Wilhelm Busch: Sämtliche Werke

Mein Bezug zu Wilhelm Busch geht auf meinen Vater zurück, der von diesem sensiblen und wunderbar humorvollen Poeten und Zeichner sehr angetan war, der mit gekonnten Strichen und launigen Worten Wesentliches über des Menschen Befinden auszusagen vermochte. Nichts ist dem Homo Sapiens zuträglicher als das Lachen über sich und seinesgleichen. Und kaum einer, der dazu mehr beigetragen hat als Wilhelm Busch.

Eingeleitet wird dieses Werk mit einem exzellent geschriebenen Essay von Theodor Heuss, dessen Feinfühligkeit und Eloquenz mich staunen liess, denn in meinem Politiker-Bild figuriert prominent vor allem die Dampfplauderei, von der in diesem Beitrag jedoch nichts zu finden ist. Ganz im Gegenteil: So macht Heuss unter anderem auf das Paradox aufmerksam, dass dieser weitherum populäre Wilhelm Busch ein sehr privater Mensch war, über dessen Leben wir viel und „intim Bescheid“ wissen.

Geboren wurde Wilhelm Busch am 15. April 1832 als ältester Sohn eines dörflichen Kaufmanns im niedersächsischen Wiedensahl. Nach Stationen in Hannover, Düsseldorf, Antwerpen, Rom und München kehrt er in die Abgeschiedenheit von Wiedensahl zurück, „um durch die Felder zu streifen, die Linien und Tönungen der flachen Hügel mit seinem wachen Auge abzuvisieren, um über die Eitelkeit dieser Welt zu meditieren, vielleicht auch, um zu träumen.“

Man kann diese hochwertig gestaltete Geschenkausgabe in 2 Bänden im Schuber an beliebiger Stelle aufmachen, man wird unweigerlich auf Ansprechendes (klar doch, ich rede von mir) stossen, seien es Zeichnungen, Verse, Reime, Gemälde oder Karikaturen. Klassifizierungen fallen schwer und sind auch gar nicht nötig. Theodor Heuss sagt es freundlicher: „Buschs Doppelbegabung des knappen Strichs und des knappen Reimes schafft nun jenen einiges Ungemach, die einen katalogisierenden Platz für ihn suchen.“

Doch der Mensch kann das Benennen und Zuschreiben nun einmal nicht lassen. Und sich einfach an diesem Busch zu erfreuen geht natürlich auch nicht, denn da meldet sich der nörgelnde Verstand (von wohlmeinenderen als mir „kritisch“ genannt) und beharrt auf Unterscheidungen, die regelmässig in zwar/aber gipfeln. Noch einmal Heuss: „Es gibt Leute von hohem geistigen Rang, keine pädagogischen Pedanten, die das artistische Können von Busch respektieren, aber ihn oder doch seine Wirkung hassen: er sei ein heimlicher Sadist, seine Geschichten seien nur voll Rohheit, es komme kaum ein edler Zug in ihnen vor, die Anständigen seien immer nur die Dummen und ihr Schicksal werde von einem billigen Hohn begleitet. Es kostete einige Mühe, solches Urteil abzuschleifen – der Hinweis auf die Briefe tat dabei gute Dienste.“ Am Rande: Kein Zweifel, die Anständigen sind immer die Dummen.

Busch war zweiunddreissig als Max und Moritz erschien, die sieben Streiche der beiden Buben werden so eingeleitet: „Max und Moritz machten beide, / Als sie lebten, keinem Freude: / Bildlich siehst du jetzt die Possen, / Die in Wirklichkeit verdrossen, / Mit behaglichem Gekicher, / Weil du selbst vor ihnen sicher, / Aber das bedenke stets: / Wie man’s treibt, mein Kind, so geht’s“

Doch nicht nur aufs Verse-Schmieden, Reimen und Zeichnen versteht sich der Mann, er weiss auch in Prosa durch überraschende Wendungen Heiterkeit zu erzeugen. So formuliert er etwa in Die wunderbare Bärenjagd: „Kaum aber habe ich Platz genommen, so fühle ich mich emporgehoben und falle rücklings auf den Boden hin. Zugleich arbeitet sich aus dem Reisig ein brummendes Ungetüm hervor, welches ich sofort für einen Bären erkannte. Zum Glück hat mich die Natur mit grosser Kaltblütigkeit ausgestattet, darum lief ich denn auch schleunigst davon, so schnell ich nur immer laufen konnte.“

Zu meinen Favoriten gehört Der Schmetterling, das ist so gescheit und lustig, dass es eine wahre Freude ist. Die Geschichte beginnt so: „Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiss er längst, ist nur der Zipfel des Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will. Vor Jahren freilich …“.

