Alafair Burke: Die perfekte Schwester

Chloe Taylor, erfolgreiche Verlegerin in New York, ist verheiratet mit Adam, dem Ex-Mann ihrer Schwester Nicky, der seinen Sohn Ethan in die Ehe gebracht hat.

Wie viele Erfolgreiche hat Chloe klare Vorstellungen, was sie will. Und auch, wie sie ihren Mann will. Dieser ist zwar als Staatsanwalt glücklich, sie jedoch sieht ihn als Partner in einer Kanzlei – was er dann auch wird, doch glücklich ist er nicht dabei, er hasst es, sich für die Interessen von Mandanten einzusetzen.

Eine Gala-Veranstaltung der Medien-Elite des Landes, Chloe ist die Preisträgerin. Als sie am frühen Morgen nach Hause kommt, liegt ihr Mann tot in der Wohnung, erstochen. Chloes Welt bricht zusammen, die Gründe sind mannigfaltig.

Dann trifft Nicky bei Chloe und Ethan ein und macht sich breit – eine Chaos-Frau, Alkoholikerin, stabil allein in ihrer Instabilität, doch mit viel derbem Humor. „Hey, was ist der Unterschied zwischen einem G-Punkt und einem Golfball? Nach einem Golfball fängt der Typ wirklich an zu suchen.“

Die beiden Schwestern können einander nichts vormachen. Sehr schön, wie Alafair Burke aufzeigt, dass man zwar ganz unterschiedliche Lebenswege einschlagen kann, inklusive Erfolg oder Nicht-Erfolg, doch dass dies am jeweiligen Charakter nichts ändert. Und dass man auf seine Eltern ganz verschieden reagieren kann – Nicky wehrt sich, Chloe wird zum Kontrollfreak.

Dann wird der 16jährige Ethan verhaftet und des Mordes an seinem Vater angeklagt. Chloe geht den letzten juristischen Tätigkeiten in Adams Leben nach und stösst dabei auf allerlei Ungereimtes, bei dem auch das FBI eine Rolle spielt

Alafair Burke hat Psychologie und Jura studiert. Und das merkt man – gekonnt bringt sie die juristischen Details rüber; schildert die Verhandlung vor dem Geschworenengericht kenntnisreich und spannend. Gleichzeitig erzählt sie davon wie das, was wir tun, in uns angelegt ist. So sagt sich Chloe einmal: „Ich war schwach. Ein Feigling. Eine Heuchlerin. Ich war genau wie meine Mutter.“

Erstaunt und auch etwas irritiert war ich hingegen darüber, dass Chloe überhaupt nicht um ihren Mann zu trauern schien – dass das seinen guten Grund hat, zeigt sich im Verlaufe der Geschichte.

Was anhand von Chloe andrerseits überaus eindrücklich dargelegt wird, ist, wie Menschen, die sehr erfolgreich sind und äusserlich perfekt erscheinen, noch in einer anderen, privaten Welt unterwegs sind. „Hier geht es nicht um ihr öffentliches Image, okay? Wir sind hier im richtigen Leben“, wird sie von ihrer Anwältin angeblafft.

Von der Komplexität weiblicher Beziehungen handelt dieser Roman. Und von den manchmal widersprüchlichen Beziehungen zwischen erwachsenen Geschwistern. Dass Alafair Burke sich dafür des Thrillers bedient, hat auch damit zu tun, dass wir in diesem Genre häufig mehr über unsere Wirklichkeit erfahren als in sozialpsychologischen Studien.

Die perfekte Schwester überzeugt rundum. Das liegt unter anderem an den überraschenden Wendungen, die diese Geschichte nimmt. Und es liegt daran, dass einem informierte und clevere Einsichten in die Polizeiarbeit, die Justiz, das Mediengewerbe und die problematischen Auswüchse (Drohungen, Verunglimpfungen, Hass-Mails) der sogenannten sozialen Medien nahe gebracht werden.

