Irene Vallejo: Papyrus

Zuallererst: Papyrus ist mit einem sehr schönen Umschlag ausgestattet, liegt gut in der Hand – ein ästhetischer Genuss.

Irene Vallejo, geboren 1979, Studium der klassischen Philologie in Saragossa und Florenz, erinnert uns im Prolog dieses exzellent geschriebenen Werkes, dass Büchern etwas Magisches eignet. „Das Buch ist seit vielen Jahrhunderten unser Verbündeter in einem Krieg, der in keinem Geschichtsbuch steht. Es ist der Kampf um die Bewahrung unserer wertvollen Schöpfung: der Worte, die kaum mehr als ein Lufthauch sind; der Fiktionen, die wir erfinden, um dem Chaos einen Sinn zu geben und in ihm zu überleben; die wahren, falschen und immer vorläufigen Erkenntnisse, die wir in den harten Fels unserer Unwissenheit ritzen.“

Papyrus ist ein Buch voller faszinierender Geschichten, Irene Vallejo eine begabte Schreiberin. So erzählt sie von Alexander dem Grossen, der, bevor er im Alter von zweiunddreissig Jahren starb, siebzig Städte gegründet und unter póthos gelitten haben soll. „Es bezeichnet das Verlangen nach etwas Abwesendem oder Unerreichbarem, ein Verlangen, das Leid verursacht, weil es unmöglich zu stillen ist.“ Heutzutage würde man eine solche Obsession wohl als krankhafte Sucht bezeichnen. Auch sein Drang, „selbst zur Legende zu werden, in die Literatur einzugehen, um in Erinnerung zu bleiben“, zeugt nicht gerade von einem Menschen, der loslassen kann.

Alexander, so wird berichtet, soll Kleopatra 200 000 Bände zu Füssen gelegt haben. Auch heisst es, er habe nie eine Schlacht verloren, sei einmal grausam, ein andermal grossherzig gewesen. Das liest sich spannend – und stösst mir trotzdem etwas auf, denn es ist eine Art der Geschichtsschreibung, die eher im Bereich der Fantasie als der Realität angesiedelt ist, schliesslich waren die Heere Alexanders (und nicht er selbst) für den Ausgang der Schlachten verantwortlich. Auch ist nicht anzunehmen, dass er die 200 000 Bücher persönlich angeschleppt hat.

„Eine der merkwürdigsten Etappen meines Lebens hat sich in einer Stadt abgespielt, die von Millionen von Büchern bewohnt wird.“ Die Rede ist von Oxford und speziell von der berühmten Bodleian Library, in die man nicht einfach hereinspazieren kann. Das Prozedere, dem sie sich unterziehen musste, ist kaum anders als mit Paranoia zu bezeichnen. Irene Vallejo drückt sich hingegen so britisch-höflich aus wie das im Vereinigten Königreich üblich ist. „Der gesamte Ablauf schien von der verqueren Logik der Grenzregionen geprägt; so wie man bei Flügen in die Vereinigten Staaten ein surrealistisches Einwanderungsformular vorgelegt bekommt, auf dem gefragt wird, ob man vorhabe, einen Anschlag auf das Leben des Präsidenten zu verüben.“

Bibliotheken sind Orte, an denen die Fiktionen, die vor Tausenden von Jahren gedacht wurden, aufbewahrt werden. Es sind Orte der Geschichte und der Geschichten. Doch: „Was ist schon eine Geschichte? Eine Folge von Wörtern. Ein Atemzug. Ein Luftstrom, der die Lunge verlässt, durch den Kehlkopf strömt, auf den Stimmbändern vibriert und seine endgültige Form annimmt, wenn die Zunge über Gaumen, Zähne oder Lippen streicht. Etwas so Fragiles zu retten scheint unmöglich. Aber die Menschheit bot der Herrschaft der Zerstörung durch die Erfindung von Schrift und Büchern die Stirn.“ Damit wurden nicht nur Gedanken vor dem Vergessen gerettet, es wurde auch die Verbreitung von Geschichten gefördert. „Und wer die gleichen Geschichten kennt, ist sich nicht mehr fremd.“

