Jardine Libaire / Amanda Eyre Ward: Berauscht vom Leben

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, weshalb jemand mit dem Trinken aufhört; vielleicht sind es auch gar keine Gründe, vielleicht tut man es ganz einfach. Die meisten tun es hingegen nicht, wollen oder können es nicht. Diejenigen, die aufhören, sind in der Regel so sick and tired of being so sick and tired, dass sie ein anderes, ein ganz anderes Leben wollen. Doch was für ein Leben? Die Antworten darauf variieren natürlich. 

Die Autorinnen Jardine Libaire und Amanda Eyre Ward trinken zwar nicht mehr, doch den Spass am Leben wollen sie sich keinesfalls nehmen lassen. Mit Berauscht vom Leben legen sie ein Buch vor, in dem es darum gehen soll, „den Rausch neu zu erfinden und zurückzugewinnen.“ Das klingt in meinen Ohren etwas arg nach: Genau wie bis anhin, nur nüchtern. Kein hilfreicher Ansatz, finde ich. Andererseits: Jeder Ansatz ist hilfreich, sofern er für jemanden funktioniert.

Janine Libaire und Amanda Eyre Ward sind Amerikanerinnen, also positiv unterwegs, manchmal etwas zu positiv für meinen Geschmack, denn Druck auszuüben geht für sie gar nicht. Ich sehe das anders, hätte ohne Druck niemals aufgehört mit dem Trinken. Das sei ein intrinsischer Druck und müsse von extrinsischen Druck unterschieden werden, erläuterte mir einmal ein Suchtmediziner, der offenbar der Meinung war, solche Unterscheidungen seien nicht willkürlich.

Berauscht vom Leben bietet Geschichten an, die vom Gedanken geprägt sind: „Wir wollen leben, wie es uns gefällt – und tatsächlich hat uns das überhaut erst bewogen, nein danke zu Alkohol zu sagen. Scheiss auf den Gruppenzwang.“ Anhand von Ereignissen aus ihrem Leben, zeigen die Autorinnen unterhaltsam auf, was sie beeinflusst hat, und wovon sie sich haben inspirieren lassen. Vom Autor George Saunders hat Amanda gelernt, sich von den Dingen zu verabschieden, die nicht für sie bestimmt waren. Man ist gut beraten, diese Einsicht auf sich wirken zu lassen. Mir selber ist dabei Peter Handke durch den Kopf, der einmal meinte, es sei schon viel wert, wenn er an einem Tag nicht Fernsehen geschaut und kein Geld ausgegeben habe.

Mir gefällt an diesem Buch insbesondere, dass es meine Fantasie anregt, mein Augenmerk auf Dinge und Gedanken richtet, an denen ich oft achtlos vorbeilebe. Den Tod, zum Beispiel. „Um sich sehr lebendig zu fühlen, genügt es, über den Tod nachzudenken.“ Vor ein paar Tagen ist mir frühmorgens der Satz durch den Kopf, Ich könnte heute sterben– und habe mich für einen Moment sehr lebendig gefühlt. Mitten in dem, was man tut, innezuhalten und sich zu sagen, Das hier jetzt ist mein Leben hat auf mich übrigens dieselbe Wirkung.

Berauscht vom Leben ist überaus reich an Anregungen, die Mut machen, seinen eigenen Weg zu gehen. Mit Alkohol im Blut, sind wir fremdgesteuert, nüchtern steht uns die Möglichkeit zu wählen zur Verfügung. Wer das Trinken aufgibt, hat zwei Leben – vorher und nachher. Wobei: Natürlich hat nicht alles mit dem Trinken oder Nicht-Trinken zu tun. So ist der Besuch eines Musikfestivals mit 20 etwas anderes als mit 60, ob zugedröhnt oder nicht.