Alafair Burke
Die perfekte Schwester
Aufbau Taschenbuch, Berlin 2020

Whitney Scharer: Die Zeit des Lichts

Die Zeit des Lichts (The Age of Light im englischen Original) ist ein überaus treffender Titel, um das Leben einer Fotografin zu beschreiben, vor allem einer so vielfältig begabten wie Lee Miller, die sich sowohl als Mode-, Porträt- wie auch als Kriegsfotografin einen Namen gemacht hatte.

Der Auftakt zu diesem Debütroman könnte gelungener kaum sein. Es ist das Jahr 1966 und Lee Miller lebt mit ihrem Mann Roland Penrose auf der Farley Farm im englischen Sussex. Sie erwarten Gäste, Lee ist in der Küche zugange und trinkt. Als Leser glaubt man bei diesem Alkoholabsturz mit dabei zu sein, so realistisch wird er von Whitney Scharer geschildert.

Rückblende: Paris 1929. Die dreiundzwanzigjährige Lee, die zuvor in New York für Edward Steichen und Condé Nast als Model gearbeitet hatte, lernt Man Ray kennen und will von ihm das Fotografieren lernen. „Hier in Paris, wo sie noch einmal von vorn anfangen will, wo sie Kunst machen will, statt dazu gemacht zu werden, kümmert sich niemand gross um ihre Schönheit.“ Wobei: Letzteres ist irgendwie schwer vorstellbar.

Ein Zeitensprung. London 1940. Es herrscht Krieg, beim Pfeifen der Bomben wird ihr regelmässig schwindelig. „Niemand, dem sie erklären kann, wie sehr sie sich nach dem Morgen danach sehnt, wenn sie mit der Kamera durch die ausgebombte Stadt läuft, die sich wie von einem surrealistischen Bühnenbildner vor ihr ausbreitet. Eine zerstörte Kirche, und auf den Trümmern schwankend eine völlig unversehrte Schreibmaschine. Eine Statue, von der nur noch der flehende Arm übrig ist. Ihre dunkle Seite, die sich an der Ungezügeltheit der Explosionen erfreut.“ Besser kann man kaum zeigen, wie Worte Bilder im Kopf entstehen lassen.

Die dunkle Seite, die Whitney Scharer an Lee Miller wahrnimmt, manifestiert sich als eine Art Abgespalten-Sein. Im Hotelzimmer mit einer Zufallsbekanntschaft: „Lee spürt, wie ihr Geist sich von ihr löst, wie so oft beim Sex, und sie schwebt über dem Bett und blickt auf sich herab.“ Am nächsten Morgen fühlt sie „sich so wie meistens: eingesperrt, erdrückt und vor allem unglaublich gelangweilt.“

Doch zurück nach Paris, wo Man Ray sie in die verschiedenen Aspekte der Fotografie einführt. Sie verliebt sich in ihn, sie werden ein Paar, sind sich ähnlich in ihrer Besessenheit. „Tagelang nimmt Man keine Kunden an. Sie schliessen die Tür zum Studio ab. Lee geht nichts ans Telefon.“ Woher weiss die Autorin das? Immer wieder muss ich mich daran erinnern, dass dies ein Roman beziehungsweise eine Romanbiografie ist. Die Zeit des Lichts ist auch die Geschichte zweier talentierter, egomanischer und obsessiver Menschen.

Wiederum ein Zeitensprung. Juli 1944. Normandie. Lee knipst Fotos in einem Lazarett. Die Logik dieser Zeitensprünge erschliesst sich mir nicht; mein Interesse, ja, meine Neugier für diese Biografie schmälert das allerdings nicht. Die Passagen über ihre Zeit als Kriegsfotografin liefern auch historische Aufklärung. „Lee erfährt, wie die Nazis sich der Gefangennahme entziehen. Gift, Kugeln, Stricke (…) Jemand erzählt ihr, jeder einzelne Nazi im Leipziger Rathaus habe Selbstmord begangen. Dafür hasst sie sie nur noch mehr, die Feiglinge.“ (Leipzig, 20. April 1945).

