Claudia Bausewein / Rainer Simader: 99 Fragen an den Tod

Prof. Dr. Claudia Bausewein aus München wird in der Presseinformation des Verlags als Deutschlands führende Palliativmedizinerin, Rainer Simader als Wiener Hospiz-Experte und Physiotherapeut vorgestellt. Ich will es gleich vorweg schicken: Mir gehen diese Superlative auf den Geist und mit Experten, deren Expertise schlicht auf Zuschreibung beruht, habe ich so meine liebe Mühe. „Die Experten dieser Welt kommen mir nur wie Experten vor, solange sie über Dinge reden, von denen ich nichts verstehe.“ (Young-Ha Kim: Aufzeichnungen eines Serienmörders).

Doch zum Buch: Es ist klar strukturiert und in acht Teile gegliedert. Der Blickwinkel der Sterbenden wird genauso berücksichtigt wie derjenige der Angehörigen, Grundsätzliches wird ebenso angesprochen wie Praktisches. Zudem gibt es nützliche Adressen sowie ein Glossar mit medizinischen Begriffen. Viel umfassender geht kaum.

So ein Buch zu schreiben ist sehr schwierig, weil es auf die meisten Fragen, die wir gerne klar und eindeutig beantwortet hätten, keine klare und eindeutige Antwort gibt, sondern nur die gemeinhin übliche „Es kommt drauf an.“ Claudia Bausewein und Rainer Simader, denen die Unart eigen ist, gewisse Fragen als berechtigte zu bezeichnen (Ich weiss, es ist eine Floskel. Trotzdem: Was wäre, im Zusammenhang mit Sterben und Tod, eigentlich eine unberechtigte Frage?), sehen es so: Bei den einen ist es so, bei anderen wieder anders. Und individuell eben sehr verschieden.

Entscheidend ist deswegen, dass die Grundhaltung stimmt. „Einem Menschen sagen zu müssen, dass er stirbt, ist schwierig, aber wir finden es sehr wichtig, wahrhaftig und ehrlich zu sein.“ Mir ist dieser Ansatz sympathisch. Überzeugend ist er jedoch erst dann, wenn man auch wahrhaftig und ehrlich mit sich selber umgeht. Und das tun beide Autoren. So antwortet etwa Claudia Bausewein auf die Frage: Was kommt nach dem Tod? „Zunächst bin ich überzeugt davon, dass das Sterben im eigenen Erleben noch einmal ganz anders sein wird als das, was ich jetzt weiss oder durch die Begleitung vieler Sterbender erlebt habe. Ob es für mich leichter wird, bezweifle ich sehr. Ich hoffe, auch getragen zu werden durch meinen Glauben, dass das Sterben ein Übergang in eine andere Daseinsform ist – ja, dass Gottesbegegnung stattfindet.“ Sie sagt noch mehr dazu, das mich sehr anspricht, doch ich will ja hier nicht das Buch wiedergeben, sondern darauf neugierig machen.

Dass die Autoren die Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod für hilfreich erachten, ergibt sich so recht eigentlich schon aus ihrer Berufswahl. Zudem: „Das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit lässt uns manche Entscheidungen anders treffen und manche Prioritäten genauer definieren.“ So sehr ich zustimme, mir ist das etwas zu allgemein.

Bereichernd fand ich hingegen, immer wieder auf für mich Verblüffendes hingewiesen zu werden. „Das beste Mittel gegen Erschöpfung ist körperliche Aktivität“, denn „Inaktivität, Isolation, ständig kreisende Gedanken verstärken das Gefühl von Müdigkeit.“

Einige der Fragen sind meines Erachtens nicht nur überflüssig, sondern derart offensichtlich unbeantwortbar, dass sie sich so recht eigentlich erübrigt hätten, nur wäre man dann eben nicht auf die avisierten 99 Fragen an den Tod gekommen. „Sind Hoffnungen und Wünsche am Lebensende noch sinnvoll?“ gehört zu diesen Fragen, denn Hoffnungen und Wünsche haben es so an sich, dass sie kommen (und gehen), wenn und wann sie wollen, ob sie nun Sinn machen (wer will das schon entscheiden?) oder nicht.

