Christian Schultz-Gerstein: Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten

Bei diesem Buch handelt es sich um einen stark erweiterten Band des Buches von 1987, das unter dem Titel Rasende Mitläufer erschienen ist. Beigefügt ist der neuen Ausgabe auch ein Nachwort von Verleger Klaus Bittermann, aus dem ich unter anderem erfahre, dass Schultz-Gerstein sich im Alter von 42 Jahren vermutlich zu Tode getrunken hat. Zu wissen, dass er Alkoholiker gewesen ist, lässt ihn mich anders bzw. neu lesen, denn kennzeichnend für den Alkoholismus ist wesentlich eine ausgeprägte Destruktivität – und dass eine solche auch Schultz-Gersteins Schreiben informiert, finde ich offensichtlich. Die Betonung liegt auf „auch“, denn was diesen Autor primär auszeichnet, ist seine eigenwillige Sichtweise und sein scharfer, oft gnadenloser Witz.

Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten (Kritische Opportunisten – das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen!) enthält auch die einst (1979 war das) bei „März bei Zweitausendundeins“ erschienenen „Der Doppelkopf“ und „Nach einem Gespräch mit Jean Améry“, aus dem mir diese Sätze, seit ich sie 1980 zum ersten Mal gelesen habe, nicht mehr aus dem Kopf gegangen sind: „Auf dem Flug nach Brüssel meine gewohnte Angst, wieso dieses Ding sich da oben halten kann; wie immer sah ich schon die ‚Tagesschau‘ vom Abend voraus und formulierte die Nachricht vom Flugzeugunglück einer ‚Lufthansa‘-Maschine vom Typ sowieso, die aus bisher noch ungeklärter Ursache kurz nach dem Start abgestürzt war: alle Insassen fanden den Tod. Und wie immer nach diesem Ritual war ich dann vollkommen beruhigt, das heisst, es war mir egal, ob das Flugzeug nun abstürzt oder nicht; die ‚Tagesschau‘ hatte es ja schon gemeldet, es war also eh‘ nichts mehr daran zu ändern.“

Schultz-Gerstein erträgt Verlogenheiten, Eitelkeiten und Selbstüberschätzung nicht, ist besonders allergisch gegen den selbstherrlichen Kulturbetrieb. Was er über den Egomanen Grass schreibt, gilt genauso für den Egomanen Reich-Ranicki – beide wähnen sich im Zentrum des Weltgeschehens, das ohne ihre Kommentare scheinbar nicht sein kann, „’I have no Weltanschauung‘, gestand Grass vor Jahren dem amerikanischen Magazin Time. Wozu auch? Die Weltanschauung ist er ja selber.“ Und über Karin Struck notiert er: „Wenn ein Autor mit derselben Begründung erst hofiert und später verrissen oder keines Blickes mehr gewürdigt wird, dann kann man nur schliessen, dass die Quelle von Lob und Tadel irgendwo anders als in seinen Büchern liegen muss.“ Es ist zu vermuten, dass „kritische“ Kulturschaffende (deutsche, englische sehen das anders) sich heutzutage vor allem an der Formulierung Autor statt Autorin stossen werden.

Mit ganz vielem, worüber eigenartigerweise Konsens zu bestehen scheint, kommt der Autor Schultz-Gerstein nicht klar. Etwa über „die neurotische Furcht der Nachkriegsdeutschen, mit biographisch identifizierbarer Zeit in Berührung zu kommen, und ihre Entschlossenheit, sich im Mausoleum vermeintlicher Zeitlosigkeit zu verbarrikadieren“ oder „mit dem Mythos vom Schriftsteller als einem menschlichen Durchschnitt überragenden Sonderwesen.“ Die Friedenskongresse der deutschen Schriftsteller entlarvt er als „nur den kleinen Friedensegoismus derer, die fürchten, dass es sie zuerst erwischt.“

