Otto A. Böhmer: Geht ein Philosoph übers Wasser

Otto A. Böhmer, geboren 1949, ein geistreicher Fabulierer der Sonderklasse, gehört zu den wenigen Autoren, die mich alle paar Zeilen zum Lachen bringen (nur gerade zwei andere fallen mir ein: Nigel Barley und Hans Peter Duerr). Die Tatsache, dass mich ein Philosoph und zwei Ethnologen heiter zu stimmen vermögen, ist an sich schon bemerkenswert, zeichnet doch beide Professionen eine überaus ernste Bedeutungshuberei aus, die im wesentlichen darauf hinausläuft, das Leben als Denksportaufgabe und sich selber besonders wichtig zu nehmen.

Frohgestimmt nahm ich also das Buch zur Hand und war dann etwas irritiert, als ich bereits auf der ersten Seite auf Sätze stiess, die ich in bester Erinnerung habe (das ist selten genug; die meisten Bücher, auch wenn ich sie gerne gelesen habe, habe ich bereits nach wenigen Wochen fast vollständig vergessen). Nun gut, dass ein Vielschreiber wie Otto A. Böhmer sich bei sich selber bedient, soll ihm nachgesehen werden, denn auch beim wiederholten Lesen haben sie nichts von ihrer Originalität verloren.

Über die masslos überteuerten Flughafenpreise haben sich vermutlich die meisten schon geärgert, doch ist die Absurdität der Ausbeutung unseres Konsums selten so auf den Punkt gebracht worden: „… nachdem er einen grosszügig überteuerten Tee getrunken hatte, in dem ein Beutel schwamm, der schon mehrfach benutzt worden war …“

Der Protagonist dieses Romans, Professor Prenzlau, soll auf einem Kreuzfahrtschiff, „philosophisch beglaubigte Lebensweisheiten“ ausgeben. Um zum Schiff zu gelangen, muss er allerdings zuerst einmal zur Anlegestelle kommen und zwar per Flugzeug, doch Fliegen ist auch nicht, was es einmal war, wie die Flugbegleiterin klarstellt. „Die goldenen Zeiten für Alkoholiker an Bord sind vorbei.“

Auf dem Schiff wird Prenzlau dann von der Entertainment-Chefin Carla Mares begrüsst, schliesslich gehört Lebensberatung zur Unterhaltungssparte. Er fügt sich, obwohl er sich über vieles echauffieren kann, von Windrädern über den Islamischen Staat zur amerikanischen Nahost-Politik, doch für den Moment versagt er sich sogar, „einen kleinen bösen Gedankenmonolog zur Lage des Individuums im Grossen und Ganzen“, da er sich einzugewöhnen hat.

Bei einer Lesung von Gerry Stubenrauch, dem Prenzlau nicht gerade zugetan ist, fallen dann Worte, die so recht eigentlich Geht ein Philosoph übers Wasser bestens charakterisieren: „leicht und heiter, still und traurig.“  Inklusive der Böhmer’schen Bodenhaftung: „wie dumm doch manche Leute waren, die sich für kritisch und aufgeklärt hielten“.

Prenzlau leidet unter seinem Gewicht, wird auf See, ohne sein Dazutun, jedoch leichter, dafür ist er nicht mehr so konzentriert wie auch schon. „Sie (die Konzentration) ist jetzt anderweitig unterwegs.“ Eine pragmatische Philosophie, von Alltäglichkeiten informiert, und deswegen hilfreich, zeichnet dieses Buch aus, das auch die heutigen Aufgeregtheiten als wenig neu erkennt. „Man besprach Vermögensfragen, klagte über die Unsicherheit der Zeit und die allgemeine Orientierungslosigkeit …“.

Grossartig, die Schilderung des Taxifahrers bzw. des Busfahrers auf Lanzarote. Letzterer, erfährt man, kennt die Insel so gut, da er vermutlich „schon die ersten Vulkanausbrüche im September 1736 mitgemacht, sich alles gemerkt und danach beschlossen (hatte), Busfahrer zu werden.“

Doch Otto A. Böhmer ist nicht nur ein begabter Betrachter der Absurditäten des menschlichen Dasein, er ist auch ein profunder Menschen- bzw. Goethe-Kenner, wie seine Ausführungen zu dem 25Jährigen Dichter, der nebenbei als Rechtsanwalt tätig ist, zeigen. Und er ist ein Intellektueller, der die Grenzen des Intellektes kennt. „Prenzlau war traurig. Intellektuelle Einwönde gegen ein solches Gefühl, das einfach da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung.“

