Elyse Friedman: Die Durchtriebenen

Alana hatte sich ihrem Vater Ed vor Jahrzehnten entfremdet, ihre beiden Brüder verachtet sie. Doch als der schwerreiche Vater ankündigt, sich mit seiner rund fünfzig Jahre jüngeren Pflegerin namens Kelly zu verheiraten, fürchten die Brüder um ihr Erbe und bitten Alana um Hilfe. Die Brüder machen ihr einen attraktiven Vorschlag, auf den sie allerdings nicht eingehen mag. Sie traut ihren Brüdern nicht.

Alana ist alleinerziehend und ausgelastet, hat einen schlecht bezahlten Teilzeitjob im Frauenhaus, und muss sich, mit Hilfe einer jungen Betreuerin, um ihre chronisch kranke Tochter kümmern. Dann gibt ihr SUV den Geist auf und sie benötigt dringend Geld; der Vorschlag der Brüder erscheint jetzt in einem andern Licht.

Sie fliegt zu einem Familientreffen, ist erstaunt den Vater, den sie als energisch und vital in Erinnerung hat, nach einem Schlaganfall derart pflegebedürftig zu erleben. Man tastet sich ab, trifft seine Einschätzungen, gibt sich freundlich. Es gelingt der Autorin ausgesprochen gut, diese etwas steife Atmosphäre einzufangen.

Die Brüder wollen, dass Kelly aus ihrem Leben verschwindet; federführend ist der jüngere Bruder Martin. Wie vorgesehen, macht Alana Kelly den von Martin ausgedachten Vorschlag. Kelly geht darauf ein, Martin ist zufrieden und zeigt jetzt gegenüber Alana sein wahres Kotzbrocken-Gesicht – man spürt, dass das alles so reibungslos nicht ablaufen wird (schliesslich befinden wir uns immer noch am Anfang des Buches).

Dass Kelly plötzlich verschwunden ist, irritiert und erzürnt den auf Rollator und Medikamente angewiesenen Ed. Doch dann kommt sie zur Verblüffung von allen zurück, mit Geschenken. Als das Frauenhaus, für das Alana arbeitet, kurz darauf eine Spende in Millionenhöhe erhält, ahnt man, dass noch mit weiteren Überraschungen zu rechnen sein wird.

Alana und ihre beiden Brüder, Martin und Teddy, die sie immer als Schleimer begriffen hatte, treffen sich zum Kriegsrat. Sie sind sich einig: Kelly muss weg. Teddy will damit bis nach der Hochzeit warten. Als Alana am nächsten Morgen sich zum Strand aufmacht, in der Hoffnung dort auf Kelly zu treffen, beobachtet sie Teddy und Kelly in einer verfänglichen Situation.

Dass jede Familie Geheimnisse hat, ist ein Gemeinplatz, doch die Geheimnisse dieser Familie haben es in sich. Die Enthüllungen sind überaus aufschlussreich. Nach und nach geht einem auf, warum die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander so sind, wie sie sind. Das ist spannend erzählt und nüchtern beobachtet. „Sie (Alanas Mutter) brauchte nur zwanzig Jahre, bis sie sich schliesslich zu Tode gesoffen hatte.“

Elyse Friedman ist eine Meisterin der Spannung. Kaum hat man sich von einem der Charaktere ein Bild gemacht, wird dieses auch bereits wieder über den Haufen geworfen. Gewissheiten gibt es in diesem Roman keine; nie weiss man so richtig, wen man wie einzuschätzen hat. Das ist wunderbar gekonnt gemacht.

„Familie ist gefährlich“ heisst der Untertitel. Keiner traut dem andern, aus gutem Grund. Nie weiss man, was kommt. Elyse Friedmann versteht es ausgezeichnet, die Geschichte von Überraschung zu Überraschung zu treiben, wobei lange im Unklaren bleibt, wer für all diese Überraschungen verantwortlich ist. Die Auflösung zum Schluss verblüfft, und erlaubt, die Geschichte noch einmal mit neuen Augen zu sehen.

Fazit: Packend, smart, reich an überraschenden Wendungen.

