
Von Sargans aus gesehen, am Morgen des 31. Oktober 2021
Hans Durrers Buchbesprechungen

Von Sargans aus gesehen, am Morgen des 31. Oktober 2021
Das ist ein wahrhaft monumentales Buch: umfangreich (über 700 Seiten Text), voller eindrücklicher Bilder, schwer in der Hand liegend – nur schon das Darin-Blättern ist eine Freude, der exzellenten Buchgestaltung wegen. Dieses Werk ist auch ästhetisch eine Perle!
Auch der Einstieg ist aussergewöhnlich. Tom Buk-Swienty, geboren 1966, studierter Historiker, heute als freier Autor und Dokumentarfilmer tätig, erzählt nämlich höchst lehrreich vom Kaffee, also über Kaffeesamen, Beeren und Bohnen sowie über den Kaffeeanbau in Britisch-Ostafrika. Und natürlich hat das seinen guten Grund, denn als die achtundzwanzigjährige Tania Blixen (Tanne), die damals noch Karen Christentze Dinesen hiess, im Dezember 1913 von Neapel nach Mombasa aufbrach, um dort den schwedischen Baron Bror Blixen zu heiraten, planten die beiden im ostafrikanischen Hochland eine Kaffeefarm zu betreiben.
Man glaubt mit an Bord zu sein, so anschaulich schildert der Autor diese Reise. „In dem wie mit dem Lineal gezogenen Suezkanal hat man vom Schiffsdeck aus die Aussicht auf Sand und nochmals Sand; hin und wieder ist eine Kamelkarawane zu entdecken. Die Temperaturen steigen. Im Roten Meer ist die Luftfeuchtigkeit hoch, die Sonne glüht. Fliegende Fische springen am Schiff entlang, und in der Nacht phosphoreszieren die Wellen durch Meeresleuchten.“
Hervorragend gelingt Tom Buk-Swienty auch die Charakterisierung von Tanne, die unter starken Stimmungsschwankungen leidet und den grossbürgerlichen Normen ihres Elternhauses zu entkommen trachtet, allerdings mit eher geringem Erfolg. „Der Aufenthalt in Afrika ist für unbestimmte Zeit geplant, und zum Schutz vor dem Fremden hat Tanne mehr oder weniger die komplette europäische Zivilisation mitgenommen.“
Für mich sind Biographien Fiktion. Wenn sie gut sind – und die vorliegende ist gut, ja, sehr gut – , sind sie wohl informierte, differenzierte Mutmassungen, denn was der Biograph vorgibt zu wissen, kann er oft gar nicht wissen. Natürlich, es gibt Dokumente, doch was schriftlich zurückgelassen wird, bezeugt immer nur einen Bruchteil dessen, was wirklich vorgefallen ist. Und wer kann schon wissen, was andere fühlen? Man weiss es ja auch von sich selber nur selten wirklich genau. Dazu kommen etwa im Falle der Syphilis von Tanne auch die „vielen Verheimlichungen, Halbwahrheiten und späteren Erklärungen“, die mehrere zentrale Fragen rund um die Krankheit unbeantwortet lassen.
Tom Buk-Swienty ist ein höchst differenzierter Biograph. So kommentiert er etwa die Mehrdeutigkeit einer Notiz, die sich auf Tannes unerwiderte Liebe zu Brors Zwillingsbruder Hans bezog: „Ob an diesen Spekulationen etwas Wahres ist, wird sich kaum verifizieren lassen, ebenso wie die äusseren Umstände rätselhaft bleiben, wie Tanne und Bror irgendwann im Laufe der nächsten Jahre zusammenfanden.“ Mehrmals fragt er sich auch, ob der Eindruck, den Fotos vermitteln, nicht etwa täuschen. „Lügen die Fotos? Vermutlich.“
Die grosse weite Welt lockte die beiden, der Zufall führte sie nach Ostafrika, wo die ersten Siedler neben bürokratischen Hürden auch mit dem unbeständigen Klima, Löwen, Elefanten, Ruhr. Cholera. Pythonschlangen sowie unzuverlässigen Arbeitskräften zu kämpfen hatten. „Kenias Hochland war ein Garten Eden. Doch in den Augen der Europäer waren die lokalen Stämme in der Steinzeit stehen geblieben. Umgekehrt hätte man genau so gut sagen können, die Afrikaner waren einem glücklichen Idealzustand sehr nahe. Es gab einen ungeheuren Überfluss an Früchten und Wildtieren, und es war so einfach, Gemüse zu ziehen; es bedurfte nur eines geringen Arbeitseinsatzes um sich selbst zu versorgen … sie hatten alles, was das Leben lebenswert werden liess.“ Nur eben: Dem britischen Imperialismus galt der zufriedene Afrikaner wenig. „Hier gab es die letzte grosse Fläche unbestellten Ackerlands auf der Welt.“ Und für Leute mit einem grossen Portemonnaie ungeahnte Möglichkeiten.