Unter der Rubrik Aphorismen und Reime finden sich auch Lebensweisheiten, die treffender und geniessbarer sind als die meisten modernen Selbsthilfe-Ratgeber. „Vergebens predigt Salomo. / Die Leute machen’s doch nicht so.“ Und: „Wer man so ist, der bleibt auch so.“ Und: „Wer auf den rechten Weg will, / Muss durchaus durch sich selbst hindurch.“ Wer den letzten Ratschlag in die Tat umgesetzt hat, mag jedoch bedenken: „Sag nie bestimmt: Es wird erreicht! / Ein hübsches Wörtchen ist ‚vielleicht‘.“

„Mein“ Wilhelm Busch ist ein mit Humor gesegneter Philosoph, also ein wahrer, der sein Leben so zusammenfasst: „Mein Lebenslauf ist bald erzählt. – / In stiller Ewigkeit verloren / Schlief ich, und nichts hat mir gefehlt, / Bis dass ich sichtbar ward geboren. / Was aber nun? – Auf schwachen Krücken, / Ein leichtes Bündel auf dem Rücken, / Bin ich getrost dahingeholpert, / Bin über manchen Stein gestolpert./ Mitunter grad, mitunter krumm, / Und schliesslich musst‘ ich mich verschnaufen. / Bedenklich rieb ich meine Glatze / Und sah mich in der Gegend um. / O weh! Ich war im Kreis gelaufen, / Stand wiederum am alten Platze, / Und vor mir dehnt sich lang und breit, / Wie ehedem, die Ewigkeit.“

Fazit: Eine wahre Fundgrube, die einem das „Getu’s“ der Zeit mit Heiterkeit ertragen lässt.

Wilhelm Busch
Sämtliche Werke
Herausgegeben von Rolf Hochhuth
C. Bertelsmann Verlag, München 2022

Alan Parks: Bobby March Forever

Der erste Satz sei entscheidend, sagen die einen, der erste Absatz die andern. Im Falle von Bobby March Forever sind es für mich die ersten eineinhalb Seiten, die mich reingezogen haben. Dann war mir klar, dass ich es mit einem aussergewöhnlichen Buch zu tun habe, der Atmosphäre wegen, die es vermittelt. Und dies trotz der Tatsache, dass ich englische Titel für deutsche Bücher eigentlich nicht ertrage.

Glasgow im Juli 1973. Bobby March, der berühmteste Rockstar der Stadt, der einst das Angebot der Rolling Stones ausgeschlagen hatte, sich ihnen anzuschliessen, wird tot in einem Hotelzimmer aufgefunden. Überdosis. Detective Harry McCoy wird auf den Fall angesetzt. Die Überdosis erweist sich als verdächtig. Hat Bobby March sich die wirklich selbst gespritzt? Dann verschwindet ein junges Mädchen namens Alice Kelly. Und dann noch eines. Das zweite Mädchen, Laura Murray, ist die Tochter des Bruders von McCoys Vorgesetztem und kriegt natürlich bei der Suche Priorität. Der Mann, mit dem sie zuletzt gesehen wurde, ist tot; sie selber bleibt vorerst verschwunden, doch McCoy findet sie.

Es ist nicht so sehr die Aufklärung der Fälle, die diesen Kriminalroman so attraktiv macht, es ist vielmehr die Schilderung von Glasgow mit seinen Kneipen und Pubs in den 1970er Jahren, die – jedenfalls für einige – von der Rockmusik dominiert war. David Bowie, Roxy Music, T.Rex, Donovan.

Und es sind eingestreuten Details, die mich immer wieder aufmerken und häufig schmunzeln lassen. „Mila sagte nicht viel. Einen Glasgower Akzent zu verstehen war so schon nicht leicht, und vermutlich fiel es ihr als Holländerin umso schwerer. Trotzdem lächelte sie und versuchte mitzureden.“ Oder: „Es war ohnehin schwer genug, als Frau in dem Beruf ernst genommen zu werden – und erst recht, wenn man so jung war und gut aussah.“ Oder: „Man rückt nicht wie MacRae bis an die Spitze vor, wenn man kein echtes Dreckschwein ist.“

Bobby March Forever handelt auch von den Betäubungsmitteln, derer sich die Menschen bedienen, um das Leben und die damit einhergehenden Schmerzen auszuhalten. „Zum Saufen haben die Leute immer Geld, auch wenn sie’s von der Miete oder ihren eigenen Kindern vom Mund abzwacken müssen“, äussert sich die Bordellchefin Iris. McCoy bemüht sich derweil um seinen Jugendfreund, die Unterweltgrösse Stevie Cooper, der an der Nadel hängt.

