Stefan Klein: Wie wir die Welt verändern

Nach dem Abitur in Paris ist Sonia Harmand nach Ostafrika gereist, in die Wüste des Äquators, wo sie sich nicht in der Fremde fühlte, „sondern heimgekommen an einen Ort, an dem sie schon einmal, lange Zeit vor ihrer Erinnerung, war.“ In der Folge studierte sie Archäologie, kehrte zurück in die Wüste und machte Funde, die darüber Aufschluss geben, was schöpferische Intelligenz auszeichnet und wie sie entstand. Was sie aus ihren Untersuchungen ableitete, fasst Sachbuchautor Stefan Klein wie folgt zusammen: „Dass Menschen hemmungslos einander nachahmen, verdient höchste Anerkennung, keine Verachtung (…) Denn Neues entsteht zwischen den Menschen, nicht in einem einzelnen Hirn. Keiner denkt für sich allein.“ Online-Lernen, so darf man füglich schliessen, wird wohl nicht die Zukunft haben, die sich die Computer- und Softwarehersteller erhoffen.

Es ist Stefan Kleins Händchen fürs Geschichten-Erzählen, das mich vor allem für sein Schreiben einnimmt. Ganz besonders gepackt hat mich die Robinsonade des britischen Admirals Sir John Franklin, der allerbestens ausgerüstet sich mit zwei Schiffen aufmachte, die Nordwestpassage zwischen Neufundland und dem Pazifik zu finden, vom Packeis eingeschlossen wurde und sich nicht zu helfen wusste. „Den Europäern fehlten die Kenntnisse, die sich die auf der King-William-Insel lebenden Inuit in Jahrtausenden angeeignet haben.“

Wo kommt eigentlich die Kreativität her? Wie kamen die Menschen überhaupt aufs Feuer? Also das Rad hätten die Thais nie erfunden, regte sich einer meiner amerikanischen Bekannten in Bangkok jeweils auf, wenn wieder einmal etwas nicht so lief, wie er sich das vorgestellt hatte. Ich auch nicht, pflegte ich darauf zu antworten. Dank Stefan Klein, weiss ich jetzt auch warum: Ideen stehen nicht einzelnen Köpfen, sondern im Zusammenleben.

Zu den mich verblüffenden Erkenntnissen gehört die zentrale Rolle, welche Symbole in unserer Kultur spielen. „Wir können keinen Schritt tun, ohne auf Bilder und Texte, Icons und Filme, Computerprogramme und Formeln, Schemata und Pläne zu stossen.“ Jetzt, wo ich darauf gestossen worden bin, scheint es mir offensichtlich. Doch bezweifle ich, ob ich selber darauf gekommen wäre. Und schon gar nicht darauf: „Was die Schrift sagt, geht vor. Die Symbole erscheinen realer als das, was wir unmittelbar sehen.“

Man kann nur er-kennen, was man kennt, habe ich bei meiner Beschäftigung mit Fotografie gelernt. „Wir sehen nur, was wir wissen“, heisst das bei Stefan Klein, der überaus anschaulich ausführt, wie die Wahrnehmung einerseits angeborenen Regeln und andererseits kulturellen Konzepten gehorcht.

Sind wir bzw. unsere Gehirne denn nichts weiter als Maschinen? „Gehirne entwickelten sich im Lauf von mehr als 500 Millionen Jahren Evolution, um dem Fortbestand und der Fortpflanzung eines Organismus zu dienen. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen dem menschlichen Geist und Maschine: Computer sollen Probleme lösen, Gehirne dienen dem Überleben.“ Und um überleben zu können, müssen wir kreativ sein.

Das erfahren wir gerade auch wegen Covid-19. Das Virus zwingt uns so recht eigentlich, mit Unsicherheiten zu leben, doch wir wehren uns, wollen, dass das Vertraute, Sicherheit Vermittelnde, weiterbesteht. So verlangen etwa Wirtschaftsverbände Planungssicherheit, was angesichts der Lage zwar verständlich, doch illusorisch, ja gänzlich absurd ist.

Transformation ist gefragt. „Mit dem Bohren nach Fragen, wo sich bequemere Geister mit Antworten zufrieden geben, beginnt Transformation“, schreibt Stefan Klein. Sie ist nötiger denn je.

