Paul Auster: Winterjournal

Anzuzeigen ist ein aussergewöhnlich persönliches und bewegendes Buch, geschrieben mit einem Händchen für Dramaturgie und mit einem sehr schönen Sinn für Witz: „’Merk dir das, Charlie‘, sagte er, ‚lass keine Gelegenheit zum Pinkeln aus.‘ So werden uralte Weisheiten von einer Generation zur nächsten weitergereicht.“

Es handle sich bei diesem Werk um „eine Lebensbeichte ganz aus der Warte des Körpers“, lese ich im Klappentext. Da hab ich offenbar ein anderes Buch gelesen. Zum einen ist es für mich keine Beichte, und eine Lebensbeichte sowieso nicht, zum andern stelle ich mir unter der „Geschichte eines Körpers“ etwas in Richtung Biologie vor und keine reflektierten, autobiografischen Begebenheiten aus den verschiedensten Lebensjahren.

Von seinen einundzwanzig ständigen Wohnsitzen von der Geburt bis zur Gegenwart berichtet Auster und nennt sie seine einundzwanzig „Haltepunkte“, darunter auch San Francisco („… je besser du San Francisco kennenlerntest, desto kleiner und langweiliger kam es dir vor …“) , von seiner ersten Ehe und der Frau, die er „am 23. Februar 1981“ kennenlernte und mit der er auch heute noch zusammen ist, vom Tod seiner Mutter, bei dem er nicht weinen und nicht trauern konnte, „wie Leute es normalerweise tun“.Doch was ihm zwei Tage nach ihrem Tod widerfährt, ist an Dramatik kaum zu überbieten: „der Hammer, der ohne Vorwarnung niedersaust, und dann die Atemnot, das Herzrasen, der Schwindel, die Schweissausbrüche, der Körper, der zu Boden stürzt, die Arme und Beine, die zu Stein werden, die Schreie, die aus verrückt gewordenen, luftleeren Lungen hervorbrechen, und die Gewissheit, dass dein Ende nahe ist, dass die Welt binnen einer Sekunde zu existieren aufhören wird, weil du dann selbst nicht mehr existierst.“

Wie er das Leben seiner Mutter schildert, ist besonders eindrücklich. Von ihrem Unfall, nach dem sie keinen Schluck Alkohol mehr trank, von ihrer zweiten Ehe, die so war, wie sich jeder die Ehe ersehnt, und von ihrer dritten, die der Sohn für einen törichten Entschluss hielt.

„Winterjournal“ erzählt von Privatem, doch ein privates Buch ist es nicht, sondern eines, das der Komplexität und Widersprüchlichkeit der eigenen Gefühle Ausdruck gibt, eines, das genau und hellsichtig Austers Wahrnehmungen registriert. So beschreibt er etwa seine zehn Jahre ältere Kusine, als „streitsüchtige, selbsternannte Sittenwächterin“, doch eben auch als „nicht dumm, sie hat das College ’summa cum laude‘ abgeschlossen, sie ist Psychologin und führt eine grosse, gutgehende Praxis, eine aufgeschlossene, tatkräftige Frau“.

Paul Auster betreibt keine Nabelschau, dafür ist er viel zu interessiert an der Welt. Von seinen Nachbarn im Duchess County sind ihm die Tragödien am deutlichsten in Erinnerung geblieben, „zum Beispiel die Frau, die mit achtundzwanzig an MS erkrankte, oder das vergrämte Paar nebenan, dessen Tochter im Jahr zuvor mit fünfundzwanzig an Krebs gestorben war, die Mutter nur mehr Haut und Knochen und dem Gin verfallen, ihr liebevoller Mann nach Kräften bemüht, sie zu stützen, so viel Leid hinter den verschlossenen Türen und zugezogenen Fenstern dieser Häuser, und auch dein Haus machte da keine Ausnahme. Alter: 30 bis 31. Eine trostlose Zeit, ohne Frage die trostloseste Zeit, die du jemals durchlebt hast, einziger Lichtblick die Geburt deines Sohnes im Juni 1977. Aber hier brach deine erste Ehe auseinander, hier erdrückte dich die Last ständiger Geldsorgen (wie in ‚Von der Hand in den Mund‘ beschrieben), und hier bist du als Dichter in die Sackgasse geraten.“

Das ist sehr aufrichtig, sehr menschlich, sehr lebensklug. Auch weil sich da jemand als einer unter anderen wahrnimmt. Und es ist sehr gut geschrieben.

