
Walensee mit Churfirsten, 17 Dezember 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Walensee mit Churfirsten, 17 Dezember 2020
Did Frank love nature or fair play?, heisst es in Evelyn Waughs The Loved One. Martin Bleif sieht hingegen Fairness nicht als Gegensatz zur Natur, sondern als „eine universelle, kulturunabhängige, menschliche Eigenschaft“, die, wie auch der Sinn für Gerechtigkeit und Empathie, „im Gespür für gemeinsame Ziele und gegenseitige Abhängigkeit verwurzelt ist.“
Das Tier in uns ist ein beeindruckendes, vielfältig anregendes Werk – leichte Kost ist es nicht; ich jedenfalls musste mich ziemlich anstrengen und bin mir recht sicher, dass ich vieles nicht verstanden habe, obwohl ich die Auseinandersetzung mit dem umfangreichen Wissen des Autors spannend fand. Ganz besonders angesprochen hat mich die Mischung von Persönlichem und Sachlichem, auch natürlich, weil Sachliches und Persönliches sich nur theoretisch trennen lassen.
Mein Interesse an diesem Werk gründet auf meinem eigenen Lebensweg – war es für mich als Jugendlicher keine Frage, dass wir wesentlich von sozialen Gegebenheiten beeinflusst sind, ist es heutzutage ziemlich umgekehrt, sehe ich die Biologie als dominanter als die Kultur. Doch selbstverständlich ist es etwas komplizierter – und genau dies zeigt Martin Bleif überzeugend auf.
Das für mich Erhellendste: Freiheit ist keine biologische Kategorie. Sicher, man kann darüber streiten, ob es Freiheit überhaupt gibt oder eine besonders raffinierte Art von Selbstbetrug darstellt. Es versteht sich: Wir sind durch unsere Biologie begrenzt und zumeist auf Autopilot unterwegs (zugegeben, ich rede von mir), doch wir können entscheiden, wie wir auf etwas reagieren oder was wir gestalten wollen. „Wir sind freier als Tiere, unser WIR und den Stellenwert der Gruppe aktiv zu verändern, zu verschieben oder zu erweitern.“
Das Tier in uns ist ein bemerkenswert umfassendes Buch: Da kommt eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Thesen Thilo Sarrazins genau so vor, wie „Eine kurze Geschichte der Menschenrechte“, kommen die kulturgeschichtlichen Einschätzungen von Steven Pinker und Norbert Elias ebenso zur Sprache wie die Fossilienfunde des Barons de Cuvier, die zeigten, dass in der Vergangenheit Arten existierten, die es heute nicht mehr gibt.
„Dürfen wir Wahrnehmungen trauen?“ lautet einer der Zwischentitel und wird, wie bei Büchern von Akademikern üblich (der Autor ist ausgebildet in Literatur- und Sprachwissenschaft sowie in Medizin), nicht mir Ja oder Nein, sondern mit Relativierungen beantwortet: Zum Einen ist Wahrnehmung immer selektiv, zum Andern ist sie subjektiv. Doch: „Objektkonstanz is eine konstruktive Leistung des Gehirns. Sie ist nicht nur nützlich, sie hat auch den zwingenden Charme der Plausibilität.“ Zu beachten gilt allerdings, dass das Gehirn „kohärenzverliebt“ ist, und das meint: „Es neigt dazu, aus Schnipseln eine möglichst kohärente Geschichte, sein ‚Narrativ‘, zu basteln.“ Am besten ist dem dadurch zu begegnen, indem man so wach wie möglich durch den Tag geht.
Das Tier in uns ist reich an faszinierenden Untersuchungen. Ein Beispiel soll hier erwähnt werden, das Priming, die Eigenart des Gehirns, Assoziationen herzustellen. So führte etwa das alternierende Poster einer Blumenwiese und eines Augenpaares neben der Kasse der Kaffeemaschine dazu, dass die eingezahlten Geldbeträge massiv variierten. Während der „Augenwochen“ waren sie zwei bis sechsmal höher.
„Wer Menschen als Egoisten bezeichnet, unterstellt meist Kalkül und meint, Entscheidungen würden bewusst getroffen, um sich Vorteile gegenüber den Mitmenschen zu verschaffen.“ Egoisten sind in der Tat so, doch Menschen sind nicht nur Egoisten (viele erfolgreiche hingegen sind es). „Evolution optimiert nicht zwangsläufig zu egozentrischen Kampfmaschinen“, so Martin Bleif, der die Vorstellung, der Wolf in uns müsse durch die Institutionen der Zivilisation im Zaum gehalten werden, für einen Mythos hält.