Die Löwin ist natürlich auch Zeit- und Sozialstudie. Afrika zog damals viele Abenteurer an und nicht alle waren von edlem Wesen. Im Gegensatz zu den meisten Siedlern, bekundeten Tanne, die Suaheli lernte, und Bror grosses Interesse an den Afrikanern. „Charakterlich stehen sie über uns“, so Tanne in einem Brief. Auch ist sie höchst angetan von den Mohammedanern. „Ich glaube nicht, dass es Menschen mit mehr Selbstbewusstsein, Ruhe, Mut und Würde gibt als die Mohammedaner …“.
Bror und Tanne führten ein abenteuerliches Leben. Manchmal die Orientierung zu verlieren, war das Eine; festzustellen, dass da, wo sie gezeltet hatten, in der Nacht Löwen zu Besuch kamen, das Andere. Zudem gab es auch unter den Expats, vor allem während des Ersten Weltkrieges Zwistigkeiten, die ihre Geschäfte behinderten. Dazu kamen persönliche Schicksalsschläge: Tannes Herzensfreundin Daisy, vielfältig suchtabhängig, nahm sich mit achtundzwanzig Jahren das Leben; Brors Zwillingsbruder Hans kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Abhängig von den finanziellen Zuwendungen von Tannes Onkel, ausgeliefert der Trockenheit und diversen Kündigungen – das Leben der beiden war alles andere als einfach. Dazu kamen Brors Affären, die ihre Ehe belasteten. Tanne fand Trost „in ihrer neuen Passion für den Islam und seine Schicksalsgläubigkeit.“ Scheiden lassen wollte sie sich nicht; ihre Privilegien war sie nicht bereit aufzugeben – selbst einen somalischen Diener nahm sie mit auf einen Besuch in Dänemark. Doch dann …
Tania Blixen ist durch ihr Memoir Jenseits von Afrika berühmt geworden. Allein wie Tom Buk-Swienty sich mit diesem Werk auseinandersetzt, lohnt die Lektüre dieser Biographie. „In dem Universum und vor allem der Selbstinszenierung, die das Buch in hohem Mass ist, gab es keinen Platz für eine komplizierte Scheidung von einem moralisch zweifelhaften Ehemann.“ Was für eine überzeugende Idee, denen, die darin nicht vorkommen, darunter Beryl Markham, nachzuspüren,.
Was mich speziell für diese ungeheure Fleissarbeit einnimmt, ist der Autors Fähigkeit, spannend zu erzählen und gleichzeitig seine vielfältigen Überlegungen zu einzelnen Vorkommnissen darzulegen. So fasst er etwa seine Ausführungen zur Frage, ob Tanne ein Verhältnis mit Baron Eric von Otter hatte, mit dem Satz zusammen: „Es konnte natürlich alles und nichts bedeuten.“
Tania Blixen war von einer mitunter schwer erträglichen Widersprüchlichkeit– affektierte Oberklassemanieren, Snobismus, kategorische Abscheu vor allem Bürgerlichen einerseits, die ungeheuren Summen, die sie vom Grossbürgertum erhielt andererseits – , die jedoch von ihrer herzlichen Mitmenschlichkeit, die ihren Führungsstil auf der Farm prägte, ergänzt wurde.
