Mark Miodownik: Fabelhafte Flüssigkeiten

Was für ein toller Titel! Und dann wird er auch noch vom Untertitel übertroffen, der mich neugieriger kaum machen könnte! Der wirkliche Hammer ist dann aber, dass das Buch hält, was es verspricht. Und das ist selten, sehr selten – ich spreche aus leidvoller Erfahrung.

Autor Mark Miodownik, geboren 1969, ist Professor für Materialwissenschaft am University College in London und offensichtlich ein temperamentvoller Typ. „ … es macht mich einfach wütend, dass die Sicherheitskontrollen (am Flughafen) trotz aller vermeintlich intelligenten Technologie noch immer nicht in der Lage sein sollen, einen harmlosen Brotaufstrich von einem Flüssigsprengstoff zu unterscheiden.“

Ein Buch lohnt sich für mich dann ganz besonders, wenn es mir Einsichten vermittelt, die mein Hirn bislang nicht einmal gestreift haben. Etwa dass Flüssigkeiten im Gegensatz zu Feststoffen jede beliebige Form annehmen können, „aber nur, solange sie von etwas festgehalten werden. Andernfalls sind sie dauernd in Bewegung, sie sickern, zersetzen, tröpfeln und zerrinnen uns zwischen den Fingern.“

Es gibt Flüssigkeiten, so lerne ich, die andere Stoffe in sich aufnehmen können. „Wenn man Salz in Wasser rührt, wird es rasch unsichtbar – das Salz ist nicht verschwunden, aber wo ist es? Wenn man Salz hingegen in Öl gibt, setzt es sich einfach am Boden ab. Wieso?“ Ich mag solche Kinderfragen, es ist selten, dass ich eine beantworten kann – und das macht mich darauf aufmerksam, wie wenig Ahnung ich von der Welt habe. Nichts, das heilsamer ist gegen die grössenwahnsinnigen Tendenzen des eigenen Ich.

Wir verdanken unser Leben dem Wasser und seinen besonderen Eigenschaften. Flüssigkeiten fliessen, „das heisst, ein Molekül rückt an die Stelle, die ein anderes freigegeben hat.“ Wenn wir schwimmen, verdrängt unser Körper das Wasser, wenn wir jedoch mit hoher Geschwindigkeit hineinspringen, ist das Wasser hart wie Beton, da es nicht schnell genug abfliessen kann und Widerstand leistet. Aufklärungen wie diese verändern meine Wahrnehmung der Welt.

Mark Miodownik erzählt anhand eines Transatlantikflugs von London nach San Francisco von all den Flüssigkeiten, die daran beteiligt sind. Ein höchst origineller Ansatz, der einem nicht zuletzt bewusst macht, dass Flüssigkeiten viel zentraler für unser Leben sind als wir gemeinhin annehmen. Das beginnt beim Flugbenzin (ich kann mich nicht erinnern, je einen Gedanken daran verschwendet zu haben, dass in den zigtausend Litern Flugbenzin eine gewaltige Menge Energie stecken muss, damit „400 Menschen in einem 250 Tonnen schweren Flugzeug in wenigen Minuten aus dem Stand auf eine Reisegeschwindigkeit von 925 Kilometern pro Stunde und vom Boden auf eine Flughöhe von 12 000 Metern“ katapultiert werden), geht über zu Flüssigkristallbildschirmen, landet bei der Flüssigseife und beim Tsunami von 2004 – „Wenn sie das Phänomen gekannt hätten, dann hätten sie eine gute Minute Zeit gehabt, um einen erhöhten Punkt aufzusuchen.“ – und vielem anderem mehr, etwa beim Tee. „Man sieht dieser Pflanze nicht an, welchen Genuss sie bereiten kann, und unsere Vorfahren brauchten einige Jahrtausende, um es zu bemerken.“

Hat man einmal ein Phänomen für interessant befunden, sieht man dieses plötzlich all überall. So ist es mir zum Beispiel mit der Fotografie ergangen – auf einmal nahm ich allerorten einen Bezug zur Fotografie wahr. Genau so geht es mir jetzt mit Fabelhafte Flüssigkeiten: ich bin verblüfft, fasziniert, ja hingerissen, wie omnipräsent Flüssigkeiten in meinem Leben sind – eine Tatsache, die mir bisher völlig entgangen ist.