Paul Auster
Winterjournal
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013

James Lee Burke: Regengötter

Hackberry Holland, ein früherer Bürgerrechtsanwalt, ist jenseits der siebzig und arbeitet als Sheriff im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze, als ein anonymer Anruf eingeht – ein Massenmord ist geschehen, neun asiatische Frauen wurden umgebracht und hinter der alten Kirche in Chapala Crossing, im Süden von Texas, verscharrt. Das FBI bemächtigt sich des Falles.

Der anonyme Anruf kam von Pete Flores, einem Ex-GI, der trinkt, zu den Treffen der Anonymen Alkoholikern geht und sich, seit er aus dem Irak zurück ist, mit den falschen Leuten eingelassen hat. Er und seine attraktive Freundin Vikki, eine kellnernde Country-Sängerin, suchen das Weite und werden von den Killern der Asiatinnen, der lokalen Polizei und dem FBI gejagt.

Das ist höchst gekonnt und spannend geschildert, es gibt zuhauf überraschende Wendungen – wie es sich für einen guten Krimi gehört, doch „Regengötter“ ist weit mehr als einfach ein guter Krimi, es ist ein Buch, das auch, wie immer bei James Lee Burke, eine Sozialstudie ist, die man, im Gegensatz zu ihren akademischen Pendants, auch gerne liest. Darüber hinaus kriegt man auch noch ganz viele nützliche Lebenseinsichten mitgeliefert.

„Hast du seinen Namen?“ „Er sagte, sein Name sei Pete. Kein Nachname. Warum hast du dich nicht gemeldet? Ich hätte Unterstützung schicken können. Du bist verdammt noch mal zu alt für diesen Scheiss, Hack.“ ‚Weil man ab einem bestimmten Alter lernt, sich selbst zu akzeptieren und zu vertrauen, und sich vom Rest der Welt löst‘, dachte er, sagte aber etwas anderes …

„Regengötter“ lässt einen die Wüste spüren. „Die Wüste war unveränderlich, allumfassend wie ein göttliches Wesen und ruhte in ihrer eigenen Grösse. Sie erstreckte sich in die Vergangenheit, zurück bis in die Tage des Garten Eden, und war eine Zeugin für die Berechenbarkeit und die Ausgestaltung der gesamten Schöpfung, eine Verlockung für all diejenigen, die keine Scheu hatten, sich auf sie einzulassen, sie zu erobern und sie zu benutzen.“

Als ich dies las war ich sofort wieder in Twenty-Nine Palms, einer Stadt in der kalifornischen Wüste, von der ihre Bewohner sagen, es sei nicht das Ende der Welt, doch man könne es von hier aus sehen. Drei Monate verbrachte ich dort, inmitten von Kreosotbüschen und kleinen Schlangen im Sand vor dem Haus, Coyoten und Hasen, die vorbeizogen, den kitschigsten Sonnenuntergängen, die ich je gesehen hatte und einer Weite, die mich befreite und mir gleichzeitig unheimlich war.

Im Gegensatz zu meiner friedlichen Wüste ist diejenige von James Lee Burke bevölkert mit gewalttätigen Menschen, die alle irgendeinen Knacks haben, ob sie nun als Verbrecher oder in Regierungsdiensten unterwegs sind. Und fast alle sind sie unberechenbar. Auch für sich selber.

„Regengötter“ überzeugt nicht nur als Page Turner und als realistische Sozialstudie: es ist auch eine packend geschriebene Geschichte übers Verzeihen. „Sie war bereit etwas zuzugeben, das womöglich nicht einmal passiert ist“, fuhr Pete fort. „Und falls sie es doch getan hat, wollte sie sich dazu bekennen und vielleicht sogar dafür ins Gefängnis gehen. Für sie macht es keinen Unterschied. Sie wünscht sich nur, dass man ihr all das vergibt, was sie in ihrem Leben falsch gemacht hat, Das erfordert ein Mass an Mut und Demut, das ich anscheinend nicht habe.“ Und eine Mediation darüber, wie man aufrichtig und anständig durchs Leben gehen kann.