Fazit: Höchst anregende und hilfreiche Aufklärung.
Martin Bleif
Das Tier in uns
Die biologischen Wurzen der Menschlichkeit
Klett-Cotta, Stuttgart 2021
Kaum etwas ist für uns Menschen so leitend wie unsere Erwartungshaltungen, weshalb ich denn auch, als ich las, dass der Autor Keiichirō Hirano aus Gamagōri stammt, diesen Roman noch positiver angehe als ich das eh schon tue, denn mit Gamagōri verbinde ich gute Erinnerungen, und unter diesen zwei Schnappschüsse einer Tür, an der zuerst eine Frau in einem Kimono und dann ein junger Mann, der einen Rucksack trug, vorbeigingen.
Es gehört zu den erstaunlicheren Dingen unserer Existenz, dass Wörter Bilder in unseren Kopf zaubern. Im Falle von Das Leben des Anderen ist es sogar ein ganzer Film, der mich in einer anderen, längst vergangenen Zeit wähnen lässt – ich musste zu Beginn dauernd an Hitchcocks Die Vögel denken, vermutlich des Ladens an der Bucht wegen, denn auch in diesem Roman spielt ein Laden eine wichtige Rolle, denn da lernen sich Rie und Daisuke kennen.
Das Leben des Anderen spielt übrigens nicht in einer längst vergangenen Zeit (es fühlt sich nur so an), sondern im Heute, auch wenn die Handlung sich durch etwas angenehm Zeitloses auszeichnet. Doch worum geht’s? Akira Kido, Ende dreissig, Scheidungsanwalt in Yokohama, wird von Rie, einer ehemaligen Klientin, aufgesucht und um Ermittlungen zu ihrem vor Kurzem verstorbenen Ehemann Daisuke gebeten, der offenbar ein anderer gewesen war als der, für den er sich ausgegeben hatte.
Wie fühlte es sich bloss an, das Leben eines Anderen zu leben? In intimen Momenten mit dem Namen eines Anderen gerufen zu werden? Als Kido sich einmal in einer anderen Stadt aufhält, gibt er sich in einer Bar als X, wie er den angeblichen Daisuke mittlerweile nannte, aus und ist ganz begeistert, „dass er sich mit seiner Stimme in einen Fremden hineinversetzen konnte.“ Von einem Juristenkollegen erhält er einen Hinweis: Könnte es sich bei Daisuke vielleicht um einen Identitätstausch handeln? Ein Strafgefangener scheint etwas zu wissen, Kido sucht ihn auf. „Es war ein wolkenverhangener kalter Tag, und wäre das Gebäude nicht eingezäunt gewesen, man hätte es für eine Schule halten können …“.
Es ist ganz Unterschiedliches, was mich neben der Identitätsgeschichte für diesen Roman einnimmt. Etwa die genauen und reflektierten Beobachtungen. „Es waren all die Landschaften und Sehenswürdigkeiten, zu denen es die Touristen zog, aber auch ganz gewöhnliche Orte, die nur für Fremde besonders schienen.“ Oder die Überlegungen zum japanischen Nationalismus – Kidos Vorfahren stammten aus Südkorea. „Du bist zwar ein Zainichi, aber in dritter Generation, also bist du fast schon ein richtiger Japaner.“ Oder über die Erscheinungsformen dieses Nationalismus. „… trotz seines Nachnamens Lee hatte er kaum Diskriminierung erfahren (…) sein Vater ihm den Ratschlag gab, ein Studium mit Staatsexamen zu absolvieren, da er bei späteren Arbeitsverhältnissen mit Diskriminierung rechnen müsse.“
Dass er daraufhin Jura studiert – „Schliesslich schrieb er sich mit einer sehr vagen Vorstellung, wie sie geisteswissenschaftlich interessierten Schülern eigen ist, für Jura ein.“ – gibt ihm dann die Möglichkeit an die Hand, sich jedenfalls rechtlich gegen mögliche Diskriminierungen zu wehren, auch wenn sich die reale Welt bekanntlich nur beschränkt an juristische Vorgaben hält.
