William McIlvanney / Ian Rankin: Das Dunkle bleibt

Das Dunkle bleibt ist ein von Ian Rankin vollendetes Laidlaw-Manuskript aus McIlvanneys Nachlass, informiert mich der Klappentext. Keine leichte Aufgabe, ein unfertiges Manuskript fortzuschreiben und ganz besonders dann, wenn der Autor in gewisser Weise ein Vorbild ist. Vielleicht ist das aber auch ein Vorteil. Als Ian Rankin 1985 beim Edinburgh Book Festival auf William McIlvanney traf, eröffnete er ihm, dass er an einem Buch arbeite, worin er so über Edinburgh schreiben wolle wie er, McIlvanney, in seinen Laidlaw-Romanen über Glasgow.

Der Auftakt ist speziell und überzeugend – ein Police Commander räsoniert einfühlsam über Gut und Bös. Vor allem aber ist es der Ton, der sich den kurzen, klaren Sätzen verdankt (ich fühlte mich an einen Juraprofessor erinnert, der sagte: Wer sich nicht klar ausdrücken kann, hat nicht klar gedacht), wie auch die illusionslose Haltung: „Carter war gebildet, stammte aus einer angesehenen Familie und hatte es sich beruflich zur Aufgabe gemacht, den Abschaum anzuleiten und zu beschützen …“, die mich automatisch für Das Dunkle bleibt einnimmt.

Dieser Carter, Consigliere einer Gang, wird ermordet aufgefunden; Jack Laidlaw soll den Fall aufklären. Dieser Laidlaw ist wie fast alle Krimi-Helden moralisch gradlinig, idealistisch, sehr eigen und hat Eheprobleme. Seine Methode den Kopf freizubekommen, nachdem er sich seinen selbstherrlichen Vorgesetzten hat anhören müssen, ist allerdings einzigartig und darüber hinaus anregend. „Er war ohne ein bestimmtes Ziel in einen Bus gesprungen, hatte einfach nur oben gesessen und hinausgestarrt, während sich auf den Strassen ringsum unendlich viele kleine Geschichten abspielten.“

Der Verdacht liegt nahe, dass eine rivalisierende Gang für den Mord verantwortlich ist. Er komme schon klar, sagt ein Wirt, der gerade von Mitgliedern der einen Gang in die Mangel genommen wurde zu Jack Laidlaw. „Die Sache ist nur, dass es für Sie höchstwahrscheinlich Tabus gibt, Grenzen, die Sie nicht übertreten, weil Ihr Gewissen es nicht erlaubt. Für diese Männer nicht. Wenn Sie klug sind, behalten Sie das im Hinterkopf.“ Im Krimi findet man heutzutage mehr Realismus als bei den grundsätzlich Wohlmeinenden. Was auch diese Sätze treffend illustrieren: „Das Gesetz hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Das ist ein System, das wir installiert haben, weil’s keine Gerechtigkeit gibt.“

Keine Gruppierung ist homogen, auch wenn sie gegen aussen so scheinen mag; Zwistigkeiten und Ränkespiele innerhalb jeder Vereinigung sind die Regel. Das ist auch bei Gangs so. Anhand des Mordes am Gang-Anwalt Carter zeigen die Autoren auf, wie brüchig die sozialen Gebilde sind, wie wenig der vermeintlichen Loyalität zu trauen ist.

Obwohl ich mit Gangs, der Unterwelt wie auch der Mafia wenig anfangen kann, geschweige denn nachzuvollziehen imstande bin, was Krimiautoren an gewalttätigen, brutalen Organisationen so faszinierend finden, ist mir Das Dunkle bleibt überaus sympathisch. Das liegt unter anderem an so ganz wunderbaren Schilderungen wie dieser: „Sie war noch keine zwanzig, stämmig, aber selbstbewusst und mit sich zufrieden. Hatte sich schwer in Schale geworfen, als würde sie jederzeit damit rechnen, RC Interiors der breiten Öffentlichkeit präsentieren zu müssen. Offensichtlich hatte man ihr beigebracht, sich anständig zu kleiden, einen guten Eindruck zu machen und sich keinen Mist gefallen zu lassen.“

