Rafael Seligmann: Brandstifter und ihre Mitläufer

Mich stört, wie die meisten Medien mit Putin, Trump, Netanyahu etc. umgehen: Sie geben ihnen eine Plattform und versuchen, sie zu erklären. Rafael Seligmann sagt es treffend: „Schrankenlose Zerstörer sind rationalen Argumenten nicht zugänglich.“ Und sie lassen sich auch nicht rational erklären. Wer dies versucht, sagt damit mehr über sein eigenes Denken aus, als über die Objekte dieses Denkens.

Das Zitat, das diesem Buch vorangestellt ist („Das ist die Plage der Zeit, in der Verrückte Blinde führen.“ Shakespeare: König Lear) bringt es auf den Punkt: Der Mensch entspricht dem Bild, das er von sich hat (dass er ein vernünftiges Wesen sei), in keinster Weise. Ja, nicht einmal zivilisiert darf er sich nennen, sonst würde er nicht Psychopathen nachrennen.

Der Autor, geboren 1947 in Tel Aviv, nimmt eingangs auf Dostojewskis Roman „Der Spieler“ Bezug, worin dieser sich mit der Spielsucht auseinandersetzte, von der er viel verstand, denn er war selber ein Spieler. Auch verweist er auf Shakespeares „Richard III.“, der das Gewissen als ein Wort bezeichnet, „das Feiglinge nutzen, erfunden einst, die Mächtigen in Furcht zu halten.“ und er erinnert an Max Frischs *Biedermann und die Brandstifter“, bei dem die Biedermänner „ignorieren, dass der Brandstifter auf ihr Leben scheisst.“

Rafael Seligmann ist Historiker, Politiker und Journalist, und so machen die Ausflüge in die Geschichte unweigerlich einen Grossteil dieses Buches aus. Schade, denn dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt, könnten wir mittlerweile wissen. Andererseits ist es aber eben auch so (und auch darauf weist er hin), dass wir nicht wissen (können), wieso der Mensch ist wie er ist. „Kurz, es ist vergebliche Mühe, die Blackbox psychosozialer Antriebe der Brandstifter bestimmen und eine allgemeine Ursachenformel destillieren zu wollen.“ Gescheiter wäre, sich mit der Psyche der Anhänger auseinanderzusetzen.

Rafael Seligmann setzt sich stattdessen mit Napoleon, Hitler, Putin, Trump und Erdoğan auseinander und macht dabei auch deutlich (auch das tun Historiker), dass das, was wir derzeit erleben, so recht eigentlich nichts Neues ist. Mir scheint dieses Personalisieren ein Grundübel; was damit gewonnen wird, entzieht sich mir. Zudem wissen wir, um ein Beispiel zu nennen, über Trump dermassen viel, dass ein auch nur halbwegs vernunftbegabter Mensch sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, diesen Mann, der nun wirklich nicht alle Tassen im Schrank hat, zu wählen. Nun ja, seine Anhänger, die auch wissen, dass sie es mit einem notorischen Lügner zu tun haben, beeindruckt das nicht im Geringsten.

„Funktionierende Demokratien sind der wirksamste präventive Schutz gegen politische Brandstifter.“ Damit meint der Autor die Gewaltenteilung, eine unabhängige Presse, Trennung von Staat und Religion sowie integre Politiker und engagierte Bürger. Wäre der Mensch halbwegs vernünftig unterwegs, so könnte dies in der Tat funktionieren. Nur eben: Eine Demokratie, die diesen Namen verdient, gibt es nirgendwo, denn im Kapitalismus regiert nicht das Volk, sondern das Geld. Dazu kommt: Das Volk (also die Mehrheit) am Ruder verheisst noch lange nichts Gutes, schliesslich wurden auch Hitler und Trump gewählt.