Doch Fabelhafte Flüssigkeiten ist nicht nur überaus reich an Erkenntnissen, es ist auch sehr witzig. Das liegt wesentlich daran, dass auch intelligente Menschen wie Mark Miodownik so trottelhaft unterwegs sind wie wir alle. Nur versteht es nicht jeder (oder jede/s), das so amüsant zu schildern wie er. „Ich klappte das Tischchen herunter und legte das Zollformular darauf. Ich brauchte einen Stift (…) Meine Reisetasche befand sich unter meinem Sitz, aber weil das Tischchen im Weg war, konnte ich mich nicht genug vorbeugen. Ich versuchte es trotzdem und drückte meinen Kopf auf die Platte, um an die Tasche heranzukommen. Natürlich wäre es einfacher gewesen, das Tischchen wieder hochzuklappen, aber aus unerfindlichen Gründen kam ich nicht auf diesen Gedanken.“

Stattdessen kommt er auf ganz viele andere Gedanken und weiss diese auch auf eine Art und Weise auszudrücken, die mich regelmässig innerlich jubeln macht. „Einer der wichtigsten Bestandteile jedes Schreibgeräts ist natürlich die Tinte. Diese Flüssigkeit soll zweierlei können: Sie soll erstens auf das Blatt fliessen und zweitens dort fest werden. Fliessen ist nicht weiter schwierig, das können Flüssigkeiten von ganz allein. Und irgendwann werden sie auch trocken oder fest. Nicht ganz so einfach ist es jedoch, das verlässlich in der richtigen Reihenfolge und innerhalb kurzer Zeit zu tun, damit die Tinte nicht verschmiert und unleserlich wird.“

Doch genug zitiert. Wer bis jetzt nicht neugierig geworden ist, dem (oder der) ist nicht zu helfen. Nur noch dies (und darauf geht Mark Miodownik auch ein): Woher kommt es eigentlich, dass viele Menschen Kugelschreiber für Kollektiveigentum halten?

Fazit: Ein Augenöffner der Extraklasse!

Mark Miodownik
Fabelhafte Flüssigkeiten
Kuriose Fakten über alles, was durch unser Leben sickert, tröpfelt, rinnt und fliesst
Penguin Verlag, München 2021

Jacques Ellul: Propaganda

Es liegt 22 Jahre zurück, dass ich dieses Werk, damals auf Englisch, gelesen habe. Die französische Originalausgabe erschien 1962. Es gehört zu den wenigen Büchern, von denen ich weiss, dass sie mein Welt- und Medienverständnis geprägt haben. Auch meine neuerliche Lektüre zeigt, dass sich nichts Wesentliches unter der Sonne wirklich ändert. Propaganda  ist und wird ein wichtiges Buch bleiben, weil es Grundsätzliches beschreibt und analysiert. Und weil es sich von den einschlägigen Büchern zum Thema unterscheidet, da Jacques Ellul sich auf selten behandelte Aspekte von Propaganda konzentriert sowie nicht moralisiert, sondern sich nach Tatsachen richtet.