Er schreibe Krimis, weil er den Leuten erklären wolle, wie es auf der Welt zu und her gehe, hat Eric Ambler einmal gesagt. Daran musste ich bei dieser Szene denken. „Dr. Kissinger sprach über Frieden in Vietnam. ‚Die könnten genauso gut Dr. Strangelove schicken‘, bemerkte Laidlow (…) ‚Kissinger hat aber was in der Rübe.‘ ‚Ich weiss, und darauf bildet er sich ganz schön viel ein, bald ist er so aufgeblasen, dass er nicht mehr durch die Einstiegsluken der Flugzeuge passt, mit denen er so gerne herumfliegt.’“

Das Dunkle bleibt zeugt von grosser Menschenkenntnis. Als Laidlaw im Burleigh Hotel eincheckt, fragt die Dame vom Empfang, an der er sehr interessiert ist (die Sympathie ist gegenseitig), ob er Besuch erwarte. „Von ungefähr zehn Versionen meiner selbst, und ich kann ehrlich nicht behaupten, dass ich deren Gesellschaft geniesse.“ Gute Krimiautoren verstanden schon immer mehr von der menschlichen Psyche als aktuelle Fernsehphilosophen.

Was diesen Romanauch auszeichnet, ist der ganz wunderbare Humor, ohne den das Leben so recht eigentlich nicht zu ertragen ist. Mit „So eine Verschwendung“, kommentierte eine Frau die Blumen, die an der Stelle, wo der Anwalt zu Tode gekommen war, hingelegt worden waren. „Meinte sie den Verlust des menschlichen oder des botanischen Lebens, überlegte Laidlaw …“.

Angesiedelt ist diese gut strukturierte Geschichte mit einem überraschenden Ausgang in Glasgow, während sechs Tagen im Oktober 1972. Die Originalausgabe erschien im schottischen Englisch, für das man ein gutes Gehör haben muss, über das die Übersetzerin Conny Lösch ganz eindeutig verfügt. Überdies schreibt sie exzellent.

Fazit: Sehr lebensnah, ausgesprochen witzig, wohltuend nüchtern wie auch zutiefst menschlich.

William McIlvanney / Ian Rankin
Das Dunkle bleibt
Kunstmann, München 2022

Yoko Ogawa: Der Duft von Eis

Seit ich im Alter von 17 mein erstes Buch über Zen-Buddhismus gelesen habe, fühle ich mich Japanischem emotional verbunden. Ich verbinde damit eine Reduktion auf wirklich Wesentliches – und diese wirkt auf mich ästhetisch, schön und klar. Auch mein bisher einziger Japan-Besuch von vor drei Jahren tat dem keinen Abbruch. Daher mein Interesse an diesem Roman.

Am ersten Jahrestag ihrer Beziehung schenkt Hiroyuki, von Beruf Parfümeur, seiner Geliebten Ryoko ein selbst kreiertes Parfum namens „Quell der Erinnerung“. Am Tag darauf bringt er sich um. Ryoko will herausfinden, was Hiroyuki dazu getrieben hat, sich mit Ethanol das Leben zu nehmen. Sie entdeckt, dass er ein ganz anderer Mann war, als der, mit dem sie ihr Leben teilte.

Kennengelernt hatten sich die beiden, als Ryoko die Parfümerie aufsuchte, um für die Sonderausgabe einer Frauenzeitschrift eine Reportage zu schreiben. „Gott musste mich auserkoren haben, um mit diesem Menschen zusammen zu sein. Das war mein Gedanke. Absurd, oder?“ Seinen Tod hat sie vorausgeahnt. Viel ist in diesem Roman von Vorherbestimmung die Rede. Was uns bleibt und unzerstörbar ist, sind die Erinnerungen, belehrt ein Pfauenhüter Ryoko.

Der Duft von Eis handelt wesentlich davon, wer wir sind. Es ist dies eine Frage, die kein denkender Mensch ernsthaft beantworten kann. Jeder weiss, dass wir einmal so und dann wieder anders sind – und dass dies im Sekundentakt ändert. Eine ganz andere Frage ist, wie wir uns anderen zeigen bzw. wie wir von anderen gesehen werden wollen. Anders gesagt: Was wir alles verstecken. Auch vor uns selber.