Das Leben des Anderen spielt in ganz verschiedenen Gebieten, so etwa im Boxsport und bei Gegnern der Todesstrafe; auch die Jazzmusik kommt prominent vor. Dabei besticht der Autor durch scharfsinnige und immer mal wieder zum Schmunzeln anregende, originelle Betrachtungen. „Yanagisawa nickte, sein Kinn war voller kleiner Falten, wie bei einer getrockneten Pflaume.“
Während Kidos Nachforschungen leidet auch seine Ehe, insbesondere in Fragen der Erziehung des Sohnes sind er und seine Frau sich nicht einig. Besonders spannend fand ich, wie es der Autor schafft, Spannung zu erzeugen – durch genaue Beschreibung und den weitgehenden Verzicht auf Interpretation. „Beim letzten Besuch hatte ihn Omiuras Art wütend gemacht, doch heute verspürte er kaum Ärger, warum, wusste er nicht. Es war nicht so, dass er ihm jetzt angenehm war oder dass Omiura eine Form von Demut zeigte. Aber irgendetwas brachte Kido zum Lächeln. ‚Sie sehen gut aus.’“.
Fazit: Wunderbar subtil und vielfältigst anregend.
Keiichirō Hirano
Das Leben eines Anderen
Suhrkamp, Berlin 2022

Sargans Bahnweg, am 28. Dezember 2020
Seit ich mich im Jahre 2002 einer Hirnoperation unterzogen habe (wegen eines sogenannten Hemispasmus facialis, eines beschädigten Gesichtsnervs), fasziniert mich das Gehirn, seine Funktionsweise und auch die Arbeit der Gehirnchirurgen. Um es gleich vorwegzunehmen: Kopfarbeit (Was für ein genialer Titel!) ist ein herausragendes Werk! Nicht zuletzt natürlich, weil es mir einerseits von Neuem und höchst eindringlich klar machte, war für eine Gratwanderung ein Eingriff ins Gehirn darstellt, und andererseits wiederum die Angespanntheit des Oberarztes zu Bewusstsein brachte, als ich nach der Operation aufwachte, denn es ist ja keineswegs garantiert, dass noch alles so funktioniert wie es idealerweise sollte.
„Ich will sehen, wie es ihr geht, wenn sie aufwacht“, notiert der Chirurg, als er nach einer Operation in der Klinik bleibt. „Die Stunde der Wahrheit. Man wird es mir vermutlich nicht anmerken, aber innerlich bin ich jedes Mal angespannt. Besorgt. Unruhig. Wird sie sich bewegen können? Wird sie sprechen können?“ Ich habe damals die Besorgnis sowie die anschliessende Erleichterung des Oberarztes, als ich zu sprechen begann, klar realisiert.
Apropos Sprechen: Die Patientin, auf deren Aufwachen er wartete, konnte nach dem Eingriff zuerst nicht sprechen, doch das gab sich mit der Zeit und einigen Anstrengungen: Zu wissen, dass bei einer Linkshänderin sich die Sprachareale auf der rechten Seite befinden, ist für eine Eingriffsdiagnose bei weitem nicht ausreichend. Man muss zum Beispiel auch wissen, wo die Sprachfasern verlaufen, die die Areale miteinander verbinden. Im Kernspintomografen lässt sich der Sauerstoffverbrauch messen – wenn die Patientin also Wörter nachspricht, kann man sehen, wo der meiste Sauerstoff verbraucht wird. „Ein Problem dabei ist, dass die Patientin, während sie zum Beispiel ein Wort wie Banane nachspricht, zugleich daran denken könnte, wie sie eine isst und wie das schmeckt, sodass auch die Bereiche, die diese Gedanken ankurbeln, aufleuchten würden.“ Wie das gelöst wird, lesen sie in diesem packenden und hoch informativen Werk.
Was mich ungemein verblüfft an diesem Buch: Da beschreibt einer sehr detailliert Operationen am Gehirn – und es liest sich wie ein Thriller. Da reissen Gefässe ein, es kommt zu Blutungen, die gestillt werden müssen. Blut aufsaugen, die Quelle finden, mit der Pinzette das beschädigte Gefäss veröden. Während Stunden. Ich lese das alles mit angehaltenem Atem.
Ich bin selten derart vielfältig und differenziert aufgeklärt worden. So lerne ich etwa, dass die korrekte Lagerung des Patienten und seines Kopfes für den Erfolg eines neurologischen Eingriffs entscheidend ist. Zugegeben, das hat mich nicht erstaunt, doch dass die Vorbereitung der Operation eine gute Stunde (und manchmal länger) dauern kann, hingegen schon. Man könne sich die viele Technik im Operationssaal wie ein Flugzeugcockpit vorstellen, erfahre ich genauso wie dass auch die beste Vorbereitung einen nicht vor Überraschungen bewahrt.
