Natürlich gehe ich Bücher voreingenommen an. Bei R.O. Kwons „Die Brandstifter“ ist es das farblich ansprechende Cover und das Foto der Autorin, die mich unmittelbar ansprechen sowie dass diesem gut in der Hand liegenden Roman ein Zitat von Clarice Lispector vorangestellt ist: „Im Grunde von allem gibt es das Halleluja“, das ist fast so gut finde wie mein Lieblingszitat von ihr: „Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.“
Es versteht sich: Die ersten Seiten sind entscheidend, des Tones, der Sprachmelodie wegen. In R.O. Kwons „Die Brandstifter“ bin ich sofort drin. Und unter anderem entzückt über diesen Satz: „Erinnerungen sind zur Hälfte erfunden, aber heute kommt es mir vor, als hätte ich meine ganze Kindheit mit Üben verbracht, um zu beweisen, dass ich so eine bedeutenden Pianistin war, wie ich das glaubte.“ Phoebe sagt diesen Satz, Sie fordert viel von sich, scheitert, will aufhören. „Ich konnte keinen Sinn darin sehen, mein Leben der Musik zu widmen, wenn ich dem, was die führenden, von mir verehrten Pianisten erreicht hatten, nichts hinzufügen konnte. Jeder Versuch war reine Zeitverschwendung.“ In ihr ist die spätere Radikalisierung bereits angelegt.
Am Edwards College lernt sie Will kennen. Er ist katholisch aufgewachsen, hat aber den Glauben verloren und muss den lang gehegten Plan aufgeben, sein Leben Gott zu widmen.
Immer mal wieder gibt es Szenen in diesem Buch, die mich schmunzeln machen. Als Phoebe bei einem gemeinsamen Picknick mit Will auf eine vorbei fliegendes Flugzeug zeigt, notiert sie: „Gehorsam hob er den Kopf und sah nach oben. Das würde ich gerne mal lernen, sagte er. Wie man ein Flugzeug steuert. Nur für den Fall. Für welchen Fall? Na, falls der Pilot während des Flugs ohnmächtig wird oder …Aber jedes Flugzeug hat doch zwei Piloten. Kleine Flieger nicht. Stimmt, sagte ich. Wenn also in diesem kleinen Flugzeug der Pilot ohnmächtig wird, dann würdest du schnell ins Cockpit düsen. Du könntest allen das Leben retten und wärst der grosse Held. Du hast recht, sagte er. Ich berührte seine Nasenspitze mit meiner. Ganz sicher war ich mir allerdings nicht, was ich da eigentlich machte. Seine Aufmerksamkeit hatte ich jedenfalls …“
Die beiden werden ein Paar. Will geht für ein bezahltes Praktikum bei einem kleinen Investmentfonds nach Peking, Phoebe bleibt in Noxhurst und nimmt an Treffen im Haus von John Leal teil, einem christlichen Aktivisten, der geholfen hatte, nordkoreanische Flüchtlinge aus ihrem Land zu schmuggeln und in einem chinesischen Gulag gelandet war. Will wird nach einem Aufnahme-Ritual in die Gruppe aufgenommen, wo von den Mitgliedern erwartet wird, Intimstes preiszugeben. Dann beordert John Leal die Gruppe nach Manhattan, um an einem Marsch von Abtreibungsgegnern teilzunehmen.
Phoebe taucht immer stärker in die Sekte ein, wird abhängig von Sektenführer Leal. Will hält ihn hingegen für einen Lügner, eine Google-Suche ergibt nichts von einem Amerikaner in einem chinesischen Gulag. Die zunehmende Entfremdung von Phoebe und Will gehört zu den eindrücklichsten Passagen dieses gut geschrieben Romans, den ich als komplizierte Beziehungsgeschichte und nicht, wie einige Medienleute, als religiöse Radikalisierungsgeschichte gelesen habe,
Dann werden im Staate New York fünf gynäkologische Facharztkliniken in die Luft gesprengt, fünf Schülerinnen der lokalen Highschool werden dabei getötet. Bei Will steht das FBI vor der Türe, war Phoebe etwa in die Attentate involviert …?
PS: Hier noch mein Lieblingssatz: „Ich habe lange gebraucht, um mich an das Wissen zu erinnern, mit dem ich geboren wurde.“
R.O. Kwon
Die Brandstifter
Verlagsbuchhandlung Liebeskind; München 2019