Einer der roten Fäden, die das Buch durchziehen, ist die Rivalität von McCoy mit seinem Polizei-Kollegen Raeburn; ein anderer ist McCoys Unterwelt-Kontakte, von denen er Hinweise bekommt; ein weiterer ist die Beschreibung der verschiedenen Stadtteile von Glasgow. „Parkhouse war der vornehme Teil von Milton auf der anderen Seite der Ashgill Road. McCoy war allerdings einigermassen schleierhaft, was dort überhaupt so anders sein sollte. Dieselben Wohnungen und Häuser, dieselben leer gefegten Strassen, dieselben Sozialsiedlungen, so weit das Auge reichte.“

Raeburn behauptet, der Mörder von Alice Kelly habe gestanden, obwohl es keine Leiche gibt. Führte der Erfolgsdruck, eines der Charakteristika unserer Zeit, dazu, dass der Polizist die Wahrheit zurechtgebogen hat? Oder liegt es ganz einfach in seinem Naturell, ein ziemlicher Kotzbrocken zu sein? McCoy sorgt dafür, dass der beschuldigte 16Jährige Ronnie Elder einen Anwalt kriegt, doch dann …

Alan Parks, ein nachdenklicher Kämpfer für Anstand und Moral, lässt McCoy sagen: „Warum soll ich mich aufregen, wenn es sonst niemand tut. Wozu sollte das gut sein?“ – nur um sich weiter aufzuregen und sich für die einzusetzen, die es verdient haben. Und er ist ein ausgezeichneter Menschenbeobachter. „Er konnte ihren Vater in ihr erkennen, derselbe rechthaberische Ton, dieselbe Herablassung.“

Fazit: Packend, atmosphärisch dicht, reich an überraschenden Wendungen. Und ein engagiertes Plädoyer gegen Unrecht jedweder Art.

Alan Parks
Bobby March Forever
Kriminalroman
Heyne Hardcore, München 2021

Jenny Jägerfeld & Mats Strandberg: Monster auf der Couch

Monster auf der Couch, verfasst von den beiden Schweden Jenny Jägerfeld, einer Psychologin, und Mats Strandberg, einem Schriftsteller, ist ein in vielerlei Hinsicht aussergewöhnliches Buch, was auch, aber nicht nur, an der cleveren und aufwendigen Gestaltung liegt.

Eine Psychologin ist verschwunden, in ihrem Büro findet die Polizei Aktennotizen, Gesprächsmitschnitte, Skizzen und Fotografien, die Aufschluss geben über ihre illustren Patienten, allesamt Figuren der Weltliteratur. Dr. Frankenstein, Dr. Jekyll, Dorian Gray sowie die Vampirin Carmilla.

Dr. Jekyll ist der erste, der die Psychologin aufsucht. Anhand des Gesprächsprotokolls – sie nimmt die Sitzungen heimlich auf und ergänzt die Abschrift mit selbstkritischen Einwürfen – lässt sich verfolgen wie eine Therapie abläuft. Dabei lernt man viel Nützliches (und eine smarte Psychologin kennen): Etwa, dass in allen ein von Trieben gesteuerter Mister Hyde steckt, der jedoch unterdrückt wird. Oder dass es wichtig ist, die Dinge beim Namen zu nennen.

Ein nicht unbeträchtlicher Reiz von Monster auf der Couch besteht darin, dass beim Gespräch mit Dr. Jekyll (und Mister Hyde), ein Mann des 19. Jahrhunderts auf eine Frau des 21. Jahrhunderts trifft. Sie notiert: „Ich bin mehrmals fast in die Luft gegangen. Ich habe nonstop versucht, mir in Erinnerung zu rufen, dass wir aus unterschiedlichen Welten stammen, dass es nicht seine Schuld ist, dass er gewisse völlig verquere Ansichten vertritt.“ Vor allem speziell ist jedoch, dass die Therapeutin davon berichtet, was für Gedanken, Überlegungen und Empfindungen die Begegnungen mit Jekyll und Hyde bei ihr auslösen. Deutlich wird dabei (zugespitzt formuliert): Eine Therapie zahlt sich vor allem für am Leben interessierte Therapeuten aus – sie lernen viel über sich und werden dafür noch gut bezahlt.