Wie heikel und anspruchsvoll eine Gehirnoperation ist, lässt sich auch daran ermessen: „Im Gehirn fliessen pro 100 Gramm Gewebe zwischen 40 und 50 Milliliter Blut in der Minute. Wenn diese Rate auf unter zehn Milliliter absinkt, kommt es binnen weniger Minuten zur endgültigen Zerstörung der Zellen. Das Gehirn ist ein so komplexes wie fragiles Gebilde.“ Dazu kommt: „Das menschliche Gehirn ist ja bis heute ein recht geheimnisvolles Organ. Bestenfalls wissen wir 15 bis 20 Prozent von dem, was darin vorgeht und wie dies geschieht.“
Kopfarbeit ist ein erfreulich persönliches Buch. Peter Vajkoczy berichtet nicht nur von seinen Gefühlen vor, nach und während anstrengenden Operationen, seinem Bemühen, die jeweils richtige Entscheidung zu treffen sowie seinen Zweifeln, sondern auch von seiner Ausbildungszeit in Newark, New Jersey, wo die soziale Realität wenig mit den amerikanischen Idealen zu tun hat, doch wo er auch einen begeisternden Wissensdurst erlebt, der ansteckend ist.
Dieses Buch ist weit mehr als der Bericht eines Gehirnchirurgen über seine Arbeit. Es ist auch eine grundsätzliche Auseinandersetzung darüber, wie wir durchs Leben gehen wollen. „Für mich sind Demut und Verantwortungsbewusstsein, Dankbarkeit und Vertrauen, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit. Disziplin, Durchhaltevermögen und wissenschaftliche Neugier das Fundament, auf dem unsere Arbeit aufbaut.“ Dass er sich bei schwierigen Entscheiden nicht an der Fachrichtung, sondern an der Person seines Vertrauens orientiert, ist mir überaus sympathisch. Auch gefällt mir, dass er Kollegen und Lehrer namentlich erwähnt und ihnen seinen Respekt bezeugt.
Kopfarbeit ist ein Buch, das mich regelrecht begeistert. Das liegt an Peter Vajkoczys Haltung, die durchgehend spürbar ist und viel mit Offenheit, Neugier und einer Lernbereitschaft zu tun hat, die selten ist. „Als Operateur, als behandelnder Arzt beobachte ich immer wieder Zusammenhänge, die wir nicht erklären können; immer wieder konfrontieren uns bestimmte Krankheiten, Komplikationen oder Reaktionen auf Eingriffe mit Fragen, die ich dann mit ins Labor nehme und die wir in unserem Team aus Nachwuchswissenschaftlerinnen, -wissenschaftlern, Ärztinnen und Ärzten sowie technischen Assistentinnen zu klären versuchen.“ Und es liegt daran, dass der Autor es exzellent versteht, zu beschreiben, was er wahrnimmt, sich überlegt und tut – und das ist eine Kunst.
Fazit: Aufklärung vom Feinsten! Berührend, bewegend und zutiefst menschlich.
Peter Vajkoczy
Kopfarbeit
Ein Gehirnchirurg über den schmalen Grat zwischen Leben und Tod
Droemer, München 2022
Covid-19 hat uns vieles gezeigt, das wir nicht haben sehen wollen oder uns möglicherweise gar nicht bewusst gewesen ist. Zuallererst: Auf keinen Fall wollen wir auf irgendetwas verzichten, denn unsere comfort zone zu verlassen, kommt nun mal überhaupt nicht in Frage. Ist das Wort Verzicht überhaupt noch in Gebrauch? Der Autor Uli Krug formuliert treffend: „… Covid-19 wird geleugnet oder banalisiert, weil die Krankheit stört: Sie stört den Neoliberalen, dem der Rückzug des Staates aus der Daseinsvorsorge oberstes Gebot ist. Sie stört den Esoteriker, der ihr mit Yoga und Globuli nicht beikommen kann. Sie stört Nazis und Islamisten, weil sie an die körperliche Einheit des Menschengeschlechts unabhängig von ‚Rasse‘ oder Glauben gemahnt. Sie stört den Wohlstandschauvinisten, der bemerken muss, dass seine heile Welt nicht aus der Welt gefallen ist. Sie stört den Hedonisten, der daran erinnert wird, Rücksicht auf andere zu nehmen. Und sie stört den Kulturschaffenden, der den eingebildeten Primat seiner Hervorbringungen über die schnöde stoffliche Wirklichkeit schwinden ist.“
Wir Bewohner der westlichen Industriestaaten leben in Zeiten des entitlement, glauben, wir hätten ein Anrecht auf so ziemlich alles und jedes, was wir uns wünschen – uns eignet das Verhalten verwöhnter Kinder: Ich will ich will ich will. Krieg ich’s nicht, bin ich nicht nur beleidigt, sondern werde aggressiv. Krankheit als Kränkung zeigt überzeugend wie zerstörerisch unser den-Hals-nicht-voll-Kriegen ist.
