James Lee Burke: Clete

Es gibt wenige Autoren, von denen ich um die zehn Bücher gelesen habe. Raymond Chandler, Eric Ambler, Elmore Leonard, Ross Macdonald. Von James Lee Burke waren es weit mehr als zehn, die meisten auf Englisch, die deutschsprachigen, immer gut übersetzt und verlegt von Pendragon in Bielefeld. Mit anderen Worten: Wenn der Klappentext zu Clete behauptet: „James Lee Burke zeichnet seine Figuren sorgsam mit feinen Pinselstrichen und erweckt sie so zum Leben“ wundere ich mich, denn das trifft es nun wirklich gar nicht. Und nachdem ich die ersten Seiten von Clete hinter mir habe, frage ich mich, wie man ums Himmels Willen bloss zu solch einer Einschätzung kommen kann, denn da geht es ausgesprochen gewalttätig zu und her, von feinen Pinselstrichen konnte ich weit und breit nichts erkennen, stattdessen klare und direkte no-nonsense Sprache.

Treffend formuliert es der Verlag hingegen auf der Buchrückseite: „Cletes draufgängerische Methoden beim Bekämpfen der Skrupellosen und Korrupten verleihen dem 24. Band der Dave-Robicheaux-Reihe eine neue Perspektive.“ Denn dieses Mal wird die Geschichte aus der Sicht von Clete und nicht wie sonst von Dave erzählt, inklusive seiner Charakterisierung von Dave Robicheaux. „In einer Haut stecken zwei Daves, das verstehen die Leute nicht. Ein Dave ist eine reglose Mumie. Der andere ein entgleisender Zug. Der eine ist nachdenklich, der andere lebt im Jahr 778 und reitet an Rolands Seite den Pass von Roncesvalles hinauf.“ Diese Aussenperspektive zeigt zwar Robicheaux auch nicht viel anders als er sich selber sieht, doch eben mit ganz anderen Worten, und einem ganz anderen Tonfall.

Clete Purcel, der beste Freund von Dave Robicheaux, der das Saufen aufgegeben und Hilfe bei den AA gefunden hat, ist ein Ex-Cop und Privatermittler, der säuft und unter Depressionen leidet, und sich für seine eigene Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit einsetzt, denn das herrschende System ist nichts anderes als „eine einzige Kloake, in der es mehr Perverse als Normalos gibt.“

Clete ist ein Krimi mit viel Action und spannenden Wendungen, doch fragt man sich manchmal, wie die Protagonisten eigentlich ihr Geld verdienen. Jedenfalls: Clete ist ohne Aufträge, geht dauernd aus zum Essen und Trinken, ist stets im sozialen Einsatz. Und immer hat er genügend Geld – ein Rätsel, das so recht eigentlich für so ziemlich alle Krimis charakteristisch ist.

James Lee Burkes Schreiben ist von tiefer Menschlichkeit durchdrungen; seine Charaktere, auch die unsympathischen, leiden. Der raubeinige Clete ist im Grunde ein sensibler Romantiker, der an Gerechtigkeit und Anstand glauben will. Und wie alle Rechtschaffenen wütend ist auf die unanständigen, rücksichtslosen Primitivlinge. „Ich hasse jeden verfluchten Dreckskerl auf der Welt, der einen Krieg bejubelt, an der nicht selber teilnimmt.“

Was James Lee Burke überdies auszeichnet, ist seine reflektierte Lebenserfahrung. „Lügner tendieren dazu, einen unablässig anzustarren wie Hollywoodschauspieler.“ Oder: „Unsere schlimmste Lüge ist die, die wir uns selbst erzählen.“ Oder: „Dave würde es den horizontalen Boogie des Säufers nennen: Ein eisgekühltes Bier vom Fass, dazu vier Fingerbreit Jack Daniels, eine schmerzlose Salve der ultimativen Art. Ja, richtig, für Leute wie mich ist das der Tod. Ist es für alle Säufer. Wir begehen einen Tag nach dem andern Selbstmord.“

Warum geht es? Um ganz vieles und ganz Unterschiedliches. Zwielichtige Gestalten nehmen Cletes 1959er Eldorado auseinander, wegen eines hochbrisanten Giftstoffs, der jetzt in einem Schliessfach in einem Bahnhof liegt. Ein Ehepaar, beide Soziopathen, die mit einem Pyramidensystem (gemeint ist wohl ein sogenanntes Schneeballsystem), aufgeflogen sind. Korrupte Polizisten, gewissenlose Gangster, Rassisten und Killer. Und Clete sieht Dinge bzw. hat Erscheinungen aus einem anderen Jahrhundert, die real sind, ganz im Gegensatz zu unseren Vorstellungen von der Zeit. Und und und … Angesiedelt ist Clete in Louisiana.

Clete ist zwar ein gut erzählter Krimi mit überraschenden Wendungen, aber eben auch, wie alles Dave-Robicheaux-Krimis eine Auseinandersetzung mit Amerikas düsterer Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht (Sklaven, Ausbeutung, Gewalt, Rassismus). Leitmotiv ist das Gerechtigkeitsgefühl von Clete und Dave bzw. ihre Allergie gegen Ungerechtigkeit. So trägt Clete ständig das Bild einer Mutter mit sich, die mit ihren drei Kindern auf dem Weg zu den Duschen in Auschwitz ist – um seine Wut über solche Gräueltaten nicht zu verlieren.