Sie lernt Jean Cocteau und andere Surrealisten kennen. Und entdeckt, dass ihr die Schauspielerei liegt. Sie modelt  für den Perfektionisten George Hoyningen-Huene, zusammen mit Horst P. Horst, der wie sie auch lieber auf der anderen Seite der Kamera arbeiten würde. „Neben dem Modeln nimmt sie kleine Schreibaufträge an, hauptsächlich belangloses Zeug, aber es macht ihr Spass, die Storys in die Maschine zu hämmern, und noch schöner findet sie es, ihren Namen daneben stehen zu sehen.“

Lee Miller, wie sie Whitney Scharer schildert, war eine überaus komplexe, rastlose und clevere, von starken Emotionen dominierte Frau voller Abgründe, deren Verständnis von Fotografie mir sehr sympathisch ist. „… sie glaubt eben nicht, dass Kunst immer eine Botschaft transportieren muss. Am besten findet sie die Sachen von Man, die keine Erklärung brauchen, keinen Kontext, die einfach nur ein Gefühl in ihr auslösen.“

Fazit: Ein überaus einfühlsames, gut erzähltes, differenziertes und überzeugendes Porträt.

Whitney Scharer
Die Zeit des Lichts
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Armin Grau: Reine Nervensache

„Auffällig ist“, so Professor Armin Grau in seiner Einleitung, die den Wochenbeginn auf einer Neurologie Station beschreibt und sich wie ein Thriller liest, „dass manche Krankheiten, gerade auch solche der Nervensysteme, neu auftauchen oder auch wieder verschwinden, häufiger werden und seltener auftreten, ein Hinweis darauf, dass Umwelt und gesellschaftliche Lebensbedingungen einen Einfluss auf ihr Auftreten haben.“

Reine Nervensache sei „ein unterhaltsames und leicht verständliches Buch“ lese ich auf dem Umschlag. Also für mich nicht. Hier schreibt ein Mediziner und das liest sich zum Beispiel so: „Mit Spatel und Visitenlampe verschafft sich Dr. Said einen Überblick über den Rachen des Patienten. Die Gaumenbögen sind symmetrisch, bei Lautbildung hebt sich das Gaumensegel mittelständig, die Würgereflexe, die der Arzt vorsichtig mit dem Watteträger auslöst, sind beidseits schwach erhalten, im Rachen liegt kein Speichel und der Schluckakt kann gut initiiert werden.“ Trotz der einfachen und klaren Sprache muss ich mich da ziemlich konzentrieren, um folgen zu können.

Professor Graus Forschungsschwerpunkt ist der Schlaganfall und seine diesbezüglichen Ausführungen sind ausgesprochen hilfreich. So listet er nicht nur die Risikofaktoren auf, sondern zeigt auch, wie wir einige von diesen beeinflussen können. Zu denen, welche die Medizin nicht beeinflussen kann, gehören Alter, Geschlecht und erbliche Faktoren.

Unter der Kapitelüberschrift „Wie unser Gehirn funktioniert“ notiert er: „Wir Neurologen haben so wenig Ahnung von dem Organ, mit dem wir uns beschäftigen, wie kein anderes medizinisches Fach“. Doch was dann folgt, ist eine differenzierte Abhandlung über den Aufbau des Gehirns und seine Funktionsweise, für die man sich Zeit nehmen sollte, weil sonst kaum was hängenbleibt. Klar doch, ich spreche von mir.

Übrigens: Bei unserem Gehirn handelt es sich nicht um einen Super-Computer, von dem wir erwarten, dass er Bilder, Töne und Texte korrekt abspeichern und genau so widergeben soll. Unser Gehirn nimmt nicht einfach wahr, was ist, denn wir wären von all den Einzelheiten heillos überfordert. Stattdessen wählt das Gehirn aus, gewichtet und konstruiert so unsere Wirklichkeit. Dass die Wahrnehmung dieser Wirklichkeit überdies individuell getönt ist, gehört für mich zu den Wundern des Lebens.

