Fleur Sakura Wöss: Innehalten

So recht eigentlich sagt der Titel „Innehalten“ schon alles, denkt es so in mir, bevor ich das Buch überhaupt aufgeschlagen habe, und bin dann positiv überrascht, wie viel man dazu noch sagen kann.

Von Martin Heidegger habe ich einmal gelesen, dass er darüber gestaunt habe, dass es tatsächlich etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Fleur Sakura Wöss auf diese Sätze stiess: „… dass das Konkrete, Materielle, das, was ist, nur eine Seite darstellt. Das, was nicht ist, kann jedoch genauso wichtig, manchmal sogar wichtiger sein. Heute, in der Zeit des ‚Alles ist möglich‘, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir für unser Überleben dem Leeren und den Zwischenräumen unsere Aufmerksamkeit schenken sollten. Wir brauchen eine Revolution der Leere.“

Warum können wir so schwer innehalten?, fragt die Autorin. Es ist dies keine abstrakte Frage, sie stellt sie sich selber, denn sie tanzt auf allen Hochzeiten, funktioniert, macht Karriere, ist vom selben Anerkennungsbedürfnis getrieben wie wir alle. „Ich konnte nicht mehr stehen bleiben. Irgendwo sind mir die Zwischenräume abhanden gekommen, in denen ich Zeit gehabt hätte, mich zu fragen: ‚Werde ich von meinen Bildern und Vorstellungen getrieben, und habe ich tatsächlich noch die Zügel in der Hand?'“

„Immer wieder innehalten: täglich, wöchentlich, jährlich, lebenslang“ ist ein Kapitel überschreiben und das fasst so recht eigentlich zusammen, worum es in diesem Buch geht. Fleur Sakura Wöss führt diesen Gedanken an ganz vielen konkreten Beispielen aus. Die Anleitungen reichen von „Einmal um den Block gehen“ über „Büro-Yoga“ zu „Eine Woche ‚Almhütte'“, zu der sie notiert:

„Ich hatte kein Programm und keinen Plan, und doch hatte mein Tag eine Form. Ich sass im Schaukelstuhl und sah stundenlang in die Natur hinaus. Es entwickelte sich ein Gefühl des Bei-mir-Seins, des Im-Moment-Seins, einer tiefen inneren Stille, die durchwegs eine Art Meditation war – 24 Stunden lang. Aus dem Nichtstun hatte sich ein vollkommen anderes Lebensgefühl gebildet. Ich überliess mich völlig dem Moment und dem, was sich von selbst anbot.“

Was Fleur Sakura Wöss hier beschreibt, ist so recht eigentlich das Gegenteil des hyper-aktiven Lebens, das unsere Zeit kennzeichnet. Keine Karriereziele sind hier gefragt, niemand muss wissen, wo er sich in fünf Jahren sieht, nur die Gegenwart gilt es zu erfahren.
Es geht nicht um Spektakuläres in diesem Buch, es geht um Alltägliches. Den wahren Rhythmus wiederzufinden, zum Beispiel, wozu gehört, Pausen zu machen. Doch was offensichtlich scheinen mag, ist vielen Menschen eben doch nicht wirklich klar. „Gerade Menschen in der Wirtschaft, die an Schaltstellen sitzen und für das (Arbeits-)Leben vieler Menschen verantwortlich sind, sollten zuerst ihr eigenes Leben in den Griff bekommen.“

Das scheint mir allerdings etwas arg idealistisch gedacht. Sicher, das Coaching von Führungskräften ist in Mode und auch populär, doch Manager, die ihr eigenes Leben im Griff haben, funktionieren nicht mehr so gierig und rücksichtslos wie Manager im kapitalistischen System eben zu funktionieren haben. Zugespitzt gesagt: Zen zu üben (oder zu unterrichten), um des wirtschaftlichen Erfolges Willen, verkennt, worum es im Zen geht.