Doch welche Bücher überleben eigentlich? Und wer bestimmt das? Wie alles andere auch im Leben, so befindet sich auch das Schicksal der Bücher im stetigen Fluss. Dass etwa Lukrez‘ Über die Natur der Dinge, eine Schrift, die als ketzerisch und gefährlich galt, noch heute aktuell ist, konnte kaum vorhergesehen werden. Und: „Gebildete Kritiker, besessen von didaktisch und moralisch wertvollen Werken, waren viel weniger von Shakespeare angetan als wir.“

Bücher können uns helfen zu überleben. John Cheever: „Die Literatur ist das einzige Bewusstsein, das wir besitzen (…) Die Literatur war schon immer die Rettung der Verdammten, sie hat Liebhaber inspiriert und geleitet, hat der Verzweiflung einen Weg gewiesen, und in diesem Fall kann sie vielleicht die Welt retten.“ Anregungen welche Bücher dafür in Frage kommen könnten, liefert dieses Buch zuhauf.

Was für ein Buch würde man auf eine einsame Insel mitnehmen? Die beste Antwort, so Irene Vallejo (und ich stimme zu), verdanken wir wohl Gilbert Keith Chesterton: „Nichts würde mich glücklicher machen als ein Werk mit dem Titel Handwerk des Bootsbaus.

Papyrus ist ein äusserst vielfältiges Werk. So erfährt man etwa, dass das Wort Celebrity erstmals für Franz Liszt verwendet wurde. „So wie Rockstars heute mit der Unterwäsche ihrer Fans befeuert wurden, wurde Franz Liszt mit Schmuck beworfen. Er war die Erotik-Ikone des viktorianischen Jahrhunderts.“Man lernt, dass Tolstois Krieg und Frieden ursprünglich Ende gut, alles gut heissen sollte und Baudelaire sich für Die Blumen des Bösen eigentlich Lesbierinnen gedacht hatte,

Dieses Buch ist ein Dokument einer unerschöpflichen Neugier – höchst informativ und sehr unterhaltsam. Zu den Sätzen, die auf den Punkt bringen, worum es in diesem Text geht, gehören zweifellos diese: „Die Leidenschaft des Büchersammlers gleicht der eines Reisenden. Jede Bibliothek ist eine Reise; jedes Buch ist ein Fahrschein mit unbegrenzter Gültigkeit.“

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, die Irene Vallejo präsentiert. Dabei macht sie auch deutlich, dass vieles, was wir für gänzlich neu halten, immer schon dagewesen ist. Etwa das Aufstellen von Listen. Oder das Katalogisieren. „Wie in unserer Zeit gab es auch damals starke Strömungen, die mit der Entwicklung unzufrieden waren. In den (von Alexanders Armee) eroberten Ländern, sperrten sich viele Untertanen dagegen, von den Besetzern kolonisiert zu werden. Aber auch Griechen dachten murrend an die edlen Zeiten ihrer Unabhängigkeit zurück und wollten sich an die neue kosmopolitische Gesellschaft nicht anpassen. Ach, die verlorene Reinheit des Vergangenen.“ Übrigens: „Jene erste Globalisierung nannte sich ‚Hellenismus’“.

Papyrus, diese ganz wunderbare Hommage ans Buch, ist von ansteckender Begeisterung durchdrungen. Es ist ein erfreulich persönliches Werk wie auch eine überaus lehrreiche Lektüre. Ein tolles Buch, das Freude macht!

