
Genfersee bei Morges, am 20. November 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Genfersee bei Morges, am 20. November 2020
„Grossartig und erschreckend … der beste Roman über Alkoholismus, den ich je gelesen habe“, soll Kingsley Amis über Charles Jacksons Das verlorene Wochenende gesagt haben. Mein bester ist er nicht – meiner ist James Freys A Million Little Pieces – doch ein guter, ja ein wirklich guter, das ist Das verlorene Wochenende schon.
Manhattan 1936, die Zeit der Weltwirtschaftskrise (The Great Depression). Der Schriftsteller Don Birman trinkt. Sein Bruder Wick sorgt sich um ihn, versucht erfolglos, ihn zu einem langen Wochenende auf dem Land zu überreden, doch Don zieht lieber durch die Bars, wo er auch einmal auf einen Mann trifft, der an derselben Uni studiert hat und die selben Leute kennt – er ist nüchtern, als er bei dieser Unterhaltung erfährt, wie er ein unangenehmes Vorkommnis in seiner Vergangenheit verdrängt hat … und geht dann schnurstracks nach Hause, um sich zu betrinken. Beeindruckend, wie gekonnt Charles Jackson diese Szene schildert, Dons Anspannung ist fast mit Händen zu greifen.
Überaus überzeugend ist auch die Schilderung des Morgens danach. Der Mix von Selbstvorwürfen, Unsicherheit, Unruhe und Angst, die einen Hangover charakterisieren, fasst Jackson in Sätze, die eindrücklich klarmachen, was ein Alkoholiker für einen Preis für sein Saufen zu bezahlen hat. „An der 56sten blieb er am Fussgängerüberweg stehen. Er war so nervös, dass er seinen Sinnen nicht traute. Ängstlich blickte er wieder und wieder zur Ampel, bevor er den sicheren Bordstein verliess, und selbst dann war ihm noch bang … Wie oft war er an Vormittagen wie diesem … an denen er wirklich nicht wusste, ob er beim nächsten Schritt ohnmächtig werden würde … Vormittagen grotesker, unerklärlicher Panik davor, dass jemand in einem Moment der Unaufmerksamkeit seinen Blick auffangen und ihm direkt in die Augen schauen würde …“.
Er landet in der Klinik, auf der Alkoholstation, hat keine Ahnung, wie er dahin gekommen ist. Er hat eine Schädelfraktur und wird Zeuge, wie Mitpatienten auf die einfachsten Fragen der Ärzte keine Antwort wissen. Der Schock darüber hält nicht lange an, er säuft weiter …
Charles Jackson soll es wichtig gewesen sein, grosse Literatur und nicht etwa nur ein gutes Buch übers Saufen geschrieben zu haben. Ich weiss nicht wirklich, ob ein Buch grosse Literatur ist oder nicht – , klar, bei einigen spüre ich das, etwa bei Goethes Wahlverwandtschaften oder bei einigen Erzählungen von Alice Munro – , doch mich beschäftigt das eigentlich auch nicht sehr. Ein gut geschriebenes Buch ist Das verlorene Wochenende allemal. Und eines, das unter anderem klar macht, was einen Alkoholiker von einem Normalo unterscheidet: „… empfand er tiefe und hochmütige Verachtung für diejenigen, die Alkohol am Morgen danach verschmähten, denen sich, von der Ausschweifung der Nacht noch durchgeschüttelt, schon beim blossen Gedanken daran der Magen umdrehte.“
Der 1903 in Summit, New Jersey, geborene Charles Jackson war selber Alkoholiker. Er weiss also, wovon er schreibt. Und das merkt man, auch wenn sich gelegentlich Denkfehler einschleichen. „Er trank nicht, weil er durstig war, und auch nicht, weil es ihm schmeckte (Whisky war im Grunde genommen scheusslich, er stürzte ihn immer möglichst schnell herunter): Er trank wegen der Wirkung, die es auf ihn hatte.“ Die Klammer-Bemerkung suggeriert, dass er den Whisky schnell herunter stürzt, weil er den Geschmack nicht mag. Eine typische Alkoholiker-Rationalisierung, denn der Geschmack ist einem Alki sowieso egal. Es ist eher so: Er stürzt den Whisky schnell herunter, weil so die gewünschte Wirkung schneller eintritt!
