John Bargh: Vor dem Denken

Vor gut hundert Jahren behauptete Sigmund Freud, wir seien nicht Herr im eigenen Haus. John Bargh, Professor für Psychologie an der Yale University, illustriert das in seinem Vor dem Denken. Wie das Unbewusste uns steuert höchst eindrücklich. Wie von einem Akademiker nicht anders zu erwarten, zitiert er dabei eine Studie nach der anderen und die Resultate nicht weniger dieser Untersuchungen lassen einen staunen – und schmunzeln. So haben etwa gemeinsame Buchstaben im Namen einen Einfluss auf die Berufswahl, jedenfalls in englischsprachigen Ländern wie England und Amerika. „Es gibt verhältnismässig mehr Dennys, die Dentisten sind, und Larrys, die lawyers (Anwälte) sind, als das Zufallsprinzip erwarten liesse.“

Auch das Geburtsdatum hat vielfältigen Einfluss. Etwa auf die Wahl des Ehepartners. „Menschen heiraten unverhältnismässig oft jemanden, der oder die Ziffern ihres Geburtsdatums teilt.“ Zuneigung kann sich auch darauf gründen, am selben Kalendertag im selben Monat Geburtstag zu haben. Der Led Zeppelin-Fan John Bargh empfindet „ein seltsames und offensichtlich unverdientes Gefühl von Stolz, dass er seinen Geburtstag mit Led Zeppelin Leadgitarrist Jimmy Page teilt“ und ich selber fühle mich seit je Brigitte Bardot zugetan, die am selben Tag Geburtstag feiern kann wie ich auch.

Obwohl wir entscheidend von der Evolution geprägt sind, haben wir keine Erinnerung daran. „Bereits bei unserer Geburt sind wir mit fundamentalen inneren Antrieben ausgestattet, die sich in einer völlig anderen Periode der Menschheitsgeschichte herausgebildet haben.“ Zudem sind wir bis vor nicht allzu langer Zeit davon ausgegangen, es gäbe einen Primat des Bewusstseins. Mittlerweile wissen wir, dass dem nicht so ist und wir weitestgehend unbewusst funktionieren. „Unser primärer, ultimativer und evolutionär am stärksten ausgeprägter Drang – zu überleben und körperlich geschützt zu sein – ist die Grundlage vieler unserer Haltungen und Überzeugungen.“

Wir treffen unsere Entscheidungen meist in Sekundenbruchteilen, aus dem Bauch heraus. Sollen wir solchen Eingebungen trauen? Wie immer, es kommt drauf an, denn unbewusstes Denken hat auch Schwächen. John Bargh empfiehlt acht Grundregeln, die ersten beiden lauten wie folgt: Regel Nr. 1: Sichern Sie Ihr Bauchgefühl zumindest mit ein wenig bewusster Überlegung ab, sofern dafür Zeit bleibt. Regel Nr. 2: Bleibt Ihnen keine Zeit zum Nachdenken, dann lassen Sie sich von Ihrem Bauchgefühl nicht verleiten, für mindere Ziele grosse Risiken einzugehen.

Fotos nicht instinktiv Vertrauen schenken

Interessant und hilfreich finde ich vor allem Regel Nummer 6: Wir sollten unserer Einschätzung anderer Menschen allein anhand ihres Gesichts oder von Fotos nicht trauen, solange wir nicht mit ihnen direkt zu tun hatten. Der Grund? Die Evolution „hat uns nicht mit der Fähigkeit ausgestattet, Persönlichkeitsmerkmale aus statischen Abbildungen oder allein aus Gesichtszügen herauszulesen. Wir sind vielmehr von der Entwicklung her darauf angelegt, sehr sensibel auf den emotionalen Ausdruck einer Person zu achten – ob sie zum Beispiel traurig, angewidert oder panisch dreinschaut – , wenn sie in Aktion ist, das heisst mit uns oder anderen interagiert.“

Vor dem Denken. Wie das Unbewusste uns steuert macht unter anderem deutlich, wie entscheidend und grundlegend das Vertrauen für unser Handeln ist. So zeigen bereits Kleinkinder spontan Hilfsbereitschaft, ohne dass man sie darum bittet oder sie dazu auffordert, sofern „die Vorstellung eines persönlichen Vertrauensverhältnisses bei ihnen aktiv war.“ Und wir lernen sehr früh, ob unser Vertrauen gerechtfertigt war.