Zugegeben, es ist interessant und auch anregend, was Rafael Seligmann vorträgt, doch ist es auch hilfreich? Was nützt es mir, zu wissen, dass Napoleon auf das Schicksal seiner Soldaten „schiss“ oder dass Hitler ein besessener Vernichter war? Solches Wissen scheint mir eher davon abzulenken, dass wir nicht wissen (können), warum der Mensch Diktatoren ermöglicht. Die einleitende Bezugnahme auf die Sucht, ist hingegen ein hilfreicher Ansatz, den der Autor bedauerlicherweise jedoch nicht weiter ausführt. Hier nur soviel: Süchtige sind Abhängige, denen Eigenverantwortung fremd ist. Wer von der Sucht genest, übernimmt die Verantwortung für sich und sein Leben. Nur mit eigenverantwortlichen Menschen ist Demokratie möglich und genau deshalb sind wir so weit weg davon. Übrigens: Sucht meint hier nicht einfach Substanzabhängigkeit; Sucht ist vielmehr die Grundlage unseres Konsumwahnsinns, der sich im Nicht-Genug-Kriegen und im Immer-Mehr-Mehr-Mehr manifestiert.

Brandstifter und ihre Mitläufer gehört zu diesen gut geschriebenen und informativen Büchern, die mit ihrem Fokus auf die Politik und die Politiker uns eher einlullen als aufrütteln. Obwohl mir klar ist, dass Buchwerbung dem Verkauf und nicht der Wahrheit dient, habe ich blöderweise den Untertitel Warum sie erfolgreich sind und wie man sie stoppen kann wörtlich genommen, denn natürlich hätte ich wissen müssen, dass ein Historiker und Politologe darauf keine wirkliche Antwort weiss und stattdessen tut, was Historiker und Politologen eben so tun: Der Illusion nachleben, man könne durch das Verstehen der Vergangenheit künftiges Unheil abwenden. Doch warum soll das eine Illusion sein? Weil der Mensch, wenn es um seine Hoffnungen und Wünsche geht, sich schlicht und einfach nicht vernünftig zu verhalten weiss.

Rafael Seligmann
Brandstifter und ihre Mitläufer
Putin – Trump – Netanyahu / Warum sie erfolgreich sind und wie man sie stoppen kann
Herder, Freiburg ° Basel ° Wien 2024

Michael Connelly: Wüstenstern

Detective Renée Ballard kehrt als Leiterin der neuen Einheit Offen-Ungelöst zum LAPD zurück. Und sie überzeugt ihren ehemaligen Kollegen Harry Bosch, ebenfalls mit an Bord zu kommen. Womit sich wieder einmal zu bestätigen ankündigt, dass nur wer den regulären Dienst quittiert hat, die Chance hat, bislang ungeklärte Fall zu lösen. Und so ist es denn auch. Doch wozu eine solche Einheit? Weil die Untersuchungsmethoden, und insbesondere die Laborverfahren, sich im Laufe der Jahre rasant entwickelt haben und mit Erkenntnissen aufwarten können, die vor Jahren noch undenkbar waren.

Wüstenstern ist mein erster Michael Connelly, auf den mich die Lobpreisung von Stephen King aufmerksam gemacht hat („Pure Magie!“). Der Einstieg gelingt gut, auch wenn ich von Magie wenig spüre, doch Wüstenstern liest sich nicht nur angenehm und flüssig, sondern spricht mich auch der Weltsicht von Harry Bosch wegen an. „Für ihn war die Gewalt keineswegs eine Abweichung von der Norm. Es war die Norm.“ Soviel Realismus findet man heutzutage fast nur noch in Krimis.

Bosch ist ein eigensinniger Mann, weder mag er seine Schritte rechtfertigen, noch sie begründen. In seiner aktiven Zeit ist es ihm nicht gelungen, den Mord an der Familie Gallagher vor Gericht zu bringen, obwohl er seiner Meinung nach den Schuldigen kennt. Nur eben: Die Beweise reichen nicht. behauptet das Gesetz, das wie immer auch ganz viel Unsinn behauptet. Als Bosch jetzt die Möglichkeit kriegt, diesem Fall erneut nachzugehen, ergreift er die Chance. Wie Michael Connelly Boschs Voreingenommenheit angeht, ist sehr gelungen.