Stefan Klein
Wie wir die Welt verändern
Eine kurze Geschichte des menschlichen Geistes
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

James Lovelock: Novozän

James Lovelock, Jahrgang 1919, erwarb Abschlüsse in Chemie, Medizin und Biophysik, in Disziplinen also, von denen ich so ziemlich gar nichts verstehe, weswegen ich diesem Mann einigen Respekt entgegenbringe. Bryan Appleyard schreibt im Vorwort: „In seiner Nominierung für die Mitgliedschaft in der Royal Society wurden seine Arbeiten über die Übertragung von Atemwegserkrankungen. Luftsterilisation, Blutgerinnung, das Einfrieren lebender Zellen, künstliche Befruchtung, Gras-Chromatographie und so weiter angeführt.“ Kurz und Gut: Ein Universalgelehrter.

Novozän. Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz ist ein sehr informatives Werk. So lerne ich etwa, dass die Lebensdauer der Erde von der Sonne, die  sie wärmt, bestimmt wird. „Die zunehmende Hitze der Sonne bedroht das Leben auf unserem Planeten.“ Oder dass unser Planet „eine dünne flüssige Haut aus Wasser besitzt“ und wir unter anderem von Vulkaneruptionen bedroht sind, die zu einer Temperatursenkung führen und uns in die Steinzeit zurück katapultieren könnten. Trocken kommentiert Lovelock: „Das Verstehen des Kosmos stünde dann auf unserer Prioritätenliste nicht mehr sehr weit oben.“

Die Menschheit, so Lovelock, könnte aufgrund von Kräften, die ausserhalb unserer Kontrolle liegen, jederzeit ausgelöscht werden. „Aber wir können etwas tun, um uns selbst zu retten, indem wir lernen zu denken.“ Unser vertrautes Ursache und Wirkung-Denken ist nämlich nicht nur zu simpel, sondern auch irreführend. Man denke etwa an das eigene Leben, das um einiges komplexer ist als ein linearer Prozess.

Ein anderer Ansatz ist, die Erde als dynamisches, selbstregulierendes System zu verstehen. Gaia, wie Lovelock es nennt, „ist nicht leicht zu erklären, weil es sich um ein Konzept handelt, das sich intuitiv, aus tief im Innern vorhandenen und meist unbewussten Informationen ergibt.“ Das macht auch deswegen Sinn, weil wir genau so leben – unbewusst, weitestgehend gelenkt von unserem Körper, der mehr weiss  als wir wissen bzw. uns bewusst ist.

Unsere Zeit, das Anthropozän, ist wesentlich geprägt von der Beschleunigung. „Stellen Sie sich vor, in der Nähe eines Dorfes, weit draussen auf dem Land, wird eine Eisenbahnlinie gebaut. Die jahrhundertelange Erfahrung und das Wissen darüber, wie die Welt und das eigene Leben funktionieren, werden beim Anblick der ersten Lokomotive über den Haufen geworfen.“

Der Einfluss des Menschen auf die Erde zeigt sich unter anderem in der Entstehung der Städte, die „der Entwicklung von Insektenkolonien zu folgen scheint.“ Termiten in einem Termitenbau verhalten sich genau so wie ihr integriertes Programm es ihnen vorgibt. Und die Menschen in den Bürotürmen unterscheiden sich nicht –  auch sie tun, was ihnen vorgegeben ist: sie starren alle auf Computerbildschirme.

Wir sind wesentlich intuitiver unterwegs als wir gemeinhin annehmen. „Ich bin Erfinder, und wenn ich zurückblicke, dann realisiere ich, dass fast alle meine Erfindungen intuitiv vor meinem geistigen Auge entstanden sind. Ich erfinde nicht durch die logische Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Aber ich gebe zu, dass sich diese in meinem Geist vorhandenen Erkenntnisse manchmal intuitiv zu einer Erfindung fügen.“

Denken wir an künstliche Intelligenz, so stellen wir uns häufig Roboter vor, die nach unserem Menschenbild gemacht werden. Doch das Anthropozän geht zu Ende und eine neue Art von Lebewesen wird denkbar. James Lovelock prophezeit eine nicht menschliche Intelligenz. Sich selbst regulierende Cyborgs, die 10 000 mal schneller sein werden als wir, stellt er sich vor.

Fazit: Höchst anregend, sehr vergnüglich und ausgesprochen lehrreich.

