
Malbun, Liechtenstein, am 30. März 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Malbun, Liechtenstein, am 30. März 2020
Der vorliegende Band versammelt Vorlesungen, die die beiden Autoren in den letzten drei Jahren an der University of Arizona gehalten haben. Es handelt sich um den Versuch, den systemischen Grundlagen unserer existenziellen Lebensumstände auf den Grund zu gehen. Der Reichtum der hier präsentierten Informationen ist höchst beeindruckend.
„Gesunder Menschenverstand, das Selbstverständliche und die Macht“ ist das erste Kapitel überschrieben, das sich mit der Frage auseinandersetzt. „Woher wissen wir eigentlich, was wir über die Welt zu wissen glauben?“ Dabei machen die beiden Autoren deutlich, dass der sogenannte gesunde Menschenverstand oder common sense keine feststehende universelle Kategorie ist, sondern wie alles andere auch, dem Wandel unterworfen ist. Die Sicht eines Herrschenden ist zwangsläufig verschieden von der Sicht eines Beherrschten. Daraus folgt, dass „zu jeder bestimmten Zeit und an jedem bestimmten Ort zahlreiche Varianten des gesunden Menschenverstandes“ miteinander in Konkurrenz stehen.
Common sense hat einen fluiden Charakter, er ist veränderbar. Wie kommt es also, dass Herrscher und Beherrschte ganz ähnlich zu denken scheinen? Das liegt an der Propaganda bzw. der Herstellung von Konsens. Anstatt vom gesunden Menschenverstand zu sprechen wäre es angebrachter vom herrschenden gesunden Menschenverstand bzw. vom kapitalistischen gesundem Menschenverstand zu sprechen.
Nehmen wir den Vietnamkrieg: „Da waren die Falken, die sagten, dass wir vielleicht gewonnen hätten, wenn wir uns mehr angestrengt hätten, und dass uns wahrscheinlich all die Leute, die gegen den Krieg protestierten, wahrscheinlich den Sieg gekostet haben. Die zweite Gruppe waren die Tauben“, die behaupteten, „der Krieg habe mit ’stümperhaften Versuchen, Gutes zu tun‘, begonnen. Woher wissen wir das? Weil es ein Axiom ist, eine notwendige Wahrheit. Wenn die USA es getan haben, wollten sie damit Gutes tun. Dazu bedarf es keinerlei Beweises, sondern nur des herrschenden gesunden Menschenverstands.“
Nur eben: Die Mehrheit der Bevölkerung hatte, wie Untersuchungen ergaben, eine völlige andere (in den Medien nicht präsente) Vorstellung: Sie war der Auffassung, dass der Krieg „grundlegend falsch und unmoralisch (…) und nicht nur ein Fehler“ war.
Selten ist mir offenbarer geworden, in was für festgefahrenen und irreführenden Denkschablonen wir gefangen sind. Zu den Mythen, denen viele aufsitzen, gehört die Überzeugung, die USA wünschten sich weltweit Demokratien. Als in Chile Allende demokratisch an die Macht kam, wollten sie dann allerdings gar nichts davon wissen, bezeichneten als Marxismus, was in Wirklichkeit lediglich sozialdemokratisch war. Die CIA, auf Anordnung der Regierung Nixon und speziell von Kissinger, orchestrierte einen Militärputsch. Das Resultat: 100 000 Getötete, eine halbe Million Gefolterte.
Auch der amerikanische Exzeptionalismus ist übrigens ein Mythos. „Alle imperialen Mächte der Geschichte haben dieselbe Doktrin des Exzeptionalismus vertreten.“. Nicht nur die imperialen Mächte, will ich da hinzufügen – als Schweizer weiss ich mich sowieso exzeptionell, und vermute den Liechtensteinern geht es genauso.
Zu den Mythen, denen die meisten anhängen, gehört auch, dass die Demokratie das sei, was sie vorgibt zu sein: Ein einigermassen gerechtes politisches System. Dass dem nicht so ist, wusste bereits 1895 der damals berühmte Wahlkämpfer Mark Hanna. Was man für einen erfolgreichen Wahlkampf brauche, wurde er einmal gefragt. „Es gibt zwei Dinge, die man benötigt. Das erste ist Geld, und ich habe vergessen, was das zweite ist.“ Gore Vidal, der in der amerikanischen Polit-Aristokratie bestens vernetzte Autor, meinte einmal, Politiker seien nichts anderes als Sprachrohre der Industrie.
