
Von Sargans aus gesehen, am Morgen des 9. September 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Von Sargans aus gesehen, am Morgen des 9. September 2022
Es entbehrt nicht der Ironie, wenn ein überaus produktiver Autor über die Untätigkeit schreibt. Es sei gleich vorweggenommen: Die Lektüre ist bereichernd und horizonterweiternd. Auch, weil Byung-Chu Han grundsätzlich argumentiert: „Der Kapitalismus wird von der Illusion genährt, mehr Kapital erzeuge mehr Leben, mehr Vermögen zum Leben. Aber dieses Leben ist ein nacktes Leben, ein Überleben.“
Wir leben in hektischen Zeiten, alles muss rasch rasch gehen, Zeit zum Innehalten glauben wir uns nicht erlauben zu dürfen. „Wir haben vergessen, dass gerade die Untätigkeit, die nichts produziert, eine Intensiv- und Glanzform des Lebens darstellt“, notiert Byung-Chul Han, womit er mir aus dem Herzen spricht, auch wenn ich nicht so sicher bin, ob wir das vergessen haben. Meine Vermutung ist, dass die meisten das gar nie wussten und immer noch nicht wissen.
Vita Contemplativa oder Von der Untätigkeit packt mich gleich von Anfang an. Das liegt, so vermute ich, daran, dass da Sätze wie Gewehrsalven abgefeuert werden. „Ohne Moment des Zögerns oder des Innehaltens sinkt das Handeln zur blinden Aktion und Reaktion herab. Ohne Ruhe entsteht eine neue Barbarei. Schweigen vertieft das Sprechen. Ohne Stille gibt es keine Musik, sondern nur Lärm und Geräusch. Spiel ist die Essenz der Schönheit.“ Auf mich wirkt dieses Sperrfeuer von Behauptungen, die einfach so in die Luft geschossen werden, irritierend und anregend. Und: Es macht mich innehalten. Und die Aussagen bedenken.
Zu einigen dieser Behauptungen fällt mir nicht viel ein, höchstens, dass mit begrifflichem Unterscheiden dem Leben eindeutig nicht beizukommen ist. „Handeln ist zwar konstitutiv für die Geschichte, ist aber keine kulturbildende Kraft. Nicht der Krieg, sondern das Fest, nicht die Waffe, sondern der Schmuck ist der Ursprung der Kultur. Geschichte und Kultur sind nicht deckungsgleich.“ And if so, so what?
Andererseits kann die Klärung von Begriffen von praktischem Nutzen sein. „Soziale Medien beschleunigen den Abbau der Gemeinschaft. Der Kapitalismus verwandelt die Zeit selbst in eine Ware. Dadurch verliert sie jede Festlichkeit.“ So zutreffend ich das auch finde, Festlichkeit ist weit entfernt von Untätigkeit. Das sieht Byung-Chul Han entschieden anders. „Das Fest ist frei vom Bedürfnis des schieren Lebens. Das Festmahl sättigt nicht, stillt keinen Hunger.“ Doch, doch, das tut es manchmal auch …
Vita Contemplativa oder Von der Untätigkeit verschafft mir Einsichten, die ich höchst treffend und überraschend finde. „Die Erfahrung beruht auf Gabe und Empfang. Ihr Medium ist das Lauschen. Der gegenwärtige Informations- und Kommunikationslärm setzt aber der ‚Gesellschaft der Lauschenden‘ ein Ende. Niemand lauscht. Jeder produziert sich.“
In einfachen, klaren und deswegen überzeugenden Sätzen führt Byung-Chul Han aus, was die Untätigkeit ausmacht: „Wir tun zwar, aber zu nichts. Dieses Zu-nichts, diese Freiheit vom Zweck und Nutzen ist der Wesenskern der Untätigkeit. Es ist die Grundformel des Glücks.“ Umgekehrt liesse sich sagen: Die Umtriebigkeit, die unsere Gegenwart ausmacht, ist ein Rezept für Unglück.