„Die Freiheit, nicht zu trinken“ ist ein überaus gelungener Untertitel, auch wenn er etwas gänzlich anderes aussagt, als das englische Original „A Hedonist’s Guide to Living a Decadent, Adventurous, Soulful Life – Alcohol Free“, ein Konzept, das meines Erachtens in eine vollkommen falsche Richtung führt, da es impliziert, an den alkoholgetränkten Vorstellungen, die dem Trinken als Grundlage und Rechtfertigung dienten, sei so recht eigentlich nichts falsch.

Mit den Schattenseiten des Alkoholismus beschäftigt sich dieses Buch nicht, stattdessen legt es seinen Fokus auf die Möglichkeiten, die sich einem nicht von Alkohol benebelten Kopf eröffnen – plötzlich geht man wieder neugierig durchs Leben, erlebt Freude an Alltäglichem und tut Dinge, die man sich ohne Alkohol gar nicht hat vorstellen können, etwa ein Feuerwerk betrachten.

Berauscht vom Leben ist ein höchst nützliches Buch. Zu den Empfehlungen, bei denen sich zu verweilen lohnt gehört. „Es lohnt sich zu versuchen, Langeweile auszuhalten.“ Allerdings nicht, jedenfalls für mich nicht, aus dem Grund, den die Autorinnen anführen: „So kommt es zu grossartigen Ideen!“ Sicher, das kann sein, doch wichtiger als diese Ergebnis-Fixierung scheint mir, nicht vor den eigenen Gedanken zu fliehen, sondern ganz einfach wahrzunehmen, was ist – es ist unser Leben. Wir sollten achtsam damit umgehen, siehe auch hier.

Obwoh Berauscht vom Leben ganz viele hilfreiche Gedanken ausführt, vor allem geblieben sind mir tragische Geschichten wie der Brief an das betrunkene Mädchen beim Sonntagsgrillfest, die mich nachhaltig berührt hat. Oder ein trockener Besuch in New York: „Und sie begriff, dass die Anarchie, die sie ausschliesslich spätnachts und immer und immer wieder auf dieselbe Weise gesucht hatte, längst nicht mehr revolutionär, sondern angepasst war.“

Fazit: Eine sympathische, lebensbejahende und stimulierende Lektüre!

Jardine Libaire / Amanda Eyre Ward
Berauscht vom Leben
Die Freiheit, nicht zu trinken
Diogenes, Zürich 2023

James Lee Burke: Verschwinden ist keine Lösung

Dave Robicheaux, von der Polizei in New Iberia, Louisiana, gehört zu denen, die viel spüren und viel nachdenken. Und mit ihren Dämonen kämpfen. „Die einzige Realität ist die, an die du glaubst. Und den Rest schmeiss einfach weg, sage ich.“ Glauben will er unter anderem, „dass das Böse eine erklärbare Ursache hatte, eine, die nichts mit unsichtbaren Kräften oder nicht mal einem kanzerösen Makel der Schöpfung zu tun hatte, und dass selbst die schlimmsten Männer wieder zum Licht finden konnten, welches sie aus ihren Seelen verbannt hatten.“

Es sind existenzielle Fragen, die James Lee Burke in seinen Kriminalromanen abhandelt, nicht theoretisch, sondern praktisch. Das macht nicht nur ihren Reiz aus, das hebt sie auch weit über das Krimi-Genre hinaus. Robicheaux weiss, dass alle Lebensprobleme letztlich auf Angst zurückzuführen sind; seine daraus abgeleitete Lebensphilosophie besteht darin, sich auf die guten Dinge des Lebens zu konzentrieren und die Dinge loszulassen, die er nicht kontrollieren kann.

Die Rahmenhandlung: Zwei rivalisierende Mafia-Familien sowie Bestrebungen den Civil Rights Act abzuschaffen, der die Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Herkunft verbietet; mittendrin Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel, der den gewalttätigen Typen, auf die er andauernd trifft, mit roher Gewalt begegnet. Die beiden Freunde sind alles andere als unsensibel, doch von den heutzutage gängigen Erklärungsmodellen, gemäss denen die Ursachen für jede Art von Verhalten in der Kindheit zu verorten sind, teilen sie nicht. „Er hatte eine miese Kindheit.“ „Genau wie Thomas Edison. Ein Zugschaffner hat ihm gegen den Kopf geschlagen und dabei sein Trommelfell zerstört. Er hat die Glühbirne erfunden, statt Leute umzubringen.“ „Edison hat die Elektrizität für den ersten elektrischen Stuhl geliefert. Er hat es getan, um seinen Konkurrenten aus dem Geschäft zu drängen.“

