
Am Wegrand, Sargans, am 19. Mai 2023
Hans Durrers Buchbesprechungen

Am Wegrand, Sargans, am 19. Mai 2023
November 1941, Hawaii. Ein junger weisser Mann wird übelst zugerichtet an einem Fleischerhaken aufgehängt gefunden. Dem jungen Detective Joe McGrady, mit einem dieser typisch nordamerikanischen Kinn-Gesichter („McGrady hatte eines dieser Gesichter. Kantig und irgendwie unfertig, als wäre der Meissel seines Bildhauers am zu harten Stein zerbrochen.“), wird aufgetragen, sich des Falles anzunehmen. Auf dem Rückweg vom Tatort wird er angegriffen, er erschiesst den Mann. Zusammen mit einem Kollegen findet er eine weitere Leiche, eine Orientalin. Ein brutaler Auftakt in brutalen Zeiten, als in Nordamerika der Rassismus gegenüber Asiaten in voller Blüte stand.
Ich bin sofort drin, in diesem Thriller, glaube die geschilderten Orte und Personen nicht nur zu sehen, sondern auch zu riechen. Mir sind Hawaii, Manila, Hongkong und Tokio nicht unbekannt, vielleicht hat es auch damit zu tun, doch letztlich ist mir schleierhaft, wie der Autor dieses Gefühl, ich sei vor Ort und mit dabei, auszulösen versteht; es ist irgendwie magisch.
Eindrücklich ist auch, wie er die damaligen Flugreisen schildert, die mit den heutigen, wo viele das Flugzeug schon fast wie den Bus nehmen, nicht vergleichbar sind und an Abenteuer gemahnen, allerdings nicht in jeder Hinsicht. „Er sass weder für sich allein, noch hatte er einen Schlafplatz. Stattdessen verbrachte er fünf Stunden auf einem Fensterplatz mit Aussicht auf den Ozean.“
Thriller dienen ja auch dazu, ihren Autoren die Möglichkeit zu geben, ihren Frust über die Welt loszuwerden. Vorgesetzte werden zumeist als miesepetrig und überfordert dargestellt. So auch McGradys Chef Beamer. „Beamer neigte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. Vielleicht besass McGrady irgendwo zwischen seinen Ohren tatsächlich ein Gehirn. Hätte Beamer selbst eins gehabt, wäre ihm das schon vor sechs Monaten aufgefallen.“
Da ihr Chef (wie alle Chefs weltweit) vor allem damit beschäftigt ist, seinen Freunden zu Gefallen zu sein, beschliessen Detective Joe McGrady und sein Partner Fred Ball fortan die Dinge selber an die Hand zu nehmen.
Der ermordete junge Mann entpuppt sich als Neffe von Admiral Kimmel, der McGrady vertraut. Es gehört zu den Stärken dieses Thrillers, dass er überzeugend Beziehungsgefühle, also Zu- und Abneigungen wie auch Gleichgültigkeit, zu vermitteln weiss. „Es war verblüffend, welche Kleinigkeiten die Zeit überdauern konnten, während anderes sich einfach in Luft auflöste.“
McGrady wird nach Hongkong geschickt, das kurz darauf von den Japanern eingenommen wird. Zusammen mit anderen Gefangenen wird er nach Japan überstellt, wo ihn ein japanischer Regierungsangestellter bei sich aufnimmt – seine Nichte ist die auf Hawaii ermordete junge Orientalin.
Autor James Kestrel schildert diese Ereignisse plausibel; spannend ist aucht, wie er das Geschehen in die damalige politische Lage einbindet – der japanische Angriff auf Pearl Harbor. Die amerikanische Bombardierung Japans. „Kein Bombenregen, sondern ein Wolkenbruch. Sie fielen in so dichtem Abstand, dass eine Explosion begann, während die vorherige noch zu hören war. Ein fortwährendes, immer lauter werdendes Donnern (…) Dreihundertvierunddreissig Besatzungen. Dreihundertvierunddreissig Flugzeuge. Zusammengenommen waren sie mit gut anderthalb Millionen Kilo Napalm beladen.“
Fünf Winter handelt auch von der Liebe, von Loyalität und gründet auf einer Philosophie, die Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden weiss. „Es gab so vieles, was er ihr sagen wollte. Aber er fing mit dem Wichtigsten an. Sie wussten dass man mit den Grundprinzipien begann. Dass man ein Fundament schuf, auf dem man dann etwas Beständiges aufbaute.“
Fazit: Eine packende, heftige und bewegende Zeitreise. Fünf Winter vermittelt eine einzigartige Präsenz des Geschehens – man fühlt sich in die 1940er Jahre zurück transportiert, glaubt sich vor Ort und mit dabei.