Zu den für mich grossartigsten Texten dieses Bandes gehört „Der eiserne Griff der Verehrer“, der sich den Koeppen-Kult vornimmt. Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen verfasste von 1951 bis 1954 drei Romane, und dann lange nichts mehr, was das Feuilleton, das des Wartens auf das nächste Werk nicht müde wurde, zum Anlass nahm, ihn vollkommen zu verklären, schliesslich konnte es nur ungemein bedeutsam sein, dass der Dichter so lange schwieg. „Wolfgang Koeppen ist einer unserer grössten Schriftsteller, schrieb 1971 die Frankfurter Rundschau. Begründung: „Er ist es auch, weil er so lange geschwiegen hat und vielleicht noch lange schweigen wird.“ Wer solchen Stuss von sich gibt, hätte es besser Koeppen nachgetan und geschwiegen.

Gefragt habe ich mich allerdings schon ab und zu: Wo bleibt bloss das Positive? Und finde es etwa im überaus berührenden Artikel über Robert Walser. „Dieser Mann mit seiner bodenständigen Ziellosigkeit und seiner instinktiven Leidenschaft, überall keinen Erfolg zu haben, er konnte ja für die Berliner Welt der aufs Internationale gestellten Namhaftigkeiten wirklich kaum etwas anders als eine Zumutung sein.“ Schultz-Gerstein schildert Walser als einen, dessen Lieblingsbeschäftigung es gewesen sei, „Vermutungen darüber anzustellen, warum die Wirklichkeit ist, wie sie ist.“ – was so recht eigentlich auch ihn selber gut beschreibt.

Fazit: Ein scharfsinniger, eloquenter Rundumschlag gegen die Wichtigtuerei des Kulturbetriebs.

Christian Schultz-Gerstein
Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten
Porträts, Essays, Reportagen, Glossen
Edition Tiamat, Berlin 2021

Omri Boehm: Radikaler Universalismus

Die Vorstellung, um eine Idee zu retten, müsse man zurück an ihren Ursprung, halte ich für akademisch. Doch darum geht es gemäss der Verlagsinformation im vorliegenden Buch. Weshalb also nehme ich es mir vor? Weil mich universalistische Vorstellungen, die Idee also, es gebe etwas uns alle Verbindendes, jenseits von Interessen, nicht nur anzieht, sondern mir geradezu unabweisbar scheint. Übrigens: Der Autor nimmt sich der Frage nach der praktischen Relevanz seiner sehr klaren, wenn auch sehr intellektuellen Ausführungen, im Epilog an.

Zudem: Es liegt mir fern, dieses Buch intellektuell zu würdigen. Das sollen einschlägig interessierte Akademiker tun, die mir dazu berufener scheinen. Stattdessen will ich auf Gedanken hinweisen, die meine eigenen besser ausdrücken als ich es selber könnte, mich Neues lehren oder meinen Widerspruch erregen.

Wie kommt es eigentlich, dass sich ein ehemaliger amerikanischer Präsident und weite Teile der Republikanischen Partei für Putin begeistern? Weil dieser sich „seit vielen Jahren im Hinblick auf Homosexuellenrechte, den ‚Angriff‘ auf christliche Familienwerte und die ethnische ‚Bedrohung‘ durch eine einwanderungsfreundliche Haltung als Alternative zum westlichen Liberalismus“ positioniert, meint Autor Omri Boehm. Das klingt zwar einleuchtend, suggeriert jedoch Überzeugungen, die zumindest dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten, der keine andere hat, als dass er der Grösste ist, definitiv abgehen.

Mit der folgenden Aussage, die auf den Punkt bringt, was unsere Ego-Welt, in der Vernunft mit Interessen gleichgesetzt wird, ausmacht, gehe ich hingegen vollkommen einig: „Während eine gewaltige Fachliteratur zur Geschichte, Philosophie und Soziologie der Rechte vorliegt, wird die Frage, ob es auch immer noch Menschenpflichten gibt, kaum je gestellt.“

Universalismus meint (für mich): Unabhängig von menschlichen Konventionen, Interessen und Vereinbarungen, schliesslich können menschliche Vereinbarungen auch ungerecht sein. Etwas dem Menschen Übergeordnetes, sei es ein Gesetz, sei es eine höhere Macht, sei es ein Ideal, zu akzeptieren, erfordert eine Grundhaltung, die in unseren Zeiten des Eigeninteresses eher selten ist.. 