Nichtsdestotrotz: Innehalten  ist ein gelungenes und hilfreiches Buch, reich an praktischen Hinweisen, die uns anleiten, gegenwärtiger und damit wesentlicher zu werden. 

Fleur Sakura Wöss
Innehalten
Zen üben, Atem holen, Kraft schöpfen
Kösel Verlag, München 2017


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A.K. Benjamin: Into Madness

Obwohl ich selber zu denen gehöre, die, wenn sie Deutsch sprechen, immer mal wieder einen englischen Ausdruck benutzen, finde ich die gegenwärtig grassierende Mode, deutschen Büchern englische Titel zu geben, mehr als nur daneben und besonders dann, wenn die englische Originalausgabe (wie im vorliegenden Fall) ganz anders lautet. Konkret: Der deutsche Titel heisst Into Madness, das englische Original Let Me Not Be Mad. Schon ziemlich „mad“, das Ganze.

Das erste der drei Zitate, die dem Text vorangestellt sind, verdeutlicht sehr gut, warum es in diesem Buch geht. „Ein Arzt, der den höchsten Grad der Empathie erreicht, würde zum Patienten werden: Die beiden Perspektiven würden verschmelzen.“ (Valerie Ugazio).
A.K. Benjamin ist kein Arzt, sondern klinischer Neuropsychologe, der über zehn Jahre in einem grossen Londoner Krankenhaus arbeitete und heute in Indien lebt, wo er eine Klinik für Kinder mit neurologischen Störungen aufgebaut hat.

Das vorliegende Buch ist eine Sammlung von Fallgeschichten von Menschen, die vor dem Zusammenbruch stehen. Gleichzeitig ist es die Geschichte des Autors selbst und die Aufklärung über die Art und Weise wie Ärzte und Psychologen arbeiten, ist einer der wesentlichen Gründe, weshalb dies ein ausgesprochen hilfreiches Werk ist. „Auch in unserem Beruf gilt: Nur was gemessen wird, wird auch angegangen.“

„Wenn ein Mediziner versucht, eine Fallstudie zu verfassen, kann er genauso gut alles erfinden, so wenig hat sie mit dem zu tun, was wirklich im Untersuchungsraum vor sich geht. Wenn man, wie Philip Roth glaubt, sich in jemandem täuscht, bevor man ihn getroffen hat, sich wieder in ihm täuscht, wenn man ihn getroffen hat, und sich abermals in ihm täuscht, wenn man über das Treffen nachdenkt, dann kann man beim Schreiben praktisch bei null anfangen.

A.K. Benjamin erzählt von Trafo, einem bald zehnjährigen Buben, der Schmerzen nicht ausstehen kann und dessen Eltern seine Hilfe suchen. Den Buben selber kriegt er nie zu Gesicht, da dieser sich weigert, seine Eltern zu begleiten. Und er berichtet von Lucy, die fälschlicherweise mit Demenz diagnostiziert worden war – was ihn an seine eigene Fehldiagnose, die er als Jugendlicher erhalten hatte, erinnerte. „Das Etikett – so falsch es auch war – verfolgte mich, warf einen Schatten auf Gefühle und Verhaltensweisen, die für sich genommen völlig harmlos waren. Und eine weitere Dimension der selbsterfüllenden, bösartigen Energie, die solche (Fehl-))Diagnosen mit sich bringen: Ich glaubte, alle um mich herum würden mich ebenso sehen. Als hätte man mich einmal mehr abgehakt.“