Verschwinden ist keine Lösung handelt von ganz Vielem: Eine attraktive Gangsterbraut, die Robicheaux zu verführen trachtet; Konkurrenzneid bei der Polizei; Verleugnung, die das Gehirn oft effizienter betäubt als es der Alkohol vermag; die Erinnerungen, die uns prägen; und immer wieder Gewalt, scheinbar aus dem Nichts. Hier wird nicht erklärt, hier wird beschrieben, wobei einem auch klar wird, dass die Vergangenheit nicht vergangen, sondern präsent ist, wie Faulkner meinte, auch in Gestalt des Killers Gideon, einer zeitlos grausamen Figur.

Kennzeichnend für diesen Krimi ist, dass ganz unterschiedliche Welten ineinander übergehen; dass Halluzinationen bequem neben sogenannt Realem stehen; dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Illusionen sind. Dunkle Mächte lassen sich genauso wenig erklären wie das Unsichtbare, das wirkliche Rätsel ist jedoch das Offensichtliche.

Dave Robicheaux und Clete Purcel wollen in Verschwinden ist keine Lösung auch die Mafia-Sprösslinge Johnny und Isolde beschützen. Als sie auf der Suche nach den beiden auch in einer Disco landen, meint Clete: „Fühl ich mich alt“, worauf Dave antwortet: „Wir sind alt.“ Das ersetzt ganze Stapel von Ratgebern übers Jungbleiben im Alter.

Was James Lee Burkes Krimis unter anderem lesenswert machen, sind seine Charakterisierungen. Insbesondere die Hauptfiguren Robicheaux und Purcel werden als überaus komplex geschildert, denen es darum zu tun ist, menschliche Grausamkeit zu bekämpfen. „Das Böse kann Sucht, Gier, Faulheit, unpassendes Sexualverhalten oder einfach nur Fehler beinhalten und all die anderen Begleiterscheinungen der Todsünden, abhängig davon, wer spricht. Grausamkeit ist anders. Sie kennt keine Grenzen und ist uferlos. Oft geschieht sie ohne Motivation. Üblicherweise ist sie teuflisch und betrifft eher Tätergruppen als Individuen.“ Automatisch gehen meine Gedanken zu den Gräueltaten der russischen Truppen in der Ukraine.

Dave Robicheaux ist ein Romantiker, in dem Sinne, in dem viele Romantiker sind. „Ich wollte Brotkrumen neben Seerosenblätter werfen und zusehen, wenn die Brassen und Barsche zur Wasseroberfläche aufstiegen wie wackelnde grüne und goldene Luftsäcke voller Sonnenschein. Ich wünschte mir diese einfachen Dinge und eine Welt ohne Tod, einen Ort, in den keine bösartigen Menschen einbrachen und stahlen.“

Ein anderer Aspekt der Robicheaux-Krimis, ja so recht eigentlich ein Leitthema, ist der Alkohol. „Clete und Johnny setzten sich in zwei Liegestühle. Clete fühlte sich 200 Jahre alt. Er bot Johnny die Flache Champala an. ‚Nein, danke‘, sagte Johnny. ‚Du hältst nicht viel von Alkohol?‘ ‚Nein.‘ „Ist auch besser, wenn man ohne ihn auskommt.‘ ‚Und warum dann Sie nicht?‘ ‚Darüber denke ich nie nach. Das passiert, wenn man den Grossteil seines Lebens an der Flasche hängt. Man denkt nicht darüber nach.’“ Robicheaux hingegen denkt darüber nach. Oft. Und vor allem: Er trinkt keinen Alkohol mehr. Wie viele, die vom Alkohol losgekommen ist, ist er ein no-nonsense Typ, der Fernsehsendungen, in denen die eingeladenen Gäste „über homosexuelle, bisexuelle, transgender, lesbische Kategorien und die Toilettenfrage diskutierten, als gäbe es keine anderen Bezeichnungen für menschliche Wesen und keine anderen wichtigen Themen auf der Welt“, mehr als nur absurd findet.

