Peter Gritzmann ist emeritierter Professor für Mathematik und legt mit diesem Buch eine höchst instruktive Schrift vor, die auch immer mal wieder zum Schmunzeln einlädt. „Und vergessen Sie nicht, 90% aller unserer Kinder zeigen bisweilen ungewöhnliches Verhalten, sind also hochbegabt.“
An ganz vielen und ganz unterschiedlichen Beispielen zeigt der Autor auf, dass plausibel und richtig nicht immer dasselbe ist, der Wählerwillen selten so klar ist wie wir gemeinhin annehmen und wir gut daran täten, die dem Wahlsystem zugrunde liegenden Prinzipien zu hinterfragen. So trägt etwa das amerikanische System des „Electoral College“ dazu bei, den Wählerwillen umzukehren, denn nicht der Gewinner der „popular vote“, sondern derjenige des „electoral vote“ gewinnt.
Überaus aufschlussreich sind auch die Ausführungen zum „Brexit“, bei dem weniger als 37.5% der wahlberechtigten Bürger zustimmten. Mehrheit ist Mehrheit? Nicht, wenn man genauer hinschaut. Wesentlich scheint mir: „Es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass die Brexit-Entscheidung komplexe Implikationen hat, die selbst die aufgeklärtesten und informiertesten Bürger kaum überblicken können.“ Mit anderen Worten: Plausibel. Logisch. Falsch geht weit über interessante Gedankenspiele hinaus, ist von grundsätzlicher Bedeutung.
Unter anderen zitiert Professor Gritzmann auch Churchill mit seinem Bonmot: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“ Und warnt dann zu Recht, wovor kaum einmal gewarnt wird: „Das Ergebnis einer Wahl kann durchaus mehr vom Wahlsystem abhängen als von den Mehrheitsverhältnissen.“ Am Rande: Churchill meinte übrigens auch, dass das stärkste Argument gegen die Demokratie eine zehnminütige Unterhaltung mit einem Durchschnittswähler sei.
Wie kann es sein, dass Fachleute auf Grundlage derselben Daten zu vollkommen anderen Schlüssen gelangen? Weil sie ihren Überlegungen unterschiedliche Modell zugrunde legen. Es kommt also darauf an „von welcher Basis aus, aus welchem ‚Interpretationsrahmen‘ wir sie (die Gegebenheiten) bewerten.“ Anders gesagt: Es ist wie immer eine Frage des Kontextes. Und dieser beruht auf Annahmen, und das meint: Er wird konstruiert indem Zuschreibungen vorgenommen werden, die die Daten allein selten hergeben.
„Menschen neigen ständig dazu, Indizien dafür zu suchen, dass ihre vorgefassten Meinungen zutreffen, ob sie nun stimmen oder nicht.“ Dazu kommt, dass wir in aller Regel nur widerstrebend (falls überhaupt) von einmal gefassten Überzeugungen lassen. Man nennt das bias confirmation. Dagegen anzukommen ist schwer, da wir weit weniger offen und flexibel sind als wir gerne annehmen. Professor Gritzmann schlägt diese überaus nützliche Frage vor: „Würde die Welt mehr Sinn ergeben, wenn wir unseren bisherigen Interpretationsrahmen verliessen oder wenigstens abänderten?“
Plausibel. Logisch. Falsch ist reich an erfreulich persönlichen, teils erfundenen, in einfacher, verständlicher Sprache erzählten Geschichten, die das Potential haben, uns wacher und aufmerksamer mit uns und unserer Umgebung auseinanderzusetzen. Niklas Luhmann hat einmal ein Buch mit dem Titel Legitimation durch Verfahren verfasst; Peter Gritzmann macht uns bewusst, dass wir gut beraten sind, uns diese Verfahren genauer anzusehen.
Plausibel. Logisch. Falsch ist ein Buch, das vielfältig nachwirkt. Bei mir sind es vor allem die „klassischen“ Probleme der Wahlverfahren, da ich schon lange intuitiv „weiss“ (ja, klar, die Intuition kann auch täuschen), dass selten die Besten gewinnen (eher die Verkäufer oder die bestens Vernetzten). So ist mir etwa das Wahlverfahren bei den Oscars nicht einmal ansatzweise bekannt. Und sorgt auch deswegen immer mal wieder für Überraschungen. Transparenz ist keine Realität, doch selber denken hilft. Professor Gritzmann zeigt, wie das geht.
Fazit: Instruktiv, amüsant und hilfreich.
Peter Gritzmann
Plausibel. Logisch. Falsch
Auf den Holzwegen des gesunden Menschenverstandes
C.H. Beck, München 2024