Ryoko hat ihren eigenen Hiroyuki, einen ausgesprochen ordnungsliebenden Mann, der das Leben sehr systematisch angeht. „Er hat sämtliche Dinge sortiert, nicht nur seine Kleider und die Bücher, sondern auch meine Arbeitsunterlagen und Kosmetikartikel. Dazu hatte er mehr als zehn Tage gebraucht.“ Sie schätzt sein methodisches und ernsthaftes Vorgehen – es machte den Alltag einfacher.

Dass Hiroyuki einen Bruder hatte, erfährt sie erst nach seinem Tod. Auch irritiert es sie, dass eine ihr fremde Person ausführlich Auskunft über ihn geben kann. Ihre Nachforschungen führen sie auch auf eine Eisbahn, daher der Titel Der Duft von Eis, denn diese riecht genau so wie die, zu der Hiroyuki seinen Bruder früher mitgenommen hat. Überhaupt nimmt das Riechen einen zentralen Platz in diesem Roman ein. „Als Parfümeur muss man sich viel unterschiedliche Gerüche merken können. Insgesamt gibt es rund vierhunderttausend verschiedene Gerüche auf der Welt.“ Ryoko konstatiert, dass Hiroyuki und sein Bruder genau gleich riechen.

Es ist höchst verblüffend, worauf Ryoko bei ihren Recherchen, die sie auch nach Prag führen, wo weder die Rezeptionistin im Hotel noch der Fahrer vom Reisebüro eine ihr verständliche Sprache sprechen, alles stösst: Nicht nur war er ein grandioser Eiskunstläufer gewesen, sie hatte auch nie die Ähnlichkeit zwischen ihm und seinem Bruder Akira bemerkt, die für andere Leute offensichtlich war. Zudem war Hiroyuki ein Mathe-Genie, der bei Mathematikwettbewerben eine Unzahl von Preisen gewonnen hatte. Die Einschätzung seiner Lehrer: Er sei ein ganz normaler Schüler, der in seiner Freizeit das Kursbuch der Nationalen Eisenbahngesellschaft lese, wenn es aber um Mathematik gehe …

Doch nicht nur Ryoko weiss vieles nichts aus Hiroyukis Leben, auch dessen Familie sind die Panikattacken, von denen Ryoko berichtet, völlig neu. Spätestens an diesem Punkt beginnt man sich zu fragen, was Hiroyuki nicht nur versteckt, sondern auch erfunden hat. Kann man das überhaupt wissen? Tut unser Hirn nicht sowieso, was es will? Bleibt uns eigentlich etwas anderes, als im Nachhinein versuchen, Sinn in dem zu finden, was, ohne dass wir es bewusst mitkriegen, passiert?

Es sind die genaue Beobachtungsgabe und die überraschenden Wahrnehmungen, die diesen Roman auszeichnen. Und die Porträts der dominierenden und kontrollierenden Mutter von Hiroyuki und seines Bruders Akira, der sich ihr im selben Mass unterwirft.

Der Duft von Eis handelt nicht unwesentlich von der Tragik der Hochbegabten. Doch es sind die Gerüche, die diesen Roman hauptsächlich ausmachen. „Gerüche verbreiten sich im Nu. Sie können nicht an einem Ort verweilen, sondern dringen überall ein, ganz wie es ihnen beliebt.“ Dieses Buch offeriert eine willkommene Wahrnehmungserweiterung!

Yoko Ogawa
Der Duft von Eis
liebeskind, München 2022

Corinna T. Sievers: Propofol

Corinna T. Sievers studierte Politik, Wirtschaft, Musikwissenschaften, Medizin und Zahnmedizin, lese ich im Klappentext. Toll, denkt es so in mir, eine derartige Neugier und ein solcher Wissensdurst sind ausgesprochen selten. Ihre Doktorarbeit schrieb sie über die Prognostizierbarkeit von Schönheit – der akademischen Welt kann man wahrlich nicht vorwerfen, sie sei nicht fantasievoll (und dabei auch immer ganz nah an der Absurdität).