Dave Robicheaux ist weder Stratege noch Trickser, er fühlt sich der Aufrichtigkeit verpflichtet. „Die meisten Menschen wollen die Wahrheit nicht hören.“ Zu dieser gehören auch Aufklärungen über Alkohol, die wohl den meisten nicht vertraut sind. „Jede Minute im Leben eines Alkoholabhängigen ist ein Würfelspiel: ein Blutgerinnsel im Gehirn, ein Krampf, bei dem er mit Schaum vor dem Mund am Boden liegt, eine Handvoll Beruhigungsmittel, die aus dem Herzen Marmelade macht, ein Erbrechen, bei dem er an seiner eigenen Kotze erstickt.“

Verschwinden ist keine Lösung ist ein gutes Heilmittel gegen den Schwachsinn der von den Massenmedien verbreiteten öffentlichen Meinung. Und darüber hinaus von philosophischer Qualität. „… die grösste Angst in unserer Kultur war schon immer der Verlust. Er dominiert alle anderen Qualen an Unbehagen …“. Das wird sich kaum ändern, genauso wenig wie der Charakter, den Robicheaux treffend auf den Punkt bringt: „Betrüger bleibt Betrüger und Arschloch bleibt Arschloch. Das menschliche Verhalten ist durchschaubar.“

James Lee Burke ist ein ausgezeichneter Menschenkenner. Über einen eigenwilligen Priester schreibt er: „Er erkannte Tugenden in anderen, jedoch nie in sich selber.“ Und über die sogenannt Normalen hält er fest: „Ich fand schon immer, dass Normalität extrem überbewertet wird und nicht mit Tugend verwechselt werden sollte.“ Unsere Handy-Besessenheit kommentiert er so: „Warum, denken Sie, hängen die Menschen an ihren Handys? Weil sie ihren eigenen Gedanken entfliehen wollen.“ Solche Sätze allein lohnen die Dave-Robicheaux-Krimis.

Fazit: Ein engagiertes, berührendes und überzeugendes Plädoyer für Aufrichtigkeit und Anstand sowie eine spannende und faszinierende Reise nach Louisiana, wo ein Menschenmix aus Europa und der Karibik sich niedergelassen hat, und Chaos „eher die Norm“ ist.

James Lee Burke
Verschwinden ist keine Lösung
Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Pendragon Verlag, Bielefeld 2023

Garry Disher: Funkloch

Zwei Auftragskiller, Lovelock und Pym, töten einen verwahrlosten Mann, der eine Drogenküche betrieb, und anschliessend noch einen Spaziergänger, dem sie aufgefallen waren. „Lovelock schnappte sich noch ein Stück Pizza und sagte nachdenklich: ‚Hast du dich schon mal gefragt, was wir da eigentlich machen?‘ Himmel, dachte Pym; er hasste es, wenn Lovelock philosophisch wurde. ‚Nein.’“ Soviel zur Sensibilität von Auftragskillern.

Dann geraten die beiden in ein Buschfeuer, das durch eine Kippe, die Lovelock achtlos weggeworfen hatte, entfacht worden war – und kommen darin um. Inspector Hal Challis, der mit seiner Kollegin Ellen ein Verhältnis hat, muss sich darum, und um noch einiges mehr, kümmern. Das ist routiniert und sehr menschlich erzählt, und auch der Humor kommt nicht zu kurz. „Die grössten Schattenseiten für den jeweils Diensthabenden am Empfang waren nach John Tankards Ansicht Langeweile und der Kontakt mit der Öffentlichkeit.“

