. Und dass man „die eigene Trinkgeschichte aufarbeiten“ müsse. Das ist natürlich Blödsinn. Richtig ist dies: Wer ein Trinkproblem hat, soll mit dem Trinken aufhören und abstinent leben. Kontrolliertes Trinkverhalten ist für einen Alkoholiker eine Illusion, Abstinenz nicht.

Doch darum geht es Richter nicht. Er will denjenigen, die trinken, sagen, warum das vernünftig ist. Das liest sich häufig amüsant, etwa wenn er ausführt, der Mensch sei nicht des Ackerbaus wegen sesshaft geworden, sondern weil er zufällig den Alkohol entdeckte. „Ich glaube nicht, dass es schon damals Vegetarier gab, die freiwillig das Fleisch ziehen liessen, um auf das Wachsen der Beilagen zu warten. Ich weiss aber: Ein sehr starker Grund, irgendwo zu bleiben, ist die Aussicht auf den nächsten Drink.“

Es gehöre „zu den politischen Usanzen der Bundesrepublik, das Trinkverhalten von Politikern diskret zu behandeln“, schreibt Richter. „Wie sollte es auch anders gehen: Der gesamte politische Betrieb ist komplett eingelegt in Alkohol.“ Bei Richter sieht ‚diskret‘ dann so aus: „Weinbrand-Willy“ (Willy Brandt), „Rotwein formte diesen Körper“ (Joschka Fischer), „..auch wenn schon damals erzählt wurde, dass Strauss nach einem Empfang einmal erst am nächsten Morgen schlafend in den Rabatten des Schlossgartens aufgefunden wurde – als er noch Bonner Verkehrsminister war und als die Kubakrise gerade auf den dritten Weltkrieg hinauszulaufen schien.“

„Die Kriege, die heute die Welt in Atem halten, sind überwiegend von Nichttrinkern vorangetrieben worden“, behauptet Richter und führt als Beleg islamistische Gotteskrieger, George W. Bush und Hitler an. Sicher, nicht zu trinken, macht einen noch lange nicht zu einem vernünftigen Menschen, doch zu suggerieren, dass trinken das tue, ist bei weitem unsinniger.

In einem Interview mit dem Zürcher Tagesanzeiger antwortete Richter auf die Frage, ob der Alkohol als Treibstoff für Schriftsteller (darüber lässt er sich in seinem Buch auch aus) nicht ein altes Klischee sei? „Es ist eine glückliche literaturhistorische, wenn auch medizinisch gewiss traurige Tatsache. Poe, Baudelaire, Hemingway, Faulkner, Fitzgerald – hätten Sie denen die Flasche wegnehmen wollen, jetzt mal so ganz im eigenen Interesse als Leser? Schon mal über Goethes Weinkonsum nachgelesen? Können Sie mir überhaupt einen guten Schriftsteller nennen, von dem sicher ist, dass er nicht zumindest gelegentlich trinkt, um in Fahrt zu kommen?“

Dazu fällt mir der Schriftsteller Ross Macdonald ein, der den alkoholkranken Musiker Warren Zevon im Spital besuchte. Zevon meinte, er habe Angst, dass er ohne Alkohol keine Musik mehr zustande bringe. Darauf sagte Macdonald: Du schreibst gute Musik trotz und nicht wegen des Alkohols.

Nur eben, davon handelt dieses Buch nicht.

Peter Richter
Über das Trinken
Wilhelm Goldmann Verlag, München 2011

Michael Soyka: Wenn Alkohol zum Problem wird

Wenn Alkohol zum Problem wird ist kein Buch, das man Seite für Seite lesen muss, man kann sich auch das anschauliche Inhaltsverzeichnis vornehmen und sich dann davon leiten lassen, was einen am meisten interessiert. Mich zum Beispiel zieht es sofort zur Frage „Abstinenz oder kontrolliertes Trinken?“, denn wenn da einer für kontrolliertes Trinken plädiert, dann kann ich mir die Lektüre sparen. Michael Soyka hält kontrolliertes Trinken für kein realistisches Behandlungsziel. Dabei differenziert er: bei Personen, die zwar ein kritisches Trinkverhalten zeigen, jedoch noch nicht abhängig sind, ist es vielleicht möglich, falsche Trinkmuster zu korrigieren; bei Alkoholkranken hingegen nicht, da ist nur Abstinenz als Ziel sinnvoll.

„Wie entsteht ein Suchtkreislauf?“
Dazu zitiert Soyka Antoine de Saint-Exupéry, der in „Der kleine Prinz“ folgenden Dialog schildert:
„Warum trinkst du?“
„Weil ich mich schäme.“
„Warum schämst du dich?“
„Weil ich trinke.“

Was dieses Buch auszeichnet, ist des Autors Fähigkeit, Komplexes mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. So hält er zum Beispiel zum Persönlichkeitsabbau fest:
„Langfristig kommt es bei vielen Betroffenen auch zu einem alkoholbedingten Persönlichkeitsabbau. Typisch dafür ist der rasche Wechsel der Stimmung und eine Veränderung des Lebensumfeldes. Die Interessen engen sich zunehmend auf das Alkoholikermilieu ein. Familiäre Kontakte oder sogar die Körperpflege werden vernachlässigt.“

Man lernt Interessantes und Nützliches bei Professor Soyka, dem ärztlichen Direktor der Privatklinik Meiringen/Schweiz. Schon mal von „Alkoholberufen“ gehört? Darunter versteht man Berufe, die mit der Herstellung und dem Vertrieb von Alkohol zu tun haben (Gastwirte, Kellner …) und deren Lebenserwartung viel geringer ist als die in anderen Berufsgruppen. Das gilt auch für Personen, die quasi berufsbedingt in alkoholträchtiger Umgebung unterwegs sind (Journalisten, Politiker etc.).

Wussten Sie übrigens, dass viele Alkoholkranke zusätzlich zu Alkohol auch Medikamente benutzen? Über deren potentielle Gefährlichkeit erfährt man auch etwas in diesem Buch. Und über Entgiftung. Und Selbsthilfegruppen. Und darüber, ob man seine Alkoholkrankheit geheim halten soll oder nicht.

Wenn Alkohol zum Problem wird stellt viele Fragen und beantwortet sie auch gleich. Etwa, ob Alkoholiker alkoholfreies Bier trinken können? Nein, denn damit könnte das Suchtgedächtnis aktiviert werden. Oder: Sollen Angehörige in die Therapie miteinbezogen werden? Ja klar, denn möglicherweise gibt es Verhaltensweisen in Beziehungen, die dem Genesungsprozess wenig förderlich sind; diese gilt es zu erkennen und zu besprechen.

Michael Soyka liefert in diesem handlichen Werk, was er im Vorwort verspricht: ausführliche und verständliche Informationen über Ursachen, Folgen und Behandlung des Alkoholismus. Dabei sieht er die Suchterkrankung auch als Chance und meint das gar nicht etwa esoterisch abgehoben, sondern ganz realistisch: „Die Chance, etwas ändern zu können und zu müssen.“ Mit anderen Worten: sich zu ändern, setzt die Bereitschaft (die Einsicht genügt nicht!) in die Notwendigkeit voraus, sich zu ändern.

Fazit: Ein empfehlenswertes Buch für Menschen, die Probleme mit Alkohol haben, denn sie werden darin vielfältige Aufklärung darüber finden, welche Schritte zur Genesung führen können.

Michael Soyka
Wenn Alkohol zum Problem wird
Suchtgefahren erkennen – den Weg aus der Abhängigkeit finden
Trias Verlag, Stuttgart 2009

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