Abdulrazak Gurnah: Ferne Gestade

Als Saleh Omar auf dem Flughafen Gatwick landet, hat er eine Mahagonischachtel mit Weihrauch bei sich, deren Herkunft (und was drumherum erzählt wird) sich wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht liest. Der Inhaber eines Möbelgeschäfts („… ich habe mich immer schon für Möbel interessiert. Zumindest beschweren sie uns und sorgen davor, auf die Bäume zu klettern und nackt ein Geheul anzustimmen, wenn uns der Schrecken unseres nutzlosen Daseins überkommt.“), Ehemann und Vater, bittet um Asyl. Dabei gibt er vor, weil ihm das geraten wurde, kein Englisch zu sprechen. Der Dolmetscher, der ihm gestellt werden soll, Latif Mahmud, stammt ebenfalls aus Sansibar und entpuppt als Bekannter. Die beiden verbindet eine gemeinsame Geschichte und diese macht einen grossen Teil dieses Buches aus.

Da ich seit rund 14 Jahren bei Asylverfahren dolmetsche, interessieren mich die Gedanken des Asylbewerbers Saleh Omar ganz besonders, denn diese kriegt man ja während des Verfahrens so nicht mit. Doch zuerst einmal hat er es mit dem Grenzbeamten zu tun, der ihm davon abrät, Asyl zu beantragen. „Es kann Jahre dauern, bis ihr Antrag bearbeitet ist, und dann schickt man Sie vielleicht trotzdem zurück (…) Das hier ist etwas für junge Männer, dieses Asyl-Spiel, denn es geht doch eigentlich nur darum, in Europa Arbeit und Wohlstand zu finden, oder?“

Alte Leute, die um Asyl nachsuchen, sind bei den Behörden wenig beliebt. „… zu alt, um in einem Krankenhaus zu arbeiten, zu alt, um einen künftigen Cricket-Nationalspieler zu zeugen, eigentlich für alles zu alt – mit Ausnahme von Sozialleistungen, betreutem Wohnen und staatlich bezuschusster Einäscherung.“ Eigenwilliger und trefflicher hat man das kapitalistische Wertesystem selten beschrieben. Wunderbar subtil auch, wie er die Engländer beschreibt, bei denen er unterkommen soll. „Engländern wie Mick und Celia war ich noch nie zuvor begegnet – sie mit ihrer kleinlichen und willkürlichen Mütterlichkeit und der sexuellen Färbung in ihren Bewegungen, die zu deutlich war, um nicht aufzufallen; er mit seinem Erscheinungsbild wohlgesonnener Hinfälligkeit.“

Dolmetscher Latif Mahmud unterrichtet an der Universität. Genau wie der Autor, weshalb ich denn auch (was Literatur-Diplomierte instruiert werden nicht zu tun) diese Sätze als mit Schmunzeln vorgetragene Selbstauskunft des Autors lese. „Ich verabscheue Gedichte. Ich lese und unterrichte sie und verabscheue sie. Ich schreibe sogar selber welche.“

Ich habe übrigens oft geschmunzelt bei der Lektüre von Ferne Gestade – der feinen, originellen und witzigen Formulierungen wegen. Als der Präsident seines Landes, von Amerika hofiert und zum Staatsbesuch nach Washington eingeladen, wurde dies auch gefilmt. „Der Film über diese Visite, der unseren Präsidenten zeigt, wie er lächelnd neben dem Herrscher über Hollywood und Rock ’n‘ Roll auf dem Rasen des Weissen Hauses steht, wurde bei uns wochenlang als Vorfilm in den Kinos gezeigt.“

Wunderbar gelungen ist auch die Schilderung von Latif Mahmuds Werdegang, dem zuerst ein Studium der Zahnmedizin in der damaligen DDR vorgeschlagen wurde, dann eines in Medizin …, doch ich ich will hier nicht vorgreifen. Nur dies: Seine Mutter, die Geliebte des zuständigen Ministers, spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle; der Vater hingegen ersetzte seine Barbesuche durch die Hingabe an Gott. „Es schien als hätte sich die Zentralachse seines Seins verlagert, sodass er jetzt in einer anderen Sphäre lebte als zuvor und dort auf Schwingungen reagierte, die allein er wahrnahm.“

Abdulrazak Gurnah sei ein wahrer Schriftsteller, der etwas über die Welt zu sagen habe, schrieb der Londoner Guardian, eine überaus treffende Aussage, die das Innehalten lohnt – und mir unter anderem zu Bewusstsein bringt, dass eher selten ist, dass jemand, der schreibt, auch wirklich etwas über die Welt zu sagen hat. Und wie selten Autoren so begnadete Menschenzeichner sind wie dieser.