Doch sind wir unserem Unbewussten nicht einfach ausgeliefert, wir können es auch steuern. So wurden etwa Alkoholikern Bilder von alkoholbezogenen Objekten wie Flaschen, Korkenzieher, Krüge oder Weingläser gezeigt und sie aufgefordert, diese Objekte mittels eines Hebels von sich zu schieben. Das machten sie zwei Wochen lang regelmässig. In der Folge konnotierten sie Alkohol nicht mehr positiv, sondern negativ. Zudem: „Die Patienten zeigten eine signifikant niedrigere Rückfallquote (46 Prozent) gegenüber den Teilnehmern der Kontrollgruppe, die keine alkoholbezogenen Fotos gesehen hatten (59 Prozent).“

Wenn wir akzeptieren, dass wir keinen komplett freien Willen und auch keine allumfassende bewusste Kontrolle besitzen, so John Bargh, nimmt der Grad unseres wirklich vorhandenen freien Willens und unserer wirklich vorhandenen Kontrolle zu. Und das meint: Wir können lernen, die unbewussten Kräfte des Geistes effizient zu nutzen. Indem wir zum Beispiel unsere Vorsätze einhalten. Und unsere Umgebung verändern.

Ein spannendes, lehrreiches und überaus nützliches Buch!

John Bargh
Vor dem Denken
Wie das Unbewusste uns steuert
Droemer Verlag, München 2018

Bernard Minier: Nacht

Seit ich Schwarzer Schmetterling gelesen habe, bin ich Bernard Minier-Fan. Auch seine Folgebücher habe ich praktisch gefressen – sie sind absolut aussergewöhnlich. Alle.

Zum Auftakt ist die Ermittlerin Kirsten Nigaard im Nachtzug zwischen Oslo und Bergen unterwegs, einer 484 Kilometer langen Strecke, mit 182 Tunneln, über Viadukte, entlang von Seen und Fjorden. Es ist eine Strecke, mit der ich seit einiger Zeit liebäugle (allerdings ohne das unangenehme Zusammentreffen, das Kirsten Nigaard erlebt) und auch deshalb bin ich sofort in der Geschichte drin.

In Bergen ist ein Ritualmord geschehen, in einer Kirche, ein Stück Papier, auf dem ‚Kirsten Nigaard‘ stand, fand sich in der Hosentasche des Opfers, das auf einer Ölplattform gearbeitet hatte. Einen packenden Roman zu lesen, bedeutet in eine fremde Welt einzutauchen. Im Falle von Nacht wähne ich mich unter anderem an Bord eines Helikopters, der in stürmischem Wetter durch die Dunkelheit aufs offene Meer hinaus steuert.

Dann schwenkt die Geschichte nach Toulouse, wo Commandant Martin Servaz und sein Kollege Vincent Espérandieu einem Vergewaltiger auf den Fersen sind. Mit seinen 46 Jahren meint Servant einer verschwundenen Zeit anzugehören, im modernen Leben – „dieser widernatürlichen Verbindung von Technologie, Voyeurismus, Werbung und Massenkonsum“ – fühlt er sich fehl am Platz.

Servant wird angeschossen und erlebt Nahtodmomente. „Niemand bestreitet mehr, dass es in etwa übereinstimmende Nahtoderfahrungen gibt“, sagte Dr. Xavier. „Dass es ein Leben nach dem Tod geben soll, hingegen schon. Diejenigen, die wie du dem Tod knapp entronnen sind, sind schliesslich nicht tot. Sie sind ja noch hier.“ Es sind solch realistisch-witzige Szenen, die mich unter anderem für das Schreiben von Bernard Minier einnehmen.

