Sahra Wagenknecht: Die Selbstgerechten

Sahra Wagenknecht gehört zu wenigen Politikerinnen (Männer eingeschlossen), die ich ertrage, da ich mich von ihr nicht intellektuell beleidigt fühle (die meisten überbieten sich darin, sich anzubiedern, der Mehrheit nach dem Mund zu reden).

Dieses Buch, schreibt sie im Vorwort, ist „ein ausdrückliches Plädoyer für eine liberale, tolerante Linke anstelle jener illiberalen Denkströmung, die heute für viele das Label links besetzt.“ Die cancel culture sei an die Stelle einer fairen Auseinandersetzung getreten, behauptet sie und hat zweifellos Recht damit. Und dann zitiert sie Dantes Göttliche Komödie, wo „für diejenigen, die sich in Zeiten des Umbruchs ‚heraushalten‘, für die ‚Lauen‘, die unterste Stelle in der Hölle reserviert“ ist. Schon klar, ohne Selbstrechtfertigungen kommen wir alle nicht aus. Mir hingegen steht Paul Valéry näher: „Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.“

Doch zum Buch: Unter dem überaus treffenden Titel „Moralisten ohne Mitgefühl“ stosse ich auf Ausführungen, die mich eine Reise in meine Jugend machen liessen, wo klar war, dass links zu sein bedeutete, für die Unterprivilegierten Partei zu nehmen und das gesellschaftliche Kernproblem die ungleiche Verteilung der Vermögen war. Heute hingegen verbinde ich mit links nichts als freudlose Rechthaberei, betrieben von selbstbezogenen Deppen (und Deppinnen), die sich über Fragen des sprachlichen Ausdrucks definieren.

Ich fand ja schon „Menschen mit Migrationshintergrund“ ziemlich bemüht, doch das neuerdings vom Berliner Senat eingeführte „Menschen mit internationaler Geschichte“ (Auslandsaufenthalt miteingerechnet?) übertrifft sogar mein (nicht unbeträchtliches) Vorstellungsvermögen. Mich erinnerte das auch an Norbert von Mecklenburgs Beispiel vom „berühmten ‚Seehundbaby Gottes‘ als zielkulturgerechtem Übersetzungsvorschlag für das ‚Lamm Gottes‘ in einer Bibel für Eskimos.“

Klar und differenziert beschreibt Sahra Wagenknecht in „Die gespaltene Gesellschaft und ihre Freunde“ das gesellschaftliche und politische Klima unserer Zeit. Ich wähnte mich oft im falschen Film und dachte immer wieder, absurder geht kaum, doch: „ … wächst die Zahl der Denkgebote und Benimmregeln in einem Tempo, bei dem Normalbürger – also Leute, die sich tagsüber mit anderen Dingen als mit diskursiver Awareness beschäftigen – keine Chance haben mitzuhalten.“ Mich lässt nur schon das Zur-Kenntnis-Nehmen dieses Irrsinns ziemlich erschöpft zurück. Soll ich mich wirklich mit solchen Fragen beschäftigen, mir also von Interessensgruppen mit 15 Mitgliedern Themen aufzwingen lassen, die mir meine Lebenszeit stehlen?

Wer in der Politik tätig ist, kommt scheinbar gar nicht drumherum, sich mit allerlei Schwachsinn auseinanderzusetzen. Sahra Wagenknecht tut es auf der Basis von Grundwerten wie Empathie, Anstand und common sense (der leider alles andere als common ist) sowie der Fähigkeit, Relevantes von gänzlich Irrelevantem zu unterscheiden. So notiert sie etwa, dass der einstigen CDU-Vorsitzenden Kramp-Karrenbauer ein misslungener Karnevalsscherz über Unisex-Toiletten schadete, dass sie die Rüstungsausgaben (ganz im Sinne der Amerikaner) kräftig erhöhte, hingegen nicht. Am Rande: Ich teile beileibe nicht alle Einschätzungen der Autorin – so habe ich Null-Verständnis für Anti-Corona-Demonstrationen, aus welchen Gründen auch immer, denn die in einer Pandemie erforderlichen Massnahmen (Distanz, Maske, Hygiene) können so nicht gewährleistet werden. Mit einem Virus lässt sich nun mal nicht verhandeln.

