
Obersays, Graubünden, Oktober 2019
Hans Durrers Buchbesprechungen

Obersays, Graubünden, Oktober 2019
So richtig sicher bin ich mir zwar nicht, doch mein Eindruck ist nicht nur ein flüchtiger: Die Bücher, die mich sprachlich am meisten ansprechen, sind von Frauen geschrieben worden. Janet Malcolm, Alice Munro, Zora del Buono und Marie-Luise Scherer, von der hier die Rede sein soll. Genauer: von ihrem 2004 erstmals erschienenen und jetzt wieder veröffentlichten „Der Akkordeonspieler“.
Irgendwo habe ich mal gelesen, Marie-Luise Scherer ringe um jeden Satz. Ob das stimmt, weiss ich nicht, doch ihre Sätze wirken ganz eindeutig nicht so, als ob sie mal schnell so hingeschrieben worden sind. Ganz im Gegenteil. Da hat jemand gearbeitet, sich nicht nur Mühe gegeben, sondern sich gefordert. Jedenfalls stelle ich mir das so vor.
Der aus der kaukasischen Stadt Jessentuki stammende Akkordeonspieler Wladimir Alexandrowitsch Kolenko, verheiratet, Vater dreier Söhne, hat, bevor er nach Berlin gekommen ist, in den musikalischen Kollektiven von Sanatorien gewirkt. Als ich das las, transportierten mich meine Gedanken ins estländische Pärnu, wo ich letztes Jahr in einem von Russen erbauten Sanatorium abgestiegen war. Doch die Verhältnisse im Kurhaus Kasachstan, wo Kolenko sein Akkordeon her hatte, waren entschieden anders und vor allem schäbiger.
In Berlin wagt er sich zuerst gar nicht aus dem Flughafen. Auf der Suche nach einer Unterkunft landet er bei Margot Machete, die Marie-Luise Scherer als „eine im Unglück bewanderte, rau erscheinende Frau Ende sechzig, die gegen die Lustlosigkeit und das Grübeln sich hin und wieder selbst einen aktiven Tag verordnete“ schildert, die auch eine rosa Trockenhaube besitzt, „ein Unikum aus dem Versand für Heimfriseure mit der Typenbezeichnung Fixe Susie.“
Wladimir kriegt eine Stelle im Kaufhof am Alexanderplatz, verlässt diese jedoch frühzeitig, um nach Moskau zurückzukehren, wo seine Frau ohne Geld zuhause sitzt. In der Folge kriegt er kein Deutschland-Visum mehr und so strebt er einen Namenswechsel an.
Doch ich will hier nicht die Geschichte dieses Akkordeonspielers nacherzählen, sondern auf diese ganz wunderbar eindringliche, hellsichtige und witzige Erzählung dieser aussergewöhnlich begabten Schreiberin Marie-Luise Scherer neugierig machen.
Was macht ihr Schreiben aus beziehungsweise speziell? Die Beobachtungsgabe, die Genauigkeit des Ausdrucks, die Magie ihrer Sprache. Nur wer über seine Gefühle nachgedacht, sich mit ihnen und seiner Wahrnehmung auseinandergesetzt hat, kann so klar und einfach schreiben. Solche Sätze fallen einem nicht einfach zu, solche Sätze muss man sich erarbeiten, ja abringen.
Ein Beispiel:
„Er spielt ohne Mütze und kann daher den Klang von Silbergeld und Groschen unterscheiden. So hört er bis zum Mittag vor allem Groschen niedergehen, von den Müttern erbettelte Kinderspenden. Die Kinder wollen ständig etwas geben, so wie sie ständig füttern wollen bei ihren Zoobesuchen, und nähern sich Kolenkos Schüssel wie einer fordernd ausgestreckten Affenhand.“
Marie-Luise Scherer lässt mich auch Russland, das ich nur aus Büchern kenne, erfahren. Und erzählt unter anderem von auf der ganzen Welt verstreuten Russen, die sich zu einer Hochzeit in Berlin treffen – eine elegante und amüsante Schilderung, die ihresgleichen sucht. „Von Glas zu Glas nahm ihre Sprachenvielfalt ab und das Russische nahm zu.“
Und von Tolstoi lese ich, dass er Vegetarier war und mit einem Huhn zu einer Mahlzeit erschienen sei. „Er habe es an einen Stuhl gebunden, auf das Tischtuch eine Axt gelegt und die Versammlung belehrt, wer ein Huhn esse, müsse es auch töten können.“
„Der Akkordeonspieler“ ist ein lebensweises Buch, das beweist, dass eine Reportage Kunst sein kann.