PS: Professor Prenzlau ist Mitglied der Schopenhauer-Gesellschaft, was unter anderem zur Folge hat, dass man einiges über Schopenhauer lernt. Etwa dass dieser „eher ein Mann des unnachgiebigen Monologs (war), als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. In seinen Schriften steckt vielleicht auch gerade deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben.“

Otto A. Böhmer
Geht ein Philosoph übers Wasser
Roman
der blaue reiter, Hannover 2025

László Krasznahorkai: Zsömle ist weg

Der ehemalige Elektriker und angebliche Spross einer jahrhundertealten Adelslinie, 91 Jahre alt, der nicht Majestät, sondern Onkel Józsi genannt werden will, hat genug vom Leben und sich in die Wälder zurückgezogen. Doch dann wird er von einer bunten Truppe vermeintlicher Anhänger aufgespürt, die ihn dazu bewegen wollen, in ihrem Sinne in die Politik einzugreifen. Sie wollen die Monarchie wieder herstellen. Onkel Józsi lehnt ab und meint, sinnvoller wäre, sich auf das Ende der Welt vorzubereiten („das zu Ende des Jahres zu erwarten ist, wie ich in den Nachrichten lese“). Und überhaupt habe er weder Lust noch Energie, um am Leben noch lange teilzuhaben.

László Krasznahorkai schreibt in Bandwürmern, Punkte gibt es in diesem Text nicht, Kommas schon. Abschnitte fehlen, eine nennenswerte Gliederung gibt es nicht (wobei: es gibt 11 Teile), stattdessen endlose Sätze, die einem Gedankenfluss recht nahe kommen, auch wenn ein solcher letztlich viel zu komplex ist, um überhaupt erfasst werden zu können. Es gelingt dem Autor ausgezeichnet, den Leser, jedenfalls diesen Leser, (die Leserin spar ich mir, ich bin ein Mann und kann nicht für Frauen sprechen, und auch nicht für andere Männer) in die Geschichte hineinzuziehen.

Der Adlige zeigt seinen Besuchern (Monarchisten, unter denen sich auch „ein ungeschlachter junger Mann“ namens László Krasznahorkai findet) ein Schwert, das er von der englischen Königin erhalten, und einen Brief von Dschimmi Karter („mit J und C, fügte er hinzu, und in seiner Stimme verbarg sich eine leise Verwunderung, auf welch interessante Weise, nicht wahr, diese Amerikaner die Buchstaben benutzten“) ihm geschrieben hat.

Viel Geschichtliches wird angesprochen, die Habsburger kommen dabei schlecht weg, Auch viel Ungarisches wird einem näher gebracht, wobei wohlmeinende Kritiker ständig auf die quasi universelle Gültigkeit von Krasznahorkai Schreiben hinweisen, wofür sie dann regelmässig die verschiedenen Orte, an denen er lebt bzw. gelebt hat, anführen. Mir selber ist egal, wo ein Roman spielt; für mich sind alle Orte gleichzeitig provinziell und universell.

Es finden sich ganz viele Geschichten in diesem Roman, und nicht wenige von ihnen haben mich schmunzeln lassen. Als etwa Onkle Józsis Schwiegersohn, zusammengeschlagen auf der Intensivstation von Eger, auf die Frage der Polizisten, „was geschehen sei, woran er sich erinnere, und ob er den Angreifer ‚und/oder‘ die Angreifer beschreiben können, nichts sagen konnte, weil er sich einzig und allein daran erinnerte, dass er nichts antworten durfte, wenn die Polizisten ihn dies fragten, weil man ihn dann bei nächsten Mal wortwörtlich totschlagen würde …“.

Ob die Bezugnahmen auf die ungarische Geschichte wahr oder erfunden sind, weiss ich nicht zu sagen, da ich von ungarischer Geschichte keine Ahnung habe; es spielt meines Erachtens auch keine Rolle, handelt es sich bei Zsömle ist weg (Zsömle ist der Hund von Onkel Józsi) um einen Roman, also um etwas Erfundenes. Dass Onkel Józsi „mit Storm geheizt hat“ hielt ich zuerst für einen Druckfehler, als dann jedoch „Storm“ noch weitere Male auftauchte, liess mich das einigermassen ratlos. Ebenso wenig erschlossen hat sich mir, dass Onkel Józsi gemäss eigenen Angaben keine Kinder hat und dann doch von seiner Tochter und seinen Enkeln gesprochen wird. Nun ja, in der Literatur geht eben vieles …

Der Thronfolger fühlt sich zunehmend unverstanden von den Monarchisten, die ihn zwar verehren, doch nicht in der Form, die er für sich gewählt hat. In Budapest zeigen sie ihm in herrschaftlichen Räumen befindliches unterirdisches Waffenlager. Onkel Józsi ist entsetzt, Gewalt lehnt er ab. Doch er liebäugelt eben doch auch mit den sogenannt guten alten Zeiten, „weil heutzutage die Moral als Ganzes“ fehlt. Der Autor zeigt eindrücklich, dass sich beide Seiten, obwohl sie sich viele Gedanken auch über die andere Seite machen, nur von ihren eigenen Interessen geleitet bzw. diesen unterworfen sind.