Gefragt habe ich mich auch, ob eine Frage wie „Darf ich mit sterbenden Menschen lachen?“ wirklich eine Frage ist. Auch „Was sage ich, wenn ich keine Antwort weiss?“ scheint mir eine Frage, die nur jemand stellen kann, dem der gesunde Menschenverstand nicht einmal ansatzweise geläufig ist.

Doch zurück zum Positiven. Auf die Fragen, die sich konkret beantworten lassen, etwa: „Wie lange darf ein verstorbener Mensch zu Hause bleiben, wenn er dort verstorben ist?“ erhält man konkrete Antworten. In der Schweiz sind 48 Stunden üblich, in Österreich 36, in Deutschland je nach Bundesland zwischen 24 und 36. Auf Fragen, auf die keine klare Antwort möglich ist wie „Warten Sterbende auf Angehörige/Freunde um sich zu verabschieden, bevor sie sterben?“, reagieren die Autoren mit einem vorsichtigen Sich-Herantasten, das sich auf einschlägige Erfahrungen gründet – und über solche verfügen die beiden Autoren zuhauf.

„Mit diesem Buch wollen wir Ihnen Mut machen. Mut, sich mit der Realität zu beschäftigen und Ihre Sichtweise auf das Leben zu verändern“, schreiben Claudia Bausewein und Rainer Simader Nichts, das hilfreicher wäre, um sich dem Leben zu stellen, als dieser Mut!

Claudia Bausewein / Rainer Simader
99 Fragen an den Tod
Leitfaden für ein gutes Lebensende
Droemer Verlag, München 2020

Hilmar Klute: Oberkampf

Oberkampf, ein eigenartiger Titel, dachte es so in mir, als ich den Buchtitel auf mich wirken liess. Dass es sich um einen unterirdischen Umsteigebahnhof der Pariser Métro handelt, darauf wäre ich nie gekommen. Der Name geht zurück auf Christophe-Philippe Oberkampf (1738-1825), einen französischen Tuchfabrikanten und Textildrucker deutscher Herkunft, wie ich von Wikipedia erfahre. Auch eine Rue Oberkampf gibt es. Und da, an der Nummer 11, hat sich Jonas Becker eingemietet – er will sich als freier Schriftsteller etablieren. Sein erstes Projekt ist ein Buch über den Schriftsteller Richard Stein, der sein ganzes Leben lang damit verbracht hatte, „sich selber zu bespiegeln und jeden Tag, den er lebte, in einem ausufernden Journal zu verzeichnen.“

Jonas Becker, kein Fan von Trostliteratur, ist ein erfreulich nüchterner Mann. „Der wahrhaftige Trost war die Trostlosigkeit, die bedingungslose Resignation. Dort, nach ganz unten, dorthin musste man gelangen, um wieder mühsam nach oben zu kommen.“ Und er ist sehr angetan von Paris, der französischen Sprache und der Vorstellung seines künftigen Schriftstellerlebens – doch dann passiert der Angriff auf Charlie Hebdo. Die Reaktion der Pariser irritiert ihn. „Wie konnte man anderes empfinden als heillose Wut auf die drei Schweinehunde, die zwölf Franzosen mit ihren Kalaschnikows die Köpfe zerballert, ihre Körper mit zahllosen Salven geöffnet hatten. Der Hass oder wenigstens der Zorn wäre die normale menschliche Reaktion gewesen. Aber diese Milde, diese zurückgenommene, als Ohnmacht inszenierte Fassungslosigkeit, war auch wieder so ein nationaler Snobismus.“ Der letzte Satz schlägt vor allem auf den Protagonisten zurück – snobistischer geht kaum.