Professor Grau führt aus, wie Nerven  und Muskeln zusammenwirken. Dabei lerne ich viel für mich Erstaunliches, was natürlich auch daran liegt, dass ich kaum über anatomische Kenntnisse verfüge. Etwa, dass der Unterarm für alle jungen Medizinstudenten eine besondere Herausforderung darstellt. „Nicht weniger als 19 Muskeln auf jeder Seite führt mein Anatomie-Atlas auf.“ Oder dass auch die inneren Organe (Herz, Magen, Darm, Harnblase) von Nerven versorgt werden. 

Erläutert werden auch chronische Nervenschädigungen, Epilepsien, Multiple Sklerose, Parkinson, Demenz. Von ganz Vielem lese ich zum ersten Mal und bin fasziniert. Von Bauchhautreflexen zum Beispiel. Überdies findet man in diesem Buch auch praktische Tipps, sei es zur Erkennung eines Schlaganfalls, sei es zu vorbeugenden Massnahmen, die dem Schutz unserer Gesundheit dienen.

Reine Nervensache ist ein überaus nützliches Buch, das anhand höchst instruktiver Fallgeschichten unser Nervensystem erklärt und aufzeigt, wie Neurologen arbeiten.

Armin Grau
Reine Nervensache
Wie das Nervensystem unser Leben bestimmt
C.H. Beck, München 2020

Kathryn Schneider-Gurewitsch: Reden wir über das Sterben

So recht eigentlich geht es in unseren Corona-Zeiten wesentlich um Fragen des Todes und des Sterbens. Und wie üblich steckt der Mensch den Kopf in den Sand. Reden wir über das Sterben, vor der gegenwärtigen Pandemie geschrieben, tut das Gegenteil und stellt sich der Realität, also dem Tod und damit auch dem Leben.

Reden wir über das Sterben ist das Vermächtnis der 2014 verstorbenen Ärztin Kathryn Schneider-Gurewitsch. Es sei gleich vorweggenommen: Dies ist eines der hilfreicheren Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe, obwohl ich nicht mit allem einig gehe. So schreibt sie über ihr „Credo“, dass Offenheit immer der beste Weg sei: „Offenheit bedeutet, dass wir anerkennen, dass unsere Wertvorstellungen nicht unbedingt denen von anderen Menschen entsprechen. Respekt vor den anderen ist angesagt.“ So allgemein formuliert, als Grundüberzeugung und Leitlinie, stimme ich zu, in gewissen konkreten Fällen – gänzlich rücksichtslosen Menschen, zum Beispiel – hingegen nicht.

Ihre grundsätzlich offene Haltung ist bei allem, was sie schreibt, spürbar. Dazu gehört, dass sie nicht einfach von sich auf andere schliesst. Und auch, dass sie der Komplexität des Lebens Rechnung trägt. „Die Arbeit auf ein Ziel hin ist für mich Lebenselixir. Ob das zu einer Lebensverlängerung beigetragen hat? Das glaube ich nicht wirklich. Aber wir haben ja noch viele Wissenslücken.“

Die 1951 im amerikanischen Schenecetady geborene und in Zürich aufgewachsene Kathryn Schneider-Gurewitsch war Sängerin in verschiedenen Folk-Rock-Gruppen und machte einen Abschluss als Dipl.Arch. ETH bevor sie in Medizin promovierte. Ihre erste Krebsdiagnose erhielt sie im Alter von 37, die zweite im Jahre 2002 und die dritte 2009. Geeigneter kann man kaum sein, um übers Sterben zu schreiben.