PS: Es sind in diesem exzellenten Thriller (der den Deutschen Krimipreis 2015 in der Kategorie International erhielt) übrigens immer die Frauen, die den Verbrechern ohne zu zögern die Stirn bieten.

James Lee Burke
Regengötter
Wilhelm Heyne Verlag, München 2015

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Der erste Satz müsse einen packen, heisst es. Oder der erste Absatz. Oder auch die erste Seite. Bei „Americanah“ reicht schon der erste Teil des ersten Satzes, weil er mich erinnert, an Mendoza, die Stadt in der argentinischen Wüste, von der eine Freundin in der Schweiz wissen wollte, wie sie rieche und ich mich so was bis dahin gar nie gefragte hatte … der erste Teil des ersten Satzes von „Americanah“ geht so: „Princeton im Sommer roch nach gar nichts …“.

Ifemelu studiert in Princeton, wo sie sich jedoch keine Zöpfe flechten lassen kann, dafür muss sie nach Trenton, wo es mehr Schwarze gibt, die jedoch hauptsächlich Französisch, Wolof oder Malinke sprechen, Englisch hingegen „immer gebrochen und kurios, als hätten sie die Sprache nicht richtig gelernt, bevor sie sich den Slang und die Amerikanismen aneigneten.“ Einmal sagt eine Flechterin aus Guinea zu Ifemelu: „Igwa, o God, igwa sosaua“. Erst nach vielen Wiederholung verstand sie, was die Frau sagte: „Ich war, o Gott, ich war so sauer.“

Ich musste laut los lachen, war begeistert, und bereits mittendrin in dieser spannend erzählten, komplexen und hellsichtigen Geschichte von Ifemelu und Obinze, die einmal ein Paar gewesen und nun wieder miteinander in Kontakt treten.

Ifemelu hat sich gerade von ihrem schwarzen amerikanischen Freund getrennt, Obinze, der es in Lagos durch Beziehungen zu Geld und Ansehen gebracht hat, ist mit der schönen Kosi verheiratet, die es immer allen recht machen will: „Sie entschied sich immer für den Frieden und nicht für die Wahrheit.“

Ifemelu ist anders, selbstbewusst, direkt, eigen. Eine erfrischende Stimme, die sich in Amerika als Bloggerin zu Rassenfragen, die sie höchst instruktiv angeht, einen Namen macht.

So recht eigentlich hätte ja Obinze eine Freundin von Ifemelu kennen lernen sollen, doch dann … grossartig wie das geschildert wird. Überhaupt ist vieles, was in „Americanah“ geschildert wird grossartig. Und das meint, dass hier eine aussergewöhnlich talentierte Autorin am Werke ist, die es sich hervorragend aufs Geschichten-Erzählen versteht. Mir ist nicht wirklich klar, wie sie das schafft, mag es auch gar nicht analysieren, mir genügt mich mit Ifemelu in Nigeria und Amerika, und mit Obinze in England und Nigeria zu wähnen und am Schicksal der Protagonisten Anteil zu nehmen.

„Americanah“ ist eine spannend erzählte Liebesgeschichte, ein Buch über kulturelle Vielfalt, den Gebrauch der Sprache, die Anpassungsschwierigkeiten an eine fremde Kultur und auch darüber, wie Amerika und England (wo Obinze ein Zeitlang als Illegaler lebt) aus afrikanischen Perspektiven (es gibt recht viele unterschiedliche) wahrgenommen wird. Und es schildert Interkulturelles für einmal erfrischend direkt und ohne den gängigen, liberalen Relativismus. „Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Höchst überzeugend und witzig zeigt die Autorin auf, zu was für Absurditäten der Hang zu politischer Korrektheit führt, hält die amerikanische Sitte, der Bedienung zwischen fünfzehn bis fünfundzwanzig Prozent des Rechnungsbetrages als Trinkgeld zu geben für Bestechung und wundert sich, dass wenn man in Amerika gesagt kriegt, dass man abgenommen habe, dies als positiv gilt (in Nigeria ist es genau umgekehrt).