Für Kant, so Omri Boehm, geboren 1979, Associate Professor für Philosophie und Chair of the Philosophy Department an der New School for Social Research in New York, ersetzt die Fähigkeit, selber zu denken, „Gott oder die Natur als Grundlage des radikalen Universalismus.“ Menschen sind demnach mehr als reine Naturgeschöpfe. „Sie sind frei, weil nicht nur Ursachen, sondern auch Gründe und Rechtfertigungen ihr Verhalten bestimmen können. Nicht nur ihre Interessen, auch ihr moralisches Empfinden kann sie veranlassen, etwas zu tun. Ihre Menschlichkeit besteht in dem Umstand, dass im Unterschied zu natürlichen Arten die Frage, wer sie sind, nicht auf die Frage, was sie sind, reduziert werden kann. Sie hängt nicht davon ab, was sie tun und wie sie leben, sondern davon, dass sie für den Ruf nach dem offen sind, was sie tun sollten.

Obwohl ein entschiedener Gegner identitärer Zuschreibungen (die meines Erachtens viel zu viel Aufmerksamkeit erfahren), sehe ich das anders: Selbstverständlich definiert sich der Mensch durch das, was er tut und wie er lebt. Doch gleichzeitig stimmt natürlich ebenso, dass wir uns an einem Sollens-Imperativ orientieren können und dies auch sollten (!), auch wenn dies derzeit leider gerade wenig populär ist.

Der zweite Teil dieses in drei Teile gegliederten Buches trägt den Titel „Wahrheit als Volksfeind oder der Vorrang der Philosophie vor der Demokratie“ und zeigt eindrücklich auf, in was für eigenartigen und simplen Denkmustern bzw. Zuschreibungen wir unterwegs sind: „Wenn es in der Politik nicht um Tatsachen, sondern um Gerechtigkeit geht – wenn die moralische Wahrheit einem bequemen Konsens widerspricht – , dann behandeln auch moderne Liberale die Wahrheit als genau das: als einen Volksfeind.“  Heutzutage (war das eigentlich jemals anders?) gilt ausschliesslich das uninspirierte und unendlich langweilige: ‚Es geht darum, was mir nützt.‘ Soll sich unser Dasein wirklich darin erschöpfen?

Was bedeutet eigentlich die Kant’sche Aufforderung, den Mut haben, selber zu denken?, fragt Omri Boehm im dritten Teil. „Satzungen und Formeln“, sagt Kant, „diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Missbrauchs (der menschlichen) Naturgaben, sind die Fussschellen einer immerwährenden Unmündigkeit.“ Frei zu denken, bedeutet demnach, sich weder der Mehrheit noch der Konformität zu beugen. Dass dies nur wenigen (und darüber hinaus selten) vorbehalten ist, zeigt sich bedauerlicherweise tagtäglich von Neuem.

Omri Boehm
Radikaler Universalismus
Jenseits von Identität
Propyläen, Berlin 2022

Cecile Pin: Wandering Souls

Furchtbar, denkt es so in mir, dieser vermutlich von Marketing Eseln (und Eselinnen) zu verantwortende englische Buchtitel für die deutsche Übersetzung dieses englischen Romans, auch natürlich weil ‚Wandernde Seelen‘ ausgesprochen gut geklungen hätte, jedenfalls in meinen Ohren.