Doch selbstverständlich lernt auch der Patient einiges. So ist etwa Frankenstein, der ja selbst zum Schöpfer geworden ist, höchst erstaunt, dass seine Therapeutin ein Kind mit ihrer Frau bekommt. „Zwei Frauen, die ein Kind gezeugt haben? Haben Sie nicht gesagt, mein wissenschaftlicher Durchbruch sei bis heute unübertroffen? Wie haben Sie das geschafft? Haben auch Sie sich der Elektrizität bedient? …“.

Dorian Gray bezeichnet sie als spannenden Patienten. „Er sagt selbstmitleidig, dass andere sich nicht für sein Inneres interessieren, aber macht sofort dicht, wenn ich ihn dazu bewegen will, über seine Gefühle zu reden.“ Ich finde sie selber spannender. Sie leidet unter dem moralischen Imperativ Du sollst glücklich und gesund sein, hält den Satz, man sei seines eigenen Glückes Schmied, für völligen Humbug und teilt Slavoj Žižeks Meinung, „dass der Fokus auf den Genuss das Geniessen selbst sabotiert.“

Es ist insbesondere die Beschreibung des therapeutischen Prozesses, die mich für dieses Werk einnimmt. Dauernd muss ich schmunzeln, manchmal auch laut herauslassen. Da sagt etwa die Vampirin Carmilla: „Aber ich habe gar kein Problem, das ich in Worte fassen müsste. Für mich ist alles glasklar.“ Und als Laura schildert, was Carmilla bei ihr auslöst: „Manchmal ziehen sich die Küsse in die Länge und werden immer inniger. Mich packt bisweilen eine seltsame, heftige und doch angenehme Erregung, der sich indes aus Unruhe beigesellt. (errötet) Mein Herz schlägt schneller, der Atem wird flach und geht in ein Keuchen über, das in Konvulsionen gipfelt, bei denen ich die Besinnung verliere“, kommentiert die Psychologin mit: „Das klingt … heftig. Werde glatt eifersüchtig!

Der Titel Monster auf der Couch verlangt natürlich, wie alles, was Psychologen angehen, nach einer Erklärung, möglichst einer wertfreien. So führt die Therapeutin gegenüber Dr. Frankenstein aus: „Mein Problem mit der Bezeichnung Monster ist der Umstand, dass sie eine gewisse Bosheit unterstellt. Aber daran glaube ich nicht. (Pause) Ich glaube vielmehr, dass wir die Bezeichnung Monster bei Wesen anwenden, die wir nicht verstehen, weil sie sich anders verhalten als wir selbst oder auch anders aussehen.“ Und sie fügt hinzu: „Es gibt immer gute Gründe, uns so zu verhalten, wie wir es tun.“ Und weil sie das glaubt, sucht sie eben auch immer nach Gründen. Doch was wäre, wenn diese Gründe nicht ursächlich, sondern nachgereicht wären? Das jedenfalls behauptet die Hirnforschung: Das Handeln kommt zuerst, die Gründe folgen nach. Doch das wäre ein anderes Buch …

Monster auf der Couch ist nicht nur sehr unterhaltsam und überaus witzig, es klärt auch differenziert darüber auf, wie Therapie funktioniert. Zudem werden auch Spaltung oder Dissoziation, das Stufenmodell der moralischen Entwicklung gemäss Kohlberg sowie die Merkmale der narzisstischen Persönlichkeit erläutert.

Fazit: Ein höchst lehrreiches Vergnügen!

Jenny Jägerfeld & Mats Strandberg
Monster auf der Couch
Der rätselhafte Fall der verschwundenen Psychologin
Penhaligon, München 2022

Candice Fox: Dark

„Ich blickte direkt in die Mündung einer Waffe. Auf leisen Sohlen war sie hereingeschlichen.“ Ein gelungener Einstieg, wenn auch sprachlich eher suboptimal. Eine Waffe auf leisen Sohlen? Es war nicht das einzige Mal, dass ich sprachlich über diesen Text stolperte, doch wurde dies wettgemacht durch die clevere, frische, rasante und äusserst packende Handlung. Keine Frage, Candice Fox weiss ausgesprochen spannend zu erzählen.