Der Arzt macht den Commandant darauf aufmerksam, dass er eine umwälzende Veränderung durchgemacht habe, die eine tiefschürfende Veränderung seiner Persönlichkeit hervorbringen werde. Auch davon handelt dieser Thriller, der auch von einer nüchtern-pragmatischen Weltsicht geprägt ist. „Mit zehn Jahren hatte er geglaubt, das mache das Leben aus: Abenteuer und Freiheit. Stattdessen hatte er herausgefunden, dass der Handlungsspielraum gering war und es einem, sobald man sich für eine Richtung entschieden hatte, nahezu unmöglich war, eine andere einzuschlagen; dass alles deutlich weniger aufregend war, als es zunächst den Anschein hatte.“

Die norwegische Polizei hat den Mörder von Bergen als Julian Hirtmann identifiziert, den ehemaligen Genfer Staatsanwalt und mumasslichen Peiniger von über vierzig Frauen in mindestens fünf Ländern, der bereits in den früheren Minier-Büchern eine Hauptrolle spielte. Kirsten Nigaard trifft in Toulouse ein und informiert Martin Servaz und sein Team, dass Hirtmann offenbar Commandant Servaz seit Jahren beobachtet.

Nacht ist rasant geschrieben, sehr spannend, und operiert auf verschiedenen Ebenen und an unterschiedlichen Schauplätzen. Und obwohl Fiktion, sind viele Beobachtungen über die heutige Zeit höchst aufschlussreich und nahe an der Wirklichkeit – und diese ist oft auch witzig. So schwört etwa die Präsidentin des Obersten Gerichtshofs von Toulose auf Horoskope. Und à propos Experten lese ich: „Ein selbsternannter Experte – einer von denen, die nicht in der Lage gewesen waren, seine Wahl vorherzusehen – erläuterte, weshalb Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt worden war und weshalb genau dasselbe auch in Frankreich passieren könnte – sprich, genau das Gegenteil dessen, was er und seine Kollegen monatelang behauptet hatten.“

Nacht ist auch reich an guten Dialogen, einer meiner liebsten geht so: „Das tut mir leid“, sagte er widerwillig. „Braucht es nicht. Ändere dich. Tschüss.“

So sehr Bernard Minier ein Meister der Spannungserzeugung ist, was seine Psychothriller darüber hinaus auszeichnet, sind die grundsätzlichen Überlegungen zur Welt, in der wir leben. So lässt er etwa den Psychiater Dr. Xavier sagen: „Der Wahnsinn ist nun mal überall, Martin. Ich würde sogar sagen, dass er die Welt regiert, wie siehst du das? Man versucht zu rationalisieren, zu verstehen – aber da gibt es einfach nichts zu verstehen. Die Welt wird jeden Tag verrückter.“

Was mich zudem für diesen Psychothriller einnimmt, sind die vielen aufschlussreichen Infos, die er mitliefert. Etwa, dass die Selbstmordrate in Norwegen siebenmal niedriger ist als in den USA. Oder, dass Ölbohrinseln sich zweihundertfünzig Kilometer von der Küste entfernt befinden, auf Stahlpfeilern, die in 146 Meter Tiefe auf den Meeresboden treffen. Bernard Miniers Schilderungen sind derart fesselnd, dass ich eine Offshoreplattform künftig wohl mit neuen Augen sehen werde.

Fazit: Clever gebaut, ungemein packend. Ein Katz-und-Maus-Spiel der Extraklasse!