Marie-Luise Scherer
Der Akkordeonspieler
Matthes & Seitz, Berlin 2017

Sargans, am 1. November 2019
Hanna Johansen, 1939 in Bremen geboren und in Kilchberg bei Zürich lebend, hat während dreier Monate protokolliert, wie sie Klavier spielen lernte. Nein, nicht sie, sondern die Ich-Erzählerin, die, so ist zu vermuten (weshalb auch sonst die Unterscheidung?) nichts oder nur wenig mit der Autorin zu tun hat. Zumindest soll das (oder etwas Ähnliches) suggeriert werden.
Wie auch immer. Wie viel von der Autorin in der Ich-Erzählerin zu finden ist, ist eine Frage, die Literaturinteressierte beschäftigen mag. Ich will mich allein damit beschäftigen, was das Buch bei mir auslöst.
Sofort gepackt hat mich der Titel. Dass und wie eine Frau im fortgeschrittenen Alter das Klavierspielen entdeckt, weckte meine Neugier. Ich versprach mir von der Lektüre etwas Zen-Buddhistisches, Acht- und Wachsames, Schwieriges und gleichzeitig Leichtes. Und fühlte mich darin bestätigt, als ich las: „Heute ist ein duftender Septembertag, nur ein Hauch von einem Wind, damit man die Frische fühlen kann, ein leises Wehen in der Birke, kein Rauschen, kein Rascheln.“
„Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ lese ich als einen Text über die verschiedensten Wahrnehmungen und ihren Umgang damit: leicht, schwebend, konstatierend, nie problematisierend. „Schön war an dem Spaziergang auch, dass ich Schuhe mit dünnen Sohlen hatte, die es erlaubten, das Geröll und die Unebenheiten auf dem Weg genau wahrzunehmen.“
Es ist auch ein Text zum Schmunzeln. „Ich muss meine linke Hand besser verstehen. Sie hat es nötig. Und während ich darüber nachdenke, höre ich im Radio eine Motette von Bach: ‚Der Geist hilft unserer Schwachheit auf‘, singen sie. Ich hoffe, sie hat es gehört, meine Linke.“
Vor Kurzem las ich Thupten Jinpas „Mitgefühl“, in dem viel vom Üben die Rede war. „Wenn wir uns morgens ein Ziel setzen, treffen wir damit eine Entscheidung, wie wir unseren Tag gestalten wollen. Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand, anstatt abzuwarten, was uns wiederfährt. Vielleicht gerät unser Entschluss im Laufe des Tages ins Wanken und unsere Absicht zeitweise ausser Sicht; aber indem wir uns ein Ziel setzen – und es immer wieder erneut setzen – , erkennen wir die Tatsache an, dass wir eine Wahl haben …“.
Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Hanna Johanson Sätze las wie: „Heute habe ich wieder vor dem Frühstück am Klavier gesessen, aber sonst war ich nicht gerade diszipliniert. Das macht nichts, solange ich nicht zulasse, dass Tage ganz ohne Üben vergehen.“ Oder: „Hürden sind dazu da, zerlegt zu werden, das weiss ich schon.“ Oder: „Die individuellen Varianten will ich nicht unterschätzen, aber auch der begabteste Mensch wird Widerstände zu überwinden haben, einfach darum, weil die neuen Wege im Gehirn noch nicht vorgespurt sind. Bei den langwierigen Ausbauarbeiten an diesen Wegen wäre die Erfahrung einer Lehrerin zweifellos nützlich, aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, das Rad neu zu erfinden. Mich lockt es, die uralten Beobachtungen selber zu machen und die wahrscheinlich ebenso uralten Auswege selber zu finden. Lernen.“
Sie lernt alleine, ohne Lehrer. Ihr ist klar, dass „eine Lehrerin mit dem entsprechenden Urteilsvermögen hilfreich wäre“, doch sie will es alleine schaffen, nicht verbissen, doch bestimmt, sie ist eben so.