Elyse Friedman
Die Durchtriebenen
Familie ist gefährlich
Droemer, München 2024

Hiroko Ojamada: Das Loch

Ein junges Paar zieht von der Grossstadt aufs Land, neben das Haus der Schwiegereltern. Die junge Frau, Asa, gibt ihren schlecht bezahlten Job auf, und muss sich nun in diesem neuen Leben einrichten. Ihr Mann, Muneaki, arbeitet fast rund um die Uhr; sie selber hat alle Zeit der Welt, findet es plötzlich unvorstellbar, dass sie bis vor Kurzem noch den ganzen Tag gearbeitet hat, obwohl sie bereits bis Mittag alles erledigt hat, was es zu erledigen gilt. „Wer keine Termine mehr hat, keine Fristen, die eingehalten werden müssen, keine Meetings oder Gehaltstage, welche die Zeit Stunde um Stunde, Minute um Minuten strukturieren, dann scheint sie zwischen den Fingern zu zerrinnen, in einem Tempo, das einem unfassbar scheint.“

Als sie eines Tages von der Schwiegermutter gebeten wird, für sie Einzahlungen vorzunehmen, fällt sie auf dem Weg dorthin in ein Loch. Eine Frau, die sich als Nachbarin entpuppt und alles über sie zu wissen scheint, hilft ihr aus dem Loch heraus. Das Geld der Schwiegermutter reicht nicht aus für die Einzahlung, und so muss Asa von ihrem Gesparten dazugeben. Als sie dies der Schwiegermutter gegenüber erwähnt, entschuldigt diese sich, ersetzt ihr aber nur einen kleinen Teil von dem, das sie ausgegeben hat.

Spielt die Schwiegermutter ein abgekartetes Spiel? Bevor Asa ins Loch gefallen war, ist sie einem ihr unbekannten Tier, das Ähnlichkeiten mit einem Hund hatte, gefolgt. Auch ihr Mann, von dem sie nicht wirklich weisse, was er arbeitet, und der im Gegensatz zu früher immer erst sehr spät nach Hause kommt, weiss nicht, um was für ein Tier es sich handeln könnte. Das vielfältige Nicht-Wissen, das Hiroko Ojamada schildert, schafft eine eigenartig unheimliche Atmosphäre, die Das Loch stets in der Schwebe hält.

Auch sonst geschieht allerhand Eigenartiges in diesem Roman. So goss es in Strömen als Asa und Muneaki umzogen. Als es Wochen später wiederum in Strömen giesst, wässert der schwerhörige Grossvater, der im Nachbarhaus bei den Schwiegereltern lebt, mit einem Schlauch in der Hand den Garten.

Da klingelt es an der Türe. Frau Sera, die Nachbarin, die Asa aus dem Loch geholfen hat, und deren Schuhe wie auch deren Stofftasche trotz des strömenden Regens nicht nass sind, ist vorbei gekommen. Es ist zuerst nicht klar, was sie will, doch dann zeigt sich, dass es um nachbarliches Aushorchen geht. Und um das Andeuten von Familiengeheimnissen, Asa bleibt einigermassen ratlos zurück.

Dann trifft sie auf ihren Schwager, von dessen Existenz sie nichts wusste. „Warum wussten alle von mir, aber ich nichts von ihm.“ Der Schwager entpuppt sich als Sonderling, der nicht mit der Zeit gehen mag. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder und seinem Vater, die beide dasselbe Lebensmuster verfolgen

Das Loch handelt wesentlich davon, dass unsere Gewissheiten sich in Luft auflösen, sobald die Realität nicht mehr mit den Vorstellungen von ihr übereinstimmt. Die Realität, die Hiroko Ojamada schildert, ist sonderbar und für unsere gewohnte Denkweise unerklärlich.

Die üblichen Fragen scheinen die Autorin nicht zu beschäftigen: Was arbeitet eigentlich Asas Mann? Wie kommt es, dass er seit die beiden umgezogen sind, immer länger arbeitet? Ist der Grossvater dement? Was bewegt die Schwiegermutter, die keine Miete will, Asa bei den Einzahlungen übers Ohr zu hauen?

Stattdessen beschreibt Hiroko Ojamada das Ungewohnte wie etwa ein Tier, ohne es benennen geschweige denn zuordnen zu können, und zeigt uns damit eine Welt, von der wir selten etwas wissen wollen. Es ist eine eigenartige und faszinierende Welt, die die uns vertraute allzu vorhersehbar erscheinen lässt.

Fazit: Verwirrend, eindringlich und wunderbar seltsam.