„… der Hausmeister des Studentenwohnheims. Ein Mann in mittleren Jahren, der nie oder nur selten lächelte, die Studenten ansah, als wären sie eine unbegreifliche Erscheinung, und seinen Arbeiten nachging, als handelte es sich um Zumutungen. Das beruhigte mich ein wenig, denn in dieser Hinsicht war er genau wie der Hausmeister meiner alten Schule …“.

Ferne Gestade ist ganz vieles in Einem: Ein Eintauchen ins Leben in Sansibar, eine Zeitreise in die ehemalige DDR, ein Erfahrungsbericht über das britische Asylwesen. Und nicht zuletzt ein aussergewöhnlich gut geschriebenen Werk, das aufschlussreiche Einblicke in die Kolonialgeschichte aus der Sicht der Kolonisierten vermittelt, die vor allem erfahren mussten, dass die Kolonialmächte (Briten, Amerikaner, Chinesen, Russen, Ostdeutsche) sich nicht im geringsten für sie interessierten, sondern gemäss ihrer eigenen Agenda lebten.

Fazit: Ein wesentliches Buch, wunderbar erhellend. Und ein Lesevergnügen der Sonderklasse!

Abdulrazak Gurnah
Ferne Gestade
Penguin Verlag. München 2022

Bernd Hontschik: Heile und Herrsche!

Wir leben in Zeiten, in denen die Profitmaximierung über allem steht. In so ziemlich jedem Bereich, einschliesslich dem Gesundheitswesen, was so recht eigentlich absurder nicht sein könnte, wenn denn der gesunde Menschenverstand von Relevanz wäre. Nur eben: Er ist es nicht. Leider.

In den USA sind privat geführte Gefängnisse gang und gäbe; nächstens kommt womöglich die Feuerwehr dazu, die natürlich dann auch beweisen muss, dass sie wirklich nötig ist – vermutlich durch das Legen von Bränden. Durchgeknallter als der von der Sucht nach immer mehr getriebene Mensch geht kaum.

Der Chirurg Bernd Hontschik, geboren 1952, zitiert Marx und Engels. „Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“ Ich bin mir nicht sicher, ob das so schlecht ist; ich denke, daran ist viel Positives. Doch dem Autor geht es um etwas anderes – um die Privatisierung, und diese kommt bekanntlich von privare (berauben), womit so ziemlich alles gesagt wäre.

Die moderne Welt zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass alles möglichst verkompliziert wird. Wir kennen das aus der Finanzindustrie, deren neu entwickelte Instrumente selbst Insider nicht zu verstehen scheinen. Und es gilt auch für das Gesundheitssystem. „Diese Gesundheitswesen verstehen selbst Eingeweihte kaum noch bis ins Detail, denn sie werden seit Jahren und Jahrzehnten in immer höherer Frequenz mit immer neuen sogenannten Gesundheitsreformen modifiziert.“

Zu den Pfeilern dieses Systems gehören die Krankenkassen, die wie alle sozialen Errungenschaften erkämpft werden mussten, was der Autor sehr schön darlegt. Dabei wehrt er sich auch heftig gegen die Einführung des Schuldprinzips, aus überzeugenden Gründen, wie ich finde, obwohl es mich stört, dass der Begriff der Schuld zu einem gesellschaftlichen Tabu verkommen ist. Keine Talkshow, die ohne die Formulierung „Wir wollen hier keine Schuldzuweisungen vornehmen“ auskommt.

Dass etwas kostendeckend zu sein hat, daran zweifelt heute kaum noch jemand. Und was Unternehmensberater eigentlich in Kliniken zu suchen haben, fragen sich nur noch Leute, denen nicht selbstverständlich ist, dass sich alles um Effizienz zu drehen hat. Angetrieben wird dieses Denken von der Gier.