Bernard Minier
Nacht
Droemer Verlag, München 2019

Martin Hartmann: Vertrauen

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser, sagt bekanntlich der Volksmund. Es wird uns also empfohlen, misstrauisch zu sein und die Juristen haben daraus ein Geschäftsmodell entwickelt. Der Grund, dass man zu Skepsis und Vorsicht mahnt, liegt darin, dass zu vertrauen so recht eigentlich unsere Grundeinstellung ist. Nehmen wir Fotos: Wir halten das, was sie zeigen, grundsätzlich für wahr – bis jemand kommt, und uns das Gegenteil beweist.

Vertrauen schaffen, sei wichtig, kann man allenthalben hören. Weshalb denn auch die höheren Gerichte nur sehr selten die Entscheide unterer Instanzen aufheben, denn damit würden sie die Glaubwürdigkeit der unteren Gerichte unterminieren.

All dies meint: Ohne Vertrauen geht so ziemlich gar nichts. Doch: Was ist das eigentlich Vertrauen?

Der Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern, Martin Hartmann, geht die Frage ziemlich abgehoben an, obwohl er das selber vermutlich nicht so sieht, da er auch, wie er schreibt, politikwissenschaftliche oder soziologische Studien in seine Überlegungen einbezieht, „die mir zum Teil etwas näher an der vielbeschworenen Realität zu sein scheinen.“ Aus meiner nicht-akademischen Perspektive haben akademische Studien eher wenig mit dem nicht-akademischen Leben zu tun (die akademische Welt lebt nach sehr eigenen, eben akademischen, Regeln). Nichtsdestotrotz halte ich des Professors Ausführungen für unbedingt lesenswert, denn sie klären differenziert auf, regen vielfältig an, weiten den Horizont und offerieren einen Einblick in akademisches Unterwegssein.

Martin Hartmann befasst sich nicht nur mit ganz vielen Studien, er setzt sich mit diesen intensiv auseinander, indem er fragt, intelligent fragt. Ich betone das, weil ich es auffällig finde, und auch, weil es natürlich auch ausgesprochen dumme Fragen gibt – entgegen der Auffassung von Pädagogen, die glauben, es gebe nur dumme Antworten (die es selbstverständlich ebenso gibt).

Vertrauen gehört zu den Begriffen, die wir oft benutzen, jedoch kaum definieren können. Ob eine überzeugende Definition nötig und hilfreich wäre, sei einmal dahin gestellt, doch die Frage, ob wir uns – man denke etwa an Fake News und an Politiker, die schamlos lügen – wirklich in einer Vertrauenskrise befinden, wie allüberall behauptet wird, stellt sich in der Tat. Martin Hartmann hat sich eingehend damit auseinandergesetzt; einer der Zwischentitel zeigt die Richtung an: „Die vielen Krisen des Vertrauens.“

„Warum neigen wir dazu, Vertrauen und Misstrauen total zu bestimmen, also als Einstellungen, die ganz oder gar nicht da sind?“, gehört für mich zu den Kernsätzen dieses Buches, weil er so recht eigentlich auch andeutet, dass unser Denken in Entweder/Oder-Kategorien bei Grundfragen unserer Existenz selten hilfreich sind. Es kommt drauf an, heisst es denn auch regelmässig, wenn man nach klaren Antworten verlangt.

Vertrauen ist ein sehr dichtes Buch, der Autor hat eine ungeheuere Fülle an Material verarbeitet. Was ich vor allemn daran schätze ist, dass man dem Autor beim Denken zusehen kann. Und dieses, sein Denken, ist ausgesprochen vielfältig, springt von Hier nach Dort, wie das Gedanken eben so tun. Bei Martin Hartmann heisst das: Von Jean-Paul Sartre zu David Hume, von Jean Améry zu Erik Erikson, von Richard Ford zu Wolfgang Herrndorf, von Skandalen zum Freiheitsbegriff, von online Transaktionen zu medizinischen Fragestellungen. „Sollen Ärzte alles sagen, was sie wissen? Dürfen sie unaufrichtig sein oder gar lügen?“

Ob, wie Ingeborg Bachmann meinte, die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist, halte ich für fraglich. Die alten Römer sahen das meines Erachtens realistischer: mundus vult decipi – Die Welt will betrogen werden.

