Otto A. Böhmer: Lichte Momente

“Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly.“  Dieser Satz – er wird Franz von Assisi zugeschrieben – begleitet mich seit einigen Wochen recht intensiv und er geht mir auch während der Lektüre von Otto A. Böhmers schönem Buch Lichte Momente  immer wieder durch den Kopf, denn dem Autor gelingt es, Philosophischem, dem meist Schweres und Schwieriges anhaftet, eine Leichtigkeit zu verleihen, die sowohl Herz wie auch Geist erfreut. Mein Blick auf den elitären und rechthaberischen Platon ist jedenfalls ab sofort wesentlich von diesen Sätzen geprägt: „Er galt nicht gerade als Erfinder des Frohsinns. Diogenes Laertius wusste zu berichten, dass der Philosoph in seinem ganzen Leben nie beim Lachen ertappt worden sei.“

„Wer in der Lage ist, sein Leben wie ein wohlwollender Beobachter zu betrachten, wird feststellen, dass es immer wieder Phasen des Neubeginns gibt, die, zumindest in der nachträglichen Wertung, als eminent wichtig erscheinen und einer Läuterung gleichkommen. Man ist sich fast sicher, dass eine andere Zeit begonnen hat – eine Zeit des fantastischen Gelingens, die auch mit Fehlschlägen auskommen kann.“ Diese lichten Momente – es muss betont werden – erschliessen sich einem so recht eigentlich erst im Nachhinein. Brigitte Kronauer formuliert es so: „Es gibt im glücklichsten Fall einen Kurzschluss wie in der Liebe zwischen zwei Individuen, die bisher ganz gut ohne einander ausgekommen sind und sich auf einmal fragen, wie sie das so lange geschafft haben. Noch in den scheinbar beliebigsten Abschweifungen und düstersten Assoziationen spüren wir eine Bezauberung, eine Zuversicht, die Fatalität des Lebens durch deren Formulierung besiegen zu können.“

Augustinus, Dante, Voltaire, Hume, Diderot, Nietzsche und Tschechow kommen unter anderen zu Wort, dreissig Dichter und Denker sind es insgesamt, von deren Lebens- und Werkgeschichten der geistreiche und humorbegabte Otto A. Böhmer berichtet. Die Augenblicke der Inspiration sind jedoch – entgegen dem Lichte Momente versprechenden Titel – nicht zentral, vielmehr sind es höchst aufschlussreiche Anekdoten und Zitate, die diesen Band zu einem Lesevergnügen machen. So schreibt er etwa von Sokrates: „Er schien nichts anderes zu tun zu haben, als seine Mitbürger in lästige Grundsatzgespräche zu verwickeln.“ Und seinen Text über Lessing leitet er wie folgt ein: „Es ist nicht einfach für einen Dichter, einfach zu schreiben; das Komplizierte macht mehr her. Von einem Dichter, der dunkle Satzgebilde strickt, nimmt man an, dass er schlauer sein könnte als andere, gerade weil man ihn nicht recht versteht. Wer einfach schreibt, muss zudem mutig sein: Er lehnt sich weit aus dem Fenster, alles, was er sagt, kann gegen ihn verwendet werden.“

Otto A. Böhmer promovierte über Fichte, über den er unter anderem zu berichten weiss, dass er mittellos bei Kant vorstellig wurde, der allerdings auf den Besuch eher reserviert reagierte. „Der Königsberger Philosoph war nicht mehr der jüngste; er hatte sein Lebenswerk nahezu beendet und wurde zum Dank dafür von allerlei Altersmalaisen geplagt.“ Wunderbar, wie des Autors feine Ironie die zuweilen abstrakt formulierenden und abgehobenen Philosophen ins richtige Leben zurückholt. Wie übrigens auch den Schriftsteller Thomas Mann, der „sich am liebsten über bedeutende Themen Gedanken“ machte; „es konnte daher nicht ausbleiben, dass er sich auch gern mit sich selbst beschäftigte.“

Unter den Dichtern und Denkern hat man so seine Favoriten. Zu den meinen gehören Henry David Thoreau, über den Nathaniel Hawthornes Fazit lautete: „… ein gedankenreicher und origineller Mensch, mit einer gewissen Starrheit in seinem Charakter, die an einen eisernen Schürhaken erinnert und interessant ist, aber bei näherem und häufigem Umgang ziemlich ermüdend wirkt.“ Ein ganz wunderbarer Fund! So habe ich über Thoreau noch nie gelesen. Am Rande: Die vielfältigen Funde (auch das Finden ist eine Kunst) allein machen dieses Buch für mich zu einem Muss!

