„Der Nobelpreis wäre eine Katastrophe.“

Von Interviews mit Nobelpreisträgern erwarte ich wesentliche Lebenseinsichten – und einige liefert dieser Band dann auch. Die hier versammelten Autoren (Frauen sind selbstverständlich mitgemeint) sind mir dem Namen nach bekannt, auch Bücher habe ich von ihnen gelesen, zuletzt afrikanische Erzählungen von Hemingway, die mich tief beeindruckt haben und auch fast ein Jahr später noch nachhallen.

Der erste, der in diesem Band Befragten ist der 1897 in New Albany, Mississippi geborene William Faulkner. Er vertritt die Ansicht, der Künstler selbst sei unwichtig. So gebe es etwa für Shakespeares Stücke drei Anwärter auf die Urheberschaft. „Nur was er schafft, ist von Bedeutung, denn es gibt seit eh und je nichts Neues zu berichten auf dieser Welt. Shakespeare, Balzac und Homer haben alle über die gleichen Dinge geschrieben, und hätten sie ein- oder zweitausend Jahre länger gelebt, so hätten die Verleger überhaupt keiner anderer Autoren mehr bedurft.“ Bedeutsam, so Faulkner, sei die Persönlichkeit jedes einzelnen Schriftsteller nur für ihn selbst.

Genau denselben Gedanken habe ich einmal von einem japanischen Nobelpreisträger für Physik gehört, der argumentierte, die Person des Entdeckers sei völlig unwichtig, ganz im Gegensatz zum Entdeckten. Was für eine Wohltat in Zeiten, in denen alles „verpersönlicht“ wird.

Hemingway betont während des Gesprächs immer wieder, „das Handwerk des Schreibens nicht durch ein Übermass an Reflexion zu verderben.“ Als der Interviewer George Plimpton ihn mit früheren Antworten konfrontiert, lässt sich Hemingway nicht auf frühere Aussagen festnageln – er relativiert und korrigiert. Auch sind die Fragen gelegentlich recht einfältig. „Wenn Sie nicht schreiben, beobachten Sie also aufmerksam Ihre Umwelt auf der Suche nach geeignetem Material?“ Das ist doch was Schriftsteller eben so tun.

Höchst aufschlussreich sind die Antworten von Garcia Marquez auf die Frage, ob ihn das Aufnahmegerät störe. Er hält den Journalismus für seine wahre Berufung und Hiroshima von John Hersey für eine aussergewöhnliche Reportage, auf die man meines Erachtens nicht genug hinweisen kann.

Garcia Marquez wird ja oft mit dem sogenannten magischen Realismus gleichgesetzt (was auch immer das sein mag). Umso erhellender ist sind diese Ausführungen. „Es amüsiert mich immer wieder, überschwängliches Lob für die Einbildungskraft in meinen Werken zu bekommen, während sich tatsächlich in allen meinen Büchern keine einzige Zeile findet, die ihren Ursprung nicht in der wirklichen Welt hat. Das Problem ist, dass die karibische Realität der kühnsten Phantasie entspricht.“

Doris Lessing erzählt unter anderem davon, dass es ihrem Vater nach seinen Erlebnissen im Ersten Weltkrieg nicht mehr möglich gewesen ist, in England zu leben – zu klein, zu beengt, zu ordentlich ist im das Land vorgekommen.

Natürlich erfährt man in diesem schön gemachten Band noch viel mehr und viel anderes – ich habe hier nur eine paar Beispiele aufgeführt, die mich ganz besonders angesprochen haben. Zudem kommen auch Toni Morrison, Orhan Pamuk, Kazuo Ishiguro und Olga Tokarczuk zu Wort.

Fazit: Erhellend, hilfreich und vielfältig anregend.

„Der Nobelpreis wäre eine Katastrophe.“
Literaturnobelpreisträger*innen im Gespräch
Paris Review Interviews
Kampa Verlag, Zürich 2023

Clarice Lispector: Wofür ich mein Leben gebe

Clarice Lispector, 1929 in der Ukraine geboren, im Nordosten Brasiliens aufgewachsen, hat Jura studiert, als Lehrerin und Journalistin gearbeitet, lebte als Diplomatengattin auch in Bern und starb im Alter von 56 Jahren in Rio de Janeiro.

Ihre Erzählungen haben mich begeistert, Benjamin Mosers Biografie über sie ebenso, doch was es genau ist, das mir ihr Schreiben lieb und teuer macht, weiss ich nicht wirklich, erahne ich nur, irgendwie. Es hat wohl damit zu tun, dass ich sie nicht fassbar finde, sie etwas Leichtes, Luftiges und sehr Eigenes vermittelt. Am ehesten trifft es ihr Satz Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome für mich.