Mit Gier ist übrigens auch eines der Kapitel in diesem höchst aufschlussreichen Aufklärungsbuch überschrieben. Es beginnt so: „Verwirrende Begriffe: ‚Medizin‘ wird mit ‚Medikament‘ gleichgesetzt. Oder verwechselt. Man nimmt seine ‚Medizin‘ ein. Um die Medizin, also das Medikament, dreht sich alles. Die Medizin, also die Heilkunde, wird auf die Medizin, also das Medikament, reduziert. Und daher ist die Pharmaindustrie so mächtig. Man ist ihr ausgeliefert.“ Und die Politik, vermag die denn gar nichts? Nun ja, was sind Politiker (von denen einige vielleicht einmal von Idealen beseelt sein mochten) denn anderes als Sprachrohre der Industrie?

Auch mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens setzt sich Bernd Hontschik in seiner Streitschrift auseinander. „Wer die Verfügungsgewalt über Daten hat, der hat die Macht – je mehr Daten, desto mehr Macht.“ Datenschutz, ein recht zahnloses Gebilde, hilft leider wenig gegen die Gier des Menschen nach Mehr-Mehr-Mehr.

Es gilt, grundsätzlich zu fragen: Worum soll es in der Medizin eigentlich gehen? Um den Menschen, also um Patienten und Patientinnen sowie um Ärzte und Ärztinnen und ihr Verhältnis zueinander. Der eigentliche Kern der Medizin, so Bernd Hontschik, sei das Menschenbild. Und genau damit, mit unserem Menschenbild, müssen wir uns auseinandersetzen, wenn wir nicht zu gut funktionierenden Gegenständen eines Profit-Programms werden wollen.

Fazit: Aufschlussreich und nützlich, anregend und wesentlich.

Bernd Hontschik
Heile und Herrsche!
Eine gesundheitspolitische Tragödie
Westend, Frankfurt am Main 2022

Laurence C. Smith: Weltgeschichte der Flüsse

Luftaufnahmen hätten gezeigt, dass die Geschichte Thailands ganz neu geschrieben werden müsse, sagte der Mann in der Lobby „meines“ Hotels in Prachuap Khiri Khan. Ob er das etwas ausführen könne?, fragte ich ihn, der sich als Geografie-Professor an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok entpuppte. Was man seit alters her für Landstrassen gehalten habe, seien in Wirklichkeit Flüsse gewesen, erklärte er und fügte hinzu: Die Luftaufnahmen machten es möglich, dass man die Muster erkennen könne. Und genau darauf komme es an: Die Muster zu erkennen.

Dieses Zusammentreffen ging mir durch den Kopf als ich Weltgeschichte der Flüsse zur Hand nahm, das sich einreiht in die gut geschriebenen und mit anregenden Gedanken aufwartenden Bücher von an renommierten Universitäten lehrenden Dozenten, die sich im intellektuellen Wettbewerb zu behaupten haben. Der Autor unterrichtet an der Brown University, erhielt mehrere Preise, beriet die US-Regierung in Fragen des Klimawandels usw. … Kurz und gut: Ich erwartete eine konventionell-gescheite Fleissarbeit (die Dankesliste an die Mitarbeitenden ist eindrücklich) – und genau die kriegte ich auch.

„Mit den ersten Regenfällen hat sich die Welt für immer verändert“, lautet der erste Satz. Originell, zugegeben, obwohl man das von so ziemlich allem anderen auch hätte sagen können. Vom Käse zum Beispiel. Oder vom ersten PC. Oder von McDonalds. Flüsse, so der Autor, bringen uns fünf grundlegende Vorteile: „Zugang, natürliches Kapital, Land, Wohlbefinden und ein Mittel zur Machtausübung.“ Dazu kommt: Man kann sie nicht besitzen. Ein Rechtsgrundsatz, der nicht selbstverständlich ist, denn „es ist äusserst verbreitet, dass Land, Bäume, Mineralien und Wasser aus anderen natürlichen Ressourcen (z.B. Quellen, Teichen, Grundwasser) als Privateigentum gelten.“