Die grösste Entdeckung in diesem Buch der Entdeckungen war für mich Cioran, natürlich auch deswegen, weil mir ausser seinem Namen und seiner rumänischen Herkunft so recht eigentlich nichts von ihm bekannt war, der mit gerade einundzwanzig Jahren schrieb: „Ich habe damals Philosophie studiert, ganz ernsthaft. Philosophie ist sehr gefährlich für junge Leute, man wird dünkelhaft, man  bläht sich auf, man ist unglaublich von sich selbst eingenommen. Die Philosophiestudenten sind eigentlich unerträglich, überheblich, von einer provozierenden Eitelkeit …“. Als er mit 26 Jahren nach Paris ging, kommentiert Otto A. Böhmer das so: „Als Philosoph mochte sich Cioran noch immer nicht sehen, eher als ‚missglückten Buddhisten‘. An der Philosophie störte ihn ihr ausgeprägter Ordnungssinn, ein fast beamtenhaftes Bemühen das Chaos der Weltläufigkeit in Regelwerke zu kleiden, die nicht haltbarer sein konnten als die vom regen Zerfall bedrohten Körper ihrer Urheber.“ Solcher Sätze (und Erkenntnisse) wegen lese ich Bücher. Und wegen dieser hilfreichen Einsicht Ciorans: „Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muss man schreiben. Auch der Akt des Schreibens allein ist eine Genesung. … Formulieren ist Heilung, auch wenn man Unsinn  schreibt, auch wenn man kein Talent hat ..“.

Otto A. Böhmer
Lichte Momente
DVA, München 2018

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Michael Jürgs: Post Mortem

„Ich starb im November“, so lautet der erste Satz in diesem Buch. Und so hat sich das der an Krebs erkrankte Michael Jürgs wohl auch vorgestellt. Gestorben ist er dann jedoch am 4. Juli dieses Jahres. Zuvor hat er noch „Post mortem“ geschrieben, denn Schreiben war das, was zu ihm gehörte und ihm half. „Noch ein ziemlich guter Satz fiel mir ein, während ich durch den graunieseligen Vormittag fuhr, an dem der Nebel so tief hing, dass ich das andere Ufer der Elbe nicht sehen konnte. Die Schreibmaschine sei sein Psychiater, weil sie den ersetze. Ein Bekenntnis, das viele unterschreiben würden, die schreiben. Ich bekenne mich dazu, Mitglied dieses Clubs zu sein“, hat er in einem Artikel über Siegfried Lenz geschrieben.

„Was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf“ lautet der Untertitel zu diesem Text, der wesentlich ein journalistischer ist und das meint hier: ein informativer und aufklärender. So erfährt man etwa, dass die Lungenembolie ein sanfter Tod ist, „tatsächlich ein Bruder des Schlafes“. Und dass nach Meinung vieler Psychiater die Todesangst eine stärkere menschliche Triebfeder ist als die Sexualität.

Journalismus soll auch unterhalten und so kommen auch die zum Schmunzeln einladenden Anekdoten nicht zu kurz. „Mein Grossvater, der so fest im Glauben an sein künftiges Sein zu Füssen des Allmächtigen verwurzelt war, dass er sogar vor dem Fernsehapparat zu knien pflegte, wenn an Ostern der päpstliche Segen ‚Urbi et orbi‘ übertragen wurde …“.

Er berichtet von Vater und Mutter, dem Selbstmord seines Bruders, den ihm dieser jetzt im Jenseits erklärt – LSD Trips hatten eine schizophrenen Schub ausgelöst, von dem er sich nie richtig erholte. Und natürlich muss er auch ihnen erzählen, was seit sie im Jenseits sind, so alles passiert ist. Dass es da jetzt das Internet gibt und me too, wer Macron ist und wer Merkel und was die AfD und und und … Das alles ist sehr amüsant geschildert.

Er trifft nicht nur auf Berühmtheiten wie Willy Brandt, Gutenberg, Picasso, Shakespeare, Gründgens, Fontane und Brecht, sondern lässt auch die eloquente und streitbare ehemalige Ministerin in Brandenburg, Regine Hildebrandt, „geliebt im Osten, verhasst im Western“, zu Wort kommen. Mir gefällt, dass er diese Kämpferin und auch Henry David Thoreau erwähnt, der sich unter anderem für das Recht auf gewaltfreien Widerstand gegen staatliche Gewalt stark machte.

