Gleich vorneweg: Mich braucht man nicht zu überzeugen, dass Wissenschaft eine nützliche Sache sein kann, doch ich bin gespannt, was für Argumente die beiden Autoren vorbringen. Deshalb lese ich dieses Buch, das mich immer mal wieder überrascht – die Lektüre lohnt also!
Auf die erste Überraschung treffe ich bereits im Vorwort. Von ethischen Leitlinien und Handlungsempfehlungen sollten sich Naturwissenschaftler fern halten, würden Geisteswissenschaftler argumentieren, denn: „Was wissen denn die über das Leben, das Gute, das Böse, das Richtige, das Falsche, über Freiheit und Unfreiheit.“ Als einer der in Geisteswissenschaften ausgebildet ist, sich jedoch nicht als Geisteswissenschaftler versteht (ich habe das meiste, was ich an der Uni gelernt habe, längst vergessen und bedauere das nicht), sehe ich das genau umgekehrt: Ich traue der Empirie weit mehr als der Vorstellung.
Eine der erfreulichen Folgen von Covid-19 ist die Tatsache, dass Wissenschaft und Forschung (für den Moment) im öffentlichen Diskurs den Platz einnehmen, den sie schon längst hätten einnehmen sollen. Jedenfalls sehe ich das so. Auch natürlich, weil mich Meinungen (die gratis für jedermann zu haben sind und für die keine Anstrengung erforderlich ist) wenig interessieren. Vor allem die von uninformierten Deppen (und Deppinnen, muss ich wohl hinzufügen) nicht.
Haben Sie schon mal von Harry G. Frankfurt gehört? Ein Amerikaner, klar, das merkt man am G. in der Mitte. Sein Buch Bullshit (dies der Titel der deutschen Ausgabe) enthält den treffenden Satz: „Bullshit ist immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu bringen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen.“ Covid-19 hat gezeigt, dass es wesentlich mehr Bullshitter gibt als ich gedacht habe. Illusionen zu verlieren ist heilsam und die Wissenschaften helfen uns dabei.
Die Autoren unterscheiden zwischen selbst ernannten und echten Experten. Und dann gibt es natürlich auch noch die Medien-tauglichen. Es gibt viele Gründe, weshalb jemand medial gut rüberkommt, Kompetenz ist nicht der wichtigste. Und auch hier gilt: Selber Denken hilft.
Die Wissenschaft beschäftigt sich mit dem, was ist. Dabei bedient sie sich der Beobachtung und des Experiments, mittels derer sie schrittweise Erkenntnisse gewinnt. „Vor einer Woche haben Sie das gesagt, jetzt sagen Sie etwas ganz anderes“, empörte sich ein Politiker über den Virologen Drosten, der darauf mit „Vor einer Woche wusste ich noch nicht, was ich heute weiss.“ antwortete. (ich zitiere aus der Erinnerung).
„Wir irren uns empor“, so der Philosoph und Physiker Gerhard Vollmer. Das beschreibt Wissenschaft (und das Leben) bestens. Dazu kommt, gemäss dem Physiker Richard Feinman: „The first principle is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool.“ Noch einmal anders gesagt: Wenn die Realität nicht unseren Wunschvorstellungen entspricht, liegt das an unseren Wunschvorstellungen und nicht (wie Politiker und verwöhnte Kinder meinen) an der Realität.
Dass Jeder das Recht auf eine eigene Meinung hat, dass alle gehört werden müssen, gehört zum Mantra der öffentlich geäusserten Überzeugungen. Mir selber sind überprüfbare Fakten entschieden wichtiger. Und dann gibt es auch noch die, welche behaupten, die Wirklichkeit existiere nur im Kopf. Man wünscht ihnen heftiges Zahnweh und möchte sie zum Sprung aus dem fünfzehnten Stock anregen. Der schöne Satz auf Seite 43 drückt es so aus: „Nehmen Sie einen radikalen Konstruktivisten und setzen Sie ihn vor eine Herde wildgewordener Büffel. Und dann soll er sich entscheiden: Gibt es die Büffel jetzt oder gibt es die nicht?“
DENKT MIT! ist nicht nur ein Buch darüber, „Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann“, sondern regt zu Grundsatzüberlegungen an. Und so kommt denn auch das Primat der Ökonomie und vor allem der Klimawandel ausführlich zur Sprache, denn an der Debatte darüber stellt sich die Frage nach unserem Weltbild: Verstehen wir uns als Teil der Natur oder als Herrscher über sie?
Fazit: Ein nützlicher Augenöffner.
Harald Lesch / Klaus Kamphausen
DENKT MIT!
Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann
Penguin Verlag, München 2021