Aus dem Nachwort von Rainer Moritz erfahre ich, dass sich Jackson eine Zeitlang den Anonymen Alkoholikern angeschlossen hatte „und war auf deren Zusammenkünften ein gefragter Redner, was nicht zuletzt am Erfolg seines Trinkerromans Das verlorene Wochenende lag, der auch auf eigenen leidvollen Erfahrungen beruhte.“ Man darf aus diesen Worten schliessen, dass Rainer Moritz noch nie an einer solchen Zusammenkunft war, denn da reden ausschliesslich Leute, die selber leidvolle Erfahrungen gemacht haben. Stars sind da verpönt.
Moritz weist auch darauf hin, dass Jackson sich gewehrt habe, primär als Suchtexperte wahrgenommen zu werden: „Ich bin zuallererst Schriftsteller und erst dann Nichttrinker.“ Nun ja, Nichttrinker war er offenbar nicht gerade häufig, denn Rückfälle in die Sucht seien an der Tagesordnung gewesen, so Moritz. Ich selber sehe Jackson als Trinker, der schreibt, der sehr gut schreibt, so wie es ein Nichttrinker gar nicht könnte, weil ihm ganz spezifische Erfahrungen fehlen: „Er hätte nicht geschickter und vorsichtiger, nicht mehr Herr seiner kleinsten Bewegung sein können – dazu war nur der Betrunkene fähig, der gerade betrunken genug ist, um genau zu wissen, was er tut, mit einer Klarheit, die dem Nüchternen versagt ist. Oh, und es zugleich auch nicht zu wissen. Das war das Demütigende und Gefährliche daran. Betrunken genug, um zu wissen, was er tat, aber nicht, was die anderen taten.“
Charles Jackson
Das verlorene Wochenende
Dörlemann Verlag, Zürich 2014
„Die meisten westlichen Menschen haben kein Interesse daran, als traditionelle Priester, Mönche oder Nonnen zu leben; doch viele von uns möchten das Leben in unserer Welt mit einer echten spirituellen Praxis verbinden. Dieses Buch handelt von dieser Möglichkeit“, leitet Jack Kornfield seinen Klassiker Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ein.
Jack Kornfield trat nach dem Studium der Asienkunde in ein thailändisches Kloster ein. „Als ich ins Kloster ging, hatte ich gehofft, den Qualen meines Familienlebens und den Schwierigkeiten der Welt zu entkommen, aber natürlich folgten sie mir, wohin ich auch ging. Es dauerte viele Jahre, bis mir klar wurde, dass diese Schwierigkeiten Teil meiner Praxis waren.“
Kornfield schlägt vor, unser Dasein als Test zu sehen. Oder anders gesagt: Mit einer Geisteshaltung der Bereitschaft zu Abenteuer und Forschung. Konkret: Unangenehme Erfahrungen gehören zum Leben. Wir können lernen, ihnen konstruktiv zu begegnen, wir brauchen nicht zu ihren Opfern zu werden. Folgende fünf Prinzipien können uns dabei helfen: Loslassen. Die Energie umwandeln. Bei Seite legen. In der Vorstellung ausagieren. Achtsam inszenieren.