Doch Bosch ist nicht der einzige Ehrenamtliche im Team, der die Dinge auf seine Art und Weise angehen will; die anderen Teammitglieder sind genauso, was die Leiterin Renée Ballard immer mal wieder in Rage versetzt. Michael Connelly versteht es ausgezeichnet, die ganz unterschiedlichen Charaktere zu schildern, ohne vordergründige Psychologie, dafür mit viel Menschenkenntnis. Und mit Humor. „‚Kein Problem‘, sagte Bosch. ‚Was könnte die Ursache eines solches Krebses sein?‘ ‚Oh, da hätten wir leider gleich das nächste Problem‘, sagte Troy.“

Wüstenstern spielt im Grossraum Los Angeles und so sind auch #Me-Too, Hollywood-Schauspieler mit ihren Geheimnissen sowie die ‚Ich bin unschuldig, weil ich schwul bin‘-Nummer nicht fern. Auch von den Auswirkungen von Covid und der Lockdown erfährt man. Und über politische Machenschaften. Wüstenstern lehrt einen mehr über unsere Zeit als viele soziologische Studien. Kriminalromane sind das heutzutage das einzig verbliebene Feld, auf dem man pragmatische Moralisten antreffen kann.

Zu den offenen und ungelösten Fällen gehören auch zwei Morde an jungen Frauen, die zwar elf Jahre auseinanderliegen, doch miteinander in Verbindung zu stehen scheinen, und denen die Ermittler jetzt nachgehen. Die Spuren, die sie verfolgen, weisen zunächst in eine Richtung, die mehr als nur plausibel wirken, doch die Zwangsläufigkeit, die sich der menschliche Geist vorstellt, erweist sich als falsch. Doch dann bringt sie der Hinweis einer Frau aus dem Labor auf eine neue Fährte.

Zu Boschs Mitarbeitern gehört auch eine Frau, die hellseherische Fähigkeiten hat, sich jedoch nicht als Medium verstanden haben will, sondern als Empathin. Es geht nichts über die politisch-korrekte Wortwahl! Überhaupt macht Wüstenstern einen oft schmunzeln macht. So hat Harry Bosch nicht nur des mangelnden Geldes wegen nie zum Golf gefunden, „er hatte auch Probleme damit, eine Betätigung, die mit Trinken und Rauchen einherging, als Sport zu bezeichnen.“

Es ist weniger diese gut erzählte Geschichte, die mich für diesen Krimi einnimmt, als das Drumherum. „Bosch hörte ein Live-Album von King Curtis aus dem Fillmore West, das wenige Monate vor seiner Ermordung im Jahr 1971 aufgenommen worden war. Bei ‚A Whiter Shade of Pale‘ drehte er die Anlage etwas lauter und dachte an die Musik des Saxophonisten, die wegen seines frühen Todes nicht mehr aufgenommen wurde, weil er vor seiner New Yorker Wohnung von einem Drogenabhängigen erstochen worden war.“

Wie jeder gute Krimi gibt es auch in Wüstenstern eine Beschreibung der Gesellschaft, die erfreulich illusionslos ist. In der heutigen Zeit dreht sich bekanntlich alles um Das-Sich-Verkaufen können, weshalb es denn auch zu den Aufgaben von Detective Renée Ballard gehört, regelmässig potentielle Spender anzurufen und sie um Beiträge für die neue Einheit Offen-Ungelöst anzugehen. Dass heutzutage auch die Polizeiarbeit privat finanziert werden muss, wundert mich nicht. Das Sich-Wundern kann man in einer Welt, in der sich alles auszahlen muss, eh vergessen, denn da geht es immer und so ziemlich ausschliesslich ums Geld.

Fazit: Super! Spannend, clever, kalifornisch.

Michael Connelly
Wüstenstern
Ein Fall für Renée Ballard und Harry Bosch
Kampa, Zürich 2024

Matthias Uhl: GRU

Das vorliegende Werk umfasst 750 Seiten, davon sind über 100 Seiten Anmerkungen, dazu kommen 70 Seiten Personenregister. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine ungeheure Fleissarbeit. Und eine verdienstvolle darüber hinaus, denn der Einfluss von Geheimdiensten, und speziell des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes, ist in der Regel viel zu wenig bekannt. Nur eben: Ein solches Werk zu würdigen, ist mir unmöglich, da ich nicht über den dazu notwendigen Sachverstand verfüge. Möglich sind mir nur gerade einige Impressionen.