Bernard Rohr, stellvertretender Direktor und Chefchirurg in einer Berliner Kinderklinik, soll kurz vor seinem 65. Geburtstag siamesische Zwillinge aus dem Kongo trennen. „Der Tross bestand hauptsächlich aus Mitarbeitern der Hilfsorganisation J., alles gute Menschen, wenn auch nicht ganz über den Verdacht erhaben, hochmütig zu sein, allen voran die Fachbereichsleiterin Kongo, eine etwas magere Mittfünfzigerin.“ Treffender kann man Mitarbeiter von Hilfsorganisationen eigentlich nicht charakterisieren.

Die Trennung siamesischer Zwillinge ist nicht nur chirurgisch schwierig, sie beinhaltet auch medizinische, ethische, juristische und religiöse Fragen, die, wie heutzutage üblich, von allen Beteiligten inklusive der Eltern, besprochen werden müssen. Wie diese Entscheidfindung abläuft, ist meisterhaft dargestellt.

Die Geschichte wird aus Rohrs Perspektive erzählt. Und das meint: Die Autorin Corinna T. Sievers schreibt hier quasi als Mann – und zwar so überzeugend, dass ich (ich bin selber so in etwa im Alter des Protagonisten) aus dem Staunen gar nicht mehr herauskomme. Chefchirurg Rohr ist wie wir alle hauptsächlich von der Biologie (in seinem Falle: dem Sex) getrieben, die am Nachlassen ist. Er macht sich darüber keine Illusionen, akzeptiert die Realität nicht – und gibt Gegensteuer. Mit Propofol, einem Narkosemittel, von dem er abhängig ist, wenn auch nicht körperlich.

Das Denken des Bernard Rohr kreist hauptsächlich um Frauen und Sex, was er natürlich auch bestens zu rationalisieren weiss. „… die Geilheit, der es in vielen Situationen zu entrinnen gilt, ist Triebkraft für die komplexen Denkfunktionen des Grosshirns, sagt Freud, wohingegen er den Frauen eine Denkhemmung bescheinigt; für sie gebe es nichts zu sublimieren, ganz einfach, weil ihr Trieb zu schwach sei.“ Selten so gelacht.

Seine Auseinandersetzung mit seinem Geschlechtstrieb ist so recht eigentlich der rote Faden dieses Romans. Dieser obsessive, fast ausschliesslich triebgesteuerte Arzt, ist womöglich keine Karikatur und ganz nah an der Realität, hat es immer mal wieder in mir gedacht.

Um den stundenlangen Eingriff durchzustehen, eine chirurgische Herausforderung sondergleichen, braucht er Propofol. Dass dabei etwas schieflaufen wird, weiss der Leser schon bald, doch was genau passiert, wird erst gegen Schluss verraten. Es gelingt der Autorin hervorragend, die Spannung aufrechtzuerhalten.

Überaus aufschlussreich sind die Schilderungen des Klinikalltags. „Man sieht vieles als Arzt und hört nicht auf, sich zu wundern, was alles Gott in die Schuhe geschoben werden soll.“ Überhaupt ist dem Schreiben von Corinna T. Sievers ein nüchterner Blick und auch viel Witz eigen, etwa wenn sie sich über die Ruhe als oberstes Klinikgebot auslässt: „… man kennt das aus dem Fernsehen: Der Patient liegt farblos im Bett, auf dem Monitor eine grüne Nulllinie, auf dem Flur eine rote, blinkende Lampe, das Geheul einer Sirene, die ganze Station kommt zusammengelaufen, viel mehr Personal, als es im realen Leben in irgendeinem Krankenhaus gibt. Man weiss auch gar nicht, wo die sich vorher alle aufgehalten haben sollen, für den Patienten kommt trotzdem jede Hilfe zu spät.“

Propofol ist auch ein in vielerlei Hinsicht lehrreicher Roman. So lernt man einiges über siamesische Zwillinge, über Kinderarbeit und Bereicherung in den Schürfgebieten des Kongo, politische Korrektheit (“… neuerdings hatte meine Klinik sogar eine Antidiskriminierungsstelle.“) und und und … ein Potpourri der gegenwärtig aktuellen Themen.