Irene Vallejo
Papyrus
Die Geschichte der Welt in Büchern
Diogenes, Zürich 2022

Daniel Defoe: Robinson Crusoe

Daniel Defoes Robinson Crusoe gehört zu den Büchern, deren Geschichte man in seiner Jugend gehört hat (klar doch, ich rede von mir), und woran man sich vage erinnert (der Held strandet auf einer Insel, wo er zusammen mit einem Eingeborenen namens Freitag, sich zum Überlebenskünstler mausert — oder so ähnlich). Als ich jetzt im Alter zu diesem Werk greife bin ich immer mal wieder überrascht ob der differenzierten Schilderung dieses zweifelnden und getriebenen Robinson, der sich seinem Schicksal, das er immer mal wieder ganz unterschiedlich interpretiert, ausgeliefert fühlt und damit nicht wenig hadert.

Seine Eltern wollen ihn zu einem Juristen machen, er selber will zur See, fühlt sich dazu getrieben. Während heftiger Stürme besinnt er sich anders, will er zurück nach Hause, doch kaum hat sich die See beruhigt, wollen seine Gefühle nichts mehr davon wissen. Dass die Vernunft uns leitet ist ein Mythos, Robinson ist dies bewusst.

Als während eines heftigen Sturms das Schiff zu Bruch geht, ist er der einzige Überlebende, den es auf eine unbewohnte Insel verschlagen hat. „Nachdem sich mein Herz so an meiner Rettung geweidet hatte, begann ich mich umzuschauen, an was für einem Ort ich eigentlich wäre und was zunächst zu tun sei. Da entfiel mir der Mut bald wieder, und ich fand, dass dies in Wahrheit eine Rettung furchtbarer Art war; denn ich war durchnässt, hatte keine andern Kleider, noch irgendetwas zu essen und zu trinken zu meiner Labsal und sah kein anderes Schicksal vor mir, als Hungers zu sterben oder von wilden Tieren zerrissen zu werden.“ Soviel zum Traum vom Leben auf einer einsamen Insel.

Diese düsteren Aussichten lassen ihn zur Überzeugung kommen, Gott habe ihm dieses Schicksal bestimmt. Als er die vom Schiff gerettete Bibel aufschlägt, waren dies die ersten Worte, auf die seine Augen fielen: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ Und genau das tut er dann auch.

Als er sich eingerichtet hat, beginnt er die Insel zu erkunden und muss feststellen, dass es wesentlich bessere Plätze gegeben hätte, um sich niederzulassen, als den Ort, an dem er sich zu bleiben entschlossen hat – doch umziehen will er nicht. So ist der Mensch: Hat er sich einmal entschieden, ist er nur mehr schwer davon abzubringen

Robinson Crusoe ist so recht eigentlich ein philosophisches Buch, jedenfalls lese ich es so, das sich mit der Art Fragen auseinandersetzt, denen der Mensch, sofern er denn nicht dazu gezwungen ist, tunlichst aus dem Weg geht. Doch auf einer Insel ist das schwierig, kann man nicht ausweichen: Was mache ich jetzt eigentlich mit dem Leben, in das ich ungefragt hineingeworfen worden bin? Und da die möglichen Antworten darauf ausgesprochen verwirrend sein können, verlegt er sich auf Praktisches: Wie schütze ich mich? Wie ernähre ich mich?

Doch immer wieder holen ihn die Schicksalfragen ein. „Jetzt begann ich, die Worte „Rufe mich an, so will ich dich erretten“ in einem anderen Sinne zu begreifen, als ich vorher getan. Damals dachte ich bei  Errettung immer nur an meine Erlösung aus der Gefangenschaft; denn obgleich ich Raum genug hatte, war die Insel ein Gefängnis für mich, und zwar im schlimmsten Sinne der Welt. Aber jetzt lernte ich, es in anderem Sinne zu nehmen. Jetzt sah ich auf mein vergangenes Leben in solchem Grauen, meine Sünden erschienen mir so schrecklich, dass meine Seele nichts anderes bei Gott suchte als Erlösung von der Last meiner Schuld, die mich erdrückte.“ Dass er sich von sich weg und seine Gedanken auf höhere Dinge richtet, hat Erstaunliches zur Folge: „Ich fand einen Trost in mir selber, von dem ich bisher nichts gewusst.“