Fazit: Die packende Schilderung zweier Aufrechter, die sich gegen die bornierten, heimtückischen und brutalen Kräfte wehren, die schon immer Amerika regierten.

James Lee Burke
Clete
Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Pendragon Verlag, Bielefeld 2025

Grit Strassenberger: Die Denkerin

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Denkerin ist ein ungemein differenziertes Werk, das gelegentlich den Eindruck erweckt, man könne das Differenzieren auch übertreiben bzw. ad absurdum führen (eine Akademikerkrankheit). So, wenn man etwa liest: „Sie wollte nicht nur berichten und bezeugen. Sie wollte verstehen.“ Nun ja, das Eine geht irgendwie kaum ohne das Andere. Zudem: Es liegt in der menschlichen Natur, verstehen zu wollen.

Die Autorin Grit Strassenberger, Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte, beschreibt Hannah Arendt als eine „Virtuosin der Freundschaft“ (heute würde man sie wohl als talentierte Netzwerkerin bezeichnen), was unter anderem meint, Beziehungen mit Leuten aufrechtzuerhalten, die sich, um es höflich zu sagen, nicht gerade durch Charakterstärke profiliert hatten. Wie bei ihrem einstigen Lehrer und Liebhaber Heidegger, beschränkte sich das Revolutionäre bei Arendt auf ihr Denken.

Die Denkerin ist gut und klar geschrieben und macht auch deutlich (zugegeben, ich spreche von mir), wie weit entfernt das akademische Leben von der Wirklichkeit der allermeisten Menschen ist. So lautete Arendts Dissertationsthema „Vom Liebebegriff bei Augustin“. Grit Strassenberger führt aus: „Sie hielt zwar Augustins Liebeskonzeption für unpolitisch, machte sich aber seine beiden zentralen Grundannahmen zu eigen, wonach der Mensch ein auf andere Menschen angewiesenes und auf sie bezogenes Wesen ist und dass er zum Neuanfang begabt ist, weil er selbst einen Anfang darstellt.“ Eine einigermassen banale Einsicht, wie ich finde.

Die Denkerin ist ein überaus detailreiches Werk, das auch viel von den persönlichen Beziehungen der Menschen um Hannah Arendt herum erzählt. Dabei ist Grit Strassenberger erfreulich konkret, nennt namentlich diejenigen, die moralisch mehr als nur bedenklich und ausschliesslich karriereorientiert durchs Leben gegangen sind. Dass dies überhaupt möglich gewesen ist (und nach wie vor ist), sagt alles Wesentliche über unsere Gesellschaft, die sich eigenartigerweise als Demokratie versteht, dabei jedoch völlig ausser Acht lässt, dass im Kapitalismus das Geld und nicht etwa das Volk regiert.

Während ich in jungen Jahren noch ungebührlich beeindruckt von Universitäten gewesen bin, ist diese Einschätzung mittlerweile einer realistischeren Sichtweise gewichen, zu der auch dieses aufschlussreiche Werk beiträgt, das nicht zuletzt deutlich macht. dass die dort Lehrenden grösstenteils ein Haufen eitler und missgünstiger Zeitgenossen sind, die ihrem eigenen Denken eine Bedeutung beimessen, die gelegentlich ans Lächerliche grenzt. Es sind doch letztlich bloss Gedanken, die kommen und gehen. Und meistens so wie es ihnen gerade passt.

„Für eine Biographie, die immer etwas mehr zu erzählen weiss, als die Porträtierte ….“, schreibt die Autorin einmal, und weist damit auch darauf hin, dass Aussenstehende häufig Dinge wissen bzw. zu Aspekten einer Person Zugang haben, die dieser selbst verschlossen ist. Man denke etwa an die blinden Flecken.

Diese Biographie ist zwar eine beeindruckende Fleissarbeit ist, doch noch beeindruckender ist, dass Grit Strassenberger in dem vielen Material nicht ersoffen ist, sondern daraus eine höchst lesbare Geschichte geschrieben hat, an der mich so recht eigentlich fast nur gestört hat, dass ich ihre Arendt-Verehrung nicht wirklich nachvollziehen konnte. Der positiven Zuschreibungen waren da für mein Dafürhalten etwas arg viele. Von der rebellischen Denkerin zur poetischen Denkerin zu einer der profiliertesten Politiktheoretikerinnen ihrer Zeit. Ich für meinen Teil bin mir nicht sicher, ob die Charakterisierung als „die heutzutage allseits anerkannte und ob ihres Widerspruchsgeistes so hochgelobte Denkerin“ wirklich ein Kompliment ist.

Gefragt habe ich mich: Was ist zum Beispiel so aussergewöhnlich daran, dass sich Frau Arendt „in Mailand zwischen alle ideologischen Stühle“ setzte? Was hilft begriffliche Orientierung und normativer Halt in einer Zeit, „in der die freiheitliche und pluralistische Demokratie weltweit unter Druck gerät, bekämpft und hinterfragt wird“?