Trotzdem: Transparenz wird gelegentlich als Heilmittel gegen Misstrauen empfohlen. Nur eben: So einfach ist es nicht. Martin Hartmann führt das unter anderem anhand eines absurd ausführlichen Fragebogens aus, den seine Tochter für einen Basketballkurs an einer amerikanischen Schule ausfüllen musste. Mich selber erinnerte das an eine Hirnoperation, der ich mich vor einigen Jahren zu unterziehen hatte. Am Abend vor dem Eingriff musste ich eine Erklärung unterzeichnen, mit der ich in Kenntnis gesetzt wurde, was für Folgen der Eingriff haben könnte. Die völlige Verblödung schien nicht ausgeschlossen. Mit anderen Worten: Vermeintliche Transparenz unterminiert oft Vertrauen.

Doch so einfach ist es auch wieder nicht. Wie komplex es wirklich ist, erläutert Martin Hartmann in diesem aufklärenden Buch. Dabei weist er auch auf Aspekte hin, die gemeinhin übersehen werden: Nicht nur können und wollen wir oft anderen nicht vertrauen, wir wollen es manchmal auch selber gar nicht, weil wir Angst haben, verletzt zu werden. Dabei „verwechseln wir Vertrauen mit dem Versprechen von Sicherheit.“

„Nachdenken, so scheint es, zerstört Vertrauen, zersetzt es und macht es schwer …“, lese ich im Vorwort. Martin Hartmann irrt, sein eigenes Nachdenken über Vertrauen beweist es.

Vertrauen offeriert eine Lektüre, die lohnt!

Martin Hartmann
Vertrauen
Die unsichtbare Macht
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020

Jean-Philippe Toussaint: Der USB-Stick

Jean Detrez leitet eine Abteilung der Europäischen Kommission für Strategische Zukunftsforschung. Dass er selber nicht sagen kann, was das genau ist (er kann hingegen ausführlich darüber referieren, was es nicht ist), ist so recht eigentlich ein Merkmal bürokratischer Ungetüme, deren Sinn und Zweck der Arbeitsplatzbeschaffung für diplomierte, systemangepasste Menschen ist, für die es sonst keine Verwendung gäbe.

Detrez soll eine Machbarkeitsstudie über eine europäische Blockchain-Technologie entwickeln, damit Europa künftig weniger abhängig von China und den USA zu sein würde. „Die Blockchain ist eine Speichertechnologie, Äquivalent eines Buchführungsjournals – ein immenses anonymes und manipulationssicheres Register – , das die Historie sämtlicher zwischen den Nutzern jemals durchgeführter Transaktionen dokumentiert.“

Zwei Lobbyisten bemühen sich um ihn, er lässt sich auf geheime Treffen mit ihnen ein, ihm wird versichert, es sei alles legal. „… so war seine Art, immerfort mit der Fahne der Rechtmässigkeit herumzuschwenken, mehr noch, der strikten Rechtmässigkeit (für ihn war, wie ich vermute, die strikte Rechtmässigkeit legaler als die normale Rechtmässigkeit) …“. Es sind solche ganz wunderbaren, zum Schmunzeln einladenden Sätze, die mich für dieses schöne Buch einnehmen.

Detrez will sich von den beiden Lobbyisten nicht einfangen lassen, doch dann fällt ihm ein USB-Stick in die Hände, der geheime Informationen enthält. Hier nur soviel: Es geht um Fördermittel und Spionage, involviert sind die EU, Bulgarien und China. Und so findet sich Jean Detrez bald in China, was zwar nicht wahnsinnig realitätsnah ist (ein hoher EU-Beamte, der aus eigener Intitiative und auf eigene Rechnung vor Ort recherchiert, wirklich?) und auch, was er da erlebt (so wird ihm etwa sein MacBook Air, das er auf den Boden der WC-Kabine stellt, bevor er sich auf die Kloschüssel setzt, vor seinen Augen entwendet), wirkt arg weit hergeholt – und liest sich trotzdem spannend wie ein Thriller.