Hiroko Ojamada
Das Loch
Roman
Rowohlt, Hamburg 2024

William Martin: Dezember 41

Dieser Thriller basiere auf einer wahren Begebenheit, lese ich, und so tauchen denn darin auch Charaktere wie John Huston, John Wayne, Marlene Dietrich sowie andere historische Gestalten auf. Gegliedert ist das Buch in drei Teile, der erste spielt in L.A., der dritte in Washington D.C., der zweite ist mit „Quer durch Amerika“ überschrieben und enthält unter anderem diese Sätze, die einem Amerika treffend vor Augen führt. „Sie blickte auf das gefrorene flache Land hinaus, das Herz Amerikas, Quell seiner Stärke, so drückten es zumindest die Schriftsteller aus. Es war eine Welt, die ihr so fremd erschien wie der Mond.“

Der deutsche Spion Martin Browning, ein Mann von kalter Skrupellosigkeit, plant in Los Angeles einen Anschlag auf den amerikanischen Präsidenten. „Martin dachte, dass Amerikaner oft die Ansicht vertraten, es sei ihre Stärke, dass bei ihnen viele Kulturen gediehen und sich miteinander vermischten. E pluribus unum. Aus vielen eines. Doch im stillen Kämmerlein oder wenn sie unaufgefordert ihre Meinung zum Besten gaben, vertraten sie gewöhnlich das Gegenteil.“ An anderer Stelle werden die Amerikaner so charakterisiert: „Die Leute mochten als anonyme Masse zur Arbeit trotten, doch wenn sie nach Hause kamen, fanden sie dort ihre persönliche Insel vor, die sich durch ein hübsches Spalier hier, ein apartes Mauerwerk dort oder eine rosa Haustüre, passend zur Farbe der im Garten blühenden Kamelien, auszeichnete.“

In L.A. gibt es etliche Nazi-Unruhestifter, das FBI ist hinter ihnen her. Dabei hatte es auch ein Auge auf das LAPD, bei dem es faschistische Sympathisanten und Antisemiten gab. Die Nationalgarde bereitet sich auf einen Angriff der Japaner vor. William Martin gelingt es ausgezeichnet, den Leser in die damalige Zeit zu versetzen, als der Flug von der West- zur Ostküste mit einer DC-3 von American Airlines 18 Flugstunden dauerte, mit drei Zwischenlandungen.

Martin Browning Auftrag ist es, Präsiden Roosevelt zu erschiessen. Er geht dabei sehr methodisch vor. Gewissenhaft bereitet er sich vor, jeden Tag übte er den Bewegungsablauf mit der Mauser C96. Obwohl man weiss, was er vorhat, vermindert dies die Spannung nicht. Eine bemerkenswerte Leistung. Weniger überzeugend sind die Charaktere, von denen man nicht erfährt, was sie antreibt. Woher zum Beispiel der Killer Martin Browning, der reihum Leute umbringt, die ihm gefährlich werden könnten, die Überzeugung für seinen Auftrag, Roosevelt tz erschiessen, hernimmt, wird nirgendwo erklärt.

Neben dem FBI-Agenten Frank Carter, der Martin Browning auf den Fersen ist, gehört auch Vivian Hopewell, die als Schauspielerin zu landen versucht (kein Wunder, bei diesem Namen!) und einen Agenten ganz wunderbar abfertigt. „Ihr Hosenstall steht offen. Machen Sie ihn zu, bevor ihre Seele zum Vorschein kommt.“ Zu den Figuren, die diesen Thriller bevölkern gehört auch Kevin Cusack. Er soll den Deutschen Bund in L.A. ausspionieren, doch dort ist er zumindest einem Mitglied verdächtig. Zur Tarnung beurteilt er Filmskripte für Hollywood. „Es ist real. Es passiert gerade vor deinen Augen. So mussten gute Geschichten funktionieren.“ Das beschreibt auch Dezember 41 treffend.

Dezember 41 bietet einerseits eine differenzierte und spannende Geschichtslektion und zeichnet sich andererseits durch eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, insbesondere diejenige Martin Brownings, der seine Feinde mit scharfen und mitleidslosen Augen sieht. „Martin fand es ebenso komisch wie ermutigend, dass die Amerikaner keinerlei Sinn für das rechte Mass hatten.“ Oder: „Er wunderte sich oft, wie dieses Land angesichts der mangelhaften Qualität einiger seiner gewählten Führer so lange hate bestehen können. Aber vielleicht würde dieses ‚Demokratieexperiment‘ nicht mehr lange dauern.“ Am Rande: Länder bzw. Völker überleben nicht wegen, sondern trotz ihrer Führer.