Der für mich stärkste Teil dieses Werkes behandelt Eichmann in Jerusalem, dieser Prozessbericht, der Grundsätzliches zur Sprache bringt, eigenständig und unerschrocken. „Mit dem Wechsel von der moral-philosophischen Kategorie des ‚radikal Bösen‘ zu der des ‚banal Bösen‘ bringt Arendt diese Erkenntnis auf den Begriff, und dieser besitzt bei genauerer Betrachtung eine höchst beunruhigende Botschaft und weitaus grössere Sprengkraft als der von der Radikalität des Bösen. Unter der Oberfläche vermeintlicher Normalität liegt die Möglichkeit, dass das Normale zum abgrundtiefen Bösen kippt.“

Die Denkerin ist ausgesprochen informativ, liest sich spannend und ist, obwohl konventionell argumentierend (dass sich etwa Erich Maria Remarque selber als unpolitisch empfand und auch von seinen Zeitgenossen so wahrgenommen wurde, wird von der Autorin nicht kommentiert, was den Schluss nahelegt, dass sie die gängige Unterscheidung von politisch/unpolitisch teilt, die meines Erachtens eine vollkommen künstliche ist), überaus erhellend. Grit Strassenberger weiss höchst virtuos Zusammenhänge aufzuzeigen, die sich weniger kreativ Begabteren wohl kaum erschlossen hätten.

Irritierend konventionell ist dieses Werk jedoch auch hinsichtlich der geschilderten Personen, von denen ausnahmslos alle als aussergewöhnlich gescheit und talentiert geschildert werden. Mit anderen Worten: Hier wird vollkommen unkritisch der Geist zelebriert. Angesichts des Unheils, das gescheite Menschen auf diesem Planeten angerichtet haben und anrichten, ist das befremdend. Nicht zuletzt, und das ist wiederum eine grosse Stärke dieses empfehlenswerten Werkes, weil sich auch sogenannt grosse Geister im Persönlichen nicht im Geringsten von den mässiger Begabten zu unterscheiden scheinen. Auch auf dies macht Grit Strassenberger aufmerksam, die „einen starken Fokus auf die Erinnerungen und Geschichten, die von Freunden, Kollegen und Schülern über Arendt erzählt wurden“ gelegt hat, was diese Biographie von vielen anderen wohltuend abhebt.

Man sollte dieses Buch, und insbesondere den Teil über Eichmann in Jerusalem, auch mit Blick auf die gegenwärtige weltpolitische Lage lesen, wo gerade „die Totalität des moralischen Zusammenbruchs“ sichtbar wird. Was „die Nazis in allen, vor allem auch den höheren Schichten der Gesellschaft ganz Europas verursacht haben“, lässt sich auch heute wieder beobachten.

PS: Ich verstehe zwar den Untertitel, Hannah Arendt und ihr Jahrhundert, nicht (ihr Jahrhundert? Die Frau starb mit 69 Jahren), doch die Biographie erzählt auch eindrücklich von der Zeit, in der Hannah Arendt gelebt hat.

Grit Strassenberger
Die Denkerin
Hannah Arendt und ihr Jahrhundert
C.H.Beck, München 2025

Jonathan Coe: Der Beweis meiner Unschuld

Gleich zu Beginn dieses Romans gibt es eine Szene, die sich kurz darauf wiederholt, und wunderbar illustriert, wie der Mensch sich selbst betrügt. Phyl, die gerade die Uni hinter sich gebracht hat, arbeitet in einem Sushi-Restaurant am Flughafen Heathrow, wo sie auch regelmässig den Lift benutzt, dessen Türen jeweils automatisch auf- und zugehen. Nichtsdestotrotz drücken Lift-Benutzer meist die Knöpfe, obwohl es überhaupt keinen Unterschied macht, ob man sie drückt oder nicht. Und glauben so das Geschehen zu kontrollieren. Nur eben: Es ist ein Irrglaube, ein Wahn. Nicht nur die KI, auch das Unbewusste dirigiert uns schon lange.

Boris Johnson musste gehen, Liz Truss ist ihm nachgefolgt. „Sie trat ans Mikrofon und richtete ihre gewohnt ungeschliffenen Worte an die Nation.“ Der Journalist Christopher Swann macht sich auf die Spur eines in Cambridge gegründeten rechtsradikalen Zirkels, der in einem alten Herrenhaus eine Konferenz durchführt, von der jedoch die Öffentlichkeit, insbesondere die kritische, tunlichst ferngehalten werden soll. Man zieht Gleichgesinnte vor.

Die Initianten der TrueCon-Konferenz sind sehr davon angetan, dass mit Liz Truss und Kwasi Kwarteng zwei der ihren nun an den Schalthebeln der Macht sitzen, Leute also, für die so ziemlich alles woke zu sein scheint, was auch nur halbwegs an einen sozialen Staat erinnert.

Dann wird die Leiche von Christopher Swann aufgefunden, was Detective Inspector Prudence Freeborne sowie ihren Kollegen DS Jakes auf den Plan ruft. Ihre no-nonsense Befragungen sind ein wahrer Genuss! Zudem steht Prudence auch ihr Mann zur Seite. „Nicht, dass er einen brillanten Verstand gehabt hätte; vielmehr besass er – ähnlich wie Holmes‘ treuer Dr. Watson – die Gabe, Bemerkungen zu machen und Fragen zu stellen, die genau das richtige Mass an Begriffsstutzigkeit aufwiesen, um nützlich zu sein.“

Königin Elizabeth stirbt; in der Schlange bei der Abdankung räsoniert Detective Inspector Prudence Freeborne über die extremen Konservativen, die vor allem auszeichnet, dass sie stets wütend sind und dass für sie alles absolut sein muss. Nur eben: „… nichts im Leben ist jemals absolut, so läuft das einfach nicht.“

Jonathan Coe liefert mit diesem Roman auch politische Aufklärung, insbesondere über die jungen Konservativen mitten in Amerika ( „Ein Haufen Fetischisten der freien Marktwirtschaft und Libertäre mit Bürstenschnitt.“), für die Nixons Öffnung nach China bereits zu weit ging. Die 1980er waren die Zeit von Reagan (dass jemand den ernst nehmen konnte!) und Thatcher, beide kein Betriebsunfall, wie die nachfolgende Entwicklung zeigen sollte. Nach wie vor, nur heutzutage wesentlich unverblümter, geht es bei konservativer Politik darum, alles zu zerstören, was als soziale Errungenschaften gelten müssen. Am Offensichtlichsten zeigt sich das derzeit in den USA.