Funkloch spielt im ländlichen Australien, auf einer Peninsula voller Weideflächen, wo für die Polizeiarbeit die Regel gilt, „nicht dort zu leben, wo die ‚Kundschaft‘ lebte“, und wo die Polizistin Pam Murphy mit zwei Brüdern geschlagen ist, die beide ihren Doktor gemacht hatten und deswegen glaubten, von absolut Allem etwas zu verstehen. „Vielleicht glaubten sie ja, alles zu wissen, weil sie die meiste Zeit mit Zwanzigjährigen verbrachte, die überhaupt nichts wussten.“ Pam ging es ganz anders. „Hochgestimmt, bedrückt und verwirrt. So fühlte sie sich. Ziellos.“

Man lernt in diesem Buch viel über Polizeiarbeit, anhand derer Garry Disher überzeugend aufzeigt, wie es in der heutigen Welt zu und her geht. So berichtet er von Exhibitionisten und anderen übergriffigen Verhalten, bei denen meist Frauen zu Opfern werden. Und er macht nachvollziehbar, „dass die meisten Opfer erstarrten, vor allem in der Öffentlichkeit. Sie wollten nicht sterben oder verletzt werden. Manche empfanden Scham. Alle wurden von lähmendem Unglauben und Schock übermannt …“l

Funkloch ist unter anderem eine spannende Geschichte darüber, was Drogen anrichten – nicht nur bei den Süchtigen, sondern in Familien und deren Umfeld, ja, der Gesellschaft. Ice heisst die Droge, von der hier die Rede, mir selber ist der Begriff Crystal Meth vertrauter, und macht schnell hochgradig süchtig. Darüber hinaus führt die Abhängigkeit zu Gewalt, Verbrechen, Mord und Totschlag. Senior Sargent Serena Coolidge von der Ice-Einheit der Major Drug Investigation Division mit Sitz in Melbourne erläutert: „In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Verurteilungen bei Verbrechen unter Metamphetamineinfluss um 165 Prozent gestiegen. Bei Verhaftungen wegen Drogen fallen in den meisten Gegenden 90 Prozent auf Ice. Fast die Hälfte aller Fälle von häuslicher Gewalt gehen auf Ice zurück. Todesfälle, bei denen Ice eine Rolle spielt – ob durch Unfälle oder Vorsatz – , haben sich verdreifacht.“

Der Mensch zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass er die Realität nicht wahrhaben will. Abgesehen von denen, die sich berufshalber damit auseinandersetzen müssen – unterbesetzt, unterfinanziert und selten dafür gewürdigt – , verdrängen wir lieber, dass hinter ganz vielen Konflikten – von Kneipenschlägereien, zu Hooliganismus und Verkehrsrowdytum – häufig Drogen stecken.

So recht eigentlich schreibt Garry Disher Gesellschaftsromane, wobei ihm der Kriminalroman, im Gegensatz zu literarischen Genres, die vorzugsweise von dem Schöngeistigen Verpflichteten bedient werden, die Möglichkeit gibt, unverblümt Meinungen zum besten zu geben, die nicht daran gemessen werden, ob sie examens-, sondern lebenstauglich sind. So kanzelt er etwa die Massenmedien ab, die die Empörung einiger Menschen bewirtschaften, scheint aber gleichzeitig der Justiz zu trauen, was ich zwar etwas eigenartig finde, doch der medialen Hysterie-Propaganda nichtsdestotrotz vorziehe.

Garry Disher ist nicht nur ein begabter Geschichtenerzähler, er ist auch ein genauer Beobachter menschlicher Eigenarten und weiss, welche Rolle etwa die Eitelkeit in unserem Leben spielt (und ganz besonders im Leben der gesellschaftlich Arrivierten). So charakterisiert er zum Beispiel ein Anwesen am Strand als „ein grosses, zum Ruhm der Architekten erbautes Haus.“ Doch auch unsere Tendenz, uns die Dinge schön zu reden, nimmt er aufs Korn: „In der schlechten alten Zeit …“.