Nehmen wir das Loslassen. Das klingt leichter als es ist, denn oft sind wir viel zu stark in etwas verstrickt beziehungsweise haften viel zu sehr an einer Geschichte. Es kann auch sein, dass wir etwas nicht mögen und es deshalb weghaben wollen, doch das ist Abwehr und kein Loslassen. „Nur wenn der Geist im Gleichgewicht und unser Herz von Mitgefühl erfüllt ist, ist echtes Loslassen möglich.“
Und was macht man, wenn Geist und Herz von diesem Idealzustand weit entfernt sind? Eine sanftere Version versuchen, das Geschehenlassen. „Lassen Sie zu, dass das, was da ist, kommt und geht wie die Wellen des Meeres.“
Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist voller solcher Hinweise, Anregungen und Ermunterungen. Sie verspüren heftige Wut? Und Sie lassen sie zu, versuchen in sie hineinzuspüren, doch sie geht nicht weg, holt Sie immer wieder ein? Gehen Sie in den Wald und schreien Sie sie raus, hacken Sie Holz oder ziehen Sie sich Turnschuhe an und rennen los. Oder verdrängen Sie die Wut, unterdrücken Sie sie für den Moment, vielleicht ist es besser, sich zu einem späteren Zeitpunkt mit ihr zu befassen.
Anstatt der Wirklichkeit davonzulaufen, können wir lernen, uns mit ihr zu konfrontieren. Und das meint unter anderem, nicht vor unserer eigenen Gier, dem Gefühl von Wertlosigkeit und Grössenwahn davonzulaufen, sondern „uns unserer Langeweile, Ungeduld und Angst zu stellen“, damit wir „in Berührung mit uns selbst“ kommen.
Sein thailändischer Lehrer Achaan Cha hatte Jack Kornfield in jungen Jahren die Richtung vorgegeben. „Er bot eine Lebensweise, einen lebenslänglichen Pfad des Aufwachens, der Aufmerksamkeit, der Hingabe und der inneren Verpflichtung. Er bot ein Glück, das nicht von irgendwelchen der sich ständig verändernden Bedingungen der Welt abhängig war, sondern allein der eigenen mühsamen und bewussten inneren Verwandlung entsprang.“
Der spirituelle Weg ist kein einfacher, er verlangt kontinuierliches Üben. Und dieses hört nie auf, für niemanden, auch nicht für Zen-Meister, was dieser Satz eines weisen Praktizierenden treffend auf den Punkt bringt: „Wenn du wirklich etwas über einen Zen-Meister erfahren willst, dann rede mit seiner Frau.“
Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens ist ein ungemein hilfreiches, ja, ein wertvolles Buch. Das liegt einmal an den vielen praktischen Ratschlägen, dann aber auch an den zahlreichen Geschichten, die Jack Kornfield von sich selber und von anderen erzählt. Eine meiner liebsten handelt von Mullah Nasrudin und seiner frustrierenden Suche nach Vollkommenheit.
Ob er nie erwogen habe zu heiraten, wurde Nasrudin von einem Freund gefragt. Doch, doch, erwiderte dieser, vor Jahren habe er in Damaskus eine überaus schöne Frau getroffen, die jedoch keinerlei Sinn für das Spirituelle gehabt habe. Später dann sei er in Isfahan auf eine wiederum sehr schöne, zutiefst spirituelle Frau gestossen, doch bei ihr klappte es leider mit der Kommunikation nicht. „In Kairo schliesslich fand ich sie“, erzählte er. „Sie war die ideale Frau, spirituell, reizvoll, gelassen im Umgang mit der Welt, einfach in jeder Hinsicht vollkommen.“ „Ja, und hast du sie geheiratet?“, fragte der Freund. „Nein“, entgegnete der Mullah, „leider suchte sie den vollkommenen Mann.“
Jack Kornfield
Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens
Was uns bei der spirituellen Suche unterstützt
Kösel Verlag, München 2017
Dem Foto auf dem Umschlag nach zu urteilen, handelt es sich bei der Autorin Jane J. Riley um eine gut aussehende junge Frau. Was man auf dem Bild hingegen nicht sieht, ist, was sich in ihrem Kopf und ihrer Seele abspielt. Teile davon hat sie in Janes Seelenreise aufgeschrieben.
