R.O. Kwon: Die Brandstifter

Natürlich gehe ich Bücher voreingenommen an. Bei R.O. Kwons „Die Brandstifter“ ist es das farblich ansprechende Cover und das Foto der Autorin, die mich unmittelbar ansprechen sowie dass diesem gut in der Hand liegenden Roman ein Zitat von Clarice Lispector vorangestellt ist: „Im Grunde von allem gibt es das Halleluja“, das ist fast so gut finde wie mein Lieblingszitat von ihr: „Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.“

Es versteht sich: Die ersten Seiten sind entscheidend, des Tones, der Sprachmelodie wegen. In R.O. Kwons „Die Brandstifter“ bin ich sofort drin. Und unter anderem entzückt über diesen Satz: „Erinnerungen sind zur Hälfte erfunden, aber heute kommt es mir vor, als hätte ich meine ganze Kindheit mit Üben verbracht, um zu beweisen, dass ich so eine bedeutenden Pianistin war, wie ich das glaubte.“ Phoebe sagt diesen Satz, Sie fordert viel von sich, scheitert, will aufhören. „Ich konnte keinen Sinn darin sehen, mein Leben der Musik zu widmen, wenn ich dem, was die führenden, von mir verehrten Pianisten erreicht hatten, nichts hinzufügen konnte. Jeder Versuch war reine Zeitverschwendung.“ In ihr ist die spätere Radikalisierung bereits angelegt.

Am Edwards College lernt sie Will kennen. Er ist katholisch aufgewachsen, hat aber den Glauben verloren und muss den lang gehegten Plan aufgeben, sein Leben Gott zu widmen.

Immer mal wieder gibt es Szenen in diesem Buch, die mich schmunzeln machen. Als Phoebe bei einem gemeinsamen Picknick mit Will auf eine vorbei fliegendes Flugzeug zeigt, notiert sie: „Gehorsam hob er den Kopf und sah nach oben. Das würde ich gerne mal lernen, sagte er. Wie man ein Flugzeug steuert. Nur für den Fall. Für welchen Fall? Na, falls der Pilot während des Flugs ohnmächtig wird oder …Aber jedes Flugzeug hat doch zwei Piloten. Kleine Flieger nicht. Stimmt, sagte ich. Wenn also in diesem kleinen Flugzeug der Pilot ohnmächtig wird, dann würdest du schnell ins Cockpit düsen. Du könntest allen das Leben retten und wärst der grosse Held. Du hast recht, sagte er. Ich berührte seine Nasenspitze mit meiner. Ganz sicher war ich mir allerdings nicht, was ich da eigentlich machte. Seine Aufmerksamkeit hatte ich jedenfalls …“

Die beiden werden ein Paar. Will geht für ein bezahltes Praktikum bei einem kleinen Investmentfonds nach Peking, Phoebe bleibt in Noxhurst und nimmt an Treffen im Haus von John Leal teil, einem christlichen Aktivisten, der geholfen hatte, nordkoreanische Flüchtlinge aus ihrem Land zu schmuggeln und in einem chinesischen Gulag gelandet war. Will wird nach einem Aufnahme-Ritual in die Gruppe aufgenommen, wo von den Mitgliedern erwartet wird, Intimstes preiszugeben. Dann beordert John Leal die Gruppe nach Manhattan, um an einem Marsch von Abtreibungsgegnern teilzunehmen.

Phoebe taucht immer stärker in die Sekte ein, wird abhängig von Sektenführer Leal. Will hält ihn hingegen für einen Lügner, eine Google-Suche ergibt nichts von einem Amerikaner in einem chinesischen Gulag. Die zunehmende Entfremdung von Phoebe und Will gehört zu den eindrücklichsten Passagen dieses gut geschrieben Romans, den ich als komplizierte Beziehungsgeschichte und nicht, wie einige Medienleute, als religiöse Radikalisierungsgeschichte gelesen habe,

Dann werden im Staate New York fünf gynäkologische Facharztkliniken in die Luft gesprengt, fünf Schülerinnen der lokalen Highschool werden dabei getötet. Bei Will steht das FBI vor der Türe, war Phoebe etwa in die Attentate involviert …?