James Kestrel
Fünf Winter
Suhrkamp, Berlin 2023

Sargans, am 13. Mai 2023
Mit 365 Freud-Zitaten durchs Jahr, kommentiert von 280 Autoren, Frauen und Männern, die jeweils ihre eigene Lesart vorstellen. Dieses Werk beginnt mit dem ersten Satz von Freuds erster wissenschaftlicher Arbeit, die von den Geschlechtsteilen des Aals handelt, und deren Schussfolgerung von Herausgeber Kai Rugenstein als eigentliche Tugend des späteren Sexualforschers Freud bezeichnet wird: „Das Rätselhafte, Unauffindbare und Unverständliche auszuhalten und nicht durch vermeintlich sichere Gewissheiten zum Verschwinden zu bringen.“
Ein höchst gelungener Einstieg, der kurz darauf von ebenso ansprechenden Ausführungen von Eva Illouz fortgeführt wird, die sich zu Freuds Auffassung, dass das Leben ohne Linderungsmittel nur schwer zu ertragen sei, äussert und meint, dass er über die Ideologie der positiven Psychologie und der positiven Emotionen entsetzt gewesen wäre. „Er verortete das Problem des Leidens in unseren Seelen, wusste aber zugleich, dass das Leben, also die objektive Welt, stets zur Stelle ist, um uns zu enttäuschen, zu betrügen und zu verletzen (…) Freud tröstete nicht. Er forderte einen erbitterten Kampf gegen unsere Dämonen und Selbsttäuschungen.“
Für jemanden wie mich, der mit Freud nur ganz oberflächlich bekannt ist, ist zugleich verblüffend und bereichernd, wie lebenswesentlich seine Einsichten sind. Etwa über das Unbewusste: „Das Unbewusste ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Aussenwelt, und uns durch die Daten des Bewusstseins ebenso unvollständig gegeben wie die Aussenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane.“ Ach, wie wünschte man sich doch, solche nüchterne Bescheidenheit wäre den zumeist von Wunschdenken und monetären Interessen geprägten modernen Therapeuten geläufig.
Ganz unterschiedliche Autoren kommentieren eine beeindruckende Breite von Themen. Besonders erwärmte ich mich für die Ausführungen von Nuar Alsadir zur freien Assoziation, Marina D’Angelos „Reise als ungekrönter König“, worin sie auch Freuds Phantasie erwähnt, „sich der Ausgrabungstätigkeit und der Archäologie zu widmen“ sowie die Selbstauskunft Michael Krügers anhand von Freuds Bekenntnis „Der Hauptpatient, der mich beschäftigt, bin ich selbst.“
Es versteht sich: Über jemand anderen zu schreiben, bedeutet auch immer über sich selbst Auskunft zu gehen. Wie könnte es auch anders sein? Schliesslich kennt man nur sich selbst – und überdies höchst unzureichend. Wenn also Peter von Matt Freuds Bemerkung über den Krieg („unser Triebleben in seiner Nacktheit“) als schwierig begreift, beschreibt er damit eher sein Verhältnis zu diesem Satz und weniger den Satz, der überhaut nicht schwierig ist, sondern ausgesprochen deutlich benennt, was der Krieg blosstellt. Svenja Flasspöhler äussert sich dagegen erfrischend deutlich: „Der Krieg gibt diesen Bedürfnissen (‚die elementarer Natur, bei allen Menschen gleichartig sind‘) Raum – und zwar in ihrer ganzen, nackten Brutalität.“
Obwohl viele Zitate in diesem Buch so recht eigentlich keiner Kommentierung bedürfen – etwa: „Die Absicht, dass der Mensch ‚glücklich‘ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht vorgesehen.“; oder: „Das Gehörthaben und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psychologischen Natur ganz verschiedene Dinge, auch wenn sie den nämlichen Inhalt haben.“ – , liest man die Überlegungen dazu trotzdem mit Gewinn. So antwortet zum Beispiel Nikolas Heim auf die Frage, wie emotionale Einsicht zu erlangen sei. „Indem der Therapeut sich anders verhält als der Patient es unbewusst erwartet, wird so ein Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten bzw, eine emotional-korrigierende Erfahrung ermöglicht.“