Und er erzählt noch von ganz vielen mehr Zum Beispiel von Michael und den Folgen seiner dramatischen Hirnverletzung, von Jane, deren Vater ihre Epilepsie peinlich war und auch von sich, seinen Überlegungen, Fragen und Zweifeln. „Ich spüre einen Druck auf der Brust. Neunzig Prozent der klinischen Psychologen – auch die Männer – sind weisse Mittelschichtfrauen. Manchmal fühlte ich mich entmannt. Auf der anderen Seite: Ärzte, Manager, Buchhalter; hyperbeschäftigte Kerle, die einem nicht in die Augen sehen können. Manchmal fühlte ich mich entweiblicht. Das war weit von dem entfernt, was ich mir erhofft hatte, als Lotte mir vor all den Jahren den Gedanken ins Hirn gepflanzt hatte.“

Was Into Madness verdienstvollerweise klar macht, ist, dass wir alle im selben Boot sitzen, die Trennung von aussen und innen, gesund und krank, eine nicht nur willkürliche, sondern so recht eigentlich unmögliche ist. „Es gibt keinen Blick von aussen, keine Perspektive der dritten Person, nur „du“ und „ich“, sodass wir unsicher sind und uns auf gut Glück vorantasten.“

Into Madness  ist ein zutiefst aufwühlendes Buch, das lange nachhallt. Und ich bin froh drum. Nicht zuletzt, weil es eine so wesentliche Einsicht wie diese formuliert: „Das eigentliche Problem daran, sich verändern zu wollen, ist in Wirklichkeit, nicht man selbst sein zu wollen –  wenn man sich denn überhaupt verändern oder irgendetwas  tun kann.“

Ein grossartiges, ein wichtiges Buch!

A.K. Benjamin
Into Madness
Geschichten vom Verrücktwerden
Ullstein Extra, Berlin 2019

Alix Ohlin: Robin und Lark

Es hat etwas Magisches, wie Alix Ohlin schreibt. Ich jedenfalls fühle mich sofort in die Geschichte hinein gezogen und gefangen genommen von ihrem Schreiben. Das ist mir schon bei In einer anderen Haut so ergangen. Es ist die Sprache, einerseits hoch differenziert, anderseits wunderbar fliessend – meisterhaft, wie übrigens auch die Übertragung aus dem Englischen von Judith Schwaab.

Marianne, eine schöne Frau, hat zwei Töchter. Lark, von ihrem ersten Mann, der eines Tages einfach so aus ihrem Leben verschwand, und Robin, von ihrem zweiten Mann, der überraschend an Krebs starb. Die beiden könnten verschiedener nicht sein. Lark, klug, fleissig und still, die alles methodisch angeht; Robin, wild, impulsiv und eine begnadete Pianistin. Wie viele eigenwillige Personen, leidet ihre Mutter unter starken Stimmungsschwankungen, die Töchter passen sich an, „Wir wussten nie, mit welcher Marianne wir zu rechnen hatten, und so lernten wir, nichts zu erwarten und nichts zu verlangen.“

Immer mal wieder bringt mich Robin und Lark zum Schmunzeln, indem es mir die zum Teil liebenswürdige Absurdität unseres Tuns vor Augen führt. „Robin trug wie ich meistens Secondhandkleidung aus einer Boutique in der Nachbarschaft mit dem Namen Mimi La Guerre, deren Besitzerin weder Mimi hiess noch erklären konnte, wo dieser Krieg war, die uns aber mochte und uns Outfits für weniger als einen Dollar verkaufte.“

Die Wege der beiden ungleichen Schwestern, die sehr aneinander hängen, trennen sich, als Lark mit 17 ein Stipendium erhält und zum Studieren in die USA geht, über die der drei Jahre ältere Gordon („Er erinnerte mich an einen Orang Utan, und fast hätte ich ihm das gesagt, doch dann wurde mir bewusst, dass er das vielleicht nicht als Kompliment auffassen würde.“) sie aufklärt: „… dieses Land hier wurde von religiösen Extremisten gegründet, und das sagt alles über unseren nationalen Charakter aus.“