Der Beweis meiner Unschuld ist eine unterhaltsame Abrechnung mit Grossbritanniens radikalen Konservativen, an denen so recht eigentlich wenig konservativ, dafür viel gierig und egoistisch ist. Dabei überaus gelungen ist die Schilderung des Studentenlebens in Cambridge (kein Wunder, der Autor hat in der Zeit, in der der Roman spielt, dort studiert), auch weil so recht eigentlich spürbar wird, wie aggressiv der Umgang miteinander (gegeneinander trifft es besser) in Grossbritannien ist, wo Debatten zur Vernichtung eingesetzt werden.

Darüber hinaus ist Der Beweis meiner Unschuld ein spannendes Verwirrspiel voller origineller Charaktere und unerwarteter Zusammenhänge. Schauplätze sind unter anderem Südfrankreich und Venedig. Nicht zuletzt wird auch die Frage, wie die Werke eines Schriftsteller überleben können, wenn er einmal das Zeitliche gesegnet hat, beantwortet …

Jonathan Coe
Der Beweis meiner Unschuld
Roman
Folio Verlag, Wien – Bozen 2025

Louise Doughty: Deckname Bird

Heather Berrimans Vater war beim britischen Geheimdienst und stets bereit zur Flucht, wenn es die Situation erforderte. Seine Tochter Heather, genannt Bird, arbeitet ebenfalls beim britischen Geheimdienst, auch sie ist immer bereit zu fliehen. Die Abteilung, für die sie im Einsatz ist, kümmert sich um Maulwürfe und Korruption in den Diensten. Während einer Besprechung realisiert sie, dass sie selbst unter Verdacht geraten ist. Sie flieht Richtung Schottland, wird dabei jedoch schnell identifiziert. Ganz offensichtlich ist sie doch weniger gewitzt, als sie gedacht hat, gesteht sie sich ein.

Wie Louise Doughty diese Flucht schildert, ist schlicht meisterhaft. Man fiebert mit der Fliehenden nicht nur mit, sondern fühlt sich auch vor Ort mit dabei, wenn sie etwa unverhoffte Entdeckungen macht. „Der Bahnhof von Carlisle ist hübscher als erwartet: gewölbtes Glasdach, schmiedeeiserne Gitter, Sandstein.“ Und wenn sie im Regen unterwegs ist, glaubt man sich selbst durchnässt zu fühlen. Mit anderen Worten: Louise Doughtys Schreiben trägt zu einer Schärfung der Sinne bei.

Sie muss abtauchen, von der Bildfläche verschwinden. Dazu gehört, dass sie sich ihres sich ihres Handys entledigt . „Ohne das Handy ist mir frei, schlau und leicht zumute.“ Sie macht sich zur Obdachlosen, denn diese sind für Normalos so recht eigentlich unsichtbar. Dass Kleider Leute machen, weiss jeder (und jede), im Falle von Bird ist das eine Demonstration in Persönlichkeitsveränderung – nicht nur wird sie jeweils anders/neu wahrgenommen, sie erlebt sich auch selber anders/neu.

So packend diese Flucht auch geschildert wird, dieser Thriller, wie jeder wirklich gute Thriller, hat auch eine philosophische Dimension von praktischer Relevanz. „Verantwortung – das ist nichts, wovor man wegläuft. Nein, du solltest sie dir wünschen, oder mit Freuden auf dich nehmen, wenn sie dir in den Schoss fällt. Sie erst macht das Leben lebenswert …“. Und witzig ist Deckname Bird auch immer mal wieder. So war es Heathers in Italien aufgewachsenen Freundin Flavia vollkommen klar, dass man eine grosse Familie mit Geschwistern, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen hatte. „Als ich ihr erzählte, dass ich zwei Brüder, aber zu keinem von beiden ein gutes Verhältnis hatte, sah sie mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost.“

Flavia hat sie beim Militär kennengelernt. Plötzlich verschwindet sie, Heather hört erst Monate später wieder von ihr, aus der Nähe von Inverness, wohin sie sich aus Angst vor den Besitzansprüchen des Vaters ihres ungeborenen Kindes zurückgezogen hat. Die einstmals stimmige Freundschaft zwischen Flavia und Heather ist schwierig geworden, seit ihre Lebenswege sich getrennt haben. Es kommt zum Bruch. „Wie bei fast jedem katastrophalen Streit, der eine Freundschaft beendet, kam es nicht aus den Auslöser an …“, eine Erkenntnis, die sich die all die simplen Geister hinter die Ohren schreiben sollen, die glauben, dass Auslöser, heutzutage meist Trigger genannt, in Bezug auf Beziehungen (und so recht eigentlich in Bezug auf Irgendetwas) relevant seien.

Wer ist hinter ihr her, wem kann sie vertrauen?, entlang dieser Fragen entwickelt sich dieser spannende Thriller. Im Geheimdienstumfeld ist die eine ganz besondere Herausforderung, denn in diesem Berufszweig, ist niemand wer er oder sie zu sein vorgibt.