Gekonnt werden die verschiedenen Geschichtsstränge zusammengeführt. William Martin in diesem Thriller auch deutlich, dass Spione weit aktiver sind als wir gemeinhin annehmen. Es wäre schon einiges gewonnen, wenn wir diesbezüglich etwas wacher durchs Leben gehen würden.

Dezember 41 ist nicht nur ein packender Thriller, sondern macht einem auch eindringlich bewusst, dass Sympathisanten diktatorischer und faschistischer Regime überall auf der Welt bereit sind, in den Kampf zu ziehen. Nicht allein ideologischer Gründe weg. „Sie spürte die Erregung, die Männer verspüren mussten, wenn sie in den Krieg zogen, ein seltsamer, geradezu sexueller Rausch angesichts der Möglichkeit von Gefahr, Tod und Erfüllung.“

Fazit: William Martin hat ein Händchen für Dramaturgie, weiss spannend zu erzählen und lässt eindrücklich eine vergangene Welt wieder aufleben, die sich von der unsrigen gar nicht so sehr unterscheidet, da das Wesen des Menschen verblüffend stabil geblieben ist.

William Martin
Dezember 41
Thriller
Hoffmann und Campe, Hamburg 2024

Jens Foell: Fakten sind auch nur Meinungen

Die Welt ist komplex, unsere Gewissheiten selten etwas anderes als Manifestationen unseres Denkens. Dieses unser Denken arbeitet mit Begriffen, auf die wir uns neuerdings nicht mehr verständigen können, was auch daran liegt, wie der Neuropsychologe Jens Foell ausführt, „die Grenze zwischen Fakten, Meinungen und Interpretationen oft schwer zu ziehen“ ist. Wie schwer sie zu ziehen ist, zeigt dieses Buch, das mit dem Konzept der ‚Fake News‘ beginnt, „mit dem unbequeme Fakten zu bestreitbaren und angreifbaren Meinungen herabgesetzt werden sollen.“ Das ist mir sowohl zu neutral als auch zu vage. So benutzt etwa der republikanische Bewerber um die amerikanische Präsidentschaft (seinen Namen zu nennen, wäre ihm zu viel Ehre angetan) den Begriff schlicht für alles, was ihm nicht passt. Mit anderen Worten: ‚Fake News‘ ist nichts anderes als Propaganda.

Doch ‚Fake News‘, die gibt es. Ob es den Versuch wert ist, sie zu definieren, ist fraglich. So recht eigentlich genügt es, sich die Leute anzusehen, die dauernd davon schwafeln. Dann weiss man, was man davon zu halten hat. Autor Jens Foell tut hingegen, was die meisten Akademiker tun: Er geht mit Verstand und Vernunft gegen einen Begriff vor, der von Leuten ins Spiel gebracht wird, die nicht an Argumenten interessiert sind.

„Wir brauchen ein ehrliches Gespräch darüber, warum es so schwierig, teils gar unmöglich ist, naturwissenschaftliche Fakten und Meinungen auseinanderzuhalten. Anders gesagt: Bevor wir uns auf gemeinsam akzeptierte Fakten einigen können, müssen wir uns zuerst darüber einig werden, wie man überhaupt an möglichst vertrauenswürdige Fakten herankommt.“ Ein idealistisch gesinnter Mann also! Schön wäre, es würde mehr davon geben.

Die Untertitel zu den einzelnen Kapitel machen deutlich, was Wissenschaftler stets im Auge behalten müssen. Hier ein paar Beispiele: 1) Wir übersehen Dinge, 2) Wir beobachten und erinnern schlecht, 3) Wir können nur messen, was wir haben, 4) Wir hinterfragen unsere Methoden nicht. Kurz und gut: Jens Foell erläutert an vielen, häufig politischen Ereignissen, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Er tut dies einleuchtend, ist jedoch viel zu sehr Wissenschaftler, als dass er auch wirklich grundsätzlich werden würde.