Die Selbstgerechten bietet eine hellsichtige Analyse des gegenwärtigen politischen Geschehens – und natürlich fehlt auch der Blick auf die Geschichte nicht – und ist darüber hinaus ein überzeugendes Plädoyer gegen den entfesselten Kapitalismus, die eitle Nabelschau und für Mitmenschlichkeit. Den Nationalstaat („die einzige Instanz, die gegenwärtig in nennenswertem Umfang Marktergebnisse korrigiert, Einkommen umverteilt und soziale Absicherungen bereitstellt.“) sieht sie positiv, wirtschaftliche Zusammenarbeit und eine internationale Sicherheitsarchitektur befürwortet sie. Dass sie das Schweizer Wir-Gefühl auf die geringe Grösse des Landes und die starken partizipatorischen Elemente der Schweizer Demokratie zurückführt, halte ich hingegen nur für bedingt zutreffend; es ist meines Erachtens vor allem das Geld, welches das Land zusammenhält.

Die Selbstgerechten ist das Buch einer engagierten Politikerin, die sich für traditionelle Werte (klar doch, sie sieht sie durchaus differenziert) stark macht und sich von der Sehnsucht der Menschen nach Stabilität und Vertrautheit leiten lässt. Nur eben: Es gibt keine Stabilität, denn ausser dem Tod ist alles im Leben unsicher. Corona hat uns (zumindest einigen) dies wieder einmal bewusst gemacht. Es wäre vermutlich dem Menschen zuträglicher, er würde lernen, mit der Unsicherheit zu leben anstatt sich ständig um Sicherheit zu bemühen. Zugegeben, das ist eine andere Geschichte.

Gefallen hat mir insbesondere, dass ich immer wieder auf Sätze und Halbsätze stiess, meist Spitzen gegen Leute, deren Ideologie Sahra Wagenknecht nicht fremder sein könnte, die mich auf Wesentliches aufmerksam machten. Etwa, dass Bill Clinton (der Gatte der „Wall-Street-Kandidatin Hillary Clinton“) den Sozialhilfebezug auf lebenslang fünf Jahre begrenzte. Oder dass die deutsche Flüchtlingspolitik „mit enormem Aufwand den 10 Prozent der am wenigsten bedürftigen Flüchtlinge hilft.“ Oder dass Donald Trump „das Produkt der ohnmächtigen Wut über eine von der Wallstreet korrumpierte Politik“ war. „Die westlichen Demokratien funktionieren nicht mehr“, so ihr Befund.

Es gibt kaum ein gesellschaftspolitisches Thema, das Sahra Wagenknecht nicht behandelt. Überaus verdienstvoll ist, dass sie den gängigen Narrativ-Mantras wie Leistungsgesellschaft und innovativer Kapitalismus die Wirklichkeit entgegenhält. Enttäuschend fand ich hingegen, dass sie für einen funktionierenden Wettbewerb plädiert, denn Wettbewerb bedeutet zwangsläufig Gewinner und Verlierer – und das ist die Impuls-geleitete Weltsicht des Florida-Golfers.

Auch die Digitalisierung kommt zur Sprache, die üblichen Stimmen werden zitiert, unter ihnen Jaron Lanier, der behauptet, „Facebook und Co. gehe es um ‚die Entwicklung von suchterzeugenden und manipulativen Netzwerkdiensten‘.“ Ich kann kann mir nicht vorstellen, dass jemand daran zweifelt. Doch das Problem ist nicht Facebook und Co., das Problem ist, dass unsere ganze Gesellschaft auf Sucht aufbaut. Mehr-Mehr-Mehr, nie genug kriegen, das ist Sucht. Und diese ist der Motor unseres Wirtschaftssystems. Doch das wäre ein anderes Buch.

Fazit: Informativ, aufklärend und inspirierend.

Sahra Wagenknecht
Die Selbstgerechten
Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenarbeit
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2021

Mark Twain: Unterwegs mit den Arglosen

Bei diesem edel gestalteten Band (im Schuber) handelt es sich um die, wie der Untertitel verheisst, „Originalreportagen aus Europa und den Heiligen Land“ aus dem Jahre 1867. Schon die Vorbemerkung  von Alexander Pechmann ist ein Genuss und was dann folgt erst recht. Erste Station sind die Azoren. „Niemand kommt hierher, und niemand geht fort.“ Von den dort ansässigen Portugiesen hält sich Mark Twains Achtung in Grenzen. „Der fromme portugiesische Katholik bekreuzigt sich und betet zu Gott, er möge ihn beschützen vor jedem blasphemischen Verlangen, mehr zu wissen als sein Vater.“