Andrerseits: Der Mann kann schreiben und weiss sich meisterhaft auszudrücken. Dass es sich um eine Übersetzung aus dem Französischen handelt, wusste ich zwar, gemerkt hätte ich es wohl nicht – so gut ist sie.

Dass dieser Roman mich als Erzählung etwas ratlos lässt, ändert nichts daran, dass ich das Buch gerne gelesen habe – ich mochte sowohl den Stil wie auch die Ausdrucksweise des Autors. So bewirkten etwa die Ausführungen des Protagonisten zur Zukunftsforschung („Die Zukunft darf nicht als etwas bereits Feststehendes betrachtet werden, vielmehr als etwas Offenes, noch zu Konstruierendes, etwas, worauf heutige Entscheidungen noch einen Einfluss haben“) oder sein Kampf mit dem diebstahlsicheren Kleiderbügel im Hotel in Dalian, dass ich laut herauslachen musste.

Mit fortschreitender Lektüre habe ich dann gemerkt, dass ich diesen Roman als einzelne voneinander unabhängige Geschichten lese und mich deshalb an der Lektüre erfreue. Neben den sprachlichen Fertigkeiten des Autors haben es mir auch die Handlungsorte angetan. In China habe ich einst unterrichtet, mein Japan-Besuch liegt noch nicht einmal ein Jahr zurück – immer neue Bilder stellen sich in meinem Kopf ein.

À propos Japan: Als Jean Detrez einmal in Tokio kein Netz für sein Handy hat und sich nach Alernativen umsieht, wird er darauf hingewiesen, dass es am Bahnhof von Shibuya öffentliche Telefonzellen gebe. Eine junge Angestellte einer Buchhandlung erklärte ihm, „die Behörden hätten sie tatsächlich niemals völlig aus dem Verkehr gezogen, weil sie die einzigen seien, die im Falle eines Erdbebens funktionierten.“

Fazit: Differenziert, feinfühlig und wunderbar ironisch.

Jean-Philippe Toussaint
Der USB-Stick
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2019

Kassia St Clair: Die Welt der Farben

Dieses Buch gehört so recht eigentlich allein schon des Buchumschlags wegen auf jeden Büchertisch. Autorin Kassia St Clair beschreibt es in ihrem Vorwort als den „Versuch eines geschichtlichen Überblicks verbunden mit einer Charakterstudie über die 73 Farbtöne, die mich am meisten fasziniert haben.“ Dabei versammelt sie auf höchst unterhaltsame Art und Weise ganz unterschiedliche Informationen, von der Medizin zur Geografie, von Geschichtlichem zur Materialkunde. Der Reiz dieses ganz wunderbaren Werkes beruht nicht zuletzt auf diesem Mix von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Kuriosem und Anekdoten.

Wie nehmen wir eigentlich Farben wahr? Von dem elektromagnetischen Wellenspektrum, das uns umgibt, ist nur ein kleiner Teil sichtbar. „Was wir wirklich sehen, wenn wir etwa eine reife Tomate oder grüne Farbe erblicken, ist Licht, das von der Oberfläche eines Objekts reflektiert wird.“ So saugt etwa die Haut der Tomate den Grossteil der kurzen und mittleren Wellenlängen auf, also Blautöne, Violett, Grün, Gelb und Orange, die Rottöne jedoch nicht. Diese treffen auf unsere Augen und werden vom Gehirn verarbeitet. „In gewisser Weise ist also die Farbe, die wir an einem Objekt wahrnehmen, genau die Farbe, die es nicht hat: nämlich der Teil des Spektrums, der wegreflektiert wird.“