Unsere Standardeinstellung ist zweckgerichtet, wir tun etwas, weil wir uns davon Positives versprechen. Absichtslos etwas zu betreiben ist uns nicht nur fremd, sondern erfüllt christlich geprägte Menschen (klar doch, ich rede von mir) zudem mit Schuldgefühlen. Das Handeln ist uns imperativ. Und genau deshalb sind die Ausführungen in diesem Band wichtig; sie helfen, zur Besinnung zu kommen. „Das Sein hat eine zeitliche Dimension. Es wächst im Langen und Langsamen. Die heutige Kurzfristigkeit baut es ab.“
Wie bei Büchern von akademisch Tätigen üblich, werden ganz viele und ganz unterschiedliche Werke zitiert. Nietzsche, Proust, Benjamin, Barthes, Deleuze, Arendt, Novalis, Musil, Handke usw. Besonders beeindruckend: Wie Heideggers Weg vom Handeln zum Sein nachgezeichnet wird.
Vita Contemplativa oder Von der Untätigkeit illustriert auch meine Lieblingsaufforderung, die von einem brasilianischen Zen-Buddhisten stammt, Não pense, veja (Denke nicht, schau), anhand von Zitaten von George Santayana und Aristoteles, der über die Götter meinte: „Und doch hat man immer geglaubt, dass sie leben, also tätig sind, denn niemand denkt, dass sie schlafen wie Endymion. Nimmt man aber dem Lebendigen jenes Handeln und noch viel mehr das Schlafen, was bleibt dann noch ausser dem Betrachten?“
Fazit: Wesentlich, vielfältig anregend, hellsichtig und gelegentlich ärgerlich.
Byung-Chul Han
Vita Contemplativa oder Von der Untätigkeit
Ullstein, Berlin 2022

Happingersee, Rosenheim, Bayern, am 4. September 2022
Henri Koskinen ist Versicherungsmathematiker. Die Mathematik „stellt ein Gleichgewicht her, schafft Klarheit und Ruhe, lässt uns die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind.“ Doch die Dinge auf dem Abenteuerpark, den er von seinem verstorbenen Bruder Juhani geerbt hat, inklusive der Schulden, „die aus einer zweifelhaften Zusammenarbeit mit Schwerkriminellen resultierten“, sind alles andere als klar. Und als dann plötzlich Juhani wieder auftaucht, werden sie noch etwas weniger klar.
Eine ziemlich schräge Ausgangslage, auch weil der auferstandene und reichlich durchgedrehte Juhani der Meinung ist, so recht eigentlich sei ja nach wie vor er der Eigentümer des Abenteuerparks DeinMeinFun, dem Henri in der Zwischenzeit Einsparungen aufgebrummt hat.
Noch schräger ist allerdings die Idee, einen Versicherungsmathematiker zum Helden einer Geschichte zu machen, denn ein solcher tickt entschieden anders als etwa die Filmkritiker, mit denen er nach eigenem Bekunden äusserst selten einer Meinung war. „Fast nie berichteten die Kritiker, wie viele Personen durchschnittlich in einer Szene eines bestimmten Films in Erscheinung traten. Auch über das Budget schwiegen sich die meisten aus. Ganz zu schweigen davon, wie genau im Detail dieses Budget verwendet worden war. Ich erfuhr auch nie, wie viele Minuten und Sekunden die Schlüsselszenen andauerten. Das erschwerte die Vorbereitung. Alles hing in der Luft, war beunruhigend ungewiss.“
Nun gut, das Leben an sich ist ungewiss. Theoretisch jedenfalls. In der Praxis versuchen wir Gewissheit herzustellen. Das gelingt, wie jeder und jede weiss, nicht immer. Und wenn sich die Lage zusätzlich kompliziert – durch den erratischen Bruder und die Liebe zu Laura – , summieren sich die Unbekannten beträchtlich, was, wie man sich unschwer vorstellen kann, für den strukturiert und nach Regeln vorgehenden Henri ein ziemlicher Albtraum ist.
Um den Abenteuerpark DeinMeinFun mit einer dringend benötigten neuen Attraktion auszustatten, benötigt Henri eine Elchschanze, die ihm vertraglich zusteht, jedoch von der Firma „Finnische Spiele AG“ nicht geliefert werden kann. Diese bietet stattdessen ein Krokodil-Run, an dem Henri jedoch nicht im Geringsten interessiert ist.
Dann wird Henri angegriffen – und von Juhani gerettet, der allerdings dem Angriff nicht auf den Grund gehen will. Henri schon. Doch wie geht man gegen einen vor, der die offensichtlichen Tatsachen nicht sehen will? Indem man nicht auf ihn eingeht und ihm ohne viel Federlesen die Fakten vor die Nase hält.
