Mich stört, wie die meisten Medien mit Putin, Trump, Netanyahu etc. umgehen: Sie geben ihnen eine Plattform und versuchen, sie zu erklären. Rafael Seligmann sagt es treffend: „Schrankenlose Zerstörer sind rationalen Argumenten nicht zugänglich.“ Und sie lassen sich auch nicht rational erklären. Wer dies versucht, sagt damit mehr über sein eigenes Denken aus, als über die Objekte dieses Denkens.
Das Zitat, das diesem Buch vorangestellt ist („Das ist die Plage der Zeit, in der Verrückte Blinde führen.“ Shakespeare: König Lear) bringt es auf den Punkt: Der Mensch entspricht dem Bild, das er von sich hat (dass er ein vernünftiges Wesen sei), in keinster Weise. Ja, nicht einmal zivilisiert darf er sich nennen, sonst würde er nicht Psychopathen nachrennen.
Der Autor, geboren 1947 in Tel Aviv, nimmt eingangs auf Dostojewskis Roman „Der Spieler“ Bezug, worin dieser sich mit der Spielsucht auseinandersetzte, von der er viel verstand, denn er war selber ein Spieler. Auch verweist er auf Shakespeares „Richard III.“, der das Gewissen als ein Wort bezeichnet, „das Feiglinge nutzen, erfunden einst, die Mächtigen in Furcht zu halten.“ und er erinnert an Max Frischs *Biedermann und die Brandstifter“, bei dem die Biedermänner „ignorieren, dass der Brandstifter auf ihr Leben scheisst.“
Rafael Seligmann ist Historiker, Politiker und Journalist, und so machen die Ausflüge in die Geschichte unweigerlich einen Grossteil dieses Buches aus. Schade, denn dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt, könnten wir mittlerweile wissen. Andererseits ist es aber eben auch so (und auch darauf weist er hin), dass wir nicht wissen (können), wieso der Mensch ist wie er ist. „Kurz, es ist vergebliche Mühe, die Blackbox psychosozialer Antriebe der Brandstifter bestimmen und eine allgemeine Ursachenformel destillieren zu wollen.“ Gescheiter wäre, sich mit der Psyche der Anhänger auseinanderzusetzen.
Rafael Seligmann setzt sich stattdessen mit Napoleon, Hitler, Putin, Trump und Erdoğan auseinander und macht dabei auch deutlich (auch das tun Historiker), dass das, was wir derzeit erleben, so recht eigentlich nichts Neues ist. Mir scheint dieses Personalisieren ein Grundübel; was damit gewonnen wird, entzieht sich mir. Zudem wissen wir, um ein Beispiel zu nennen, über Trump dermassen viel, dass ein auch nur halbwegs vernunftbegabter Mensch sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, diesen Mann, der nun wirklich nicht alle Tassen im Schrank hat, zu wählen. Nun ja, seine Anhänger, die auch wissen, dass sie es mit einem notorischen Lügner zu tun haben, beeindruckt das nicht im Geringsten.
„Funktionierende Demokratien sind der wirksamste präventive Schutz gegen politische Brandstifter.“ Damit meint der Autor die Gewaltenteilung, eine unabhängige Presse, Trennung von Staat und Religion sowie integre Politiker und engagierte Bürger. Wäre der Mensch halbwegs vernünftig unterwegs, so könnte dies in der Tat funktionieren. Nur eben: Eine Demokratie, die diesen Namen verdient, gibt es nirgendwo, denn im Kapitalismus regiert nicht das Volk, sondern das Geld. Dazu kommt: Das Volk (also die Mehrheit) am Ruder verheisst noch lange nichts Gutes, schliesslich wurden auch Hitler und Trump gewählt.
Zugegeben, es ist interessant und auch anregend, was Rafael Seligmann vorträgt, doch ist es auch hilfreich? Was nützt es mir, zu wissen, dass Napoleon auf das Schicksal seiner Soldaten „schiss“ oder dass Hitler ein besessener Vernichter war? Solches Wissen scheint mir eher davon abzulenken, dass wir nicht wissen (können), warum der Mensch Diktatoren ermöglicht. Die einleitende Bezugnahme auf die Sucht, ist hingegen ein hilfreicher Ansatz, den der Autor bedauerlicherweise jedoch nicht weiter ausführt. Hier nur soviel: Süchtige sind Abhängige, denen Eigenverantwortung fremd ist. Wer von der Sucht genest, übernimmt die Verantwortung für sich und sein Leben. Nur mit eigenverantwortlichen Menschen ist Demokratie möglich und genau deshalb sind wir so weit weg davon. Übrigens: Sucht meint hier nicht einfach Substanzabhängigkeit; Sucht ist vielmehr die Grundlage unseres Konsumwahnsinns, der sich im Nicht-Genug-Kriegen und im Immer-Mehr-Mehr-Mehr manifestiert.
Brandstifter und ihre Mitläufer gehört zu diesen gut geschriebenen und informativen Büchern, die mit ihrem Fokus auf die Politik und die Politiker uns eher einlullen als aufrütteln. Obwohl mir klar ist, dass Buchwerbung dem Verkauf und nicht der Wahrheit dient, habe ich blöderweise den Untertitel Warum sie erfolgreich sind und wie man sie stoppen kann wörtlich genommen, denn natürlich hätte ich wissen müssen, dass ein Historiker und Politologe darauf keine wirkliche Antwort weiss und stattdessen tut, was Historiker und Politologen eben so tun: Der Illusion nachleben, man könne durch das Verstehen der Vergangenheit künftiges Unheil abwenden. Doch warum soll das eine Illusion sein? Weil der Mensch, wenn es um seine Hoffnungen und Wünsche geht, sich schlicht und einfach nicht vernünftig zu verhalten weiss.
Rafael Seligmann
Brandstifter und ihre Mitläufer
Putin – Trump – Netanyahu / Warum sie erfolgreich sind und wie man sie stoppen kann
Herder, Freiburg ° Basel ° Wien 2024