Konsequenzen des Kapitalismus setzt sich mit ganz Unterschiedlichem auseinander, darunter – ich gebe hier die Kapitelüberschriften wider – „Kapitalismus und Militarismus“, „Kapitalismus versus Umwelt“, „Neoliberalismus, Globalisierung und Finanzialisierung“, „Widerstand und Reaktion“, „Soziale Veränderungen“. Mir fehlt zwar der einschlägige Bildungshintergrund, um die meisten Ausführungen der Autoren beurteilen zu können, doch der common sense der beiden steht mir um einiges näher als derjenige, der sich der kapitalistischen Mythen bedient.
Zu letzteren gehört, dass Angebot und Nachfrage eine Art Naturgesetz seien, und dass das Profitdenken uns allen Wesensmerkmal sei, auf dass alles noch besser, noch toller und noch schöner werden möge. Nicht für alle, doch immerhin für einige. Romeo Dallaire erklärt in Shake Hands with the Devil wie kanadische Soldaten über die Welt aufgeklärt werden, ausgehend von hundert Leuten: „Fifty percent of the wealth of the world is in the hands of six people, all of whom are Americans. Seventy people are unable to read or write. Fifty suffer from malnutrition due to insufficient nutrition. Thirty-five do not have access to safe drinking water. Eighty live in sub-standard housing. Only one has a university or college education. Most of the population of the globe live in substantially different circumstances than those we in the First World take for granted.“
Konsequenzen des Kapitalismus zeigt auch anhand von Covid-19 auf, wie – um es höflich zu sagen – problematisch es ist, wenn man das Leben nach dem Profit-Imperativ ausrichtet. Simpel gesagt: Mit Prävention, die durchaus möglich gewesen wäre, lässt sich kein Geld verdienen. Zudem: Obwohl niemand sicher ist, solange nicht alle geimpft sind, könnte die weltweite Verteilung der Impfdosen ungerechter nicht sein. „Auf jeden Toten in einem reichen Land kommen vier in den ärmeren Ländern.“
Die Autoren erwähnen übrigens – es ist das erste Mal, dass ich das lese – , dass die chinesische Regierung keineswegs, wie das fälschlicherweise behauptet wurde, „sechs Tage lang, vom 14. bis zum 20, Januar 2020. wichtige Informationen zurückgehalten“ habe. Merke: Keine Krise, so gravierend sie auch sei, die nicht auch zur Propaganda missbraucht würde.
Nicht unerwähnt bleibt, dass die Pandemie auch positive Effekte zeigte. Nicht zuletzt, „dass mancherorts das ewige neoliberale Mantra, demzufolge ‚der Staat nicht die Lösung, sondern das Problem ist‘, auf den Kopf gestellt wurde. Die Länder und Regionen, die am effektivsten mit der Pandemie umgegangen sind, sind zugleich diejenigen, in denen es eine klare und konsistente Führung gab, die das Vertrauen der Menschen genoss.“
Die Welt ist nicht einfach so wie sie ist, sie wurde dazu gemacht. Und das meint: Sie kann auch ganz anders gestaltet werden. „Die Atomwaffen können durchaus abgeschafft werden, ein Vorschlag, der kaum so leichterhand als Utopie abgetan werden kann, ist er doch von so bekannten ‚Friedensfreunden‘ wie Henry Kissinger und dem Aussenminister Ronald Reagans, George Schultz, vertreten worden.“
Selten hat mir ein Buch deutlicher gemacht, mit was für einer manipulierten Herdenmentalität wir unterwegs sind. Andere Arten bzw. Grundsätzliches zu denken wird als gegen den gesunden Menschenverstand gerichtet disqualifiziert. Doch was heutzutage unter gesundem Menschenverstand läuft, ist eine Perversion, die auf einem Weltbild des Menschen als gierigem Nimmersatt aufbaut. Es ist der grösste Erfolg des kapitalistischen gesunden Menschenverstandes, uns glauben zu machen, dass wir wirklich so sind.
Fazit: Ein Buch, das uns zu einem nüchternen Blick auf die Welt verhilft. Und darüber hinaus deutlich macht, dass Einsichten ohne entsprechendes Handeln für die Katz sind.
Noam Chomsky / Marv Waterstone
Konsequenzen des Kapitalismus
Der lange Weg von der Unzufriedenheit zum Widerstand
Westend, Frankfurt am Main 2022

Santa Cruz do Sul, am 25. Februar 2021
Port Harcourt, Nigeria. Drei Studenten werden von einem Mob gejagt und brutal ermordet. Der Vater von einem der drei, ein einflussreicher Mann, bittet den investigativen Psychologen Philip Taiwa, der zum Thema Lynchmobs promoviert hat, um Hilfe. Keine Frage: Ohne Kreativität erlangt man heutzutage keinen Doktortitel!