Jonas Becker ist auch deshalb nach Paris gekommen – wo der Bäcker sich ‚Artisan Boulanger‘ nannte und man „das Leben ein bisschen feierte, nicht südländisch pathetisch wie die Italiener, sondern eher beiläufig, als kleine rasche Aufhellung“ – , um ein neues Leben anzufangen. Oberkampf lese ich auch als Liebeserklärung an diese Stadt. „Es war fabelhaft, wie diese Stadt sich ihre Geheimnisse selbst schuf, die kleinen versteckten Oasen und Überraschungsgefilde, in denen man ein anderer sein durfte.“

Bücher zu lesen bedeutet nicht nur in fremde Gedankenwelten einzutauchen, sondern auch auf Möglichkeiten zur Identifizierung zu treffen. Zu den mich ansprechendsten Seiten dieses Romans gehören die Ausführungen über Hermann Hesses Eine Bibliothek der Weltliteratur. Als Jonas Becker das Büchlein gelesen hatte, „war er für die Welt und ihre Forderungen an ihn verloren.“ So ähnlich ist es mir in meiner Jugend auch ergangen.

Ein neues Leben zu beginnen, heisst ja auch, von seinem alten Leben Abschied zu nehmen. Von den Büchern, die man weggibt, von den Freunden und von der Musik. Auch die Schilderung eines Leonard Cohen Konzerts in der Kölner Philharmonie erinnerte mich an meine jugendlichen Heldenverehrungen. Etwas Beglückend-Melancholisches eignet diesen Passagen.

Sie führen eine Art Ménage-à-trois, Jonas, seine junge französische Liebe Christine und der Schriftsteller Richard Stein, für den Christine jedoch kein Interesse aufbringt. „’Warum soll ich die Gedanken von einem Mann lesen, den nichts so interessiert wie seine Gedanken?‘ So hatte Jonas das noch nicht gesehen, aber vielleicht war das der Grund für Steins notorischen Misserfolg. Vielleicht konnte man als Schriftsteller nur gut sein, wenn man sich selbst von allem zurücknahm.“ Das sehen Karl Ove Knausgård und seine Bewunderer vermutlich etwas anders.

Jonas Becker gefällt die französische Leichtigkeit, ihm selber geht sie ab. Warum er sich nur noch mit Stein beschäftige, will Christine wissen. Weil er einen Auftrag angenommen habe, erwidert er. „’Dann gib doch dir selbst einen anderen Auftrag‘, sagte Christine. ‚Welcher Auftrag wäre das?‘ ‚Du könntest mit mir zusammen versuchen, die Gegenwart zu begreifen, ich meine unsere Gegenwart. Und nicht die Vergangenheit eines alten Mannes’“. Wunderbar, diese Lebensbejahung! Doch Jonas hat anderes vor und fliegt mir Richard Stein nach Los Angeles, wo dessen Sohn offenbar in Schwierigkeiten steckt. In San Francisco kommt es dann zu einer Art Showdown als sich zeigt, dass Richard Stein seinen Biografen Jonas besser zu kennen scheint als dieser ihn.

Aufgrund der Presseinformation hatte ich mir vorgestellt, ich würde ein Paris im Ausnahmezustand erleben, doch obwohl Oberkampf durchaus von den Auswirkungen der Attacke auf Charlie Hebdo (und einer islamistischen Enthauptung) handelt, ist anderes zentraler. Jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Besonders intensiv gelungen ist die Schilderung des Paris-Besuchs von Fabian, dem ehemaligen Arbeitskollegen und jetzigen Liebhaber von Jonas‘ Ex, der deutlich macht, dass das, was man vergangen, ja überwunden wähnt, uns jederzeit wieder einholen und zutiefst aufwühlen und verletzen kann.

Gelegentlich stolpere ich über Formulierungen, die mich befremden. „Der Flug war eine Qual gewesen, eine unendlich zähe Zeitmasse aus Schlaf, Monologen und Langeweile.“ Zeitmasse? „… noch nicht in dem Alter, um mit dem Tod irgendwie ins Geschäft zu kommen.“ Mit dem Tod ins Geschäft kommen, echt jetzt? „Der Tod machte einen ja nicht ratlos, sondern auf beschwerliche Art verlegen.“ Mich macht so ein Satz ratlos.