Autor Uli Krug erläutert die grösseren Zusammenhänge, macht unter anderem darauf aufmerksam, dass Covid-19 keineswegs aus heiterem Himmel kam, sondern etliche Vorläufer hatte, die auf den Artenübergang zurückgehen. Vor allem aber weist er anhand von Beispielen aus Afrika und Asien darauf hin, dass Covid-19 wesentlich mit dem liberalisierten Welthandel zu tun hat, der die riesigen Slums, die Brutstätten der Pandemie, geschaffen hat. Überdies bringt er auf den Punkt, was Globalisierung in der Praxis bedeutet – die „globale Jagd nach dem Hungerlohn“.
Krankheit als Kränkung klärt auf. Etwa darüber, dass die Tendenz der Chinesen, Wildfleisch exotischen Ursprungs zu verzehren, zwar existiert, doch das Problem ein ganz anderes ist: „Wildtierfleisch ist meist billiger als produziertes Fleisch, landet ohne jegliche Lebensmittelaufsicht auf den wet markets und damit in den Mägen gerade der Ärmsten.“ Oder darüber, dass das öffentliche Gesundheitswesens Chinas wenig angesehen ist und Ärzte häufig korrupt sind.
Aufschlussreich fand ich insbesondere die Ausführungen über Belgisch-Kongo (auch natürlich, weil ich so ziemlich gar nichts darüber wusste). Oder dass „die Idee der Impfung mit messenger-Ribonukleinsäure, die die Körperzellen dazu anregt, ein – für sich alleine harmloses – Spike-Protein des Coronavirus herzustellen, das das Immunsystems dann als Eindringling identifizieren kann, gegen den es Antikörper bildet“, auf die ungarische Biochemikern Katalin Karikó zurückgeht, die dieses Impfkonzept bereits vor dreissig Jahren entwickelt hat, doch da das kommerzielle Interesse fehlte … An solchen Beispielen wird deutlich, in was für absurden und kranken Zeiten wir leben: Wo kein Profit greifbar ist, gibt es kein Interesse.
Viren verschwinden nicht, Viren mutieren. Nicht nur Grippeviren. So gibt es etwa in Südafrika geschätzt acht Millionen Menschen mit untherapierter HIV-Infektion, „eine Variantenfabrik für die ganze Welt“, wie der Seuchenforscher Tulio de Oliveira bereits im Juli 2021 gewarnt hat.
Liegt es an der Geografie, dass gewisse Menschen impfskeptischer sind als andere? An der Lust am Irrationalen? „Beileibe nicht das erste Mal erweist sich Deutschland, ja, der deutsche Sprachraum insgesamt, in der Art wie die sogenannte Impfdebatte geführt wird, als regelrechter Hort des Irrationalen.“ Georg Lukás wird angeführt, der unter andrem schrieb: „Seit Schopenhauer und insbesondere seit Nietzsche zersetzt der irrationalistische Pessimismus die Überzeugung, dass eine objektive Aussenwelt vorhanden ist, dass ihre unbefangene und gründliche Erkenntnis einen Ausweg aus jener Problematik, die die Verzweiflung hervorruft, weisen könnte.“ Schopenhauer und Nietzsche irrationalistische Pessimisten!? Echt jetzt?