James Lovelock
Novozän
Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz
C.H. Beck, München 2021

Ina Westman: Heute beissen die Fische nicht

Dieser Roman spielt in den finnischen Schären („… bei den Schärenbewohnern ist das Alter schwer zu schätzen, sie werden schnell alt, hören dann aber mit dem Altern auf.“). Automatisch stellen sich Bilder von Finnland-Aufenthalten in meinem Kopf ein, von endlosen Wäldern und insbesondere vom Sommerlicht, das die Menschen leicht, luftig und lebendig werden lässt. Nicht alle, natürlich nicht, und schon gar nicht ständig …

Eine Familie – Vater Joel, Mutter Emma und Tochter Fanni – verbringen den Sommer auf einer abgelegenen Insel. Der Vater von Joel lebt in einer Nebenhütte und meditiert hauptsächlich. Doch die Ruhe und Abgeschiedenheit lässt in Emma, die als Fotojournalistin in Krisengebieten unterwegs gewesen ist, Kopfschmerzen und Halluzinationen hochkommen. Der Schwiegervater rät ihr, sie nicht zu verscheuchen, sie kommen und gehen zu lassen.

Emmas Aufgabe war gewesen, das Leid der Welt zu dokumentieren. Um die Geldbörsen der Wohlhabenden in den westlichen Ländern zu öffnen. Dazu muss man auswählen, wen man fotografieren will. Am besten traurige und hübsche Kinder. Doch nicht zu viele, denn dafür hat man in der Zeitung keinen Platz.

Ihr Job verlangte, Distanz zu halten. Das ist unmenschlich, mit der Zeit gelang es ihr nicht mehr. „Früher hatte ich mir alles von der Seele geschrieben, hatte den Computer zugeklappt und war in mein eigenes Leben zurückgekehrt. Bis es nicht mehr ging. Das Schreiben kam mir nutzlos vor neben all dem, was ich längst hätte tun sollen.“

Von einem Bombenattentat hat sie einen Splitter im Gehirn davongetragen, ist operiert worden, kann ihre Erinnerungen, „ein chaotischer Haufen von Einzelteilen“, nicht mehr zusammensetzen, wird zunehmend verwirrter. Sie zieht sich immer mehr zurück, macht sich alleine mit dem Boot auf. Bilder aus der Vergangenheit holen sie ein

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Emma, Joel und Fanni erzählt, in angenehm kurzen Kapiteln. Dies erlaubt der Autorin ganz unterschiedliche Wahrnehmungen und Interpretationen zu schildern – alle drei denken differenziert übers Leben nach, kommen zu jeweils anderen Schlüssen und Einschätzungen, was sich auch in Fannis amüsanten Gesprächen mit ihrem Grossvater zeigt.

Fanni ist adoptiert, dunkelhäutig und unsicher. Sehr berührend schildert Ina Westman die gegenseitige Annäherung der drei, die verschiedener kaum sein könnten, in Nairobi. Die Adoptionsproblematik zeigt sich dann auch in Finnland – die emotional nicht sehr stabile Emma reagiert anders darauf als der besonnene Joel (der aber auch ausrasten kann genau so wie Emma sich zu kontrollieren versteht). Emma weiss: „Lügner sind wir alle, unseren Nächsten, unserer Familie, vor allem uns selber gegenüber.“

Heute beissen die Fische nicht ist zu weiten Teilen eine intelligente Beziehungsgeschichte. „Worüber haben wir letzten Endes überhaupt geredet?“, fragt sich Emma. „Ich weiss es nicht. Ich glaube nicht, dass er mich kannte. Und ich glaube nicht, dass ihn das störte.“ Und darüber hinaus eine engagierte Auseinandersetzung mit der Frage, wie man heutzutage „richtig“ leben kann. „Nichts mehr auf der Welt ist gut“, meint Emma einmal, „und ich habe keine Ahnung, wie man das korrigiert.“

Fazit: Ein gut geschriebenes, gescheites und sensibles Buch. Sehr zu empfehlen.

PS: „In wunderschönen Sätzen, die in ihrer Dringlichkeit und klaren Poesie mitten ins Herz treffen, schildert Ina Westman den hürdenreichen Weg einer starken und besonderen Frau zurück zu sich selbst, zu ihrer Familie und ihren Überzeugungen“, lese ich im Klappentext. Da habe ich offenbar ein vollkommen anderes Buch gelesen!