Die Geschichte spielt in Los Angeles; die Stadt und ihre sehr voneinander verschiedenen Bewohner werden so gut geschildert, dass ich mich sofort vor Ort fühle – auch natürlich, weil ich sie aus eigener Anschauung kenne. Übrigens: „Candice Fox stammt aus einer eher exzentrischen Familie, die sie zu manchen ihrer Figuren inspirierte.“ Klingt verheissungsvoll, denkt es so in mir. Zu recht, wie es sich schon bald zeigen wird.

Dark handelt von vier sehr unterschiedlichen Frauen, die sich zusammentun, um die verschwundene Tochter von Sneak Lawlor, einer notorischen Diebin, zu finden. Als da wären: Die vorbestrafte Kinderchirurgin Blair Harbour, ihre ehemalige Zellengenossin Sneak, deren Tochter verschwunden ist, die Polizistin Jessica Sanchez, der gerade eine Millionenvilla vermacht wurde, die Gangsterin Ada Maverick. („Ich gebe keine Ratschläge“, sagte Ada. „Ich mache Ansagen. Und die Leute hören, sonst müssen sie fühlen.“).

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Blair und Jessica, die Blair einst wegen Mordes verhaftete, doch sich mittlerweile fragt, ob sie sich damals geirrt habe. Sie geht der Sache nach und stösst auf Ungereimtheiten. Blair leidet übrigens unter einer Sucht, die im Gefängnis ihren Anfang genommen hatte. „Seit sechs Jahren tat ich das schon, wählte in Stresssituationen willkürlich irgendwelche Telefonnummern und redete mit Fremden.“ Was wieder einmal deutlich macht, dass wirklich alles, das einem Halt verspricht, zur Sucht werden kann.

Witzig, überraschend, schnell ist das Ganze geschildert, mit einem sehr realistischen Flair. Klar, man weiss, das hat sich die Autorin ausgedacht, doch trotzdem hat man das Gefühl, dass genau solche Kotzbrocken, wie die hier geschilderten, bei der Polizei sind. Der Mensch ist des Menschen Wolf, heisst es bekanntlich, doch es gibt eben auch die Anständigen, dank denen es gelegentlich so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit (im echten, nicht im juristischen Sinne) gibt.

Die Dialoge sind dem Leben abgeguckt; misstrauisch, skeptisch und voller Vorurteile begegnen sich die Leute in diesem Buch. Auch originelle Rache-Ideen kommen nicht zu kurz. Und dann gibt es natürlich auch Sex und Gewalt, doch vor allem eine durchgehende ’no-nonsense‘-Atmosphäre. Zudem erfährt man was Mörderabilien sind …

Wie jeder gute Thriller ist natürlich auch dieser wesentlich Zeitdokument. Beispiel Nummer eins: „Die Berichterstattung zum aktuellen Zeitgeschehen ist eine teuflische Mischung aus politischer Korruption und den naiven Denkmustern narzisstischer Hipster.“ Beispiel Nummer zwei: „Der Highway I-110. Obdachlose in Zelten und Bretterverschlägen, Fabriken, die Dreck in den gelblichen Himmel pusten, die Wüste und dahinter die stoppelig braune Berglandschaft. Reklametafeln für Casinos. Neil Diamond im Paillettenanzug. Rod Stewarts strahlend weisses Gebiss im kürbisgelben Gesicht.“

Fazit: Grossartig! Uneingeschränkt zu empfehlen!

Candice Fox
Dark
suhrkamp taschenbuch, Berlin 2021

Samira El Ouassil & Friedemann Karig: Erzählende Affen

Der Mensch unterscheidet „sich von sämtlichen anderen Wesen dieser Erde darin … dass es sich Geschichten erzählt“, lese ich im Prolog. Klingt plausibel, doch wirklich wissen können wir das nicht. Wir nehmen es trotzdem an – und genau da liegt das Problem: Bei unseren Annahmen. Denn auf diesen gründen unsere Narrative. Zu diesen Annahmen gehören „Weisheiten“ wie Jeder ist seines Glückes Schmied – ein problematisches Credo, wie Samira El Ouassil und Friedemann Karig aufzeigen.

Keine Frage, Geschichten sind wichtig, sie formen nicht nur unsere Wahrnehmung, sie erschaffen auch unsere Wirklichkeit. Der Mensch sei sein Glaube, heisst es in der Bhagavad Gita. Wir sind also, was wir glauben. Und: Wir können uns entscheiden, was wir glauben. Genauer: Wir haben uns bereits entschieden, was wir glauben, es zeigt sich in unserem Tun.