Die Welt der Farben klärt vielseitig auf. So lerne ich etwa, dass die Netzhaut, welche sich an der Innenseite des Augapfels befindet, voller lichtempfindlicher Sinneszellen ist. Davon sind etwa 120 Millionen, die Stäbchen genannt werden und zwischen hell und dunkel unterscheiden, und etwa sechs Millionen sogenannte Zäpfchen, die auf Farben reagieren. Auch erfahre ich, dass das Sprechen über Farben voller Tücken ist. „Kinder, die mühelos ein Dreieck von einem Viereck unterscheiden können, haben möglicherweise mit der Unterscheidung von Rosa, Rot und Orange zu kämpfen.“ Wie immer im Leben ist auch bei den Farben nichts so eindeutig wie wir automatisch annehmen.

À propos Orange: Der russische Maler Wassily Kandinski schrieb in „Über das Geistige in der Kunst“ Orange sei einem „von seinen Kräften überzeugten Menschen ähnlich“ und Kassia St Clair hat keinen Zweifel, dass Orange ein gewisses Selbstvertrauen entwickelt. Dann wird Orange aber auch verwendet, um auf mögliche Gefahr aufmerksam zu machen. Zudem: „Die Blackbox eines Flugzeugs, die die Fluginformationen aufzeichnet, ist ebenfalls orange, damit sie bei einem Absturz schneller lokalisiert werden kann.“

Rosa für Mädchen, Blau für Jungs – so sieht man das überall. Würde man meinen. Doch die klare Rosa-Mädchen/Blau-Jungen Zuordnung ist erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden. Augenzwinkernd kommentierte ein Artikel aus dem Jahre 1893 in der New York Times: „Die Aussichten von Jungen sind so viel rosiger als die von Mädchen, dass es genügt, die Mädchen babyblau zu kleiden, um es auf das Leben als Frau vorzubereiten.“
Dass die Farbwahrnehmung auch vom Zeitgeist abhängig ist, zeigt sich unter anderem beim Grün, das heutzutage oft mit umweltfreundlicher Politik in Zusammenhang gebracht wird, von dem jedoch zu Shakespeares Zeiten geglaubt wurde, es würde als Kostüm auf der Bühne getragen Unglück bringen.

Kassia St Clair berichtet auch von der buddhistischen Fabel, gemäss welcher einem kleinen Jungen im Schlaf eine Gottheit erscheint, die ihn anweist, seine Augen zu schliessen und sich nicht Meeresgrün vorzustellen, damit sein grösster Wunsch in Erfüllung gehe. „Die Geschichte hat zwei mögliche Ausgänge: Bei dem einen gelingt es dem Jungen irgendwann, und er findet die Erleuchtung; bei dem anderen wird er so von seinem permanenten Scheitern zermürbt, dass ihm Leben und Verstand nach und nach entgleiten.“

Bei Gold denke ich automatisch an ein Metall und nicht etwa an eine Farbe, obwohl es das natürlich auch ist. Sie gilt gleichzeitig als Farbe der Verehrung und als das Verehrte selbst, was auch auf seine Knappheit zurückzuführen ist. „Obwohl überall auf der Welt Goldminen gefunden wurden, hat der Goldrausch dazu geführt, dass sie schnell ausgeschöpft wurden. Europa verfügt über vergleichsweise wenig Goldvorkommen und war schon immer auf Gold aus Afrika und Asien angewiesen.“ Dass es in Asien Gold gibt, war mir nicht bekannt. Ich erinnere mich, auch gestaunt zu haben, als einige meiner Englisch-Studenten im argentinischen Mendoza für eine Goldschürffirma arbeiteten.

Es ist die faszinierende und beeindruckende Bandbreite an aufschlussreichem Wissen, die Kassia St Clair in Die Welt der Farben  sehr unterhaltsam ausbreitet, die mich ganz unbedingt für dieses ungemein anregende Buch einnimmt.

Fazit: Ein Geniestreich!

Kassia St Clair
Die Welt der Farben
Atlantik, Hamburg 2019

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