365 x Freud bietet viel Erhellendes. So befindet etwa Otto F. Kernberg unter Bezugnahme auf Freuds ‚Unbehagen in der Kultur‘: „Unsere Wertsysteme sind eine schwache Verteidigung gegen die menschliche Aggression.“ Und Olivia Laing, die sich mit ‚Homo hominis lupus‘ auseinandersetzt, führt aus, dass es Freud nicht gegeben war. „sich die vorgefundene Realität irgendwie zu versüssen.“ Und Jonathan Franzen weist darauf hin, dass Freud gezeigt hat, „dass es für die ‚conditio humana‘ kein Heilmittel gibt.“ Zu dieser gehört übrigens, „dass wir grundsätzlich weniger wissen als wir zu wissen glauben.“
365 x Freud ist auch ein ernüchterndes Werk – und Ernüchterung befreit. So riet uns Freud, laut Joel Whitebook, „unsere grundsätzliche Bedeutungslosigkeit zu akzeptieren, unseren Wunsch nach Trost aufzugeben und uns der Ananke hinzugeben, der harten Realität. Mehr noch: Er verbindet mit alldem auch die kontraintuitive Behauptung, dass die Übernahme dieser trostlosen Perspektive nicht nur emanzipatorisch sei, sondern auch dem Wohlergehen der Menschen diene.“
Fazit: Anregend, aufschlussreich und wesentlich.
Tobias Nolte / Kai Rugenstein (Hrsg.)
365 x Freud
Ein Lesebuch für jeden Tag
Klett-Cotta, Stuttgart 2022

Sargans, am 13. Mai 2023
Ein ungemein packender Einstieg, ein rasanter Erzählstil voller Witz, der sich auch so toller Ausdrücke bedient wie „Armleuchter“, und Schilderungen enthält, die mich laut heraus lachen lassen. „Sein Blick war fest auf die Cops gerichtet, seine Stirn so stark gerunzelt, dass es aussah, als befände er sich im Anfangsstadiums eines Schlaganfalls. Er sagte kein Wort, während er auf sie zukam, als ob er bereits den Rat seines Anwalts befolgte.“
Eden, die Tochter der alleinerziehenden Aussenseiterin Danielle Perry, ist tot. Die Hauptverdächtigen sind drei Teenager, die in jener Nacht zusammen mit ihr gefeiert haben. Die Polizei nimmt Ermittlungen auf; die Eltern der drei Teenies tun, was Eltern eben so tun – sie stellen sich vor ihre Kinder. Und schützen sich damit auch selber, denn sie auch sie haben einiges zu verbergen.
Ein Mord in Emerson, einem reichen Vorort in Neuengland, ist zwar aussergewöhnlich, doch die Gerüchte und die Spekulationen auf Twitter ist so in etwa das, was heutzutage wohl überall auf der Welt gängig ist. „Das rief einem in Erinnerung, dass auch sie hier trotz Alarmanlagen, der Bewaffnung und der Polizeikräfte, die besser ausgerüstet waren als die Armeen so mancher Drittweltländer, verwundbar waren.“
Wie Autor Stephen Amidon, in Chicago geboren, viele Jahre als Journalist in London tätig, heute zwischen Massachusetts und Turin pendelnd, diese Eltern, ihr Verhältnis zueinander und zu ihren Kindern schildert, ist ungemein fesselnd und macht überzeugend deutlich, dass nichts so ist, wie es scheint, und nichts so sein darf, wie es ist. Dazu kommt, dass dieser Kriminalroman mit überaus witzigen Charakterisierungen gespickt ist. „Er klang nicht besorgt, doch das tat er ja nie. Oliver war der Typ Mann, dessen Herz in einer Krise eher noch langsamer schlug.“
Überaus gekonnt wird hier geschildert, was für eine schwierige, vertrackte, ja so recht eigentlich unlösbare Aufgabe die Erziehung von Jugendlichen ist. Was ist zumutbar, was die richtige Strategie, was ein gesundes Mass? Es spricht auch für diesen Roman, dass er nicht mit einfachen Antworten aufwartet, sondern die Prozesse so komplex und verwickelt schildert wie sie nun mal sind.