Von Gibraltar und Tanger berichtet er. Und natürlich von seinen Mitreisenden, von denen ihm (und allen anderen) eine oder zwei Personen ständig auf die Nerven gehen. Von der Mauren erzählt er, dass diese nicht viel von England, Frankreich und Amerika halten, das „deren Repräsentanten sich mir einer umständlichen Bürokratie herumschlagen müssen, ehe man ihnen die üblichen Rechte einräumt oder ihnen gar eine Gunst gewährt. Doch stellt ein spanischer Minister eine Forderung, wird diese sogleich erfüllt, ob sie nun gerechtfertigt ist oder nicht.“

Irgendwo habe ich einmal gelesen, Mark Twain hätte bei dem, was er äusserte, durchaus auch auf den Zeitgeist Rücksicht genommen, also nicht einfach so hingeschrieben, was ihm durch den Kopf gegangen ist. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, müssen damals andere Vorstellungen vom politischer Korrektheit geherrscht haben als heute. „Ich konnte die Gesichter einiger maurischer Frauen kurz sehen (denn sie sind nur menschlich und lassen ihr Antlitz von einem Christenhund bewundern, wenn kein Mann in der Nähe ist), und ich verneige mich vor der Weisheit, die sie veranlasst, etwas so abgrundtief Hässliches zu verbergen.“

Versailles, wo er auf Reihen aus Waldbäumen trifft, die alle dieselbe Dicke und Höhe haben, begeistert ihn, der Bois de Boulogne, der nicht nur von ihm, sondern gleichzeitig von „rund 30 000 anderen Reisegruppen“ besucht wurde, entschieden weniger. Doch er sieht auch Napoleon III., über den er konstatiert: „In Fleisch und Blut wirkt er wie eine bedeutender Mann – auf den Porträts hingegen wie ein niemand.“ Das ist nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, weil es ja oft gerade umgekehrt ist.

In Genua will er sein Lager aufschlagen, weil er anderswo noch nie schönere Frauen gesehen hat. „Ich begreife nicht, wie ein Mann von durchschnittlicher Willenskraft hier heiraten kann, denn bevor er seiner Sache sicher ist, hat er sich sicherlich schon in eine andere Frau verliebt.“ Eine anzusprechen fehlt ihm jedoch der Mut, er ist zu anständig. „Anstand hat mich seit jeher daran gehindert, im Leben weiterzukommen, und so wird es wohl immer sein.“ Es sind vor allem solch einfache und bestechende Einsichten, die mir die Twain-Lektüre wertvoll machen: Erfolg und Anstand gehen selten zusammen einher.

Odessa sehe genauso aus wie eine amerikanische Stadt, notiert er. Und unterstreicht seine Beobachtung auch damit: „Aus dem Reiseführer erfuhren wir, dass es in Odessa keine Sehenswürdigkeiten gab, und freuten uns darüber.“ Von Smyrna (dem heutigen Izmir) schreibt er, die Stadt gleiche allen anderen orientalischen Städten, womit er meint:  „Die Häuser der Moslems sind folglich wuchtig und dunkel und ebenso unbequem wie Gräber. Die Strassen sind krumm, schlampig und grob gepflastert und so schmal wie eine durchschnittliche Treppe; sie führen den Spaziergänger unweigerlich an einen anderen Ort als den, den er erreichen möchte, und sorgen für eine Überraschung, indem sie ihn dort absetzen, wo er es am wenigsten erwartet hat.“

Kein Zweifel, Mark Twain hat klare Ansichten und hält damit nicht zurück, Das ist, wie wir alle wissen, nicht immer ein Vorteil (man denke an all die Trottel, die zwar Meinungen haben, denen jedoch das vorgängige Beobachten und Denken fehlt), in seinem Fall ist das eindeutig zu begrüssen, da er nicht nur über Verstand, sondern auch voller Widersprüche ist (was bekanntlich menschlich macht).

Wie viel Ironie bei diesen Schilderungen jeweils dabei ist, vermag ich nicht zu sagen, doch Sätze wie diese beschreiben Amerikaner so wie sie auch heutzutage an vielen Orten der Welt auftreten und wahrgenommen werden. „Überall starrten uns die Menschen an, und wir starrten zurück. Wir gaben ihnen auch meist das Gefühl, unbedeutend zu sein, ehe wir mit ihnen fertig waren, denn wir blickten mit amerikanischer Grösse auf sie herab, bis wir sie zurecht gestutzt hatten. Und doch fanden wir Gefallen an den Sitten und Gebräuchen und besonders an den Moden der verschiedenen von uns besuchten Völker.“

Unterwegs mit den Arglosen  ist auch eine Anleitung zum intelligenten Reisen, jedenfalls verstehe ich etwa diesen Hinweis so, der dafür plädiert, sich Zeit zu nehmen. „Man merkt erst wie wunderschön eine wunderschöne Frau ist, nachdem man sie kennengelernt hat; und die Regel gilt für die Niagarafälle, majestätische Berge und Moscheen – besonders für Moscheen.“

Fazit: Scharfsinnig, witzig und unterhaltsam.