Eines Tages sieht er plötzlich Wilde auf der Insel. Und einige Zeit später Wilde, die in Kanoes gekommen waren, und zwar mit Gefangenen, die sie nun zu verspeisen beabsichtigten. Robinson gelingt es, einen der beiden, Freitag, zu befreien. Wie’s weiter geht will ich hier nicht verraten …

Robinson Crusoe erzählt die Geschichte einer persönlichen Transformation, die Hans Reisiger in seinem Nachwort so charakterisiert: „Die innere Wandlung Robinson Crusoes vom gedanken- und gottlosen Seefahrer zum frommen Haushalter seiner Seele und humanen ‚Wildenbekehrer‘, vom blind lebensgierigen jungen Trotzkopf zum reifen, seiner Verantwortung vor Gott bewussten Mann gibt der Erzählung erst die rechte Kraft.“

Robinson Crusoe bedient sich des Abenteuerromans um sich mit den Grundfragen der menschlichen Existenz („Blosses Stillesitzen und Wünschen konnte nichts helfen. Aber die Not machte mich erfinderisch.“) auseinanderzusetzen. Das Leben als Abenteuer zu begreifen gehört zu den wesentlichen Lehren dieses zeitlosen Werkes.

Daniel Defoe
Robinson Crusoe
Penguin Edition, München 2022

Armin Falk: Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein

Armin Falk, geboren 1968, sei Verhaltensökonom, lese ich. Was das wohl ist? Wird jetzt auch noch das Verhalten ökonomisiert bzw. unter wirtschaftlichen Aspekten gesehen? Wikipedia informiert mich, die Verhaltensökonomik befasse sich mit menschlichem Verhalten in wirtschaftlichen Situationen. Verhält sich denn der Mensch anders, wenn es um Wirtschaftliches geht? 

Es gehe ihm in diesem Buch darum, „zu verstehen, welche Mechanismen das Gute behindern. Warum wir mit unseren eigenen Vorstellungen vom richtigen Handeln so oft scheitern. Und was wir dagegen tun können.“ An Selbstvertrauen fehlt es dem Mann definitiv nicht.

Kein Ökonom, bei dem nicht von Kosten und Nutzen die Rede ist. „Wir wägen das moralisch Wünschbare ab mit den Unannehmlichkeiten und Nachteilen, die mit unseren Handlungen verbunden sind. In diesem Zielkonflikt, so simpel er uns scheinen mag, liegt der Kern des Problems begründet, warum nicht jeder von uns immer ein ‚guter Mensch‘ ist und nicht automatisch den allgemein akzeptierten moralischen Vorstellungen folgt. Schlicht deswegen, weil es teuer  ist.“ Nur eben: Das setzt voraus, dass sich der Mensch tatsächlich vom Kosten/Nutzen-Denken leiten lässt. Das kann man zwar glauben (und die meisten tun es – es wurde ihnen ja auch lange genug eingebläut), wirklich wissen kann man das nicht, denn die Seele ist uns nach wie vor ein Rätsel und weitaus fantasievoller als unser Denken in Vor- und Nachteilen.

Der rational denkende Mensch, der überlegt und abwägt, bevor er sich entscheidet, ist ein Mythos. „… der Verstand ist nicht immer Herr im eigenen Haus. Häufig sind es eben Stimmungen, Erregungslagen und Emotionen, die unser Verhalten leiten, wie die umfangreiche Forschung der letzten 25 Jahre gezeigt hat.“ Mit Verlaub: Das weiss man auch ohne Forschung, und wusste es bereits vor Freud, der sich vor mehr als hundert Jahren diesbezüglich sehr deutlich geäussert hat.