PS: Hier noch mein Lieblingssatz: „Ich habe lange gebraucht, um mich an das Wissen zu erinnern, mit dem ich geboren wurde.“

R.O. Kwon
Die Brandstifter
Verlagsbuchhandlung Liebeskind; München 2019

James Lee Burke: Mein Name ist Robicheaux

James Lee Burke zu lesen bedeutet nicht nur, bestens unterhalten zu werden sowie viel über Louisiana zu lernen („Über viele Jahre war unsere Gesetzgebung als Irrenanstalt verschrieben, die von ExxonMobil geleitet wurde. Seit Huey Long war Volksverhetzung an der Tagesordnung: Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie wurden zu religiösen Tugenden und selbstverherrlichende Arroganz wurde zur Quelle von Stolz.“), es bedeutet auch, mit wohltuenden praktischen Lebensweisheiten bedient zu werden. Etwa die: Wir sind nicht anders als die Toten, die „immer noch bei uns sind und wir immer noch bei ihnen, und dass es kein Leben nach dem Tod gibt, sondern nur ein einziges Leben, ein Kontinuum, in dem alle Zeit zugleich ist, wie ein Traum im Kopf Gottes.“

Detective Dave Robicheaux, der viele Jahre als Cop beim New Orleans Police Department tätig war, verliert seine Frau bei einem Autounfall. Er sucht den Mann auf, einen zwielichtigen Charakter namens T.J. Dartez, der seiner Meinung nach den Unfall mitverursacht hat und droht ihm.

Robicheaux ist Alkoholiker, besucht Treffen der AA (Anonyme Alkoholiker), bei denen die Mitglieder regelmässig an das Motto HALT erinnert werden, was bedeutet nicht zu hungrig (hungry), wütend (angry), einsam (lonely) oder müde (tired) zu werden. „Ich war alles gleichzeitig“, erkennt Robicheaux, doch da Erkenntnisse selten viel fruchten, betrinkt er sich eines Tages und wacht am nächsten Morgen nur mit Unterwäsche bekleidet und mit verschrammten Fingerknöcheln auf. Ihm ist kotzübel, er hat keine Erinnerung an die Vorkommnisse der vergangenen Nacht.

Dann erfährt er, dass D.J. Dartez zu Tode gekommen ist. Und gerät in Verdacht. Was ist wirklich vorgefallen in jener Nacht? Robicheaux beginnt nachzuforschen. Und stösst dabei auf höchst komplexe Zusammenhänge und auf von der Angst getriebene Menschen, die nur unter grossen Schwierigkeiten mit dem Leben so einigermassen klarkommen. Er würde jederzeit die Komödie dem Rationalen vorziehen, sagt Robicheaux einmal.

James Lee Burke erzählt keine „Wer-war der Täter?“-Krimis, vielmehr lässt er uns an seinen Einsichten über Gott und die Welt teilhaben und diese sind von der Art Nüchternheit geprägt, die manch genesendem Alkoholiker eigen ist. Denn nüchtern zu werden bedeutet auch, seine Illusionen zu verlieren und einen realistischen Blick aufs Dasein zu gewinnen. „Ich kenne Cops beiderlei Geschlechts bei der Sitte, die das Seelenkostüm verkappter Sadisten und moralisch verkommener Menschen besitzen. Ich habe auch schon Gefängnisaufseher kennengelernt, die kein Problem damit gehabt hätten, in Dachau zu arbeiten. Dass wir solche Leute in Schutz nehmen, geht über meinen Verstand.“

Gesetze sind ungerecht und schützen häufig die Falschen, weshalb sich denn Detective Robicheaux nicht immer an sie hält. Leiten lässt er sich dabei von seinem Gerechtigkeitsempfinden und dieses ist intakt („Jeder, der sexuelle Übergriffe für ein Kavaliersdelikt hält, braucht sich nur den Einfluss auf die Opfer anzusehen, um seine Haltung zu ändern.“); seine Methoden sind so unzimperlich wie die von denjenigen, denen er an den Kragen geht.