Sie zieht von London weg aufs Land, verschuldet sich, und entdeckt, dass ihr Chef einen Teil ihrer Schulden begleicht, so dass sie jetzt in seiner Schuld steht. Louise Doughty gelingt es hervorragend, die Mechanismen, derer man sich bedienen kann, um jemanden abhängig zu machen, zu durchleuchten. Zusammen mit den grandiosen Landschaftsschilderungen (inklusive eines gewaltigen Sturms auf hoher See) macht dies Deckname Bird zu einem packenden Leseerlebnis.

Sie fliegt nach Norwegen, wo sie wiederum eine neue Identität annimmt. Dann nach Island. „Ich weiss noch nichts davon, aber eine andere macht wirkt gerade darauf hin, dass ich deutlich länger auf Island bleiben werde4 als geplant. Manchmal nimmt einem doch etwas Grösseres als man selbst die Entscheidung ab.“ Auch wird ihr klar, dass sie als Lockvogel benutzt worden ist.

Was Deckname Bird darüber hinaus aussergewöhnlich macht, ist die reflektierte Beobachtungsgabe der Autorin, der auffällt, was den meisten wohl entgeht. Und deren selbstständiges Denken (das generell selten ist) immer wieder Verblüffendes zutage fördert. „… erst als ich wieder näheren Umgang mit ihm hatte, merkte ich, dass er nicht etwa jetzt jünger aussah, sondern damals, früher, für seine Jahre alt gewirkt hatte.“ Oder: „Wenn das Unerwartete geschieht, weiss man immer erst hinterher, dass es geschehen kann.“ Oder: „Die Dinge, vor denen wir uns fürchten, passieren gar nicht immer. Es ist wichtig, sich das vor Augen zu halten.“

Louise Doughty
Deckname Bird
Thriller
Suhrkamp, Berlin 2025

Andreas Föhr: Bodenfrost

Wer sich eine Vorstellung vom Homo Sapiens (wobei: Sapiens ist schon etwas hochgegriffen) in seiner Liebenswürdigkeit, Niedertracht, Gewitzt- und Blödheit machen möchte, lese Andreas Föhr, der hier die bayerische Version vorstellt, bei welcher der gesunde Menschenverstand die Psychologie ersetzt. „Bedächtig, ja nachgerade andächtig schritt die Kleine zur Kerze und entzündete sie. Kreuthner nahm jenes Leuchten in ihren Augen wahr, das sonst nur echten Pyromanen zu eigen ist, und er fragte sich, ob das eben für die Tochter des Polizeipräsidenten eine entscheidende Gabelung auf dem Lebensweg gewesen war.“

Der Einstieg in Bodenfrost ist nicht nur witzig und originell, sondern macht auch klar, dass unter Polizisten und Feuerwehrleuten die Straftäter über-proportionell vertreten sind, was in aller Regel höchstens Kriminologen bekannt sein dürfte. Bodenfrost ist auch ein vielfältig aufklärendes Werk.

Andreas Föhr ist nicht nur gelernter Jurist, sondern hat auch einige Jahre als Anwalt gearbeitet, ist also ausgesprochen geeignet, von den absurden Auswüchsen des Menschen und insbesondere des Homo Bavaricus zu erzählen, zu denen nicht zuletzt die Juristen gehörig beitragen. Mit dem Polizeihauptmeister Kreuthner ist dem Autor überdies eine Figur gelungen, die in wirklich jedem Sinne des Wortes unorthodox ist.

Dann die erste Leiche, Vitus Zander, ein einflussreicher Brauereibesitzer, der kurz zuvor seine Frau als vermisst gemeldet hatte. Polizeihauptmeister Kreuthner findet die Frau und macht ihr die Vorteile und Nachteile eines Selbstmordversuchs im kalten Wasser bewusst! „‚Aha…‘ Frau Zander schien durch Kreuthners Rede verwirrt, was Kreuthner als gutes Zeichen nahm, denn wenn einer verwirrt ist, dann denkt er nach, und wenn er nachdenkt, dann springt er nicht.“

Die im Wald aufgefundene Isabell Zander leidet unter einer Amnesie, sie soll eine Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben, da zu klären ist, ob sie vor ihrem Mann, einem Kontrollfreak erster Güte, geflüchtet ist. Doch dieser erlaubt das nicht und holt sie aus dem Krankenhaus und zu ihm nach Hause.

Die Handlung dieses Kriminalromans ist so plausibel wie das bei Kriminalromanen eben so ist, inklusive Spannung, unerwarteten Wendungen und einem überraschenden Schluss. Was Bodenfrost zu einem rundum gelungenen Werk macht, ist nicht zuletzt die bayerische Sprache, mit der sich vieles bestens auf den Punkt (oder haarscharf daneben) bringen lässt, sowie des Autors Sinn für Situationskomik. Darüber hinaus liefert er ein sehr buntes Bild unserer Ordnungshüter, vom eigenmächtigen Verkehrskontrolleur, der blöderweise den Staatsanwalt, den er ganz klar als Drogendealer identifiziert, massregeln will, zum übereifrigen Verkehrspolizisten, der seine Kollegen (Vorschriften gehören von allen eingehalten, die Umstände spielen keine Rolle) bei der Arbeit hindert.