Der Angreifer entpuppt sich als Auftragskiller, ein Polizeiermittler vom Dezernat für Wirtschaftsdelikte stellt Erkundigungen an, ein Investor interessiert sich für den Abenteuerpark, ein weiterer Mann kommt zu Tode („Es sieht einfach nicht nach Unfall aus. Eher nach dem Film ‚Der Pate‘.“) und Juhani verschwindet von Neuem. Für Abwechslung ist also gesorgt.
Dazu kommt, dass dieser Roman in Helsinki spielt, von wo aus Henri und Laura die Halbinsel Hietaniemi aufsuche. Wo im Winter die Bäume schwarz, das Schilf karg und die Bewohner wortkarg sind und wo „alles, was geschieht, vorhersehbar ist. Im Sommer dagegen ist hier alles widersprüchlich, denn dann feiern frisch eingeölte, leicht bekleidete, lärmende Sonnenanbeter die warmen Tage. Die Bässe wummern, während unter der Erde die Toten ruhen. Erstgenannte halten sich für unsterblich, die anderen wissen, was nach dem Sonnenuntergang kommt.“
Das Elch Paradoxon ist eine Geschichte über zwei sehr ungleiche Brüder: den nüchternen, sich an Fakten orientierenden Henri, und den schwadronierenden Phantasten Juhani, der die Gabe hat, die Leute lügend so zu motivieren, dass sie ihren Verstand ausschalten und das sogenannt Unmögliche wagen wollen. Überzeugend ist vor allem des Autors Sinn für Situationskomik. „Ich ziehe meine Jacke aus, lasse aber die Mütze auf dem Kopf. Ich habe junge Leute mit Mützen gesehen, auch in beheizten Innenräumen. Das sollte also nicht allzu komisch wirken. Oder?“
Fazit: Sehr, sehr schräg.
Antti Tuomainen
Das Elch-Paradoxon
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2022
Jean Segers betreibt eine Tankstelle, über die ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Dazu kommt, dass er Usman, dem Nachtwächter, Geld für die Abfindung schuldet. Doch dann sieht es so aus, als ob Walden, der Präsident des Handelsgerichts und ein Schulfreund von Seghers‘ Frau Remedios, sich für die Tankstelle interessieren würde.
Seghers‘ Frau geht abends oft alleine weg und kommt immer erst frühmorgens zurück. Darüber sprechen die beiden offenbar nicht – wie fast alle Beziehungen, so ist auch diese einigermassen eigenartig. Und natürlich ahnt man, dass dieser potentielle Zündstoff leicht entfacht werden kann. Und so ist es denn auch.
Im Gegensatz zum sehr atmosphärisch dichten Text, der, auch der kurzen Sätze wegen, einen unwiderstehlich in die Geschichte hineinzieht, wird ihr Fortgang ausgesprochen hölzern und unbeholfen angekündigt. „Von dem Moment an wurden meine Gedanken klarer, geschmeidiger und augenblicklich nahmen die aufeinanderfolgenden Schritte meines künftigen kriminellen Projekts Punkt für Punkt Gestalt an.“
Spannung will im ersten Teil nicht aufkommen, doch dann explodiert die Werkstatt der Tankstelle und ruft eine Versicherungsfrau namens Brigitte Hunter auf den Plan. „Würde mich nicht wundern, Seghers, Brandgeschichten sind komplizierter, als man meint, die Leute bilden sich etwas ein, dann genügt ein Funke, und alles fliegt in die Luft.“ Ein Satz, der auch aufs Leben allgemein zutrifft.
Yves Ravey versteht es ausgezeichnet, Stimmungen herzustellen, die einen in ihren Bann schlagen; ein Psychologe ist er hingegen nicht, die Charakterisierungen der einzelnen Personen empfand ich als wenig gelungen, ihre Motive blieben mir, abgesehen von Jean Segers‘, schleierhaft. Überzeugt hat mich hingegen Brigitte Hunter, die als Versicherungsfrau die meiste Zeit damit beschäftigt ist, „zu Recht oder Unrecht Beschuldigte zu verfolgen“ und dabei merkwürdige Dinge erlebt: „man hat es mit Verrückten oder Zurückgebliebenen zu tun, die für fünf Euro ein Verbrechen begehen.“
Der Roman spielt im Osten Frankreichs, dem Département Franche-Comté. Da ich mich letzthin dort aufhielt, war ich einigermassen verblüfft, zu erfahren, dass in Belfort mindestens ein Todesfall im Monat vorkommt, „ein Jagdunfall, ein Mord aus Leidenschaft, eine Abrechnung unter Ganoven, Familienstreitigkeiten, ein ertrunkenes Kind in einem Bach oder ein Strangulation.“
Nichtsdestotrotz wirkt dieser Roman eigenartig aus der Zeit gefallen und seltsam unreal. Ein Tankstellenbetreiber, der, wie es scheint, keiner Arbeit nachgeht, ein Präsident des Handelsgerichts, der zumeist in Bars herumsitzt, eine Ehefrau, die macht, was ihr passt, und die sich nie erklärt. Doch die Geschichte entwickelt einen eigenartigen Sog, der einen interessiert und neugierig an den Geschehnissen teilnehmen lässt.