Als Lark sich „ohne besondere Motivation und ohne gross darüber nachzudenken“ für einen Kurs über Filme einschreibt, verliebt sie sich neu, „diesmal in akademischer Hinsicht.“ Anlässlich der Besprechung eines Dokumentarfilms, in dem Werner Herzog wegen einer verlorenen Wette mit Errol Morris seinen Schuh isst, kommentiert Professorin Olga Iwanow, „dies als Beispiel für sublimierte sexuelle Begierde als Bekräftigung patriarchalischer Bande, was jedoch nicht heissen solle, ‚dass sie nicht beide grosse Filmemacher gewesen sind‘, fügte sie hinzu. ‚Nur dass die Kamera aus einer Position männlichen Verlangens und Begehrlichkeiten agiert.’“ Ich habe Tränen gelacht, als ich das las.

Die beiden ziehen nach New York, wo Robin Musik und Lark Film studiert. Dann reist Robin mit ihrem Freund nach Island und bleibt lange Zeit weg. Das einzige Lebenszeichen ist eine Postkarte aus Schweden. Als sie dann plötzlich zurückkehrt, erklärt sie nichts. Dann geht Lark …

Es ist selten, dass ein Buch Empathie und Sympathie für zwei so ganz unterschiedliche Charaktere zu vermitteln vermag. Solches Schreiben setzt genaues Beobachten und Sich-Zeit-Nehmen voraus. Sowie ein aussergewöhnliches Talent, die ungemein vielfältigen Manifestationen des Lebens zu spüren und in Worte zu fassen. Alix Ohlin, 1972 in Montreal geboren und als Leiterin des Studiengangs für Kreatives Schreiben an der University of British Columbia in Vancouver lebend, ist eine höchst beeindruckende Autorin.

Robin und Lark ist aus der Sicht von Lark geschrieben, ihr Verhältnis zu Robin bildet den Hauptstrang des Romans. Doch auch die Schilderungen ihres Verhältnisses zur Mutter und zu ihrem Arbeitsgeber und späteren Partner sind von grosser Hellsichtigkeit geprägt, die oft sehr witzig („Wir waren weniger ein Paar als ein Zusammenschluss von Kräften.“) und ausgesprochen smart („Nicht alle neuen Erkenntnisse waren leicht hinzunehmen.“) sind.

Fazit: Sehr berührend, äusserst unterhaltsam und voller gescheiter Einsichten ins menschliche Empfinden. Ungeheuer dicht und befreiend leicht – eine seltene und unwiderstehliche Kombination!

Alix Ohlin
Robin und Lark
C.H. Beck, München 2020

Kassia St Clair: Die Welt der Stoffe

Immer mal wieder bin ich höchst verblüfft, dass ich über ganz viele Dinge noch gar nie nachgedacht habe. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass einige von ihnen allgegenwärtig sind und man selten sieht, was vor der eigenen Nase liegt. Klar doch, ich spreche von mir. Stoffe, zum Beispiel. Kleider, Bettlaken, Sofas, Handtücher, die Planen eines Zeltes, die gepolsterten Sitze im Zug. „All das besteht aus Stoff, gewebt, gefilzt oder gestrickt“, schreibt Kassia St Clair, die Autorin des ganz wunderbaren Die Welt der Farben, in Die Welt der Stoffe, das 13 sehr unterschiedliche Geschichten enthält, welche die weitreichende Bedeutung von Stoffen verdeutlichen.

Von den Anfängen des Webens, vom Ein- und Auswickeln ägyptischer Mumien und der Seide im alten China, schreibt sie. Aber auch von der dunklen Vergangenheit der Viskose sowie Anzügen für den Weltraum. Und von den Wollsegeln der Wikinger. Hier nur soviel: „Die Geschichte der Entstehung der Wikingersegel beginnt – wie die meisten Geschichten über Wolle – mit Schafen.“