Es ist der sehr eigene Ton sowie der packende Sprachrhythmus, die wesentlich diesen Roman ausmachen. Schnörkellos, direkt, kein Drumherum Gerede. Zudem ist es ein höchst instruktiver Text, der nicht zuletzt über die Spezies Mann, unsere Zeit, und über allerlei Medizinisches aufklärt.

Fazit: Eine spannende, gescheite, und höchst anregende Auseinandersetzung mit Eros und Thanatos.

Corinna T. Sievers
Propofol
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2022

Aimee Nezhukumatathil: Welt der Wunder

Diesem sehr schön gestalteten Buch ist ein Zitat von Rabindranath Tagore vorangestellt, das eine Lebenseinsicht vermittelt, die von tiefer Weisheit zeugt. „Der Schmetterling zählt nicht Monate, sondern Momente. Und er hat genug Zeit.“

Welt der Wunder handelt von wilden Pflanzen und Kreaturen, mit denen die Autorin Aimee Nezhukumatathil während ihrer Kindheit im Mittleren Westen Bekanntschaft machte und die sie seither begleiten. Dazu gehört auch der Catalpa, ein Laubbaum, der bis zu achtzehn Meter in die Höhe schiesst und an dessen Ästen lange Bohnenschoten herunterbaumeln. „Diese Schoten brachten die Menschen dazu, sie ‚Zigarrenbäume‘, ‚Trompetenbäume‘ oder ‚Catawba‘ zu nennen.“

Sie berichtet von Glühwürmchen, von denen es welche gibt, die synchron blinken können, ohne dass jemand wirklich weiss warum. Und von Indigofinken, die immer ihren Weg nach Hause finden. Und von Pfauen, den indischen Nationalvögeln, die sie in der amerikanischen Grundschule nicht zeichnen durfte, obwohl es sie auch in Amerika gibt. 

Als sie vier Jahre alt ist, schickt ihr ihre Grossmutter Armreifen aus Glas. „Als Erwachsene fühle ich mich immer noch von lichtdurchfluteten Farbspielen angezogen.“ Welt der Wunder ist wesentlich eine Reise in die Kindheit von Aimee Nezhukumatathil, in der unsere Beziehung zur Realität geformt wird. Sich daran zu erinnern, was in jungen Jahren von Bedeutung war, lässt einen auch erkennen, dass diese Prägungen unser Leben bestimmen.

Es ist bereichernd, an den Entdeckungen der Autorin teilzunehmen, auch wenn ich gelegentlich das Gefühl nicht los wurde, es gehe ihr eigentlich vor allem darum, von ihrer Familie und ihrem wunderbaren Mann zu schwärmen, was für mich in die Kategorie klingt etwas zu schön, um wahr zu sein gehört.

Welt der Wunder ist auch ein höchst lehrreiches Werk. So lerne ich etwa, „dass Pflanzen eine Temperatur haben und je nach Notwendigkeit kalt oder warm werden, dass sie Signale an andere Pflanzen schicken, die ihnen helfen, anstatt ihnen Schaden zuzufügen.“ Und ich erfahre, dass es Tanzfrösche gibt und sie als gefährdete Art klassifiziert sind. Und dass Hutaffen typisch für Indien sind. Allerdings fand ich den Satz: „Die Hutaffen erinnerten mich daran, wie gut es tat zu lachen.“ ziemlich befremdend: Muss man daran wirklich erinnert werden?

Schmunzeln machte mich die Schilderung eines Stromausfalls anlässlich eines Besuchs bei der Grossmutter im ländlichen Indien. „Meine Grossmutter nennt sie Stromlücken. Zum Beispiel: „Wir müssen die Wäsche am Vormittag waschen, vor der Stromlücke.“ Oder: „Iss dein Eis, sonst schmilzt es in der Stromlücke.“ Oder: „Es gibt zu viele Babys in diesem Ort wegen der Stromlücke.“

Irritierend waren für mich die Bemühungen um die korrekte Sprache. Warum ein Mädchen mit einem indischen Vater und einer philippinischen Mutter als Mädchen of Color bezeichnet wird, da ihre Hautfarbe doch braun ist, entzieht sich mir. Eine differenzierte Sichtweise findet sich in den Ausführungen der Übersetzerin Anna von Rath am Schluss des Buches.