Wie immer bei James Lee Burke spielen die Bayous, Cajun-Musik und alles, was sonst noch die Louisiana-Vibes ausmacht, eine zentrale Rolle. Man wähnt sich selber oft mit vor Ort, so gut ist das geschildert.

Es gibt ganz unterschiedliche Handlungsstränge in diesem Buch, die dann doch wieder alle miteinander verhängt sind, das ein gewalttätiges und korruptes Amerika zeigt (Glücksspiele, Prostitution, Drogen, organisiertes Verbrechen), von dem in den Medien, die uns mit politischen Analysen langweilen, selten so zu lesen ist. Was es auch zeigt, ist ein Amerika, in dem dieselben Ängste, Manien und Depressionen regieren wie all überall auf der Welt. Und nicht zuletzt macht es klar, dass es Geisteskranke gibt, die unsere Ratio weder begreifen kann, noch zu begreifen versuchen sollte. „Meiner Meinung nach begeht man eine der grössten Dummheiten der Welt, wenn man versucht, sich in geistesgestörte Menschen hineinzuversetzen. Normalerweise machen wir dabei den Fehler anzunehmen, dass es einen rationalen Grund für ihr Verhalten gibt. In den meisten Fällen gibt es keinen.“

Mein Name ist Robicheaux ist ein spannendes Buch voller überraschender Wendungen und Robicheaux ist ein sehr menschlicher Held, bei dem Anteilnahme, Fehlverhalten und genaues Hinschauen bequem nebeneinander existieren und dessen Einsichten (also die von James Lee Burke) von reflektierter Lebenserfahrung zeugen. „Du wirst mit deinen Schlangen entweder allein fertig oder eben nicht, Mann. Manchmal bist du eben die einzige Katze in der Kathedrale. Gibt keinen, der dir das abnehmen kann.“

Nicht zuletzt ist Mein Name ist Robicheaux ein Werk reich an Sätzen, die man nicht überlesen, sondern auf sich wirken lassen sollte. „Zufall ist deine ganz persönliche höhere Macht, die im Verborgenen handelt.“ Und: „Die Menschen sind das, was sie tun, nicht das, was sie denken oder was sie sagen. Doch ich glaube, wir alle haben diese Momente, in denen uns klar wird, dass wir keinen Menschen je in seiner Gänze kennen werden.“ „Einsamkeit und innerer Frieden sind wahrscheinlich die einzige Vorbereitung, die jemand für den Tod treffen kann.“

James Lee Burke ist ein exzellenter Menschenkenner. Und ein spannender Erzähler. Seine Geschichten schöpfen aus dem richtigen Leben, das er uns mittels der Fiktion nahe bringt. Deshalb lohnen sich seine Bücher. Alle. Und Mein Name ist Robicheaux ganz besonders.

James Lee Burke
Mein Name ist Robicheaux
Pendragon, Bielefeld 2019

Luise Reddemann: Schlussstücke

„Wenn ich noch einmal leben dürfte, würde ich mir angewöhnen, jeden Abend über den Tod nachzudenken. Ich würde mir den Tod sozusagen in Erinnerung rufen. Keine andere Übung lässt einen das Leben intensiver spüren. Wenn der Tod naht, sollte er einen nicht mehr überraschen. Er sollte Teil dessen sein, was man vom Leben erwartet. Ohne das ständige Bewusstsein vom Tod ist das Leben fade. Es ist wie ein Ei ohne Eigelb“, schrieb die damals 41jährige Muriel Spark in Memento Mori.

Zu diesen Sätzen springen meine Gedanken, als ich die Einleitung zu Luise Reddemanns Schlussstücke. Gedanken über Vergänglichkeit und Tod lese. Nein, Muriel Spark wird darin nicht erwähnt und warum mein Gehirn einen Bezug zu Frau Prof. Reddemanns Text herstellt, weiss ich nicht wirklich, da könnte ich nur raten und das mag ich gerade nicht. Doch soviel soll sein: Für mich bedeutet die Beschäftigung mit dem Tod eine Auseinandersetzung mit dem Leben, meinem Leben, denn ein anderes kenne ich nicht.