Die Begegnungen, die er schildert, sind zwar fiktiv, was Jürgs seinen Gesprächspartnern in den Mund legt jedoch – so stelle ich mir es vor, der Mann war doch Journalist – nicht gänzlich frei erfunden. „Viele begreifen moderne Kunst schon allein deshalb nicht, weil ihnen nie beigebracht wurde, sie zu begreifen“, lässt er Picasso sagen. Dieser Egomane hatte übrigens den Kontakt zu seinen Kindern abgebrochen, nachdem ihn ihre Mutter, Françoise Gilot, verlassen hatte.

Auch Anderes, was man komischerweise häufig unter Klatsch subsumiert, macht Jürgs publik – auch das gehört zum Journalisten. Wie etwa Einsteins Zungenfoto zustande kam (genialer geht Selbstvermarktung kaum) und dass Katharine Hepburn und Spencer Tracy 25 Jahre lang ein heimliches Liebespaar waren, da sich der überzeugte Katholik Tracy nie hätte scheiden lassen – der Katholizismus hat wahrlich eigenartige Blüten getrieben.

Für Michael Jürgs war die Neugier Lebenselixier, das zeigt sich an der Breite der Themen und an seinem vielfältigem Wissen. Über Rock und Pop schreibt er, wie auch über den Film und das Theater. Karl Lagerfeld lässt er genau so auftreten wie den unsäglichen Streber Roger Willemsen, der ein Gespräch zwischen Verlegern moderiert. Einen besseren Einfall fand ich, dass er den Einstieg von Kafkas ‚Das Schloss‘, Uwe Johnsons ‚Jahrestage‘, Jerome D. Salingers ‚Fänger im Roggen‘, Rosamunde Pilchers ‚Sommer am Meer‘ (wegen Irmgard Keun) sowie von Wolfgang Herrndorfs ‚Tschick‘ wiedergibt, denn es gibt nun einmal keine bessere Verführung zur Literatur als solche Einstiege. Überhaupt die Literatur – Jürgs Begeisterung dafür (wie übrigens auch für den Fussball und so recht eigentlich für alles) springt einen geradezu an und überträgt sich auf den Leser. Ich jedenfalls legte unverzüglich Griegs Peer Gynt-Suite auf, als er seinen Vater darüber zu Wort kommen lässt.

Michael Jürgs
Post Mortem
Was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf
C. Bertelsmann, München 2019

Johannes Krause / Thomas Trappe: Die Reise unserer Gene

„So etwas hatte Europa noch nie erlebt. Der Strom an  Migranten, der über den Balkan ins Zentrum des Kontinents vordrang, markierte eine echte – hier passt das Wort tatsächlich – Zeitenwende. Nichts war danach mehr wie zuvor. Unzählige bäuerlich geprägte Grossfamilien kamen, sie wollten vor allem eins: neues Land in Besitz nehmen. Die alteingesessenen Europäer waren ohne Chance. Zunächst zogen sie sich zurück, später verschwand die alte europäische Kultur. Die Menschen, die Europa fortan bewohnten, sahen anders aus als jene, die sie verdrängt hatten – ein Bevölkerungsaustausch.“

Das ist kein Science Fiction, das ist die Realität von vor 8000 Jahren und beschreibt die Ankunft der Anatolier in Europa, die damals die Jäger und Sammler vertrieben. Der Wissenschaftler Johannes Krause und der Journalist Thomas Trappe erläutern in Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren den neuen Wissenschaftszweig der Archäogenetik, der unter anderem davon handelt, wie aus alter DNA die Geschichte unserer Vorfahren rekonstruiert werden kann. Es ist ein sehr ansprechendes Buch, auch wenn es mutiger (doch das sind Akademiker sowieso eher nicht) gewesen wäre, in der aktuellen Migrationsdebatte Stellung zu beziehen. „Es sind politische Auseinandersetzungen, in denen die Archäogenetik sich nicht zum Schiedsrichter aufschwingen sollte, und sie will das auch gar nicht. Aber sie kann helfen, besser einzuordnen. Und Europa als das zu verstehen, was es ohne Zweifel ist: eine sich über Jahrtausende erstreckende Fortschrittsgeschichte, die ohne die Migration und Mobilität von Menschen unmöglich gewesen wäre.“