So sehr Zsömle ist weg eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Gefahren, die der Demokratie durch Reichsbürger und Verschwörungsfans drohen, ist, es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Alter. Vor allem ist es jedoch ein ungewöhnliches Sprach- und Denkerlebnis, das vom Leser Geduld und die Art Aufmerksamkeit verlangt, die einer Meditation gleichkommt.

Fazit: Scharfsinnig, gescheit, amüsant, unterhaltsam, witzig und lehrreich.

László Krasznahorkai
Zsömle ist weg
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Clare Mackintosh: Die Toten der anderen

Clare Mackintosh arbeitete zwölf Jahre lang bei der britischen Kriminalpolizei und das merkt man diesem Kriminalroman an, bei dem man auch einiges über Polizeiarbeit lernen kann. So scheint es geradezu von Experten zu wimmeln, die ganz genau wissen, wie die Polizei zu arbeiten hätte. Und noch ganz viel anderes kann man in diesem gut geschriebenen Krimi lernen, darunter, „dass ein Umzug so stressig ist wie Trauer oder eine Scheidung“ und dass der perfekte Zustand „zwischen Schlafen und Wachen“ liegt

Clare Mackintosh ist nicht nur eine gute Beobachterin, sondern verfügt auch über ein ausgezeichnetes Urteilsvermögen. Er sei dankbar für Tipps, sagt ein junger, ambitionierter Polizist. „Es ist das Lächeln eines Mannes, der nicht glaubt, dass er Tipps braucht, sondern es nur sagt, um sich bei jemandem beliebt zu machen, der ihm nützlich sein könnte.“

DC Ffion Morgan untersucht in Nordwales den Tod einer Immobilienmaklerin, die leblos in einem Kajak aufgefunden wurde, ihr Partner DS Leo Brody hat mit einer Einbruchsserie bei sogenannt Gutsituierten im Immobilen-Milieu im englischen Cheshire zu tun. Nach und nach erweist es sich, dass die beiden Fälle nicht nur geografisch, sondern auch sonst zusammenhängen – beide scheinen inszeniert.

Die Toten der anderen ist höchst aufschlussreich, erfährt man doch viel darüber. wie Menschen so ticken. So ist etwa Brodys ambitionierte Ex-Frau fast ausschliesslich mit ihrem sozialen Status beschäftigt. „Nicht zum ersten Mal fragt Leo sich, wie sie auch nur die wenigen Jahre durchgestanden haben, die sie verheiratet waren. Das Warum kennt er (der Grund ist sieben Jahre alt), aber das Wie ist ihm schleierhaft).“ Ffion andererseits reagiert panisch bei der Vorstellung, sie müsste sich in Sachen Bindung verpflichten.

Ganz besonders gelungen ist die Charakterisierung von Boyds komplexer Ex-Frau, die unbedingt zu den finanziell und sozial Bessergestellten gehören will. Clare Mackintosh versteht es meisterhaft, den Mensch in seinen Widersprüchlichkeiten zu zeichnen. „Ffion verzweifelt an ihrer Mam, die behauptet, Tratsch nicht leiden zu können, aber die Erste ist, irgendwelche saftigen Details herumzuerzählen.“

Spannend wird es erst so ab der Mitte, als sich überraschende Verbindungen zeigen. Die Geschichte nimmt Fahrt auf. Und wie so oft schlagen sich die Polizeidetektive nicht nur mit Tatverdächtigen, sondern auch mit Vorgesetzten herum, die das Funktionieren des Systems zu garantieren haben „‚In einem Team gibt es kein Ich, DC Morgan. Vergessen Sie das nicht.‘ Nein, aber es gibt eines in Verpiss dich, denkt Ffion, als sie zurück zu ihrem Platz geht. Sie hasst es, zurechtgewiesen zu werden, ganz besonders, wenn es gerechtfertigt ist.“

Fazit: Smart, berührend und abwechslungsreich. Die Toten der anderen ist einer dieser Kriminalromane, in denen man mehr über die soziale Wirklichkeit erfährt als in vielen soziologischen und psychologischen Studien.