Light Seekers beruht auf einer wahren Begebenheit. „Das viral verbreitete Video von vier jungen Studenten der University of Port Harcourt, die gelyncht und bei lebendigem Leib verbrannt wurden, verfolgt mich bis heute“, schreibt der Autor, der an der University of Ibadan in Lagos Klinische Psychologie studierte sowie das Creative Writing Programme an der University of East Anglia absolvierte, in seiner Danksagung.
Philip, ohne feste Anstellung, ist mit Folake, Professorin für Rechtswissenrschaft, verheiratet. Sie hat eine Affäre, er weiss es, doch er will es doch lieber nicht wissen, weil er nicht streiten will, und Folake sowieso besser streiten kann. Das ist temporeich, witzig und wunderbar unterhaltsam geschildert.
Als Philip seiner Sitznachbarin auf dem Flug von Lagos nach Port Harcourt erklärt: „Ich untersuche Verbrechen und analysiere, warum und wie sie sich ereignet haben“, reagiert diese so: „Sie schnaubt verächtlich, wie es nur eine Nigerianerin kann. Ein abschätziges Knurren, begleitet von mimischen Verrenkungen, bei denen gleichzeitig die Augen verdreht, die Brauen hochgezogen und die Mundwinkel nach unten gebogen werden, ‚Wozu soll das gut sein? Es ist schon passiert, abi?’“ Und wer schon einmal auf Afrikas Strassen unterwegs gewesen ist, weiss auch bei dieser Szene, dass da mehr beschrieben als erfunden worden ist. „’Wie lange fährt man nach Okriki?‘ frage ich Chika, als er von der Flughafenzufahrt in eine Strasse einbiegt, die eine On-Off-Beziehung mit Teer zu haben scheint.“
Okriki liegt auf dem Land, die Bewohner sind Städtern gegenüber sowohl neugierig wie auch skeptisch. Und besonders gegenüber denen aus der Hauptstadt wie Taiwa, der von den örtlichen Gegebenheiten auch kaum etwas weiss. „Spricht man hier nicht Igbo?“, flüstere ich Chika zu. „Nein, hier sprechen sie Ikwerre“, antwortet er ebenfalls flüsternd. „Ich dachte, im Osten sprechen alle Igbo.“ „Das sollten Sie hier besser nicht laut sagen, Sir.“
Auf Unliebsames wird von den politisch Verantwortlichen üblicherweise mit eine Vorwärtsstrategie reagiert. „Versuchen Sie nicht, alte Wunden aufzureissen.“, mahnt der Polizeichef den investigativen Psychologen, der wunderbar clever antwortet: „Wenn es nach all der Zeit immer noch Wunden gibt, müssen sie vielleicht mal gereinigt und verbunden werden, damit sie richtig verheilen können.“
Schon bald merkt Dr. Taiwa, dass er so recht eigentlich keine Ahnung von dieser Gegend Nigerias hat, in der er da gelandet ist. Sein lokaler Assistent Chika klärt ihn auf. „Das ist eine sehr unruhige Gegend hier. Es gibt ständig Konflikte, mit der Regierung, den Ölfirmen, zwischen den Gemeinden. Es ist eine sehr militante Atmosphäre, ständig wird für oder gegen irgendetwas gekämpft.“ Es ist dies ein Phänomen, das auf viele Länder zutrifft: Die Leute in den grösseren Städten haben keinen Schimmer wie es auf dem Land zu und her geht …
Femi Kayode verschafft einem aufschlussreiche Einblicke ins heutige Nigeria. Dass er seinen Protagonisten nach einem Amerika-Aufenthalt zurückkehren lässt, erlaubt ihm einen distanzierten Blick von aussen – und ein solcher ist bekanntlich besonders aufschlussreich. „Tom Ikime, der Rektor, ist ein gutaussehender Mann von Anfang fünfzig. Er ist elegant gekleidet, Krawatte und Blazer sind von einer Qualität, die sein Gehalt nicht hergeben dürfte – aber zeig mir einen nigerianischen Beamten, der nicht über seine Verhältnisse lebt, und ich präsentiere dir ein lebendes Einhorn.“ Gleichzeitig macht er auch deutlich, dass die sogenannt Verantwortlichen überall auf der Welt gleich ticken. „Tom Ikime redet, als ob er von einem Skript abliest, vervollkommnet durch viele Wiederholungen bei verschiedenen Diskussionen, in denen er die Universität verteidigen und jegliche Schuld an dem Geschehen abstreiten musste. Nicht viel anders würde es in den Staaten laufen, wenn ich es mir recht überlege.“