Dem Buch ist ein Ausschnitt aus Stephen Kings „The girl who loved Tom Gordon“ vorangestellt. Man darf daraus schliessen, dass er wohl Janes Grundbefindlichkeit beschreibt:
„Trisha schloss die Augen.
Unter ihren mit Schlamm bedeckten Lidern quollen
Tränen hervor und liefen ihre ebenso schwammigen Wangen hinunter.
Ihre Mundwinkel zuckten heftig. Sie wünschte sich für kurze Zeit,
sie wäre lieber tot – lieber tot sein, als solche Angst erleiden müssen,
lieber tot als im Wald verirrt sein.“
Jane J. Riley, 1990 geboren, wird als junges Mädchen mit „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert. Diese drückt sich bei ihr unter anderem in selbstverletzendem Verhalten und einer peinigenden Suche nach Lebenssinn aus. Therapien und ein Aufenthalt in der Psychiatrie nützen nichts. Jane beginnt, sich selber zu helfen. Und es gelingt. Davon zeugt dieses inspirierende und Mut machende Buch.
„Dies ist kein Tagebuch! Das würde viel zu sehr nach zwölfjährigen, pferdevernarrten Mädchen klingen. Und ich bin alles andere als das“, schreibt sie. Und was ist es dann? Ein Kalender, Janes Kalender. Für sie heisst das, dass sie sich eine Aufgabe gibt, eine ganz konkrete: zu schreiben, zu gestalten, und das auch durchzuziehen. Wer schon mit Borderlinern zu tun hatte, weiss, dass vor allem das Etwas-Durchziehen eine Riesen-Herausforderung darstellt. Jane hat es geschafft! Das ist nicht nur aussergewöhnlich, das ist bewundernswert! Nur weiter so!
„Janes Seelenreise“ zeugt von eigenständigem Denken und hellsichtigen Einsichten. Ein Beispiel:
„Ist es denn in Ordnung, sich bis zu einem gewissen Grad selbst zu belügen?
Ich vermute, so etwas geschieht unvermeidlich, jeder tut es dann und wann.
Es scheint einfach in unserer Natur zu liegen. Aber ist es wirklich in Ordnung?
Ich glaube nicht.“
Der Durchbruch kommt, als ihr klar wird, dass ihre eigene Sicht auf die Dinge völlig in Ordnung ist. „Entgegen aller pädagogischen Massnahmen, die versucht hatten, mich vom Gegenteil zu überzeugen.“ Hinzuzufügen wäre: Janes Sicht ist nicht nur in Ordnung, sondern auf vielfältige Art und Weise spannend und anregend. Nicht zuletzt, weil sie genau hinschaut und scharf denkt.
„Mit der Veröffentlichung ihrer Kalendereinträge als Buch möchte die Autorin zeigen, wie man mittels des eigenen Willens und Verstandes scheinbar unveränderliche Tatsachen und Gefühle zum Positiven wandeln kann, um damit den Weg einer inneren Heilung anzutreten“, lässt der Verlag wissen. „Janes Seelenreise“ ist in der Tat ein Dokument des Gelingens.
Jane J. Riley ist eine analytisch begabte Frau. Und hat erkannt, dass sie den Stillstand nicht erträgt. Mehr: sie tut etwas dagegen, sie schreibt. Und damit versteckt sie sich nicht mehr, sondern zeigt sich so wie sie fühlt, wie sie empfindet, wie sie ist. Das erfordert Mut.
Borderliner sind Perfektionisten. Perfekt oder gar nicht, davon lassen sie sich leiten. Diese Haltung zu überwinden ist eine Herkulesaufgabe. Jane hat sie auch deswegen geschafft, weil sie einen grossen Wunsch, ja eine Vision hatte:
„Ich möchte ein Wortakrobat sein.
Akrobaten sind Künstler. Und in der Kunst ist, wie man weiss, alles erlaubt, sogar Menschen wie ich. Deshalb möchte ich mich einen Künstler nennen dürfen.“
Sie darf, weil sie eine Künstlerin ist!