Überaus erfreulich ist, wie persönlich und nachvollziehbar dieses Werk geschrieben ist. Und dass unter anderem aufgezeigt wird, wie aus Fehlern gelernt werden kann und wurde. Die DNA müsse gut erhalten sein für eine Sequenzierung, lese ich. Nur, was ist das, eine Sequenzierung? Wikipedia hilft weiter: „DNA-Sequenzierung ist die Bestimmung der Nukleotid-Abfolge in einem DNA-Molekül.“ Irgendwelche DNA lasse sich immer aufspüren, ob sie dann aber brauchbar sei, hingegen eine andere Frage. „NA verteilt sich ähnlich effektiv wie Sand in einem Ferienhaus am Meer, nämlich unaufhörlich und bis in die letzten Winkel. Die DNA zum Beispiel, die Svante Pääbo in den Achtzigern aus seiner Mumie entnahm, kam – das ist heute so gut wie sicher – nicht etwa aus Ägypten, sondern aus Schweden, nämlich von ihm selbst.“

Zugegeben, ich staune immer wieder wie man – angesichts der gefühlten Tatsache, dass die Wetterprognose für Morgen eine in etwa 50prozentige Chance hat, richtig zu sein – zu Aussagen kommen kann, das Pleistozän (auch Eiszeitalter genannt) habe vor 2,4 Millionen Jahren begonnen und die letzten Neandertaler hätten vor 39 000 bis 37 000 Jahren gelebt, doch ich habe das alles ja auch nicht studiert und kann mir durchaus vorstellen, dass wahr sein kann, was mir selber selber nicht unmittelbar einleuchtet.

Die Reise unserer Gene zeichnet sich nebst vielfältigsten Informationen über ganz unterschiedliche Aspekte unseres Herkommens auch durch wunderbar gelungene Überschriften aus. So finden sich unter dem Titel „Sprachlose Knochen“ Theorien darüber, wie die indoeuropäischen Sprachen (zu denen neben Pfälzisch und Plattdeutsch auch Hindi und Isländisch gehören) nach Europa kamen. Andere Titel fassen prägnant zusammen und nehmen vorweg, was der nachfolgende Text ausführt: „Die Lepra geht, die Tuberkulose kommt“, „Nationale Grenzen sind keine genetischen“, „Volk und Rasse waren einmal“.

Zum Schluss dieses gut geschriebenen und sehr lesbaren Werkes folgern die Autoren: „Die Welt der Zukunft wird eine Welt der Vernetzung sein, der globalen Gesellschaft. Die Menschheit setzt den Weg fort, den sie seit Anbeginn beschritt. Wo er endet, ist offen. Klar scheint nur, dass das Dogma von der Abschottung in der Sackgasse enden wird. Solch eine Welt gab es nie. Die Reise der Menschheit wird weitergehen. Wir werden an Grenzen stossen. Und die Grenzen nicht akzeptieren. Dafür sind wir nicht gemacht.“

Ein Buch, das dazu beiträgt, die Dinge nüchtern und sachlich zu sehen.

Johannes Krause / Thomas Trappe Die Reise unserer Gene Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren Propyläen, Berlin 2019

Stig Sæterbakken: Durch die Nacht

Stig Sæterbakken (1966-2012) gehöre zu den wichtigsten norwegischen Autoren der letzten Jahrzehnte, entnehme ich der Verlagsinformation und rege mich bereits auf, weil das eine dieser absolut idiotischen Aussagen ist (dass sie von Karl Ove Knausgård ist, macht sie nicht besser), die allerdings wunderbar in unsere Zeit der Superlative passt. Wichtig für wen? Nach welchen Kriterien? etc. etc. Sicher, mir wäre auch lieber, ich könnte das entspannter sehen, einfach als Ausdruck der gängigen Marketing-Mentalität, nur eben: ich empfinde Marketing an sich schon eine Zumutung.

Doch ich will zum Text kommen. Und der  hat es in sich. Der achtzehnjährige Sohn des Zahnarztes Karl Meyer hat  Suizid begangen. Karls Frau Eva steht unter Schock, die Tochter Stine verstummt, der Zahnarzt hört von einem Haus in der Slowakei, wo „man mit den schlimmsten Ängsten seines Lebens konfrontiert werde“ und das man entweder gebrochen oder geheilt verlässt.