Fazit: Gut geschrieben und vielfältigst anregend.

Aimee Nezhukumatathil
Welt der Wunder
Über Glühwürmchen, Walhaie und andere Erstaunlichkeiten
btb, München 2022

Bella Mackie: how to kill your family

Bella Mackie ist mit diesem Roman ein echt tolles Buch gelungen. Originell, clever und in einem Ton (grosses Lob auch an den Übersetzer Stephan Glietsch), der mich ständig laut heraus lachen und gelegentlich richtiggehend jubeln liess. So führt sie etwa im Prolog aus, dass sie nicht einfach Familienmitglieder umbringt. „Ich tat etwas sehr viel Anspruchsvolleres. Ich tüftelte und führte einen so komplexen wie umsichtigen Plan aus.“ Bedauerlich ist nur, dass die meisten das gar nicht erkennen. Und dann die Ferndiagnosen! „Die Leute sind so fasziniert von mir, dass sie sich sogar eine hastig zusammengeschusterte Channel-5-Dokumentation über mich ansehen, in der ein fetter Astronom behauptet, angesichts meines Sternzeichens sei mein Verbrechen absehbar gewesen. Das Sternzeichen war leider falsch.“

Grace, wie die Ich-Erzählerin heisst, beginnt mit den Grosseltern, die in Marbella leben. Sie observiert sie beim Essen mit einem anderen Paar im Restaurant. Sie bestellen Steak und Pommes frites. Fantasielos, denkt sie, um kurz darauf zu kommentieren: „Mein Essen ist irritierend gummiartig und sieht aus, als wäre es nicht aus dem Meer gefischt, sondern in einem Lagerhaus neben der Autobahn gezüchtet worden. Vielleicht hat die Gruppe am Nachbartisch, die inzwischen beim Kaffee angelangt ist, mit dem Steak alles richtig gemacht.“ Es ist nicht zuletzt diese sehr englische Selbstironie, die dieses Buch auszeichnet.

Grossartig auch die Charakterisierung von Marbella („… in kultureller Hinsicht wirkt Florida dagegen wie das Italien der Renaissance.“). Treffend auch, wie Bella Mackie die Clubszene beschreibt („Ich warte am Empfang, während die Rezeptionistin, für deren tiefe Bräune mindestens zwei Sonnen nötig waren, im breitesten Slang telefoniert.“) sowie einen der typischen Aufreisser beschreibt: „Ich kann mich nicht mit einem Menschen abgeben, der offenbar nicht imstande ist, die elementarsten Regeln der Rechtschreibung zu berücksichtigen. Das ist einfach schlechter Stil und impliziert zudem ein Mass an Ignoranz, das bei einem Teenager vielleicht entschuldbar, bei einem Erwachsenen aber einfach haarsträubend ist.“

Die Gründe, die Grace aufführt, derentwegen ihre Familie aus dem Weg geräumt werden soll, sind nachvollziehbar. Und wie sie dabei vorgeht, ist spannend geschildert. Doch was how to kill your family für mich vor allem auszeichnet, ist Graces eigenständige Weltsicht, welche die Absurditäten der sogenannt aufgeklärten westlichen Gesellschaft pointiert schildert. So beschreibt sie das gut situierte Ehepaar, bei dem sie nach dem Krebstod ihrer Mutter aufwächst, als höchst wohlwollend. Andererseits: „Mit achtzehn die schulische Ausbildung zu beenden, konnte in ihren Augen nur zu einem Job als Lagerarbeiter, einer Schwangerschaft oder Drogenabhängigkeit führen. Es konnte sogar noch schlimmer kommen, und man musste aus London wegziehen – an einen Ort, der meilenweit vom nächsten Laden für handgemachten Biokäse entfernt war.“

Ein enges, doch kein sexuelles Verhältnis hat sie zu Jimmy, dem Sohn des Paares, den sie als zu den Menschen gehörig bezeichnet, denen es nicht gegeben ist, ihre eigenen Gedankengänge skeptisch zu betrachten. „Jimmy ist kein Mensch, der ständig in sich hineinschaut. Das ist einfach nicht seine Art.“ Es ist hingegen ganz entschieden Graces Art – ihre Gedanken über Gott und die Welt und ihre Mitbürger sind höchst erfrischend.