Krankheit als Kränkung ist ein grundsätzliches Werk, das sich mit wesentlichen Fragen beschäftigt. Wesentlich meint: Fragen bezw. Zusammenhänge, die in den Massenmedien, wenn überhaupt, dann nur am Rande Erwähnung finden, jedoch zentral sind. „Die Pandemie offenbart die Wirkung bereits länger anhaltender Entwicklungen der gesellschaftlichen Charakterbildung, die man mit Stichworten wie Realitätsverlust, Empathieunfähigkeit und übergrosser Selbstzentrierung beschreiben könnte.“
Uli Krug
Krankheit als Kränkung
Narzissmus und Ignoranz in pandemischen Zeiten
Edition Tiamat, Berlin 2022
Brüssel, 2019. Die Retrospektive der Schwarzweissfotografien ihrer verstorbenen Freundin Dina, bringt Keto, Ira und Nene zurück ins Georgien von 1991, als das Land sich von der UdSSR befreite und unabhängig wurde. „Dann stellt der Museumsdirektor aus Rotterdam ein paar kunsthistorische Thesen auf, zwei Foucault-Zitate dürfen nicht fehlen, dann folgt irgendein Zitat von Helmut Newton (…) Der Botschafter, ein untersetzter Mann mit einer dichten Haarpracht, spricht auswendig gelernte Danksagungen, räuspert sich mehrfach und lädt anschliessend zu einer Feier im Garten ein.“
Eine Vernissage ist bekanntlich wenig geeignet, um sich die ausgestellten Fotos anzuschauen. Sicher, einige tun das. Und machen sich Gedanken dazu. „Die Gegenwärtigkeit, das Lebendige des dort gefangenen Augenblicks ist kaum zu ertragen …“. Aber auch: „Vor den Bildern stehend habe ich das Gefühl, etwas Entscheidendes verpasst, etwas Wichtiges übersehen zu haben.“ Fotos sind Auslöser, nichts anderes – und was sie bei ihr auslösen, beschreibt die phantasiebegabte Keto eindrücklich. „Die Vergangenheit überlappt sofort meine Gegenwart, ich werde wieder eingesogen vom Damals, die Stimmung jener Tage kehrt auf der Stelle zurück: die Angespanntheit, die Gereiztheit und das sture Nicht-eingestehen-Wollen der Angst, die überall lauerte wie ein hungriges Raubtier.“
Für mich ist Das mangelnde Licht hauptsächlich ein Buch darüber, wie unterschiedlich unsere Leben verlaufen, auch wenn das, was uns ausmacht, bereits früh erkennbar ist, und sich nicht wesentlich zu verändern scheint. Wie würde wohl Dina auf diese Vernissage reagieren?, fragt sich Keto. „Würde sie mich irgendwann kichernd wegzerren, sich ein Glas greifen und mit mir darauf trinken, dass all das nicht ist, worauf es im Leben ankommt, denn das, was wirklich zählt, hätten wir ja schon längst gefunden?“
Ein solches Zusammentreffen nach vielen Jahren gestaltet sich ja immer spannend, verwirrend, verblüffend und bestätigend. Hatte man sich überhaupt verändert oder vielleicht hervorgebracht, was in einem schlummerte? „Das Angriffslustige, leicht Vulgäre scheint aus ihren Bewegungen und ihrer Mimik verschwunden, sie ist bei sich angekommen, nein, sie hat sich nie von sich entfernt, ich begreife es auf einmal: Sie hat keine Angst mehr, sie hat sie überwunden, hat sie hinter sich gelassen, macht sie so attraktiv.“ Wer nach solchen Sätzen nicht innehält, ist für wirkliche Bücher verloren.
Die Charakterisierungen der vier Frauen ist meisterhaft gelungen, die Autorin Nino Haratischwili eine geborene Geschichtenerzählerin. Als Beispiel soll Dina dienen, in deren Welt, die den Erwachsenen nicht zugänglich ist, weswegen ihr auch niemand etwas anhaben kann, es nur die Kategorien „spannend und langweilig, interessant und uninteressant, aufregend und gewöhnlich“ gibt. „Alles, was ihre Fantasie entzündete, alles, was fremd und anziehend wirkte, musste erkundet und erschlossen werden, jede Grenze war dazu da, überschritten zu werden, jede Absperrung, um sie zu durchbrechen.“
Dina weiss nicht nur ganz wunderbar zu fabulieren, sie erfindet auch Geschichten, etwa über ihre Familie, und fragt dann ihre Freundin Keto, ob sie sich das vorstellen könne, „als wollte sie prüfen, ob ich genug Vorstellungsvermögen besass, um ihrer Fantasie folgen zu können.“ Dinas Mutter, Lika, auch eine Nummer für sich, wurde von einem eigenwilligen Kauz, der auf Möbelrestaurierung spezialisiert war, gefördert. „Er gab ihr Bücher zu lesen, die er zur Selbsterkenntnis für unerlässlich hielt – von Jung bis Burroughs, von Laotse bis Gurdjieff – und machte vor jeder Arbeitsstunde Atemübungen.“
À propos Charakterisierungen. Keto über Ira: „Ihr Körper verrät den Drill, ihre Disziplin, diese schweisstreibende Mühe der Selbstkontrolle. Kein Gramm Fett, nirgends, keine Sekunde des Sich-gehen-Lassens, kein Gramm Leichtsinn. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Ablehnung.“ Überzeugender kann man die Ambivalenz, die unser aller Leben durchzieht eigentlich nicht darstellen, denn wie wir uns der Welt (und uns selber) präsentieren, zeigt natürlich nicht, wer wir bzw. Ira und Keto eigentlich sind – unsichere, zweifelnde Wesen.