Bodenfrost ist jedoch weit mehr als ein unterhaltsamer Kriminalroman, es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Psychoterror der Kontrollfreaks. „Er war nicht gewalttätig, das musste er gar nicht sein. Es reichte ihm, sie seiner Willkür ausgeliefert zu sehen, sie einzusperren und ihr jeden noch so kleinen Freiraum zu nehmen.“ Kurzum: Ein Psychopath sondergleichen. Und von denen gibt es heutzutage auf den Chefetagen viel zu viele.

Andreas Föhr versteht es ausgezeichnet, Charaktere („Er war nicht die hellste Kerze auf der Torte, dafür blond und stark und eine gefragte Fachkraft bei Wirtshausschlägereien.“) und Verhaltensweisen zu schildern, die man sich unschwer in der sogenannten Realität vorstellen kann. Es sind Menschen, die zwar nicht allzu viel nachdenken, auch wenn sie gelegentlich zum Grübeln neigen, doch mit praktischem Verstand, Witz und Geistesgegenwart die Probleme, die das Leben so mit sich bringt, angehen. Darüber hinaus macht Bodenfrost einem bewusst, dass alles Wesentliche im Leben so recht eigentlich unter der Hand abläuft. Den Deal kannte man in Bayern schon lange bevor der amerikanische Hobby-Golfer in die Welt trompetete, ihn erfunden zu haben.

Bodenfrost ist auch ein Sozial-Porträt unserer Zeit, in der die hergebrachten Zuschreibungen nur noch selten funktionieren und vor allem ein pragmatisches Handeln zielführend ist. „‚Ich kann auch Anweisung geben, den Mann laufen zu lassen.‘ Janette deutete auf den Bildschirm, wo Rama gerade Handschellen angelegt wurde. ‚Schon in Ordnung‘, sagte Tischler. ‚Freilassen können wir ihn immer noch.'“ Sehr originell und überaus vergnüglich; mit Dialogen, die einen Tränen lachen machen.

Andreas Föhr
Bodenfrost
Der Tod ist manchmal nicht die beste Lösung
Knaur Verlag, München 2025

Ismail Kadare: Der Anruf

Drei Minuten sprachen Stalin und Pasternak miteinander am Telefon. Kurz zuvor war Ossip Mandelstam verhaftet worden. Worüber bei diesem Telefonat gesprochen wurde, ist viel gerätselt worden. Pasternak hat keine einschlägigen Aufzeichnungen hinterlassen

Diese Untersuchungen (so der Untertitel) beginnen mit einem Traum: Anruf Enver Hoxhas in der Redaktion, in der Kadare arbeitet. Der Diktator will wissen, was er von Pasternak halte. Er eiert herum.

Der Lektor, der über die Veröffentlichung von Kadares Roman entscheiden wird, ist nervös, denn nicht nur der Autor, sondern auch er wird für das, was in dem Roman zur Sprache kommt, geradestehen müssen. Sollte man nicht dies oder jenes besser rauslassen? Könnte nicht dies oder das Anstoss erregen? In einer Diktatur herrscht ein Klima der Angst; Ismail Kadare beschreibt diese Atmosphäre überaus gekonnt. Genauso wie das Russland während der beiden ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts, eine Zeit der Vielfältigkeit sondergleichen.

Das Telefonat von Stalin und Pasternak umfasst zehn Zeilen, „die dann über ein Jahrhundert hinweg ständig gedeutet und umgedeutet wurden.“ Der Mensch ist wahrlich erfindungsreich, wenn es darum geht, nicht der Langeweile anheim zu fallen und sich eine Beschäftigung zu suchen.

Die Sachlage ist klar: Mandelstam wurde verhaftet; Stalin will wissen, was Pasternak von Mandelstam hält und weicht aus. Dem Menschen ist es nicht gegeben, sich einfach und klar auszudrücken, insbesondere die sogenannt Gebildeten sind voller Wenn und Aber und Vielleicht, was auch damit zu tun hat, dass sie es sich nicht leicht machen wollen. Einzelheiten sind wichtig. Und: „Einzelheiten sind immer gefährlich.“

Dreizehn Versionen dieses Telefonats gibt es. Dass es stattgefunden hat, kann als gesichert gelten. Ebenso, dass Mandelstam verhaftet, verurteilt und im Gulag umgebracht wurde.

Kadare wundert sich. Was hatte Stalin bewogen, Pasternak anzurufen und ihn nach seiner Meinung zur Inhaftierung Mandelstams zu fragen? Was war Stalins Verhältnis zum Nobelpreisträger? Offenbar ein ganz anderes als das von Lenin zu Maxim Gorki. Lenins „Anweisungen waren kategorisch: Gorki hatte man alle Ausrutscher und Launen zu verzeihen, seinen bourgeoisen Lebensstil auf Capri in Italien, die Kränkung, die er Sowjetrussland antat, indem er die Rückkehr verweigerte.“

Dass Pasternak sich nicht für Mandelstam eingesetzt hat, scheint unbestritten. Schriftsteller sind nun einmal auch nicht weniger feige als andere. Doch darauf geht Ismail Kadare nicht ein, vielmehr betont er das komplizierte Verhältnis zwischen Künstlern und politischen Führern. Besonders problematisch war dieses Verhältnis, als der Kommunismus herrschte.

So sehr sich Der Anruf mit dem Schriftsteller bzw. den Künstlern in Diktaturen auseinandersetzt („Die Kommunisten fürchteten die Kunst.“) diese Untersuchungen weisen darüber hinaus auch auf Marx‘ genuine Empathielosigkeit hin wie auch „auf die elementarste menschliche Regung“: das schlechte Gewissen. So wurde etwa im Kommunismus das Mitgefühl in „Abschwächung des Klassenkampfs“ unbenannt!