„Diesmal fiel dem Maulwurf neben dem Spionagering von Fabiew auch der schweizerische Brigadier und Chef des Bundesamtes für Luftschutztruppen Jean-Louis Jeanmaire zum Opfer. Der Offizier hatte von 1961 bis zu seiner Pensionierung 1975 streng geheime Informationen zur Landesverteidigung der Schweiz an die GRU übergeben. Nach seiner Verhaftung 1976 wurde er ein Jahr später wegen Landesverrats zu achtzehn Jahren Haft verurteilt.“ Kein Wort davon, dass der in der Schweiz zum „Jahrhundertspion“ Gestempelte, schon bald als Opfer des „Jahrhundert-Justizskandal“ galt, denn aus der geheimen Anklageschrift, die in der Folge bei verschiedenen Redaktionen lag, ging hervor, dass Jeanmaire mitnichten ‚Geheimstes‘ (Bundesrat Kurt Furgler) verraten hatte, sondern höchstens Zweit- und Drittrangiges. Jeanmaire selber hat im Übrigen die Vorwürfe stets bestritten.

„Im Geheimdienst ist das Geheimnis das Faszinierende, es ist die Macht, etwas über eine Person zu wissen, was diese Person nicht weiss, nicht ahnt, dass ich es weiss“, sagte einst John Le Carré, der in seinem Buch über den Fall Jeanmaire die Frage aufwirft, ob der „Jahrhundertspion“ nicht nur als kleiner Spion für einen grossen Agenten im Gefängnis sass. Sicher, das ist in diesem umfangreichen Werk höchstens eine Randnotiz, doch sie zeigt auf, dass bei einem solchen Überblick, der zweifellos eine beeindruckende Leistung darstellt, möglicherweise nicht ganz Unwesentliches zwangsläufig auf der Strecke bleibt.

Dass die neutrale Schweiz immer schon ein beliebter Tummelplatz für Spione gewesen ist, dürfte bekannt sein. Matthias Uhl berichtet unter anderem von einem ehemaligen GRU-Residenten in Kanada, der wegen der drohenden Enttarnung einer seiner Quellen nach Moskau zurückbeordert wurde, dort eine umfangreiche Spionageausbildung erhielt und anschliessend als TASS-Korrespondent in die Schweiz geschickt wurde, von wo aus er innert kürzester Zeit ein zwanzigköpfiges Agentennetz in Deutschland aufbaute.

GRU ist in drei Haupt- und zahlreiche Unterkapitel gegliedert. Die Hauptkapitel: Die Organisationsgeschichte der russischen Militäraufklärung; Die Arbeitsgebiete des Dienstes; Tod dem ‚Verräter‘ – Überläufer und Doppelagenten. Dem ehernen Gesetz: „Rede nicht mit dem Gegner!“ wird rücksichtslos Nachachtung verschafft, wobei es den Russen ganz offensichtlich vollkommen egal ist, dass jeder weiss, wer hinter solchen Anschlägen steckt. Die Botschaft soll ankommen, nur darauf kommt es an.

Andererseits gehört es zum Wesen von Geheimdiensten, dass sie im Geheimen operieren. Vieles von dem, was Spione so tun, wird nie oder erst sehr viel später bekannt. „Die Geschichte ist zu Spionen nicht gerecht. Im Gedächtnis der Generationen bleiben nur zu oft die Namen der Agenten, die wenig oder kaum talentiert waren oder die spektakulär aufflogen.“ Matthias Uhl schafft erfreulicherweise Abhilfe.

Auch wenn in Russland ein anderes Gewaltverständnis herrscht als im Westen, der Einsatz tödlicher Gewalt ist keineswegs auf die GRU beschränkt. „… stellt die Anwendung tödlicher Gewalt kein Alleinstellungsmerkmal des Geheimdienstes der russischen Streitkräfte dar- Amerikanische, israelische-saudi-arabische sowie zahlreiche andere Nachrichtendienste setzen gleichfalls auf die physische Beseitigung von wirklichen oder vermeintlichen Gefahrenquellen. Bedauerlicherweise muss an dieser Stelle festgestellt werden, dass geheimdienstliche Tötungen auch im 21. Jahrhundert offenbar ein probates Mittel staatlicher Nachrichtendienste sind und wohl auch bleiben werden.“

Dass es in einem Terrorstaat, der so recht eigentlich wie die Mafia operiert, Geheimdienste gibt, die nur dem Verteidigungsminister und dem Präsidenten Rechenschaft schulden, ist wenig verwunderlich. Stossend ist hingegen, dass es sie auch in sogenannten Demokratien gibt. Wie alles, so lässt sich natürlich auch dies begründen. Soviel zum Wert von Begründungen.