Reden wir über das Sterben ist geprägt von einer Haltung, die sich durch das ganze Buch zieht: „Mir liegt am Herzen, dass sich die Menschen rechtzeitig auf den Weg machen, dass sie – soweit überhaupt möglich – Weichen stellen. Denn nur so können wir hoffen, unwürdige Situationen und Kämpfe zu vermeiden.“

Was ist besser, im Spital oder zu Hause zu sterben? Wie immer: Es kommt drauf an. „Es ist letztlich egal, wo wir sterben, wenn wir gut und liebevoll betreut werden. Es ist heute an vielen Orten möglich, würdevoll zu sterben: zu Hause, im Spital, in einem Pflegeheim, in einem Hospiz und sogar auf mancher Intensivstation.“ Angesichts der Bilder, die uns heutzutage aus Intensivstationen erreichen und an Science-Fiction-Szenarien gemahnen, kriegen Sätze wie diese noch eine ganz neue Dimension: „Wie dürfen nie vergessen, dass Todesumstände lebenslänglich bei den zurückbleibenden Familienmitgliedern nachwirken.“

Reden wir über das Sterben zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass es von der Praxis geprägt ist, von einer reflektierten Praxis notabene. Das meint unter anderem, dass es zu verstehen gilt, dass es weder die Ärzte noch die Patienten gibt, sondern dass da immer Individuen unterwegs sind, einige gut informiert, andere eher nicht, einige zwischenmenschlich begabt, andere überhaupt gar nicht. Als Richtlinie beim Arzt/Patient-Verhältnis sollte gelten: „man müsste den Patienten eben nicht nur sagen, was die Erfolgschancen bestenfalls ein könnten, sondern auch, was sie durchmachen müssen, um zu den seltenen Gewinnern in diesem Lotto zu gehören.“

Kathryn Schneider-Gurewitsch klärt auch darüber auf, dass die Medizin zwar mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet, jedoch keine exakte Wissenschaft ist – zu viele Faktoren spielen etwa bei einer Prognose hinein, die nicht genau gewusst werden können. Dazu kommt, dass gut zu informieren nicht bedeutet, dass der Adressat die Information auch versteht. Sich darüber im Klaren zu sein, ist überaus nützlich.

Auch mit den Kosten des Gesundheitssystems („dass die Gesellschaft letztlich entscheiden muss, wofür sie ihre beschränkten Ressourcen einsetzen will.“) befasst sich die Autorin sowie mit der Patientenverfügung („keine Vorstufe zum assistierten Suizid“) und der Hilfe beim Sterben, wobei sie auch den mir ausgesprochen sympathischen Satz äussert: „Ich denke, es ist sehr wichtig, die eigene Meinung nicht für die einzig richtige zu halten.“

Reden wir über das Sterben gehört nicht zu den Sterbebüchern, in denen der Werdegang sowie der Krankheitsverlauf der Schreibenden abgehandelt wird. Stattdessen ist es eine differenzierte, gescheite und von gesundem Menschenverstand geprägte Auseinandersetzung einer pragmatisch orientierten Frau, die ihre reflektierten Lebenserfahrungen teilt. Also keine persönliche Nabelschau, sondern der gelungene Versuch, engagiert, eigenwillig und selbstkritisch, das Erfahrene und Gelernte in den Dienst der Lebensqualität zu stellen.

Fazit: Ein wertvolles Vermächtnis, das Mut macht, sich auf die Komplexität des Lebens einzulassen.

Kathryn Schneider-Gurewitsch
Reden wir über das Sterben
Vermächtnis einer Ärztin und Patientin
Limmat Verlag, Zürich 2020

Agnete Friis: Der Sommer mit Ellen

Die meisten Erwartungen, mit denen ich durchs Leben gehe, sind mir nicht bewusst. Bei Agnete Friis‘ Der Sommer mit Ellen ist das etwas anders. Das liegt nicht daran, dass sie und ihr Werk mir bekannt sind, das liegt daran, dass dieser Roman in Jütland spielt, ich mit Jütland (und mit Dänemark generell) gute Erinnerungen verbinde und mir nun eine anregende Kopfreise in die dänischen 1980er Jahre erwarte – und die kriege ich auch.