Weltgeschichte der Flüsse ist reich an überaus aufschlussreichen Geschichten. Etwa über Nelson Mandela, den Quasi-Heiligen der Weltpolitik, der vier Jahre nach seinem Amtsantritt seinem Untergebenen Buthelezi den Auftrag gab, den Katse-Staudamm in Lesotho einzunehmen. Das passt nicht so recht ins Bild, ist jedoch wahr: Nobelpreisträger Mandela lässt ein Nachbarland überfallen. Wegen der Wassersicherheit Südafrikas. „Möglicherweise sagt das weniger über ihn aus als über die gewaltige Bedeutung von Flüssen.“ An Laurence C. Smith ist ein Diplomat verloren gegangen.

Auch „Das geteilte Amerika“ wird abgehandelt. Nicht das von Heute, sondern das, welches den blutigsten Krieg in der Geschichte des Landes zur Folge hatte. Vier Jahre dauerte der Bürgerkrieg, bei dem der Mississippi grosse strategische Bedeutung besass. Und es wird darüber spekuliert, dass der Zweite Weltkrieg hätte vermieden werden können, wenn der deutsche Junge Johann Kühberger aus Passau Adolf Hitler nicht aus dem Inn gezogen und ihn vor dem Ertrinken gerettet hätte …

Es gehört zu den faszinierendsten Erfahrungen überhaupt, zu erleben wie sich die eigene Sicht auf die Welt ändert, wenn man sie durch einen ganz speziellen Winkel betrachtet. Legt man sein Augenmerk aufs Wasser bzw. auf die Flüsse, werden bisherige Gewissheiten erschüttert und man sieht alles in einem sehr anderen Licht. In diesem Sinne ist dieses Werk eine ganz wunderbare und hoch willkommene Horizonterweiterung.

„… bis in die jüngste Vergangenheit war den Flüssen zu folgen die hauptsächliche Methode, wie Menschen reisten und das Innere von Kontinenten erforschten.“ Schade, denkt es so in mir, dass immer mehr Flüsse zubetoniert werden und Strassen weichen müssen – wir scheinen nicht genug schnell durchs Leben kommen zu können.

„In dem Masse, in dem die Nachfrage nach Wasserressourcen steigt und sich geopolitische Machtkonstellationen verändern, wird sich auch das Wesen kooperativer multinationaler Vereinbarungen zur gemeinsamen Kooperation von Flüssen ändern.“ Am Beispiel des Mekong zeigt Laurence C. Smith eindrücklich auf, was das praktisch bedeutet.

Auf den Vietnamkrieg geht er ein (und die berührende Geschichte des heutigen Kriegsveteranen Richard Lorman) und davon was für eine Verwüstung Hurrikans in Texas und Lousiana anrichteten – bevor der Mississippi in die Stadt New Orleans strömte, lag die Gesamtbevölkerung um ein Viertel höher. Von Trends berichtet er, die Auskunft geben über unser sich wandelndes Verhältnis zu Flüssen – so führte etwa die Abwanderung von Schwerindustrie, Schiffsbau und verarbeitender Industrie zur Schliessung und zum Verfall vieler am Wasser gelegener Industriegelände.

Weltgeschichte der Flüsse offeriert uns nicht zuletzt eine ungewöhnliche und ungemein anregende Sicht auf unsere Welt der „Megacities“, die fast alle einen Fluss haben, mit dem sie interagieren. Vor allem hilfreich fand ich, wie der Autor seine eigenen Erfahrungen mit Flüssen beschreibt: „Sie lehrten mich Konzentration und Zufriedenheit, während ich allein war, und die Wahrnehmung von Schönheit in einfachen Dingen.“

Laurence C. Smith
Weltgeschichte der Flüsse
Wie mächtige Ströme Reiche schufen, Kulturen zerstörten und unsere Zivilisation prägen
Siedler, München 2022

Jörg Lauster: Das Christentum

Getauft, Ministrant, Klosterschule bis zum Rauswurf nach drei Jahren – man müsste annehmen, das Christentum sei mir einigermassen vertraut. Ist es auch, hauptsächlich in der Vertrautheit mit Schuldgefühlen, einzelnen katholischen Priestern, deren Integrität ich bewundere, und dem absoluten Unverständnis in Sachen Dreifaltigkeit, die sich mir nicht einmal im Ansatz erschliesst. Mit anderen Worten: Ich bin das ideale Zielpublikum für das vorliegende Buch, das merke ich schon nach den ersten Seiten, die mich regelrecht begeistern. Dies ist auf das Talent des Autors zurückzuführen, Wesentliches auf einfache Art und Weise vermitteln zu können.