Eine der ersten Kolumnen in diesem Band („Am Rande der Seligkeit“) illustriert das Ungewöhnliche ihrer Gedankengänge treffend. „Wenn man sieht, hat der Akt des Sehens keine Form – das, was man sieht, hat Form. Genauso verhält es sich mit einer Art ‚höherem‘ Denken. Selbst hat es – als Art des Denkens – keine Form. Gerade auf diese Weise denkt das wahre Denken sich selbst, diese Art von Denken erreicht im Akt des Denkens das Ziel …(Zu schlafen bringt uns diesem Denken sehr nahe … Schlafen heisst in gewisser Weise sich entziehen.)“ Das klingt für mich nach Zen – absichtslos.

Schreiben sei ein Sich-Preisgeben, und Schreiben gegen Geld eine Art seine Seele zu verkaufen, notiert sie einigermassen irritiert, doch als eine befreundete Ärztin argumentiert, „in ihrem Beruf gebe sie die ganze Seele, und doch nehme sie dafür Geld, sie müsse ja auch von etwas leben“, ändert das Clarices Perspektive. „Somit verkaufe ich Ihnen mit grösstem Vergnügen einen gewissen Teil meiner Seele – den Teil, der samstags gerne plaudert.“

Clarice Lispector erkundet in diesen Texten das Denken, das Sehen, das Fühlen die Wahrnehmung. Zu ihrem Denken konstatiert sie: „Seit ich bei mir festgestellt habe, wie man tatsächlich denkt, wie ich mir selbst in die Tasche lüge, kam ich dem Denken der anderen nicht mehr trauen.“ Und über Gott und unser Verhältnis zu ihm notiert sie. „Er ist nicht für uns geboren, und wir auch nicht für ihn, wir und Er sind zur selben Zeit.“ Sich selber bezeichnet sie als „Auf der Suche nach dem Ding an sich.“

Es sind philosophische Texte von praktischer Relevanz, die Herausgeber und Übersetzer Luis Ruby hier versammelt hat. Sie orientieren sich oft am Alltäglichen, etwa am In-den-Spiegel-Schauen, das uns darin bestätigt, „dass ich nicht nur in meiner Vorstellung da bin, ich existiere.“ Und sie vermitteln wunderbar hilfreiche Einsichten. „Und ich lernte. Was ich gelernt habe, ist schon vergessen, aber ich bin sicher, dass es auf irgendeine Weise in mir weiterlebt.“

Von Taxifahrern schreibt sie, vom Leben und Sterben („Ah, wie mich das beunruhigt, dass ich nicht bestmöglich leben kann und so am Ende bestmöglich sterben.“); von ihren Hausangestellten, von denen sich eine als Hellseherin entpuppte, was Clarices Schwester mit „Nun ja. Jeder hat das Personal, das er verdient.“ kommentierte; von ihrem Tag der Wut. „Nein, wirklich, die Welt passt mir nicht.“ Und sie erkennt (sehr schön, dass der Text mit dem Titel „Dies irae“ von einem Text, der den Titel „Ja“ trägt, gefolgt wird), dass nicht nur das Leben zu viel von ihr verlangt, sondern auch sie zu viel vom Leben.

Clarice Lispector ist eine Denkerin der nicht traditionellen Art. „Ohne die Wege des Gefühls, zu denen das Denken führt, hätte es schon längst seinen Platz unter den Formen des Zeitvertreibs.“ Denken als ein Spiel also, nicht sinn- bzw. zweckorientiert, sondern als kreative Spielerei. „Wenn ich ein liebevolles Geschenk von jemandem bekommen, den ich nicht mag – wie nennt man das, was ich empfinde?“

Ob sie sich als brasilianische Autorin sehe wurde sie einmal gefragt. „Ich antwortete, zunächst einmal könne eine Frau noch so weiblich sein, sie sei dennoch keine Autorin, sondern ein Autor. Schriftsteller haben kein Geschlecht, oder besser, sie haben deren zwei, in recht unterschiedlicher Dosierung, versteht sich. Davon abgesehen, würde ich mich einfach als Autor betrachten und nicht als typisch brasilianisch.“ Wie wohltuend, wenn die wache Anschauung uns leitet und nicht die von Wunschdenken und Angst informierte Ideologie.