Jane J. Riley
Janes Seelenreise
Eine Geschichte vom Mensch-Werden
Starks-Sture Verlag, München 2014
„Es war mir nicht bewusst, aber er hat mich durch seine Art, zu sein und zu denken, enorm beeinflusst“, notiert Isaku Yanaihara auf den ersten Seiten von Mit Alberto Giacometti. Annette Giacometti, Albertos Witwe, hat dieses Tagebuch, als es in Tokio in den Handel kam, mit einem weltweiten Bann belegt. Vermutlich lag das daran, dass sie und Yanaihara offenbar eine Affäre hatten. „Annette begleitete mich jede Nacht ohne Ausnahme in mein Hotel und kehrte gegen vier Uhr morgens nach Hause zurück.“ Das Buch durfte jahrzehntelang in keine andere Sprache übersetzt werden. Nun liegt es, direkt aus dem Japanischen übertragen, zum ersten Mal auf Deutsch vor.
Insgesamt 228 Mal ist der Philosophieprofessor aus Tokio in den Jahren 1956 bis 1966 Alberto Giacometti Modell gesessen. Und besonders angenehm hat sich das nicht angefühlt, denn es galt still zu sitzen und sich nicht zu bewegen. „Ich versuchte an nichts zu denken, aber vergebens. Wenn man nicht zu denken versucht, steht einem auch dieser Gedanke unweigerlich ins Gesicht geschrieben. Es ist nun mal so.“
Giacometti ist ein Besessener, ein Getriebener. „Die tägliche Arbeit begann in freudiger Erwartung, um dann kurz vor der Verzweiflung innezuhalten, lange dabei zu verharren und schliesslich in erbitterter Hoffnung auf den nächsten Morgen zu enden.“
Sie unterhalten sich über gar Vielerlei. Über Paris, Japan, Stampa, den Fortschritt, von dem Giacometti nicht viel hält, das Malen. „Sehen Sie, in einer wirklichen Landschaft existiert nicht eine einzige grelle Farbe, es gibt weder das Grün noch das Rot aus der Tube. Bäume, Häuser, Dächer, Himmel, alles ist von einem kontinuierlichen Grau; die Unterschiede bestehen lediglich in komplexen und feinen Abstufungen. Farben gibt es so gut wie gar nicht.“
Giacometti sieht anders als andere. Und er will Yanaihara so malen wie er ihn sieht. So sieht er etwa Ähnlichkeiten zwischen Vater, der gerade in Paris zu Besuch gewesen war, und Sohn Yanaihara, die der Sohn jedoch überhaupt nicht sieht. Doch, doch, meint Giacometti und weist auf die Partie zwischen den Augen und die Kopfform.
Unablässig zweifelt er. „Je schöner die Wirklichkeit erscheint, desto schwieriger wird es, sie korrekt abzubilden. Gleichzeitig wächst die Leidenschaft, sie richtig wiedergeben zu wollen. Wunsch und Verzweiflung ringen miteinander und werden so gross, dass sie einen zu erdrücken drohen.“
Unter anderen kommen Jean Genet, Jean-Paul Sartre („Was mich bei Alberto am meisten überrascht, ist seine Leidenschaft für das Nichts, beziehungsweise sein leidenschaftlicher Wunsch, etwas in diesem Nichts zu fassen zu bekommen. Kunst ist ein Akt der Nichtung, und niemand weiss das besser als er.“) und Simone de Beauvoir zu Wort.
Der Band enthält auch zahlreiche Schwarz/Weiss-Fotografien (eine zeigt Giacometti in Stampa, wo er ohne Unterbruch und noch besessener arbeitete als in Paris, wo er gelegentlich „wegen irgendwelcher unerlässlicher Angelegenheiten Leute treffen“ musste) sowie ein Bilddossier mit Porträts, die Alberto Giacometti von Isaku Yanaihara gemacht hatte. Ergänzt werden die Aufzeichnungen von zwei Nachworten, das eine stammt von Gérard Berréby und Véronique Perrin, das andere von Nora Bierich. Der Verleger Piet Meyer hat Aufzeichnungen über „Das editorische Umfeld zur vorliegenden Publikation“ beigesteuert.