Erzählende Affen, von zwei den Mainstream-Medien Verfallenen verfasst (kaum eins der in den letzten Jahren in den Feuilletons präsenten Werke – von Daniel Kahneman zu Colson Whitehead – wird ausgelassen), ist vielfältig anregend, breit und fachübergreifend angelegt und im offensichtlichen Bemühen zu zeigen, dass man nichts ausgelassen hat, gelegentlich irritierend. So wird etwa bei einem kurzen Ausflug in die Linguistik die Rekursivität in einem Satz erklärt und Lee Child mehr Platz eingeräumt als Noam Chomsky. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Autoren mit diesem Passus ihr eigenes Vorgehen beschrieben haben: „Greifen Sie schnell zu Ihrem Smartphone (wenn Sie es nicht schon in der Hand halten, ist es sicher nicht weit weg) und suchen Sie nach ‚Gutenberg‘. Klicken Sie auf den Link, der zum ‚Projekt Gutenberg‘ führt, eine Seite des kostenlosen, von unzähligen Freiwilligen zusammengetragenen Lexikons namens Wikipedia, welches nicht weniger als nahezu das gesammelte Wissen der Menschheit bündelt.“

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat in seinem Hero with a thousand faces dargelegt, dass unsere Psyche nicht kulturabhängig, sondern universell strukturiert ist. Das zeigt sich zum Beispiel in unseren Heldengeschichten, die in allen Kulturen nach ganz ähnlichen Mustern funktionieren. Ob der Held erfunden ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle – er dient in jedem Fall als Projektionsfläche. Verkürzt gesagt: Der Held bricht auf, muss sich bewähren und kehrt verändert zurück – er hat sein altes Ich hinter sich gelassen und ist ein Neuer geworden.

Doch so sehr die Geschichten-Muster sich ähneln, nationale Unterschiede gibt es trotzdem. Das liegt daran, dass wir entscheiden können, welche Geschichten wir uns selber erzählen wollen. Im Kapitel „Die Tiefengeschichte und das Land der unbegrenzten Fiktion“ wird diese deep story als „Lieblingsmärchen für Erwachsene“ definiert. „Es kann eine Art Selbstvergewisserung sein, vielleicht auch eine Utopie, die man als Gesellschaft entwirft; ein Ideal dessen, wie man eigentlich gerne wäre und wo eine gemeinsame Reise hingehen könnte. Im Grunde kann man sich eine nationale Tiefengeschichte als den packenden Werbeslogan an sich selbst vorstellen.“

Auf solch fundamentale Wahrheiten hinzuweisen (Selbstvergewisserung ist Dreh- und Angelpunkt unserer Existenz) setzt genaues Hinschauen voraus – und diese gehört zu den Voraussetzungen einer potentiell grundlegenden Wandlung, um die wir, sollten wir denn überleben wollen, nicht herumkommen. „Wie in jeder Heldenreise müssen wir uns grundlegend wandeln, um die Lösung in uns zu finden.“

Erzählende Affen ist flüssig geschrieben, gibt einen guten Überblick über die Dominanz von Geschichten in unserem Leben und zitiert derart ausgiebig aus Literatur, Wissenschaft und Filmen, dass es einem (zugegeben, ich spreche von mir) manchmal etwas arg viel wird. Da wimmelt es von soziologischen und sozialphilosophischen Erkenntnissen und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich die Suche nach „einer wirkmächtigen neuen Erzählung der Aufklärung“ (so der Klappentext) etwas arg oft in möglichst originellen, von Professoren kreierten Begriffen – von „postkompetitive Verbitterungsstörung“ zum „Homo compensatur“ – erschöpft, die eher dem Konkurrenzkampf an den Unis geschuldet scheinen als der Erhellung.

Samira El Ouassil und Friedemann Karig weisen anhand vieler Beispiele darauf hin (dieses Buch ist auch eine eindrückliche Fleissarbeit), wie festgefahren unsere Erzählmuster sind und machen Vorschläge, wie diese geändert werden können, wobei sie sich allerdings meist darauf beschränken, einfach einen anderen Akzent als den gerade herrschenden zu setzen. Anstatt die Geschichte von Harry und Meghan als „Megxit“ zu bezeichnen, wie das die englische Boulevardpresse getan hat, wäre auch „Hagxit“ oder „Harrivederci“ möglich gewesen, meinen sie. Ich selber meine, es wäre uns allen besser gedient, unsere Aufmerksamkeit nicht den Aufmerksamkeitssüchtigen zu geben.