Seit mindestens 50 Jahren, schreibt die Autorin, begleite sie Prediger 3: Ein jegliches hat seine Zeit. Und sie fügt hinzu: „Und er bedeutet mir immer wieder Unterschiedliches.“ Da mich dieser Text auch schon seit langem begleitet und mir auch immer wieder Neues und Anderes bedeutet, haben die Schlussstücke. Gedanken über Vergänglichkeit und Tod  bereits meine Sympathie. Doch nicht nur deswegen – die Suche nach Identifikation ist nur einer unter vielen (und mir grösstenteils wohl gar nicht bewussten) Gründen, weshalb ich Bücher lese – , sondern auch, weil Luise Reddemanns Ausführungen anregend (sofort will ich mir die schon lange im Regal stehende, noch nicht gelesene Beethoven-Biografie vornehmen) und horizonterweiternd sind.

Das Thema Vergänglichkeit und Tod habe viel mit dem Herzen zu tun, doch ein wenig Vernunft könne dabei nicht schaden, notiert sie. Beide sind dem Menschen eigen genauso wie die Trauer und das Lachen. Akzeptanz ist der Schlüssel, finde ich. „Und selbst wenn wir nicht mehr gläubig sind wie Bach, können wir anerkennen, dass ‚das Leben‘ grösser ist als wir selbst. Dieser Gedanke leitet mich“, so Luise Reddemann und weist, unter Bezugnahme auf Hildegard von Bingen, darauf hin, wie uns das Betrachten der Natur zum Lebenlernen führen kann.

Johann Sebastian Bach, für den Dankbarkeit von grosser Bedeutung war, nimmt einen wesentlichen Teil dieses Buches ein. Bachs Dankbarkeit ist angesichts seines eigenen Leids umso beeindruckender. Und natürlich hole ich meine Bach-CDs hervor, nicht nur Goulds Goldberg Variationen, die mich schon lange begleiten, sondern auch die schon ewig nicht mehr gehörte Johannes Passion (ich höre nur auf die Musik, nicht auf den Text), die ich jetzt mit nochmals anderen Ohren höre.

Luise Reddemann nimmt auf ganz unterschiedliche, aus verschiedenen Jahrhunderten stammende Autoren und Gedanken Bezug – von Viktor Frankl über Kurt Marti zu Andreas Gryphius, von der Bibel über den Buddhismus zur Psychotherapie – , die letztlich alle zum Ziel haben, sich mit dem Leben einverstanden zu fühlen. „Wer dem Leben als Ganzem vertraut, kann sich aufgehoben fühlen, selbst wenn es manchmal zum Verzweifeln ist.“

Doch Schlussstücke beschränkt sich nicht auf das Hinführen zu wesentlichen Gedanken, sondern geht darüber hinaus, indem es die persönliche und einfühlsame Lesart (und Hörkunst – es geht viel um Musik) der Autorin vorstellt. So erläutert sie unter anderem, höchst differenziert und anschaulich, was sie selber unter Resignation, Akzeptanz und Empathie versteht. Hier nur soviel: Es ist etwas anderes als üblicherweise damit verbunden wird

Schlussstücke ist ein wunderbar hilfreiches Buch

Luise Reddemann
Schlussstücke
Gedanken über Vergänglichkeit und Tod
Klett-Cotta, Stuttgart 2018

David Wallace-Wells: Die unbewohnbare Erde

„Es ist schlimmer, viel schlimmer, als Sie denken. Das langsame Voranschreiten des Klimawandels ist ein Märchen, das vielleicht ebenso viel Schaden anrichtet wie die Behauptung, es gäbe ihn gar nicht,“ So beginnt der beim New York Magazine tätige Journalist David Wallace-Wells seinen Report über den gegenwärtigen und zukünftigen Stand des weltweiten Klimas.