GRU bietet willkommene Aufklärung. Wenn wir künftig die Nachrichten über uns ergehen lassen, wissen wir, dass all das, was es nicht in die Nachrichten schafft, vermutlich das ist, worauf es wirklich ankommt.

Matthias Uhl
GRU
Die unbekannte Geschichte des sowjetisch-russischen Militärgeheimdienstes von 1918 bis heute
wbg Theiss, Freiburg im Breisgau 2024

Neige Sinno: Trauriger Tiger

Mich packt dieses Buch, ich bin sofort drin in dieser Geschichte, in der ein junges Mädchen sexueller Gewalt ausgeliefert wird. Es liegt am Ton, am Rhythmus, der Sprache. Und an der Art und Weise, wie die Autorin, 1977 in der Region Hautes-Alpes in Frankreich geboren und heute im französischen Baskenland lebend, das Thema angeht. „Denn auch mich interessiert im Grunde vor allem das, was im Kopf des Täters vor sich geht. In die Opfer können wir uns alle hineinversetzen, das ist leicht.“

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der mittlerweile vierundvierzigjährigen Frau, die einst dieses Mädchen war, und jetzt versucht, sich in den Täter, ihren Stiefvater, hineinzuversetzen. Sie versucht, ihn so zu sehen, wie ihre Mutter und Bekannte ihn gesehen haben. Und sie beschreibt, wie sie diesen Verehrer von Johnny Hallyday selber erlebte, dessen Musik sie sich stundenlang anhören musste. „Je öfter wir diese Schlager hörten desto scheinheiliger kamen mir die Texte vor. Dieses ganze Theater vom tapferen Mann mit dem reinen Herzen, vom hartgesottenen Burschen mit dem weichen Kern, vom leidenden Macho, diese ganze Symphonie des Selbstmitleids widerte mich an.“

Als ein Mann von hohen moralischen Ansprüchen, schildert sie den Stiefvater. Und als Tyrann, Manipulator, und als einen, der Heldentaten vollbringt, sich ganz in den Dienst einer Sache stellen kann. Ein Doktor Jekyll und Mister Hyde wie aus dem Bilderbuch. Auch mit Nabokovs Lolita setzt sich Neige Sinno, die amerikanische Literatur studierte und lehrte, kenntnisreich auseinander. Nein, das sei keine Liebesgeschichte, denn dafür brauche es zwei, meint sie. „Was mir an dem Roman gefällt und was mich zugleich zutiefst verstört, ist dieses Spiel, in den Kopf von jemandem einzudringen, der absichtlich Böses tut, der weiss, dass er gerade ein anderes Wesen zerstört – und der trotzdem weitermacht.“ Und genau davon handelt auch Trauriger Tiger.

Was Neige Sinno mit diesem Buch vorlegt, ist eine Auseinandersetzung mit dem Leben. Eine solche ist nicht nur von dem geprägt, was einem widerfahren ist, sondern auch von den Überlegungen, die andere sich gemacht haben und auf die eine oder andere Weise die eigene Wahrnehmung formen. Es ist ein hoch reflektierter Text, intensiv, essentiell, grundsätzlich und philosophisch, dabei leicht lesbar.

Wiewohl eine sehr persönliche Geschichte, ein intimes Tagebuch ist Trauriger Tiger nicht. „Hüte dich vor meinen Worten, sie werden immer maskiert daherkommen. Betrachte diesen Text im Ganzen nicht als eine Beichte. Es gibt kein Tagebuch, keine Aufrichtigkeit, auch keine Lüge. Mein ureigener Raum ist nicht in diesen Zeilen, er existiert nur im Innern.“ An anderer Stelle nennt sie es nichtfiktionale Literatur, bei der man auf Wahrscheinlichkeiten pfeifen und so inkohärent sein kann wie das wirkliche Leben.