Die Löwin ist das Porträt einer neugierigen, eigensinnigen, standesbewussten, von den Werten der väterlichen Familie geprägten Frau. „Die Gesetze und Anordnungen der Weissen sind für die Schwarzen nicht geeignet …“, notierte sie einmal. Darüber hinaus bietet dieses eindrückliche Werk eine faszinierende Zeitreise, bei der man Afrika nicht nur sehen, sondern gleichsam spüren kann. „In dieser hohen Luft fiel das Atmen leicht, und man atmete eine wilde Hoffnung ein, als bekäme man Flügel. Wenn man im Hochland morgens erwachte, dachte man: Jetzt bin ich da, wo mein Platz ist“, so Tanne. Wer möchte da nicht sofort auch dahin? „Tania Blixen in Afrika“ heisst der Untertitel – dieses Buch ist auch eine Hommage an Afrika.
Fazit: Glänzend geschriebene Aufklärung vom Feinsten!
Tom Buk-Swienty
Die Löwin
Tania Blixen in Afrika
Penguin Verlag, München 2021

Der Himmel über Sargans am Morgen des 20. Oktober 2021
„Ich sitze auf einem schlichten Schalenstuhl aus Plastik einem Mann namens Jarvis Jay Masters gegenüber. Wir unterhalten uns über meine Idee, ein Buch über ihn zu schreiben, und ich möchte wissen, was er von ihr hält. Ich betone, dass ich, wenn ich mich wirklich darauf einlasse, nichts verheimlichen werde – weder seine guten noch seine schlechten Seiten.“ So leitet der Autor David Sheff dieses eindrückliche Dokument ein.
Jarvis Jay Masters sitzt wegen mehrerer Straftaten hinter Gittern, als ihm auch noch der Mord an einem Gefängniswärter, den er nicht begangen hat, angehängt wird. Er erhält Besuch von der Kriminalistin Melody Ermachild, die von der Verteidigung beauftragt worden ist, die Umstände, in denen er aufgewachsen ist, ausführlich zu dokumentieren. Sie regt ihn an, zu meditieren, teilt mit ihm die Anregungen ihres eigenen Meditationslehrers. „Wenn ihn Angst überkam und er sich an den Rat des Meditationslehrers erinnerte, dass Angst nichts als ein Gedanke sei und ihm nicht schaden könne, wurde sie schwächer.“
Er wird zum Tode verurteilt. Und so recht eigentlich, denkt es so in mir, sind wir alle zum Tode verurteilt. Im Gegensatz zu uns, die wir angesichts unseres Schicksal nichts tun bzw. im gewohnten Trott weitermachen, wird Jarvis aktiv. „Jarvis‘ selbst auferlegtes Training begann jeden Tag mit zwei Stunden Meditation, gefolgt von Körperübungen. Er notierte seine Fortschritte in einem Kalender, den er selbst gefertigt hatte: 400 Rumpfbeugen, 500 Liegestütze, 500 oder mehr Liegestützsprünge und das Ganze noch einmal. Danach lief er in seiner Zelle 520 Mal hin und her. Das ergab eine Meile. Anschliessend rannte er auf der Stelle …“.
Im Buch eines buddhistischen Lama liest er, dass sich im Tod der Körper vom Geist trenne und es daher wichtig sei, sich darauf vorzubereiten, damit man nicht „von einem grossen Wirbel der Angst, Orientierungslosigkeit und Verwirrung fortgerissen“ werde. Und er lernt, dass sowohl Angst wie auch Trauer „einzig und allein in Ihrem Geist“ existieren.
Er habe Glück, im Knast zu sein, schreibt ihm der Lama. Jarvis reagiert ungehalten, doch der Lama lässt sich nicht umstimmen, im Gegenteil. „Vielleicht sehen Sie es nicht, aber Ihr Glück besteht darin, an einem Ort zu sein, wo Sie das menschliche Leid so direkt erfahren. Dadurch können Sie verstehen lernen, dass alle lebenden Wesen einschliesslich Ihrer selbst bereits vollkommen sind. Lernen Sie, dies zu sehen!“
Erst wenn wir aus der Bahn geworfen werden, erst wenn die Dinge nicht so laufen wie wir es gewohnt sind, eröffnet sich die Möglichkeit einer Veränderung. Allmählich beginnt Jarvis zu realisieren, dass das Todesurteil, das seinen Tod bedeuten konnte, ihm das Leben geschenkt hatte.