Gegen Ende des Buches dann die Erkenntnis: „Wir erzählen unsere Geschichte falsch. Unzählige Beispiele zeigen unser gewaltvolles Verhältnis zur Welt, das unsere Zeit, die man auch das Anthropozän nennt, prägt. Aus der Perspektive nahezu aller nichtmenschlichen Lebewesen der Erde sind wir nicht die Protagonisten dieses Planten, sondern Milliarden von Antagonisten, bösartig und brutal, von der eigenen Selbstgerechtigkeit verblendet und letztlich gefährlicher, als es sich irgendein Horror- oder Zombiefilm ausdenken könnte.“ Stendhal hat das übrigens in „Rot und Schwarz“ so auf den Punkt gebracht: „Ein Jäger gibt im Wald einen Schuss ab, seine Beute fällt, er eilt auf sie zu. Sein Stiefel fährt in einen zwei Fuss hohen Ameisenhaufen, zerstört die Wohnstätte der Tiere, verstreut weithin die Ameisen, die Eier … Die besten Philosophen unter den Ameisen werden nie begreifen können, was das für ein schwarzer, riesenhafter, schrecklicher Körper war, dieser Jägerstiefel, der mit einem Schlage rasend in ihren Bau eindrang, nachdem es einen furchtbaren Knall und eine rötliche Feuergabe gegeben hatte … So wären Tod, Leben, Ewigkeit ganz einfache Dinge für einen, der Organe hätte, weit genug, um sie zu begreifen …“.

Abgesehen davon fand ich vor allem die Ausführungen über Kausalität überzeugend. „Die Sehnsucht nach Gründen ist so stark, dass Kausalität für uns selbst dort gegeben sein muss, wo wir sie nicht logisch herstellen können. Wir halten daher oft auch an Erklärungen fest, die objektiv falsch oder zumindest nicht belegbar sind.“

Könnte es sein, dass diese unsere Sehnsucht nach Gründen „das Problem“ ist?

Samira El Ouassil & Friedemann Karig
Erzählende Affen
Mythen, Lügen, Utopien: Wie Geschichten unser Leben bestimmen
Ullstein, Berlin 2022

William Boyd: Eines Menschen Herz

„Ich habe mir sicher geschworen, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit usw. usw., und ich glaube, diese Blätter werden meinem Vorsatz gerecht“, schreibt Logan Gonzago Mountstuart in den Vorbemerkungen zu diesen Tagebüchern. Sich dergestalt um die Wahrheit zu bemühen, bedeutet, genau hinzuschauen, zu schildern, was ist, und von Urteilen Abstand zu nehmen. Soweit der zu Papier gebrachte Anspruch (die Realität ist wie immer etwas anders), des 1906 in Montevideo geborenen Protagonisten, der die Republik Uruguay als auf drei Seiten von Wasser umgeben schildert, „dem Atlantik, der gewaltigen Bucht des Rio de la Plata und dem breiten Rio Uruguay“ und mich damit dieses Land, das ich von Besuchen kenne, plötzlich ganz neu sehen lässt, wozu übrigens auch die Bemerkung beiträgt, die Uruguayer seien Landratten. Mit anderen Worten: Ich erlebe bereits die Vorbemerkungen zu diesem Roman als Horizont-erweiternd – und dies ist, neben der Unterhaltung, der für mich wichtigste Grund, Bücher zu lesen. Und um es gleich vorwegzunehmen: Eines Menschen Herz ist auch höchst unterhaltsam.

Logan Gonzago Mountstuart wächst in privilegierten Verhältnissen auf, studiert Geschichte in Oxford, schreibt eine Shelley-Biographie, siedelt nach Paris über, wo er regelmässig bei der verheirateten Prostituierten Anna verkehrt, die ihm eine erfundene Geschichte über ihren Gatten erzählt. Da er es zum erfolgreichen Schriftsteller bringt, bleibt es natürlich nicht aus, dass er auch auf andere Schriftsteller Bezug nimmt. Und anderem zitiert er Tschechow: „Ich bin weder liberal noch konservativ, fortschrittlich, klerikal oder unpolitisch. Ich möchte ein freier Künstler sein und nichts sonst.“