Chimamanda Ngozi Adichie zeigt höchst unterhaltend und differenziert, dass die Welt um einiges vielfältiger und unverständlicher ist, als ich bisher angenommen habe. So lerne ich etwa, dass in Kinshasa niemand Panikattacken hat (das haben nur Amerikaner), dass, wer im nigerianischen Onitsha aufgewachsen ist, mit „einem Dschungelakzent spricht. Er verwechselt ‚tsch‘ und ’sch‘. Ich will Tschokolade. Schüss.“ und wie Nigerianer klingen, wenn sie „sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben, beide sprachen mit ihrer nigerianischen Stimme und ihrem nigerianischen Selbst, lauter, höher und mit einem ‚o‘ am Ende der Sätze.“

„Americanah“ führt aber auch eindrücklich vor, dass und wie Menschen, bei allen kulturellen Unterschieden (auch innerhalb der eigenen Kultur), überall auf der Welt ähnlich ticken. Nun ist das zwar eine Binsenwahrheit, doch wie Chimamanda Ngozi Adichie ihr Ausdruck gibt, das ist gekonnt, anregend und sehr lustig.

Fazit: Ein grossartiges Buch!

Chimamanda Ngozi Adichie
Americanah
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015

Giles Kristian: Schneefieber

Ein Familienausflug in die Berge im Norden Norwegens. Ihre ältere Tochter ist vor Kurzem gestorben, die Eltern stehen noch unter Schock. „Die Idee, in die Lyngenalpen zu fahren, war dem Wunsch entsprungen, die letzten zehn Monate hinter uns zu lassen. Nicht um zu vergessen – wer könnte das schon? – , sondern um etwas anderes zu spüren.“

Bereits auf den ersten Seiten herrscht ein beklemmende Anspannung, der man sich nur schwer entziehen kann – da wird auf fast jeder Seite etwas angedeutet, aber nicht wirklich benannt. Die Beziehung Eriks zu seiner Frau Elise ist angespannt, das Verhältnis zu seiner Tochter Sofia anfangs nicht einfach, und mit Karine und Lars, einem älteren Ehepaar, das in der Abgeschiedenheit lebt und sich für die Ureinwohner, die Samen, engagiert, findet Erik auch nicht den rechten Ton.

Erik hat der 13jährigen Sofia einen mehrtägigen Skiausflug versprochen. Des Autors Beschreibung vom Anfang dieses Ausflugs, ist ausgesprochen Bilder-stark: „Im silbrigen Mondschein zogen sie Spuren dort, wo vorher nichts gewesen war.“ Und lehrreich: „Das majestätische Tier entschwand, wurde zu einem kleinen Punkt am Himmel, während sie auf Skiern zu der Stelle glitten, wo der Adler gelandet war. Dort fanden sie einen Schneehasen mit weissem Winterfell. Drumherum lagen kleine Fellbüschel, die im Wind zitterten. Der Hase lag reglos da. Die zwei betrachteten das tote Tier, das der Adler mit seinen Krallen förmlich zerrissen hatte.“

Auch wenn man nicht liest, was der Verlag auf der Rückseite des Umschlags zum Buch geschrieben hat, so ahnt man meist bereits im Voraus (jedenfalls ist es mir so ergangen), wie sich dieser Thriller entwickeln wird, was der Handlung eigenartigerweise jedoch nicht die Spannung nimmt – und das ist das eigentlich Clevere an diesem Werk.

Erik und Sofia werden Zeugen eines grausamen Verbrechens. Und werden nun von den Killern gejagt. Eriks ursprüngliche Angst wandelt sich mit der Zeit in Wut. „In seinem Blut vollzog sich eine Metamorphose, aus Furcht wurde Wut.“

Jeder gute Thriller erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern erklärt auch, wie es auf der Welt zu und her geht. Brutal und rücksichtslos, wenn es um die Ausbeutung der Natur geht – wer sich dem Profitdenken entgegen stellt, zahlt das meist mit dem Leben. Davon handelt Schneefieber auch, obwohl es vordergründig um eine atemberaubende Verfolgungsjagd geht. Autor Giles Kristians Protagonist Erik weiss, dass er sich nicht auf seinen Instinkt verlassen darf. „Sein Instinkt sagte ihm, dass er sich klein machen, den Schützen um Gnade anflehen und tun sollte, was der Mann verlangte, solange er versprach, Sofia nichts anzutun. Ihm war aber auch klar, dass es Gnade nicht geben würde.“