Der distanzierte Blick von aussen bedeutet allerdings nicht, dass man nicht in Dinge hineingezogen wird, von denen man lieber Abstand gehalten hätte. „Wie es scheint, habe ich mich von der Schnell-schnell-Mentalität anstecken lassen, der Neigung, den kürzesten Weg zu nehmen, statt mit Bedacht vorzugehen.“ Geduld fällt offenbar auch Nigerianern schwer
Immer mal wieder macht mich Light Seekers schmunzeln. So hält sich Taiwa für einen Ehe-Experten und gibt Chika, der sich wundert, weshalb er sich bei seiner Frau entschuldigen soll, Gratis-Ratschläge. „Oh, diese Amateure. Ich seufze und erkläre ihm geduldig, warum es in einer Ehe von grösster Wichtigkeit ist, dass der Gatte lernt, sich zu entschuldigen, auch wenn er nicht die geringste Ahnung hat, was er falsch gemacht haben soll.“ Das Warum erklärt er allerdings nicht!
PS: Light Seekers gehört zu der zunehmenden Zahl von englischen Titeln für deutsche Bücher, von denen es im deutschen Sprachraum aus mir unerfindlichen Gründen geradezu wimmelt. Erinnert mich irgendwie an die deutschen Meisterschaften in den lateinamerikanischen Tänzen. Aber eben nur irgendwie. Was hätte eigentlich gegen Lichtsucher gesprochen? Ausser natürlich, dass man sich darunter genau so wenig vorstellen kann wie unter Light Seekers.
Fazit: Clever, witzig, atmosphärisch gelungen. Und ein willkommener Nigeria-Einstieg.
Femi Kayode
Light Seekers
btb, München 2022

Santa Cruz do Sul, Januar 2022
Ich bin sofort drin in diesem Roman, sympathisiere automatisch mit Ronan Prad von der Gendarmerie Maritime, der zum Schwimmen und Tauschen unterwegs ist (was so anschaulich geschildert wird, dass man glaubt, mit dabei zu sein), und einen Dachs vor einem fanatischen Jäger rettet.
Der Dachs ist ein philosophischer Krimi – hier wird über Grundsätzliches reflektiert. Es geht hauptsächlich um Menschenschmuggler, und der Kriminalroman ist so recht eigentlich die ideale Form, sich mit dieser kriminellen Form des Geldverdienens zu befassen, bei der auch deswegen so viele Leute beteiligt sind, weil sich in seinem Lebenskomfort einzuschränken heutzutage keine Option zu sein scheint.
Die Geschichte spielt in der Bretagne, wo der Küstennebel so häufig ist wie die Stürme. Und wo die Pariser nicht gerade gerne gesehen werden – die Abneigung scheint gegenseitig. „Für Pariser war Paris der Nabel der Welt, und der Rest der Welt, wozu auch der Rest von Frankreich gehörte, bestand bestenfalls aus Vororten.“ Die unterschiedlichen Frankreich-Infos haben mir ganz besonders gefallen. Etwa: „Haben Sie gewusst, dass wir den höchsten Gehalt an Antibiotika im Trinkwasser haben?“ Oder: „Seine Stimme war kühler, und er beäugte Ronan und Marie mit der überheblichen Abneigung, die bei französischen Beamten im höheren Dienst zum Dienstgestus gehörte, wie das höfliche Lächeln zu einem Butler.“
Autor Christian Buder lebt mit Frau und Kindern abwechselnd in Deutschland und in der Bretagne, was unter anderem dazu führt, das man mit Der Dachs nicht nur einen spannenden Kriminalroman, sondern auch eine gelungene Bretagne-Einführung kriegt – sein Angetan-Sein von dieser rauen Gegend ist spürbar und macht Lust, unverzüglich selber hinzufahren.