Sie wiederholt sich (was mich überhaupt nicht stört, im Gegenteil; die Wahrscheinlichkeit, dass es mir so bleibt, ist umso grösser), macht sich darüber auch Gedanken. Etwa zum Begriff eigenartig, den sie oft verwendet, und zwar für „die Mischung aus Perplexität und Unbehagen, die ich gegenüber dieser extremen Form von Gewalt ohne Gewaltanwendung, die einen Missbrauch kennzeichnet, empfinde.“

Trauriger Tiger ist ein sensibles, gescheites Buch; ein Dokument der Aufrichtigkeit und des eigenständigen Denkens. Mein Lieblingssatz, zugegeben, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, charakterisiert die heutige Zeit auf eine ungewöhnliche, überaus treffende Art und Weise. „Wahrscheinlich hat genau diese Atmosphäre, in der das Absurde Gesetz war, den Weg dafür geebnet, dass ich mich von seinen Worten überzeugen liess.“ Sie meint das in Bezug auf die Sexualität; für mich erklärt das genauso die Demagogen.

Das Verhalten des Stiefvaters hat sie viel über das Leben gelehrt; seine Argumentationen mündeten immer in Rechtfertigungen. Das ist zwar bei uns allen so, bedenklich und gefährlich jedoch vor allem bei Machthungrigen jeder Couleur. „Ihnen sind alle Mittel recht. Sie müssen keine für sie günstigen Umstände erfinden, alle Krisen sind willkommen, und wenn es keine gibt, ist es auch gut, alles kann zu ihren Gunsten gedreht und gewendet werden.“

Es geht in diesem Buch um Lüge und Wahrheit, konkret, anhand von Kindsmissbrauch (und weit darüber hinausgehend), nicht als theoretische Konzepte. Und es geht darum, dass Menschen sich so recht eigentlich wirklich alles einreden können, um sich nicht der Wirklichkeit zu stellen. Die Erzählerin dieses Berichts tut das Gegenteil: Sie guckt genau hin, setzt sich mit dem, was geschehen ist, auseinander, stellt sich Fragen, mit denen sich die meisten lieber nicht befassen. „Dieses unvorstellbare Böse, das uns ausmacht, ist das geheime Zentrum unserer Welt.“

Als ihr Stiefvater vor Gericht alles zugibt, stellen ihm Freunde und Bekannte ein gutes Zeugnis aus. Sie begreifen den Missbrauch des Mädchens als Anomalie. Das ist die übliche Sicht derer, die die Realität nicht wahrhaben wollen. Für die Erzählerin ist es gerade andersrum. „Sein Verbrechen macht den Rest seiner Existenz zu einer Abartigkeit, macht es unmöglich, sein Leben durch die Linse der Würde oder irgendeiner moralischen Qualität zu betrachten.“

Trauriger Tiger ist ein tief beeindruckendes Buch von aussergewöhnlicher Luzidität.

Neige Sinno
Trauriger Tiger
dtv, München 2024

Niklas Kolorz: Die letzten Rätsel des Universums

Dass ich zu diesem Buch greife, kostet mich Überwindung, denn dieser Titel zeugt von einem Weltverständnis, das meinem eigenen diametral entgegensteht. Niklas Kolorz, ein auf TikTok und You-Tube erfolgreicher Wissenschaftsjournalist (populär ist in aller Regel, wer mehrheitsfähige Meinungen bedient und die liegen bekanntlich oft falsch), hat das erste Kapitel mit „Vom Ende des Universums“ betitelt. Hier nur soviel: Wer glaubt, dass das Universum einen Anfang und ein Ende habe, legt nur dar, wie er denkt, und nicht, wie etwas ist. So war der römische Dichter und Philosoph Lukrez (vermutlich von 99 v. Chr. bis 55 v. Chr.) der Auffassung, das Universum habe weder Anfang noch Ende, sondern sei schon immer da gewesen.

