Frédéric Martel: Sodom

Franziskus sei der erste Papst, der die rigide Sexualmoral der katholischen Kirche lockern wolle, so der Journalist Frédéric Martel, der vier Jahre lang über den Vatikan recherchierte und dabei 1’500 Informanten befragte, darunter 41 Kardinäle und 52 Bischöfe. Nun gut, dass Veränderungen eher selten begrüsst werden, ist wenig aussergewöhnlich, doch dass der Widerstand aus den eigenen Reihen derart heftig war, erstaunte den gelernten Soziologen Martel dann doch. Woran lag es? Daran, dass ein grosser Teil der kirchlichen Würdenträger selbst homosexuell ist und Angst hat, dass dies publik wird.

„Nicht ein einziges Mal während dieser vierjährigen Ermittlung habe ich verschwiegen, dass ich Schriftsteller, Journalist und Wissenschaftler bin, als ich an teilweise unzugängliche Kardinäle und Priester herantrat (…) Warum willigten jene, die für gewöhnlich schweigen, ein, die Omertà zu brechen? Das ist eines der Mysterien dieses Buches und der Grund, warum ich es geschrieben habe.“

Martel hat für Sodom mit einem jungen italienischen Journalisten namens Daniele Particelli zusammengearbeitet, dem ein sachlicher Journalismus im Stile des New Yorker vorschwebt, was unter anderem meint: ausführlich und detailreich. Man braucht einen langen Atem für diese narrative non-fiction – mir jedenfalls, einem Anhänger von ‚weniger ist mehr‘, wurde diese monumentale Fleissarbeit gelegentlich fast zu viel. Und natürlich kommt es bei dieser Fülle gelegentlich auch zu Ungereimtheiten. So erklärt der Autor Nebenfiguren für hilfreich, um das Ganze (das er – für mich nicht verständlich – „die komplexe Logik über Eck“ nennt) für den Leser verständlich zu machen. Oder er erwähnt, dass ein Engländer mit starkem Akzent spricht, ohne zu sagen, in welcher Sprache sie sich unterhalten.

Der Vatikan sei eine der grössten homosexuellen Communitys der Welt, behauptet Martel und was er in diesem Buch so alles vorlegt, lässt daran kaum Zweifel. Dabei bestätigt sich wieder einmal, dass die, welche sich am heftigsten gegen Homosexuelle wehren, oft selber welche sind. Viele werden namentlich genannt, doch ‚ge-outet‘ wird niemand. Vielmehr wird der Komplexität des Lebens Rechnung getragen – neben den homophoben finden auch die schwulenfreundlichen Priester gebührend Erwähnung, neben den aufrichtig gläubigen Nicht-Schwulen kommen auch die praktizerenden Homosexuellen zu Wort.

Eingehend beschäftigt sich Frédéric Martel mit Papst Franziskus, macht sich auch in Buenos Aires und in Montevideo über ihn kundig. Hatte er Sympathien für die Befreiungstheologie? Steht er eher links oder ist er eher konservativ? Die Auskünfte sind vielfältig und widersprüchlich, doch die allgemeine Einschätzung hält ihn in sozialen Fragen für eher links, in moralischen und sexuellen Fragen eher für rechts. Doch vor allem gilt: „Wenn Jorge Bergoglio die Homo-Ehe befürwortet hätte, wäre er niemals zum Papst gewählt worden.“

Eine grundsätzliche Bemerkung: Wie man glauben kann, man könne jemanden verstehen, indem man Gespräche mit Freunden, Bekannten und Widersachern führt, ist, obwohl gängiger Journalismus, mir ein Rätsel. Doch darauf baut dieses Buch auf und liefert, was gute Recherchen leisten können – informierte Mutmassungen. Und ganz viel, höchst anregendes Anekdotisches. So erfährt man etwa von dem achtundsiebzigjährigen Kardinal, der jeden Abend drei Stunden klassische Musik auf seinem Flügel spielt. Und davon wie Kardinal Ratzinger die Befreiungstheologen demütigte und zum Schweigen brachte.