Der Dachs ist ein aussergewöhnliches Buch – in vielerlei Hinsicht. Beobachtungen, die einen innehalten lassen. „Ein Jugendlicher von heute machte an einem Tag mehr Fotos als ein professioneller Fotograf vor vierzig Jahren in seiner ganzen Laufbahn.“ Überlegungen, die einen schmunzeln machen. „Jäger, was für Helden! Die würden sich wundern, wenn sich Tiere eines Tages bewaffnen und zurückschiessen würden.“ Bemerkungen zur politischen Korrektheit. „Zumindest sah sie gut aus, was man ja heute nicht mehr offen sagen durfte, ohne als Sexist beschimpft zu werden.“ Interessante Aufklärung. „Die grössten Hummer schätzte man auf über hundertvierzig Jahre. Der Hummer war ein Wunder der Evolution. Im Grunde alterte er nicht.“ Realistische Einschätzungen. „So ist Demokratie nun einmal. Die grössten Gauner mit dem meisten Geld und der grössten Klappe kommen an die Macht.“ Und und und …
Bei einem Tauchgang zu einem versunkenen Boot entdeckt Ronan Prad Tote im Rumpf des Schiffes. Das gefällt dem Bürgermeister, einem Psychopathen sondergleichen, gar nicht – er engagiert frühere Fremdenlegionäre, um Prad umzubringen. Prads Vater, ein Strafverteidiger, warnt seinen Sohn – er sei in Gefahr. Das kurze Gespräch zwischen Vater und Sohn – der Sohn findet, sein Vater habe keine Moral, verteidige die, die gut zahlen; der Vater findet, sein Sohn riskiere sein Leben für einen korrupten Beamtenstaat – mag als Beispiel gelten, weshalb ich diesen Krimi für clever und speziell erachte.
Die Leichen liegen schon während Jahren im Wasser und stammen offenbar aus dem Flüchtlingslager in Calais, einem Tummelplatz verschiedenster Interessen; ein ehrgeiziger Untersuchungsrichter wird auf den Fall angesetzt. Auch Camille, Ronans vor Jahren ertrunkene Frau, die, was er nicht wusste, für den Geheimdienst tätig gewesen war, spielt eine wichtige Rolle. Und wer eigentlich ist seine Kollegin Marie, in wessen Auftrag ist sie tätig? Der Dachs handelt auch von Vertrauen und Verrat. „Du kannst niemandem vertrauen“, sagte Ronan und drückte das Gaspedal.
Wie Christian Buder die Ereignisse im Jungle von Calais schildert, macht einem unter anderem bewusst, dass unsere Zeit vor allem vom Geschäfte-Machen geprägt ist, das uns als Normalität verkauft wird, und dem wir uns nur schwer entziehen können – vorausgesetzt, wir wollen das überhaupt. Und dass die Welt der Medien herzlich wenig mit dem wirklichen Leben zu tun hat.
Ein Fischer ist von einem nächtlichen Fang nicht zurück gekehrt; sein letztes Telefonat führte er mit dem Bürgermeister, der in einer sehr eigenen Welt lebt, und offenbar der Meinung ist, er könne sich nach Belieben erfinden. Christian Buder erklärt dessen erratisches Verhalten mit Alzheimer.
Der Dachs ist ein ungemein vielfältiger Kriminalroman, der auch mit originellen Ideen aufwartet. Etwa über den Umgang mit Wilderern. Und einen generell nüchternen Blick auf die Welt wirft. „Er wirkte wie alle Politiker, die ihr Leben damit verbringen, zu grinsen, Hände zu schütteln und falsche Versprechungen zu machen.“
Fazit: Packend und höchst anregend; eine Schatztruhe in Sachen Frankreich- und Lebensaufklärung.
PS: Der Satzspiegel ist wenig leserfreundlich; hochformatige Seiten ohne Absatz sind eine Zumutung.
Christian Buder
Der Dachs
Rütten & Loening, Berlin 2022

Zwischen Vilters und Wangs, am 29. September 2021
Das Recht ist ein eigenartig Ding: Ein hochkomplexes Gebilde, das über an sich simple Vorgänge gestülpt wird, damit nicht jeder dahergelaufene Depp glaubt, er könne da mitreden. Mit anderen Worten: Komplexität ist nicht nur gewünscht, sie wird aktiv fabriziert. Am 16. August 2016 berichtete der Londoner Independent: „Tony Blair’s government has created more than 3,000 new criminal offences during its nine-year tenure, one for almost every day it has been in power.“ Die meisten Leute werden von diesen Strafbestimmungen keine Kenntnis haben; diejenigen, die sie eingebracht haben, werden davon profitieren. Mit anderen Worten: Das Recht ist für die meisten Juristen in erster Linie ein Geschäftsmodell.