Ich will das an einem ganz willkürlich ausgewählten Beispiel aufzeigen. Bei seiner Arbeit in der Hirnforschung ist Jens Foell auch mit der Psychopathie, der „Kombination aus Gefühllosigkeit und Impulsivität, die üblicherweise Serienkillern nachgesagt wird“, in Berührung gekommen. Wie, um Himmels Willen, will man bloss Gefühllosigkeit bzw. Impulsivität messen? Wie alle menschlichen Eigenschaften treten die doch nur in bestimmten Situationen auf, manchmal, aber nicht immer. Für mich sind das .recht willkürliche Zuschreibungen, die zwar alltagstauglich sind, doch mit Wissenschaft wenig zu tun haben. Dazu kommt: Aussagen über das Unbewusste sind so recht eigentlich nie etwas anderes als Rätselraten und geben bestenfalls Hinweise über unser Bewusstsein.

Nichtsdestotrotz ist Fakten sind auch nur Meinungen ein nützliches Buch, das so recht eigentlich eine Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten ist. So handelt ein Kapitel davon, wie man Studien richtig liest. Das ist sehr aufschlussreich und gut strukturiert; Studenten (und nicht nur die) werden froh über diese Aufklärung sein, die ihnen nicht zuletzt bei der Abfassung ihrer Seminararbeiten dienlich sein wird.

Mit „Wir mögen unwiderlegbare Annahmen“ unterstreicht Jens Foell unsere Tendenz, uns von grundlegenden Bedürfnissen leiten zu lassen. Zu diesen gehört die Sicherheit. Die wollen wir, obwohl wir wissen könnten, dass kennzeichnend für das Leben ist, dass es unsicher ist. Doch wir können uns eben viel vorstellen. Dazu gehört, dass die Welt eine perfekte Illusion ist, was wissenschaftlich nicht widerlegbar ist. Warum dem so ist, lesen sie in diesem höchst anregenden Buch.

Wissenschaft und die menschliche Natur, zu deren herausragendsten Charakteristika der Selbstbetrug gehört, gehen selten Hand in Hand, Auch weil die Wahrheit, von der die Wissenschaft geleitet ist, nur schwer mit den Wünschen und Hoffnungen vereinbar ist, die uns Menschen wesentlich ausmachen. Dazu kommt: Es ist schon schwierig genug, dass sich Wohlmeinende auf Fakten verständigen können; mit denen, die bewusst lügen und betrügen, ist es meines Erachtens ausgeschlossen..

Fazit: Ein differenziertes, engagiertes und überzeugendes Plädoyer für die Wissenschaft, das nicht zuletzt deswegen empfehlenswert ist, weil es auch die Grenzen der Wissenschaft aufzeigt.

Jens Foell
Fakten sind auch nur Meinungen
Wie wir wissenschaftlich zwischen Wahrheit und Wahrnehmung unterscheiden
Droemer, München 2024

Lawrence Osborne: Denen man vergibt

Die Henningers aus London, er Arzt, 51, sie Schriftstellerin, zehn Jahre jünger als ihr Mann, fahren zu einer Party von Freunden nach Marokko. Beide wollen den jeweils anderen kontrollieren, sind sich im gegenseitigen Hass aufeinander verbunden, sie wirken beide stets latent angespannt. Das ist ausgesprochen subtil geschildert. Die marokkanischen Männer, an denen sie vorbeikommen, strahlen Hass und Überlegenheitsgefühle aus. Unheilvolles liegt in der Luft.

Das homosexuelle Paar Dally und Richard hat 40 Gäste eingeladen. „Es war wie bei einem Ball im Russland des neunzehnten Jahrhunderts: Die Kutschfahrt zum Festort war bereits Teil des Vergnügens, Teil der Lustbarkeiten.“

Auf dieser Fahrt verursacht David Henninger einen Unfall, bei dem ein junger Einheimischer namens Driss ums Leben kommt. Völlig aufgelöst treffen er und seine Frau Jo, den Toten auf dem Rücksitz, bei der Party ein. Gastgeber Richard, ihr Freund aus London, versucht sie zu beruhigen. „Er hatte nie recht verstanden, wie Männer und Frauen überhaupt miteinander auskommen konnten. Dass es gelingen könnte, erschien ihm so unwahrscheinlich. ‚Frauen‘, so dachte er mürrisch, ’sind geborene Nörglerinnen.'“

Driss hatte einige Zeit in Spanien verbracht, wo er von einem englischen Paar aufgenommen wurde, das er durch die Brille seiner muslimischen Überzeugungen sieht. Da trafen Welten aufeinander, unvereinbare Lebensentwürfe, die nicht nur in der Kultur, sondern auch im Alter und im Charakter gründen. Die Selbstgerechtigkeit, ja Arroganz, der Muslime gegenüber den sogenannt Ungläubigen ist so recht eigentlich nicht zu ertragen. Genauso wenig wie die Arroganz der materiell Profitierenden gegenüber allen anderen.