Nino Haratischwili ist ein Fabuliertalent sondergleichen und macht mit diesem Buch unter anderem deutlich, dass Geschichte etwas ganz anderes ist als uns üblicherweise medial dargeboten wird. „Am 26. Mai 1991, dem Tag unserer Abschlussprüfungen, wurde Swiad Gamsachurdia der erste frei gewählte Staatspräsident Georgiens. Wir scherten uns nicht darum, wollten viel lieber unsere Freiheit feiern. Und auch wenn diese Freiheit mit der Freiheit unseres Landes einherging, hatte es für uns wenig Bedeutung.“ Keto nimmt übrigens Gamsachurdia als zunehmend nationalistisch und komplett weltfremd wahr. Dann erfolgt der Putsch und das meint eine zerrissene Gesellschaft, Gewalt und Kriminalität. Und dann kommt das Heroin ins Land …
Fazit: Das mangelnde Licht ist originell, witzig, intensiv, heftig – und wahr.
Nino Haratischwili
Das mangelnde Licht
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2022

Bordeaux, Aquitaine, France, June 2019
Es gibt Redewendungen, bei denen ich nicht in Versuchung gerate, sie in meine Muttersprache, das Schweizerdeutsche, zu übersetzen, ganz einfach, weil sie im Original für meine Ohren besser klingen. C’est le ton qui fait la musique (Der Ton macht die Musik), zum Beispiel. Dann gibt es welche, die jemand mal gebraucht hat, ich nicht verstanden habe, mir dann habe erklären lassen, und die mir deshalb geblieben sind. Etwa das portugiesische engolir sapos für „eine bittere Pille schlucken“.
„Redewendungen in fünf Sprachen“ lautet der Untertitel dieses von Daniele Simonelli mit Illustrationen versehenen Werkes, das Redensarten aus diversen Regionen versammelt, die so recht eigentlich gute Ratschläge sind, und von Michela Tartaglia und Marianna Rossi zusammengetragen wurden. Die fünf Sprachen sind: Deutsch. Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch.
Sprichwörter sind Frucht der jeweiligen Lebenswelt, sie lassen sich zumeist nicht wörtlich übersetzen. Doch es gibt einige, die sich sprachlich näher stehen als andere. So heisst „Der Appetit kommt mit dem Essen“ im Italienischen L’appetito vien mangiando, im Französischen L’appetit vient en mangeant, im Englischen Appetite comes with eating und im Spanischen Comiendo entra la gana. Die Bedeutung? Hat man einmal etwas angefangen, dann bekommt man auch Lust darauf.
Andere Länder, andere Sprüche lädt zum Sich-Wundern ein. Weshalb „Es giesst wie aus Eimern“ eigentlich im Englischen It’s raining cats and dogs (Es regnet Katzen und Hunde) heisst? Und wie kommt es, dass im Spanischen Llover sapos y culebras (Es regnet Kröten und Schlangen) und im Französischen Il pleut des cordes (Es regnet Seile) benutzt wird?
Dankenswerterweise wartet Michela Tartaglia nicht mit psychologischen, linguistischen oder ethnologischen Erklärungsversuchen auf, denn diese könnten eh nichts anderes als Vermutungen sein, doch ihren Hinweis auf den „Anflug von magischem Realismus“, der sich durchs Spanische zieht, fand ich nicht nur nützlich und interessant, sondern ausgesprochen anregend. Nicht zuletzt ihre Erläuterung, dass sapos y culebras nicht nur hinabregnen, sondern in Verbindung mit anderen Verben die Bedeutung wechseln. So heisst etwa echar sapos y culebras „Gift und Galle spucken“ und tragar sapos y culebras „in den sauren Apfel beissen“.
Andere Länder, andere Sprüche zeigt unterhaltsam, dass mit einer Sprache vertraut zu werden, sich nicht im Vokabeln-Lernen erschöpft, und dass auch kulturelle Faktoren häufig nicht erklären können, weshalb man etwas so und nicht anders sagt, ja, dass Sprache letztlich ein Rätsel ist, ein überaus faszinierendes.
Fazit: Ein Buch zum Schmunzeln und Sich-Wundern.
Michela Tartaglia
Andere Länder, andere Sprüche
Redewendungen in fünf Sprachen
DuMont, Köln 2022
Jamal Kabir, 36, Schiedsrichter der Fussballjugend, wird erschlagen. Der Hauptverdächtige ist ein heissblütiger und gewalttätiger Vater namens Giuseppe Costa – die junge Streifenpolizistin Micaela Vargas hat Zweifel, Hans Rekke, Spezialist für Verhörtechniken, ebenso. Die beiden vermuten des Rätsels Lösung in der Vergangenheit des Opfers, das vor den Taliban aus Afghanistan geflüchtet ist.