Clare Mackintosh
Die Toten der anderen
Kriminalroman
Knaur, München 2025

Ursula K. Le Guin: Der Tag vor der Revolution

Ich lese gelegentlich Science Fiction, doch ein Kenner bin ich beileibe nicht, weswegen ich denn auch den einleitenden Essay zu diesem Band, „Science Fiction lese ich nicht“, höchst hilfreich fand, macht doch Ursula K. Le Guin darin klar, dass man weder eine Ahnung von Himmelsmechanik und Quantentheorie haben muss, noch Ingenieur sein oder bei der NASA zu arbeiten braucht, um Science Fiction zu verstehen, denn: „Sie sind Erzählliteratur, die mit Themen spielt, weil sie interessant, schön und für das Menschsein relevant sind.“ Dazu kommt, dass nicht nur Science Fiction, sondern auch sogenannt realistische Romane Fiktionen sind. „Es ist nützlich, sich in Erinnerung zu rufen, dass beide Welten imaginär sind.“

Wer wie ich Science Fiction bislang hauptsächlich mit Dystopien gleichgesetzt hat, erlebt in diesem Band nicht nur etwas anderes, sondern etwas Neues. „Die Menschheit auf die Erzeuger/Verbraucher einer industriellen Wachstumstechnologie zu begrenzen, ist etwas vollkommen Absonderliches, vergleichbar einer Gleichsetzung der Menschheit mit Griechen, Chinesen oder der britischen Oberschicht. Es schliesst ein wenig zu viel aus.“ Das tut die Science Fiction nicht, vielmehr erweitert sie das Hier und Jetzt.

Der Tag vor der Revolution umfasst 25 Science-Fiction-Storys ganz unterschiedlicher Art, entstanden zwischen 1967 und 1996. „Die Welt muss nicht so sein, wie sie ist“, ist dabei das Leitmotiv, das sich durch Ursula K. Le Guins gesamtes Werk zieht, so die Übersetzerin Karen Nölle in ihrem aufschlussreichen Nachwort.

In der ersten Geschichte (Neun Leben, aus dem Jahre 1969) kriegen Pugh und Martin auf Libra Besuch von Klonen, insgesamt zehn, männlichen und weiblichen, die sich auf Englisch verständigen. „Fremden zu begegnen, ist schwer. Auch der extrovertierteste Mensch spürt bei der Begegnung noch mit dem scheuesten Fremden eine gewisse Angst, auch wenn er es vielleicht nicht merkt.“ Die Klonen geraten in ein Erdbeben, neun von ihnen sterben. Pugh und Martin kämpfen um das Leben des Überlebenden. „Sie sind gestorben, und nun stirbt er ihre Tode einen nach dem andern.“ Und der Klon meint: „Ich bin neun Zehntel tot. Von mir ist nicht genug übrig, um zu leben.“

Es soll hier nicht verraten werden, wie die Geschichte ausgeht, doch was hier erzählt wird, ist eine überaus faszinierende Mischung aus uns Vertrautem (das Nachbeben geschieht unangekündigt und die Reaktion darauf, die ist uns geläufig: „Mitten im Satz rutschte die Welt unter ihnen weg. Sachen sprangen und klapperten, hüpften und tanzten, lachten laut ‚Ha! Ha! Ha!‘ ‚So war das auch um 14 Uhr‘, sprach die Vernunft aus Martins zitternder Stimme, während die Welt zusammenbrach. Doch als der Tumult nachliess und die Sachen zu tanzen aufhörten, erhob sich die Unvernunft und schrie.“) und uns Unvertrautem wie Klone, über die ich mir noch nie Gedanken gemacht habe, Ursula K. Le Guin hingegen schon. Bei einem Klon handelt es sich um ein vielfaches Ich, das ein Teil von anderen Klons ist, „ungeübt im Alleinsein, ohne Empfinden dafür, wie einem anderen Wesen Liebe entgegenzubringen wäre …“. Es sind solch ungewohnte Überlegungen, die diese Lektüre Horizont-erweiternd machen.

Auch die zweite Geschichte (Die aus Omelas fortgehen, 1972) macht deutlich, dass Ursula K. Le Guin eine höchst eigenständige Denkerin ist, keine, die mit den Wölfen heult. „Nur haben wir leider die schlechte, von Pedanten und Intellektuellen beförderte Gewohnheit, Glücklichsein für eher beschränkt zu halten.“ Man sollte innehalten, bei diesem Satz, auf dass sich einem die Dimensionen erschliessen mögen, die mit dieser Feststellung einhergehen, denn sie sind fundamentaler Natur: Wir schätzen das Glücklichsein gering, finden es nicht interessant, beschäftigen uns lieber mit dem Bösen. Doch nicht alle wollen das, einige gehen auch fort aus Omelas.