Stig Sæterbakken erzählt vom Beginn seiner (des Zahnarzts) Liebe zu Eva (ich lese diesen wie auch jeden anderen Text als weitestgehend autobiografisches Dokument. Andererseits: „Ich wunderte mich, wie sie, unverheiratet und gänzlich unerfahren, was langjährige Beziehungen anging, so eingehend und durchaus überzeugend und wahrheitsgemäss, wie ich oft festgestellt hatte, von etwas schreiben konnte, nie selbst erlebt hatte. Einmal versuchte sie mir, ohne dass ich es wirklich nachvollziehen konnte, zu erklären, dass man oft am besten über das schreibt, wovon man am wenigsten versteht.“) und stosse dabei auch auf diesen wunderbar wachen, mich begeisternden Satz: „… und ich war in Gedanken ganz bei ihr, dadurch, dass ich nicht ein Mal an mich dachte, war ich voll und ganz ich selber.“ Als Eva ihn fragt: „Was glaubst du, wir beide für immer?“ schreckt er zusammen und fragt sich, „wie oft die Fragen, die wir dem anderen stellten, in Wirklichkeit Fragen waren, die wir selbst gestellt haben wollten.“ Es dauert dann eine Weile, bis er sich findet. „Eva? „Ja?“ „Ich liebe dich.“

Dem Suizid des Sohnes ist eine Liebesverhältnis von Karl mit der wesentlich jüngeren Mona vorangegangen. Der Sohn ist wütend darüber, die Tochter nimmt es einigermassen gelassen und Eva verhält sich derart beherrscht, dass Karl es fast nicht aushält. Das ist derart eindringlich geschildert, dass einem gelegentlich fast der Atem stillsteht.
Die Beziehung mit Mona hält nicht. „Als ob ihre Vorstellung von Liebe darin bestand, geliebt zu werden, aber nicht zu lieben … Ein egozentrisches Kind.“ Karl kehrt zu seiner Familie zurück, doch nichts ist mehr wie es einmal war und so verlässt er sie wieder, reist nach Deutschland und dann zu diesem Haus in der Slowakei, begleitet von Erinnerungen, wo man nicht das bekommt, was man haben möchte. „sondern das, was man nicht haben will.“

In einem Lokal kommt er mit einem alten Mann ins Gespräch, der ihm erklärt, das Haus wirke wie eine Art Depressivum und dass alle, die hineingingen, verzweifelt wieder heraus kämen. „Mir wurde klar, dass ich mich so gern mit ihm unterhalten hatte, weil er über das gebotene Mass hinaus mitteilsam war und auch mir Fragen gestellt, nicht bloss auf die meinen geantwortet hatte, sodass ich bis ganz zum Schluss darauf hoffen konnte, er würde mich fragen, wozu ich gekommen sei, warum um alles in der Welt ich in dieses schreckliche Haus wollte.“
Und dann tritt er ein ..

Stig Sæterbakken
Durch die Nacht
DuMont, Köln 2019

Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes vor mir zu haben. Es war die unprätentiöse Sprache, der Ton, und dass der Autor gerade genug beschrieb, um meine Fantasie in Gang zu setzen, doch eben nicht zu viel, um sie zu blockieren. Und ich fand spannend geschildert, was ich da las.
 
„Eine strahlende Zukunft“ handelt in ersten Teil von Michael Davenport, der ein Dichter und Dramatiker sein will, und seiner aus reichem Hause stammenden Frau Lucy, für die Dylan Thomas ein Dichter und Tennesse Williams ein Dramatiker ist.
 Michael ist ehrgeizig, er wird es der Welt zeigen, das Geld seiner Frau will er (und soll auch Lucy) nicht angreifen. Die Ehe scheitert, Michael dreht durch, landet in der Psychiatrie.
 
Im zweiten Teil erfahren wir wie Lucy sich in einen Theaterregisseur, der sie für eine Jüngere verlässt, verliebt und dann in einen Börsenmakler, „der erste Mann, der sie kannte, der keinerlei künstlerische Ambitionen hatte, und sie hatte das seltsame Gefühl, dass ihm etwas fehlte.“ Lucy lernt schreiben und malen und findet bei ihrem Schreiblehrer was ihr beim Börsenmakler fehlte, bis es auch „zwischen ihnen unschöne kleine Probleme – Streitigkeiten, die manchmal so schlimm sein konnten, dass sie alles verdarben“ gab. Das Auseinandergehen der beiden – wie viele von Yates‘ Beziehungsszenen – ist alkoholgetränkt.
 