Mein Interesse an diesem Buch gründet in meiner Südostasienzeit, in der Vietnam und alles, was damit zusammenhängt (Menschen, Landschaft, Klima, Bücher, Essen etc.), einen besonderen Platz eingenommen hat. Zu erinnern dabei: Der Vietnamkrieg wird in Vietnam amerikanischer Krieg genannt,

Die Geschichte beginnt im Jahre 1978 in Vung Tham, einem Dorf in Zentralvietnam, in dem man Françoise Hardys Tous le garçons et les filles hören kann (es sind solche Details, die mich sofort für diesen Text einnehmen), und die Geschwister Anh, Thanh und Minh von ihren Eltern angehalten werden, sich zum Aufbruch bereit zu machen – sie wollen in die USA fliehen.

Die Autorin Cecile Pin, in Paris und New York aufgewachsen, kam im Alter von 18 nach London, wo sie Philosophie studierte, hat ihren Roman ziemlich verwirrend gegliedert. Jedenfalls, was die Chronologie anlangt. So folgt nach der Schilderung der Flucht durchs Südchinesische Meer im Dezember 1978, der Bericht eines Zeitungsredakteurs vom November 1979 über die Gräueltaten, die thailändische Fischer an vietnamesischen Flüchtlingen begingen, der wiederum von Geschehnissen vom Dezember 1978 gefolgt wird. Es versteht sich: Vieles, was damals vorgefallen ist, wusste man erst im Nachhinein. Nur eben: Der Erzählerin Cecile Pin war dies alles bekannt. Es gibt also für mein Dafürhalten keinen guten Grund für dieses chronologische Hin und Her.

Andererseits: Die gelegentlichen Texteinschübe haben mich beeindruckt. Etwa über das Trauern, das auch auf Camus‘ Meursault Bezug nimmt. „In den Augen anderer gibt es eine angemessene Art zu trauern: nicht zu wenig und nicht zu sehr. Doch ein Teil des Trauerns findet hinter den Kulissen statt, ein Teil ist nur uns und den Verstorbenen bestimmt. Und ich glaube, in dieser intimen Zusammenkunft, fern von den Massen und ihrem Urteil, finden wir Trost.“

Dieses Buch will bewahren, was wir Menschen nur allzu schnell vergessen. Cecile Pin ruft mir ins Gedächtnis und lässt mich von Neuem miterleben, was mich damals unter anderem umtrieb – das Schicksal der boat people. Dabei erinnere ich mich auch – schon eigenartig, wie das Gehirn funktioniert – an einen vietnamesischen Bekannten, der dreiundzwanzig Mal vergeblich versucht hatte, das Land zu verlassen und heute in Tennessee lebt.

Die drei Geschwister landen im Flüchtlingslager Kai Tak, Hongkong, wo entschieden wird, in welchem Land sie Aufnahme finden werden. „Das Resettlement Office war eine Lotterie mit Gewinnern und Verlierern. Die USA waren der heilige Gral aller Zielländer (…) Deutschland und Italien galten als schwacher Trost, als Länder, die ihnen so fremd vorkamen und deren Sprachen sie nicht beherrschten, Länder, die bedeuteten, dass sie ein ganzes Leben betrauern mussten, dass sie sich bereits ausgemalt und ersehnt hatten …“. Eindrückliche Sätze, die es uns möglich machen, uns in die damalige Seelenlage der boat people zu versetzen.

Sie werden nach England geschickt, wo die Regierung Thatcher alles andere als erfreut über ihre Ankunft ist. Und wo, am 23. Oktober 2019, in Grays, Essex neununddreissig Vietnamesen tot in einem Lkw aufgefunden werden.

Anh, zusammen mit ihrem Mann Tom, macht ihren Weg; für ihre Brüder hätte sie sich mehr gewollt. „Ihre Kinder wussten, wo Anh herkam, und sie wussten vom Krieg, aber sie hatte ihnen nicht ihre ganze Geschichte erzählt.“ Sie hat nicht das Bedürfnis, diese Ereignisse noch einmal zu durchleben; sie zieht es vor, ihre Erinnerungen wegzusperren. Doch geht das? Holen sie einen nicht immer wieder ein? Und geben wir sie nicht unbewusst weiter?

Fazit: Ein beeindruckendes Werk des Erinnerns und der Trauer.

