Es beginnt mit einer Busfahrt von Sofia nach Thessaloniki. Ob die junge schwangere Frau, deren Mutter offenbar das ungeborene Kind verkauft hat, es schafft, ihrem Schicksal zu entkommen, lässt der Autor, ein Meister der Übergänge, lange in der Schwebe. Der Einstieg in diesen Kriminalroman ist sehr gelungen, Lukas Erler versteht sein Handwerk.
In Frankfurt am Main entgeht die Anwältin Carla Winter knapp zwei Anschlägen auf ihr Leben. Sie landet schwerverletzt im Spital, wo es sie allerdings nicht lange hält. Wer ihr nach dem Leben trachtet, ist nicht sofort klar, doch es gibt Hinweise. Insbesondere eine schwarze Dahlie spielt eine prominente Rolle.
Geschickt verbindet Autor Lukas Erler verschiedene Handlungsstränge, die nach Bulgarien, Griechenland und Deutschland führen. Dabei kommt ganz Unterschiedliches zur Sprache. Von den Lebensbedingungen der Roma in Bulgarien über den Handel mit Neugeborenen zu in Deutschland operierenden tschetschenischen Clans. Überaus lehrreich sind die Ausführungen zur Aphasie und ganz wunderbar die Spitze gegen das nuancenreiche Werbeverbot der Juristen, das eine Sprachtherapeutin so kommentiert, wie das auch jede Nicht-Juristin tun würde. „Eine interessante Überlegung. Mit so etwas müssen sie sich herumschlagen? Auf die Idee wäre ich in hundert Jahren nicht gekommen.“
Gute Kriminalromane machen meist auch auf Verblüffendes aufmerksam, so auch dieser: „Den Nachmittag verbringt Carla mit Papierkram. Akten lesen, Schriftsätze prüfen, ein Plädoyer vorbereiten, alles Tätigkeiten, denen sie normalerweise sehr ungern nachgeht, die aber heute eine bemerkenswert beruhigende Wirkung auf sie haben.“
Winter’s Game bietet neben spannender Unterhaltung, mit vielen guten Dialogen, auch vielfältige Aufklärung über Menschenhandel und illegalen Adoptionen, insbesondere in Südeuropa. „Nach dem Zusammenbruch des Regimes in Albanien 1990 (…) machten sich Hunderttausende Albaner auf den Weg nach Griechenland, und natürlich hatten sie ihre Kinder dabei.“ Was hierzu geschildert wird, entspringt nicht der Fantasie, sondern ist verbürgt, wie der Autor im Nachwort ausführt.
Carla Winter versteht es einen ihrer Peiniger zu identifizieren. Sie beschliesst, sich an ihm zu rächen, bringt sich in Gefahr und wird von ihrer privaten Personenschützerin gerettet. Der Austausch der beiden nach der gelungenen Rettung ist definitiv meine Lieblingsstelle. Fragt die Personenschützerin: „Kann es sein, dass sie völlig irre sind?“ „Kommt drauf an, wen sie fragen.“ „Sie sollten sich einweisen lassen und in der Klapsmühle Bücher schreiben. Zum Thema: ‚Woran man einen guten Plan erkennt.‚“
Dann stellt sich heraus, dass noch jemand anderer hinter ihr her ist …
Abgesehen von sprachlichen Ausrutschern wie „… steigt unter die Dusche und zieht sich an …“ (wohl kaum unter der Dusche) und dem misslungenen Titel (Wieso bloss ein englischer Titel für ein deutsches Buch?) ist dies ein sehr gelungener Kriminalroman. Spannend, witzig und lehrreich.
Lukas Erler
Winter’s Game
Kriminalroman
Tropen Verlag, Stuttgart 2025