Wieso also greife ich zu diesem Buch? Weil mich interessiert, wie die Wissenschaft das Unerklärliche erklärt. Und davon ist in diesem flüssig geschriebenen Werk ganz viel zu lesen. Dabei macht Niklas Kolorz auch immer wieder deutlich, dass der gegenwärtige Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis nie etwas anderes ist als genau dies: Der aktuelle Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis.

Geschrieben ist dieses Buch in einem kumpelhaften Stil. Meine Sache ist das nicht, andere werden das anders sehen. Nichtsdestotrotz: Bei aller Flapsigkeit bleibt der Autor stets nachvollziehbar sachlich. „Auch wenn die aktuelle Datenlage nahelegt, dass wir in einem flachen Universum leben, gibt es Forschende, die auf andere Ergebnisse kommen.“

Die Wissenschaft sagt uns, dass das Universum sich ausdehnt, doch wie schnell das geschieht, weiss sie nicht so genau. „Und woraus all die kosmische Materie besteht und wie dicht sie ist, lässt sich auch nicht eindeutig feststellen.“ Das liegt auch daran, dass wir einen Grossteil der Materie, die da draussen existiert, nicht sehen können.

Was sehr für dieses Buch spricht, ist des Autors Fähigkeit, abstrakte Begriffe bildlich zu erklären. Was, zum Beispiel, soll man sich unter dunkler Materie vorstellen? Gemäss aktuellen Schätzungen können wir nur gerade fünf Prozent des Universums erkennen, der Rest ist unsichtbar, also dunkle Materie. Diese Materie wiederum muss eine Masse haben, die alle Galaxien zusammenhält, eine Art kosmischen Klebstoff also.

Was Niklas Kolorz präsentiert und erläutert, sind Erklärungsversuche. Etwa das Beispiel des Schweizer Physikers Fritz Zwicky, der bei der Erforschung der dunklen Materie gerade deswegen wegweisend war, weil er viele Fehler gemacht hatte. „Wer sagt also, dass wir heute nicht ebenfalls Fehler machen, weil wir einfach zu blöd sind, um das Universum zu verstehen.“ Nun ja, möglich ist eben auch, dass wir nicht dazu gemacht sind, die diversen Mysterien zu verstehen – vom Universum bis zum menschlichen Geist.

Gegliedert ist Die letzten Rätsel des Universums in drei Teile. Teil 1 handelt von dem, was wir derzeit vom Kosmos wissen. Teil 2 geht der Frage nach, was denn eigentlich unser Bewusstsein ist und wie KI funktioniert. Teil 3 befasst sich mit zwei Forschungsprojekten, die sich mit der Welt von Morgen beschäftigen.

À propos Bewusstsein: Das ist eines der Rätsel, das nach wie vor ein Rätsel ist. Es gibt einleuchtende Theorien (Theorie des globalen Arbeitsraums; Theorie der integrierten Information), die zwar einiges, aber eben nicht alles erklären. Dies gilt auch für die These, dass unser Bewusstsein eine Illusion sei. Teilweise ja, sagt die Wissenschaft, denn einiges von dem, was wir hören und sehen, wird vom Gehirn halluziniert. Die Frage allerdings, ob ein Hirn eigentlich sich selber verstehen kann, ist zwar noch nicht abschliessend geklärt, doch die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen.

Wissenschaft misst, was gemessen werden kann. Warum etwas passiert oder nicht, ist allerdings oft eine ganz andere Frage. Warum erinnere ich mich häufig an Sachen, an die ich mich wirklich nicht erinnern will? Und an andere nicht, die mir wichtig sind? Keine Ahnung – und rätseln mag ich nicht. Zu den für mich faszinierendsten Erkenntnissen aus diesem Buch gehört übrigens, dass regelmässig Patienten unter Vollnarkose aufwachen. Mit anderen Worten: Die letzten Rätsel des Universums ist nicht zuletzt reich an Beispielen, die zum Staunen einladen.

Fazit: Erhellend, anregend und informativ.

Niklas Kolorz
Die letzten Rätsel des Universums
Dunkle Materie, Schwarze Löcher, Zeitreisen / Wie die Wissenschaft das Unerklärliche erklärt
Droemer, München 2024

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