„Es gab in der Antike viele Wundertäter und Prediger. Das Erstaunliche ist, dass dieser eine, der sein Leben der Herrschaft Gottes verschrieb und dafür sterben musste, weit über seine Zeit und sein Wirkungsfeld hinaus Anhänger fand.“ Erstaunlich in der Tat, doch ist es wirklich so wie der nachfolgende Satz behauptet? „Seit zweitausend Jahren leben Menschen in vielfältigen sozialen Gestalten, religiösen Riten und ideellen Ressourcen aus der Kraft des Anbruchs des Reiches Gottes in Jesus Christus.“ Warum ich mich das frage? Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was das Leben Jesu (und in diesem manifestiert sich das Reich Gottes) mit der Institution Kirche, wie ich sie wahrnehme, zu tun haben könnte.

Was wir über das Leben Jesu wissen, wissen wir vorwiegend aus den Evangelien, von denen Professor Lauster schreibt: „Sie wurden allerdings von Menschen überliefert, die nicht einfach aufzeichneten, wie etwas war, sondern bezeugen wollten, wie das, was war, in ihnen fortwirkte.“ Ein überaus erhellender Satz, der auch deutlich macht, welchen Problemen die wissenschaftliche Bibelforschung gegenübersteht. Erinnert hat er mich auch an Ajahn Sumedho, einen amerikanischen Theravada-Mönch, der einen Vortrag mit den Worten schloss: „Sollten Sie zum Schluss kommen, meine Ausführungen seien interessant gewesen, dann haben Sie mich gründlich missverstanden. Hilfreich sollten sie gewesen sein und das meint: Einen Unterschied in Ihrem Leben machen.“ Offenbar haben Lehren und Leben Jesu im Leben der Apostel einen Unterschied gemacht. Und im Leben der zeitgenössischen Gläubigen? Die Botschaft Jesu verträgt sich nämlich nicht mit den Gesetzen der Welt. Und: „Ein Leben aus der Gottesherrschaft bedeutet bedingungslose Ernsthaftigkeit.“ Ich frage mich, wo ich diese heute sehen könnte.

Die frühen Christen wollten sich nicht in den Staat integrieren, wurden verfolgt, nicht wenige starben als Märtyrer. Dass das Christentum später Staatsreligion wurde, hat damit zu tun, dass es ungemein wandlungsfähig ist und dabei auch nicht vor schweren Sündenfällen (!) Halt macht. „Im Sklavenhandel tritt eine tiefe Doppelgesichtigkeit der europäischen Kultur ans Licht: Ökonomisches Gewinnstreben steht im dauerhaften Widerspruch zu den humanistisches Idealen.“

So recht eigentlich komme ich aus dem Staunen gar nicht heraus, was natürlich auch mit meiner Ignoranz und meinem eurozentrischen Weltbild zu tun hat. So wusste ich gar nicht, dass der Katholizismus in Südkorea präsent, geschweige denn im Wachsen ist. Auch dass das Christentum weltweit eine wachsende Religion ist, „allerdings in sehr verschiedenen Erscheinungsformen“, war mir nicht geläufig.

Das Christentum ist in vier Teile gegliedert: Das Christentum in der Geschichte. Lebensformen des Christentums. Motive des Christentums. Das Jenseits als die Kraft des Diesseits.

„Ein Christsein ohne Kirche gibt es nicht – so wie es keine Kirche ohne Christinnen und Christen gibt.“ Auch wenn man allein beten kann, das Gemeinschaftliche ist sowohl Wesen als auch Ideal und zeigt sich unter anderem im Ritus.