Armin Falk ist, im Gegensatz zu mir, kein Anhänger des ’sozialen-Intuitionen-Modells‘, gemäss dem unsere moralischen Urteile automatisch ablaufen. „Das Nachdenken über Moral und ihre kognitive Begründung wird hierbei primär verstanden als eine Expost-Rationalisierung, um das immer schon existierende Urteil vor anderen oder sich selbst rechtfertigen zu können.“ Die Hirnforschung sieht das übrigens genauso. Falk will das Hirn nicht auf ein Rationalisierungsinstrument reduziert sehen, seine Einwände sind bedenkenswert und ganz besonders sein Rat „Besser drüber schlafen, Runterkommen. Überlegen“, bevor man weitreichende Entscheidungen trifft – auch wenn diese dann möglicherweise doch viel unbewusster ablaufen als unserem Selbstbild lieb ist.

Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein führt ganz viele Studien und Untersuchungen an, die interessant und unterhaltsam sind, auch wenn sie meist „nur“ bestätigen, was wir eh schon wissen. Etwa: Wie andere uns wahrnehmen, ist uns wichtig. Wie wir uns selber wahrnehmen ebenso. Obwohl: Armin Falk geht darüber hinaus und zeigt unter anderem auf, wie unser Anerkennungsbedürfnis für gute Zwecke eingesetzt werden kann, aber auch wo es zu moralisch zweifelhaftem Verhalten führt. „In solchen Situationen liegt es an uns zu entscheiden, wer wir sein wollen. “ Nicht nur in solchen Situationen …

Armin Falk ist kein Mann der Floskeln, sondern der klaren Worte. Wenn er also davon schreibt, dass Gesellschaften nur funktionieren, wenn ihre Bürger kooperieren. macht er das etwa an der Impfverweigerung fest, die er als „ein unkooperatives, antisoziales und zutiefst eigennütziges Verhalten“ bezeichnet. Und er folgert: „Es verdient die gesellschaftliche Ächtung genau wie andere Formen mangelnder Kooperation, sei es Korruption, Schwarzfahren, das Verbreiten von Lügen oder die Verschmutzung der Umwelt.“

Wissenschaft ist wesentlich durchs Messen gekennzeichnet. Das Problem der sogenannten Sozial-Wissenschaften liegt unter anderem darin, dass sich ganz vieles nicht wirklich messen lässt. Wenn etwa gefragt wird, ob uns moralisches Verhalten glücklich mache, geht man davon aus, dass glücklich eine Kategorie ist, die für alle dasselbe bedeutet, was, wie jeder weiss, eine ziemlich absurde Annahme ist. Zudem: Auch an die Vernunft appellierende Fragen führen nicht notwendigerweise zu vernünftigen Antworten. „Würden Sie jemanden zum Bürgermeister oder als Abgeordneten wählen, von dem Sie vermuten, dass er korrupt und zuallererst auf den eigenen Vorteil bedacht ist?“ Ich nicht, die meisten hingegen schon – ein Blick auf die Weltpolitik genügt.

Vieles in diesem Buch ist nichts anderes als gesunder Menschenverstand, auch wenn man es zum Beispiel Reziprozität nennt, denn es meint nichts anderes als Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.  Auch die Ratschläge des Autors – Positive Vorbilder schaffen, Andere mir Respekt behandeln, Sich ehrlich machen, Reputationseffekte nutzen etc. – sind den meisten kaum fremd. Wobei: Es ist durchaus sinnvoll, daran zu erinnern – anhand ganz vieler anregender Forschungen und mit dem wunderbaren Kästner-Zitat:  Es gibt nichts Gutes,  Ausser man tut es.

Woody Allen hat einmal gemeint, fast 50 Jahre Therapie hätten bei ihm nichts an seinen grundsätzlichen Problemen geändert, doch habe er ab und zu einen Schubs in die richtige Richtung gekriegt. So ist es mir mit diesem Buch ergangen.