Isaku Yanaihara: Mit Alberto Giacometti ist auch gestalterisch ein sehr ansprechendes Buch, hochformatig, mit leserfreundlicher Schrift und einer durchsichtigen Schutzhülle, die Yanaiharas Porträt zeigt.
Isaku Yanaihara
Mit Alberto Giacometti
Ein Tagebuch
Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2018
Einen ganz tollen, sehr schön gestalteten Band gilt es anzuzeigen: Meisterinnen des Lichts. Grosse Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten. Als Autor zeichnet Boris Friedewald, über den man allerdings im Buch nichts erfährt und so muss man zur Homepage des Verlages gehen, um sich kundig zu machen und liest dort, Herr Friedewald sei 1969 geboren, habe Kunstgeschichte, Pädagogik und Theaterwissenschaften studiert und arbeite als Kunsthistoriker und Autor in Berlin.
Was diesen Band, neben den vielen grandiosen Bildern, auszeichnet, sind die exzellenten, sehr informativen Texte. Über die von mir sehr geschätzte Eve Arnold (deren in diesem Band gezeigte Bilder ich als wunderbar berührend empfinde) erfahre ich, dass sie sich ihr Leben lang als Lernende verstand, die eigene Biografie ihr Impulsgeber war („Ich war arm und wollte die Armut dokumentieren; ich hatte ein Kind verloren und war besessen von Geburten; ich interessierte mich für Politik und wollte ihren Einfluss auf unser Leben erforschen; ich war eine Frau und wollte alles über Frauen wissen“), sie bei ihrem Tod im Alter von 99 Jahren über 750,000 Aufnahmen hinterliess und über ihre Rolle als weibliche Fotografin meinte: „Ich wollte nicht, dass als Fotografin mein Frausein im Mittelpunkt stand. Das empfand ich als Einschränkung. Ich wollte einfach ein Fotograf sein und, unabhängig vom Geschlecht, mit der Kamera überall hingehen können.“
Über die Fotoreporterin Gisèle Freund lese ich, dass es ihr nie darum ging, Kunstwerke zu schaffen, sondern, so sagt sie, „sichtbar zu machen, was mir am Herzen lag: der Mensch, seine Freuden und Leiden, seine Hoffnungen und Ängste.“ Eindrücklich wird das in diesem Buch mit einer Aufnahme von Virginia Woolf mit ihrem Hund aus dem Jahre 1939 illustriert.
Verblüfft war ich, dass Julia Margaret Cameron, der die Inszenierung von bedeutenden Zeitgenossen so wichtig war, gegen Ende ihres Lebens nur noch Hausangestellte und Plantagenarbeiter, das war auf Ceylon, „ohne jegliche Inszenierung porträtierte.“
Ich finde enorm bereichernd, was Boris Friedewald an Informationen zusammengetragen hat. Und bin fasziniert und angetan von seinen ausgesprochen spannenden Schilderungen, auch natürlich, weil ich viel, mir bis anhin Unbekanntes, erfahre. Dass etwa von der Strassenfotografin Vivian Maier zeit ihres Lebens kein einziges Foto veröffentlicht wurde, sie nie Kontakt zu anderen Fotografen gesucht noch ihre Fotos jemandem gezeigt hatte. Und wie kommt es dann, dass wir heute von ihr wissen, uns ihre Aufnahmen ansehen können? Davon und noch von vielem anderen berichtet dieses Buch.