Auch heute noch wird darüber gestritten, ob es den Klimawandel überhaupt gibt. Dass dabei eine Minderheit der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler, die ganz klar einen Klimawandel feststellen, kein Vertrauen entgegenbringt, ist nicht nur erstaunlich, sondern schlicht nicht zu fassen. Jedenfalls für mich. Andererseits gibt es einiges in der heutigen Welt, das mich ähnlich fassungslos macht – etwa die nordamerikanischen und britischen Wähler oder das Schweizer Parlament.

Es gehört wesensmässig zum Menschen, dass er das Offensichtliche nicht wahrhaben will, also verdrängt er es. Vom eigenen Tod bis zu der Tatsache, dass jedes Verhalten (oder Nicht-Verhalten) Folgen hat – dass dem unkontrollierten Abholzen der Amazonas Wälder kein Einhalt geboten wird und dazu beiträgt, dem Planeten die Lebensgrundlage zu entziehen möge als Beispiel dienen.

Das Grundübel ist die Ignoranz. Lässt sich dagegen mit Information angehen? Ich bin zwar skeptisch, doch versuchen sollte man es trotzdem. Weil einem gar nichts anderes übrig bleibt. Denn Wissen ist das einzige Heilmittel gegen Unwissenheit.

Dass wir unter extremen Wetterverhältnissen leben, ist uns bewusst. Und so sehr wir heisse Sommer schätzen mögen, dass in der Schweiz, also vor meiner Nase, Gletscher schmelzen, mutet mehr als eigenartig an. „… extreme Wetterereignisse sind nicht ’normal‘ – sie sind nur die Randerscheinungen des immer schlimmer werdenden Klimageschehens, die uns nun heimsuchen.“

So haben sich etwa in den USA die Schäden durch normale Gewitter seit den 1980er Jahren mehr als versiebenfacht und die Stromausfälle durch Stürme haben sich seit 2003 verdoppelt. Es sind unter anderem solche konkreten Informationen, die mir dieses Buch wertvoll machen.
Angenommen, die Erde würde sich um drei Grad erwärmen, dann würde der Meeresspiegel um 50 Meter ansteigen und unter anderem zur Folge haben, dass nicht nur 97 Prozent von Florida und Delaware, 80 Prozent von Louisiana und und und …. versunken wären, sondern auch Städte wie New York, San Francisco, Houston, Manaus, Buenos Aires sowie die grösste Stadt im gänzlich von Land umschlossenen Paraguay, Asunción. Wie auch London, Dublin, Doha, Dubai, Bagdad, Peking … um nur einige zu nennen. „Die Welt wäre durch diese Überschwemmung zwar nicht buchstäblich bis zur Unkenntlichkeit entstellt, aber doch nicht weit davon entfernt.“

Übrigens: Wer Zweifel am Klimawandel hat, sollte sich  die Tatsache vor Augen führen, dass das US-Militär vom Klimawandel geradezu besessen ist. Einmal aus strategischen Gründen (vom Militär genutzte Inseln werden schlicht untergehen), dann aber auch aus Gründen der Stabilität. Sinkende Erträge und Produktivität haben Zwangsmigration zur Folge, nicht-staatliche Akteure wie der IS könnten sich der lokalen Ressourcen wie Trinkwasser bemächtigen. Konzerne sind ja bereits dabei …

Die unbewohnbare Erde. Leben nach der Erderwärmung ist der anschauliche und überzeugende Versuch, die wíssenschaftlichen Fakten des Kilmawandels verständlich darzustellen.

David Wallace-Wells
Die unbewohnbare Erde
Leben nach der Erderwärmung
Ludwig, München 2019

Bernd Stiegler / Felix Thürlemann: Meisterwerke der Fotografie

150 Abbildungen enthält dieser Band und man fragt sich unwillkürlich, nach welchen Kriterien die beiden an der Uni Konstanz lehrenden Autoren zu ihrer Auswahl gekommen sind. Das informative und gut geschriebene Vorwort gibt darüber Auskunft. „Die Fotografie ist ein Medium, das seit seiner Erfindung in höchst unterschiedlichen Feldern Anwendung fand und gerade dadurch seine besondere Bedeutung gewann. Will man der Fotografie gerecht werden, so kann man sie nicht einfach nur unter die Meisterwerke der Kunst einreihen.“ Hätte man das gemacht, wäre das Resultat ein Bilderbuch gewesen. Und das ist dieses Buch gerade nicht, vielmehr versucht es die unglaublich vielfältigen Erscheinungsformen der Fotografie darzustellen. Gelingt es? Ja, es gelingt, denn die Autoren schaffen es überzeugend, die Fotografie nicht nur als ästhetisches, sondern auch als historisches, kulturgeschichtliches und wissenschaftliches Dokument zu präsentieren.
 