Ich schätze Oberkampf, diesen Roman über Lebensangst und Lebenslügen, vor allem als Bücherbuch, bin in erster Linie angetan von den Stellen, wo die deutsche, amerikanische und französische Literatur zur Sprache kommt – das ist so leicht, verführerisch und anregend geschildert wie die Paris-Begeisterung des Protagonisten.

Hilmar Klute
Oberkampf
Galiani, Berlin2020

Johannes Bröckers: Alexa, ich mach Schluss mit dir!

Wäre der Satz „Die Daten des Menschen sind unantastbar“ Gesetz, würde die digitale Welt aus den Angeln gehoben, so Johannes Bröckers, Jahrgang 1960, als Marketingberater, Autor und Dozent in Frankfurt am Main tätig, in Alexa, ich mach Schluss mit dir! Nichts wie raus aus der Amazon-Beziehungsfalle. Doch was ist eigentlich so schlimm, wenn unsere Daten gespeichert werden? Johannes Bröckers zitiert Edward Snowden: „Die Daten, die wir generieren, indem wir einfach unser Leben leben und uns überwachen lassen, während wir unser Leben leben, machen die Privatwirtschaft reicher und in gleichem Masse unser Privatleben ärmer.“

Johannes Bröckers mag Jeff Bezos nicht, hält ihn für einen gierigen Ausbeuter, der den Hals nicht voll kriegt. Und der praktiziert, was alle im Raubtierkapitalismus obszön reich Gewordenen praktizieren: Profitieren, wo man kann, inklusive Steuervermeidung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend jemand den Mann anders sieht und halte dieses Personalisieren (das den Journalismus leider wesentlich geprägt hat) für vollkommen verfehlt und auch irreführend. Es sind nicht „Die Bösen“, die uns ins Verderben führen, sondern wir Gehorsams-Idioten, für die Verzicht eine Zumutung ist. Ich selber halte Geld- , Aufmerksamkeits- und Machtgierige für krank, doch auch wir Konsumenten sind weit entfernt von geistiger und seelischer Gesundheit.

„Mittlerweile verbringen wir Deutschen im Schnitt mehr als zehneinhalb Stunden täglich mit audio-visuellen Medien, weshalb ein nahezu kompletter Gesichtsfeldausfall für alles, was sich hinter den Screens und Oberflächen abspielt, zu einem zunehmend ernsten Problem wird.“ Wer diese Aussage einmal in Ruhe bedenkt, dem müsste recht eigentlich schwindlig werden. Wollen wir wirklich so leben?

Johannes Bröckers glaubt – meines Erachtens zu Recht – wir seien an einem Punkt angekommen, wo wir uns grundsätzlich entscheiden müssen: „Ein Green-New-Deal oder ein Screen-New-Deal.“ Was mich angeht, ist der Fall klar: Die Vernunft gebietet einen Green-New-Deal. „Alle Aspekte unseres Lebens müssen unter der Nachhaltigkeitsprämisse neu bewertet, neu entwickelt und unter sozial gerechten Bedingungen neu in Gang gebracht werden, um zu verhindern, dass es vielleicht doch irgendwann zum Klima-Kipp-Punkt kommt, an dem es in Sachen Erderwärmung kein Zurück mehr gibt.“

Das Problem ist: Wer wählen kann, wählt in der Regel das Falsche, weil bequeme. Das, wobei er selber möglichst wenig tun muss. Wir erleben es in unseren Corona-Zeiten tagtäglich: Die meisten wollen zurück zu dem, was sie kennen; nur eine Minderheit, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, hat Lust, neue Wege zu gehen. Soweit meine Medienwahrnehmung. Rede ich hingegen mit Leuten, die nicht in den Medien vorkommen, klingt es um einiges vernünftiger: Ist doch klar, dass sich was ändern, der Mensch zur Vernunft kommen muss.