So spannend Das Ende von Eden erzählt wird, es ist weit mehr als ein Kriminalroman. Ja, so recht eigentlich ist es ein Porträt der Alltagsschwierigkeiten von materiell gut gestellten Leuten, ihren Kompromissen und Lügen, ihrer Heimlichtuerei, die sich als Rücksichtnahme maskiert, ihrer tendenziell unzufriedenen Doppelleben. Apropos materiell gut gestellt: hervorragend, wie der Autor, nachdem einer der Protagonisten gerade, ohne zu bezahlen. den Supermarkt verlässt, unsere gesellschaftlichen Zuschreibungen ad absurdum führt. „Unvorstellbar, dass er einen Ladendiebstahl begehen könnte. Er war ein weisser Mann mit einem Hundertdollarhaarschnitt und einem italienischen Zweitausenddollaranzug, der mit erhobenem Kinn und durchgedrücktem Rückgrat dahinschritt. Leute wie er begingen keinen Ladendiebstahl.“
Und auch dies zeigt Das Ende von Eden differenziert und eindringlich auf: Dass Menschen, die es zu Ansehen und Wohlstand gebracht haben, nie etwas einfach so tun, sondern immer etwas dafür haben wollen. Als ein Klient sich bei seinem Anwalt für das Handy bedankt, das ihm dieser zur Verfügung stellt, erwidert dieser: „Danken Sie mir nicht zu sehr. Es wird auf Ihrer Rechnung stehen.“ Und auch die Justiz, diese theatralische Inszenierung von Gerechtigkeit, kriegt ihr Fett ab. Als der vermeintliche Mörder ihrer Tochter angeklagt wird, denkt die Mutter: „…trotz der Schmierentheateratmosphäre besänftigte diese Vorstellung ihre Zweifel. Es war eine Show, aber eine professionelle, gut finanziert und reibungslos im Ablauf, für ihr Kind inszeniert.“
Einer der Protagonisten ist Alkoholiker. „Eine von Gabis Therapeutinnen hatte einmal gesagt, dass alle Süchtigen am Ende zu der gleichen Person wurden, egal wie ihre Vorgeschichte war.“ Besser kann man die Vorstellung, Alkohol würde die wahre Persönlichkeit hervorbringen, kaum kontern. Und auch wenn man nicht viel von Therapeuten hält, so sind sie zumeist, „gute Leute, besonders verglichen mit den Scharen von eklatanten Arschlöchern, die in diesem Land unterwegs waren.“
Stephen Amidon ist mit Das Ende von Eden eine spannungsgeladene Geschichte darüber gelungen, was der Selbsterhaltungstrieb, der sich nicht um Moral kümmert, mit den Menschen alles macht, Dass dabei auch eine überzeugende Charakterstudie sogenannt guter Kreise herausgekommen ist, macht dieses Buch zu einem eigentlichen Meisterwerk.
Stephen Amidon
Das Ende von Eden
Droemer, München 2023

Sargans, am 13. Mai 2023
Tanja Maljartschuk, 1983 in der Ukraine geboren, 2011 nach Wien emigriert, „ist inzwischen neben einer der wichtigsten ukrainischen Autorinnen auch zur bedeutenden Schriftstellerin deutscher Sprache geworden. Sie wurde u.a. mit dem Bachmann-Preis 2018 und dem Usedomer Literaturpreis 2022 für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet.“ Ich nehme das einigermassen verwundert zur Kenntnis. Einerseits, weil diese Zuschreibungen im Superlativ für mich nichts weiter als (nicht nachvollziehbare) Behauptungen sind; andererseits, weil eine Frau mit gerade einmal 39 Jahren einen Literaturpreis für ihr Gesamtwerk erhält. Schon ziemlich abgehoben, diese literarische Welt.
Der erste Essay, 2020 im Radio Ö1 des ORF gesendet, heisst „Erinnerungen an das Sinnliche“ und beginnt so: „Deine Heimat ist dort, wo deine Toten liegen. Ein schöner Satz, leider nicht von mir. Ich würde sagen: Deine Heimat ist dort, woher deine Traumata stammen.“ Etwas melodramatisch, finde ich. Ich selber kann mit Traumata nicht dienen, habe ich also keine Heimat? Für jemanden wie mich, der ausser Büchern von Andrej Kurkow kaum etwas über die Ukraine weiss, ist dies ein aufschlussreicher Text, der mich staunen macht, unter anderem darüber, dass sich in der Ukraine die grösste psychiatrische Klinik Europas, genannt Pawliwka, befindet.