„Für Zeitungen schreiben und Bücher schreiben“ ist eine der Kolumnen überschrieben. Einer der Unterschiede sei, dass man bei einer Zeitung nie den Leser aus dem Augen verlieren darf. Und dann die ganz wunderbare Aufzählung ihrer Warum-Fragen unter dem Titel „Ich bin eine Frage“, von denen mir besonders gefällt: „Warum sind zwei und zwei vier?“.

Schreiben (das Clarice Lispector einmal als eine Form des Scheiterns bezeichnet, ein andermal als Fluch) ist ein Prozess der Bewusstwerdung – dies ist es, was diese Texte ausmacht. Und vor allem: dass dies alles höchst amüsant, überraschend, mit Freude am Spielen und wunderbarer Leichtigkeit präsentiert wird.

PS: Mein Lieblingstext in diesem schönen Band ist übrigens „Schwarze Rehe“, der von einer Begegnung mit Einheimischen in Liberia erzählt, wobei man so nebenbei erfährt, dass in Monrovia vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Sprachen gesprochen werden, was natürlich auch einen Dolmetscher erforderlich macht, der dann einen „langen, langen Satz“ mit She likes you zusammenfasst.

Clarice Lispector
Wofür ich mein Leben gebe
Kolumnen 1946 – 1977
Penguin, München 2023

Tilmann Lahme: Die Manns

Thomas Mann, das ist für mich die „Buddenbrooks“, die Geschichte seiner Familie, die er mit 26Jahren zu Ende gebracht hat und die ich vor nunmehr zwanzig Jahren gebannt verschlungen habe. Auch an anderen Mann-Werken habe ich mich versucht, doch keines hat mich so gefangen genommen wie die „Buddenbrooks“.

Was weder „Der Zauberberg“ noch „Doktor Faustus“ geschafft haben, schafft Tilmann Lahme. Und das ist umso erstaunlicher, als man doch noch vor Kurzem mit den Manns völlig überschwemmt wurde, im Fernsehen, im Feuilleton und vom unermüdlichen Reich-Ranicki.

Natürlich will ich damit nicht sagen, Tilmann Lahme schreibe wie Thomas Mann. Ich sage nur, dass ich mein Hineintauchen in die „Buddenbrooks“ und das in „Die Manns“ ähnlich empfunden habe, bei beiden Werken völlig in den Geschichten aufgegangen bin. Für mich steht bei der Lektüre vor allem meine Leseerfahrung im Vordergrund.

Nicht nur Thomas Mann fühlt sich zum gleichen Geschlecht hingezogen, seine Söhne Klaus und Golo ebenso. Und beide schreiben auch. „Die Manie der Familie (Mann)“, schreibt Golos Freund Pierre Bertaux seinen Eltern, „ist nicht so sehr die des Schreibens wie die des Veröffentlichens.“ Klaus und Erika, überaus von sich eingenommen und den Drogen zugetan, schlagen sich „mit Witz,
Dreistigkeit und Vaters Namen durch die Welt“, Golo arbeitet wenige Wochen in einem Bergwerk, um an der „Befreiung“ der Arbeiter mitzuwirken. „Das einzige Mal, jemals, dass ein Mitglied der Familie Thomas Mann bezahlte körperliche Arbeit übernimmt.“

„Die Manns“ ist spannend erzählt, dabei hoch differenziert und sprachlich ein Genuss. Als 1933 die Nazis an die Macht kommen, Thomas Mann in Arosa seinen „Lebensbau, das bürgerliche Kunstgebäude zur Sicherung seines Schaffens“ bedroht sieht und nicht so recht weiss, ob er zurück nach Deutschland soll, rät Sohn Klaus davon ab. „Katja Manns ‚begabtes Teufelchen‘, der Schulabbrecher, Dandy, Weltreisende, süchtig nach Drogen, Sex und Aufmerksamkeit, von der Mutter geliebt, aber doch nicht recht ernst genommen in seinen Bemühungen sich als Schriftsteller zu etablieren: Er durchschaut die Lage“.

Finanziell darben müssen die Manns im Exil nicht. „Die Ängste um Verarmung und Deklassierung, die Thomas Mann bedrängen, werden stets im ersten Hotel am Platz im Tagebuch notiert.“ Auch fühlen sie sich anderen überlegen, „Gefühl von Genie“, notiert der Vater.