Ein wesentlicher Faktor, der uns in die Irre führt, ist das Tempo. Das ist generell so, und bei der Digitalisierung ganz besonders. „Diesen merkwürdigen Geschwindigkeitsrausch halte ich für einen der Kardinalfehler der Webentwicklung der letzten 25 Jahre.“ Anders gesagt: Nötig ist, auf die Bremse zu treten und sich zu fragen, ob ich dieses und jenes, das mir ermöglicht, noch schneller aus dem Hier und Jetzt zu flüchten, auch wirklich brauche.

Johannes Bröckers fordert, dem digitalen Weltkonzept von Amazon und anderen, das einer zentralistischen Ideologie folgt, dezentrale Strukturen entgegenzustellen. Dazu braucht es Fantasie und ein neues Denken. Anregungen dazu liefert dieses Buch.

Johannes Bröckers
Alexa, ich mach Schluss mit dir!
Nichts wie raus aus der Amazon-Beziehungsfalle
Westend Verlag, Frankfurt/Main 2020

Petra Morsbach: Der Elefant im Zimmer

Auf Petra Morsbach bin ich durch einen Artikel von Herbert Riehl-Heyse in der Süddeutschen gestossen. Und da ich „den Riehl“ sehr schätze (ich hatte 1986 ausgewählte Texte von ihm unter dem Titel „Die Weihe des Ersatzkaisers und andere Geschichten“ herausgegeben), liess ich mich von seiner Begeisterung für Petra Morsbachs Schreiben gerne anstecken. Das liegt jetzt 25 Jahre zurück. Seither bin ich regelmässig gespannt, wenn ein neuer Titel von ihr erscheint. Und so gehe ich diesen Essay positivst gestimmt an – und werde nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Ich werde vielfältigst aufgeklärt und unter anderem daran erinnert, dass Wahrheit konkret und Widerstand gegen Machtmissbrauch zwar schwierig, doch geboten ist.

An drei Fällen – einem Kirchenskandal, einem politischen Skandal und einem Fall, der an einer kulturellen Institution spielt – zeigt dieser Essay auf, wie es zu Machtmissbrauch und dessen weitgehendem Akzeptieren kommt. Vertuschungen und Verschleierungen sind keine Fehler von Machtsystemen, sondern gehören zu deren Kennzeichen. Gleichzeitig klärt Der Elefant im Zimmer darüber auf, wie Widerstand gelingen kann. Verblüfft hat mich übrigens, dass sich dieser lange Essay (325 Seiten) so flüssig liest.

Doch sind das nicht einfach Einzelfälle? Können sie überhaupt repräsentativ sein? Ja, können sie, argumentiert Petra Morsbach, denn die Mächtigen hätten „gegen den Kern ihres Auftrags“ verstossen. „Der Chefkleriker verletzte nicht etwa die Haushaltsdisziplin, sondern – neben den Strafgesetzen – die römisch-katholische Sexualmoral, ein Alleinstellungsmerkmal dieser Kirche. Der Untersuchungsausschuss vereitelte nicht einzelne Beweiserhebungen, sondern die Untersuchung selbst, für die er berufen worden war. Die kulturelle Organisation verstiess gegen die Freiheit und Würde der Kunst, die sie verteidigen sollte.“

Der erste Fall handelt von Kardinal Hans Hermann Groër und dessen Pädophilie, die zwar bekannt war, jedoch verschwiegen wurde, bis sich dann ein Opfer ‚outete‘ und der kirchliche Machtapparat aktiv wurde. Wie das vonstatten ging, schildert Petra Morsbach detailliert und differenziert. Dabei zeichnet sie das Bild einer Kirche, der es mehr um Machterhalt als um ihr Credo geht. So recht eigentlich ist das wenig verwunderlich (und trifft wohl auf alle Institutionen zu), doch es ist nicht so simpel, sondern um einiges komplizierter. Und auch gewollt juristisch überkomplex.