Natürlich werde ich hier nicht auf die restlichen 23 Storys eingehen, doch auf die titelgebende Geschichte (Der Tag vor der Revolution, 1974) will ich doch noch hinweisen. Laia hat bei den Kämpfen vor dem Kapitol ihren Mann (sie tut sich schwer mit der neuen Bezeichnung ‚Partner‘) Asieo verloren. „Natürlich hatte sie ihn nicht vergessen. Das versteht sich zwischen Mann und Frau von selbst.“ Nach einem Schlaganfall bewohnt sie ein grosses Zimmer im Odonierhaus. „Wenn sie nicht Odo wäre, sondern bloss eine alte Frau mit einem Schlaganfall, hätte sie es dann auch bekommen? Höchstwahrscheinlich. Wer zum Teufel wollte schliesslich ein Zimmer mit einer sabbernden Alten teilen? Aber ganz sich war sie nicht. Begünstigungen, Elitedenken, Führerkult schlichen sich immer wieder ein.“ Diese Autorin ist keine Romantikerin, keine Phantastin, die sich in eine Zukunft imaginiert, in der der Mensch befreit von seinen Defiziten sich des Daseins erfreut.

Viele der hier versammelten Gedanken und Reflexionen illustrieren eindrücklich, dass wir unserer gewohnten Art zu denken nicht einfach ausgeliefert sind, denn wir haben auch die Möglichkeit, selbstständig unseren Verstand benutzen. Zwei Beispiele, die hoffentlich Lust auf die Lektüre dieser Geschichten machen. „Tapferkeit, Mut – was war Mut? Das hatte sie nie begriffen. Ohne Angst zu sein, meinten einige. trotz Angst weiterzumachen, meinten andere. Doch was blieb einem anderes übrig als weiterzumachen? Hatte man denn wirklich eine Wahl, jemals? Sterben hiess nur, eine neue Richtung einschlagen.“ Und: „Flucht war nie ihre Sache gewesen. Sie hatte hier nach Freiheit gesucht, jetzt, für Körper und Seele.“

Die Eigenschaften, die Ursula K. Le Guin an der Science Fiction gefallen, finden sich allesamt in diesem dicken Band (770 Seiten) versammelt. „Lebendigkeit, Aufgeschlossenheit, Präzision der Phantasie, Verspieltheit, Vielfalt und Metaphernstärke; Freiheit von konventionellen literarischen Erwartungen und Manierismen:; moralische Ernsthaftigkeit; Leidenschaft und Schönheit.“ Wer wissen will, was die Autorin genau unter Schönheit versteht, und weshalb sie ihr zentral ist, sollte zu diesem Buch greifen, wo sie es nicht nur erklärt, sondern vorführt.

Ursula K. Le Guin
Der Tag vor der Revolution
25 Science-Fiction-Storys
TOR, Frankfurt am Main 2025

Simon Beckett: Knochenkälte

Der Prolog zu diesem Thriller, meinem ersten von Simon Beckett, beginnt mit einer Schilderung der Knochen, die weit beständiger sind als der Rest des Körpers. Wie schnell sich Knochen zersetzen, hängt von der Beschaffenheit des Bodens ab. Mit anderen Worten: Knochenkälte ist auch überaus lehrreich.

Dr. David Hunter, forensischer Berater für die Polizei, wird zu einer Vermisstensuche nach Cumbria, das im Nordosten gelegene Sibirien Grossbritanniens, gerufen, gerät in ein Unwetter, verfährt sich, rettet ein Schaf, das sich in einem Viehgitter verfangen hat, doch dieses zeigt sich wenig dankbar. Eine absolut wunderbare Szene!

Das Unwetter hat eine Strasse weggespült, auch das Stromnetz ist zusammengebrochen. Hunter steckt fest, umgeben von feindseligen Leuten, denen nicht nur alles Fremde, sondern auch einige Einheimische suspekt sind. Die Beklemmung, die Hunter verspürt, ist fast mit Händen zu greifen. Vernünftige Frauen bewahren ihn davor, tätlich angegriffen zu werden. Meisterhaft, wie der Autor die Stimmung in dieser von der Umwelt vollkommen abgeschnittenen Weltgegend vermittelt. Man ahnt, dass es da nicht nur viel Unausgesprochenes, sondern auch viel Hass und Missgunst herrschen.

Er kommt bei einem Ehepaar mit ihrem kleinen Sohn ausserhalb des Dorfes unter. Der Ehemann stammt aus der Gegend, war lange weg, heiratete eine Inderin, was die kleine Familie noch mehr isolierte. Sagt seine Frau: „Ich passe nicht hierher, wissen Sie? Die Hälfte der Leute hier hat noch nie jemanden gesehen, der nicht weiss ist, ausser im Fernsehen! Keiner verhält sich offen rassistisch, man ruft mir keine Beleidigungen hinterher oder so. Aber alle behandeln mich anders.“

Auf der Suche nach einem Handysignal kraxelt Hunter den Wald hoch und stösst auf ein menschliches Skelett, das in den Wurzeln eines umgestürzten Baumes hängt. Die Leiche dieses etwa ein Meter achtzig grossen Mannes muss so um die zwanzig Jahre alt sein, sagt ihm sein geschulter Blick.