Meisterinnen des Lichts ist ein aussergewöhnliches Werk. Einerseits, weil es mich auf Fotografinnen aufmerksam machte, die mir bislang nicht bekannt waren, wie etwa Dayanita Singh, Viviane Sassen oder Trude Fleischmann. Andererseits, weil es mir so gelungen umgesetzte Ideen zeigt wie den Bischof Gerhard Ludwig Müller aus Herlinde Koelbls Serie ‚Kleider machen Leute‘. Doch vor allem, weil Boris Friedewalds Texte mich packen, anregen und mich neugierig auf die Fotos machen.
Boris Friedewald
Meisterinnen des Lichts
Grosse Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten
Prestel Verlag, München 2014

Morges, 20. November 2020
„Man nennt ihn den Apostel des gesunden Menschenverstands“, lese ich im Vorwort von Matthias Matussek zu diesen Essays und das gefällt mir, sehr sogar, denn wenn etwas in unserer Welt der Spezialisten Not tut, dann ist es zweifellos der gesunde Menschenverstand. Nur eben: Wäre dieser verbreiterter, wären ganz viele Spezialisten (unter anderem auch viele Therapeuten) ziemlich überflüssig und das könnte einer der Gründe sein, weshalb die Förderung des gesunden Menschenverstands nicht wirklich gewünscht wird und die vielen einschlägig davon Profitierenden dazu sehen, dass die Dinge bleiben wie sie sind, damit ihre Spezialisten-Pfründe auch weiterhin bestehen.
Noch einmal Matussek: „… Chestertons Stil ist der der leichthändigen Verknüpfung, der Assoziation, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.“ Im ersten Essay, „Der gewöhnliche Sterbliche“, zeigt sich das darin, dass er sich unter anderem Gedanken zur Pressefreiheit (ein Monopol, keine Freiheit) und zur Demokratie (die Fehler der Wohlunterrichteten sind schlimmer) macht, dabei jedoch immer wieder darauf verweist, worauf es ihm ankommt: das Anprangern des Hochmuts der Gebildeten.
Die Essays handeln vom Lesen („Gute Literatur ist in erster Linie dadurch nützlich, dass sie den Menschen hindert, ’nur modern‘ zu sein.“), dem frivolen Menschen, vom Lachen („Das Hauptkennzeichen der allermodernsten Veränderung in der Welt besteht darin, dass sanftere soziale Manieren nicht mit wärmeren sozialen Gefühlen zusammengehen.“), der Frage was ‚vulgär‘ ist, und von Anderem mehr.
Meine beiden liebsten Essays sind „Warum die Philosophie wieder auflebt“ und „Wenn ich nur eine einzige Predigt halten könnte“. Der erste ist ein hellsichtiges, witziges und überzeugendes Plädoyer für das klare Denken. Hier ein Beispiel für den Umgang mit dem Wort ‚König‘: „… ich schlage vor, dass es zu den Aufgaben eines Philosophen gehören sollte, bei solchen Wörtern innezuhalten und ihre Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit zu erwägen. Die römische Republik und ihre Bürger verabscheuten bis zuletzt das Wort ‚König‘. Deshalb erfanden sie das Wort ‚Kaiser‘ und zwangen es auch uns auf. Die grossen Republikaner, die Amerika gegründet haben, verabscheuten ebenfalls das Wort König. Deshalb musste es in besonderen Zusammenhängen wie Stahlkönig, Ölkönig oder Schweinefleischkönig wieder auftauchen. Das Geschäft des Philosophen muss nicht darin bestehen, jede Neuerung zu verdammen oder eine Unterscheidung zu leugnen. Aber es ist seine Pflicht, zu untersuchen, was ihm oder anderen an dem Wort König missfällt …“.