Mit diesen Untersuchungen legt Ismail Kadare auch eine überaus anschauliche Darstellung der Funktionsweise des sozialistischen Staates vor, wo bereits die Änderung der Wohnadresse ganz Unterschiedliches bedeuten kann. Den in Angst gehaltenen Menschen bleibt nur das Rätseln; niemand weiss, ob seine oder ihre Zuschreibungen richtig sind bzw. unerwünschte Konsequenzen nach sich ziehen.

Was können wir eigentlich wissen? Der Anruf ist nicht nur eine eindrückliche Demonstration von Montaignes Diktum, wir seien bloss „les interprètes des interprétations“, sondern zeigt auch höchst überzeugend auf, dass und wie Einzelheiten zusammenhängen (können).

Ismail Kadare
Der Anruf
Untersuchungen
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Mathijs Deen: Die Lotsin

Auf einer Forschungsstation im Nordosten Grönlands zieht ein Whiteout auf (ist das Sonnenlicht durch Nebel gedämpft, dann ist der weisse Boden vom Horizont nicht mehr zu unterscheiden). Die Wissenschaftler werden aufgefordert drinnen zum bleiben, doch die Klimaforscherin Iona Grimstedt fehlt. Der sofort ausgeschickte Suchtrupp findet sie unterkühlt und desorientiert. Auf einem US-Forschungsschiff soll sie von Grönland nach Kiel gebracht werden, ist jedoch plötzlich unauffindbar.

Die Suche der Küstenwache und der Helgoländer Seenotretter bleibt ohne Erfolg, doch dann schaltet sich die Bundespolizei zur See ein, deren Ermittler Xander Rimbach Verhöre an Bord durchführt, die darauf hinzuweisen scheinen, dass die seit langem unter Depressionen leidende Iona aus eigenem Antrieb über Bord gegangen ist. Doch dann …

„Sie hatte nicht mehr dieses Resolute, sie schien ein bisschen abwesend zu sein, würde ich sagen“, erfährt Xander. „Sie lässt sich nicht helfen“, sagt Thorsten (Ionas Mann). „Sie will immer alles allein schaffen.“ Wie viele Depressive war Iona offenbar in einem Mass mit sich selber beschäftigt, das ihr kaum Energie mehr für andere liess. „Solche Geschichten kann man sich eine Weile anhören, aber auf die Dauer hört man immer weniger hin, vor allem, wenn die andere Person nie mal fragt, wie es einem selbst geht …“.

Nach und nach lernt man, dass Iona Grimstedts Forschungsgebiet die Glaziologie ist, also die Wissenschaft, die das Eis liest, das Wasser analysiert und die Anteile der im Eis gefangenen Gase misst. „In ihrem Fachgebiet dreht sich alles um Klimaschwankungen, Treibhausgase, Erwärmung, Abkühlung.“ Sie wird zur Zielscheibe von Klimawandelleugnern, insbesondere ein Typ namens Arpoi, von dem niemand weiss, wer er ist, hat sich auf sie eingeschossen.

Dieser Roman besticht nicht zuletzt durch den grandiosen Auftakt, der einen Sog entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das liegt an der unprätentiösen Sprache sowie dem Händchen des Autors für Dramaturgie. Man ahnt nicht nur, sondern man weiss, dass Iona Grimstedt ein unwillkommenes Schicksal bevorsteht. Hingegen weiss man ganz und gar nicht, wer an Ionas Tod Schuld trägt. Sind es wirklich die Klimaleugner?

Auftritt Liewe Cupido. Der eigenwillige Kommissar ist Mathijs Deens Maigret, also einer, der Zusammenhänge sieht, die anderen entgehen, „Eine falsche Spur führt nicht vom Täter weg, sondern zu ihm hin.“ Und : „Es gibt einem zu denken, mir jedenfalls, wie gewaltig doch der Kontrast ist zwischen dem, was ein Mensch sich wünscht, in seiner Fantasie ….“, er schweigt einen Moment und betrachtet das Fotos, „… und der Wirklichkeit.“ Es sind Einsichten wie diese, die diesen Roman speziell machen.

Die Lotsin zeichnet sich auch durch überraschende Dialoge aus, die nicht nur zum Schmunzeln einladen, sondern regelrechte Augenöffner sind. „Du bist doch an einem Fluss aufgewachsen, hast du nie von solchen Fällen gehört?“ „Nein“, sagt Xander. „Aber ich habe auch nicht immer zugehört.“ Der besondere Reiz dieses Romans geht nicht zuletzt davon aus, dass er am, im und auf dem Wasser spielt. So liest man etwa auch vom Unterwasserforscher Jacques Cousteau, der uns eine gänzlich unbekannte Welt gezeigt hat.

Lakonisch schildert Mathijs Deen den Umgang der verschiedenen Akteure miteinander – Kommunikation wäre dafür ein zu positiver Ausdruck. Die geschilderten Menschen sind durchs Band eigensinnig und meist wenig kooperativ. Eine überaus realistische Sicht der Welt, die gemeinhin eher in der Wirklichkeit als in Romanen zu finden ist.

Fazit: Spannend, differenziert, berührend, lehrreich und wunderbar atmosphärisch.