Zum Schmunzeln einladend dann der Einstieg in den zweiten Essay aus dem Jahre 2014: „Man sagt, der Mensch kann nur das verstehen, was er selbst erlebt hat. Das glaube ich gern. Ich verstehe sehr viel nicht, denn ich habe in meinem Leben noch zu wenig erlebt.“ Dann berichtet sie von ihren Panikattacken und man weiss, dass sie Aspekte des Lebens kennengelernt hat, von denen viele verschont bleiben.
Wiktor Janukowytsch war bereits ein Jahr Präsident, als Tanja Maljartschuk mit ihrem Mann, einem Österreicher, nach Wien auswanderte. Janukowitschs Wahl wühlte sie auf. „Das Verbrechertum hatte seinen Präsidenten bekommen und Legitimität erlangt, der russische Knastgesang wurde zur neuen ukrainischen Hymne (…) Das ‚Ukrainische‘ starb, und das spürte nicht nur ich.“ Ihre bewegende, subjektive Sicht des Landes (dass sie nicht die einzige ist, die die Dinge so sieht, versteht sich von selbst) macht es möglich, sich die dortige Realität nicht nur vorzustellen, sondern nachzuempfinden.
„Ein Brief an den Bruder“ heisst ein weiterer Essay von 2014. Mit Bruder ist Russland gemeint, das gefragt wird: „Russland, du bist ein grosses und reiches Land. Sage mir und bitte, warum und wozu brauchst du jetzt auch noch mein Land und mein Geld?“ Besser kann man ja so recht eigentlich nicht fragen, denkt es so in mir, doch dann wird diese Frage noch getoppt: „Sind etwa nicht diejenigen für dich Faschisten, die nicht Russen sein wollen? Alle, die nicht deiner Meinung sind?“
Tanja Maljartschuk bietet mit diesen Essays nicht nur aufschlussreiche Ukraine-Aufklärung, sondern berichtet auch von Russland und den Russen. So erfährt man etwa, dass die Ukrainer erst 2014 damit begannen, Denkmäler sowjetischer Politiker, „als ob sie nicht Mörder, sondern nationale Helden darstellten“, zu zerstören. Oder dass auf Befehl Stalins in der Ukraine eine Hungersnot organisiert worden war, bei der Millionen von Menschen zu Tode kamen. Oder dass die Gefangenen in Russland in Lagern gefoltert werden. Sicher, man hat davon gehört, doch man muss sich dies vor Augen führen – und genau das tut dieses Buch.
Es gehört zu den Rätseln unserer Existenz auf dem Planeten Erde, dass ein Land oft erst in unseren Fokus gerät, wenn sich dort eine Tragödie ereignet. Das ist für die meisten auch im Falle der Ukraine so, von der die Autorin schreibt, das war 2015, sie sei noch immer völlig unbekannt geblieben. „Sie wartet jetzt, erzählt zu werden. Leider tritt in ihren Geschichten immer nur der Tod als Hauptfigur auf.“ Wie man mit dieser Hauptfigur auch umgehen kann, zeigt Tanja Maljartschuk unter anderem mit ihrem, im wörtlichen Sinne aussergewöhnlichen, Text zum Begräbnis ihrer Grossmutter.
Es ist das Nebeneinander von Persönlichem, Aktuellem und Vergangenem, das dieses Werk auszeichnet. Darüber hinaus mindert es meine Ignoranz in Sachen Ukraine und Russland. Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus ist aufwühlend, clever und unterhaltsam; als Einstieg sei „Die Heimat im Rucksack“ empfohlen – ich habe Tränen gelacht.
Tanja Maljartschuk
Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus
Essays
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022

Sargans, am 13. Mai 2023
„Wir müssen uns ehrlich machen.“ So beginnt dieses Buch. Wir sind also nicht ehrlich, schliesse ich daraus, sondern müssen es erst noch werden. Das verlangt eine Anstrengung, eine praktische, keine, die sich auf Kopfeinsichten beschränkt. Angesichts der menschlichen Neigung zum Selbstbetrug ist das kein geringes Unterfangen.
„Seit einem halben Jahrhundert wissen wir, dass das alte, von Gier, Neid und rücksichtslosem Wettbewerb angetriebene Modell des kontinuierlichen Wachstums uns in die globale Katastrophe führt – vor allem aufgrund der engen Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Kohlendioxidemissionen.“ Und: „Wir wussten sehr genau, was kommen würde, waren aber nicht in der Lage, die alten Werte hinter uns zu lassen und tatsächlich funktionierende alternative Lebensformen zu schaffen.“
Woran liegt das? Daran, dass Wissen selten hilft. Professor Metzinger, „einer der meistzitierten deutschen Gegenwartsphilosophen“ (schon eigenartig, womit man heutzutage alles hausieren geht), sieht das ganz anders: er plädiert für eine realistische Sichtweise, die sich von den Zwängen des Zweckoptimismus und des Zweckpessimismus befreit.