Die Konversationen der sogenannt gehobenen Kreise sind dem Autor augenscheinlich bestens bekannt; von Alkoholismus – David Henninger soll ein Alkoholproblem haben – versteht er hingegen entschieden weniger. Nicht einmal fällt der Arzt aus der Rolle, immer sind seine Argumente nachvollziehbar – bei richtigen Alkoholikern ist das definitiv nicht der Fall.

Eindrucksvoll ist vor allem, wie Lawrence Osborne die komplizierte Ehe der Henningers zu schildern weiss. Platons Rat: „Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, führen einen schweren Kampf.“ , steht seinen Schilderungen Pate. So schildert er David: „Er reagierte gelassen, auf Dinge, die er kannte, und empfindlich auf alles, was er nicht kannte, und an Letzterem drohte er zu zerbrechen. Er geriet schnell in Panik, darunter litten seine Intelligenz und sein Urteilsvermögen. In solchen Momenten musste er vor seich selbst geschützt werden.“ Die Genauigkeit und Sensibilität, die Differenziertheit und das Einfühlungsvermögen, sind kennzeichnend für das Schreiben dieses Autors.

Die Angehörigen des Unfallopfers sind Wüstenbewohner. Lawrence Osborne beschreibt sie auf eine Art und Weise, die einen verstehen lässt, dass sie einer archaischen Kultur angehören, die wenig gemein hat mit dem beliebigen Nebeneinander, das die Moderne kennzeichnet. Der Vater des toten Jungen will Geld. Erpressung, findet der Unfallsverursacher David. Das sei die billigste Lösung, meint Gastgeber Richard. Dann verlangt der Vater jedoch kein Geld, sondern dass David am Begräbnis in der Wüste teilnimmt. Anlass für den Autor über politische Korrektheit zu fabulieren, angenehm nüchtern und ohne den übertrieben rücksichtsvollen Unsinn des Feuilletons.

Wie Lawrence Osborne die Fahrt zum Begräbnis schildert, gemahnt an Szenen aus einem Film. David, zusammengepfercht im Auto mit Wüstenbewohnern, die ihn ignorieren; die Umgebung, in der Wüstenlandschaft und Bilder aus Tausendundeiner Nacht abwechseln, hat etwas Surreales; David fühlt sich als Gefangener, den Wüstenbewohnern ausgeliefert. Er ist ein Ausgeschlossener, ein Ungläubiger, und man lässt ihn das spüren. Das Fremde macht Angst; die Beklemmung, die damit einhergeht, ist mit Händen zu greifen.

Von Marokko habe ich zwar Bilder im Kopf, doch physisch war ich noch nie dort. Jetzt hingegen, beim Lesen dieser Geschichte, wähne ich mich vor Ort, bilde ich mir ein, die Hitze, den Sand, die Luft zu spüren. Vor allem aber liegt ständig Gewalt in der Luft; jederzeit kann sie sich entladen und meist dann, wenn man es nicht erwartet.

Lawrence Osborne ist ein Meister des Atmosphärischen. Wunderbar gekonnt ist, wie er die Hochnäsigkeit von Leuten die englische Privatschulen besucht haben, zu charakterisieren versteht, wie er das Verhalten der materiell Privilegierten darstellt, und wie er bei all dem immer wieder auf grundsätzlich Wesentliches hinweist. „Kein Mensch ist so einfach gestrickt oder so abstossend, wie er zu sein scheint.“

Fazit: Ein packender, gescheiter und sensibler Roman über den Zusammenprall von Weltanschauungen, politischer Korrektheit, Klassenbewusstsein und dem Drang, im Leben materiell vorankommen zu wollen.

Lawrence Osborne
Denen man vergibt
Roman
Wagenbach, Berlin 2024

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