Fazit: Ein atmosphärisch höchst gelungener Roman, der beklemmende Bilder im Kopf entstehen lässt, die noch lange nachwirken.
Yves Ravey
Die Abfindung
liebeskind, München 2022
Bereits die Einstiegsgeschichte macht deutlich, dass unser Wissen über die Welt, uns selbst und unsere Nächsten nicht nur begrenzt, sondern auch Stimmungen und Launen unterworfen ist, die wir noch weniger verstehen. „Mir ist durchaus klar, dass wir nichts über die Menschen wissen, die uns am nächsten stehen. Oder dass uns zumindest ein Grossteil zu ihren Lebzeiten verborgen bleiben kann und manchmal nach ihrem Tod unerwartet zutage tritt, in Kalendereinträgen, Tagebüchern oder Briefen.“o
Liz Taylor, Fellini, Vittorio de Sica und noch viele andere treten in diesem schmalen Band auf. Die Schauplätze sind unter anderem Paris, Rom sowie psychiatrische Anstalten in der Schweiz. Nein, es geht nicht um Filme, es geht um Erinnerungen, Fantasien und Tagträume einer Frau (und eines Mannes, die Perspektiven wechseln). Ob das real oder erfunden ist, wer weiss, doch auch Träume und Vorstellungen sind real, jedenfalls existieren sie. Und was die Erinnerungen angeht: „Meine Erinnerungen sind alle von meinen Lektüren verstellt, überlagert oder angefüllt, sodass ich ihnen inzwischen gar nicht mehr traue und sie dennoch in Ehren halte, schliesslich bleiben es meine Erinnerungen.“
Eine tolle Idee, der Komplexität eines Menschen mittels ganz vieler, ganz unterschiedlicher Geschichten aus sehr verschiedenen Perspektiven beizukommen, wobei es die differenzierten Beobachtungen und Einschätzungen sind, die mich vor allem für dieses Werk einnehmen, denn sie illustrieren ausgezeichnet, wie fragil und wechselhaft wir Menschen sind.
Im Herzen eines goldenen Sommers ist das Gegenteil des allzu simplen Identitätsgeschwafels sogenannter Aktivisten. „Schliesslich hat jeder das Recht, zwei Leben zu führen. Es kommt mir sogar viel natürlicher vor, zwei statt nur eines zu führen. Jemand, der nur über ein Leben, ein Gesicht verfügt, erscheint mir in gewisser Hinsicht bedrohlicher als jemand mit einem Doppel- oder Dreifachleben.“ Als ein „raffiniertes, spielerisch leichtes Selbstporträt in dreiunddreissig Facetten“ beschreibt der Klappentext treffend dieses Werk.
Ein Mensch offenbart sich ja nicht allein in dem, was er denkt, sondern auch darin, wie er auf Situationen reagiert und mit anderen agiert. Oder eben darin, was er für Geschichten erzählt – die hier versammelten wirken alle so speziell und gleichzeitig real auf mich, dass ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, dass sie erfunden worden sind. Eigenartig wirklich, wie das Leben.
Als die Erzählerin, einer psychischen Störung wegen, eine Madame Gandi aufsucht, entpuppt sich diese als ihre Cousine, zu der sie den Kontakt schon lange abgebrochen hatte. Und als sie ihre Freundin Lottie tröstet, von der sie gar nicht glauben kann, dass sie unglücklich sein kann, notiert sie: „Es tut mir so leid, dass du nicht glücklich bist, nach meiner Meinung bist du dafür gemacht.“ Schöner kann man kaum ausdrücken, dass wir andere brauchen, um sehen zu können, wer und was wir selber sind.