Melody ermuntert ihn zu schreiben, seine Texte werden veröffentlicht, er lernt Pema Chödrön, eine buddhistische Nonne, kennen, die ihm klar macht, „dass man die Dinge, mit denen man zu kämpfen hatte, eben nicht hinter sich lassen sollte (…) dass Schmerz, Trauer und Verzweiflung nützlich seien, da man von ihnen lernen könne.“ Auch weist sie ihn darauf hin, dass es bei all den Geschichten, die wir uns erzählen, Pausen gibt, „und das ganz einfach deswegen, weil unser Geist so funktioniert.“ Diese Pause ist eine Chance, es gilt sie zu nutzen, „und sich zu sagen: ‚Jetzt bin ich wieder in dieser alten Geschichte.‘ Genau das ermöglicht es uns, diese loszulassen und sich wieder auf den Atem zu konzentrieren.“
Nicht nur bei der Meditation ist es wichtig, sich dieser Pausen gewahr zu werden – auch im Alltag ist es sinnvoll, immer mal wieder innezuhalten und sich die Zeit zu nehmen, um zu bedenken, was man eigentlich fühlt, denkt und tut. „Es gab nicht viel in seinem Leben, auf dass er einen Einfluss hatte, doch seinen Geist konnte er tatsächlich kontrollieren.“ Schwierig? Sowieso. Doch es lässt sich üben.
Jarvis Jay Masters‘ Geschichte, die David Sheff in diesem Buch erzählt, ist vor allem ein Lehrstück darüber, wie man in einer hoffnungslosen Lage nicht verzweifelt. Nicht in dem man hofft, sondern indem man sich grundsätzlich mit seinem Dasein auseinandersetzt. Es gilt nichts zu überwinden oder hinter sich zu lassen. Es gilt das Leben so hinzunehmen wie es ist – chaotisch, unbegreiflich, und staunenswert.
Gefangen und Frei ist ein überaus hilfreiches Buch.
David Sheff
Gefangen und Frei
Der Buddhist in der Todeszelle. Eine wahre Geschichte
O.W. Barth, München 2021

Sargans, am 16. Oktober 2021
Wir leben in ego-zentrischen Zeiten. Ehrfurcht ist dem modernen Mensch abhanden gekommen, nicht nur ist ihm alles selbstverständlich, er glaubt auch, auf so ziemlich alles ein Anrecht zuhaben. Und so trampelt er denn auch auf diesem Planeten herum, wie es ihm so passt. Nach mir die Sintflut, traut man sich zwar nicht zu sagen, doch so handelt man. Wie ist das nur möglich? Aus Ignoranz. Andererseits: Wir wissen doch, was wir dem Planeten Erde antun, uns ist doch klar, dass wir ihn zerstören. Sicher, doch wann hat Wissen schon geholfen? Ignoranz bedeute ja nicht die Abwesenheit von Wissen, sondern das Wissen zu ignorieren.
Ludwig Wittgenstein hat unterschieden zwischen sagen und zeigen. Und auch wenn „Von oben“ vieles sagt, beschreibt und erklärt, so macht erst das Zeigen, der Blick von Oben, die Wahrnehmung aus der Distanz, wirklich deutlich, „wie verwundbar unsere Erde ist, wie fragil die sie umgebende Lufthülle – und wie sehr wir Menschen auf unseren Heimatplaneten achtgeben müssen. Zu einem Gefühl der Demut kommt eine grosse Verantwortung. Was man dagegen nicht sieht, sind menschengemachte Grenzen, wirtschaftliche oder politische Machtblöcke“, so Esa-Astronaut Matthias Maurer im Geleitwort.
Worte können die Aufnahmen in diesem Band nur unzureichend beschreiben, man muss sie vor Augen haben, sich Zeit für sie nehmen und sie auf sich wirken zu lassen, um ihre Schönheit erfassen zu können. Und wie so oft bei Fotografien, muss einem erklärt werden, was man sieht. Etwa das Delta der Lena, das ich ohne erläuternden Begleittext wohl gar nicht hätte einordnen können (sind das vielleicht Blutgefässe?). Die Lena ist ein 4300 Kilometer langer Fluss, der dem Baikalsee in Sibirien, „dem erdgeschichtlich ältesten und tiefsten Süsswassersee des Planeten, in fast 1500 Metern Höhe“, entspringt.