À propos dunkle Vergangenheit der Viskose: Die Viskose ist eine künstlich hergestellte Faser aus Zellulose, die mit Natronlauge und Kohlenstoffdisulfid behandelt wird. Letzteres hatte schlimme Nebenwirkungen auf Körper und Psyche. „In West-Java wurde halbfertiger Viskosemüll um Dörfer herum gefunden, die in der Nähe einer grossen Viskosefabrik lagen. Und Firmen, die Marken wie Zara, H&M, Marks & Spencer, Levi’s, Tesco und Eileen Fisher belieferten, wurden dabei ertappt, wie sie nachts illegal Fabrikabfall in Flüsse geleitet und damit zur Verseuchung und Vergiftung des Grundwassers beigetragen haben.“

Die Welt der Stoffe  machte mich auch immer wieder staunen. Etwa darüber, wie raffiniert die alten Ägypter die Gräber für ihre Priester und Herrscher der ersten Dynastien schützten. „Sie sind gespickt mit falschen Türen, Geheimgängen  und von grossen Felsbrocken versiegelten Türen.“ Oder dass ein in Budapest geborener Jude namens Aurel Stein eine der wichtigsten archäologischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts machte, als er im Nordosten Chinas auf eine Bibliothek mit über 10’000 Dokumenten, Kunstwerken und Seidenstoffen stiess.“Zur Sammlung zählte das Diamant-Sutra, eine Ausgabe der Predigten von Buddha und das älteste gedruckte Buch.“

Kassia St Clair ist eine ausserordentlich begabte Autorin, die nicht nur gut zu erzählen weiss, sondern auch allerhand Wissenswertes zusammengetragen hat, das sie spannend und unterhaltsam darzustellen versteht. So lerne ich unter anderem, dass der aus der Baumwolle gefertigte Stoff, „womöglich das erste globale Handelsgut“ war. Oder dass bereits im alten Ägypten (ca. 2649-2150 v.Chr.) Flachs angebaut und aus diesem Leinen hergestellt wurde.
Es findet sich übrigens auch ein Glossar in diesem schön gestalteten und mit originellen Illustrationen versehenen Werk, dem unter anderem zu entnehmen ist, dass es sich bei Bastfasern um „zähe, flexible innere Fasern von Pflanzen wie Flachs“ handelt, und mit Spinnen das „Fasern verdrehen, um Faden herzustellen“ gemeint ist. 

Fazit: Intelligente Aufklärung vom Feinsten!

Kassia St Clair
Die Welt der Stoffe
Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

Heiner Fangerau / Alfons Labisch: Pest und Corona

Wir leben in aufgeregten Zeiten, die Reaktion auf das neue Corona-Virus war (und ist) von Panik geprägt. Eine nüchterne Einschätzung ist nötig und das Zitat von Max Pettenkofer aus dem Jahre 1873, das diesem Buch vorangestellt ist, zeigt an, dass es bei Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft genau darum geht.

„Der freie Verkehr ist ein so grosses Gut, dass wir es nicht entbehren könnten, selbst um den Preis nicht, dass wir von Cholera und noch vielen anderen Krankheiten verschont blieben. Eine Sperre des Verkehrs bis zu dem Grade, dass die Cholera durch denselben nicht mehr verbreitet werden könnte, wäre ein viel grösseres Unglück als die Cholera selbst …“.

Die Buch schildert einerseits die aktuelle Lage (Redaktionsschluss war der 16. April 2020) und unternimmt andererseits den Versuch, Covid-19 in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse informieren über die derzeitige Wissenslage. „Für sich selbst sind Viren nicht vermehrungs- und damit nicht überlebensfähig. Die nach wie vor diskutierte Frage, ob Viren überhaupt Lebewesen sind, ist nicht abschliessend entschieden, obwohl eine Mehrheit der Virologen dazu neigt, sie nicht als solche zu betrachten.“ Zur Zeit geht man davon aus, dass Covid-19 in Fledermäusen zuhause und für den Menschen nicht pathogen ist. Um auf den Menschen überspringen zu können, benötigt das Virus einen zweiten Wirt, möglicherweise kleine Gürteltiere, die in China als Delikatesse gelten und deren Haut als medizinisches Heilmittel verwendet wird. Definitiv geklärt ist das bisher nicht.