Autor David Lagercrantz weiss spannend zu erzählen und ist überdies ein versierter Kenner der menschlichen Psyche wie auch der Gruppendynamik. Als der Polizeichef die Truppe zu motivieren versucht, kommt das nicht allzu gut an. „Er, der Chef und Karrierist, der durch einen Vortrag erleuchtet wurde, gegen Fransson und seine Männer, hart arbeitende und besonnene Polizisten, die mit beiden Füssen auf der Erde standen und nicht auf jede neue schrullige Methode reinfielen.“ Und auch witzig ist er. „Sie sah auf ihre Fingernägel herunter und fragte sich, ob es eine idiotische Idee gewesen war, sie zu lackieren. Als sie aufsah, wurde sie von der Sonne geblendet.“
Die sozialen Gegensätze gehören zu den Leitthemen dieses Thrillers. Da ist einerseits das Stockholmer Problemviertel Husby, wo nicht nur Giuseppe Costa, sondern auch Micaela Vargas herstammt, und andererseits das Viertel der Begüterten, wo Hans Rekke, der sich mit Denkfehlern auseinandersetzt, „mit den Streichen, die uns das Gehirn aufgrund vorgefasster Meinungen spielt“, ansässig ist. Die Welten, die da aufeinander prallen, werden sehr realistisch geschildert.
Entschieden weniger realistisch ist hingegen die ziemlich an den Haaren herbeigezogene Rettung des Hans Rekke durch Micaela, die gerade zufällig vorbeikommt, um ihn vor dem Sprung vor den Zug zu bewahren, obwohl, ihre Reaktion darauf hat es in sich . „Was zum Teufel fällt Ihnen ein?“ (…) Kapieren Sie nicht, was Sie den Leuten zumuten?“
Der Mann aus dem Schatten ist auch ein Polit-Thriller, der unter anderem über die „Dark Prisons“ der USA in Afghanistan informiert, darüber aufklärt, dass westliche Musik sowohl für die Taliban, die Saudis wie auch für Khomeini „als Anfechtung des Satans angesehen“ wurde (mehr muss man über solche Regimes eigentlich nicht wissen, um zu verstehen, dass da keine Verständigung möglich ist), und überdies deutlich macht, dass es in sogenannten Demokratien ganz vieles gibt, was das Volk nicht wissen darf … Geheime Foltergefängnisse lagern die Amerikaner bekanntlich in andere Länder aus.
Ein Detail am Rande: Das erwähnte Song-My-Massaker in Vietnam ist bekannt als Massaker von Mỹ Lai, einem Teil des Dorfes Sơn Mỹ, und wurde von Seymour Hersh aufgedeckt. Dichterische Freiheit in allen Ehren, doch historisch Verbürgtes sollte meines Erachtens korrekt wiedergegeben werden.
Die Konstruktion empfand ich als wenig gelungen, die Zusammenhänge zum Teil abwegig (was jedoch nichts daran ändert, dass sich das Ganze fesselnd liest), die Details hingegen überzeugen, insbesondere die Schilderung der manisch-depressiven Schübe von Hans Rekke, ja, die Charakterisierung seiner bipolaren Persönlichkeit generell. Die anderen Figuren wirken demgegenüber ziemlich blass. David Lagercrantz‘ Einfall, einen Manisch-Depressiven zum quasi Chef-Aufklärer dieses Thriller zu machen, ist genial, denn diese Menschen nehmen anders und weit schärfer wahr als sogenannte Normalos (dass sie auch unter Halluzinationen leiden, wird natürlich auch thematisiert).
Der Mann aus dem Schatten ist auch eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Menschen und seinen Vorstellungen vom Leben (sei es anhand der Schadenfreude oder der klassischen westlichen Musik, inklusive des Hinweises auf Prokofiews Klavierkonzert Nummer 2, sei es anhand aufschlussreicher politischer Dialoge (die Hans Rekke mit dem Aussenminister sowie dessen Staatssekretär, Rekkes neidischem Bruder Magnus, führt), die durch reflektierte Lebenserfahrung und grosses Einfühlungsvermögen überzeugt.
Fazit: Wer wissen will wie Manisch-Depressive, Terrorregime und sogenannte Demokratien ticken, lese diesen packenden Aufklärungs-Thriller!
David Lagercrantz
Der Mann aus dem Schatten
Heyne, München 2022