Das christliche Weltbild versteht den Mensch als nicht von Natur aus gut, doch fähig, gut zu werden und in der Welt Gutes zu tun. Dazu gehört, sich der Sünden zu entledigen. Professor Lausters Ausführungen zur Sünde sind ein Augenöffner. „Mit ‚Sünde‘ ist die Erfahrung gemeint, dass Menschen dauerhaft das verfehlen, was sie sein könnten. Dabei scheitern sie nicht allein an den Umständen einer widrigen Welt, sondern immer auch an sich selber.“

Das Christentum ist ein ungemein anregendes Werk, das profund informiert und mir vor Augen führt, was mir nur sehr vage bewusst, doch nicht wirklich klar war. Etwa: „Nach Nordamerika gelangten die Europäer zunächst als Flüchtlinge, in Lateinamerika traten sie von Anfang an als Eroberer und Ausbeuter auf.“ Kein Wunder, waren die Ausprägungen ihres Glaubens sehr verschieden – dass sie sich jedoch derart variantenreich entwickelten, zeigt, neben vielem Anderen, dieses Buch auf.

Fazit: Erhellend und hilfreich.

Jörg Lauster
Das Christentum
Geschichte, Lebensformen, Kultur
C.H. Beck, München 2022

Rebecca Wragg Sykes: Der verkannte Mensch

Woher kommen wir eigentlich? gehört zu den Fragen die Archäologen beschäftigen. Ihre Antworten darauf haben sich im Laufe der Zeit verändert, da sich die Forschungsmethoden entwickelt und die Informationen ständig zugenommen haben. So ist es mittlerweile möglich aus unscheinbaren Knochensplittern ganze Genome zu rekonstruieren – wir wissen heute, dass wir den Neandertalern genetisch näher stehen als bisher angenommen, trotzdem hält sich das Stereotyp „der zerlumpten und frierenden Kreatur in der Eiswüste, die mit letzte Kraft bis zur Ankunft des Homo sapiens ausharrt, um dann tot umzufallen …“.

Mich erfasst regelmässig ungläubiges Staunen (gemischt mit Skepsis), wenn ich davon lese, dass die Vorfahren meiner Augen vor über 500 Millionen Jahren das Licht der Welt erblickten oder dass die Gattung Homo, der Vorfahr von Neandertaler und Sapiens, vor etwa zwei Millionen Jahren die Bühne betreten haben soll. Woher kann man das bloss wissen? Etwa, so die Archäologen, aufgrund überraschender Funde. So legten zum Beispiel, das war 2013, Stürme und Gezeiten an der Nordseeküste des britischen Grafschaft Norfolk 900 000 Jahre alten Schlicksand frei. „An der Oberfläche fanden sich rätselhafte Spuren, bei denen es sich um Dutzende Fussabdrücke einer kleinen Gruppe von Homininen handelte, die von der damaligen Themsemündung flussaufwärts gingen. Innerhalb von zwei Wochen hatten die Gezeiten die Abdrücke wieder fortgespült, doch dreidimensionale Aufnahmen zeigten, dass sie von einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit mindestens einem Erwachsenen stammen mussten.“

Der verkannte Mensch ist gut geschrieben und lehrt mich unter anderem, dass für Archäologen nicht nur die Fundorte wichtig, sondern auch wie diese entstanden sind. „Die Launen von jahrtausendealter Erosion und Konservation haben uns nur Bruchstücke hinterlassen.“ Mit anderen Worten: Der Fundkontext ist entscheidend – und Rebecca Wragg Sykes‘ Ausführungen dazu sind lehrreich und spannend. Auch ist mir deutlich geworden, wie sehr unsere Erklärungen dem Wandel unterliegen – was zur Zeit Virchows, dem Pionier der Zellpathologie, als plausibel galt, mutet die Wissenschaftler von heute absurd an.

„Es ist erstaunlich, dass es von den vielen Millionen Neandertalern, die einst auf diesem Planeten gelebt haben, nur die Überreste von zwei- bis dreihundert Individuen durch die Mühlen von Zeit und Fossilisation zu uns geschafft haben, und die meisten auch nur in Form einzelner Knochen oder Kieferstücke, an die sich wacker ein paar Zähne klammern.“ Apropos Zähne: Den meisten Neandertalern hätte ein Zahnarztbesuch nicht geschadet, konstatiert Rebecca Wragg Sykes trocken.