Im Herzen eines goldenen Sommers ist auch ein clever strukturiertes Buch. So folgt etwa einer ganz wunderbaren Geschichte übers Reisen – die Erzählerin war in ihrer Jugend sehr viel unterwegs („Ich liess mich in Paris zurück, während eine andere sich nach Australien, Ägypten, Indien, Siena, Kopenhagen oder Augsburg begab.“) und fragt sich nun, weshalb die Erlebnisse von damals keinen Eingang in ihre Bücher gefunden haben – eine Geschichte über eine chaotische Beziehung mit dem Titel „Das Paradebeispiel einer Flucht“, denn oft ist Reisen nämlich gerade das.
Im Herzen eines goldenen Sommers überzeugt sowohl sprachlich als auch der originellen Herangehensweise wegen. Neben der Übersetzung von Patricia Klobusiczky soll hier auch die Umschlaggestaltung von Antje Haack erwähnt werden – beide sind überaus gelungen.
Fazit: Ein vielfältig inspirierendes Werk von bezaubernder Leichtigkeit, das unsere Parallelexistenzen zelebriert und uns eindrücklich vor Augen führt, dass wir für gängige Interpretationen viel zu komplex sind.
Anne Serre
Im Herzen eines goldenen Sommers
Berenberg Verlag, Berlin 2022
Jake Finch Bonner unterrichtet Kreatives Schreiben an einem kleinen College in der Provinz. Einstmals ein gefeierter Autor, werden seine Texte mittlerweile von den Verlagen zurückgewiesen. Das nagt an seiner Selbstachtung, er hält sich für einen gescheiterten Schriftsteller. Es ist das Diktat des Erfolges, dass die Menschen in diesem Roman (und auch im richtigen Leben) leitet. Dass das würdelos, ja geradezu peinlich ist, fällt heutzutage überhaupt nicht auf.
Als das neue Semester beginnt, befindet sich unter seinen Studenten auch ein narzisstischer Kotzbrocken, der überzeugt ist, an einem Bestseller zu schreiben, der die Verlagswelt in Erstaunen versetzen wird. Dem Lehrer erklärt er, dass ein erfolgreiches Buch allein vom Plot abhängt. „Mir geht’s nur um die Story. Entweder man hat einen guten Plot oder nicht. Wenn’s kein guter Plot ist, dann hilft auch die beste Schreibe nichts. Und wenn’s ein guter Plot ist, dann macht auch die mieseste Schreibe ihn nicht kaputt.“
Diesen Plot klaut Jake Finch Bonner, das Buch wird ein Riesenerfolg. Dann erhält er eine Email: „Du bist ein Dieb.“ Und dann noch eine: „Du bist ein Dieb. Wir wissen es beide.“ Es wird spannend, mehr soll hier nicht verraten werden …
Doch was soll eigentlich problematisch daran sein, einen Plot zu klauen? Das ist doch gang und gäbe. „So, wie Jane Smiley Tausend Morgen von Shakespeare geklaut hat oder Charles Frazier Unterwegs nach Cold Mountain von Homer?“, fragt Jake rhetorisch seine Frau. Entscheidend ist doch, wie die Geschichte erzählt wird. Mit anderen Worten: Der Plot von Der Plot ist auf den ersten Blick wenig überzeugend, doch kommt im Verlaufe dieses Romans eine ganz unerwartete Komponente hinzu, die dieser Geschichte eine ganz besondere Wendung gibt.
Stephen King wird auf der Buchrückseite zitiert: „Eines der besten Bücher, die ich je über Schriftsteller und das Schreiben gelesen habe … bemerkenswert.“ Das Buch ist in der Tat bemerkenswert, doch so recht eigentlich handelt es nicht, jedenfalls nicht hauptsächlich, von Schriftstellern und ihrem Schreiben, sondern von Wettbewerb, Erfolg und Geld-Machen.
Zudem handelt Der Plot vom Buchgewerbe und wie sich dieses gewandelt hat. Als Jake Finch Bonner, mittlerweile Onlineredakteur und Berater, einer älteren Dame zur Veröffentlichung des ersten Teils ihrer Memoiren gratuliert, sagt sie: „Aber ich bitte Sie“, hatte sie seine Schmeichelei brüsk zurückgewiesen, „jeder kann doch ein Buch herausbringen. Sie schreiben einfach einen Scheck.“
Der Plot ist ein Buch für Buchliebhaber. So werde ich etwa an Jerzy Kosinski erinnert, dessen Cockpit ich einst gefressen habe (wovon der Roman handelte, weiss ich allerdings nicht mehr), und an James Freys A Million Little Pieces, wovon mir ganz viel geblieben ist. Beide Autoren wurden der Lüge bezichtigt. Beiden eignet ein beneidenswertes Vorstellungsvermögen. Und beide verstehen das Schreibhandwerk.