Armin Falk
Warum es so schwer ist, ein guter Mensch zu sein
… und wie wir das ändern können: Antworten eines Verhaltensökonomen
Siedler, München 2022

Terry Miles: Rabbits

Ein unglaublich fesselnder Auftakt, selten hat mich ein Thriller-Anfang dermassen gepackt. Verraten werde ich ihn hier natürlich nicht … , nur soviel: vielversprechender kann man kaum beginnen.

Rabbits ist ein Online-Spiel, diejenigen, die es spielen, sind süchtig danach. Die WHO charakterisiert Online-Spielsucht als ein Spielverhalten, „das ausser Kontrolle gerät, und zwar so weit, dass Spielen im Internet wichtiger wird als andere Interessen und der Alltag und dass negative Folgen nicht mehr beachtet werden“, weshalb denn auch Hazel 8 (sie heisst so, weil sie die achte Runde gewonnen hat und dann verschwunden ist) rät, daran zu denken, „jemandem Bescheid zu sagen, bevor ihr aus dem Haus geht, um einem seltsamen Hinweis zu folgen, den niemand ausser euch für einen Hinweis hält.“

Der Erzähler von Rabbits heisst K. Er ist Waise, seine Eltern sind bei einem Unfall gestorben. Er ist auf sich alleine gestellt und hat zwei Freunde, Chloe und Baron, die einzigen zwei Menschen, auf die er sich verlässt. Und er ist ein begabter Spieler. „Wer Rabbits spielt, muss komplexe Muster, Verknüpfungen und Übereinstimmungen erkennen können.“ Auch darf man nicht darüber sprechen. Doch existiert dieses Spiel eigentlich?

Eines Tages wird K von Alan Scarpio, einer der reichsten Männer der Welt, aufgesucht, der ihm eröffnet, dass mit dem Spiel etwas nicht stimme – und dann spurlos verschwindet. K sieht Schatten an der Wand, wird fast von einem Auto überfahren, merkt, dass er sechs Stunden ohne Erinnerung ist. Auch mit seiner Wahrnehmung stimmt etwas nicht, ein psychischer Zusammenbruch wird diagnostiziert.

Der zunehmend verunsicherte K fragt Bekannte nach Rabbits; diese reagieren mit Angst und Panik, wollen weder darüber sprechen, noch daran erinnert werden. Dann wird Baron tot aufgefunden, kurz darauf erschiesst sich ein Politiker während einer Pressekonferenz vor laufender Kamera.

Autor Terry Miles versteht es ausgezeichnet, die Spannung aufrecht zu halten. „Wenn du Rabbits spielst, fallen dir Dinge auf, die andere Menschen nicht bemerken“, erläutert Hazel 8, die auch auf die Synchronizitäten von Carl Gustav Jung aufmerksam macht: „Nur weil es keinen sichtbaren kausalen Zusammenhang gibt, heisst das noch lange nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt.“ Deuten und Hinein-Geheimnissen kann man natürlich alles und jedes in Was-auch-Immer, doch tut man das, verliert man die üblichen Referenzpunkte und landet in einer Welt, in der Unsicherheit und Angst regieren.

„Es gibt Fakten, Muster und Gesetzmässigkeiten, jenseits der Welt, die Sie kennen, K.“ Von dieser jenseitigen Welt, in der weder Raum noch Zeit existieren und viele (aber eben nicht alle) Gewissheiten sich in Nichts auflösen, handelt dieser Thriller, in dem weitestgehend Algorithmen regieren.

Rabbits ist ein cleveres Spiel, das sich um die Frage dreht, was ist real, was nicht. Träume ich, bilde ich mir das ein, erlebe ich gerade ein erweitertes Bewusstsein, was wissen andere, was weiss ich? Es ist ein raffiniertes Verwirrspiel in der Welt der Computer Games, das Terry Miles hier vorführt, das in der Suche nach dem Grund des Ganzen gipfelt. Denn ohne Grund bzw. ohne Auflösung, das weiss jeder, geht so ziemlich gar keine Geschichte, und schon gar kein Thriller.