Unter einem guten Juristen versteht der Volksmund jemanden, der nicht nur die Gesetze, sondern auch deren Lücken kennt, auf dass er auch sogenannt aussichtslose Fälle für seine (oftmals in jedem, ausser im juristischen Sinne, kriminellen) Klienten zu gewinnen vermag. Gute Juristen, so wie ich sie verstehe, sind Aufklärer – so wie Mark Pieth und Kathrin Betz. In einem Land, das für seine Verschwiegenheit und Geheimnistuerei berühmt ist, ist Aufklärung kein leichtes Unterfangen – für Offenheit und Transparenz ist die Schweiz definitiv nicht berühmt.
Seefahrernation Schweiz? Darauf muss man erst mal kommen, schliesslich liegt der nächstgelegene Meereshafen in Genua. Doch wenn es ums Geschäft geht, ist die Schweiz eben erfinderisch. „Die kleine Alpenrepublik, fernab von allen Weltmeeren, ist – als Reedereistandort – inzwischen zur viertgrössten Seefahrtsnation Europas und zum neuntgrössten Schifffahrtsland der Welt avanciert.“ Wie es dazu kam und was das bedeutet, erläutert dieses Buch.
Reedereistandort Schweiz? Wer glaubt, mit gesundem Menschenverstand der bewusst kompliziert angelegten Welt beizukommen, irrt. Es braucht Spezialwissen, Beharrlichkeit und die Fähigkeit zum akribischen Arbeiten; ja, so recht eigentlich muss man eine detektivische Ader haben, um zu entschlüsseln, was darauf angelegt ist, nicht so leicht entschlüsselt zu werden. Die Lebenserfahrung lehrt: Profit zu machen und Verantwortung zu übernehmen gehen selten zusammen.
Zuallererst: Was macht die Schweiz als Zufluchtsort eigentlich so interessant? Mark Pieth und Kathrin Betz listen eine Vielzahl von Gründen auf, die nicht nur zu einer Konzentration des Rohstoffhandels in Genf, Zug und Lugano geführt, sondern weitere Konzentrationen nach sich gezogen hat, darunter grosse Handelshäuser und spezialisierte Banken. Dass damit Risiken, gewaltige Risiken, verbunden sind, liegt auf der Hand. „Ganz ähnlich wie bei verwandten Themen steckt die offizielle Schweiz aber angesichts ihrer Risiken nach Straussenart den Kopf in den Sand: Wie wir gesehen haben, haben Schweizer Kaufleute bereits im Sklavenhandel mitgemischt, in derselben Tradition haben sie im 20. Jahrhundert systematisch UN-Sanktionen verletzt, der Finanzplatz hat Diktatoren geholfen, das veruntreute Geld zu verstecken.“
Mich erinnerte das auch an einen Dokumentarbericht im Schweizer Fernsehen über den Finanzplatz Zug, der mich fragen liess und lässt, ob den Schweizern eigentlich das Unrechtsbewusstsein fehlt? Es wird sich wohl um einen genetischen Defekt handeln, anders ist das Handeln bzw. Nicht-Handeln der Schweizer Behörden schlicht nicht zu erklären.
Es spricht sehr für dieses Buch, dass es auf die grösseren Zusammenhänge verweist und damit auch klar macht, dass die Probleme der Schifffahrt globaler Natur sind. Man denke etwa an die Umweltschäden oder an die vielfach menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Schiffen.
À propos Umweltschäden: Als die von einer Schweizer Reederei betriebene MSC Zoe während eines Sturms 342 Container verlor (weitere 1000 Container sollen an Bord aufgebrochen sein), war der Strand eines Naturreservats „mit Tonnen von Schwemmgut alles Art übersät: von Möbeln über Autoteile und Kinderspielzeug bis hin zu giftigen Chemikalien und Mikroplastik.“ Übrigens. Die MSC Zoe ist ein Riesending mit einer Länge von 400 und einer Breite von 60 Metern, einer Tragfähigkeit von 200 000 Tonnen sowie einer Kapazität von über 19 000 Containern. Anders gesagt: Der Mensch kommt nicht nur gegen die Natur nicht an, er richtet Schäden an, die er nicht sehen will. „Tiere verwechseln die Millimeter kleinen Plastikpartikel mit Nahrung. So gerät das Mikroplastik in die Nahrungskette.“
Mark Pieth und Kathrin Betz gehen auch auf das hoch gefährliche Abwracken ein, und auch dabei ist die Schweiz massgeblich involviert. Wie überall, wo Verantwortung kein leeres Postulat bleiben, sondern finanzielle Konsequenzen haben soll, wehren sich die Lobbyisten der Industrie (man sollte sie zum Abwracken vor Ort verpflichten!) gegen Auflagen.