Als er von neuem zum Skelett auf den Berg hinauf steigt, um es zu sichern, ist es zerstört worden. Ganz offensichtlich will hier jemand nicht, dass in der Vergangenheit gewühlt wird. Knochenkälte exemplifiziert nicht zuletzt den Wettstreit zweier entgegengesetzter Weltanschauungen. Der Wissenschaft einerseits (repräsentiert durch David Hunter), die davon getrieben ist, die Dinge offenzulegen, und andererseits den Gewohnheiten und Interessen vieler Menschen, denen lieber ist, wenn ihre Geheimnisse verbo5rgen bleiben.

Dann wird der Ehemann des Paares, bei dem Hunter untergekommen ist, angeschossen. Und er entdeckt ein zweites Grab …

Knochenkälte ist eine eindrückliche Schilderung des Lebens in abgeschiedenen Dörfern, wo die Menschen bei Streitigkeiten nicht die Polizei rufen, sondern die Dinge unter sich regeln. Dass und wie dabei die Gewalt häufig ausufert, zeigt dieser Thriller überzeugend.

Überaus beeindruckend ist auch, wie Simon Beckett die unwirtliche Gegend der Cumbrian Mountains beschreibt. Die Naturgewalten, die da herrschen, prägen die Menschen, machen sie zu wetterfesten Zeitgenossen, zeigen ihnen aber auch, wie unbedeutend und oft machtlos sie letztlich sind. Eine Lektion, die wir alle beherzigen sollten!

Simon Beckett
Knochenkälte
Thriller
Rowohlt Wunderlich, Hamburg 2025

M.W. Craven: Der Kurator

Mein Interesse an Serienkillern ist so recht eigentlich inexistent; auch finde ich die Plots von Kriminalromanen häufig abstrus (hier: ein Serienkiller, der mit den Ermittlungsbehörden Katz und Maus spielt). Ich lese Kriminalromane, weil sie mir in aller Regel mehr über die soziale Wirklichkeit erzählen als es die Nachrichten und die politische Berichterstattung tun. Und auch, weil sie oft mit reflektierten Lebenserfahrungen gespickt sind. „Augenzeugen waren notorisch unzuverlässig. Aufmerksamkeit ist flüchtig, Erinnerung kurzlebig und das Gedächtnis anfällig für Suggestionen. Und selbst wenn sich jemand an ihn erinnerte, das menschliche Gehirn ist nicht dafür gemacht, ein Bild vor dem geistigen Auge in eine akkurate verbale Beschreibung umzusetzen.“ Allein solcher Erkenntnisse wegen lohnt Der Kurator.

Der Einstieg in diesen Krimi ist grauslich und in mir denkt es, dass wer sich solches ausdenkt, kein angenehmer Mensch sein kann. Dann allerdings treten DS Washington Poe und die Analystin Tilly Bradshaw auf und die sind dermassen gut geschildert, dass es eine wahre Freude ist. Die beiden arbeiten bei der Serious Crime Analysis Section, was eine sehr englische Bezeichnung für, wie ich mir vorstelle, die Analyse Abteilung für schwere Fälle ist, zu denen auch Serienmorde gehören.

Tilly, akademisch bestens qualifiziert, jedoch sozial eher unbedarft, versteht sich insbesondere auf Computer und Mathematik; Poe, ebenfalls einzelgängerisch unterwegs, bemerkt vieles, was andere nicht bemerken, und kommt in den Genuss des Gesetzes der unbeabsichtigten Konsequenzen – Der Kurator ist unterhaltsam und vielfältig lehrreich. Auch die Psychologie kommt nicht zu kurz. *Psychologisch sind wir darauf gerichtet, uns stärker auf Beweise zu verlassen, für die wir uns anstrengen mussten.“

Was mir diesen Kriminalroman sympathisch macht, sind die ganz wunderbaren Charakterisierungen. Das geht von „Er war ein Volltrottel, aber letzten Ende harmlos“ bis zu forensischen Pathologin. „Sogar in der Leichenhalle war sie angezogen, als wäre sie auf dem Weg in einen S&M-Klub. Schwarzes Haar und noch schwärzere Schminke, Netzstümpfe und Stilettos. Mehr Tattoos als David Beckham, das Lipgloss röter als arterielles Blut.“

Drei Opfer gibt es, zwei Frauen und ein Mann, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Poe folgt den Beweisen, nicht der Story. „Poe wusste, wie sein Verstand funktionierte und dass der Versuch sinnlos war, etwas zu erzwingen. Entweder die Erkenntnis würde kommen oder sie würde nicht kommen.“ Sie kommt und führt unter anderem zu Ausführungen über den Drachensport.