Funkloch handelt von ganz unterschiedlichen Geschichten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Im Zentrum stehen das Drogengeschäft sowie die Gewalt gegenüber Frauen. Und dann ist da noch die sechsjährige Clover, die Tochter von Drogensüchtigen, die entführt wird … Das alles ist spannend, berührend und mit viel Empathie geschildert. Und überaus unterhaltsam. „Fünf Minuten später stellte er fest, dass er über Staubsauger dasselbe dachte wie über Rasentrimmer: Er bezweifelte, dass die Konstrukteure die Geräte jemals selbst benutzt hatten.“

Wer wissen will, wie es auf der Welt zugeht, sollte Garry Dishers Kriminalromane lesen.

Garry Disher
Funkloch
Kriminalroman
Unionsverlag, Zürich 2023

Sarah Moss: Sommerwasser

Schottland, eine Ferienanlage im Sommer.

Frühmorgens, es regnet. Justine macht sich bereit zum Laufen, wobei ihr vielerlei Alltägliches und Praktisches („Beim Laufen im Regen ist entscheidend, so wenig wie möglich anzuhaben, die Haut ist wasserundurchlässig, es sind die nassen Stoffschichten, wegen denen man friert, von der Reibung gar nicht zu reden.“) durch den Kopf geht. Beim Laufen wird sie ohnmächtig. Sie solle sich nicht überfordern, nicht weit laufen und niemals alleine, wird ihr geraten. „Aber was sollte jemand anders denn machen, wenn ihr Herz stehen bleibt? Was würde es bringen, einen Zeugen zu haben?“

Auch David, ein pensionierter Arzt, sucht die frühmorgendliche Einsamkeit. Er beobachtet Justine beim Laufen („… aber Wandern ist nicht Laufen, dabei ist ja keine Zeit zum Gucken und Hinhören.“). Auch er macht sich vielerlei Gedanken, vor allem darüber, wie seine Frau Mary auf dies und das reagieren würde. Der Eindruck, den mir die beiden hauptsächlich vermitteln: Eine Beziehung ist ein Gefängnis; nie kann man machen, wonach einem ist, ständig hat man Rücksicht zu nehmen, muss man sich verleugnen.

Sehr dicht, sehr differenziert und atmosphärisch stimmig wird dies vorgetragen. Sarah Moss ist eine genaue Beobachterin, deren Protagonisten ständig interpretierend unterwegs sind und sich unablässig Gedanken machen. Das führt zu einem eigenartig beliebigen Nebeneinander wie es wohl vielen, die intellektuell unterwegs sind, bekannt sein dürfte. Auf mich wirkte das einerseits anregend, da es mich oft wie magisch in die Geschichte reinzog, andererseits dann wiederum befremdend. Etwa, dass Milly (in der Geschichte mit dem Titel „Sansibar“) beim Liebesakt mit Josh Gedanken zu dessen Mutter und zur Polyesterfüllung der Bettdecke durch den Kopf gehen – nicht, dass ich das unwahrscheinlich finden würde, doch lohnt es sich wirklich, jeden Gedanken aufzuzeichnen? Vielleicht, wenn einem eine Satire vorschwebt. Anders gesagt: Mich macht Sommerwasser einigermassen ratlos.

Andererseits: „ … Nachdenken nützt nichts, aber sie kann nicht anders, als sich vorzustellen …“. Zugegeben, das ist aus dem Zusammenhang gerissen, doch es fasst eben auch ganz gut zusammen, wie ich die Lektüre dieser Geschichten (es ist kein Roman, auch wenn das Buch so bezeichnet wird, es handelt sich um eine Sammlung von ganz unterschiedlichen Erzählungen, die aufeinander zwar Bezug nehmen, doch nur am Rande) erlebe: Ich tauche gerne ein in diese Bewusstseinsbeschreibung, die natürlich nicht alles beschreibt, was den Protagonisten (Frauen wie Männer) so durch den Kopf geht (das ist nicht möglich, die Gedanken – oder was wir als solche bezeichnen – sind viel zu schnell, als dass wir sie alle erfassen könnten), sondern eine Auswahl darstellt, eine faszinierende notabene.