Ganz besonders aufschlussreich fand ich die Ausführungen zu den Lieferketten, über die ich mir vor Corona noch gar nie Gedanken gemacht hatte. Hier ein Extrembeispiel, es betrifft die Herstellung der Wimbledon-Tennisbälle: „Für die Tennisbälle werden Ton aus South Carolina in den USA, Kieselsäure aus Griechenland, Magnesiumcarbonat aus Japan, Zinkoxid aus Thailand, Schwefel aus Südkorea und Gummi aus Malaysia nach Bataan (Bataan liegt auf Luzon, der grössten Insel der Philippinen) verschifft. Die Wolle wird von Neuseeland nach Stroud in Gloucestershire (UK) verfrachtet, wo sie zu Filz verarbeitet und dann in eigener Regie zurück nach Bataan transportiert wird. Zur Herstellung der Bälle verwendet Slazenger Petroleum-Naphtalin aus Zibo (China) und Leim aus Brasilan (Philippinen). Schliesslich werden Dosen aus Indonesien verschifft, und sobald die Bälle verpackt sind, werden sie nach Wimbledon geschickt.“ Mark Pieth und Kathrin Betz kommentieren: „Solche Lieferketten tragen wesentlich zur Umweltbelastung bei, insbesondere zur Klimaerwärmung.“ Wohl wahr! Doch ebenso repräsentieren solche Lieferketten den ganzen Irrsinn, den die moderne Welt gelernt hat, normal zu finden.
Seefahrernation Schweiz ist nicht nur ein aufrüttelndes Werk, illustriert mit eindrücklichen Bildern; es ist auch ein differenzierter und engagierter Aufruf an die „Kunden auf beiden Seiten der Lieferkette“, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, „ob alle diese Waren wirklich quer über die Welt transportiert werden müssen.“ Hilfreich wäre zudem, wenn sich die Kunden nicht an dem vom Profitdenken verseuchten gesunden Menschenverstand orientierten, sondern am Gemeinwohl, zu dem selbstverständlich auch die Natur, von der wir ein Teil sind, gehört.
Mark Pieth & Kathrin Betz
Seefahrernation Schweiz
Vom Flaggenzwerg zum Reedereiriesen
Elster & Salis, Zürich 2022

Torres, Brasilien, Ende Februar 2022
David Nutt war einmal Drogenberater der britischen Regierung, fiel dann aber in Ungnade, weil seine Forschungen anderes ergaben als was die Regierung wollte. Nathalie Stüben zitiert ihn mit dem Satz: „The only difference between alcohol and any other drugs, I’ve always argued, is that alcohol is legal.“ Man sollte diese Aussage auf sich wirken lassen, und zwar lange genug, auf dass sich einem erschliessen möge, was sie alles impliziert. Im Wesentlichen dies: Dass wir uns in Sachen Drogen genau so verhalten wie mit allem anderen auch, das uns nicht passt. Kurz und gut: Der Selbstbetrug ist die Fähigkeit, die mehr Menschen verbindet als alles andere zusammengenommen. Kann ich das belegen? Das ist nicht nötig, Just look and see genügt.
Ich mache mir das zu einfach? Sie wollen mehr und Genaueres? Lesen Sie Nathalie Stübens Ohne Alkohol, worin sie unter anderem detailliert und an konkreten Beispielen ausführt, weshalb die Behörden in Sachen Drogen untätig bleiben bzw. mit Eigenverantwortung argumentieren. Was, so recht bedacht, ziemlich hirnrissig ist, denn der Zweck des Saufens (jedenfalls für Säufer) ist der Blackout. Elmore Leonard hat es in Callgirls auf den Punkt gebracht: „Man hat ihr wieder den Führerschein abgenommen, sie ist das dritte Mal in den letzten anderthalb Jahren mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Ich sag zu ihr: ‚Herr im Himmel, kannst du nicht was trinken, ohne jedes Mal stockbesoffen zu werden?‘ Sagt sie: ‚Was soll denn das für ’nen Sinn haben?'“
Nathalie Stüben erzählt in diesem Buch auch ihre eigene Geschichte, zu der auch gehört, dass sie mit Alkohol zunächst nur Gutes verband, auch weil er zu ‚unserer‘ Kultur gehört. „Mein Denkfehler lag darin, Kultur mit Kultiviertheit zu verwechseln. Für mich verbarg sich hinter ‚Kultur‘ etwas Schönes, Wünschenswertes. Ich verstand nicht, wie stark dieses Wort schillert. Ich erkannte nicht, dass diese feierlichen Bräuche einen Massenmord nach sich ziehen.“ Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass die Autorin Sucht nicht auf ein rein persönliches Problem (das sie natürlich auch ist) reduziert.