Schliesslich landet Grace im Gefängnis von Limehouse, wo sie hofft, dass ihr Anwalt sie von einer lebenslangen Freiheitsstrafe bewahren kann. Besonders auf den Keks gehen ihr wohlmeinende Politiker, die behaupten, Gefangene müssten seelisch dergestalt geschult werden, dass sie fortan friedlich durchs Leben gehen. „Diese Schnapsidee führt zu hektischem Aktivismus, und ehe man sichs versieht, steht so ein linker Trottel (ein Tory käme nie auf die Idee, uns beibringen zu wollen, wie wir mit Töpfern unser Aggressionsproblem in den Griff kriegen) auf der Matte und veranstaltet einen Kurs (für den stets Teilnahmepflicht besteht), in dem wir unsere Gefühle malen oder ähnlichen Blödsinn anstellen sollen.“

Auch ihrer Mitgefangenen Kelly muss sie sich erwehren, deren „Ausflüge in die Gruppentherapie haben sie offenbar überzeugt, dass eine steile seelsorgerische Karriere auf sie wartet.“ Grace hält Kelly für eine Idiotin und das Reden generell für überbewertet. „Nachdem Kelly meinen Wink kapiert und sich verdrückt hat, um jemanden anderen zu therapieren, setze ich mich auf meine Pritsche und beginne zu schreiben.“ Was dabei herausgekommen ist, zeigt dieses grossartige Buch, das in einen überraschenden Schluss mündet.

Fazit: Eine spannende, sehr lustige und überaus gelungene Gesellschaftssatire

PS: Was Verlage dazu bewegt, deutschsprachige Bücher mit englischen Titeln zu versehen, zeugt von an einem Mangel an Vorstellungsvermögen. Wettgemacht wird dieser allerdings durch die clevere Umschlaggestaltung.

Bella Mackie
how to kill your family
Heyne Hardcore, München 2022

James Lee Burke: Die Tote im Eisblock

Die Tote im Eisblock ist Band 19 der Dave-Robicheaux-Reihe. Und wiederum ist es ein umfangreicher Band – fast 700 Seiten. Es ist mir ein Rätsel wie der Mann das macht. So dicke Bücher von durchgehend hoher Qualität zu schreiben, die dann auch noch spannend zu lesen sind, einem immer wieder von neuem Louisiana näherbringen, und einen spüren lassen, dass wir ein Teil der Natur sind, meine ich.

Es gibt keinen Autor, von dem ich mehr Bücher gelesen habe als von James Lee Burke. Zum ersten Mal von ihm gehört hatte ich in Bangkok, Anfang der 1990er Jahre, von einem Amerikaner, der Fan des trockenen Alkoholikers Dave Robicheaux war. Es dauerte gerade mal ein Buch – und ich war selber zu einem Fan geworden.

James Lee Burkes hauptsächliche Protagonisten – Dave Robicheaux, der halbtags beim Iberia Parish Sheriff’s Department arbeitet, und der Privatdetektiv Clete Purcel – sind no-nonsense Typen, die eine Haltung und Grundsätze, und vor dem Dreinschlagen keine Hemmungen haben. Beide sind nicht unproblematische Charaktere mit Vietnam-Traumata, von denen sie immer mal wieder eingeholt werden.

