Seit Ines Calics erstem Krimi über die Commissaria Markulin zieht es mich nach Istrien; dieser neue Band, der auch eine Liebeserklärung an Istrien ist, hat dieses Gefühl noch verstärkt.
Ines Calic beschreibt Istrien „als die neue, die noch ursprüngliche Toskana*, wo Italienisch und Kroatisch gleichberechtigte Sprachen sind, obwohl seit der Besatzung durch die italienischen Faschisten ein Schatten über allem liegt, was irgendwie Italienisch ist. Den häufigen, völlig unnötigen Gebrauch verschiedener kroatischer und italienischer Ausdrücke, die dann auch noch übersetzt werden, fand ich allerdings ziemlich bemüht.
Seit ihr Mann in Zagreb Opfer einer Autobombe wurde, arbeitet Commissaria Markulin als Ermittlerin in Pula, wo sie mit ihrem Sohn und ihrem Grossvater zusammen auf dem Gut der Familie wohnt. Wie die Autorin dieses Pula, eine Hafenstadt, beschreibt, etwa die Morgenstimmung im Herbst, lässt einen sich nicht nur mit vor Ort wähnen, man bedauert, dass man es alleine in Gedanken ist.
Der Unternehmer Jakov Tadic wird tot im Meer treibend aufgefunden. Commissaria Markulin und Komesar Baban werden beauftragt, sich des Falles anzunehmen. mit der gebotenen Sorgfalt selbstverständlich, denn der Mann hatte Geld, und auf nichts wird mehr Rücksicht genommen, denn Geld beherrscht bekanntlich die Welt.
In Zagreb treffen sich bei einer Einladung ein Anwalt, ein Bankier und der Justizminister; der Gastgeber informiert sie über einen texanischen Investor, der nächstens erwartet wird. Sehr schön führt Ines Calic hier vor, wie es auf der Welt zugeht: Geld verbündet sich mit Geld, die gegenseitige Unterstützung hat geschäftliche und nicht etwa persönliche Gründe, der finanzielle Profit steht über allem. Der Politik kommt bestenfalls eine untergeordnete Rolle zu; der Justizminister ist, wie Politiker generell, nur gerade das offizielle Feigenblatt.
Was hat der texanische Investor für Interessen? Bei der Pressekonferenz fragt eine gut informierte Journalistin: „Wie können Sie garantieren oder ausschliessen, dass in diesen von einem amerikanischen Geschäftsmann finanzierten Labors keine militärischen Technologien oder Güter entwickelt oder hergestellt werden?“ Commissaria Markulin und Der kalte Sog des Meeres ist ein höchst aktueller Krimi, in dem auch gezeigt wird, wie das Grosskapitel international Schlupflöcher sucht, und Europa sich von den USA abhängig macht.
Wirtschaftlich Erfolgreiche sind von Gier getrieben, die sie oft nicht einmal sich selber zugeben wollen, also bemühen sie sich um den zivilisierten Anschein, machen Einladungen, tun dem einem diesen und dem andern jenen Gefallen, verpflichtet sich die Leute. Commissaria Markulin will sich nicht darauf einlassen; ihr Grossvater, ein ehemaliger Partisanenkämpfer, beschwört sie, sich rauszuhalten, die Finger davon zu lassen. Gleichzeitig sagt er ihr: „Wer sich zum Schaf macht, den fressen die Wölfe.“
Geschichte, Kultur, Architektur, Korruption, Vetternwirtschaft, Geldflüsse aus der EU – die Istrien-Einblicke könnten umfassender nicht sein. Dabei macht Ines Calic deutlich, dass die Menschen durchaus wissen, was vor sich geht – auch ohne die Details zu kennen. Iva Markulin hingegen weiss Konkretes – und sie ist entschlossen, dagegen vorzugehen.
Commissaria Markulin und Der kalte Sog des Meeres handelt auch von Prostitution, Menschenhandel sowie der Medienmanipulation und klärt damit über ganz vieles auf, das die Welt von heute prägt. Die Botschaft könnte eindeutiger nicht sein: Es gilt, sich zu wehren. Übrigens wird nicht nur Istrien, sondern auch Triest sehr einnehmend geschildert.
Fazit: Abwechslungsreich, unterhaltsam, spannend und vielfältig informativ.
Ines Calic
Commissaria Markulin und Der kalte Sog des Meeres
Ein Istrien-Krimi
Rowohlt Polaris, Hamburg 2026