Sie macht sich beim Suchtforscher Michael Soyka kundig, der wie alle, die wirklich etwas verstehen, einfach und klar zu formulieren weiss. „Für mich gibt es ein paar Kernsymptome der Abhängigkeit: Das ist zum einen der Kontrollverlust – ich kann nicht aufhören, wenn ich einmal anfange. Das ist zum andern das süchtige Verlangen, Neudeutsch ‚Craving‘, als Suchtdruck, als ein Verlangen, Alkohol zu trinken. Das sind die Kernsymptome einer Abhängigkeit.“
Nathalie Stüben weiss, dass sie zu viel trinkt und trinkt dann dieses Wissen weg. Ein Alkoholproblem habe sie ganz bestimmt nicht, erklärt ihr eine Freundin, schliesslich sei sie erfolgreich, kriege ihr Leben geregelt, funktioniere also bestens. Nicht alle ihre Bekannten sehen das so, doch die meisten sind eben mit dem eigenen Funktionieren beschäftigt. Wie schrieb doch Flore Vasseur in Kriminelle Bande: „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.“ Oder wie es ein mittlerweile trockener Manager einmal formulierte: „Als ich noch gesoffen habe, fiel mir mein Job entschieden leichter.“ Zugespitzt gesagt: Den-Hals-nicht-voll-zu-kriegen (und das ist Sucht – jedenfalls für mich) ist die Grundlage ‚unseres‘ Wirtschaftssystems.
„Ich will nicht zu den Anonymen Alkoholikern“ ist ein Kapitel überschrieben, in dem sie sich auch positiv (und differenziert) zu Holly Whitaker äussert, die ihren Blick auf Sucht und Genesung erweitert hat. Auch der AA-Kritiker Lance Dodes wird erwähnt und Veronica Valli, die unter anderem schreibt: „Humility is not thinking less of ourselves – it is thinking of ourselves less.“ Zu den Anonymen Alkoholikern nur soviel: Da gibt es so viele dumme und sture Besserwisser wie auch überaus schlaue und vernünftige Leute wie überall, wo sich Menschen zusammenfinden. Mein Rat: „Take what you need and leave the rest.“ Das gilt meines Erachtens für so ziemlich jedes freiwillige Programm.
Nathalie Stüben bezeichnet sich nicht als Alkoholikerin. Auch nicht als genesene Alkoholikerin. „Ich hatte ein Alkoholproblem, ja. Ich war alkoholsüchtig, ja. Ich werde in diesem Leben besser keinen Alkohol mehr anrühren, ja. Aber ich bin deshalb nicht kaputt, tief in mir drin (…) Ich liebe es, nüchtern zu sein. Ich bin gesund. Ich bin selbstbestimmt, Ich bin unabhängig. Und, allem voran: Ich bin frei.“ Mein Gefühl ist auch nicht viel anders, mein Verstand mahnt mich jedoch zur Vorsicht, denn die Probleme, die nach dem Saufen-Aufhören hervorbrachen, machten mir vor allem klar, dass mein Saufen ein Lebensproblem zugedeckt hatte, dem ich mich jetzt stellen konnte/durfte/musste. Und daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn das über 32 Jahre zurückliegt.
Eine der erhellendsten Sätze in Ohne Alkohol ist für mich: „Die Art und Weise, wie ich meine Sucht definiere, beeinflusst ganz entscheidend, wie ich meine Abstinenz angehe.“ Bei Nathalie Stüben hat ein Perspektivenwechsel stattgefunden, sie hat ihren Blick auf die Welt korrigiert, sieht heute, was vor ihrer Nase liegt, und lernt, damit umzugehen. Die Lebensfreude, die einem gegen Ende dieses Buches entgegenspringt, ist so recht eigentlich das Schönste an Ohne Alkohol.
Fazit: Eine Lektüre, die lohnt! Gut geschrieben, überaus hilfreich, sehr zu empfehlen.
Nathalie Stüben
Ohne Alkohol. Die beste Entscheidung meines Lebens
Erkenntnisse, die ich gern früher gehabt hätte
Kailash, München 2021