Mark Twain
Unterwegs mit den Arglosen
mareverlag, Hamburg 2021

Sergej Lebedew: Das perfekte Gift

Der ehemalige Geheimdienstagent Wyrin „hatte dem System treuer gedient als andere. Und er war mehr als andere erschrocken, als der Zerfall des Landes einsetzte und es schien, dass nach ihm auch das System zerbräche.“ Seitdem waren drei Jahrzehnte vergangen, er hatte unter Zuhilfenahme der plastischen Chirurgie eine neue Identität angenommen. Rational gesehen fühlte er sich recht sicher, wer sollte sich auch dafür interessieren, was vor so vielen Jahren während ganz anderer Verhältnisse geschehen war.

Automatisch gehen einem die Vergiftungen bzw. Ermordungen ehemaliger russischer Agenten in England und Berlin durch den Kopf. Und fast gleichzeitig die Machenschaften der CIA in Chile und Guatemala. Realpolitik war noch nie etwas anderes als Entweder man ist für uns oder gegen uns. „… der Staat ist immer ein Zyklop, sein Sehvermögen monokular und eingeschränkt. Er erkennt nur die Wasserzeichen von Loyalität und Illoyalität,“

Wyrin fällt einem Giftanschlag zum Opfer, ausgeführt mit dem Stoff „Debütant“, für den der Chemiker Kalitin verantwortlich zeichnet. Wie der Autor das Heranwachsen des jungen, von seinem Onkel Igor geförderten, Kalitin schildert, lässt einen vor Ort mit dabei wähnen. Insbesondere die Atmosphäre der Geheimen und Geheim-zu-Haltenden ist exzellent dargestellt.

Das perfekte Gift erzählt von der jüngsten Vergangenheit der ehemaligen und sich auflösenden Sowjetunion, als die Angst regierte und die im ständigen Machtgerangel Unterlegenen von einem Tag auf den andern verschwanden. „Die Angst wurde eine Beigabe aller Speisen, zum Schatten aller Gefühle, zum Echo aller Geräusche. Die Angst nahm der Welt die Umfriedung, die Stützen, stahl ihr das gewohnte Gefühl des Gleichgewichts, entriss ihr die Leichtigkeit.“Dabei gelte es zu bedenken, so Swetlana Alexijewitsch, dass Sergej Lebedew nicht über die Vergangenheit schreibe, denn „das hier ist unsere Gegenwart.“

Als die Partei Perestroika und Glasnost verkündete, glaubten Leute wie Kalitin ihre Giftlabore würden davon nicht betroffen sein. Dann wird Kalitin krank, die lebensrettenden Medikamente gab es in seinem Land nicht. Er flieht. Oberstleutnant Scherschnjow, der noch nie geglaubt hatte, „dass man jemanden besser versteht, wenn man seine Kindheit und Jugend kennt“, soll ihn finden. Begleitet wird er von dem fünf Jahre jüngeren Major Grebenjuk.

Wie Sergej Lebedew diese Operation sowie die „grenzenlose Fähigkeit ihrer Behörde, andere einzuschüchtern, zu brechen, zu durchleuchten. Die absolute Wahrheit herauszufinden, wenn nötig“ schildert, ist höchst beeindruckend. Auch dass sie zu zweit unterwegs sind, hat System, denn „jeder musste danach einen Bericht über das Verhalten des anderen schreiben.“

Jedes Unterdrückungsregime operiert mit Angst. Hervorragend gelingt dem Autor, die fast mit Händen zu greifende Paranoia zu beschreiben, die sich jederzeit und all überall einstellen kann. Sei es durch aussergewöhnliche, nervöse Kinder, die über einen siebten Sinn zu verfügen scheinen; sei es durch eine Zollbeamtin, die wittert, was ihren männlichen Kollegen zu entgehen scheint.

Katilin lebt nun in einem Haus auf einer Anhöhe und denkt über sein Leben nach. „Er war zum Todesforscher geworden, hatte untersucht wie Menschen starben, wie der Prozess chemisch und physiologisch ablief.“ Er glaubte, das perfekte Gift gefunden zu haben, bis er auf einen Priester stösst, der ihn eines Besseren belehrt …

Fazit: Spannend, sehr dicht und furchteinflössend.