Übrigens: Jean Hanff Korelitz ist eine aufmerksame, scharfsinnige und witzige Beobachtern. Ein Beispiel: „Obgleich sie in einer Kleinstadt in Idaho aufgewachsen war, schaffte sie es mühelos, sich dem ortsüblichen rasanten Tempo anzupassen, und innerhalb weniger Tage schien auch sie zu einer typischen überarbeiteten New Yorkerin geworden zu sein, mit einem permanenten Stresslevel, der jeden ausserhalb der fünf Stadtbezirke fertiggemacht hätte.“ Und gerade noch eins: „Die Kellnerin brachte Jakes Schokoshake in einem vollen Glas und einem halb vollen Mixbecher. Es schmeckte fantastisch und lag ihm sofort wie ein Stein im Magen.“
Der Plot ist ein hoch aktuelles Buch, das sich mit der Frage der Aneignung (dankenswerterweise nicht der sogenannt kulturellen, die einigen „unguten Gefühlen“ und dem medialen Sommerloch geschuldet scheint) auseinandersetzt: Darf man die private Geschichte eines anderen nehmen und sie zu seiner eigenen machen, wenn man gar nicht weiss, ob dieser andere damit einverstanden ist?
Fazit: Packend, clever, reich an überraschenden Wendungen.
Jean Hanff Korelitz
Der Plot
Eine todsichere Geschichte
Heyne, München 2022
Autor Scott Hershovitz lehrt Rechtswissenschaften und Philosophie an der University of Michigan, und möchte dass man dieses Buch anders liesst als andere. „Sachbuchautorinnen und -autoren wollen meist, dass man glaubt, was sie in ihren Büchern schreiben. Sie hoffen, dass die Leserschaft ihre Autorität akzeptiert und ihre Sichtweise der Welt übernimmt.“ Und was schwebt ihm vor? Eine echte Auseinandersetzung mit seinen Ideen. „Das Ziel besteht darin, die eigenen Ideen genauso kritisch zu betrachten wie die Ideen anderer Menschen.“
Gegliedert ist Der Sinn von Allem oder zumindest fast in drei Teile: Moral verstehen, Uns verstehen, die Welt verstehen. Geleitet wird das Buch von Kinderfragen. „Wir sollten unsere Erwägungen öfter mal beiseitelassen und wie kleine Kinder denken. Auf diese Weise könnten wir zumindest teilweise etwas von ihrer Faszination für die Welt wiedererlangen – und uns selbst bewusst machen, wie wenig wir eigentlich davon verstehen.“ Wahre Worte!
Moral verstehen beschäftigt sich mit dem Recht. Was sind eigentlich Rechte? Ist Strafe sinnvoll? Kann Rache gerechtfertigt sein? Scott Hershovitz erläutert seine Auseinandersetzung mit diesen Fragen anhand zahlreicher Beispiele, die zum Mitdenken einladen. „Wenn Sie ein Recht haben, hat jemand anders eine Pflicht. Deshalb sagte ich, dass Rechte im Grunde Beziehungen sind.“ Schon, aber eben nicht immer: Hat man das Recht, einige Menschen zu töten, um dadurch andere zu retten? Einfache und klare Antworten darauf mag es geben, doch nicht für Juristen und Philosophen.
Auch mit der Rache beschäftigt sich Scott Hershovitz. Und erläutert, dass mit dem Rechtsgrundsatz Auge um Auge nicht notwendigerweise gemeint ist, weitere Augen auszustechen. So recht eigentlich geht es bei diesem sogenannten Talionsprinzip nämlich dabei um Empathie. „Durch das Talionsprinzip wird man dazu gebracht, den Schmerz anderer nachzuempfinden. Wer eine Person verletzt, setzt sich dieser Verletzung potenziell selbst aus. Auf diese Weise wird man gezwungen, sich ein Leid vorzustellen, bevor man es einer anderen Person zufügt.“ So habe ich das noch nie gesehen – und genau deswegen schätze ich dieses Buch.