Toll, ganz wunderbar, höchst motivierend, so wirkt dieser Text auf mich, der natürlich nicht nur vom Klavierspielen handelt, sondern auch von ganz vielen anderen Dingen und Ereignissen im Leben der Protagonistin – der Kindheit in Norddeutschland, den eigenen Kindern, der Gegenwart in der Schweiz, der Gartenarbeit („Rasenmähen gehört zu den wenigen Dingen, die man nicht lernen muss.“), dem Lernen („Bewegungsabläufe müssen in Fleisch und Blut übergehen, heisst es … Begreifen reicht nicht.“), dem Wetter und und und …
„Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ ist ein berührendes, lehr- und hilfreiches Buch, das unterhaltsam und anregend Mut aufs Lernen und auf eigene Entdeckungen macht.
Hanna Johansen
Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte
Doerlemann, Zürich 2014

Zizers, Graubünden, am 1. November 2019
Der 1973 in Cleveland geborene, mit seiner Frau und zwei Söhnen in Boise, Idaho lebende und vielfach mit Preisen ausgezeichnete Anthony Doerr, hat „Memory Wall“ in Südafrika angesiedelt, genauer: in einem der besseren Vororte von Kapstadt und in Khayelitsha, einem Township, das er so beschreibt:
„Khayelitsha besteht aus achtzig Quadratkilometern Hütten und Baracken aus Aluminium, Betonsteinen, Sackleinen und Autotüren. Zur Jahrtausendwende wohnte hier eine halbe Million Menschen, jetzt sind es viermal so viele. Kriegsflüchtlinge, Wasserflüchtlinge, HIV-Flüchtlinge. Die Arbeitslosigkeit könnte bei bis zu sechzig Prozent liegen. Tausend planlos verteilte Lichtmasten ragen wie astlose Bäume über die Behausungen. Frauen tragen Babys, Plastiktüten, Gemüse und Vierzigliterkanister Wasser über die Wege. Männer auf Fahrrädern wackeln vorbei. Hunde streunen herum.“
Es liegt zwar schon mehr als zwanzig Jahre zurück, dass ich selber gelegentlich in südafrikanischen Townships zu tun hatte, doch die Beschreibung trifft im Wesentlichen auch auf damals zu. Jedenfalls hatte ich überhaupt keine Mühe, mich sofort wieder vor Ort zu fühlen. Nicht nur in den Townships, auch in den besseren Gebieten Kapstadts. Womit schon einmal gesagt wäre, dass Anthony Doerr über ein aussergewöhnliches Talent verfügt, Atmosphärisches zu vermitteln.
„Memory Wall“ handelt von der 74-jährigen Alma Konachek, die dabei ist ihr Gedächtnis zu verlieren. Sie lebt alleine in einem Haus unterhalb des Tafelbergs. Der mit seinem kleinen Sohn Temba in Khayelitsha wohnende Pheko ist ihr Mann für alles, der jetzt befürchtet seine Stelle zu verlieren, weil der für das Vermögen von Alma zuständige Buchhalter darauf dringt, sie in einem Pflegeheim unterzubringen.
Pheko fährt Alma in regelmässigen Abständen zur Gedächtnisklinik von Dr. Amnesty, wo versucht wird, den Prozess der langsamen Zersetzung des Gedächtnisses, mittels eines Simulators sowie Kassetten, zu verlangsamen.
Harold, Almas verstorbener Mann und fasziniert von Fossilien, hatte kurz vor seinem Tod einen bedeutsamen Fund gemacht, eine seltene Versteinerung, von der die beiden Räuber Roger und Luvo, die immer wieder in Almas Haus eindringen, annehmen, dass sie viel Geld einbringen wird.
Anthony Doerr schildert Almas allmähliche Gedächtnis-Auslöschung spannend und überzeugend. Der kontinuierliche Verschlechterung ihres Erinnerungsvermögens wird immer wieder durch höchst klare Momente unterbrochen.