Stiegler und Thürlemann verstehen die Geschichte der Fotografie als eine Geschichte der Entdeckungen und diese sind in der Tat mannigfaltig: einmal in technischer Hinsicht (von der Daguerreotypie zu digitalen Daten), dann aber auch im Sichtbarmachen (der Blick auf die Wirklichkeit wird verändert) und, dies fand ich ganz besonders interessant (weil ich das noch nie so gesehen hatte), indem sie „das Verhältnis von Nähe und Ferne radikal verändert“ (man denke etwa an die Reisefotografie).
 
„Dem Format des Bandes ist eine Konzentration auf Hochformate geschuldet, die allerdings für die Fotografiegeschichte insgesamt keineswegs typisch ist. Das Gros der Bilder vor allem im 20. und 21. Jahrhundert sind Querformate …“. Es sind solche aufschlussreichen Informationen (und das Buch ist voll davon), die diesen Band für mich zu einer wahren Schatztruhe machen.
 
Es versteht sich, die Fotos, die mich schon seit Jahren faszinieren (und über einige von ihnen habe ich auch selber publiziert), hatten meine ganz besondere Aufmerksamkeit. Etwa Dorothea Langes „Mutter einer Wanderarbeiterfamilie“ oder Robert Capas „Fallender Soldat“ – ich fand beide Texte sehr gelungen, auch wenn ich das Capa-Bild anders gewichte (meine Quelle ist John Mraz auf http://www.zonezero.com): Capa erzählte einer Freundin, der deutschen Fotografin Hansel Mieth, die für das Magazin „Life“ arbeitete, der Milizionär und er hätten geblödelt. Der Milizionär hatte offenbar für die Kamera so getan, als ob er mitten im Gefecht stünde. In diesem Moment tauchten faschistische Soldaten auf und begannen zu schiessen, wobei der Milizionär zu Tode kam.
 
Einige der mir besonders lieben Fotos, etwa René Burris „Männer auf dem Dach, São Paulo, 1960“ oder Sebastião Salgados „Goldmine von Serra Pelada“, begann ich nach der Lektüre des Begleittextes neu zu sehen. Im Falle von Burri machte er mich darauf aufmerksam, wie irreführend diese Bildlegende ist; im Falle von Salgado wegen so treffenden Ausführungen wie diesen: „Aus der Distanz betrachtet schliessen sich die Individuen zu einer regelmässig bewegten, ornamental verknüpften Masse zusammen. Man könnte an die geknechteten Sklavenheere der Antike denken, wenn man nicht wüsste, dass es die Hoffnung auf Gewinn war, die die Männer dazu gebracht hat, sich in einer Art von Ameisenstaat mit eigenen Regeln zu organisieren.“ Andere Fotos begann ich überhaupt erst „zu sehen“, weil mir der Text dazu klar machte, was meine Augen bislang nur registriert hatten.
 
Fazit: Eine echte Bereicherung für alle, denen Fotografie mehr bedeutet, als einfach nur Bilder anzugucken.

Bernd Stiegler / Felix Thürlemann
Meisterwerke der Fotografie
Reclam, Stuttgart 2011

Andrew Shaffer: Hope Never Dies

Der Amtrak-Schaffner Finn Donnelly hat sich vor den Zug geworfen, vollgepumpt mit Drogen und einer Karte, auf der Joe Bidens Anwesen markiert war. Ganz und gar unwahrscheinlich, dass Finn sich umgebracht hatte, denkt Biden. Mit Drogen vollgepumpt? Der Mann trank doch nicht einmal Alkohol. Zusammen mit Obama geht Biden der Sache nach.