Dass Gerichte die Möglichkeit haben für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen, leuchtet ein. Dass sie oftmals etwas ganz anderes tun, nämlich die herrschende Ordnung zu stützen, stimmt natürlich genauso, kommt jedoch in diesem Werk eindeutig zu kurz.
Doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen und ab und zu einen möglicherweise kritischen Einwurf machen, der belegen soll, dass ich mir bei der Lektüre Gedanken gemacht habe. Vielmehr will ich auf zwei willkürlich ausgewählte Beispiele hinweisen, die der Autor anführt, und die ich als hilfreich empfunden habe. Etwa das Prinzip des am geringsten verstärkenden Reizes, das anhand einer Delfintrainerin wie folgt erklärt wird: „Wenn ein Delfin etwas falsch macht, ignoriert die Trainerin ihn. Sie schaut den Delfin nicht einmal an, da nicht beachtete Verhaltensweisen in der Regel von selbst verschwinden.“ Gleichzeitig wird bereits der kleinste Schritt in Richtung der erwünschten Verhaltensweise belohnt. Und dann der nächste. Und so weiter.
Philosophieren heisst Fragen stellen; Aussagen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie anzuzweifeln. Wobei: Auch das kann problematisch sein, denn der Zweifel kann auch bewusst zur Verunsicherung eingesetzt werden. Nehmen wir den Klimawandel: Dass unser Kohlendioxidausstoss den Klimawandel verursacht, lässt sich beweisen. Nicht zu hundert Prozent, doch fast. Wer mit dem Kohlendioxidausstoss Geld verdient, wird dieses „fast“ bewirtschaften und damit Zweifel säen. Die Tabakindustrie tut das schon lange. Die Ölindustrie ebenfalls. Was also ist zu tun? Ein Erkenntnistheoretiker schlägt vor, über Wahrscheinlichkeiten statt über gesichertes Wissen zu sprechen. Denn: „Wir müssen nicht wissen, um zu handeln. Wir begründen ständig Dinge mit Wahrscheinlichkeiten.“ Ein genauer Blick auf die Wirklichkeit war schon immer hilfreich!
Fazit: Inspirierend und von praktischem Nutzen.
Scott Hershovitz
Der Sinn von Allem oder zumindest fast
Überraschende Einsichten eines Philosophen
Ludwig, München 2022

Wettingen, am 22. April 2021
Eine originelle Idee, ein origineller Titel, und ein überaus wesentliches Thema in unseren Zeiten der Informationsschwemme, bei der Wesentliches von Unwesentlichem bequem und so recht eigentlich ununterscheidbar nebeneinander sitzt, und niemand, wirklich niemand mehr so etwas wie einen Überblick hat.
Dieses Buch handelt von einer zentralen Orientierungshilfe, dem Register. Das ist eine alphabetische Liste, „die ein Buch auf seine Bestandteile herunterbricht, seine Personen, seine Themen, sogar die einzelnen Wörter.“ Da das vorliegende Werk ein ausführliches Register aufweist, liegt es nahe, sich daran zu orientieren. „Sherlock Holmes, Geschichten um“ lautet einer der Einträge, der mein Herz erfreut, „Alice, Geschichten von (Carroll)“ ein anderer; doch leider gibt es da auch „Trump, Donald“, doch den nachzuschlagen muss ja nun wirklich nicht sein. Mein Lieblingseintrag ist übrigens „zwecklos siehe sinnlos“, finde dort dann aber nur „sinnlos siehe vergeblich“, und werde wiederum an den Anfang verwiesen, nämlich zu: „vergeblich siehe zwecklos.“
Tausend Jahre Dunkelheit, dann ein paar Jahre auf dem Planeten Erde, gefolgt von wiederum tausend Jahren Dunkelheit. Kein Wunder, ist der Mensch vornehmlich bestrebt, sich zu orientieren. Das tut er auf vielfältige Art und Weise, doch in erster Linie mittels seiner Art zu denken, die sich als Ursache-Wirkung-Denken charakterisieren lässt. Gemäss diesem hat jedes Ding eine Ursache und alles einen Sinn – und falls nicht, beeindruckt uns das wenig, dann erfinden wir uns eben einen. Oder mehrere, worauf der Titel „Die Geburten des Registers“ hinweist.