Der Killer, mit dem Tilly und Poe es zu tun haben, gehört zur Kategorie eiskalt. Die Pathologin zu Poe. „Sie warnen ihn nicht und Sie versuchen nicht, fair zu spielen. Er wird weder das eine noch das andere tun.“ Ein Rat, den auch die beherzigen sollten, die mit Typen zu tun haben, die sich nicht an Anstand und Fairness orientieren.

Ein guter Thriller soll auch überraschen – und das tut Der Kurator. Dazu kommt der immer wieder durchscheinende englische Witz. So hat etwa Poe ausgerechnet bei einem Ethik-Workshop einen Juristen kennengelernt, der ihm hilft, das richterliche OK für sein juristisch zweifelhaftes Vorgehen zu bekommen. Und seine Recherchen vor Ort bei dem Paketlieferdienst ANL kommentiert er so: „Er hatte die Fahrer gesehen, die ANL beschäftigte, und einige von denen sahen aus, als hätten sie bei der Evolution von Anfang an live mitgemacht.“

Übrigens: Der Kurator wartet auch mit überaus originellen Gedankenverbindungen auf, die das Potential haben, die eigene Wahrnehmung zu verändern. „Der Spaniel machte die Schäferhütte lebendig, so wie es die Möwen mit der Küste machen.“

Fazit: Sehr spannend, reich an sehr englisch-witzigen Dialogen, mit tollen Charakteren sowie vielfältigen Aufklärungen, etwa über den Drachensport, das Winterwetter in Cumbria, dem Sibirien des UK, oder dem menschlichen Beharren auf Überzeugungen, auch wenn die empirische Evidenz diesen widerspricht.

M.W. Craven
Der Kurator
Kriminalroman
Droemer, München 2025

Maud Ventura: Der Rache Glanz

Schon als Kind will Cléo berühmt werden. Weshalb weiss sie selber nicht so genau. Doch dass der Ruhm einen verrückt macht, weiss sie. „Das öffentliche Leben ist ein Honigtopf, der Narzissten, Perverse und Soziopathen anzieht. Ausgeglichene Menschen haben nicht dieses Bedürfnis, wie ein Vampir anderen die Liebe auszusaugen.“

Mit 20 studiert sie Politikwissenschaft, ihre Schönheit fällt auf. Zielstrebig und diszipliniert arbeitet sie an ihrer Stimme, beobachtet ihre Konkurrenz ganz genau. Sie ist ehrgeizig und arrogant, plant strategisch, zieht von Paris nach New York. Sie verdient ihr Geld in einer Buchhandlung, gibt Klavierunterricht, wohnt mit zwei jungen, ebenfalls sehr ambitionierten Frauen in einer Wohngemeinschaft in Brooklyn.

Kurz nach ihrem 25sten Geburtstag stirbt ihr Vater. „Warum sind wir so programmiert zu denken, dass die Menschen, die wir lieben, ewig leben?“ Von der Karriere, die sie sich vorstellt, ist weit und breit nichts zu sehen.

Sie komponiert Songs, singt sie ihren Mitbewohnerinnen vor, die von ihrer Stimme begeistert sind, von den Songs weniger. Dann geht ihr Coversong von Billy Joels „Vienna“ viral.

Sie ist begabt, weiss, was sie will und umgibt sich mit Leuten, die ebenfalls wissen, was sie wollen. Ihr geht es um den Erfolg. „Erfolg ist kein abstrakter Begriff. Er lässt sich messen. (…) Es gibt keine positiveren Wechselwirkungen als die des Erfolgs. Erfolg zieht Erfolg an …“.

Ihr Aufstieg ist orchestriert. Sie trägt die richtigen Kleider, gibt die richtigen Antworten, umgibt sich mit den richtigen Leuten. Sie wird berühmt, inklusive der Selbstzweifel und der Excel-Tabelle mit den Namen derer, die sie einst haben abblitzen lassen.