Schneefieber ist ein Pageturner, der es schafft, Stimmungen zu erzeugen, denen man sich nur schwer entziehen kann. Das ist umso bemerkenswerter als die Handlung oft recht einfach gestrickt ist, am Rande des Klischees. Und das meint, ganz entgegen landläufiger Meinungen, meist nahe an der Wirklichkeit. Nur eben: Gegen Ende nimmt die Geschichte dann eine Wendung, mit der ich nicht einmal ansatzweise gerechnet hatte – sie geht auf die Opfer der Spanischen Grippe zurück.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Erik erzählt, der sich wie ein gejagtes, hilfloses Tier fühlt. Dass ihm und seiner Tochter dann auf ihrer Flucht plötzlich wahrhafte Dunkelheit zuteil wird, empfindet er als Gottesgeschenk. „Kein Mond lugte mehr durch die Lücken zwischen den Baumkronen herab. Keine Sterne. Nicht einmal die Wolke, die sie verbarg, war zu erkennen. Vor ihm und um ihn herum nichts als die schemenhafte Andeutung von Bäumen.“ Man wähnt sich vor Ort mit dabei.

Es grenzt an ein Wunder, dass der Mensch, der in dieser weiten, unwirtlichen, magischen wie unheimlichen Natur unterwegs ist, zu überleben imstande ist. „Gut eine Stunde lang schwiegen beide, jeder gefangen in seinem eigenen Rhythmus. Zwei Automaten draussen in der Wildnis, synchron und ausdauernd. Sie durchquerten eine Landschaft, in der zahllose Gletscher über Millionen von Jahren erst gewachsen waren, um dann wieder zu schmelzen, vorzurücken und sich erneut zurückzuziehen.“

Schneefieber ist auch eine Meditation über das Leben – auch wenn Erik nicht traditionell religiös ist, also nicht an eine gütige Macht glaubt, „hatte er sich der Vorstellung nicht völlig verschlossen, dass es etwas anderes gab. Etwas, das über die menschliche Erfahrung hinausging.“ – und über die Bedeutung von Träumen.

Schneefieber ist nicht nur ein packender Thriller, der einen mitfiebern lässt, sondern auch ein eindrückliches Dokument des Lebenswillens, der ungeahnte Kräfte zutage fördert, die auch den widrigsten Umständen trotzen.

Giles Kristian
Schneefieber
Thriller
Penguin Verlag, München 2023

Mark SaFranko: Amerigone

Amerika bzw. der amerikanische Traum, das war einmal, suggeriert der Titel dieses gut geschriebenen Thrillers, der an einem sonnigen Septembertag 2019 in New York beginnt, mit einem markerschütternden Schrei, gefolgt vom Jaulen einer Sirene. Nun ja, vom amerikanischen Traum wurde das schon oft behauptet – und doch wollen nach wie vor die meisten Migranten dorthin und nicht etwa nach Russland, China oder Saudi Arabien.

Nichtsdestotrotz: Ein Abgesang auf die Hoffnung, für die Amerika ideologisch steht, ist dieser Thriller zweifellos. „Ich bin keineswegs einer dieser durchgeknallten Fatalisten, aber es gibt genügend Anzeichen, dass das Ende nahe sein könnte – schon allein wegen schmelzender Gletscher und mysteriöser Viren“, geht dem Hightech-Manager Parker Saturn durch den Kopf, der in einem Hotel in Manhattan auf den ihm unbekannten Kollegen Iwan Rubleski von der Niederlassung an der Westküste wartet und dabei über sein gutes Leben inklusive seiner guten Ehe nachdenkt – was natürlich nicht meint, dass er sich deswegen auch gut fühlen würde. Unter anderem geht ihm auch seine Therapeutin durch den Kopf, über die er sagt: „Sie war kompetent und einfühlsam, aber sie verstand gar nichts. Sie sagte zwar, dass dem so wäre, fand all die richtigen Worte, aber ich weiss, dass sie nicht wirklich begriff, worum es mir ging. Vielleicht begriff auch ich es nicht, nicht ganz zumindest, jedenfalls nicht so gut wie jetzt.“ Besser habe ich das reale Wesen der Therapie selten charakterisiert gefunden.

Iwan Rubleski entpuppt sich als Psychopath, der reihenweise ihm unbekannte Leute umbringt, und Parker als Geisel nimmt. Dass dieser sich fügt, obwohl er das selber nicht begreift und auch immer mal wieder zu halbherzigen Ausbruchsversuchen ansetzt, ist überzeugend geschildert. Dabei lässt Mark SaFranko keinen Zweifel, dass der Verstand gegen die Gefühle keine Chance hat.