Die Scheinheiligkeit, die in der katholischen Kirche herrscht, kann man kaum glauben. Dass es Priester gibt, die in eheähnlicher Gemeinschaft leben, hat mich weder überrascht noch finde ich es verwerflich, doch dass die Homosexualität verteufelt wird, obwohl sie offenbar von der Mehrheit der Kardinäle praktiziert wird, übersteigt meine Vorstellungskraft. Wobei: So recht eigentlich ist nicht die Homosexualität das Problem, denn diese wird stillschweigend akzeptiert. Ein junger Seminarist, der selber homosexuell ist, sagt es so: „Was tatsächlich verboten ist, ist zu kämpfen, laut dafür einzustehen. Solange man diskret bleibt, ist alles gut.“

Anhand der katholischen Kirche zeigt Frédéric Martel auf, wie Herrschaftsausübung funktioniert – indem man sich gegen Transparenz wehrt. Das gilt nicht nur für religiöse Institutionen, das gilt generell. Schon den alten Römern war klar, was es mit der menschlichen Natur auf sich hat – sie erträgt die Wahrheit nicht. Mundus vult decipi – die Welt will betrogen werden. Und das nutzen die Herrschenden aus.

Sodom ist nicht nur ein Buch über Doppelmoral, sondern beleuchtet auch die Machtkämpfe zwischen den Traditionalisten und den Sozial-Aufgeschlossenen im Vatikan. Dabei richtet es unter anderem Licht auf das Zweckbündnis ultrarechter Amerikaner mit den Ultrarechten im Vatikan. Auch werden die Priester, Bischöfe und Kardinäle sehr detailliert beschrieben. So erfährt man etwa, wie sie leben – ob in einfachen Zimmern, einem Turm, hundert Quadratmetern grossen Wohnungen oder gar Palästen. Ich halte solche Aussagen für weit aussagekräftiger, als was die Interviewten sagen, denn was man wirklich denkt, zeigt sich im Handeln und nicht in den Worten.

Sodom offenbart ein erschreckendes Mass an Böswilligkeit, Eitelkeiten, Niedertracht und Machthunger bei vielen Kirchenvertretern, die man sich um einiges weniger intrigant gewünscht hatte, als sie Frédéric Martel darstellt. Doch er berichtet auch von anderen, den Dissidenten. Und er macht deutlich, wie schwierig das Dasein als schwuler Priester in der katholischen Kirche ist – ein ständiger Kampf mit sich selber, ein Leben gegründet auf Selbsthass.

Darüber hinaus ist Sodom auch ein Werk, das aufschlussreiche Einblicke in katholisches Denken vermittelt. „Wie heisst es so schön: Für einen Jesuiten ist eine halbe Lüge immer noch die halbe Wahrheit.“ Jesuitisch meint übrigens auch: ein „von Konsenssuche geprägtes, zweigleisiges Vorgehen.“

Fazit: Fundierte Aufklärung, Pflichtlektüre für an Kirchenpolitik Interessierte.

Frédéric Martel
Sodom
Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020

Frank Göhre: Verdammte Liebe Amsterdam

„Am zwanzigsten kurz nach neun nahm Schorsch den Anruf entgegen.“ Mit diesem nüchternen Satz beginnt dieser Kriminalroman. Und mit ganz vielen nüchternen, lakonischen Sätzen wird diese Geschichte erzählt. Es ist sein besonderer Ton, der Verdammte Liebe Amsterdam speziell macht. Kein Schickschnack, einfach nur klare, gerade Sätze. Das können wenige, Frank Göhre kann es.

Schorschs Bruder Michael ist auf einem Autobahnrastplatz tot aufgefunden worden. Die beiden hatten in den letzten Jahren kaum Kontakt; Schorsch macht sich auf, Michaels Leben zu erkunden.

Rückblende in die Kindheit der Brüder. Die von allen begehrte Jutta, die keiner kriegte. Und die mit Michael und Schorsch ins Bett ging und auch sonst eine ziemlich ungewöhnliche Frau ist. Nein, ein Paar seien sie nicht gewesen, meint sie zu Schorsch, der sie nach Michaels Tod aufsucht. Dass alles etwas komplexer ist, als wir es gerne hätten, zeigt dieser Kriminalroman sehr schön.

„Schon bei den ersten Worten der Frau, die ihm öffnete, wusste Schorsch, dass sie log. Sie war zusammengezuckt, war einen Moment lang irritiert, und haspelte dann herunter, sie kenne keinen Michael Küster oder Köster, wer das denn behaupte, unmöglich, dieses Gerede, wie kommen die Leute dazu, ich laufe doch auch nicht rum … nein, nein, tut mir leid, da kann ich Ihnen nicht helfen.“ Da schreibt ein lebenserfahrener Menschenkenner (nicht jeder, der wie der Autor 1943 geboren wurde, ist deswegen lebenserfahren und ein Menschenkenner – viele Leute werden ganz einfach nur älter), einer, der sich nicht so leicht verarschen lässt.