Damit wir in den Dingen nicht ersaufen, müssen wir sie ordnen, ihnen eine Struktur geben. Wie das geht, erläutert Dennis Duncan in der typischen Art des gebildeten Engländers: witzig, eloquent und informativ. Wie bei Universitätsdozenten (der Autor lehrt am University College London) üblich, gibt es auch einen detaillierten Blick in die Geschichte. Dabei erfährt man unter anderem, dass einer der grossen Universalgelehrten des englischen Mittelalters, Robert Grosseteste (Kanzler von Oxford und Bischof von Lincoln, Dichter, Staatsmann, Mathematiker und religiöser Reformer), versuchte, „das gesamte Wissen, das Wissen der Kirchenväter – Augustinus, Hieronymus, Isidor – ebenso wie das einer älteren, nicht-christlichen Tradition – Aristoteles, Ptolemäus, Boëthius – in einer einzigen Quelle zusammenzufassen, einem Ort, an dem die Gedanken nicht sektiererisch sind und auftauchen, wie es ihnen gefällt.“
Index, eine Geschichte des ist ein überaus gelehrtes Werk, was unter anderem meint, dass sich das hier ausgebreitete Wissen mir auch nicht ansatzweise erschliesst. So habe ich zum Beispiel von Hieronymus oder Isidor noch gar nie gehört, und was Ptolemäus und Boëthius gesagt haben, weiss ich auch nicht. Und meine Bildungslücken zu googlen wäre schlicht uferlos.
Aufschlussreich sind für mich vor allem die Überlegungen, die – sei es durch ein Sach-, sei es durch ein Wortregister – dazu führen, Ordnung ins natürliche Chaos zu bringen, das Sharon Cameron in Beautiful Work: A Meditation on Pain, treffend so charakterisiert hat: „It is possible to think this: without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you are in the real.“
Ohne Sinn kann der Mensch nun mal nicht sein – und so erfindet er ihn, zum Beispiel indem er anhand von Registern Ordnung schafft. Ein Register macht nicht nur die Orientierung möglich, es hilft auch, schneller zum Ziel zu kommen. Ein Register zu erstellen ist „eine Herausforderung, eine Übung in Konzentration und intensivem Lesen, aber keineswegs eine Plackerei, wie auch immer man das Wort definieren will“, so Dennis Duncan.
„Wir erwarten von einem Register Kontext, Interpretation, dass es erkennt, wenn ein Gedanke in unterschiedlichen Begriffen auftaucht.“ Das bedeutet, dass die Erstellung eines Sachregisters eine sehr subjektive, kreative, am Nutzer orientierte Arbeit ist. Es müssen Schlüsselelemente identifiziert werden, was erst möglich ist, wenn man ein Gefühl für den Text entwickelt hat, weil man erst dann wissen kann, worauf zu achten ist.
Der Mensch ist gut beraten zu wissen, was er sucht, weil er sonst nämlich nur schwer fündig wird. Das war schon vor den Suchmaschinen so, dazu erforderlich ist die Fähigkeit zur Abstraktion: „das Material reduzieren, es zusammenfassen, um etwas Neues und Eigenständiges zu schaffen. Das Register ist keine Kopie des Gegenstandes.“ Die Ordnung, die so geschaffen wird, erfordert einen guten, fantasievollen Registermacher, der sich mit dem Thema auskennt, bevor er sich ans Werk macht.
Index, eine Geschichte des gehört zu den Büchern, die einen immer mal wieder erstaunt innehalten lassen. „Wo wären wir ohne sie? Das Wunder der Seitenzahl“ lautet ein Titel, der mich nicht zuletzt deswegen verblüfft, weil er mich über etwas staunen macht, worüber ich noch nie gestaunt habe – und mich jetzt darüber wundere. Ich meine die Seitenzahl, und dass es sie überhaupt gibt. Und dass wir ohne sie wohl hoffnungslos verloren wären.
Es ist ein Markenzeichen guter Bücher, dass sie einem aufzeigen, dass uns vieles derart selbstverständlich ist, dass wir uns gar nicht mehr darüber wundern. Dabei wären wir ohne Wegweiser, zu denen bei Büchern das Inhaltsverzeichnis wie auch das Register gehören, wohl ziemlich verloren.
Fazit: Clever, unterhaltsam und lehrreich.
Dennis Duncan
Index, eine Geschichte des
Vom Suchen und Finden
Verlag Antje Kunstmann, München 2022