Die Autorin gibt unter anderem Einblicke in die Forschung und demonstriert dabei auch, was gute Forschung ausmacht. „Wie diese Fälle zeigen, ist keine Fundstätte wie die andere. Interpretation verlangt Zurückhaltung, vor allem bei der Suche nach Sterblichkeitsmustern.“ Ich wunder mich, was man alles herausfinden kann, wobei mir unerfindlich geblieben ist, wie man das letztlich tut. Sicher, dass jemand Kopfverletzungen erlitten hat, ist nachvollziehbar, doch wie man herausfinden kann, ob jemand schwerhörig oder teilweise oder ganz blind gewesen ist, bleibt mir ein Rätsel.

Wenig erstaunt hat mich, dass die Neandertaler offenbar gute Recycler waren. Gefragt habe ich mich jedoch, wie sie wohl ihre Tage verbrachten und freute mich dann an dieser sehr englischen Formulierung, die ihre alltäglichen Aufgaben so zusammenfasste: „ausgeruht oder groggy aufstehen, Kinder füttern, Steine schlagen, Tiere jagen.“

Der verkannte Mensch ist auch ein Buch darüber, vor was für Herausforderungen Archäologen (Frauen wie Männer) stehen. „Um zu verstehen, was ein bestimmter Ort für das Verhalten der Neandertaler bedeutet, muss man wissen, was sie dort taten und wie lange sie sich dort aufhielten. Doch selbst mit noch so präzisen Altersbestimmungen noch so winziger Proben lassen sich in den meisten Fundstätten bewohnte Phasen lediglich mit einer Genauigkeit von einem Jahrtausend datieren.“

Je tiefer man gräbt, desto älter sind die Schichten sein, auf die man stösst. Und so darf man füglich schliessen, dass die Erde älter sein muss als die wenigen Jahrtausende, die die Bibel ihr zugesteht. Die durch den Klimawandel zu erwartende Erderwärmung, werden wohl auch Schichten freilegen, die bis anhin vereist waren. „Mit der grossen Schmelze könnten wir den Neandertalern nun ein weiteres Mal begegnen: Irgendwo im 50 000 Jahre alten Torf, der sich noch im Griff des Dauerfrosts befindet, liegt mit Sicherheit ein weiterer Körper.“

Rebecca Wragg Sykes macht auch darauf aufmerksam, dass Neandertaler nicht nur die Fantasie von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen beschäftigen, auch Fantasy-Romane haben sich ihrer angenommen, und in William Goldings Die Erben (1955) werden sie gar zum ultimativen Aggressor. „Dabei sind wir, nicht sie, die unersättlichen Raubtiere, die nicht imstande sind, den Neandertalern Vernunft und Mitgefühl zuzugestehen.“ Projektionen zu erkennen, gehört nicht zu den Vorzügen der modernen Menschen.

Der gegenwärtige Stand der Forschung – und von diesem berichtet dieses Buch – geht davon aus, dass Neandertaler kaum älter als dreissig wurden, es zwischen ihnen und uns zwar körperliche Unterschiede gibt, doch wir im Wesentlichen „zwei eigene Varianten des Menschen sind.“ Sie stehen uns genetisch näher als bisher angenommen. Anders gesagt: Wir sind weit weniger speziell als wir glauben.

Rebecca Wragg Sykes
Der verkannte Mensch
Ein neuer Blick auf Leben, Liebe und Kunst der Neandertaler
Goldmann, München 2022

Peter Linebaugh & Marcus Rediker: Die vielköpfige Hydra

Ich hatte eine recht vage Vorstellung von diesem Buch als ich mich um ein Rezensionsexemplar bemühte – eine Geschichte von unten schwebte mir vor, bei der nicht die üblichen „Prominenten“ im Vordergrund stehen. Als ich dann im Vorwort auf Bertolt Brecht und diese zutiefst wahren Antworten auf die Frage „Wer baute das siebentorige Theben?“ stosse: „In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ bin ich positivist eingestimmt auf dieses mit dem „Labor History Award“ ausgezeichnete Werk, doch schon bald einmal gab ich auf, zu sehr erinnerte mich das an die Schule, die einen mit Details zuschüttete, unter denen man zu ersticken drohte. Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen.