Terry Miles
Rabbits
Spiel um dein Leben
Penguin Verlag, München 2022

Clare Mac Cumhaill / Rachael Wiseman: The Quartet

Dieses Buch erzählt die Geschichte der vier Philosophinnen Mary Midgley, Iris Murdoch, Elizabeth Anscombe und Philippa Foot. Sie lernten „die Philosophie auf ihre eigene Weise zu betrachten: als eine uralte Form des menschlichen Erkenntnisstrebens, die über Tausende von Jahren hinweg durch das Gespräch am Leben erhalten wurde und deren Aufgabe es ist, uns kollektiv dabei zu helfen, uns in einer riesigen Welt zurechtzufinden, die jeden einzelnen von uns übersteigt.“

Im Mai 1956 soll dem ehemaligen US-Präsidenten Harry S. Truman in Oxford die Ehrendoktorwürde verliehen werden. Elizabeth Anscombe passt das gar nicht, denn Truman hatte mit seiner Unterschrift die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki genehmigt. „Den Pazifismus hält sie für eine ‚Irrlehre‘, und sie ist auch nicht gegen die Todesstrafe. Und dennoch beharrt sie darauf: Trumans Handeln ‚ist Mord‘; er hat ‚ein paar Massaker‘ auf dem Kerbholz.“

Elizabeth kam übrigens im Alter von 13 zum aktiven Philosophieren, ausgelöst durch die religiösen Schriften G.K. Chestertons, der auch glaubte den Beweis für das Prinzip erbracht zu haben, dass jedes Ereignis eine Ursache haben muss. Zwei oder drei Jahre strengte sie sich an und produzierte ‚fünf Fassungen eines angeblichen Beweises‘, „wobei jede von ihnen ‚denselben Fehler aufwies, obwohl er jedes Mal raffinierter versteckt war.’“

Als die vier Frauen in Oxford die Modern Greats (Philosophie, Politik und Wirtschaft) studierten, befand sich die Welt im Zweiten Weltkrieg, was den beiden Autorinnen Clare Mac Cumhaill und Rachael Wiseman auch die Möglichkeit gibt, mit aufschlussreichen zeitgeschichtlichen Anekdoten aufzuwarten. So wurde etwa in der Bodleian Library Blut gespendet, „es macht nichts, wenn die Spender Malaria gehabt haben.“ Und Neville Chamberlain hielt die Tschechoslowakei „für ein weit entferntes Land, dessen Namen die meisten Engländer seiner Meinung nach nicht buchstabieren konnten.“ Die Arroganz der britischen Oberschicht hat sich seither nicht verändert.

Apropos Oberschicht: Philippa Foot stammte, im Gegensatz zu Mary Midgley, Elizabeth Anscombe und Iris Murdoch, als Enkelin des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Grover Cleveland aus dieser Klasse, deren Sitten in der Zwischenkriegszeit vorsahen, dass junge Frauen sich weder über den Völkerbund, den Vertrag von Versailles noch die göttliche Vorsehung äussern sollten. Zudem: „Jeder Hauch von Gelehrsamkeit konnte tödlich sein. Brille zu tragen war eine Katastrophe.“

In Zeiten des Krieges gilt es sich zu positionieren. Ob man gegen Hitler kämpfen sollte, war für „eine nicht unbeträchtliche Minderheit von Oxfords Studenten und Dozenten“ eine schwierigere Frage als für uns Heutige, da man damals weit weniger über Hitlers Schreckensherrschaft wusste. In ihrem ersten Pamphlet warnte Elizabeth Anscombe, Gefühle dürften „die Menschen nicht blind machen für ihre Pflicht, vor ihrem Handeln sorgfältig zu prüfen, ob das, was sie zu tun gedenken, gerechtfertigt sei.“

Als von Wittgenstein Begeisterter war ich besonders davon angetan wie Elizabeth Anscombe diesen grossen Eigenwilligen kennenlernte, denn dieser war bekannt und gefürchtet für das Chaos, das er im Leben der Menschen um ihn herum anrichtete. „Sie besass zwei Eigenschaften, die sie geeignet machten, seine Gesprächspartnerin und philosophische Freundin zu werden: Erstens, sie war fundamental verwirrt (…) Die zweite Eigenschaft war: Sie hatte einen religiösen Glauben, dem sie ihre Ernsthaftigkeit verdankte.“ Wunderbar getroffen!