Sergej Lebedew
Das perfekte Gift
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

James Douglas: Der Fall Amos

James Douglas zu lesen bedeutet nicht nur, sich nicht zu langweilen, es bedeutet, sich bestens zu unterhalten. Dies jedenfalls meine bisherige Erfahrung mit seinen Büchern. Diesmal hat er sich wiederum einiges vorgenommen (wobei: das ist bei ihm so recht eigentlich immer so): „Ein Heilmittel gegen Covid-19, genetisch veränderte Mikroben, verschiedene Mafia-Organisationen. die CIA – und mittendrin zwei Schweizer Ermittler der Militärjustiz.“

Der Autor war selber Oberstleutnant der Schweizer Armee, verfügt also über militärisches Wissen. Es ist demnach anzunehmen, dass ein Fall Amos durchaus möglich wäre. Etwas weniger wahrscheinlich sind jedoch moderne Helden wie Major Michael Cooper und Hauptmann Laura Winter, eine Art schweizerisches James Bond Team, denen Fähigkeiten und Kompetenzen eignen, die man in der realen Schweizer Armee wohl kaum findet. Andererseits: Ich habe die Schweizer Armee zwar noch nie ernst genommen, doch dann klärte mich ein amerikanischer Militärberater über die Professionalität der Schweizer Luftwaffe auf – zuerst schwieg ich beschämt, dann fühlte ich mich etwas stolz.

Worum geht’s? Jens Amos, als Armeebiologe und Virologe mit brisanten Geheimnissen vertraut, ist verschwunden. Und er hat Virenproben und Sequenzierungsdaten aus dem Virenforschungsinstitut mitgehen lassen. Cooper und Winter machen sich auf seine Spur. Ihre Vorgesetzten sind wie üblich damit ausgelastet, nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. „Brigadegeneral Vonkeck sagte: ‚Was Sie jetzt sehen werden, ist geheim.‘ Cooper war sicher, dass der Mann diesen Satz jeden Morgen vor dem Spiegel einübte.“ Der Fall Amos ist auch ein witziges Buch.

Amos wird in Neapel gesichtet, wo die Camorra herrscht und Laura Winter im Osten der Stadt ein Airbnb für fünfzig Euro pro Nacht gefunden hat. „Wahrscheinlich neben der Mülldeponie, dachte Cooper.“ Manchmal liest sich dieser Thriller auch absurd-komisch: Als Cooper und Winter sich auf Initiative von ihr kurz näherkommen, sie jedoch einen Rückzieher macht, geht Cooper durch den Kopf: „… war er sehr froh, dass er heute Abend nicht seiner Lust nachgegeben hat.“ Nun ja, es war umgekehrt, Laura Winter hatte ihrer Lust nicht nachgegeben. Eine gelungenere Macho-Beschreibung geht kaum.

Der von Michael Coopers Vater, Ken Cooper, vor Jahren in Zürich gegründete Shop, der das Ziel verfolgt, die Sicherheitsbedürfnisse von Organisationen, Privaten oder Regierungen abzudecken, orientiert sich strikt an Fakten: Nicht nur entwendete Amos die Sequenzierung eines SARS-Virus, er nahm auch den Immunwirkstoff Xaurum, ein Mycobakterium, mit. „Amos könnte ein Interesse haben, dass die Ausrottung des Virus scheitert“, so Michael Cooper. „Dann hofft er, dass alle nach seinem Wirkstoff schreien, um es zu stoppen. Das Geschäft seines Lebens. Aber ich denke. Er braucht eine schlagkräftige Vertriebsorganisation.“ Die Camorra? Eine Fiktion, gewiss, doch vor allem eine spannende und anregende.

Es gibt bekanntlich verschiedene Theorien wie Covid-19 in die Welt kam. Und auch wenn das möglicherweise nie definitiv geklärt werden kann (unsere Ursache-Wirkung-Erklärungen sind oft nicht viel mehr als eine Gewohnheit zu denken), dass einige von der Pandemie zu profitieren trachten, erstaunt nicht (fehlerhafte Masken, Impfstoff mit falschen Etiketten etc.), hat man uns doch beigebracht, dass jeder sich selbst der nächste ist und nichts besser bezahlt wird als Egoismus

Am Rande: Ab und zu wird ein va bene oder ein Grazie eingestreut (eine eigenartige Marotte vieler Thrillerautoren, bei Nordamerikanern geht es selten ohne Hasta la vista ), doch sollte man, wenn man das schon tut, es auch richtig tun. Occupado (auf Seite 97) sollte Occupato heissen.

