Es gibt wenige Autoren, von denen ich um die zehn Bücher gelesen habe. Raymond Chandler, Eric Ambler, Elmore Leonard, Ross Macdonald. Von James Lee Burke waren es weit mehr als zehn, die meisten auf Englisch, die deutschsprachigen, immer gut übersetzt und verlegt von Pendragon in Bielefeld. Mit anderen Worten: Wenn der Klappentext zu Clete behauptet: „James Lee Burke zeichnet seine Figuren sorgsam mit feinen Pinselstrichen und erweckt sie so zum Leben“ wundere ich mich, denn das trifft es nun wirklich gar nicht. Und nachdem ich die ersten Seiten von Clete hinter mir habe, frage ich mich, wie man ums Himmels Willen bloss zu solch einer Einschätzung kommen kann, denn da geht es ausgesprochen gewalttätig zu und her, von feinen Pinselstrichen konnte ich weit und breit nichts erkennen, stattdessen klare und direkte no-nonsense Sprache.
Treffend formuliert es der Verlag hingegen auf der Buchrückseite: „Cletes draufgängerische Methoden beim Bekämpfen der Skrupellosen und Korrupten verleihen dem 24. Band der Dave-Robicheaux-Reihe eine neue Perspektive.“ Denn dieses Mal wird die Geschichte aus der Sicht von Clete und nicht wie sonst von Dave erzählt, inklusive seiner Charakterisierung von Dave Robicheaux. „In einer Haut stecken zwei Daves, das verstehen die Leute nicht. Ein Dave ist eine reglose Mumie. Der andere ein entgleisender Zug. Der eine ist nachdenklich, der andere lebt im Jahr 778 und reitet an Rolands Seite den Pass von Roncesvalles hinauf.“ Diese Aussenperspektive zeigt zwar Robicheaux auch nicht viel anders als er sich selber sieht, doch eben mit ganz anderen Worten, und einem ganz anderen Tonfall.
Clete Purcel, der beste Freund von Dave Robicheaux, der das Saufen aufgegeben und Hilfe bei den AA gefunden hat, ist ein Ex-Cop und Privatermittler, der säuft und unter Depressionen leidet, und sich für seine eigene Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit einsetzt, denn das herrschende System ist nichts anderes als „eine einzige Kloake, in der es mehr Perverse als Normalos gibt.“
Clete ist ein Krimi mit viel Action und spannenden Wendungen, doch fragt man sich manchmal, wie die Protagonisten eigentlich ihr Geld verdienen. Jedenfalls: Clete ist ohne Aufträge, geht dauernd aus zum Essen und Trinken, ist stets im sozialen Einsatz. Und immer hat er genügend Geld – ein Rätsel, das so recht eigentlich für so ziemlich alle Krimis charakteristisch ist.
James Lee Burkes Schreiben ist von tiefer Menschlichkeit durchdrungen; seine Charaktere, auch die unsympathischen, leiden. Der raubeinige Clete ist im Grunde ein sensibler Romantiker, der an Gerechtigkeit und Anstand glauben will. Und wie alle Rechtschaffenen wütend ist auf die unanständigen, rücksichtslosen Primitivlinge. „Ich hasse jeden verfluchten Dreckskerl auf der Welt, der einen Krieg bejubelt, an der nicht selber teilnimmt.“
Was James Lee Burke überdies auszeichnet, ist seine reflektierte Lebenserfahrung. „Lügner tendieren dazu, einen unablässig anzustarren wie Hollywoodschauspieler.“ Oder: „Unsere schlimmste Lüge ist die, die wir uns selbst erzählen.“ Oder: „Dave würde es den horizontalen Boogie des Säufers nennen: Ein eisgekühltes Bier vom Fass, dazu vier Fingerbreit Jack Daniels, eine schmerzlose Salve der ultimativen Art. Ja, richtig, für Leute wie mich ist das der Tod. Ist es für alle Säufer. Wir begehen einen Tag nach dem andern Selbstmord.“
Warum geht es? Um ganz vieles und ganz Unterschiedliches. Zwielichtige Gestalten nehmen Cletes 1959er Eldorado auseinander, wegen eines hochbrisanten Giftstoffs, der jetzt in einem Schliessfach in einem Bahnhof liegt. Ein Ehepaar, beide Soziopathen, die mit einem Pyramidensystem (gemeint ist wohl ein sogenanntes Schneeballsystem), aufgeflogen sind. Korrupte Polizisten, gewissenlose Gangster, Rassisten und Killer. Und Clete sieht Dinge bzw. hat Erscheinungen aus einem anderen Jahrhundert, die real sind, ganz im Gegensatz zu unseren Vorstellungen von der Zeit. Und und und … Angesiedelt ist Clete in Louisiana.
Clete ist zwar ein gut erzählter Krimi mit überraschenden Wendungen, aber eben auch, wie alles Dave-Robicheaux-Krimis eine Auseinandersetzung mit Amerikas düsterer Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht (Sklaven, Ausbeutung, Gewalt, Rassismus). Leitmotiv ist das Gerechtigkeitsgefühl von Clete und Dave bzw. ihre Allergie gegen Ungerechtigkeit. So trägt Clete ständig das Bild einer Mutter mit sich, die mit ihren drei Kindern auf dem Weg zu den Duschen in Auschwitz ist – um seine Wut über solche Gräueltaten nicht zu verlieren.
Fazit: Die packende Schilderung zweier Aufrechter, die sich gegen die bornierten, heimtückischen und brutalen Kräfte wehren, die schon immer Amerika regierten.
James Lee Burke
Clete
Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Pendragon Verlag, Bielefeld 2025