Bei seiner Reise in Michaels Vergangenheit erlebt Schorsch, der auf St. Pauli einen Musikschuppen betreibt, Erstaunliches. „Mike war etwas Besonderes. Er hatte eine spezielle Gabe. Er konnte Menschen den Weg zu sich selbst öffnen, ihnen einen positiven Weg aufzeigen (…) er arbeitete mit Techniken, die er bei den Navayos gelernt hatte. Das Gift ausschwitzen, sich selbst neu entdecken.“

Suse ist fünfzehn und verschwunden; ihre Mutter hatte Michael Köster um Hilfe gebeten. Dieser macht sie in Amsterdam ausfindig, wo er es auch mit Kleinkriminellen zu tun kriegt. Frank Göhre erzählt eine ziemlich verwickelte Geschichte – gekonnt stellt er die verschiedenen Teile nebeneinander –, die sich nach und nach entwirrt.

Verdammte Liebe Amsterdam spielt in Hamburg, Köln und im Amsterdamer Rotlichtmilieu, handelt von korrupten Polizisten, Erpressung und komplizierten Menschen. Die vielen Rückblenden beschreibt der Autor sehr schön: „Schorsch kippte den lauwarmen Wodka runter, Vergangenes wurde gegenwärtig, Gegenwärtiges wurde zum Spiegel des Vergangenen.“

Zwei kritische Anmerkungen seien mir erlaubt:

Dass man bei der Lektüre gelegentlich ins Stolpern gerät, liegt daran, dass das Buch unglücklich gesetzt ist – Abschnitte sind leider nicht immer als solche gekennzeichnet.

Zudem: So sehr mir die Sprache gefällt, um das Gefühlsleben einer Fünfzehnjährigen zu charakterisieren, finde ich sie wenig geeignet: „Arif, ihr Arif. Er tat ihr so gut. Von Anbeginn an. Das heimliche Treffen nach der Schule. Der abendliche Austausch von Gedanken und Gefühlen im Chat. Gemeinsamkeiten. Sympathie und mehr. Verlangen. Seine spontane und uneingeschränkte Hilfe. Das würde sie ihm nie vergessen.“

Fazit: Eine vielschichtige Geschichte, atmosphärisch stimmig, perfekt erzählt.

Frank Göhre
Verdammte Liebe Amsterdam
CultureBooks Verlag, Hamburg 2020

Edna O’Brien: Das Mädchen

Edna O’Brien, 1930 in Tuamgraney, Westirland, geboren, hat sich nach Nigeria aufgemacht, um das Schicksal der von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram entführten Schulmädchen zu recherchieren. In Das Mädchen erzählt sie die Geschichte vom Maryam; es sei ein Werk „einfühlsamer Imagination“, hat die Los Angeles Times gemeint – und genau das ist es und darüber hinaus, obwohl hervorragend geschrieben, schwer zu lesen, denn was man da liest, ist schwer zu ertragen.

Umerziehung, Massenvergewaltigungen („Eine Metzelei wird an mir verübt.“), Aberglaube, der fürchterliche Folgen hat (einem Mädchen wurde die Zunge abgeschnitten) – es ist grauenhaft, wozu diese islamistischen Fanatiker fähig sind.

Maryam wird ins Kochhaus abkommandiert. „Das Brutzeln und Zischen von Fett und Fleischsaft machte die Männer wild vor Ungeduld. Die drei Hunde, die tagsüber eingesperrt waren, heulten und warfen sich gegen die verzinkte Tür.“ Überzeugender lässt sich die tierische Natur des Menschen kaum beschreiben.

Ältere Leute werden in eine Grube gezwungen, diese mit Erde zugeschüttet und schliesslich von Pferden zugestampft. Eine Frau, des Ehebruchs beschuldigt, wird unter Triumphgeheul zu Tode gesteinigt. Die furchtbare Brutalität des Menschen habe ich selten derart intensiv empfunden wie bei diesem nüchternen, am Faktischen orientierten Schreiben.

Maryam wird verheiratet („… denn wer konnte schon sagen, was schlimmer war, den Bedürfnissen eines Mannes zu genügen oder denen der sechs oder sieben Männer, die Nacht für Nacht über uns herfielen.“) und gebiert ein Mädchen. Kurz darauf greift die Armee das Lager an, Maryam, ihre Tochter, und ihre Freundin Buki fliehen.

Buki stirbt an einem Schlangenbiss. Maryam und ihr Kind werden in einem Dorf aufgenommen, doch als die Dörfler erfahren, dass sie mit einem Milizionär verheiratet und aus einem Lager davongelaufen ist, kriegen sie es mit der Angst zu tun, wollen sie weghaben und bringen sie zu einem Militärposten, wo sie zuerst als potentielle Attentäterin, dann als administratives Problem betrachtet wird.

Maryam und Babby, ihre kleine Tochter, sind gebrandmarkt und nirgendwo erwünscht. Das Land, aus dem sie entführt worden sei, gebe es nicht mehr, wird ihr von dem Kommandaten des Militärpostens gesagt, der selber das Gefühl hat, sich in einem Zustand tiefer Zerrüttung zu befinden und nicht mehr der zu sein, der er einmal war.

Mutter und Tochter sollen in die Stadt gebracht werden, wo, aus Anlass ihrer Rückkehr in die Zivilisation, eine politische PR-Veranstaltung abgehalten wird, bei der uch der Staatspräsident spricht, was Maryam wir folgt kommentiert: „Sir, Sie sitzen nur wenige Meter von mir entfernt, aber Sie sind Lichtjahre entfernt von den Mädchen in ihrer grausamen Gefangenschaft. Siw waren nicht dort. Sie können nicht wissen, was man uns angetan hat. Ihr Leben, Sir, ist von der Macht bestimmt, und unseres von der Machtlosigkeit.“

Zurück im Dorf ist nichts mehr, wie es einmal gewesen ist. Maryam wird eingesperrt, Babby ihr weggenommen. Eine Hexerin wird gerufen.

Von einer surrealen Situation in die nächste – Edna O’Brien schildert dies höchst eindringlich. Und obwohl sie die geschilderten Ereignisse als Roman bezeichnet, spürt man, dass dies alles weniger Fiktion als Realität und mithin wahr ist.

Fazit: Ein zutiefst aufwühlendes und sehr berührendes Buch.

Edna O’Brien
Das Mädchen
Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

Anna Burns: Milchmann

Anna Burns‘ Milchmann vermittelt mir bereits auf den ersten Seiten die Erfahrung von etwas Ungewohntem, Neuem, Verblüffendem und Packendem. Es liegt am Ton, dem Rhythmus, der Sprache sowie der Art zu denken und zu formulieren. Geschrieben ist Milchmann als innerer Monolog, es ist die Stimme der Erzählerin, die diesen Roman prägt. Erwähnt werden muss auch die Übersetzerin, Anna-Nina Kroll, die über ein bewundernswertes Sprachgefühl verfügt.

Eine junge Frau, genannt Mittelschwester, die im Gehen liest (beim Joggen jedoch nicht, wie sie anmerkt), wird von einem älteren Mann, dem Milchmann, angebaggert. Es ist ihr unangenehm. doch weiss sie nicht so recht, wie sie sich wehren soll, denn er behandelt sie höflich („… und ich konnte schlecht unhöflich sein, wenn er nicht unhöflich war.“) Meisterhaft schildert die Autorin die Schwierigkeiten, ’sich richtig zu verhalten‘, unser Eingebundensein in sozialen Konventionen, die uns oft an unseren vermeintlichen Platz verweisen und uns hindern, Rückgrat zu zeigen. Wie wir das auch in komplexen Situationen lernen können, demonstriert die in Belfast, Nordirland, geborene und heute in East Sussex, England, lebende Anna Burns, die für Milchmann den Man Booker von 2018 erhielt, eindrücklichst.

Von unerwünschter Annäherung hat die 18jährige Ich-Erzählerin, die nur Bücher aus dem 19. Jahrhundert liest, weil sie das 20. Jahrhundert nicht mag, noch nichts gehört. „Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert.“ Sie beginnt dem Milchmann auszuweichen, spürt, dass ihre Rationalisierungen nicht aufgehen. Selten habe ich derart überzeugend ausgeführt gelesen, wie komplex unser Rechtfertigungsapparat funktioniert, der uns davon abhält, zu tun, was wir wissen, dass wir tun müssen.

Ein zweiter Mann interessiert sich für sie, von der Autorin Irgendwer McIrgendwann genannt. Er stammt aus dem Bezirk der jungen Frau, behauptet ein Staatsverweigerer zu sein, weil diese in diesem Bezirk die Guten sind, für die sich auch die Groupies interessieren. Spannend, wie die Cliquenbildung und das jugendliche Sich-Behaupten geschildert wird, insbesondere wie sich die Jugendlichen einerseits ihre eigenen Regeln geben und andererseits vom familiären und sozialen Umfeld geprägt sind. Spannend auch, dass sich nicht alle im Bezirk das Terrorregime der Staatsverweigerer gefallen lassen.

Beeindruckend wie auch ungemein bedrückend ist die Vielschichtigkeit der sozialen Gepflogenheiten, die die Menschen im Zaum halten, sie hindern, ihrer Natur gemäss zu leben. Bereits mit sechzehn Jahren wird Mittelschwester von ihrer Mutter dazu angehalten, sich nach einer guten Partie (noch nicht verheiratet gewesen, die richtige Religion) umzuschauen. Der richtigen Religion anzugehören, kann im Nordirland der 1970er, wo Krieg herrscht zwischen Katholiken und Protestanten, Leben oder Tod bedeuten, doch das Problem der ‚richtigen‘ Zugehörigkeit ist ein globales Phänomen und Milchmann zeigt das eindrücklich.

Auch die familiäre und gesellschaftliche Konditionierung (Konformitätsdruck, Stammeszugehörigkeit etc.) ist universell. Wie auch die (eher seltenen) Ausbruchsversuche, zu denen auch Depressionen gehören, die im damaligen Nordirland Stimmungen genannt wurden. Im Französischunterricht plädiert die Lehrerin dafür, sich Wahlmöglichkeiten zu schaffen. Doch obwohl wir alle nach Freiheit schreien, wollen wir sie nicht, denn wir haben Angst vor ihr, weil freie Wahl bedeutet, Verantwortung zu übernehmen „und was, wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht werden konnten?“

Wir ertragen die Wirklichkeit nicht, flüchten uns in Probleme und Rechthabereien. Und in Depressionen, die ich noch nie so treffend beschrieben gefunden habe. „Natürlich wussten wir alle, dass der Holocaust und die Weltkriege und die Tiere fressenden Tiere, dass alle diese Betäubungsmittel, zu denen auch unsere politischen Probleme gehörten, wenn er sich wieder mit ihnen beschäftigen konnte, genauso wenig aufmunterten. Klar war jedoch auch, dass sie irgendeinen Zweck erfüllten, nach dem Motto: „Da! Guck dir das an. Wo ist da der Sinn? Es gibt keinen, was ihm in seiner Verzweiflung Trost spendete, ihn in der Absicht bestätigte, dass es so, wie die Dinge standen, wie sie schon immer gestanden hatten, keine Erfolge und keine Besserung geben konnte, weil Besserung und Erfolge Hirngespinste waren und jede noch so grosse Mühe reine Zeitverschwendung war.“

Milchmann ist ein Werk voller starker Emotionen. „Schon erstaunlich, was für Gefühle in einem schlummern“, lässt Anna Burns einen sogenannt gewöhnlichen Menschen „von der anderen Seite der Hauptstrasse“ sagen, als der einmal seinen ganzen grossen Hass zeigt. „Man muss eigentlich all die hinderlichen und irreführenden Erkenntnisse über die politischen Probleme ausser Acht lassen, um das Ausmass dieses Hasses tatsächlich erkennen zu können.“

Dass weder der Ort des Geschehens namentlich genannt wird (England wird als „Land auf der anderen Seite der See“ bezeichnet, Irland ist das „Land auf der anderen Seite der Grenze“), noch die Protagonisten Namen tragen, sondern als Vielleicht-Freund, Schwager, Lehrerin, Ma, Schwester etc. bezeichnet werden, interpretiere ich so, dass das, was hier geschildert wird, universell verstanden werden soll.

Milchmann ist ein lebensgescheites Buch, das mich ständig zu zustimmendem Nicken und befreiendem Lachen verleitete.

Anna Burns
Milchmann
Tropen Verlag, Stuttgart 2020

Mats Olsson: In den besten Kreisen

Von Mats Olsson ist unter anderem bekannt, dass er der schwedische Übersetzer von Joseph Wambaugh, Robert Crais und James Lee Burke ist. Und mehr muss ich eigentlich gar nicht wissen (James Lee Burke ist mein amerikanischer Lieblingsautor), um seinen gerade auf Deutsch erschienen Thriller In den besten Kreisen mit Sympathie anzugehen. Dazu kommt, dass ich bereits von Demut sehr angetan gewesen bin und somit davon ausgehe, dass ich auch diesmal bestens unterhalten werde und zudem was lerne. Und so ist es dann auch.

Der packende Einstieg beginnt mit einem Traum des Ex-Journalisten und Kneipiers Harry Svensson, der, wie es Träume so an sich haben, beunruhigend unverständlich ist. Als er aufwacht, klopft es an der Tür und als er aufmacht, stürmt ein Mädchen an ihm vorbei in die Wohnung, wo sie sich unter dem Bett versteckt. Höchst anrührend wird geschildert wie die Kleine allmählich Zutrauen zu Harry fasst. „Ich hatte keine eigenen Kinder und war so gut wie nie mit Kindern in Kontakt gekommen, allerdings hatte eine Bekannte von mir einmal behauptet, ich wäre ein Kindermagnet.“

Das Mädchen hat panische Angst. Und Harry Svensson versucht herauszufinden, wovor und weshalb. Dabei stösst er auf eine Marihuanaplantage und ein Dealer wird ermordet, bevor er sich mit ihm treffen kann; auch eine Biker-Gang mit Namen ‚Dark Knights‘ und ein sehr reicher Schwede sowie ein russischer Oligarch, beide gewalttätig, spielen eine Rolle. Eine spannende Geschichte, aus der Perspektive verschiedener Personen erzählt. Und auch die Psychologie kommt nicht zu kurz – die Herzenskälte der Erfolgreichen wird dabei genau so eindrücklich geschildert wie das Phänomen, dass es so unfassbar lange dauert, bis der Mensch sein Schicksal in seine eigenen Hände nimmt.

Der Autor Mats Olsson, geboren 1949, ist ein lebenserfahrener Journalist („Ich hatte nie verschiedene Jobs ausprobiert oder eine bestimmte Traumkarriere vor Augen gehabt. Irgendetwas war mir ganz einfach immer vor die Füsse gefallen, oder aber ich war daraus wieder hinausgestolpert, immer hatte sich eins aus dem andern ergeben“, lässt er seinen Protagonisten Harry Svensson sagen), der die heutigen Medien illusionslos betrachtet. „Nicht ein einziger Leitartikler oder Meinungsmacher regte sich öffentlich über die Folgen übertriebenen Alkoholismus‘ auf, aber der allererste Zug an einem Joint führte angeblich zwangsläufig zu Heroin, in die Gosse und zum verfrühten Tod mit einer Kanüle in der Armbeuge in irgendeinem Klo in Helsingør, Vermutlich lag das einfach daran, dass die eine Droge legal und von oben sanktioniert war und die andere eben nicht.” Und: „Die Wahrheit interessiert doch niemanden, und echte Berichterstattung gibt es kaum noch. Es geht doch nur noch darum, so viele Promis wie nur möglich abzulichten.“

Was diesen Autor unter anderem auszeichnet, ist sein nüchterner Blick auf die Welt. So beschreibt er den Flughafen Malmö: „Es war schon eine Weile her, dass ich zuletzt dort gewesen war, und ich hatte vollkommen vergessen, dass dieser nach Ostblockvorbild errichtete Flughafen irgendwann in das verwandelt worden war, was angeblich die Sehnsucht der gesamten westlichen Hemisphäre verkörperte: ein Shoppingcenter.“

„In den besten Kreisen“ handelt, wie der Titel verrät, auch von den Machenschaften von Teilen der schwedischen Geldelite. Und von jungen Schweden, die 1963, als Popmusik und Jugendrevolte die Schlagzeilen beherrschten, nazistisches Gedankengut pflegten. Niemand nahm damals diese Leute Ernst. „Wer hätte denn ahnen können, dass in Schweden fünfzig Jahre später Männer und Frauen mit rechtsradikaler Gesinnung wieder zu politischer Macht gelangen würden? Wie naiv wir doch gewesen waren.“

Wer wissen will, wie es auf der Welt zu und her geht, und dabei auch noch gut unterhalten werden möchte, sollte Thriller lesen. Nicht alle, doch „In den besten Kreisen“ sollte dazugehören.

Mats Olsson
In den besten Kreisen
btb Verlag, München 2018

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