Dann geht es weiter in den Kosovo, wo sich Jens Amos in einem ehemaligen UCK-Stützpunkt verschanzt hat, wo er eine Forschungsanlage betreibt und Cooper und Winter gefangengenommen werden … mehr soll nicht verraten werden. Nur so viel: Da verfolgen viele ganz unterschiedliche Interessen, die Komplexität des Einfluss- und Machtgerangels kommt nicht zu kurz.

Wie jeder Thriller, so bietet auch Der Fall Amos dem Autor Gelegenheit auf Phänomene pointierter aufmerksam zu machen als dies die Massenmedien gemeinhin tun. Etwa darauf, „dass Mut und Entschlossenheit von Männern im Lauf der Zeit unter den Verdacht geraten waren, für das Böse in der Welt verantwortlich zu sein.“ Oder dass Pädophilie ein weithin unterschätztes Problem ist. Oder dass Geldgier auch Schweizer Bundesbeamte zu korruptem Verhalten verleitet.

Fazit: Ein rasanter Page-Turner, packend und lehrreich.

PS: Wie auch alle andern Thriller von James Douglas, der sich stets aktueller Themen annimmt und diese auf dem Hintergrund von Sicherheitsfragen behandelt (nach nichts giert der Mensch bekanntlich mehr als nach Sicherheit), eignet sich auch dieser bestens, verfilmt zu werden.

James Douglas
Der Fall Amos
Langen Müller Verlag, München 2021

John Mair: Es gibt keine Wiederkehr

Der Journalist Desmond Thane lernt „zu Beginn des Krieges, als man Fremde noch ansprechen konnte, ohne mit Argwohn betrachtet oder als Trunkenbold abgetan zu werden“, Anna Raven kennen. „Sie war stark. Sie war ungewöhnlich. Sie zog ihn an.“ Wie der Autor die beiden charakterisiert, zeugt von Intelligenz und Lebenserfahrung.„Seiner Eitelkeit zum Trotz war er klüger als die meisten Leute glaubten (wenn auch weniger klug, als er selbst annahm) …“.

Die Beziehung der beiden ist höchst ungewöhnlich; sie gibt sich reserviert, findet ihn zimperlich; er misstraut ihr, ist eifersüchtig und beginnt sie zu hassen. „Kurzum, er war von ihr besessen, er verabscheute sie und brauchte sie, so wie der Süchtige seine Droge braucht.“ Schliesslich bringt er sie in ihrem Apartment um.

Dann stellt sich heraus, dass Anna Raven für eine internationale Geheimorganisation tätig war, die nun Desmond Thane im Visier hat. Dieser hat eine Kontaktliste sowie Bargeld mitgenommen; die Geheimorganisation fragt sich, ob die Gestapo oder der britische Geheimdienst dahinterstecken könnte. Thane soll überwacht werden, von einem Iren namens O’Brien, der anscheinend dumm ist. „Wenn er dumm ist, was nützt er dann?“ „Ein dummer Beobachter ist oft am besten, da er einfach nur berichtet, was er gesehen hat. Und er ist vertrauenswürdiger als ein kluger Mann.“ Schreibt ein offensichtlich kluger Mann.

In der Folge wird Desmond Thane entführt. Zuerst glaubt er sich in den Händen der Polizei, doch als er merkt, dass dies nicht der Fall ist, ist er erleichtert, „denn entgegen dem verbreiteten Klischee wirkt das Unbekannte weniger bedrohlich als das Bekannte. Ein verurteilter Mörder dürfte demnach ein gewisses Vergnügen empfinden, falls Marsbewohner ihn in seiner Zelle heimsuchen sollten.“ Ich mag Bücher, die mich die Dinge etwas anders sehen lassen – auch wenn ich ihnen nicht unbedingt zustimme. Bei Polit-Thrillern ist der Erkenntniswert eher selten; Es gibt keine Wiederkehr ist eine positive Überraschung.