Barack Obama und Joe Biden als Ermittlerteam? Dass das nicht ganz ernst gemeint sein kann, versteht sich von selbst. Und dass die beiden Finn Donnellys Tod (angeblich Joe Bidens Lieblingsschaffner) aufklären sollen, ist auch eher unwahrscheinlich – diese beiden Millionen-schweren Politiker verkehren nicht nur in anderen Kreisen, sie haben wohl auch anderes zu tun. Was soll das Ganze also? Dem Autor die Möglichkeit geben, unterhaltsam und interessant über Politik aufzuklären, vermute ich mal, und so ist denn auch.

„Das Chaos im Weissen Haus ging weiter. Eins bekam die aktuelle Regierung hervorragend hin. Wer ein unbeliebtes Gesetz bei minimalem Widerstand durchdrücken will, lenkt seine Feinde ab. Man lässt sich jeden Tag etwas Neues – etwas Grosses, Unverschämtes und vorzugsweise Dummes – einfallen, das die Schlagzeilen dominiert, und automatisch rutschen alle langweiligen Berichte über die systematische Zersetzung des Landes auf die letzte Seite, zusammen mit den Cartoons von Hägar dem Schrecklichen.

„In so einer Welt leben wir jetzt. Niemand wollte mehr die Verantwortung übernehmen, nicht mal auf höchster Regierungsebene. Schon gar nicht auf höchster Regierungsebene.“

Doch Politik ist nur das Eine, es geht bei Hope Never Dies noch um ganz Anderes, nämlich um die Befindlichkeit eines Landes, das derzeit eher für Albtraum als für Hoffnung steht. Natürlich nicht für alle, doch definitiv für den Autor dieses unterhaltsamen und witzigen Buches, der Biden sagen lässt: „Zu meiner Zeit waren nur die Matrosen tätowiert. Ich musste mich wieder einmal daran erinnern, dass wir nicht mehr zu meiner Zeit lebten.“

Die Geschichte ist aus der Sicht von Joe Biden erzählt, über dessen Leben man recht viel erfährt, von dem ich annehme, es sei nicht erfunden. „Ich fühlte mich so alt, wie ich war, auch wenn ich das niemals irgendwem eingestanden hätte, auch nicht Jill.“ Auch das Leben der Obamas kommt zur Sprache – offenbar hat dort Michelle das Sagen. Ob die Sätze über das Wesen des Mannes, die der Autor Andrew Shaffer Barack Obama in den Mund legt, von diesem stammen, weiss ich zwar nicht, doch sie sind gut (und treffen meines Erachtens auch auf das Wesen der Frau zu). „Er denkt sehr oft, was er nicht denken sollte. Kontrollieren lassen sich nur unsere Taten.“

Die Handlung spielt im Jahr 2016 und so kriegt man auch Einblicke in die Regierungszeit von Obama und Biden. Nicht mehr präsent war mir unter anderem, dass die Republikaner Obama als Präsidenten nicht akzeptierten. „… hatten wir uns unter den Schmähungen der Republikaner den Weg ins Weisse Haus erkämpft“, sagt Biden einmal.

Hope Never Dies ist unterhaltsam, spannend ist dieser Kriminalroman, trotz überraschender Wendungen, hingegen nicht, dafür vielfältig informativ. So lernt man etwa, dass Rechtsmediziner den genauen Todeszeitpunkt nicht bestimmen, sondern nur einen Zeitrahmen benennen können und dass die Redewendung Ockhams Rasiermesser meint, die einfachste Antwort sei meistens die richtige. Und man erfährt Aufschlussreiches über das Steuerparadies Delaware („Über die Hälfte aller Fortune-Global-500 Firmen haben da ihren Sitz.“), dessen Hauptstadt Wilmington von Gang-Kriminalität und Drogenhandel gebeutelt wird und eine der höchsten Selbstmordraten des Landes hat.

Andrew Shaffer
Hope Never Dies
Droemer, München 2019

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