Es passiert ausschliesslich Alltägliches in diesen Geschichten vom Regen, den die Autorin so gut beschreibt, dass man ihn auf der Haut und in den Kleidern spüren kann. „… Jeans ist furchtbar im Regen, saugt Wasser auf wie nichts Gutes, wer in den Bergen nichts verloren hat, sieht man daran, wer Jeans trägt …“. Wer Lust auf Regen hat, ohne nach draussen gehen zu wollen, lese dieses Buch.

Es sind Beziehungsgeschichten (nicht nur zwischen Erwachsenen, sondern auch von Kindern, die ausgesprochen grausam sein können), die Sarah Moss erzählt. Der ständige Lärm, den dieses Geplapper im Kopf verursacht, wird unterbrochen durch kurze Einschübe, die von Autobahnen im Himmel, Rehkitzen im Wald und Anderem handeln, und dazu beitragen, dass Ruhe einkehrt, man sich erholen kann von dem Beziehungsgedankenlärm.

Sommerwasser (gerade den Sommer mit so viel Wasser zu versehen, ist eine bestechende Idee) bewirkt, dass ich nicht nur den Regen, sondern Wasser überhaupt, intensiver wahrnehme. Insbesondere auch seine vielgestaltigen Auswirkungen. „Feuchte Bäume absorbieren die höheren Frequenzen, Nässe und Holz schlucken die Energie, sodass nur der Bass in den Kopf eindringt und dort das Trommelfell bearbeitet.“

Fazit: Eine originelle und überzeugende Wahrnehmungsschulung.

Sarah Moss
Sommerwasser
Unionsverlag, Zürich 2023

Val McDermid: 1989 – Wahrheit oder Tod

1989 ist das Jahr, in dem die Berliner Mauer fiel. Ich befand mich an diesem Novembertag in Berlin und konnte es zuerst nicht glauben. Dass Val McDermid die Journalistin Allie Burns nach Ostberlin schickt, zollt der Geschichte, aus der wir, wie wir von Hegel wissen, nichts lernen, die Aufmerksamkeit, die sie nicht nur verdient, sondern eben auch nötig hat – so wir uns denn menschlich entwickeln wollen.

Die 1980er waren die Jahre von Lockerbie, der schottischen Kleinstadt, auf die es Trümmerteile der vom libyschen Geheimdienst gesprengten Pan-Am-Maschine regnete. Es waren die Jahre, als die Aids-Diagnose ein Todesurteil bedeutete, und sich im kommunistischen Ostblock Veränderungen anbahnten, von denen diejenigen, die sie vorausahnten, zu profitieren suchten. Auch war es zu dieser Zeit weitaus schwerer, sich als lesbisch zu outen – so war es Allie nicht möglich, ihren Eltern zu vermitteln, dass sie Rona liebte, denn diese weigerten sich schlicht, dies anzuerkennen.

Val McDermid, die damals selber als Journalistin arbeitete, erzählt aus einer journalistischen Perspektive von diesen Jahren. Dabei lernt man nicht nur viel über das journalistische Handwerk, sondern wird auch, am Beispiel des Medienbarons Ace Lockhart, mit den Mechanismen des Mediengeschäfts vertraut gemacht – es ist überaus hilfreich, sich beim täglichen Medienkonsum vor Augen zu führen, dass es dabei weniger um Information als ums Geschäft geht. „Lockhart hatte verkündet, Investigativjournalismus sei eine Verschwendung von Geld – zu viel Zeitaufwand für zu wenig Erfolg.“

Allie versteht sich als investigative Reporterin. Natürlich ist sie auch an einer guten Story interessiert, doch leitend für sie ist, „die Lügen und Verfälschungen aufzudecken und nicht, sie noch schlimmer zu machen.“ Die Medienrealität stellt sich jedoch oft ganz anders dar. Und auch dieser wird in 1989 – Wahrheit oder Tod Raum gegeben. So bezeichnet ein Arzt zur Zeit als Aids schwer zu bändigende Angst auslöste, Journalisten als „Experten in Sachen Feindseligkeit. Ihr seid diejenigen, die unsere Einrichtung ein ‚Pesthaus‘ genannt haben. Ihr sei diejenigen, die hier die Strasse entlanggezogen sind, um die Anwohner zu fragen, wie sie es finden, dass Drogenabhängige und männliche Prostituierte das Virus in ihrem Viertel verbreiten.“