Propaganda hat einen schlechten Ruf, man hält sie für etwas „Schlechtes, Böses, so die geläufige Vorstellung, was letztlich die Untersuchung vor Probleme stellt, denn um das Phänomen korrekt zu analysieren, muss man sich jeden moralischen Urteils enthalten.“ Dazu kommt, dass man Propaganda fast automatisch mit der Verbreitung von Falschmeldungen, mit Lügen also, in Verbindung bringt. „Uns hingegen geht es um die Feststellung, was Propaganda eigentlich  ist, überall, wo sie zur Anwendung kommt, überall, wo sie durch die Sorge um ihre Wirksamkeit beherrscht wird.“

Propaganda ist ein in vielerlei Hinsicht aussergewöhnliches Werk, Kapitel-Überschriften wie ‚Die Notwendigkeit von Propaganda für die Macht‘ und ‚Die Notwendigkeit von Propaganda für das Individuum‘ weisen darauf hin. „Natürlich sagt der Mensch nicht: ‚Ich will Propaganda!‘ Weil er sich, indem er vorgegebenen Mustern gehorcht, für einen ‚freien und erwachsenen Menschen‘ hält, verabscheut er sie hingegen zutiefst. Doch eigentlich verlangt und wünscht er diese Handlung, durch die er bestimmte Aggressionen abzuwehren und bestimmte Spannungen abzubauen imstande sein wird.“

Auch wenn ich mit dieser Begründung (Aggressionen abwehren, Spannungen abbauen) so meine Schwierigkeiten habe (ich halte sie für Spekulation), gehe ich mit Elluls Prämisse einig: Ohne das  unbewusste Gieren nach Propaganda, könnte sie kaum wirksam sein. Doch ist sie überhaupt wirksam? Schwer zu sagen, denn wie will man das messen? Andererseits: Der Glaube, dass Propaganda wirkt, zeigt sich in den Investitionen von grossen Unternehmen, die nicht als realitätsfremd gelten. Zudem glauben so ziemlich alle, die Propaganda ausgesetzt waren, dass sie wirkt. Wie heisst es doch in der Bhagavad Gita: „Man is made by his belief, as he believes so he is.“

Der moderne Massenmensch ist einsam und auf Passivität gedrillt. „Immer weniger sieht sich das Individuum imstande, anders zu handeln als dem kollektiven Signal gemäss, das seine Handlung dem allgemeinen Mechanismus vorschreibt.“ Nur eben: Das Individuum erträgt es nicht, einfach eine Nummer zu sein. Den Ausweg, so Ellul, bietet die Propaganda, die an die Entscheidung des Einzelnen und an sein Handeln appelliert. „‚Alles ist vom Bösen umstellt. Doch es gibt einen Ausweg. es muss nur jeder mitmachen. DU musst ein Teil davon sein. Kommst du nicht, wird alles scheitern, und du wirst schuld sein.‘ Genau dieses Gefühl hat Propaganda zu verbreiten.“

Aus dem bereits Zitierten ergibt sich, dass Ellul nicht zwischen Propaganda, PR und Werbung unterscheidet, denn diesen ist gemein die Beeinflussung von Meinungen, Auffassungen und Einstellungen. Damit diese Beeinflussung auf fruchtbaren Boden fallen kann, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Sowohl das Bedürfnis nach Orientierung wie auch nach Selbstbestätigung und Zugehörigkeit gehören dazu.

Zwischen Information und Propaganda besteht eine enge Beziehung. Eine Folge davon ist, dass Intellektuelle besonders anfällig für propagandistische Beeinflussungen sind, denn sie konsumieren ganz viele Informationen, die sie nicht verifizieren können. Gleichzeitig sind sie  jedoch der Meinung, sie seien fähig, zu einem ausgewogenen Urteil zu gelangen. Sie leiden an Selbstüberschätzung.

Leute hingegen, die sich nicht bemüssigt fühlen, auf dem Laufenden zu sein, also zu wissen, was der Mainstream und die Eliten so denken, sind auch für Propaganda wenig empfänglich. „Moderne integrierende Propaganda kann bei Individuen, die am Rande der Gesellschaft leben oder ein zu niedriges Lebensniveau haben, keine Wirkung entfalten.“

Propaganda  ist ein ungeheuer dichtes Werk. „Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die Realität so zu akzeptieren, wie sie ist …“, doch der Mensch hat ein ausgeprägtes Bedürfnis, seine Handlungen sozial und moralisch zu rechtfertigen. Dabei ist ihm Propaganda sehr willkommen, denn sie legitimiert nicht nur seine Handlungen, sondern wiegt ihn auch in Sicherheit, weil sie Widersprüche beseitigt und ihm einen grossen Teil seiner Ängste nimmt.