Es handelt sich um Satellitenfotos, die in diesem Band versammelt sind. Und ich frage mich: Was ist eigentlich ein Satellit? Ein Flugkörper, der die Erde im Weltraum umkreist, lese ich in Wikipedia. Als technischer Ignorant wundert mich nicht wenig, dass es „künstliche Gerätschaften“ (was für ein Ausdruck!) gibt, die die Erde umkreisen und dann auch noch Bilder machen.
Doch nicht alle Aufnahmen in diesem Band sind von Satelliten aufgenommen worden. Das Bild vom April 2018, das die Stadt Genf und sein Umland aus gut 400 Kilometern Höhe zeigt, stammt nicht von , sondern aus einem Satelliten, aufgenommen mit einer Nikon D5 Digitalkamera und einem 1150-Milllimeter-Objektiv und zwar von einem Astronauten, dessen Name die Nasa jedoch nicht bekannt gibt.
„Von oben“ ist ein ausgesprochen instruktives Werk. So erfährt man etwa, dass über der Insel Hainan mit ihren palmengesäumten Stränden jeden Nachmittag ein weisser Wolkensturm schwebt, der sich innerhalb von Stunden zu einem Gewitter auswächst. Und man lernt, dass man auf Südgeorgien mit Britischem Pfund zahlt, denn diese Insel, die 1700 Kilometer vor der Küste Argentiniens liegt, ist Teil des britischen Überseegebiets. Gezeigt wird jedoch auch, was für Unheil der Mensch auf der Erde angerichtet hat.
Faszinierend, irritierend und verblüffend (in dieser Reihenfolge) präsentierten sich mir nicht wenige Aufnahmen in diesem Band. So glaubt man etwa bei der aus drei Bildern zusammengesetzten Aufnahme aus dem entwaldeten brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, abstrakte Kunst vor sich zu haben. Und die wenig lebensfreundliche Wüste Namibias wirkt wie ein Sandmeer; die dortigen Dünen („Die Längsdünen erheben sich etwa 100 Meter über den Boden.“), von denen ich einst einige überquerte, haben sich meinem Gedächtnis eingegraben.
„Die schönsten Geschichten, die Satellitenbilder über die Erde und uns Menschen erzählen“, heisst es im Untertitel und das ist so recht eigentlich das Einzige, das ich an diesem eindrucksvollen, Horizont-erweiternden Band nicht mag. Was für ein Unsinn! Als ob Fotografien, diese zweidimensionalen Reduktionen einer dreidimensionalen Wirklichkeit, die es überdies so an sich haben, stumm zu sein, Geschichten erzählen könnten! Metaphorisch?! Bitte Nicht! Mir genügt die Realität, es ist unnötig, sie mit sogenannter Bedeutung aufzuladen.
Nicht nur beim Betrachten des Rio Javari, der im Westen Brasiliens die Grenze zu Peru bildet, zeigt sich dem, der sich Zeit nimmt und zu schauen versteht, dass die „Realität und die Natur selbst die Künstlerin ist“, sondern auch beim den Aufnahmen des Wildflusses Vjosa, der zwar in Griechenland entspringt, jedoch hauptsächlich durch das Staatsgebiet Albaniens fliesst.
Nichts, das sich besser eignen würde, uns Ehrfurcht vor unserem Lebensraum zu lehren, als der Blick aus der Distanz. „Von oben“ ist ein grandioses Werk!
Jörg Römer und Christoph Seidler (Hg.)