Es gibt keine Wiederkehr ist ein höchst unterhaltsames und auch witziges Werk. „Während er auf den Zug wartete, studierte er amüsiert die Anweisungen der London North Eastern Railway: Wer hier mit einem ‚unangemessenen Fahrzeug‘ unterwegs war (vermutlich in einer Muschel mit vergoldeter Oberfläche, auf der unangebrachterweise mythologische Figuren posierten), hatte mit einer Strafgebühr von 20 Pfund zu rechnen; für den Pauschalbetrag von 15 Pfund dagegen durfte man wahrscheinlich ohne Fahrkarte reisen, betrunken die Mitreisenden beleidigen, sich entblössen und die Tische mit Stoffen bedecken, die man von der Auskleidung der Waggons heruntergerissen hatte.“

John Mair ist nicht nur ein glänzender Beobachter, hat nicht nur einen scharfen Verstand, sondern macht mich auch oft laut heraus lachen – was bei einem Thriller höchst selten geschieht (im Moment fällt mir nur Eric Amblers Ungewöhnliche Gefahr) ein. „Wie Desmond es vorausgesehen hatte, war das Postamt – das gemäss dem liberalen Dogma, wonach privater Nutzen das Allgemeinwohl befördert, den Versand von Briefen mit dem Verkauf von Lebensmitteln kombinierte – bei seiner Ankunft in Missenden bereits geschlossen …“.

In seinem vielfältig informativen Nachwort beschreibt Herausgeber Martin Compart (Wozu braucht ein Polit-Thriller eigentlich einen Herausgeber?) Desmond Thane als Antihelden und erwähnt dabei auch, dass Julian Symons festgestellt habe, „dass Mair einige Merkmale seiner eigenen egozentrischen Persönlichkeit hat einfliessen lassen.“ Kein Wunder, man kann schliesslich nur darüber schreiben, was man kennt und da man kaum jemanden besser kennt als sich selbst, ist naheliegend, dass man sich meist selbst beschreibt. Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind, heisst es im Talmud. Auch Martin Compart kommt zum Schluss, „dass Mair in Thane auch ein Selbstporträt anlegte“, ein wenig erfreuliches, für meinen Geschmack, das beim Leser jedoch trotzdem Empathie erzeuge. Bei mir nicht.

Verdienstvoll ist insbesondere der Hinweis auf George Orwells Rezension im New Statesman, die schön zusammenfasst, was diesen Thriller von anderen unterscheidet: „sämtliche Verbrechen bleiben ungesühnt, nirgend ist eine schöne Jungfrau zu retten, und niemand handelt aus Patriotismus.“

Fazit: Reich an überraschenden Wendungen, cleveren Beobachtungen und originellen philosophischen Einsichten.

John Mair
Es gibt keine Wiederkehr
Ein Klassiker des Polit-Thrillers
Elsinor Verlag, Coesfeld 2021

Sinéad O’Connor: Erinnerungen

Sinéad O’Connors Version von „Nothing Compares 2U“ gehört zu den Liedern, die mich noch immer zutiefst berühren. Natürlich weiss ich nicht, woran das genau liegt, doch als ich jetzt in ihren Erinnerungen lese, wie ihr Vater sie als kleines Mädchen in den Schlaf sang – „Seine Stimme klingt sehr traurig. Er ist oft traurig. So wie ich.“ – kriege ich eine Ahnung davon. Apropos Stimmen: „Aus irgendwelchen Gründen mag ich Stimmen. Keine Ahnung, wieso. Die Stimmen mancher Leute machen, dass ich sie knuddeln will. Aber vor dieser Art von Nähe habe ich richtig Angst.“

Sie ist 54 als sie aufschreibt, was sie nicht vergessen hat. Wie wir alle, weiss sie vieles nicht mehr; bei ihr kommt dazu, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens „nicht wirklich gegenwärtig war“ (sie hat erst 2020 aufgehört, Marihuana zu rauchen, mit anderen Drogen inklusive Alkohol konnte sie nie viel anfangen). Das vorliegende Buch umfasst die Zeit von ihrer Jugend bis heute, wobei: „Ich habe manche Menschen nicht erwähnt, weil ich weiss, dass sie lieber anonym bleiben wollen, und andere, weil ich möchte, dass sie angepisst sind, wenn sie in diesem Buch nach ihrem Namen suchen und ihn nicht finden.“