Pest und Corona klärt auf, indem es eine Meta-Perspektive einnimmt, das Ganze also gleichsam von oben betrachtet. Dies erlaubt, Zusammenhänge zu sehen, die oft zu kurz kommen. Das liegt unter anderem an unserer Ignoranz, welche zum Geschäftsmodell der Medien gehört. Damit ein Ereignis unsere Aufmerksamkeit erregt und registriert wird, muss es sich als gute Erzählung eignen, also eindeutig, einfach und verpersönlicht sein. Komplexität ist nicht medientauglich – und das ist ein Problem.

„Malaria verursacht mehr als 300 Millionen Erkrankungen und eine Million Todesfälle pro Jahr. 90 Prozent der Toten kommen aus dem subsaharischen Afrika, und die meisten der Verstorbenen sind unter fünf Jahre alt.“ Ist also Covid-19 nur eine „skandalisierte Krankheit“? Gemessen an den Infektions- und Todeszahlen, ja, gemessen am Potential der rasanten Verbreitung, nein, überhaupt nicht, sondern ein „echter Killer“.

Alles ist miteinander verbunden und der weltumspannende Handel und Tourismus, die seit Jahren zunehmen, macht das noch offensichtlicher. Wir Menschen benehmen uns auf unserem Planeten so rücksichtlos wie das unser kapitalistischer Wettbewerbswahnsinn fordert. Die Sprache zeigt es deutlich. „Krankheit ist Krieg, das Virus der Feind: Vernunft, Entbehrung und Zusammenhalt sollen helfen, den Krieg zu gewinnen …“. Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus, heisst es bekanntlich.

Was seuchenmässig auf dem Planeten Erde passiert, hängt wesentlich von den gesundheitlichen Umgebungsbedingungen an, so die Autoren von Pest und Corona. Jäger und Sammler waren einst in relativ kleinen Gruppen unterwegs, der moderne Mensch lebt häufig in dichtbesiedelten Gebieten – und diese sind der Ausbreitung von Epidemien extrem förderlich.

Die historische Sicht macht unter anderem deutlich, dass auf Epidemien unterschiedlich reagiert wird. So wurde etwa um die Influenza-Epidemie der Jahre 1957/1960 kaum Aufhebens gemacht. Ganz anders heute, im Falle von Covid-19: „2020 wird das ganze Land wegen einer noch nicht feststehenden Letalitätsrate auf Wochen hin stillgelegt.“ Was genau hat sich da verändert? Da wird es wie immer ganz viele und ganz verschiedene Antworten geben, doch dass der heutige Mensch nicht mehr bereit ist, den Tod einfach so hinzunehmen, scheint mir offensichtlich.

„Gesellschaftliches Zusammenleben im lokalen, im regionalen, im nationalen und im internationalen Raum ist unser Lebenselixier.“ Dies ist die Grundthese von Pest und Corona, das dafür plädiert, gegen epidemische Krankheitsbedrohungen rasch und entschlossen vorzugehen und sie im Keim zu ersticken, zur selben Zeit jedoch alles tun soll, um das soziale und wirtschaftliche Leben möglichst aufrechtzuerhalten. Dieser höchst überzeugende medizinische Vergleich illustriert dies treffend: „Der Hirnchirurg muss eine Blutung im Hirn unterbinden, gleichzeitig muss er die Blutzufuhr ins Hirn aufrechterhalten, sonst stirbt erst das Hirn und dann der Mensch.“

Fazit: Eine überaus erhellende Lektüre; Pest und Corona sollte Pflichtlektüre sein!

Heiner Fangerau / Alfons Labisch
Pest und Corona
Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Herder, Freiburg im Breisgau 2020

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