Von oben
Die schönsten Geschichten, die Satellitenbilder über die Erde und uns Menschen erzählen
DVA, München 2021

Sargans, Bahnweg, am 17. Oktober 2021
So recht eigentlich interessieren mich Transsexualität und Genderthemen so ziemlich gar nicht, doch wenn Irene Dische darüber schreibt, dann gebe ich mir einen Ruck (und das ist selten genug). Diesem Buch ist übrigens ein Inhaltsverzeichnis beigegeben, dem Text nicht etwa voran, sondern nachgestellt. Warum? Rätseln sollen andere, mir ist nur aufgefallen, dass die meisten Kapitelüberschriften mit „Wie“ beginnen, von „Wie ich eine hohe Stelle bekleidete“ bis zu „Wie es ausging und weitergeht“ und das gefällt mir, denn ich lasse mir gerne die Welt erklären, jedenfalls von Leuten, die ein Talent dazu und auch etwas zu sagen haben.
Die Geschichte, die hier von Lea de Beaumont bzw. dem Chevalier d’Éon de Beaumont erzählt wird, ereignete sich vor zweihundertfünfzig Jahren. „In meiner Zeit und in meinem Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel. In den obersten Gesellschaftsschichten, am kultiviertesten Hof der Welt, kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf.“
Der Chevalier, ein Vertrauter des Königs, Louis XV, von Frankreich, wird zum Interimsbotschafter am Hof von St. James bestellt, wo er die Bekanntschaft des Gossenjournalisten Morande macht, einem brillanten Klatschmaul mit einer riesigen Leserschaft. Dann wird der Chevalier abgesetzt und vom König mit dem Tod bedroht. Doch ich will hier nicht die Handlung nacherzählen …
In London blühte das Wettgeschäft um die Frage, ob der Chevalier Mann oder Frau sei. Doch hat es den Chevalier d’Éon de Beaumont eigentlich gegeben oder ist er eine Erfindung der Autorin? Laut Wikipedia hat er wirklich existiert, von 1728 bis 1810. „Berühmt wurde der Chevalier d’Éon, weil er weite Teile seines Lebens als Frau lebte und erst eine Leichenschau die Zweifel über sein tatsächliches körperliches Geschlecht endgültig ausräumte.“ Irene Dische schildert diese Entdeckung weit eindrucksvoller.
Morande und d’Éon könnten gegensätzlicher kaum sein. „Mein Wahlbruder Morande kannte keine Selbstzweifel.“ Das bemerkt natürlich nur, wer selber genug davon hat, aber das für sich behält. Er werde in regelmässigen Abständen von Teufeln heimgesucht, so der Cheavlier. „Sie nahmen die Gestalt von Selbstzweifeln und Selbsthass an. Sie schlugen nur selten zu.“ Dann aber heftig. Und wie geht er damit um? „Ich hatte gelernt, diesen Teufeln zu entkommen, indem ich stillhielt und mich in einen gefühllosen Stein verwandelte. Kein Wort kam mir mehr über die Lippen. Tagelang blieb ich im Bett, bis die Teufel gelangweilt abzogen.“
So amüsant und elegant Irene Dische diese historische Figur auch entwickelt, ganz besonders angesprochen hat mich der „quasi-historische“ Blick auf die Aufgeregtheiten der heutigen Zeit, diesem „bauchnabelbeschaulichen Jahrhundert“, in dem „Falschsprechen“ mit schweren Strafen geahndet wird. Auch mit sexuellen Übergriffen scheint man damals ganz anders umgegangen zu sein als heutzutage, wo dem Täter das fast schon automatische An-den-Pranger-Stellen droht. Übrigens gebührt Irene Dische das Verdienst, diesen überaus originellen Epochen-Vergleich eingeführt zu haben. „In meiner Zeit kann man die Menschen schon allein an ihren Zähnen auseinanderhalten. In Ihrer Zeit sind alle Zähne gleich …“.
Auch vor zweihundertfünfzig Jahren hatte die öffentliche Meinung Gewicht und der Chevalier d’Éon wusste sehr wohl, bestens instruiert von Morande, sie für sich zu nutzen. Wunderbar, wie die Zeitschriften damals hiessen – wer würde nicht den Extraordinary Intelligencer lesen wollen! Und auch im politischen Leben galt bereits was heute noch so praktiziert wird. „Ein Mann in einer ranghohen Position wird nicht nach seinen Leistungen beurteilt, sondern nach seinen Leistungsberichten …“.