In „Wenn ich nur eine einzige Predigt halten könnte“ bezeichnet Chesterton die Egozentrik als „das ungreifbarste und unerträglichste aller geistigen Übel.“ Psychologen und Soziologen schwätzten über so vieles und meist daran vorbei, wüssten jedoch nur wenig über Ursache und Heilung dieses „fast jedes Familienleben und jeden Freundeskreis“ vergiftenden Übels zu sagen. „Kaum ein praktischer Psychologe kann etwas halb so Einleuchtendes sagen, wie die treffsichere alte Regel der Priester, dass der Stolz aus der Hölle stammt.“
Gilbert Keith Chesterton
Wenn ich nur eine einzige Predigt halten könnte
Essays
Kösel Verlag, München 2016

Murten, am 21. November 2020
Dieses Buch, lässt Holger Reiners den Leser (und die Leserin) wissen, „ist meine persönliche Geschichte im Umgang mit der Depression. Was löst sie aus, was beeinflusste ihren Verlauf und wie verlief der Weg heraus aus der Klammer einer Krankheit, die diesen Namen trägt: Depression?“ Er fährt fort: „Der Ausgangspunkt eines selbst erlebten Schicksals kann Betroffenen wie ihren Angehörigen vielleicht am ehesten nahe bringen, welch erdrückende Last diese Krankheit und das Unverständnis der Umgebung dafür darstellen – aber auch besser als Prozentzahlen und Prognosen den Optimismus vermitteln, dass selbst aus grossen Tiefen eine Befreiung von der Depression möglich ist.“
Was genau eine Depression ist und wie sie behandelt werden soll, darüber gehen die Meinungen der sogenannten Fachleute auseinander. Insofern unterscheidet sich diese Krankheit nicht von anderen komplexen seelischen Erkrankungen.
„Der Depressive hält an einem verzerrten Wunschbild seines Lebens fest … Falsche, aber lange Zeit verlockende Illusionen und Zerrbilder aufzugeben, ist der Preis für ein normales Leben“, schreibt der Autor.
Das erinnert an Suchtkrankheiten: Auch wer diese überwinden will, muss Illusionen und Zerrbilder aufgeben. Und wie tut man das: „Der erste Schritt dazu bedeutet, dass man Hilfe von aussen sucht, wenn man erkennt, der Krankheit nicht selbst gewachsen zu sein. Bereits das ist ein grosser Schritt in ein gutes, neues, aufregend anderes Leben.“
Will man Depressionen (oder Suchtkrankheiten – mir scheinen die Parallelen offensichtlich) überwinden, muss man lernen, sich für das Leben zu entscheiden.
„Wenn ich heute gefragt werde, ob man einen (gesunden) Menschen mit 30, 40 oder 50 Jahren in seinem Lebensverlauf wirklich ändern kann, sage ich aus meiner beobachtenden Erfahrung heraus immer ‚ja‘, aber eine Richtungsänderung ist höchstens in einem Winkel von zwei, maximal drei Grad möglich … {das sieht übrigens die Psychoanalyse auch nicht anders} … Beim Depressiven verhält sich die Situation anders – und das kann Mut machen. Einem einst Depressiven traue ich eine Änderung seines Lebenskurses sogar um 180° zu, und nicht nur das, ich bin heute davon überzeugt, dass er eine solche Kursänderung nicht nur irgendwann akzeptiert, sondern sie auch aus gewonnener Erkenntnis ganz selbstverständlich anstrebt.“
Das schreibt einer, der zwanzig Jahre tiefer Depression überlebt hat. Und mittlerweile sogar schon länger ohne Todessehnsucht lebt. Man sollte also die praktischen Anregungen, die er gibt, zumindest wohlwollend prüfen. Hier ein paar Beispiele: den Arzt fragen, wie „sein Behandlungskonzept und der zu erwartende Zeitrahmen bis zum Behandlungsende in etwa aussehen … immer wieder die vom Therapeuten vorgeschlagenen Behandlungsschritte zu hinterfragen … nach dem Behandlungsansatz fragen, nach den Behandlungszielen und warum wann welcher Schritt aus Sicht des Arztes notwendig ist.“
Summa summarum: Ein äusserst hilfreiches Buch von einem Menschen, der weiss wovon er spricht – und sich mitzuteilen versteht.
Holger Reiners
Das heimatlose Ich
Aus der Depression zurück ins Leben
Kösel Verlag, München 2005