Roger und Luvo verlassen sich bei ihren Streifzügen durchs Haus darauf, dass Alma, mit der sie sich bei ihren nächtlichen Besuchen unterhalten, nicht weiss, wer sie sind und sie mit ihr Vertrauten verwechselt. Bis dann eines Tages, in einem Moment der Klarheit, sie aus einer Schublade eine Pistole herausnimmt, sich in einen Sessel setzt und wartet …
Die Lebensschicksale, die in dieser Meditation über Ewigkeit und Wandel aufeinandertreffen, könnten unterschiedlicher nicht sein und dass sich letztendlich alles zum Guten wendet, ist einleuchtend und fesselnd geschildert.
Mit „Memory Wall“ ist Anthony Doerr eine grandiose Novelle gelungen.
| Anthony Doerr Memory Wall C.H. Beck, München 2016 |
Vanessa Wondermann ist sechzig, Asher, ihr vermögender Mann, zwanzig Jahre älter. Sie vermisst die Leidenschaft, gibt auf spontanfick.com ein Inserat auf, merkt dann aber, als die Realität die Fantasie ablöst, dass sie mit spontanem Sex, mit dem sie in jüngeren Jahren kein Problem gehabt hatte, nun mehr als nur Mühe bekundet. Und so sucht sie das Weite.
Vanessa war einmal eine erfolgreiche Schauspielerin gewesen. Asher findet, sie solle wieder arbeiten, ihre Tochter unterstützt ihn.
„Mit sechzig noch eine Rolle finden?“ sage ich.
„Sechzig ist das neue Vierzig.“
„Und achtzig das neue Sechzig. Wie alt bist du dann mit deinen fünfundzwanzig? Fünf?“
„Wahrscheinlich. Geistig zumindest. Seit ich schwanger bin, hat mein Hirn sich sowieso abgeschaltet. Hör mal, du darfst schon allein meinetwegen nicht aufgeben. Wie soll ich denn sechzig werden, wenn du mir nicht zeigst, wie das geht“
„Da hast du recht.“
„Aber nicht, dass du jetzt sagst, ich hätte recht, und dann losziehst und alles wieder vergisst, was ich gesagt habe. Sonst geht es dir bald wie Oma und Opa.“
„Die sind beide über neunzig und tragen Windeln – aber neunzig ist wahrscheinlich das neue Siebzig.“
Vanessa gehört einer Generation an, die den Orgasmus als Grundrecht begreift. Das Alter wird verdrängt. „Erst wenn man keinen Sex mehr hat, glaubt man auch selbst, dass man alt ist.“
Doch nicht nur Sex geht ihr durch den Kopf, sie überlegt sich auch, zum Quäkertum zu konvertieren. Weil Quäker so bescheiden sind und das ist heutzutage ausgesprochen selten. Und sie macht sich Gedanken zum Tod. „Wir tun uns schwer mit dem Tod. Wir finden ihn unamerikanisch.“
Wunderbar. Immer mal wieder muss ich laut herauslachen. Doch „Angst vorm Sterben“ (trotz oder vielleicht wegen der unermüdlichen Aktivitäten der zahlreichen New Yorker Anti-Aging-Experten) ist auch ein sehr nachdenkliches, reflektiertes Buch über den Tod. Die Sterbebegleitung ihrer schon sehr alten Eltern ist sehr berührend.
Vanessa besucht auch Meetings der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass der einzige Weg zum Glück die Hingabe ist. „Hingabe ist der Schlüssel zu allem. Hingabe ist alles. Hingabe ist Frieden. Mein ganzes Leben lang wollte ich immer nur Mehr-Mehr-Mehr. Nichts war mir je genug. Ich steckte voller Neid und Missgunst. Ich glaubte, alle hätten mehr als ich. Inzwischen weiss ich, dass diese ganze Sucht nach dem Mehr-Mehr-Mehr eine Krankheit ist, eine Täuschung. Wir haben alle schon genug. Wir wissen es nur nicht.“
Sie weiss, das Leben ist eine Komödie. Und das schliesst die Suche nach Sinn mit ein. Und auf dieser landen Vanessa und Asher in Indien. „Am Flughafen herrschte das typisch indische Chaos. Legte man Koffer oder Handy aus der Hand, waren sie geklaut, bevor man ‚Maharishi‘ sagen konnte.“
Erica Jong ist eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin, „Angst vorm Sterben“ ein spannendes, intelligentes und überaus witziges Buch. Woody Allens Lob kann ich mich nur anschliessen: „Es ist unglaublich, wie sie von all diesen delikaten Themen erzählen und dabei ein so lustiges Buch schreiben kann. Ich habe es verschlungen.“
Dass Woody Allen „Angst vorm Sterben“ so toll findet, hat natürlich auch damit zu tun, dass Erica Jong mit den Fragen von Leben, Sex, Sinn und Tod ähnlich umgeht, wie er selber auch: praktisch, pragmatisch und lebensnah. Und befreiend lustig.