Schweigen, Ablenken, sich in allgemeine Floskeln retten, keinesfalls auf konkrete Fragen konkrete Antworten geben. Sprache dient oft nicht der Verständigung, sondern deren Verhinderung. Nicht immer, doch da, wo es um Machterhalt geht. Wie trickreich die Mächtigen beziehungsweise der Machtapparat vorgehen, erfährt man in diesem Buch. „Die Stabilität des Apparats hatte die oberste Priorität. Ihr wurden alle höheren Anliegen geopfert, sie war beinahe zum Selbstzweck geworden. Die missbrauchten Knaben waren so gesehen ein Kollateralschaden.“

Zu den Eigenheiten der katholischen Kirche gehört, dass die Priesterkandidaten ihren Bischöfen Gehorsam versprechen. Petra Morsbach kommentiert das mit ihrem eigenen Witz (der für mich zu den Gründen gehört, weshalb ich ihr Schreiben schätze): „Wer zu dieser Blanko-Erklärung bereit ist, muss eine überdurchschnittliche hierarchische Sehnsucht mitbringen, egal wie zynisch er vielleicht später wird.“ Man kann sich unschwer vorstellen, dass Machtkontrolle nicht zum Wesen der katholischen Kirche gehört.

Immer mal wieder stolpere ich über Sätze, die Grundsätzliches beleuchten (nichts, was in der heutigen Zeit wesentlicher wäre) und von einer realistisch-nüchternen Weltsicht zeugen, die sich nicht hinter einer dieser Pseudo-Fachdisziplinen versteckt, sondern einfach genau hinguckt und eigenständig denkt. „Wie können 17 intelligente, gebildete Bischöfe, die eine Elite religiöser und ethischer Bestimmung darstellen, als Gruppe denselben Automatismen unterliegen wie Konzernchefs, Hells Angels und Paviane? Bei den letzteren Gruppen gehört Dominanz sozusagen zum Anforderungsprofil. Aber bei Stellvertretern Christi? Und doch ist es so. Und es wäre fahrlässig, in Konflikten von etwas anderem auszugehen.“

Fall 2 handelt von Christine Haderthauer, der ehemaligen Chefin der bayerischen Staatskanzlei, und ihrem Mann, dem Arzt Hubert Haderthauer, die mutmasslich von der Arbeit straffälliger Psychiatriepatienten profitierten – drei Schlussberichte kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen, nur einer von diesen war ernsthaft an der Aufklärung des Falles interessiert. Auch hier geschah, was als Muster im Umgang mit Widerstand von unten die Regel ist. „Wenn ein Führungskader öffentlich des Fehlverhaltens bezichtigt wird, verteidigt ihn seine Organisation reflexhaft, selbst wenn keiner an seine Unschuld glaubt – und gelegentlich bis zur Handlungsunfähigkeit, wie der Fall Groër zeigt.“

Doch ein Abgeordneter der Freien Wähler und sein Rechtsberater wehrten sich gegen den Versuch des Untersuchungsausschusses den Fall zu begraben und zur Tagesordnung überzugehen. „Man wollte, wenn man schon nichts erreichte, die Stunden im Ausschuss nutzen, um zumindest auf sinnvolle Weise nichts zu erreichen.“ Sie taten dies, indem sie ganz einfach möglichst genau beschrieben, was der Ausschuss tat beziehungsweise nicht tat. Eine Methode, die sich bewährt und „der Menschheit bedeutende Erkenntnisse beschert.“

Immer wieder kommt Petra Morsbach darauf zurück, dass Der Elefant im Zimmer nicht gesehen werden will. Der Elefant ist die Institution, genauer: die Macht, die um (fast) jeden Preis erhalten werden muss. Man schweigt, lenkt ab, redet über Verfahrensfragen, ereifert sich über Details, rettet sich in die Komplexität – zum Schutz derer, die von den bestehenden Verhältnissen profitieren. Selten ist mir so deutlich aufgegangen, dass das Aufdecken von Missständen alle, die diese bislang nicht bemerkt oder toleriert haben, angreifbar macht. Kein Wunder, mauern sie.