PS: Die gescheiten Überlegungen der Übersetzerin Maria Hummitzsch zum Begriff „Flüchtling“ am Buchende sollten nicht überlesen werden.

Cecile Pin
Wandering Souls
Atlantik, Hamburg 2023

Abdulrazak Gurnah: Die Abtrünnigen

Abdulrazak Gurnah, geboren 1948 im Sultanat Sansibar, Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur der University of Kent, lebt in Canterbury. 2021 wurde er mit dem Literaturpreis ausgezeichnet. Meine Skepsis bzw. Voreingenommenheit– Uni-Professoren, die gut schreiben, sind selten; der Nobelpreis, wie Preise generell, eine Auszeichnung für erwiesene Harmlosigkeit – verfliegt schon während der ersten Seiten, denn die Bilder, die Gurnahs Worte in mein Gehirn zaubern, sind schlicht magisch. Woran das liegt? Am Ton, am Rhythmus, sowie an vielem, das ich nicht nicht zu benennen wüsste. Und natürlich auch daran, dass ich dafür empfänglich bin.

Abdulrazak Gurnah ist ein subtiler Beobachter menschlichen Verhaltens. „Hassanali hatte nicht damit gerechnet, dass die Menge draussen warten würde. Er verscheuchte sie mit einem Winken, das sich auf mehrfache Weise deuten liess, sodass keiner Anstoss nehmen konnte, und schloss und verriegelte die Tür.“ Wunderbar gekonnt schildert er, was der Kapitalismus von uns Menschen verlangt. „Er war Krämer, ein Beruf, der es zwingend verlangte, die Kunden zu überlisten, sie mehr bezahlen zu lassen, als sie gerne gezahlt hätten, ihnen weniger zu geben, als sie gerne bekommen hätten. Und er musste es unauffällig tun, nicht auf unverfrorene oder aggressive Weise.“

Unverfroren oder gar aggressiv ist auch des Autors Art nicht, den Kolonialismus bzw. die Kolonialisten zu beschreiben. In Worte zu fassen, was beobachtbar war/ist, genügt. Die damals vorherrschende englische Meinung war, dass die Afrikaner der Bevormundung bedurften. „Sie können über Verantwortung reden, so viel sie wollen, aber wenn Sie Wohlstand und Ordnung in Afrika haben wollen, brauchen Sie eine europäische Besiedlung. Dann können wir aus diesem Kontinent ein zweites Amerika machen.“ Nicht alle Engländer teilten diese Auffassung – sie galten (und gelten) als Idealisten.

Die Abtrünnigen ist auch ein vielfältig lehrreiches Werk. So erfahre ich unter anderem, „dass keine afrikanische Sprache eine Schrift besass, bis die Missionare gekommen sind.“ Alles wird im Gedächtnis bewahrt und mündlich tradiert. Verblüfft konstatiere ich, dass diese Art der Erinnerung der unseren, einst schriftlich niedergelegt, heute digital verwahrt, weit überlegen ist, denn sobald der Strom einmal weg ist, wird auch unser Gedächtnis wegsein.

Seinen Anfang nimmt dieser Roman in Sansibar, wo Rehana Zakariya und Martin Pearce ein Liebespaar wurden. Wie Abdulrazak Gurnah dies beschreibt, ist auch eine Schilderung unserer Zeit, die dem Unerklärlichen, der Magie, ablehnend gegenüber steht „Wir glauben zu wissen, dass das Wunder eine Lüge ist, und suchen immer nach der versteckten oder verschwiegenen Erklärung. Eher noch als Liebe würden wir Gier und Lust als Motive akzeptieren. Ironische Anspielungen auf unsere Verkommenheit, unsere Gerüche und unsere Ausscheidungen behagen uns eher als Bemerkungen über unser zitterndes Schamgefühl oder unser bebendes Verlangen nach Zuneigung. Nicht einmal Seelen sind uns gestattet, und unser geheimes Inneres ist nur noch eine Stätte voller unbewältigter Emotionen und pochender wunder Stellen.“

Es sind solche Ausführungen, die eindrücklich darlegen, dass unser Drang nach dem rationalen Verstehen des Lebens, unser Bemühen um Erklärungen, unser Kampf gegen Tabus, so recht eigentlich nur neue Tabus hervorgebracht hat – eines davon: dass es Wunder nicht geben darf – , die mir die Lektüre dieses Werkes besonders wertvoll machen.