Eines Menschen Herz ist ein Roman, der mich oft schmunzeln machte. Wegen so schöner Sätze wie diesem: „Ich liebe Redensarten wie ‚bei allem Respekt, ‚in aller Bescheidenheit‘, ‚Ich stimme ergebenst zu‘, die in Wirklichkeit das genaue Gegenteil bedeuten …“. Oder: „Er ist gut einen halben Kopf grösser als ich, hat eine grosse Hakennase und sieht gesund und stämmig aus – ein Adjektiv, das man normalerweise nicht auf hochgewachsene Männer anwendet. Er wirkte so, als könne er den ganzen Tag auf Berge klettern, und schien eher verärgert über die Begegnung, obwohl er ein wenig freundlicher wurde, als ich ihn zum Essen einlud.“

Es ist eine fiktive Geschichte, die William Boyd erzählt. Sie umfasst fast ein Jahrhundert, auch bekannte Zeitgenossen wie etwa Virginia Woolf treten auf, von der man erfährt, dass sie keine Kritik vertragen habe, da „sie unglaublich und geradezu neurotisch sensibel“ gewesen sei. Ob das erfunden ist, weiss ich zwar nicht, doch ich nehme es nicht an. Und seine Beschreibung von Picasso, „Er wirkt untersetzt und aggressiv, und ich spüre ein gewisses Misstrauen mir und Ben gegenüber“, bestätigt mich in meiner Wahrnehmung des Spaniers. Interessant auch, wie wichtig Hemingway seine gute Bezahlung für seine Berichterstattung aus dem Spanischen Bürgerkrieg war.

Kein einfaches Unterfangen, die Ereignisse des 20. Jahrhunderts in einen Roman zu packen. Was will man hineinnehmen, was auslassen? Die Weltwirtschaftskrise kommt nur ganz beiläufig war, die Abdankung des englischen Königs fungiert prominent. William Boyd erinnert auch daran, wie seltsam es ist, „durch eine Stadt zu fahren, die, obwohl im Kriegszustand und ein wenig durcheinander, alle Anzeichen eines gewöhnliches Montags zeigte – die Läden geöffnet, die Leute mit ihren alltäglichen Verrichtungen beschäftigt. Und dann plötzlich ist man an der Front.“ Martha Gellhorn nannte das übrigens „den Krieg besichtigen.“

Mittlerweile verheiratet und Vater geworden, verliebt er sich, wird geschieden und, vom Geheimdienst der Royal Navy rekrutiert, auf die Bahamas abkommandiert, wo er den Herzog von Windsor und dessen Frau beobachten soll. Dann wird er zum uruguayischen Reeder befördert, der in der Schweiz nach Investoren sucht, um seine Handelsflotte aufzustocken, doch er landet er im Gefängnis. Als er nach dem Krieg nach Birmingham („Eine Grossstadt ohne jeden Firlefanz.“) zurückkehrt, erfährt er, dass seine Frau und seine Tochter bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen sind. Doch ich will hier nicht den ganzen recht turbulenten Roman nacherzählen, der im Übrigen mit einem Register versehen ist, der das zwanzigste Jahrhundert aus der Sicht eines Mannes schildert, der von einem Ereignis zum nächsten stolpert – in etwa so wie wir alle, nur dass die wenigsten dabei Samuel Beckett, Ian Fleming und Evelyn Waugh antreffen, und sowohl in Lissabon, der Karibik, London, Paris, New York und Afrika als Spion, Schriftsteller, Kunsthändler oder Dozent aktiv sind.

Eines Menschen Herz ist flüssig erzählt, anregend und wunderbar englisch-witzig, doch wirklich gepackt hat mich die Geschichte als Jahrhundert-Schilderung nicht. Was mir diesen Roman hingegen wertvoll macht, sind die vielfältig eingestreuten Beobachtungen wie „Seltsam, diese sinnlichen Fingerabdrücke, die an einem haften bleiben und erst viel später zu Tage treten“ oder Einschätzungen wie „Picasso scheint mir eines von den wilden und einfältigen Genies zu sein – eher Yeats: Strindberg, Rimbaud, Mozart als Matisse, Brahms, Braque. Seine Gesellschaft ist sehr ermüdend.“ Und nicht zuletzt Bemerkungen wie diese zum Thema gute Manieren: „Ich sagte, dass sie in Amerika dazu dienen, soziale Kontakte zu fördern und zu pflegen, während sie in England eine Methode sind, die Privatsphäre zu schützen. Er (sein künftiger Schwiegervater Nummer drei) weigerte sich, meine Argumente anzuerkennen.“

Fazit: Beste Unterhaltung, reich an smarten Einsichten.

William Boyd
Eines Menschen Herz
Kampa, Zürich 2022

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