Jakob, 53, Architekt, geschieden und in Kopenhagen lebend, erhält einen Anruf von seinem Onkel Anton. Er müsse Ellen finden, sagt er. Und dazu brauche er Jakobs Hilfe.

Rückblende. Als Gymnasiast, Ende der 1970er Jahre, hatte Jakob seinem Onkel in Jütland bei der Kartoffelernte geholfen. Und dabei auch Ellen kennengelernt. „Wahrscheinlich war sie eine von den Hippies, die in der Kommune wohnten.“ Sie ist 29. Und hat einen Freund, irgendwie. Jakob verliebt sich in sie. Karsten, Ellens Freund, merkt das und klärt den 15Jährigen auf. „Es ist reine Biologie, my friend, genau wie das Gras hier. Es wirkt einfach, und alle lieben Ellen.“

Jakobs Vater Erik, ein Säufer und Hobby-Archäologe, der nicht dafür gemacht war, alleine zu sein, trank nicht mehr, seit seine Frau ihn verlassen hatte. Es sind solche Wahrheiten (erst wenn man seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hat, ist man bereit von einem destruktiven Verhalten zu lassen), die mir diesen Roman sympathisch machen. Und auch der mich sehr ansprechend gestaltete Buchumschlag.

Eine Frau namens Lise war damals zu Tode gekommen; es schien Einigkeit darüber zu bestehen, wer der Täter gewesen war, doch es kommt anders. Ellen bleibt bei der ganzen Geschichte eine Person der Vergangenheit.

Ein Sommer mit Ellen lebt nicht zuletzt von wunderbar originellen Dialogen:

„Der Kampf um die Gleichberechtigung ist verloren, solange diese Dinger hier modern sind“, sagte sie und zupfte irritiert am orangefabenen Rock. „Unsere Eitelkeit wird uns den endgültigen Sieg kosten.“ „Ich wusste gar nicht, dass wir im Krieg sind.“ Ich hatte Lust, sie zu umarmen (…) „Nee, davon hast du wohl keine Ahnung.“ Sie brach einen Zweig ab und warf ihn nach mir. „Du bist ein grosser, dummer Junge, aus dem irgendwann ein grosser, dummer Mann wird.“

„Darf man als alter Mann so früh am Tag trinken?“ Er legte seine schwere Hand auf meine Schulter und lächelte. „Wenn man alt ist, darf man alles tun, was man noch kann.“

Auf seiner Suche nach Ellen macht Jakob auch ihren damaligen Freund Karsten ausfindig, der mittlerweile ein erfolgreicher Geschäftsmann ist – von links unten nach rechts oben, der Werdegang vieler 68er und Spät-68er – , dessen Wohnzimmerwand, sämtliche Literatur enthält, die Jakob gerne gelesen hätte. Ulysses, Das Kapital, der Idiot, Krieg und Frieden. Lolita. Der Prozess. Hemingway und Kierkegaard.

Ein Sommer mit Ellen ist ein Roman über Beziehungen, voller Leute, die sich erfahrungsgesättigte, zum Schmunzeln einladende Gedanken machen. „Männer können ja mit der Zeit etwas eigen werden hier draussen auf dem Land. Es ist immer besser, wenn sie eine Frau haben, sonst werden sie seltsam.“ Und so nachdenklich machende Sätze wie diesen von sich geben: „Die Wahrheit kann ziemlich verstörend sein, wenn man auf den Tod zugeht.“

Fazit: Eine gelungene Reise in die 1970er und 1980er Jahre, die das damalige Milieu in der dänischen Provinz eindrücklich lebendig werden lassen.

Agnete Friis
Der Sommer mit Ellen
Eichborn, Köln 2020

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