Teil zwei von Die Abtrünnigen spielt in den späten Fünfzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, „als die Welt wie zu allen Zeiten voller Ironien war und fast ganz Afrika auf die eine oder andere Weise von Europäern beherrscht wurde: direkt, indirekt, mit roher Gewalt oder brutaler Diplomatie, wenn das nicht zu unlogisch klingt.“ Ganz im Gegenteil, denkt es so in mir – die Diplomatie, so lernt man unter anderem, ist eben nicht die feingeistige Kunst, wie man uns beigebracht hat.

Die Geschwister Amin, Rashid und Farida wachsen in dieser Zeit auf, als noch niemand ahnte, dass die Unabhängigkeit so nahe war. Farida wird Schneiderin, Amin studiert an der Pädagogischen Hochschule, Rashid will weg und bereitet sich auf ein Studium in England vor. Der 20jährige Amin verliebt sich in die schöne, geschiedene Jamila; sie müssen ihre Beziehung geheim halten, ihre Entdeckung ist jedoch nicht zu vermeiden.

Was das Erzählen von Abdulrazak Gurnah mir teuer macht, ist seine feine Wahrnehmung. „Sie blickte kurz in seine Richtung und winkte ihm zu, ohne ein Wort zu sagen, und aus irgendeinem Grund wirkte das intimer, als wenn sie gesprochen hätte.“ Oder: „Zu dieser Tageszeit besuchten die Frauen einander gewöhnlich und widmeten sich den Dingen, die als Frauenangelegenheiten galten und dafür sorgten, dass das Getriebe des Lebens reibungslos lief.“ Ein kluger, ja, ein weiser Mann, der solches schreibt.

Teil drei dieses Romans handelt hauptsächlich von Rashids Studium in England. In den Einführungsseminaren des British Council wird ihm die Etikette für Einladungen in ein englisches Haus beigebracht. „Es dauerte einige Jahre, bis ich von diesen Anweisungen Gebrauch machen konnte, denn die Einladungen liessen auf sich warten.“ Die Wissenschaft, die er vor allen anderen lernt, ist die „Wissenschaft vom Gehorchen.“ Abdulrazak Gurnah geht mit der europäischen Zivilisation wesentlich zivilisierter um als die europäischen Kolonisatoren mit der afrikanischen.

Abdulrazak Gurnah
Die Abtrünnigen
Penguin Verlag, München 2023

James Bridle: Die unfassbare Vielfalt des Seins

Der englische Titel dieses Buches heisst „Ways of Being“ und erinnert mich an John Bergers „Ways of Seeing“, ein Werk, dem ich wesentliche Einsichten in Sachen Wahrnehmung zu verdanken habe. Die unfassbare Vielfalt des Seins handelt ebenso von der Wahrnehmung, auch wenn der Untertitel Jenseits menschlicher Intelligenz natürlich nicht halten kann, was er verspricht, denn die Vorstellungswelt des Menschen ist naturgemäss begrenzt durch seine menschliche Intelligenz – der Mensch kann sich nur vorstellen, was ein Mensch sich vorstellen kann.