„Hauen und Tragen (gemeint ist Holz hauen und Wasser tragen) suggerieren zeitlose Mühen, aber in Wirklichkeit stammt der Begriff aus der Frühphase des Kapitalismus. William Tyndale prägte ihn in seiner Übersetzung des Alten Testaments im Jahre 1530, und er taucht in zwei unterschiedlichen Bibelpassagen auf. Die erste findet sich in 5. Mose 29, wo Moses auf Jahwes Befehl in einen Bund eintritt. Der erinnert das Volk Israel an den Auszug aus Ägypten, die vierzig Jahre in der Wüste, die Eroberungsschlachten. Er ruft die Häupter der Stämme zusammen (…) Die zweite Passage findet sich in Josua 9, 21: ‚Und die Obersten sprachen weiter zu ihnen: Lasst sie leben, damit sie Holzhauer und Wasserträger seien für die ganze Gemeinde.‘ Zwei Verse später wird der Strafcharakter (…) Für die afrikanischen, europäischen und amerikanischen Holzhauer und Wasserträger des frühen 17. Jahrhunderts war die Arbeit Fluch und Strafe zugleich. Diese Arbeiter waren notwendig für das Wachstum des Kapitalismus …“.

Kurz und gut: Ich fühle mich nicht imstande dieses Werk kritisch zu würdigen – ich bin weder Historiker, noch verfüge ich über das notwendige Grundwissen, um die Ausführungen in diesem Buch beurteilen zu können. Deshalb werde ich mich hier auf das Präsentieren einiger ganz willkürlich ausgewählter Gedanken beschränken, die ich ungemein anregend gefunden habe.

„Was den Besitz betrifft, so hat Gott folgendes Gebot erlassen: Du sollst nicht stehlen“, schrieb Thomas Rainborough. Und Hugo Grotius fragte: „Kann eine Nation (…) etwas entdecken, das schon jemand anderem gehört?“ Wer Enteignung derart einfach auf den Punkt bringen kann, hat Wesentliches verstanden.

Faszinierend auch, wie Flüsse gesehen werden können. „Aber die Ideen, für die er (Thomas Rainborough) in Putney gestanden hatte, sollten die Themse hinunterfliessen und Hunderttausende Seeleute, Bootsleute und Kahnsleute erreichen, die England mit dem atlantischen hydrographischen System verbanden, Für den Abolinisten Thomas Clarkson waren Flüsse ein Symbol der Freiheit; für den Schmied der irischen Seele James Joyce waren sie Sprachübermittler. Ein zeitgenössischer Erforscher der Flüsse schreibt: ‚ Sie nehmen ständig neue Feststoffe auf und laden sie woanders wieder ab.’“

Verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass sich Shakespeare in Der Sturm „mit Fragen der Autorität und Klassendisziplin“ befasste. Die Auseinandersetzung mit diesem Werk ist übrigens ausgesprochen differenziert, die Ausführungen etwa zu dem Begriff motley crew linguistisch hoch interessant, Gleichzeitig gilt jedoch, was im Talmud so ausgedrückt wird: Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.

Das gilt wohl auch für den Einfluss, den die Autoren Schriften etwa David Walkers Appeal to the Coloured Citizens of the World, but in particular, and very expressly, to those of the United States of America (1829) zuschreiben, der unter anderem „die Gemetzel, Grausamkeiten und Morde, die die Sklaverei mit sich brachte“ anprangerte und vom dem behauptet wird: „Sein Appeal, der stark auf die apokalyptisch.prophetische Tradition Hesekiels und Jesajas zurückgriff, wurde schnell zum Manifest panafrikanischer Freiheit.“

Die vielköpfige Hydra ist ein gelehrtes Werk, es richtet sich an einschlägig Gebildete. Es ist ein Dokument des Widerstands gegen den sich über die Meere ausbreitenden Kapitalismus von 1600 bis 1835, ein Widerstand, in dem interessanterweise weder die nationale Herkunft, noch Hautfarbe und Geschlecht eine dominierende Rolle spielten, und der sich auch darin manifestierte, dass neue Formen der Zusammenarbeit und der Selbstorganisation entstanden.

Peter Linebaugh & Marcus Rediker
Die vielköpfige Hydra
Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks
Assoziation A, Berlin Hamburg 2022

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