Fall 3 handelt von den Erfahrungen der Autorin als Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren Funktionäre den in der Satzung statuierten Auftrag, „…. die Entwicklung der Künste ständig zu beobachten, in jeder (uns) geeignet scheinenden Weise zu fördern oder Vorschläge zu ihrer Förderung zu machen“ unter anderem mit der Vorschrift verunmöglichen: „Buchvorstellungen macht die Akademie nicht.“ Warum eigentlich nicht? Nur schon so zu fragen, gilt nicht als opportun, sich dagegenzustellen bedarf der Hartnäckigkeit – und darüber verfügt Petra Morsbach, der ein klarer Blick auf sich selber, gepaart mit Selbstironie, eigen ist.

Wie schon in den vorangegangenen Fällen, geht es auch hier um grundsätzliche Fragen. „Kann man gegen Machtmissbrauch überhaupt vorgehen, wenn er von einer jeweiligen Mehrheit geduldet wird? Wie aktiviert man die betrieblich und gesetzlich vorgesehenen Kontrollmassnahmen, wenn die Kontrollpersonen sich auf die Seite der Macht stellen?“ Und wie geht man mit dem Gehorsamsreflex um, der Gruppen zu befallen scheint, wenn ihr Chef angegriffen wird?

„Wieso erhebst du dich über die ganze Institution?“ gehört zu den Fragen, die keine sind und einen der Überheblichkeit bezichtigen. Sie werden meist von Überheblichen vorgebracht, die sich selber nicht als solche sehen. Petra Morsbachs Antwort darauf lohnt allein die Lektüre dieses Essays. Mir jedenfalls ist selten so deutlich geworden, weshalb die Dichtung wichtig und wirkmächtig ist.

Der Elefant im Zimmer, ein Lehrstück über die Mechanismen der Macht, zeigt nicht zuletzt, dass wir in der irrigen Vorstellung leben, von rationalen Überlegungen geleitet zu werden, doch es sind unsere Empfindungen und Einbildungen, die uns selten bewusst sind, die das Sagen haben. Oft fühlte ich mich an einen Jura-Dozenten erinnert, der nach Zivilrechtsübungen meinte: Merken Sie sich: Das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen, Gründe dafür finden wir dann immer noch.

Dass dem nicht so sein muss, wir nicht automatisch zu Opfern unseres zwar gesellschaftlich gewünschten, doch nicht immer gesunden Gehorsams werden müssen, zeigt dieser Essay, dem es wesentlich darum geht, „zur Entmystifizierung der Macht und zur Enthysterisierung des Widerstands“ beizutragen, eindrücklich. Not everything that is faced can be changed, but nothing can be changed until it is faced zitiert die Autorin James Baldwin.

Fazit: Ein überzeugendes Plädoyer für Zivilcourage, basierend auf genauem Hinschauen, eigenständigem Denken und einem aussergewöhnlichen Erzähltalent. Ein notwendiges und hilfreiches Buch!

Petra Morsbach
Der Elefant im Zimmer
Über Machtmissbrauch und Widerstand
Penguin Verlag, München 2020

Rolf Sellin: Wenn die Haut zu dünn ist

Hochsensible müssen einen grösseren mentalen Aufwand treiben und brauchen ein gewisses Know-how, wenn sie sich seelisch gesund erhalten, sich privat und beruflich entfalten wollen“, schreibt Rolf Sellin, selbst hochsensibel, in Wenn die Haut zu dünn ist. Doch was macht eigentlich Menschen zu  Hochsensiblen? Sie nehmen mehr Reize auf als andere, werden von Reizen geradezu überflutet. Einschlägige Forschungen legen den Schluss nahe, dass dieses Temperament angeboren ist und sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben zieht. Doch auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. 