Der Rache Glanz ist ein Dokument der Egomanie und der Besessenheit, wobei unergründlich bleibt, wo diese Obsession mit dem Ruhm herkommt. Kein Zweifel besteht allerdings daran, dass die berechnende Cléo, mit ihrem Kontroll-Wahn und ihren Rachegelüsten, eine ziemlich kranke Person ist. So kommentiert sie die Tochter ihrer Freundin Juliette: „Ihr fünf Monate altes Baby zieht alle Blicke auf sich, alle Fürsorge. Wenn ich mich nicht irre, ist dieser Säugling kein Musikgenie, warum steht er dann im Mittelpunkt all unserer Gespräche?“

Der Rache Glanz ist gut geschrieben, immer mal wieder auch mit viel Witz. „In meiner Karriere findet ein strategischer Wendepunkt statt: Endlich interessiert sich die Boulevardpresse für meine Cellulite (…) Allerdings möchte ich ein Missverständnis ausräumen: Ich habe nie Cellulite gehabt.“

Maud Ventura gelingt es ausgezeichnet, Cléos Obsession mit dem Ruhm, zu dessen Opfer sie wird, nachvollziehbar zu machen. Und sie zeigt überzeugend auf, dass Ruhm bedeutet, die Kontrolle zu verlieren, sich an Mechanismen zu verlieren, die nach eigenen Gesetzen funktionieren.

Maud Ventura
Der Rache Glanz
Roman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2025

Lavie Tidhar: Adama

Liors Jugendfreund Danny hat sich eine Kugel in den Kopf geschossen. Das sagen alle. Doch Lior weiss, dass Danny das nicht getan hat, ihm jemand anders die Kugel in den Kopf geschossen hat, er ermordet worden ist.

Als Lior zur Beerdigung im Kibbuz auftaucht, wird er nicht freundlich empfangen. Ihm wird übelgenommen, dass er nach Tel Aviv gegangen und sich nicht ins Kibbuz-Leben eingefügt hat. Ein Kibbuz funktioniert wie ein Dorf: Man kennt sich, man geht nicht weg, man bleibt. Und bewacht sich gegenseitig. Über seine Gefühle spricht man nicht, auch wenn alle alles voneinander wissen. Wer romantische Vorstellungen vom Kibbuz-Leben hat, wird hier eines besseren belehrt.

Rückblenden in Liors Kindheit und Jugend. Drei ausser dieser Zeit hasst er; sie führen heute Drogen aus dem Libanon ein, mit Armeelastern. Das scheint mit offizieller Billigung zu ge4schehen, denkt Lior. Er bringt das Lagerhaus zur Explosion. Die Rache folgt und sie ist brutal.

Adama erzählt anhand von ganz unterschiedlichen Protagonisten die Geschichte Israels, doch ganz anders als es uns die offizielle Geschichtsschreibung wissen lässt. „Die Revisionisten hatten etwas gegen die sozialistischen Zionisten, und die sozialistischen Zionisten hatten was gegen die Kommunisten, aber jetzt gerade waren die Briten bei den meisten verhasst, weshalb die Lage entspannt blieb.“ Ich fühlte mich an den Satz eines Israeli erinnert, der meinte, wenn wo so viele Juden zusammenkommen wie in Israel, kann es gar nicht ausbleiben, dass sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen.

Da ist Ruth, die sich zweier Mädchen annimmt, beide Waisenkinder. Sie wird von einem Mann verfolgt, der behauptet, die beiden seien seine Nichten. Sie glaubt ihm nicht, sie weiss, dass elternlose Kinder in den Libanon verkauft werden, an Pädophile. Und da ist Shosh, Ruths Schwester, die in Landsberg von Palästina träumt, und nicht weiss, dass Ruth dort ist. Auch Shosh gelangt nach Palästina, wo sie Dov, der sie zuerst für Ruth gehalten hatte, heiratet.

Eindrücklich schildert Lavie Tidhar das Palästina der Juden. Von Anfang an war da dauernd Kampf und Streit und Krieg, ständig mussten sich die Neuankömmlinge wehren, sich verteidigen. „Das war das Problem mit dem Krieg. Mit Regeln hatte er nichts zu tun.“ Was das konkret bedeutet, schildert dieses gut geschriebene Buch.

Als Thriller habe ich dieses Buch nicht gelesen, vielmehr als Familien- und Generationenroman, der auch – und das ist es, was Adama für mich wesentlich ausmacht – etwas Atmosphärisches ausstrahlte, das mich immer mal wieder vor Ort in Israel wähnen liess, das ich vor nunmehr vierzig Jahren einmal besucht habe.

So sehr Adama auch spannende und überaus hilfreiche historische Aufklärung bietet, mir persönlich haben es insbesondere Einsichten angetan, die mir aufzeigten, was ich so noch nie gesehen habe, wie etwa: „Die Hitze in Palästina hatte sie ihrer weicheren Schichten entkleidet und zu einer unverhüllt scharfen Klinge gemacht.“

Lavie Tidhar
Adama
Thriller
Suhrkamp, Berlin 2025

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