Erica Jong
Angst vorm Sterben
S. Fischer, Frankfurt am Main 2016
Es liegt einige Jahre zurück, dass ich Ismail Kadares „Konzert am Ende des Winters“ gelesen habe. Geblieben ist mir nur, dass mich die differenzierte Geschichte begeisterte. Ich nehme sie aus dem Regal, blättere darin und stosse unter anderem auf diese Stelle, die ich mir angestrichen habe.
„Früh hatte er begriffen, dass es für einen Staatsführer am günstigsten ist, wenn die anderen seine Handlungen nicht verstehen und er selbst auch nicht. Es gab eine Unmenge von Erklärungsversuchen. Stets würden Leute in rätselhaftem Verhalten irgendeinen Sinn entdecken, und stets würden andere die entgegengesetzte Auffassung vertreten. Noch andere würden dann kommen, die beide Meinungen für korrekturbedürftig hielten, und schliesslich solche, die gegen alles waren, und so fort. Die Tat selbst würde jedoch im Schutz des Nebels der Unklarheit fortleben, wohingegen Hunderte klarer, logischer und nützlicher Handlungen in völlige Vergessenheit gerieten.“
Aktueller geht es kaum, obwohl dieser grosse albanische Familien- und Gesellschaftsroman vor dem Hintergrund der Wende von 1991, der Abkehr vom Kommunismus, geschrieben wurde. Anders gesagt: Geschichte wiederholt sich, denn wir Menschen sind nicht besonders einfallsreich.
Derart eingestimmt nehme ich „Die Verbannte“ zur Hand, ein Roman, den Ismail Kadare den albanischen Mädchen gewidmet hat, „die in der Verbannung auf die Welt kamen, aufwuchsen und zu Frauen wurden.“
Tirana, Albanien, Anfang der 80er-Jahre. Eine Welt aus Überwachung und Kontrolle, es herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung und der Angst. Gegen Angehörige „feindlicher Klassen“, ja, eigentlich gegen alle, die andere Überzeugungen vertreten als die rigide Doktrin des sozialistischen Realismus, gehen die Kommunisten gnadenlos vor.
„Für die kleinste kritische Bemerkung über Stalin, das Religionsverbot oder das Politbüro gingen ein Offizier der Streitkräfte und ein treues Parteimitglied ins Gefängnis, wenn sie nicht sogar erschossen wurden.“
Der erfolgreiche Dramatiker Rudian Stefa wird anlässlich der Premierenfeier seines neuesten Stücks von einer jungen Frau namens Migena um eine Widmung für ihre Freundin Linda B. gebeten, die leider nicht kommen könne. Kurz darauf wird er vor die Ermittlungskommisssion geladen. Warum, das weiss er zu diesem Zeitpunkt nicht.
Meisterhaft, wie Ismail Kadare des Dramatikers Ungewissheit und Unsicherheit schildert. Dass die Ermittler kaum etwas zur Aufklärung beitragen, hat System, Niemand soll sich in Sicherheit wiegen können, Angst ist ein hervorragendes Kontrollinstrument. Selten habe ich das eindrücklicher vermittelt bekommen.