Als Reporterin zu arbeiten, das macht 1989 – Wahrheit oder Tod auch klar, ist alles andere als einfach. So kriegt es Allie unter anderem mit einem gewalttätigen Wrestler zu tun, der auf die losgeht, wobei sich der sie begleitende Fotograf als Feigling erweist und die Flucht ergreift. Doch sie muss nicht nur an der Front kämpfen, sondern auch mit ihrem vorgesetzten Redakteur, der noch anderen Vorgaben verpflichtet ist als der journalistischen Integrität.

Val McDermid ist eine Autorin, die Lokalkolorit zu vermitteln weiss, eine gute Antenne für gesellschaftliche Stimmungen hat und einen, unter anderem, über Manchester und Glasgow aufklärt, zwei Städte, die von der Politik wirtschaftlich ruiniert wurden, jedoch den Vorteil hatten, dass man schnell auf dem Land war. Ganz im Gegensatz zu London, das Allie zwar gerne besuchte, doch wo sie keinesfalls leben wollte. „London mit seiner schieren Grösse, seinem Dreck und seinem permanent brummenden Verkehr konnte man nicht so leicht hinter sich lassen.“

Auch über Vilnius, Prag und Ostberlin erfährt man einiges, wobei sich einem wieder einmal erschliesst, was Staatsterrorismus bedeutet: In der damaligen DDR war rund ein Viertel der Bevölkerung in die staatliche Überwachung involviert.

Anhand der dubiosen Praktiken von Pharmafirmen sowie der schillernden Figur des betrügerischen Medienmoguls Lockhart, der Züge des einstigen Medienbarons Robert Maxwell aufweist, lässt Val McDermid eine Zeit wiederaufleben, von der sich mit William Faulkner sagen lässt: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

So ist etwa der Nachrichtenjournalismus nach wie vor derselbe. „Das ist nicht mal ‚eine dämliche Sache nach der anderen‘, sondern es ist dieselbe dämliche Sache, immer und wieder. Variationen des immer gleichen Themas.“ Auch das Rezept, mit dem man Erfolg hat, hat sich nicht geändert. „Er verdankte einen grossen Teil seines Erfolgs den zahlreichen Gefälligkeiten, die er Einzelnen erwiesen hatte.“ Selbst die sowjetische Propaganda ist noch dieselbe. „Allie hatte von der verkehrten Logik der Sowjetwelt gehört. Aber nie hätte sie gedacht, sie könnte sich in dem verdrehten Denken verfangen, das hinter solchen Behauptungen steckte. Die Wahrheit wurde auf den Kopf gestellt und dann so geschickt manipuliert, dass sie sich einpasste in das Narrativ von der edlen Brillanz, die von den bösen Kapitalisten unterminiert wurde.“

Kriminalromanen eignet naturgemäss Eskapistisches, doch gleichzeitig sind sie auch Vehikel, die das Potential haben, Zeitgeschichte emotionaler nachvollziehbar zu machen als dies der moderne Journalismus vermag, der zu oft nichts anderes mehr ist, als der Versuch, es allen Recht zu machen – aus wirtschaftlichen Gründen. Krimiautorin Val McDermid ist eine höchst talentierte Aufklärerin, die sich nicht zuletzt dadurch von anderen abhebt, dass sie 1989 – Wahrheit oder Tod ihre vierzig Lieblingssongs aus dieser Zeit beifügt.

Fazit: Eine aufschlussreiche und sehr gelungene Mischung aus Eskapismus, investigativem Journalismus und Zeitgeschichte.

Val McDermid
1989 – Wahrheit oder Tod
Ein Fall für Journalistin Allie Burns
Knaur Taschenbuch, München Juli 2023

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte