Mir ist Gilbert Keith Chesterton vor allem als Essayist und seiner Zitate wegen bekannt, von denen ich vor allem dieses schätze: „Warum können Engel fliegen? Weil sie sich leicht nehmen.“ Und dieses: „Jeder Mensch, der sich nur für eine Sache interessiert, ist gefährlich.“ Und … Nein, ich will damit aufhören, es wären zu viele …
Wikipedia weiss unter anderem über ihn: „Chesterton war etwa 1,93 m groß und wog um 134 kg. Sein Bauchumfang war Thema bekannter Anekdoten: So soll er zu seinem Freund George Bernard Shaw gesagt haben: „To look at you, anyone would think there was a famine in England.“ („Wenn man dich ansieht, glaubt man, dass es in England eine Hungersnot gibt“) Shaw gab zurück: „To look at you, anyone would think you caused it.“ („Wenn man dich ansieht, glaubt man, dass du sie verursacht hast“).“
Gilbert Keith Chesterton wurde 1874 in London in eine Familie protestanischen Glaubens geboren, trat 1922 in die römisch-katholische Kirche ein und setzte sich intensiv und höchst eigenständig mit den Paradoxien des Christentums auseinander. In Umriss der Vernunft nimmt er scharf und eloquent sowohl den Kapitalismus als auch den Sozialismus aufs Korn. Gunnar Decker, der unter anderem eine sehr lesenswerte Franz von Assisi Biografie verfasste, beschreibt mit seinem überaus treffenden Nachwort-Titel „Chesterton oder Die Kunst, im Wesentlichen abzuschweifen“ auch sein eigenes Vorgehen und charakterisiert Umriss der Vernunft als „Vision nichtenfremdeter Existenz, die für ihn nur jenseits von Kapitalismus und Kommunismus denkbar ist.“
Mich begeistern Chestertons Abschweifungen, die ihren Ursprung zumeist im genauen Fragen haben. Was bedeutet es, fragt er etwa, wenn man sagt, der Eiffelturm sei gekommen, um zu bleiben? Zuallerest, meint er, sei dies eine ausgeprochen ungenaue Aussage. „Denn fürs Erste ist der Eiffelturm überhaupt nicht gekommen. In keinem Moment wurde der Eiffelturm dabei beobachtet, wie er auf seinen langen Eisenbeinen auf seinem Weg nach Paris die französischen Ebenen durchstakste und die Stadt wie der Riese im herrlichen Albtraum von Rabelais überragte, als er die Glocken von Notre-Dame stehlen wollte.“
Chesterton verfügte nicht nur über einen scharfen, analytischen Verstand, er stellt sich auch Fragen, die sich die meisten aus Bequemlichkeit kaum stellen. Zu einer Überschrift wie „Spanische Jesuiten im Parlament blossgestellt“ fällt ihm ein, dass ein Journalist, der Solches zu Papier bringt, „an einer Reihe von ausserordentlichen Wahnvorstellungen leidet: 1. dass das Parlament eine volksvertretende Versammlung ist; 2. dass Spanien ein verweichlichtes und dekadentes Land ist; 3. dass ein spanischer Jesuit eine Art auf schleichenden Sohlen schleichender Hofkaplan ist, obwohl es gerade ein spanischer Jesuit war, der die gesamte demokratische Theorie unserer Zeit vorweggenommen und sie dem göttlichen Recht der Könige entgegengeschleudert hat.“
Chesterton befürwortet die Dezentralisierung sowie das Privateigentum, kritisiert hingegen die ungleiche Verteilung. Ihm ist es darum zu tun, dass der Einzelne die Macht über das eigene Leben zurückgewinnt. Und das gewährleistet weder der Sozialismus noch der Kapitalismus. „Vor uns liegt nichts als wüste Ödnis der Vereinheitlichung durch Bolschewismus oder das Big Business. Aber es ist denkwürdig, dass manche von uns eine Vernunft gesichtet haben sollen, und sei es bloss ein Traumbild, während der ewig an ein Wachstum ohne Freiheit und einen Fortschritt ohne Hoffnung gekettete Rest weiterstampft.“ Aktueller geht es kaum, genauer ist die Malaise der heutigen Zeit selten beschrieben wollen. Die englische Originalausgabe wurde 1927 veröffentlicht.
Dieser Meister des eigenständigen Denkens, dessen Spezialität darin liegt, verbreitete Gewissheiten abzuklopfen und nach selbstgesetzten Massstäben zu handeln, ist so recht eigentlich ein Revolutionär. „Wir sind revolutionär in dem Sinne, dass eine Revolution eine Umkehr bedeutet: eine mit einer Verlangsamung des Tempos einhergehende Richtungsumkehr.“ Nichts wäre derzeit dringlicher.
Fazit: Ein gescheites, anregendes und unterhaltsames Plädoyer für Eigenverantwortung und gesunden Menschenverstand.
Gilbert K. Chesterton
Umriss der Vernunft
Matthes & Seitz, Berlin 2020