Von Migena erfährt der Dramatiker, dass Linda B., ihres royalistischen Herkommens wegen aufs Land verbannt, ihn verehrt habe, ja, in ihn verliebt gewesen sei. Und dass sie sich nach Tirana gesehnt habe. „Er wollte einwerfen, dass die Sehnsucht nach einer Stadt einen am meisten quälte, wenn sie hoffnungslos war, siehe Dante und Florenz, aber er fürchtete, sie damit aus dem Konzept zu bringen.“
Der Dramatiker Rudian Stefa ist ein Ausgelieferter, ist abhängig von Migena, dem Staat, dem Schriftstellerverband sowie dem künstlerischen Beirat, der sein neues Stück auf Eis gelegt hat. Doch so recht eigentlich ist er (der Mensch) viel umfassender ausgeliefert. „Er war unschuldig schuldig, aber auch der Staat trug Schuld, und auch das Schicksal spielte eine Rolle, das gute und das böse, noch ungeschieden …“.
So ganz nebenbei zeigt der Autor auch, wie destruktive Wünsche, wenn sie nicht in Erfüllung gehen, nicht notwendigerweise zu einem glücklichen Ende führen. Ein rätselhafter Satz? Die Auflösung dazu findet sich in diesem sehr empfehlenswerten Buch.
Ismail Kadare ist ein grossartiger, ein wesentlicher Autor.
Ismail Kadare
Die Verbannte
S . Fischer, Frankfurt am Main 2017
Von den Schriftstellern, von denen ich viel gelernt habe, ist mir Dostojewskij (den ich für den grössten Psychologen überhaupt halte) einer der wichtigsten, auch wenn meine Lektüre schon einige Zeit zurückliegt. Nun hat Andreas Guski, emeritierter Professor für Slavische Philologie an der Universität Basel, eine neue Biographie vorgelegt. Seine Art des Schreibens packt mich sofort und schon auf den ersten Seiten wird mir klar, dass da einer aus dem Vollen schöpft. Vieles, was ich da lese, beglückt und begeistert mich – mir sind Unterhaltung, Einsichten und Identifikation wichtig – , wie das alles historisch oder „wissenschaftlich“ einzuordnen ist, beschäftigt mich nicht. Und so will ich hier nur auf das hinweisen, was ich aus dem einen oder anderen Grund (der mir selber nicht immer klar ist) des Unterstreichens für wert befunden habe.
„Alle fünfeinhalb Stunden wird er ‚wiedergeboren‘, ‚beginnt ein neues Leben‘, ätzt Sir Galahad alias Bertha Eckstein-Diener, die unversöhnliche Dostojewskij-Gegnerin.“ Ich nehme das für bare Münze und nicht etwa als Kritik und denke so bei mir: Der ist ja wie ich. Oder vielleicht eher: Ich bin ja so wie der. Jedenfalls in dieser Beziehung.
„… nur allzu bewusst ist ihm, dass ‚ die Flamme seiner Begierde nach dem Himmlischen‘, wie es bei dem von ihm so geschätzten Thomas von Kempen heisst, ’nicht rein ist vom Rauch der sinnlichen Neigung‘. Und er weiss auch und spürt mit jeder Faser seines Körpers, dass es unmöglich ist, sich der eigenen Natur zu widersetzen. Sein Leben so radikal umzustellen wie Lew Tolstoj, der die Feder mit dem Pflug vertauschen wird, um im härenen Bauerngewand seine Äcker zu bestellen – das ist Dostojewskijs Sache nicht. So verdächtig wie die Lebensform der Karriere, so ausgeprägt ist seine Skepsis gegenüber einem heiligmässigen Leben, das die eigene Natur vergewaltigt.“ Ich hätte es selber nicht besser sagen können, sagt man in der Schweiz, wenn jemand auszudrücken imstande ist, was man selber so nicht in Worte hätte fassen können, doch es sich zu können gewünscht hätte. Am Rande: Als einer, der von Universitätsprofessoren selten beeindruckt ist, bin ich immer wieder verblüfft und überrascht von dieser exzellenten Biographie. Nicht wegen des Autors Wissen oder seiner differenzierten Analyse (das darf man von einem Professor erwarten), sondern weil es ihm gelungen ist, aus dieser ungeheuren Fülle von Details und Einsichten eine so ausgesprochen spannend zu lesende Biographie zu verfassen.