Tilmann Lahme
Die Manns
Geschichte einer Familie
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015

Frank Göhre & Alf Mayer: Cops in the City

Dem vorliegenden Band ist ein Vorwort von Thomas Wörtche beigegeben und so warte ich darauf,
bis das Wort „ästhetisch“ auftaucht und dann stolpere ich auch schon drüber, im zweiten Absatz. Im
Klappentext kommt er gerade noch einmal zu Wort: „Frank Göhres & Alf Mayers
kaleidoskopische, pointillistische, assoziative, nicht strikt diskursive Methodik schlägt immer
wieder helle Erkenntnisfunken aus ihrem Gegenstand.“ Was auch immer das heissen mag – für
meinen Geschmack ist das etwas arg akademisch-hip. Glücklicherweise ist das Buch ganz anders.

Ich weiss, dass ich von Ed McBain einen Band besitze, finde ihn aber nicht mehr, und so gehe ich
diesen Report ganz unbelastet (wenn man vom eher abschreckenden Vorwort absieht – Krimis zu
akademisieren, bedeutet, ihnen den Todesstoss zu geben) an – und bin sofort davon angetan. Da
wird mir erklärt, was ein Polizeiroman und wie McBain zum Schreiben gekommen ist, dass er unter
verschiedenen Namen schrieb – als Hunt Collins über Science-Fiction, als Curt Cannon
Kriminalromane, als Richard Marsten Jugendbücher und Krimis. Dass er eigentlich Salvatore
Lombino hiess, störte ihn nicht, doch für Kriminalromane klang es nun einmal besser, wenn man
einen amerikanischen Namen hatte und so änderte er seinen offiziell in Evan Hunter.

Das Personal wird vorgestellt, das erfundene Polizeirevier ebenso und dass McBain beim Schreiben
wie ein Cop vorgeht. „Ich betrete mit den Cops den Tatort. Und meine Arbeit beginnt. Schritt für
Schritt. Kapitel für Kapitel. Ich arbeite gern auf diese Art. Sie gibt mir die Freiheit, die ich beim
Schreiben brauche. Ausserdem erlebe ich auf diese Weise selbst noch einige Überraschungen.“

Was tun, wenn Kulturen, Weltanschaungen und Machtansprüche miteinander kollidieren? Und das
tun sie ständig – das sieht jeder, der nicht völlig besoffen oder mit verbundenen Augen durch die
Gegend torkelt. Ed McBain lesen. Wegen Sätzen wie diesen: „Manchmal denke ich, dass alle
ethnischen Vorurteile in der Luft verpfuffen würden, wenn jeder ein Instrument erlernen und in
einer riesigen internationalen Band spielen würde. Ich bin nie auch nur einem einzigen Menschen
begegnet, ob nun schwarz oder weiss, für den die Hautfarbe so etwas wie eine Hürde dargestellt
hätte. Und das gilt sogar für Musiker, die aus Gegenden kommen, wo ihnen die Vorurteile von gut
meinenden Eltern quasi mit in die Wiege gelegt werden, um sie auf die harten Überraschungen des
Lebens vorzubereiten.“

Als Evan Hunter arbeitete McBain er auch als Drehbuchschreiber für Hitchcock. Ganz toll geschildert ist,
wie diese Zusammenarbeit vonstatten ging. Dass Hitch schwierig und egozentrisch wusste ich, doch
wie schwierig und egozentrisch er wirklich war, weiss ich erst jetzt.

Frank Göhre & Alf Mayer
Cops in the City
Ed McBain und das 87. Polizeirevier
Ein Report
CulturBooks Verlag, Hamburg 2016

Tony Hillerman: Dunkle Winde

Der 1925 in Oklahoma geborene und 2008 in New Mexico verstorbene Tony Hillerman besuchte acht Jahre lang ein Mädchen-Internat für Native Americans, war ausgesprochen vertraut mit Kultur und Religion der Navajos, studierte Journalismus und arbeitete zuerst als Journalist und dann als Dozent für Journalismus. Er war was man gemeinhin einen ausgewiesenen Kenner der Navajo bezeichnen würde, und trug als solcher viel dazu bei, die indianische Lebens- und Denkweise populär zu machen. Eine Stimme also, die in unseren Zeiten der Verwirrung, wo einige besonders laute Desorientierte fordern, nur ein Indianer dürfe für Indianer sprechen (und Gustave Flaubert sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen müsste, um als Autor von Madame Bovary von diesen Leuten – möglicherweise – akzeptiert zu werden), die nötiger ist denn je.