Spannend und anregend sind insbesondere seine Ausführungen zur intellektuellen Redlichkeit und zur Achtsamkeit, die viel gemein haben. „Es ist eine bestimmte Qualität des inneren Hinschauens, die beide verbindet.“ Selten waren mir überdies die Gemeinsamkeiten von Meditation und Wissenschaft deutlicher, denn beide sind „Formen des epistemischen Handelns, des Handelns um der Erkenntnis willen.“ Auch erachtet es der Autor – zu Recht – für nötig, ein anderes, neues Selbstbild zu entwickeln, das von Würde, Mitgefühl und Selbstmitgefühl geprägt ist.
Was Bewusstseinskultur unter anderem auszeichnet, ist die klare Benennung von Sachverhalten. „Es gibt eindeutig so etwas wie ‚die Feinde der Menschheit’“, notiert der Autor und führt sie dann auch konkret auf. Auch scheut er sich nicht vor Prophezeiungen, was bei Akademikern mit ihren Sowohl-als-Auch und Zwar-Aber eine Rarität ist. „Wir werden eine starke Zunahme des Öko-Terrorismus sowie das Entstehen von immer neuen Verschwörungstheorien, von Populismus und neuen religiösen Bewegungen beobachten; wir werden grosse Migrationsbewegungen und natürlich auch militärische Konflikte rund um den Globus erleben. Die Jungen werden die Alten verachten. Für die Feinde der Menschheit wird es schwierig werden.“
Es gehe darum, so der Autor, „unsere Aufmerksamkeit endlich auf die Tiefenstruktur unseres eigenen Bewusstseins zu richten.“ So richtig und notwendig dies auch ist, einigermassen befremdlich muten dann Aussagen an wie, „dass wir uns bald selbst nicht mehr als rationale Wesen ernst nehmen können, weil die grosse Mehrheit von uns vorsätzlich Fakten ignoriert und auf politischer Ebene einen grandiosen kollektiven Selbstbetrug organisiert hat.“ Bisher glaubte ich, nur Juristen und Ökonomen würden der Wahnvorstellung huldigen, beim Menschen handle es sich um ein rationales Wesen!
So recht eigentlich geht es in dieser verdienstvollen Schrift um Werte wie Anstand, Respekt, Integrität, Würde etc., um Werte also, die häufig in Politiker- und Sonntagsreden beschworen, jedoch nicht gelebt werden. Autor Thomas Metzinger legt überzeugend dar, dass diese Werte zuerst einmal erfahren und verinnerlicht werden müssen, bevor sie sich auch praktisch auswirken können.
Um die Welt anders als gewohnt zu erleben, muss man sie auf ungewohnte Art erfahren, sei es durch Meditation, sei es durch pharmakologische Möglichkeiten, um zwei Beispiele zu nennen. Beides hat Thomas Metzinger selber erlebt. Nicht nur möchte er diese Experimente, die mehr als drei Jahrzehnte zurückliegen, nicht missen, er ist für diese Bewusstseinserfahrung dankbar.
Bewusstseinskultur geht jedoch über den Einzelnen hinaus. „Was wirklich zählt, ist der Aufbau eines dynamischen sozialen Netzwerks, dem es gelingt, einen neuen kulturellen Kontext zu schaffen und die Erzeugung einer neuen soziophänomenologischen Nische tatsächlich in Gang zu setzen.“
Bewusstseinskultur ist ein gut zu lesendes, vielfältig anregendes Werk, das sich an hilfreichen Grundwerten orientiert, viele praktische Vorschläge macht, sich bedauerlicherweise jedoch auch Fragen annimmt wie „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“ bzw. „Existiert Gott?“, Fragen also, auf die – das weiss sogar ein Nicht-Philosoph – auch Professor Metzinger, der „weltweit als einer der profiliertesten Philosophen des Geistes und der Kognitionswissenschaft“ gilt (so der Klappentext), keine Antwort wissen kann.
Thomas Metzinger
Bewusstseinskultur
Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise
Berlin Verlag, Berlin/München 2023