„Der Chevalier d’Éon, der erste Transvestit der Weltgeschichte (…) lebte den Wandel zwischen den Geschlechtern bereits vor zweihundert Jahren – mit Lust und entspannter Selbstverständlichkeit“, lese ich im Klappentext, der natürlich vor allem zum Buchkauf anregen soll, doch das, was in diesem Buch erzählt wird, leider etwas unter-komplex zusammenfasst, denn ganz so locker nahm der Chevalier sein Schicksal dann doch nicht, schliesslich waren ihm die Reaktionen seiner Mitmenschen nicht völlig egal. Und da er Diplomat ist, weiss er sich auch anzupassen. „Mein Gastgeber auf dem Lande. Er bevorzugt mich als Mann.“
Die militante Madonna ist neben einer gelungenen historischen Fantasie auch ein Plädoyer für die Akzeptanz der Dinge wie sie sind. „Die Natur hatte mir zugegebenermassen das grosszügige Geschenk gemacht, äusserlich beiden Geschlechtern anzugehören.“ Der Chevalier nimmt das nicht nur hin, sondern freut sich daran. Sich nicht für ein Geschlecht entscheiden zu müssen, erlaubt ihm alle Facetten seiner Persönlichkeit zu leben – das ist Freiheit.
Irene Dische
Die militante Madonna
Hoffmann und Campe, Hamburg 2021

Der Himmel über Sargans am 13. Oktober 2021, so gegen 16 Uhr.
„Die Hoffnung ist ein Fehler“ ist diesem Bandwurm ohne Punkt vorangestellt, dafür mit vielen Kommas, bei dem ich anfangs dachte, das kann ich unmöglich lesen, denkt denn dieser Autor nicht an den Leser (oder die Leserin)? Mehr als vierhundert Seiten am Stück! Eine Zumutung! Doch schon bald merkte ich, dass dieser Text einen Sog entfaltet, der einen mitzieht, sofern man sich das gefallen lässt – und das tue ich. Nicht zuletzt, weil „Die Hoffnung ist ein Fehler“ ganz nach meinem Geschmack ist. Siehe auch hier.
„Weltliteratur! Unbedingt lesen!“ wird Dennis Scheck von der Sendung Druckfrisch auf dem Umschlag zitiert. Na ja, der Mann sagt viel und weil er im Fernsehen auftritt, muss man ihn ja nicht unbedingt ernst nehmen. Jedenfalls halte ich Fernsehleute in Sachen Bücher nicht für zuständig und überhaupt zeigt sich doch erst nach einiger Zeit, ob etwas zur Weltliteratur taugt oder nicht. Und wenn dann der Verlag überdies behauptet, der Autor sei eine der wichtigsten Stimmen der Gegenwart (nach was für Kriterien bloss?), schliesse ich nur daraus, dass er vermutlich kaum gelesen wird – möge dieses höchst faszinierende Buch dazu beitragen, dass das nicht so bleibt!
Florian Herbst, riesig, schwer, scheu und gehemmt, ein veritabler Goliath. arbeitet im thüringischen Kana für eine Reinugungsfirma, die von einem Nazi geleitet wird, der ihm nahelegt, sich der Nazigruppe im Ort anzuschliessen. Doch Florian will nicht; er zieht es vor, den Ausführungen des Herrn Köhler zur Quantenphysik zu lauschen, obwohl ihn die Welt der Elementarteilchen beunruhigt, denn da „entsteht nichts, und es vergeht nichts“, ja so recht eigentlich ist da gar nichts, und davon muss er unbedingt der Kanzlerin berichten – und so schreibt er einen Brief an Angela Merkel.
Als er keine Antwort erhält, schreibt er einen zweiten Brief. Anschliessend fragt er sich, ob es wirklich Sinn gemacht habe, zu erwähnen, „dass die Relativität von Raum und Zeit und den sogenannten Ereignissen früher oder später zum sicheren Verschwinden der Wirklichkeit führt.“ Wie auch immer, etwas Ungutes wird eintreten, und zwar unangekündigt, da ist sich Florian gewiss, schliesslich war auch der Urknall ohne Ankündigung eingetreten. Frau Merkel muss davon wissen, denn die ist Physikerin, die wird ihn verstehen.