Ein toter Navajo im Staub der Black Mesa, der nächtliche Absturz eines Kleinflugzeugs vor dem Low Mountain – dies der Auftakt zu Dunkle Winde. Wobei, und es sind solche erhellenden Sätze, weswegen ich hauptsächlich Bücher lese. „Das machte den Reiz des Fliegens aus: die Gefahr, die Herausforderung, die Geschwindigkeit, das Gefühl, steuerndes Hirn einer tadellos funktionierenden Maschine zu sein.“

Das abgestürzte Flugzeug, vermutet das FBI, war mit Drogen aus Mexiko unterwegs; Jim Chee von der Navajo-Police, der sich in der Nähe befunden hatte, wird zum Verdächtigen – einfach, weil er in der Nähe gewesen war, sich zur Absturzstelle begeben hatte und seine Spuren überall zu sehen waren. „Und dann fiel ihm ein, dass mal jemand gesagt hatte, nur ein wenig zu wissen, sei gefährlich – eine Wahrheit, die auf das Spurenlesen vollauf zutraf.“

Anscheinend war der Absturz nicht auf technische Gründe zurückzuführen, sondern auf Sabotage. Die Schwester des Piloten trifft zusammen mit einem Anwalt vor Ort ein, der versucht Jim Chee in seine Dienste zu nehmen.Parallel zu dieser Geschichte wird noch eine zweite erzählt, die von einem Windrad handelt, das ständig sabotiert wird. Oder hängen die beiden Vorkommnisse miteinander zusammen ….?

Dunkle Winde ist nicht nur ein gut erzählter Krimi, sondern macht einen auch mit der Welt der Navajo bekannt bzw. ihrem Glauben an Zauberei und Hexenspuk. Die Details, die Jim Chee über den toten Navajo erfährt, lassen ihm keine Zweifel. „Was man sich über den Hexenspuk auf der Black Mesa erzählte, war mehr als das übliche Geschwätz. Tatsächlich war ein Hexer am Werk.“

Bei der Black Mesa handelt es sich übrigens nicht um eine schwarze Hochebene, sondern um „ein riesiges, nahezu menschenleeres, wild zerklüftetes Gebiet von der Grösse und Kontur Connecticuts.“ Übrigens: Die eindrücklichen Landschafts- und Wetterbeschreibungen machen nicht nur einen wesentlichen Reiz dieses Kriminalromans aus, sondern illustrieren auch sehr schön, dass die Naturgewalten weit mächtiger sind als wir Menschen.

Verletzung von Weiderechten, eine Schlägerei – Jim Chee hat zu tun. Als er einen Mann aufsucht, der des Diebstahls verdächtig ist, aber nur dessen Mutter antrifft, erklärt ihm diese, ihr Sohn könne das nicht gewesen sein, denn er habe Geld gehabt, worauf ihr Chee erklärt, dass bei den Weissen auch Leute stehlen, obwohl sie es gar nicht nötig haben. „Mrs Musket sah ihn ungläubig an. Sie konnte sich das einfach nicht vorstellen.“ Gewisse Kulturen sind schlicht inkompatibel.

Tony Hillerman hat mit diesem Buch auch eine Sozialreportage geschrieben, die unter anderem die Arroganz der Weissen um Umgang mit den Indianern vorführt – wie etwa die Drogenfahnder, die ohne jegliche Beweise Jim Chee nicht nur beschuldigen, ein Drogenhändler zu sein, sondern handgreiflich werden.

Dunkle Winde klärt nicht nur über die nordamerikanischen Indianer und deren Verhältnis zu den Weissen auf, sondern macht auch deutlich, dass es zwischen den einzelnen Stämmen – genau wie bei den Weissen – grosse Differenzen bzw. Feindseligkeiten gibt. „Die tiefe Abneigung zwischen Hopi und Navajo hatte nur zum Teil einen realen Hintergrund, gründete ansonsten aber in uralten Kampflegenden.“ Auch darin sind die Rothäute den Weissen, den Schwarzen, Braunen und Gelben ähnlich.

Ihre Werte hingegen sind andere. So ist den Navajo die Rache unbekannt. „Bei den Navajo galt: Wer Grundregeln des Zusammenlebens verletzte und jemandem Leid zufügte, war ‚ausser Kontrolle‘ geraten. ‚Dunkle Winde‘ waren in ihn gefahren und hatten seinen Gerechtigkeitssinn zerstört. Man ging solchen Leuten aus dem Weg, machte sich Sorgen um sie und freute sich, wenn sie von dem Bösen genasen und zum hozro zurückfanden.“

Fazit: Eine faszinierende Einführung in eine fremde Welt, die dazu einlädt, sich mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen.

Tony Hillerman
Dunkle Winde
Ein Fall für die Navajo-Police
Unionsverlag, Zürich 2023

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