Um es gleich vorwegzunehmen: Die Denkerin ist ein ungemein differenziertes Werk, das gelegentlich den Eindruck erweckt, man könne das Differenzieren auch übertreiben bzw. ad absurdum führen (eine Akademikerkrankheit). So, wenn man etwa liest: „Sie wollte nicht nur berichten und bezeugen. Sie wollte verstehen.“ Nun ja, das Eine geht irgendwie kaum ohne das Andere. Zudem: Es liegt in der menschlichen Natur, verstehen zu wollen.
Die Autorin Grit Strassenberger, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte, beschreibt Hannah Arendt als eine „Virtuosin der Freundschaft“ (heute würde man sie wohl als talentierte Netzwerkerin bezeichnen), was unter anderem meint, Beziehungen mit Leuten aufrechtzuerhalten, die sich, um es höflich zu sagen, nicht gerade durch Charakterstärke profiliert hatten. Wie bei ihrem einstigen Lehrer und Liebhaber Heidegger, beschränkte sich das Revolutionäre bei Arendt auf ihr Denken.
Die Denkerin ist gut und klar geschrieben und macht auch deutlich (zugegeben, ich spreche von mir), wie weit entfernt das akademische Leben von der Wirklichkeit der allermeisten Menschen ist. So lautete Arendts Dissertationsthema „Vom Liebebegriff bei Augustin“. Grit Strassenberger führt aus: „Sie hielt zwar Augustins Liebeskonzeption für unpolitisch, machte sich aber seine beiden zentralen Grundannahmen zu eigen, wonach der Mensch ein auf andere Menschen angewiesenes und auf sie bezogenes Wesen ist und dass er zum Neuanfang begabt ist, weil er selbst einen Anfang darstellt.“ Eine einigermassen banale Einsicht, wie ich finde.
Die Denkerin ist ein überaus detailreiches Werk, das auch viel von den persönlichen Beziehungen der Menschen um Hannah Arendt herum erzählt. Dabei ist Grit Strassenberger erfreulich konkret, nennt namentlich diejenigen, die moralisch mehr als nur bedenklich und ausschliesslich karriereorientiert durchs Leben gegangen sind. Dass dies überhaupt möglich gewesen ist (und nach wie vor ist), sagt alles Wesentliche über unsere Gesellschaft, die sich eigenartigerweise als Demokratie versteht, dabei jedoch völlig ausser Acht lässt, dass im Kapitalismus das Geld und nicht etwa das Volk regiert.
Während ich in jungen Jahren noch ungebührlich beeindruckt von Universitäten gewesen bin, ist diese Einschätzung mittlerweile einer realistischeren Sichtweise gewichen, zu der auch dieses aufschlussreiche Werk beiträgt, das nicht zuletzt deutlich macht. dass die dort Lehrenden grösstenteils ein Haufen eitler und missgünstiger Zeitgenossen sind, die ihrem eigenen Denken eine Bedeutung beimessen, die gelegentlich ans Lächerliche grenzt. Es sind doch letztlich bloss Gedanken, die kommen und gehen. Und meistens so wie es ihnen gerade passt.
„Für eine Biographie, die immer etwas mehr zu erzählen weiss, als die Porträtierte ….“, schreibt die Autorin einmal, und weist damit auch darauf hin, dass Aussenstehende häufig Dinge wissen bzw. zu Aspekten einer Person Zugang haben, die dieser selbst verschlossen ist. Man denke etwa an die blinden Flecken.
Diese Biographie ist zwar eine beeindruckende Fleissarbeit ist, doch noch beeindruckender ist, dass Grit Strassenberger in dem vielen Material nicht ersoffen ist, sondern daraus eine höchst lesbare Geschichte geschrieben hat, an der mich so recht eigentlich fast nur gestört hat, dass ich ihre Arendt-Verehrung nicht wirklich nachvollziehen konnte. Der positiven Zuschreibungen waren da für mein Dafürhalten etwas arg viele. Von der rebellischen Denkerin zur poetischen Denkerin zu einer der profiliertesten Politiktheoretikerinnen ihrer Zeit. Ich für meinen Teil bin mir nicht sicher, ob die Charakterisierung als „die heutzutage allseits anerkannte und ob ihres Widerspruchsgeistes so hochgelobte Denkerin“ wirklich ein Kompliment ist.