Mathijs Deen
Die Lotsin
Roman
Mare Verlag, Hamburg 2025

Davide Longo: Ländliches Requiem

Eric Delarue, Geschäftsführer eines Stahlwerks, wird durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Der Täter trug eine Sturmhaube und Handschuhe. Die Leute auf der Strasse wissen bereits, was vorgefallen ist, auch ohne die Medien. Commissario Capo Bramard und Ispettore Arcadipane werden auf den Fall angesetzt. Die beiden bilden ein ausgesprochen eigenwilliges Gespann, das immer mal wieder den Unmut ihrer Vorgesetzten hervorruft.

Was war Delarue für ein Mann? „An etwa vierzig Prozent der Befragten hat der Dottore direkt oder an ihren Angehörigen Wunder gewirkt, weshalb die Devise lautet ‚Sofortige Heiligsprechung‘. Fünfzig Prozent sehen in als Chef, damit a priori als Scheisskerl, aber jedenfalls besser als die andren, die sie davor hatten. Und zehn Prozent hätten ihn nicht (!?) erschossen, aber wo schon jemand anders das übernommen hatte …“. Die Gründe werden zwar aufgeführt, sind jedoch irrelevant, da der Mensch keine Gründe braucht, um eine Meinung zu haben.

Davide Longo versteht es nicht nur meisterhaft, seine Charaktere , ihre Eigenarten und Marotten zu zeichnen, sondern erweckt das Italien der Italiener, und vor allem Turin und das Piemont, auf eine derart sympathische Art und Weise zum Leben, das man aus dem Schmunzeln gar nicht mehr herauskommt. „Bramard hingegen geht an seiner Seite mit dem ausdruckslosen Gesicht dessen, der Pilze sammeln gegangen ist und nichts gefunden, aber jedenfalls ein paar Stunden im Wald zugebracht hat.“

Allerdings ist Ländliches Requiem ungemein langfädig, da reiht sich Detail an Detail, von Menstruationsbeschwerden zur angeblichen Weisheit von Bordellinhaberinnen. Spannung kam bei mir jedenfalls nicht auf. Doch es ist ein überaus aufschlussreiches Buch, in dem man viel über die Piemontesen lernt, wie etwa, dass sie gut im Tunnelbohren und Bahnstreckenbauen sind, hingegen wenig Talent für Humor haben, was für den Turiner Davide Longo jedoch nicht zutrifft, dessen genaue Beobachtungsgabe immer wieder höchst witzige Personenbeschreibungen liefert. „Die Haare sind schütter, rötlich und am Kopf anliegend. Hellblaues Hemd, zerknitterte Hose, Quarzuhr, die er zur Firmung bekommen hat. Ausserhalb des Ambientes würde man sagen, ein Münzsammler oder ein Priester, von dem man die Kinder fernhalten sollte.“

Nach und nach enthüllt sich der wahre Eric Delarue, hinter dessen schillernder Fassade, sich ein narzisstisch veranlagter Mann verbarg, der ein Doppelleben führte. Das Porträt dieser gespaltenen Persönlichkeit mit ungewöhnlichen Hobbies gelingt dem Autor glänzend. Dabei wird nicht zuletzt deutlich, dass das nähere Umfeld eines solchen Menschen sich keine Illusionen macht, diese sind der sogenannten Medienöffentlichkeit vorenthalten.

Wir leben ja bekanntlich in einer globalisierten Welt, was nicht nur meint, dass sich brasilianische Kids für südkoreanischen K-Pop begeistern, sondern auch, dass wenn sich Commissario Bramard versucht ein Bild zu machen, ihm auch Fernsehnachrichten durch den Kopf gehen. „Bramard denkt, dass sie wirkt wie die Sprecherin einer konservativen skandinavischen Partei, die im Fernsehen eine Gaspreiserhöhung ankündigt.“

Es sind die vielfältigen Assoziationen des Autors, die Ländliches Requiem zu einem eigentlichen Lesevergnügen machen. „Alarmiert schaut die Frau den untersetzten Typen an. der mit kurzen Beinen auf sie zugewatschelt kommt, wie der letzte Neandertaler, der unter lauter Homo Sapiens seine Daseinsberechtigung sucht.“ Bei dem Mann handelt es sich übrigens um Ispettore Arcadipane. Ein anderer trägt „die Sportjacke eines Versicherungsvertreters„, noch ein anderer „ist gekleidet wie frühere Radiosprecher, als man sich in eine Stimme verlieben konnte. Ring im linken Ohrläppchen, schütteres weisses Haar, aber nach hinter gekämmt, um Volumen zu geben.“ Eine wahrlich bunte Palette von Gestalten, die Davide Longo auftreten lässt.

Die Roten Zellen der kommunistischen Wiedergeburt reklamieren das Attentat auf Delarue für sich, doch dann stossen Bramard und Arcadipane auf eine vierköpfige Männergruppe, „Freunde der Ästhetik“, mit einem speziellen Hobby, das um Bilder von jungen Buben kreist, von denen einer nach einer Sportveranstaltung spurlos verschwunden isr.

Dass der Autor Davide Longo, 1971 geboren, an einem Turiner Literaturinstitut unterrichtet, überrascht nicht; die literarischen und kulturellen Bezugnahmen sind äusserst vielfältig und reichen von Balthus über Leonardo Sciasca zu Leonard Cohen.

Fazit: Ländliches Requiem lässt einen nicht nur Turin, sondern so recht eigentlich die Welt, mit geschärften Sinnen für Skurriles sehen.

Davide Longo
Ländliches Requiem
Kriminalroman
Rowohlt, Hamburg 2025

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