Bleibt Parker freiwillig bei Rubleski, wie dieser meint? Ja und Nein, doch als Rubleski ihn schliesslich gehen lässt, ergreift Parker die Chance … und ist nunmehr auf sich gestellt, niemand hilft ihm … , doch ich will hier nicht die Geschichte nacherzählen, nur dies: Es geht ziemlich aberwitzig weiter, in diesem Amerika jenseits der Zeitungsberichterstattung, in dem die beiden von der Ost- zur Westküste unterwegs sind

Auch wie der Psychopath Rubleski geschildert wird, ist nahe an der Realität. „Zuerst hören sich seine Äusserungen wie der letzte Schwachsinn an, aber je länger man sich darauf einlässt, umso mehr beginnen seine Worte eine Art verqueren Sinn zu ergeben.“ Anstatt sich darauf einzulassen, wie es Parker tut, und darauf zu hoffen, dass die Vernunft die Oberhand gewinnt, ist man besser beraten, sich nicht darauf einzulassen – ausser natürlich, man zieht den Wahnsinn dem nüchternen Denken vor. Letzteres scheint in unserer Zeit, in der Psychopathen von der Mehrheit in Regierungen gewählt werden, obenaus zu schwingen – ein klarer Beleg dafür, dass es heutzutage eindeutig mehr Durchgeknallte als Vernünftige gibt.

Einem der Kapitel ist ein Dürrenmatt-Zitat vorangestellt, das so recht eigentlich dieses Werk beschreibt: „Der Wirklichkeit ist mit der Logik nur zum Teil beizukommen.“ Und so gewöhnt Parker sich nach und nach an alles, was er einst als Schwachsinn bezeichnet hatte. “Das alles scheint längst vergessen …“. Neben dem Dürrenmatt-Zitat finden sich noch andere, die das Nachdenken lohnen. Etwa Dostojewskis: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.“ Für einen Thriller-Autor ist dieser Satz zwar ein Geschenk, doch eben auch ziemlich abseits jeder Realität.

Die Charakterisierung von Parker, der dem psychopathischen Killer Rubleski, dem jegliche Empathie abgeht (was ihn zu einem veritablen Monster macht), nichts entgegenzusetzen weiss, gelingt dem Autor besonders gut. Dabei erweisen sich Abwarten und Hoffen, die wohl meist verbreiteten menschlichen Eigenschaften, als verheerend.

Wie viele Psychopathen, so kennt auch Rubleski die Schwächen seiner Mitmenschen und des Systems. „Psychologie ist nicht mehr zeitgemäss – vollkommen überholt. Schlimmer noch, sie kann in keiner Weise erklären, was heute in der Welt passiert. Nicht, dass sie das jemals gekonnt hätte.“ Ob er wirklich glaube, dass es keinen Grund dafür gebe, dass die Menschen tun, was sie tun?, will Parker von ihm wissen. „Genau das will ich damit sagen“, antwortet Rubleski. Erlauben wir eigentlich nur vollkommen durchgeknallten Killern die Wahrheit zu sagen? Nur eben: Die Konsequenzen, die Rubleski daraus zieht, drängen sich allerdings nur denen auf, die ohne Gefühle für andere durchs Leben gehen.

Trockener Humor gehört übrigens auch zu Amerigone. Als sich im Fernsehen ein Psychiater besorgt zeigt, dass man bei einem Massenmörder kein Motiv ausmachen konnte, liest man. „Auf den Beitrag folgte eine Toyota-Werbung.“ Besser lässt sich die Absurdität unseres Konsum-Lebens eigentlich nicht darstellen.

Psychopathen, so wir denn genau hinschauen, lehren uns viel über den Zustand der Menschheit. Und ganz besonders, dass es fatal ist, sie gewähren zu lassen, denn empathielose Menschen sind krank und richten ein Desaster nach dem anderen an, für das sie sich natürlich nicht verantwortlich fühlen.

Mark SaFranko ist mit Amerigone eine Rarität gelungen: ein packender, philosophischer Thriller, der sich mit existenziellen Fragen auseinandersetzt. Und zum Nachdenken anregt.

Mark SaFranko
Amerigone
PULPMASTER, Berlin 2023

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte