Franziskus sei der erste Papst, der die rigide Sexualmoral der katholischen Kirche lockern wolle, so der Journalist Frédéric Martel, der vier Jahre lang über den Vatikan recherchierte und dabei 1’500 Informanten befragte, darunter 41 Kardinäle und 52 Bischöfe. Nun gut, dass Veränderungen eher selten begrüsst werden, ist wenig aussergewöhnlich, doch dass der Widerstand aus den eigenen Reihen derart heftig war, erstaunte den gelernten Soziologen Martel dann doch. Woran lag es? Daran, dass ein grosser Teil der kirchlichen Würdenträger selbst homosexuell ist und Angst hat, dass dies publik wird.
„Nicht ein einziges Mal während dieser vierjährigen Ermittlung habe ich verschwiegen, dass ich Schriftsteller, Journalist und Wissenschaftler bin, als ich an teilweise unzugängliche Kardinäle und Priester herantrat (…) Warum willigten jene, die für gewöhnlich schweigen, ein, die Omertà zu brechen? Das ist eines der Mysterien dieses Buches und der Grund, warum ich es geschrieben habe.“
Martel hat für Sodom mit einem jungen italienischen Journalisten namens Daniele Particelli zusammengearbeitet, dem ein sachlicher Journalismus im Stile des New Yorker vorschwebt, was unter anderem meint: ausführlich und detailreich. Man braucht einen langen Atem für diese narrative non-fiction – mir jedenfalls, einem Anhänger von ‚weniger ist mehr‘, wurde diese monumentale Fleissarbeit gelegentlich fast zu viel. Und natürlich kommt es bei dieser Fülle gelegentlich auch zu Ungereimtheiten. So erklärt der Autor Nebenfiguren für hilfreich, um das Ganze (das er – für mich nicht verständlich – „die komplexe Logik über Eck“ nennt) für den Leser verständlich zu machen. Oder er erwähnt, dass ein Engländer mit starkem Akzent spricht, ohne zu sagen, in welcher Sprache sie sich unterhalten.
Der Vatikan sei eine der grössten homosexuellen Communitys der Welt, behauptet Martel und was er in diesem Buch so alles vorlegt, lässt daran kaum Zweifel. Dabei bestätigt sich wieder einmal, dass die, welche sich am heftigsten gegen Homosexuelle wehren, oft selber welche sind. Viele werden namentlich genannt, doch ‚ge-outet‘ wird niemand. Vielmehr wird der Komplexität des Lebens Rechnung getragen – neben den homophoben finden auch die schwulenfreundlichen Priester gebührend Erwähnung, neben den aufrichtig gläubigen Nicht-Schwulen kommen auch die praktizerenden Homosexuellen zu Wort.
Eingehend beschäftigt sich Frédéric Martel mit Papst Franziskus, macht sich auch in Buenos Aires und in Montevideo über ihn kundig. Hatte er Sympathien für die Befreiungstheologie? Steht er eher links oder ist er eher konservativ? Die Auskünfte sind vielfältig und widersprüchlich, doch die allgemeine Einschätzung hält ihn in sozialen Fragen für eher links, in moralischen und sexuellen Fragen eher für rechts. Doch vor allem gilt: „Wenn Jorge Bergoglio die Homo-Ehe befürwortet hätte, wäre er niemals zum Papst gewählt worden.“
Eine grundsätzliche Bemerkung: Wie man glauben kann, man könne jemanden verstehen, indem man Gespräche mit Freunden, Bekannten und Widersachern führt, ist, obwohl gängiger Journalismus, mir ein Rätsel. Doch darauf baut dieses Buch auf und liefert, was gute Recherchen leisten können – informierte Mutmassungen. Und ganz viel, höchst anregendes Anekdotisches. So erfährt man etwa von dem achtundsiebzigjährigen Kardinal, der jeden Abend drei Stunden klassische Musik auf seinem Flügel spielt. Und davon wie Kardinal Ratzinger die Befreiungstheologen demütigte und zum Schweigen brachte.
Die Scheinheiligkeit, die in der katholischen Kirche herrscht, kann man kaum glauben. Dass es Priester gibt, die in eheähnlicher Gemeinschaft leben, hat mich weder überrascht noch finde ich es verwerflich, doch dass die Homosexualität verteufelt wird, obwohl sie offenbar von der Mehrheit der Kardinäle praktiziert wird, übersteigt meine Vorstellungskraft. Wobei: So recht eigentlich ist nicht die Homosexualität das Problem, denn diese wird stillschweigend akzeptiert. Ein junger Seminarist, der selber homosexuell ist, sagt es so: „Was tatsächlich verboten ist, ist zu kämpfen, laut dafür einzustehen. Solange man diskret bleibt, ist alles gut.“
Anhand der katholischen Kirche zeigt Frédéric Martel auf, wie Herrschaftsausübung funktioniert – indem man sich gegen Transparenz wehrt. Das gilt nicht nur für religiöse Institutionen, das gilt generell. Schon den alten Römern war klar, was es mit der menschlichen Natur auf sich hat – sie erträgt die Wahrheit nicht. Mundus vult decipi – die Welt will betrogen werden. Und das nutzen die Herrschenden aus.
Sodom ist nicht nur ein Buch über Doppelmoral, sondern beleuchtet auch die Machtkämpfe zwischen den Traditionalisten und den Sozial-Aufgeschlossenen im Vatikan. Dabei richtet es unter anderem Licht auf das Zweckbündnis ultrarechter Amerikaner mit den Ultrarechten im Vatikan. Auch werden die Priester, Bischöfe und Kardinäle sehr detailliert beschrieben. So erfährt man etwa, wie sie leben – ob in einfachen Zimmern, einem Turm, hundert Quadratmetern grossen Wohnungen oder gar Palästen. Ich halte solche Aussagen für weit aussagekräftiger, als was die Interviewten sagen, denn was man wirklich denkt, zeigt sich im Handeln und nicht in den Worten.
Sodom offenbart ein erschreckendes Mass an Böswilligkeit, Eitelkeiten, Niedertracht und Machthunger bei vielen Kirchenvertretern, die man sich um einiges weniger intrigant gewünscht hatte, als sie Frédéric Martel darstellt. Doch er berichtet auch von anderen, den Dissidenten. Und er macht deutlich, wie schwierig das Dasein als schwuler Priester in der katholischen Kirche ist – ein ständiger Kampf mit sich selber, ein Leben gegründet auf Selbsthass.
Darüber hinaus ist Sodom auch ein Werk, das aufschlussreiche Einblicke in katholisches Denken vermittelt. „Wie heisst es so schön: Für einen Jesuiten ist eine halbe Lüge immer noch die halbe Wahrheit.“ Jesuitisch meint übrigens auch: ein „von Konsenssuche geprägtes, zweigleisiges Vorgehen.“
Fazit: Fundierte Aufklärung, Pflichtlektüre für an Kirchenpolitik Interessierte.
Frédéric Martel
Sodom
Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020