Solche inhaltlichen Angaben vermögen natürlich nicht zu vermitteln, was es mit diesem Buch auf sich hat: es ist ganz vieles in einem – eine sehr gekonnte, hoch differenzierte und einfühlsame Schilderung von Beziehungsverhältnissen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen; eine Abhandlung übers Schreiben („’Melancholie‘ war das erste Wort, das ihr einfiel, und sie kam zu dem Schluss, dass das bei einem Schreiblehrer, vorausgesetzt, er hatte auch lebhaftere Eigenschaften, vielleicht keine schlechte Sache war.“ / „Jeder von uns kann diese Fertigkeit nur erlernen, indem er sich mit gedruckten und nicht gedruckten Beispielen vollsaugt und dann versucht, das Beste, was er entdeckt hat, in sein eigenes Werk aufzunehmen.“ / „Die Schauspielerei mochte emotionale Erschöpfung auslösen, aber das Schreiben ermüdete das Gehirn. Es führte zu Depressionen und Schlaflosigkeit, man lief den ganzen Tag mit verhärmtem Gesicht herum, und für all das fühlte sich Lucy noch nicht alt genug.“); die überzeugende Darstellung von zwei schwierigen Menschen auf der Suche nach Sinn und Erfüllung in der Kunst; eine wunderbar gelungene Charakterstudie (wie Yates Michaels Neid, dessen Ängste und Hadern mit dem Schicksal zeichnet, ist besonders eindrücklich).
 
Der dritte Teil dieses Romans handelt dann wiederum von Michael Davenport, und zwar vor seiner Einweisung in die Psychiatrie und nach seiner Entlassung aus der Klinik. Bei einer Lesung aus seinen Gedichten bricht er zusammen – er hat keine Erinnerung mehr an diesen durch Alkohol ausgelösten Vorfall – und landet wieder in einer Klinik, erholt sich, heiratet eine zwanzig Jahre jüngere Frau, Sarah, die beiden ziehen nach Kansas, wo Michael an einem College unterrichtet.
 
Besonders die Schilderungen der Alkoholabstürze und der damit verbundenen Angst- und Panikattacken wirken sehr realitätsnah. Richard Yates weiss ganz offensichtlich, wovon er da schreibt.
 
Als dann Laura, Michael und Lucy Tochter, ebenfalls psychiatrische Hilfe braucht, meint Sarah, er solle doch endlich einmal mit diesem Unsinn übers ‚Verrücktsein‘ aufhören, worauf Michael erwidert: „Wie kann das Unsinn sein? Wären dir etwa die Begriffe lieber, die von den Seelenklempnern verwendet werden? ‚Psychotisch‘? ‚Manisch-depressiv‘? ‚Paranoide Schizophrenie‘? Hör mal. Versuch das doch zu verstehen. Damals, als ich noch klein war, bevor irgendjemand in Morristown schon mal was von Sigmund Freud gehört hatte, existierten für uns drei Grundkategorien: Es gab ‚irgendwie verrückt‘, ‚verrückt‘ und ‚total durchgeknallt‘. Das sind die Begriffe, denen ich traue …“.
 
„Eine strahlende Zukunft“ spielt in der Zeit als Bob Dylan und die Beatles auf der Bildfläche erschienen, was Lucy unter anderem Anlass ist, sich auch in Sachen Musikkultur zu positionieren. So fand sie etwa Dylan unerträglich. „Wo nahm dieser Collegejunge die Überheblichkeit, sich den Namen eines Dichters anzueignen? Warum konnte er nicht lernen zu schreiben, bevor er Songs für sich schrieb, oder lernen zu singen, bevor er sie öffentlich sang? Warum hatte dieser aufgeblasene Folktroubadour nicht ein bisschen Unterricht auf der Gitarre – oder auf seiner elektronischen Mundharmonika – genommen, bevor er sich daranmachte, Millionen von Kinderherzen zu erobern?“
 
Richard Yates, der Verfasser dieses eindrücklichen Romans, gilt als „Chronist des Scheiterns“. Die DVA publiziert sein Gesamtwerk auf Deutsch, man ist froh drum.

Richard Yates
Eine strahlende Zukunft
DVA, München 2014

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