Ina Westman
Heute beissen die Fische nicht
mareverlag, Hamburg 2021

Michel Houellebecq: Ein bisschen schlechter

Dieser Band enthält Essays und Gespräche. Ich lese sie nicht, um mir ein Bild des Autors zu machen (das habe ich bereits), sondern weil ich mir (wie immer von ihm) Anregungen verspreche – und die kriege ich auch. So wird etwa H.P. Lovecroft zitiert mit „Das Chaos des Universums ist so absolut, dass kein geschriebener Text auch nur einen flüchtigen Eindruck davon vermitteln kann.“ Und was jetzt, was soll man tun? Houellebecq führt Emmanuel Carrère an, von dem er schreibt, er habe „sich im Wesentlichen entschieden, als Zeuge zu fungieren (nicht als ein exakter Zeuge, das ist, wie gesagt, unmöglich, aber als Zeuge). Diese Entscheidung interessiert mich natürlich, weil ich bis heute den entgegengesetzten Weg gegangen bin.“

Als ich den Titel lese „Donald Trump ist ein guter Präsident“ muss ich zuerst einmal tief durchatmen, denn seit dieser Psychopath zwischen dem Weissen Haus, Propagandaveranstaltungen und Golfplätzen hin und her schwirrte, denke ich vielerlei Hinsicht in Schwarz und Weiss. Anders gesagt: Ich höre nicht zu, wenn jemand zu diesem empathielosen Egomanen etwas Positives sagt. Bei Houellebecq, von dem ich annehme, dass er auf Provokation setzt, mache ich eine Ausnahme und erfahre, dass er sich unter anderem darüber freut, dass der militärische Messianismus der Amis verschwunden scheint (und das kann ich nachvollziehen). Und sonst? Interessieren Sie sich für Handelsverträge, Brexit, die EU? Ich nicht.

„Es kommt manchmal doch vor – selten, aber es kommt vor – , dass die zeitgenössischen Soziologen relevante Gedanken über die zeitgenössische Gesellschaft hervorbringen“, schreibt er im Vorwort zu Marc Lathuillières Fotografien, die über 500 Franzosen bei ihren Berufen oder in Alltagssituationen mit einer Maske zeigen (Spielen wir alle nur eine Rolle?). Es sind solch witzige Sätze, die mich unter anderem für Houellebecqs Schreiben einnehmen. Hier gerade noch ein Beispiel, ein sehr erhellendes: „… meine Erinnerung an diese Geschichten ist so deutlich, dass ich sie wahrscheinlich erfunden habe.“

Wie bei Gesprächen mit Schriftstellern üblich, wird er zu so ziemlich Allem und Jedem befragt und hat, zu meinem nicht gelinden Erstaunen, sich auch regelmässig Gedanken dazu gemacht. Das geht vom Buddhismus zum Taoismus, von „Je suis Charlie“ zu Wladimir Putin. Fast schon erfrischend finde ich, dass er, zur katholischen Mystikerin Teresa von Avila befragt, antwortet: „Davon habe ich kaum etwas gelesen.“

Ganz besonders zugesagt hat mir, wie Houellebecq auf den Fragenkatalog von Agathe Novak-Lechevalier, geantwortet hat. Als er etwa behauptet: „Es gibt eine absolute Moral, die von den Religionen unabhängig und ihnen überlegen ist“, fragt sie nicht etwa nach, sondern fährt fort: „In welchem Augenblick ihres Lebens haben Sie begonnen, sich für Religion zu interessieren? Unter welchen Umständen und unter welchen Einflüssen?“ Ein Gespräch würde ich das Abhaken eines Fragenkatalogs übrigens nicht nennen, doch der vorliegende beweist, dass die Fragen, die man stellt, nicht eigentlich relevant sind, wenn der Antwortende sich so grundsätzlich mit Leben und Tod auseinandersetzt wie Michel Houellebecq das tut, auch wenn seine Bemerkungen etwa zu Nietzsche am für mich Wesentlichen vorbeigehen.

Warum ist eigentlich Religion wichtig? Sie gebe uns das Gefühl, mit der Welt in Verbindung zu stehen, kein Fremder in einer gleichgültigen Welt zu sein, lese ich. „Wir haben Angst vor einer Welt, mit der wir keine Gemeinsamkeit empfinden, und die Religion verleiht der Welt und unserer Stellung in ihr einen Sinn.“ Ein versöhnlicher Gedanke.

Ein bisschen schlechter ist das Buch eines eigenständigen Denkers über grundsätzliche Fragen. Also auch darüber, was sich eigentlich für Schriftsteller, seit je ein einsame Existenz, durch die Ausgangssperren in der Pandemie verändert hat. „Ein Schriftsteller muss gehen können“, da sich sonst die Gedanken und Bilder im Kopf nicht lösen können, man „bald reizbar, ja verrückt wird.“

Fazit: Erhellend und inspirierend.