Wunderbar anregend auch Andreas Guskis Auseinandersetzung mit den diversen Interpretations-Modellen betr. Dostojewskijs Damaskus-Erlebnis. „So kombiniert er das mythische Modell der Wiedergeburt mit dem im 19. Jahrhundert vorherrschenden evolutionären Zeitmodell der Naturwissenschaft“ fasst er Dostojewskij zusammen und folgert: „das geradezu beschwörend wiederholte Eigenschaftswort ‚allmählich‘ steht für das revolutionäre Zeitmodell des Realismus, das mit der Magie des Augenblicks nicht in Einklang zu bringen ist“. Würde Professor Guski etwas von Sucht verstehen – Dostojewskij war ein Spieler – , so wäre ihm womöglich klar, dass die beiden ohne weiteres miteinander in Einklang zu bringen sind, denn Sucht gehorcht dem Gesetz von Ursache und Wirkung genau so wie sie ihm auch nicht gehorcht. Anders gesagt: Die Magie des Augenblicks bildet die Grundlage für die allmähliche Herausbildung eines neuen Lebens. Sie gehören zusammen, sie schliessen sich nicht aus.
„Wer süchtig ist, kann nicht verzichten; und umgekehrt wird, wer verzichten kann, nicht süchtig“, kommentiert Guski andernorts Dostojewskijs Spielsucht. Offensichtlich versteht er mehr von Sucht als ich ihm zugetraut habe. Nur eben: Süchtigen helfen Einsichten nicht weiter (sie haben sie meist selber). Erst wenn sich eine Sucht erschöpft, wenn der Süchtige „so sick and tired of being so sick and tired“ ist, wird ein Neuanfang möglich. Oder wenn sich die Umstände (die familiären, sozialen und gesellschaftlichen) grundlegend verändern, wie das mit der Rückkehr der Dostojewskijs nach Russland der Fall war. Am Rande: Auch viele amerikanische GIs, die als Heroinsüchtige nach dem Vietnamkrieg nach Hause zurückkehrten, gaben die Droge auf.
Doch Dostojewskij leidet nicht nur unter Spielsucht, er kennt auch in anderen Belangen kein Mass (und das ist so recht eigentlich, in Verbindung mit zwanghaftem Verhalten – ein Merkmal von Dostojewskijs Charakter – das Wesen der Sucht). Als in Genf seine Tochter Sonja geboren wird, ist er derart ausser sich vor Freude, dass die Hebamme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus kam. Als die Kleine nach wenigen Monaten stirbt, ist er untröstlich. „So grenzenlos wie die Freude über die Geburt ist der Schmerz über den Tod des Kindes.“
Diese eindrückliche Biographie bringt mir auch wieder einmal zum Bewusstsein, dass die hyper-aufgeregten Zeiten, in denen wir leben, so aussergewöhnlich nun auch nicht sind. Die sozialen Gräben, die heutzutage allüberall beklagt werden, gab es Mitte der 19. Jahrhunderts in Russland genauso, das Streben der Frauen nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung ist ebenso wenig ein neues Phänomen wie „die Preisgabe der heilsgeschichtlichen Erwartungen des Christentums zugunsten einer auf Profit- und Lustmaximierung beschränkten Welt“ und dass Dostojewskij nicht ahnt, „dass die seelischen Konflikte der jungen Frau, mit der er (in Paris) verabredet ist, nicht geringer sind als seine eigenen“, beschreibt schon fast ein Naturgesetz.
Für einen geschichtlich Ungebildeten wie mich bietet dieses Buch auch viel an interessanter Aufklärung. Etwa, dass die Schweiz im 19. Jahrhundert als billiges Reiseland galt. Oder dass Gogol einen Teil seiner ‚Toten Seelen‘ in Vevey geschrieben hat. Oder dass die Dostojewskijs ständig mit Geldproblemen zu kämpfen hatten. Und ganz besonders, dass sensible Geister (Dostojewskij schildert dies am Beispiel Russlands) schon damals die Auflösung der überlieferten Ordnungen sowie die für die Moderne charakteristische Herrschaft des Geldes konstatierten.
Dostojewskij. Eine Biographie ist ein Meisterwerk!
Andreas Guski
Dostojewskij. Eine Biographie
C.H. Beck, München 2018

Sargans, Bahnweg, am 1. November 2019