„Wahrnehmung ist der zentrale Punkt im Leben eines Hochsensiblen. Sie ist seine grösste Stärke und Begabung und kann zugleich sein grösster Schwachpunkt sein, wenn er nicht gelernt hat, damit umzugehen.“ Mehr, intensiver und differenzierter wahrzunehmen ist für eine gewisse Zeit höchst bereichernd (wie etwa Drogenkonsumenten wissen), doch wenn dies ständig der Fall ist, laugt es einen Menschen energetisch aus. 

Es gilt also zu lernen, mit dieser Reizüberflutung umzugehen. Und dazu bietet dieses gut aufgebaute Buch praktische Anregungen. Da finden sich Selbsttests, Begriffserklärungen (hochsensibel und hochbegabt sind nicht deckungsgleich), Übungen und kurze, prägnante Zusammenfassungen. Rolf Sellin erläutert die Entstehung des Hochsensibel-Seins in drei Stufen. 1) Das Kind lernt, seinen Körper und seine Empfindsamkeit nicht zu beachten. Anders gesagt: Es lernt, gegen die eigene Komplexität vorzugehen 2) Widersprüchlichkeit ist in unserem Denken nicht vorgesehen.  Anders gesagt: Unsere Welt funktioniert nach Entweder/oder beziehungsweise Schwarz/Weiss 3) Das Kind übernimmt die Perspektive der anderen. Anders gesagt: Weil sie gelernt haben, nicht auf sich selber zu hören, müssen sie sich andere als Referenz-Personen suchen.

Rolf Sellin legt mit Wenn die Haut zu dünn ist eine veritable Wahrnehmungsschulung vor, die nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil sie auf die Praxis ausgerichtet ist. Wie alles, ist auch Wahrnehmung relativ. Wir wissen nicht, was andere genau wahrnehmen, ja, wir wissen meist selber nicht, was wir wahrnehmen, da es sich dabei um einen automatischen Prozess handelt. Doch: „Wahrnehmen ist ein aktiver Akt, er kann durch bewusste Entscheidungen verändert werden.“ Nicht notwendigerweise durch Achtsamkeit (die ist für den Hochsensiblen problematisch, wie der Autor ausführt), sondern durch bessere Selbstzentrierung: „Wer sich selbst nicht wahrnimmt und seine Aufmerksamkeit überwiegend nach aussen richtet, ist energetisch nicht bei sich.“

Ich selber bin nicht hochsensibel, doch einige der hier geschilderten Phänomene sind mir durchaus vertraut und Rolf Sellins Ratschläge willkommen. Insbesondere das Kapitel „Kraft, Energie und Wachstum durch Abgrenzung“ empfand ich als überaus hilfreich. Seine eigenen Grenzen zu kennen, ist nicht nur für Hochsensible entscheidend, denn Grenzen geben Sicherheit, bieten Schutz und erlauben Kontrolle. „An unseren Grenzen wachsen wir“, schreibt Rolf Sellin, denn das meint letztlich: Wir  können (und sollen) verantwortlich sein für das, was innerhalb unserer Grenzen passiert.

„Die Grundvoraussetzung für gelungene Abgrenzung besteht zunächst einmal darin, überhaupt bei sich zu sein und sich selbst körperlich wahrzunehmen.“ Den eigenen Körper wahrzunehmen kann (und soll) man üben. Anregungen dazu finden sich in diesem Buch zuhauf. 

Wir haben die Wahl, müssen uns entscheiden, ob wir uns als Opfer oder als Gestalter unserer Wahrnehmung verstehen. Die Verantwortung für die Steuerung und Dosierung unserer Wahrnehmung und für die Verarbeitung der Reize und Informationen selbst zu übernehmen, eröffnet die Möglichkeit, dass Hochsensibilität zum Segen werden kann. 

Fazit: Ein überaus hilfreiches Buch!

Rolf Sellin
Wenn die Haut zu dünn ist
Hochsensibilität – vom Manko zum Plus
Kösel, München 2020

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