Gefragt habe ich mich: Was ist zum Beispiel so aussergewöhnlich daran, dass sich Frau Arendt „in Mailand zwischen alle ideologischen Stühle“ setzte? Was hilft begriffliche Orientierung und normativer Halt in einer Zeit, „in der die freiheitliche und pluralistische Demokratie weltweit unter Druck gerät, bekämpft und hinterfragt wird“?
Der für mich stärkste Teil dieses Werkes behandelt Eichmann in Jerusalem, dieser Prozessbericht, der Grundsätzliches zur Sprache bringt, eigenständig und unerschrocken. „Mit dem Wechsel von der moral-philosophischen Kategorie des ‚radikal Bösen‘ zu der des ‚banal Bösen‘ bringt Arendt diese Erkenntnis auf den Begriff, und dieser besitzt bei genauerer Betrachtung eine höchst beunruhigende Botschaft und weitaus grössere Sprengkraft als der von der Radikalität des Bösen. Unter der Oberfläche vermeintlicher Normalität liegt die Möglichkeit, dass das Normale zum abgrundtiefen Bösen kippt.“
Die Denkerin ist ausgesprochen informativ, liest sich spannend und ist, obwohl konventionell argumentierend (dass sich etwa Erich Maria Remarque selber als unpolitisch empfand und auch von seinen Zeitgenossen so wahrgenommen wurde, wird von der Autorin nicht kommentiert, was den Schluss nahelegt, dass sie die gängige Unterscheidung von politisch/unpolitisch teilt, die meines Erachtens eine vollkommen künstliche ist), überaus erhellend. Grit Strassenberger weiss höchst virtuos Zusammenhänge aufzuzeigen, die sich weniger kreativ Begabteren wohl kaum erschlossen hätten.
Irritierend konventionell ist dieses Werk jedoch auch hinsichtlich der geschilderten Personen, von denen ausnahmslos alle als aussergewöhnlich gescheit und talentiert geschildert werden. Mit anderen Worten: Hier wird vollkommen unkritisch der Geist zelebriert. Angesichts des Unheils, das gescheite Menschen auf diesem Planeten angerichtet haben und anrichten, ist das befremdend. Nicht zuletzt, und das ist wiederum eine grosse Stärke dieses empfehlenswerten Werkes, weil sich auch sogenannt grosse Geister im Persönlichen nicht im Geringsten von den mässiger Begabten zu unterscheiden scheinen. Auch auf dies macht Grit Strassenberger aufmerksam, die „einen starken Fokus auf die Erinnerungen und Geschichten, die von Freunden, Kollegen und Schülern über Arendt erzählt wurden“ gelegt hat, was diese Biographie von vielen anderen wohltuend abhebt.
Man sollte dieses Buch, und insbesondere den Teil über Eichmann in Jerusalem, auch mit Blick auf die gegenwärtige weltpolitische Lage lesen, wo gerade „die Totalität des moralischen Zusammenbruchs“ sichtbar wird. Was „die Nazis in allen, vor allem auch den höheren Schichten der Gesellschaft ganz Europas verursacht haben“, lässt sich auch heute wieder beobachten.
PS: Ich verstehe zwar den Untertitel ,Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, nicht (ihr Jahrhundert? Die Frau starb mit 69 Jahren), doch die Biographie erzählt auch eindrücklich von der Zeit, in der Hannah Arendt gelebt hat.
Grit Strassenberger
Die Denkerin
Hannah Arendt und ihr Jahrhundert
C.H.Beck, München 2025