Florian fährt nach Berlin, dem Sicherheitsmann vor dem Kanzleramt erklärt er, er sei Herscht 07769, womit er sagen wolle, „dass er aus dem thüringischen Kana komme, das sei aber nur eine Ortsbestimmung, denn andererseits komme er aus der Teilchenphysik, direkt von da“, doch wer eine andere Wahrheit vertritt, als die allgemein akzeptierte, auch wenn sie, wie man heute sagt, „Evidenz-basiert“ ist, wird für durchgeknallt gehalten und so verweist ihn der Sicherheitsbeamte auf die Buden am Rande des Parks, „Sie können da etwas Kaltes trinken, und solange Sie trinken, erkundige ich mich, wo Sie die Kanzlerin finden, in Ordnung?“.
Der Boss der Reinigungs- und Nazitruppe glaubt nicht nur, dass der reine Deutsche über körperliche Kräfte verfügen muss, er weiss auch alles über Bach. Dann wird das Bach-Stammhaus mit Graffiti verschmiert, die Truppe wird aktiv, stellt an den Bach-Wallfahrtsorten Wachtposten auf. Florian, kein Mann mit Rückgrat, macht widerstandslos mit; überhaupt lässt er sich vom Boss einiges gefallen, auch dass er ihm ab und zu eine knallt. „… der Boss war nicht zu verstehen, so erklärte er Frau Ringer und verteidigte ihn, er habe innerlich ein sehr, aber sehr impulsives Leben, und seine Worte verraten nicht, was gerade in ihm vorgehe, doch Frau Ringer machte ein Gesicht wie immer, wenn Florian den Boss erwähnte …“.
Dann verschwindet Herr Köhler und Florian denkt, das müsse mit ihm zu tun haben, doch die Polizeibeamten, die ihn aufsuchen, wollen nur den Verfasser der Merkel-Briefe überprüfen, der, weil die Welt aus einem Zufall entstanden ist, befürchtet, sie könne sich auch durch einen Zufall auflösen. Seiner Meinung nach müssen wir (und vor allem auch Frau Merkel) verstehen, dass wir in der Apokalypse leben.
Florian Herschts Bach-Roman ist clever, hoch differenziert und witzig. Da üben etwa die Kanaer Symphoniker auch „das Erste Brandenburgische, hörten aber nach einer Weile auf, weil es nicht ging, dann nahmen sie sich das Zweite Brandenburgische vor, doch auch das ging nicht, auch damit hörten sie auf, jetzt gerade waren sie seit Monaten beim Andante des Vierten Brandenburgischen,aber auch das wollte nicht wirklich was werden …“. Florian ist überwältigt von Bach, der für ihn und den Boss „das Geheimnis des Lebens“ ist. Und natürlich greife ich unverzüglich zu den Goldberg Variationen … und glaube zu verstehen, was Florian meint, wenn es so in ihm denkt, die „Botschaften, so nannte er die Töne und das Zusammenklingen der Töne (…) dass die Botschaften gar keine Bedeutung hatten, sie waren in sich schön, in sich wunderbar, ihre Botschaft war, dass sie einfach da waren, sie liessen sich nicht übersetzen, und man musste sie auch nicht übersetzen, weil sie nichts mitteilten, sondern bloss das waren, was sie waren …“. Wie sagte doch Osho einmal: Life is not a problem to be solved, but a miracle to be experienced.
Ich finde es überaus eindrücklich, wie László Krasznahorkai die Komplexität der Welt abbildet, 400 Seiten als Endlossatz, wo alles ohne Unterbruch ineinander übergeht – genau wie sich die Gedanken im Kopf auch im richtigen Leben verhalten. Ein sehr gelungenes Werk, doch anstrengend zum Lesen. Nicht des endlosen Monologs (den kennt man ja so in etwa vom eigenen Gehirn, obwohl man ihn selten bewusst wahrnimmt), sondern des Schriftbildes wegen – eine Bleiwüste vor den Augen ist nun mal schwer zu ertragen; von den gelegentlichen Zwischentiteln hätte es eindeutig mehr geben dürfen.
Fazit: Eine hellsichtige Komposition der gelebten und der selten wahrgenommenen Wirklichkeit.
László Krasznahorkai
Herscht 07769
Florian Herschts Bach-Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021