Allerdings merkt man dann relativ schnell, dass James Bridle mit ‚menschlicher Intelligenz‘ offenbar unsere gängige Art des Denkens versteht und es ihm darum zu tun ist, darüber hinauszugehen bzw. eine andere Art des Denkens und der Wahrnehmung zu propagieren. Neue Beziehungen zu nicht-menschlichen Intelligenzen herzustellen, das ist sein Thema. Uns nicht von anderen Lebensformen abzugrenzen, sondern unsere Gemeinsamkeiten erkennen, die auch darin bestehen, zu akzeptieren, dass nichts separiert existiert, sondern immer in Abhängigkeit von anderem. „Wir müssen lernen, mit der Welt zu leben, statt sie beherrschen zu wollen.“

Ein wesentlicher Teil dieses Buches befasst sich mit dem ökologischen Denken. Ökologie, so Bridle, beschreibe eher eine Aufgabenstellung und eine Haltung in Sachen Forschung als ein Fachgebiet. Und dies meint: „dass das, was zählt, in Beziehungen und nicht in Dingen liegt – dass es zwischen uns und nicht in uns liegt.“

Der amerikanische Ökologe und Philosoph David Abram hat den Begriff der ‚mehr-als-menschlichen-Welt‘ geprägt: Was wir als Dinge bezeichnen, sind so recht eigentlich Wesen, die aktiv an unserem kollektiven Werden teilnehmen. „Die Welt besteht aus Subjekten, nicht aus Objekten. Alles ist in Wirklichkeit jeder und jede, und alle diese Lebewesen haben ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten, Sichtweisen und Lebensformen.“

So recht eigentlich beschreibt dies mein eigenes Weltempfinden treffend, in dem auch sogenannt Unbeseeltes als beseelt erlebt werden kann. Können Bäume oder Steine Empfindungen haben? Als Kind war mir dies selbstverständlich. Und daran, dass Tiere Gefühle haben, zweifelt heutzutage wohl kaum jemand, obwohl Juristen noch vor wenigen Jahren Tiere als Sachen bezeichnet haben.

„Die volle Anerkennung der Tatsache, dass nicht-menschliche Pflanzen, Tiere und andere Existenzen ihre eigenen Welten haben, die sich grundlegend von denen der Menschen unterscheiden und die wir nicht (er)kennen können, bedeutet, dass wir den menschlichen Exzeptionalismus und die menschliche Vorherrschaft allmählich beenden. Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt des Universums.“ So wahr dies ist, so selten sind wir imstande, dies auch so zu erleben. Du machst wohl Witze, sagte bekanntlich Marcie, als ihr Charlie Brown klar zu machen versuchte, dass sich die Welt nicht um sie drehe.

Er stelle sich Intelligenz als etwas Nützliches, Produktives vor, sagte James Bridle in einem Fernsehinterview. In diesem Sinne sind Pflanzen zweifellos intelligent, das kann man heutzutage auch wissenschaftlich nachweisen. Doch auch wenn man dies nicht könnte: Manches erschliesst sich uns auch durch geduldiges Beobachten. Oder durch unsere Haltung/Einstellung: Wer bereit ist, sich von der anthropozentrischen Welt zu verabschieden, wird sich damit in die Lage versetzen, die Welt, das Leben und das Universum neu zu sehen.

James Bridle, ein Fan von Computern und Netzwerken, der sich jedoch an deren profitgetriebener und menschenfeindlicher Verwendung stört, plädiert unter anderem dafür, die Macht des Zufalls zu begrüssen. Dass wir das, was uns zu-fällt so recht eigentlich willkommen heissen sollten, scheint mir logisch, nur funktioniert der Mensch nun einmal ganz anders: er fürchtet den Zufall, da dieser nicht berechenbar ist. Nur eben: „Die Zufälligkeit in Technik, Wissenschaft und Ökologie zeigt uns, dass es für diese Verflechtung eine solide und rationale Grundlage gibt: Diese Begegnungen werden durch den Zufall vermittelt, und dadurch produzieren sie Wissen, verteilen sie Macht und bringen uns alle auf eine neue Ebene, Wir werden nur dann zu dem, was wir noch werden könnten – weiser, gleicher, gerechter und lebendiger – , wenn wir gemeinsam werden.“

James Bridle
Die unfassbare Vielfalt des Seins
Jenseits menschlicher Intelligenz
C.H. Beck, München 2023

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