Sie habe versucht, so zu schreiben, wie sie spreche, notiert sie im Vorwort und das ist ihr bestens gelungen – ihre Beschreibung des Sexualkundeunterrichts in der Klosterschule ist hitverdächtig! Mit Irland, wo sie zur Welt kam und ihre Jugend verlebte, hat sie es nicht so. „Der beste Tag meines Lebens war der Tag, an dem ich Irland das erste Mal verliess, und jeder weitere Tag, an dem ich Irland verliess, war der nächstbeste.“ An dem Tag, als sie Irland endgültig verliess, befand sich auch Pete Townsend von den „Who“ an Bord der Air Lingus Maschine, was Sinéad O’Connor als Zeichen wertete, dass sie richtig entschieden hatte. Bei der Ankunft in London wurden damals Männer mit langen Haaren und nicht getrimmten Bärten regelmässig vom Sicherheitsdienst kontrolliert. „Das lag daran, dass es in den frühen Achtzigerjahren eine Zeit gab, in der die Hungerstreikenden aus Nordirland sich die Haare wachsen liessen, genau wie jeder, der Mitglied der IRA, der Irisch-Republikanischen Armee war. Die Männer von der Gegenseite trugen niemals Bart, und sie hatten nur wenig Haar, weil sie immer rumschrien.“ Wunderbar, wie diese Frau schreibt! Man kann sie sich bestens beim Reden vorstellen und weiss jetzt auch, dass das Zuhören lohnt.

Van Morrisons Stimme wirkt auf sie „wie einer von diesen tibetischen Mönchen, die ihre Stimme zu Heilungszwecken einsetzen.“ So habe ich das noch gar nie gesehen, doch jetzt, als sie diese Vorstellung in meinen Kopf gepflanzt hat, höre ich „Van the man“ genau so. Und muss lachen. Wie auch darüber wie sie einen alten Mann mit ganz vielen weissen Haaren beschreibt, der, als er erfährt, dass sie aus Irland stammt, wissen will, ob Irland den Engländern gehöre. „’Nein‘, sagte ich. (Es hätte zu lange gedauert, das auszuführen).“

Es sind dies höchst unterhaltsame Erinnerungen – originell und immer wieder überraschend. Da geht nichts logisch auf, steht ganz Unterschiedliches nebeneinander, genau so absurd wie das Leben eben ist – und das wirkt befreiend auf mich. Auch bemerkt sie, dass sie die Wohnungseinrichtungen anderer Leute vor ihrem geistigen Auge sehen könne, misst dem jedoch keine besondere Bedeutung zu. Und von ihrer ersten Begegnung mit ihrem Ehemann John Roberts notiert sie: „Ich war noch nie jemandem begegnet, der so oft das Wort ‚F*tze‘ verwendete. Ich hatte so ein Gefühl, dass dieser Mensch mich ein Leben lang begleiten würde.“

Eines Morgens erhält sie einen Anruf von Prince. Er möchte sie sehen, schickt eine Limousine vorbei, um sie abzuholen. Das Zusammentreffen der beiden könnte bizarrer nicht sein. Nicht nur von Prince habe ich ein neues Bild nach diesen Erinnerungen, auch von anderen, etwa der früheren MTV-Moderatorin Kristiane Backer (die sie nicht namentlich erwähnt), „eine pflegeintensive Mieze aus Deutschland“, laut O’Connor. Doch vor allem aufs Musikgeschäft habe ich jetzt eine völlig neue Sicht. „Die Prostitution unterscheidet sich im Übrigen gar nicht allzu sehr vom Musikbusiness. Genau genommen sind beide genau das Gleiche.“

Muhammad Ali gehört zu den Stars, die grossen Eindruck auf sie gemacht haben. Und Lou Reed. Und wenn wir schon bei bekannten Namen sind: Donald Trump hält sie für psychisch krank. „Die sogenannt zurechnungsfähigen Leute unternehmen im besten Falle nichts und im schlimmsten Falle ermöglichen sie ihm, das zu tun, was er tut.“ Mehr gibt es dazu wirklich nicht zu sagen.

Sie sieht sich nicht als Popstar, weshalb sie auch das Zerreissen des Papst-Fotos nicht aus dem Gleis geworfen hat. „Die Papst Angelegenheit hat meine Karriere also ganz und gar nicht zerstört, sie hat mir einen Weg gewiesen, der besser zu mir passt.“ Ist das jetzt nachträgliches Schönreden? Wenn man liest, wie sie generell die Welt sieht, dann nicht, dann nimmt man ihr das ab.

Die letzten vier Jahre hatte sie mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Sie leidet unter anderem unter Agoraphobie, fürchtet sich also vor offenen Plätzen und vor weitläufigen, viel frequentierten Plätzen. Und sie würde künftig gerne als Pflegeassistenz arbeiten.

Sehr witzig, höchst berührend, echt aussergewöhnlich und sehr, sehr eigenwillig. Diese Memoiren sind ein Genuss!

Sinéad O’Connor
Erinnerungen
riva Verlag, München 2021 

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