Michel Houellebecq
Ein bisschen schlechter
DuMont Buchverlag, Köln 2021

Thea Dorn: Trost

Johannas Muster ist gestorben. An Covid-19. An der Ignoranz. An der Stumpfheit. An der Unfähigkeit zu verstehen. Understanding is a feeling.  „Zum ersten Mal beginne ich zu begreifen, warum Du der Welt Lebewohl gesagt hast“, schreibt sie an Max, ihren alten philosophischen Lehrer, der mit Postkarten antwortet, die auch abgebildet werden. Die für mich schönste findet sich auf Seite 117.

Als sich in den Krankenhauskellern in Norditalien die Leichen stapeln, reist ihre Mir-kann-keiner-was-anhaben-Mutter nach Florenz, infiziert sich und landet in München im Krankenhaus, wo die Tochter nicht zu ihr gelassen wird. Infektionsrisiko! Daran allein zeigt sich überdeutlich, das mit unseren Werten grundsätzlich etwas nicht stimmt, fundamental nicht stimmt.

„Aus Gründen, die einzig die Hygienegötter kennen, durfte keiner Erde ins Grab werfen.“ Die Menschen zeigen sich auch in der Pandemie unverändert eingeschüchtert und obrigkeitshörig. Johanna hingegen ist wütend und beharrt darauf, wütend zu bleiben. „Ich will gegen alle, die für dieses Leid verantwortlich sind, wüten, ich will das Leid nicht ‚Schicksal‘ nennen müssen, ich will es ‚Unrecht‘ nennen dürfen.“ Übrigens: Ihr Zorn richte sich nicht nur gegen die Politiker mit ihrer Beamtenmentalität, sondern auch gegen ihre Mutter, die, obwohl sich doch Italien bereits mit einem Bein im Ausnahmezustand befand, stur dahin fahren musste.

Sie will sich nicht trösten lassen, wirft Max Mildgeistigkeit vor. Sie wehrt sich gegen den Tod, hält Elias Canetti, der ihn auch nicht akzeptieren konnte, deswegen für einen aufrechten  Menschen, geht mit Simone de Beauvoir einig, die ihn als unverschuldeten Gewaltakt begriff. „Falls ich jemals anfangen sollte, über die Möglichkeit von Trost nachzudenken, wäre mein einziger Trost, dass es Menschen gab und gibt, die vor dem Tod, vor der Gewalt, vor der Tyrannei, vor dem Unrecht nicht zu Kreuze gekrochen sind.“ Beschreibt sie da ihre Mutter?

Woran kann man sich halten, worin findet man Trost in diesem sich in rasender Geschwindigkeit ausdehnenden Universum? Früher fand Johanna Orientierung bei Platon und Sokrates, jetzt eher nicht mehr, doch sie bemüht sich nach wie vor um die Hilfe der Vernunft, obwohl sie erkennt: „Erleben wir nicht gerade, wie das scheinbar Vernünftige ins Absurde umschlägt, wenn ganze Gesellschaften sich und ihren Mitgliedern aus Angst vor dem Tod das Leben verbieten?“

Tröstlich findet sie hingegen die Musik, die es nur im Moment gibt. „Weil sie das schroffe ‚Sein oder Nichtsein‘ zu einem verbindlichen ‚Sowohl als auch‘ lindert?“ Und auch immer wieder im Humor – Johannas Kommentar zu J.K. Rowling machte mich jedenfalls laut herauslachen (und begrub wieder einmal meinen schon lange schwindenden Glauben an die Zurechnungsfähigkeit unserer Medienwelt).

Zu meinen Lieblingsstellen gehört die „Handlungshilfe zum Pandemie-Arbeitsschutzstandard für die Branche Bühnen und Studios im Bereich Proben- und Vorstellungsbetrieb“ bei dem mich bereits der Titel Tränen lachen liess. Die dann zitierte Textstelle ist nicht nur der ultimative Brüller, sondern macht auch klar, dass wer von der Politik in der gegenwärtigen Pandemie Hilfestellung erwartet, nicht ganz bei Trost ist. 

Fazit: Ein wütender und witziger Briefroman, in dem man Trost findet. Nicht bei Seneca, sondern beim Picknick an Johannas Lieblingssee in Brandenburg.

Thea Dorn
Trost
Briefe an Max
Penguin Verlag, München 2021

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