Als sie von Oxford nach Cambridge umzieht, kriegt sie sowohl von Bertrand Russell als auch von Ludwig Wittgenstein Empfehlungen. Ihr Stipendium wird trotzdem abgelehnt. Die beiden Autorinnen kommentieren: „Möglich, dass der letzte Satz des Antrags den Ausschuss verärgerte: ‚Was die Schlussfolgerung betrifft, so weiss ich darüber noch überhaupt nichts.“ Nichts könnte das herrschende System besser charakterisieren als die Notwendigkeit, seinen Vorgaben zu entsprechen. Das wirkliche Leben hat im bürokratischen Ablauf keinen Platz.

Philippa Foot beschäftigte sich ihr Leben lang mit der Frage: „Kann es eine säkulare Philosophie geben, die mit dieser Sprache der Moral von objektiven moralischen Wahrheiten sprechen kann? Sie war überzeugt, dass Ayers moralischer Subjektivismus auf einem Denkfehler beruhen müsse und dass es ihre Aufgabe sei, diesen Denkfehler zu finden.“ Auch Mary Midgley, Iris Murdoch und Elizabeth Anscombe wollten „eine Welt mit objektiven moralischen Werten, anhand derer Handlungen als falsch oder schlecht und nicht nur als widersprüchlich oder unlogisch klassifiziert werden können.“

Im Zentrum dieses Buches stehen die Lebensumstände der vier Frauen und das meint natürlich auch die Zeit, in der sie gelebt haben, und die für ihr Denken zentral gewesen ist. Damit ist es auch ein Dokument dessen, was die vier wesentlich ausmacht – eine Philosophie von Menschen mit einem wirklichen Leben; keine philosophische Spekulation, sondern ein Denken, das sich an dem real existierenden Individuum orientiert.

The Quartet ist ein ungeheuer dichtes Werk, das äusserst detailliert darüber Auskunft gibt, wie in der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Oxford philosophiert wurde. Auseinandersetzungen mit Hume, Kant und vielen anderen Philosophen figurieren dabei prominent. Was dieses Buch zudem höchst aufschlussreich macht, ist, dass die Philosophie hier gleichsam in den Alltag eingebettet ist, denn das Leben in London während des Krieges (so wurden etwa in den ersten zwei Kriegswochen auf Anraten der Regierung mindestens 400 000 Hunde und Katzen von ihren Besitzern getötet worden) und die Lebensumstände der vier Frauen werden ausführlich geschildert.

Clare Mac Cumhaill und Rachael Wiseman legen mit The Quartet ein Plädoyer fürs Denken vor, denn von diesem hängt wesentlich ab wie wir leben. In den Worten von Mary Midgley aus dem Jahre 2018: „Was letztlich mit uns geschieht, wird immer noch von menschlichen Entscheidungen bestimmt. Selbst die allerbesten Maschinen können keine besserer Entscheidungen treffen als die Menschen, die sie programmieren. Wir sollten also lieber unseren Verstand benutzen, anstatt darauf zu warten, dass Sachen die Dinge für uns regeln werden.“

Fazit: Eine gut geschriebene, spannende Einführung in philosophisches Denken, die auch dadurch besticht, dass sie im wirklichen Leben angesiedelt ist. Sowie eine eindrückliche Fleissarbeit – ein höchst anregendes Werk.

Clare Mac Cumhaill / Rachael Wiseman
The Quartet
Wie vier Frauen die Philosophie zurück ins Leben brachten
C.H.Beck, München 2022

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