Dave Robicheaux ist trockener Alkoholiker, Clete Purcel trinkt zu viel. „Tu mir einen Gefallen, Clete. Lass die Finger vom Schnaps. Zumindest tagsüber.“ „Hast du je auf Leute gehört, die dich vom Saufen abhalten wollten?“ Robicheaux weiss: Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker. „Erzählt dir ein trockener Alkoholiker, er habe seit seinem Entzug keine Probleme mehr, sollte man schleunigst das Weite suchen.“

Cletes Tochter Gretchen ist ein professioneller Killer (Killerin auf Deutsch?) mit Namen Caruso. „Waren seine Gene dafür verantwortlich, dass es eine Psychopathin mehr in der Welt gab?“ Als er sie als Assistentin rekrutiert, weiss sie nicht, dass sie seine Tochter ist. Soll er es ihr sagen? Robicheaux gibt ihm den Rat: „Lass die Würfel einfach rollen.“ Und das meint: „Man muss einen Schritt zurücktreten und alle Sorgen seines Lebens dem Wind anvertrauen.“ Ein weiser Mann, dieser Dave Robicheaux.

Zu Beginn von Die Tote im Eisblock steht ein grausamer Mord, der zu sogenannt gewichtigen Interessen führt – der Gier, die sich im Öl manifestiert. Ausgangspunkt für diese Geschichte war eine Ölkatastrophe im Golf mit elf Toten. „Die Öl-Bosse schwafelten von humanitären Werten und Verantwortungsbewusstsein, obwohl die Sicherheitsmassnahmen in Louisiana nachweislich die katastrophalsten im ganzen Land waren. Zu allem Überfluss waren die Offshore-Aktivitäten oft genug in Steueroasen wie Panama registriert.“

James Lee Burke zu lesen, bedeutet den sintflutartigen Regen, der Louisiana immer wieder heimsucht, auf der Haut zu spüren („Halb Louisiana steht unter Wasser, die andere mit einem Bein im Gefängnis. Es war unser Kongressabgeordneter, der diese weisen Worte sprach.“), sensibler für das Wetter zu werden, und sich keine Illusionen mehr über soziale Gerechtigkeit zu machen. „Ein Historiker, spezialisiert auf die Strukturen der mittelalterlichen Gesellschaft, würde zu der Erkenntnis kommen, dass es sich beim St. Mary Parish um ein prähistorisches Modell handelte, das direkt aus dem 13. Jahrhundert nach Louisiana teleportiert worden war.“

Es ist der nüchterne, illusionslose und sehr menschliche Blick auf die Welt, die die Dave-Robicheaux-Geschichten so überzeugend machen. James Lee Burke weiss, dass wir die überaus komplexe menschliche Seele nicht verstehen können, er weiss aber auch, dass der Mensch im Laufe seines Lebens sich nicht wesentlich ändert, dass das, was ihn an Kind geprägt hat, ihn auch als Erwachsenen ausmacht.

Die Tatsache, dass die Bürger Louisianas rassistische und korrupte Politiker wählen, erübrigt so recht eigentlich politische Diskussionen. Es geht in diesem Staat um Öl bzw. Geld, Umweltschutz und Klimawandel betrachtet die Mehrheit als Spinnerei. Doch die Realität, die James Lee Burke von diesem Staat zeichnet, macht keineswegs an den Staatsgrenzen Halt – wer verstehen will, wie es in den USA wirklich zugeht, sollte diesen Autor lesen. Auch, weil sich in diesem Buch so treffende Kommentare zu Alkoholikern („Nur ein Alkoholiker weiss, wie andere Alkoholiker ticken.“), zum Filmgeschäft (Burt Reynolds: „Warum soll man erwachsen werden, wenn man sein Leben lang Filme machen kann?“) und zum Alter finden kann („Das Alter ist ein ganz besonderer Dieb. Er schlüpft unbemerkt in deine Haut und arbeitet dort so still und methodisch, dass man nicht merkt, wie er deine Jugend stiehlt – bis man eines Tages in den Spiegel schaut und dort einen Mann sieht, den man nicht kennt.“).

Fazit: Alle James Lee Burke Bücher, die ich gelesen habe, habe ich in guter Erinnerung. Neben Sturm über New Orleans gehört Die Tote im Eisblock zu meinen Favoriten.

James Lee Burke
Die Tote im Eisblock
Pendragon, Bielefeld 2022

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