Fazit: Grundlegend, wesentlich, überzeugend.

Jacques Ellul
Propaganda
Wie die öffentliche Meinung entsteht und geformt wird
Westend, Frankfurt am Main 2021

Noah Hawley: Vor dem Fall

Ein Privatflieger auf dem Weg von Martha’s Vineyard nach New York stürzt ab. Nur der Maler Scott Burroughs und JJ, der vierjährige Sohn des Medienunternehmers David Bateman, überleben. So beginnt „Vor dem Fall“ – grossartig, überaus plastisch und spannend geschildert von Noah Hawley, dem man den Drehbuchschreiber anmerkt.

Neben den beiden Piloten, der Stewardess und dem Leibwächter, sterben bei dem Absturz David Bateman, dessen Frau Maggie und die neunjährige Tochter der beiden sowie das Ehepaar Ben und Sarah Kipling. War es ein Unfall, war es Sabotage? Hatte der Absturz mit der Vorgeschichte eines der Menschen an Bord zu tun?

Natürlich interessieren sich die Medien für Scott, der sich diesen jedoch zu entziehen versucht. Und sie interessieren sich auch für JJ, der fortan bei der Schwester seiner Mutter und ihrem versoffenen, gierigen Mann aufwachsen soll.

Dieses Szenario erlaubt dem Autor einen fulminanten medienkritischen Rundumschlag. „CNN, ABC, CBS, sie verkauften die Nachrichten wie Lebensmittel im Supermarkt: für jeden etwas. Aber die Menschen wollten nicht nur Informationen. Sie wollten auch wissen, was sie bedeuteten. Sie wollten Perspektiven. Sie wollten etwas haben, worauf sie reagieren konnten. Ich stimme zu, ich stimme nicht zu … Seine Idee war es, die Nachrichtensendungen in einen Club der Gleichgesinnten zu verwandeln …“.

Besonders gut gelungen ist die Schilderung des Stars dieses Senders der Gleichgesinnten – ein wütender, selbstgerechter und ungehobelter Missionar. Genau wie die Propagandisten bei Fox News. Ohne jegliche Orientierung an Fakten, nur Gefühle und Meinungen.

„Vor dem Fall“ bedient sich vieler Rückblenden. Der Leser (und die Leserin) erfährt nicht nur von David und Maggie Batemans Werdegang, sondern auch von Ben Kiplings Geldwäscheaktivitäten, die diesen zum Zeitpunkt des Absturzes in existenzielle Schwierigkeiten gebracht haben – am Ende des Fluges wartete das Gefängnis auf ihn.

Der Autor versteht es bestens, ganz verschiedene Möglichkeiten anzudeuten, die als Grund für den Absturz hätte in Frage kommen können. Doch „Vor dem Fall“ ist nicht nur ein clever gemachter Thriller, sondern auch der Versuch, „einen grossen Gesellschaftsroman in der Tradition von Tom Wolfes Weltbesteller ‚Fegefeuer der Eitelkeiten’“ zu Papier zu bringen, wie der Verlag schreibt. Ist er gelungen? Schwer zu sagen, doch den Sog, der mich bei Tom Wolfes Büchern unweigerlich erfasst, verspürte ich bei Noah Hawley nicht.

Zudem: Irritierend fand ich das Nebeneinander von philosophischen Einsichten („Leibwächter zu sein, bedeutete nicht, dass man in einem ständigen Alarmzustand lebte. Man musste offen für Veränderungen im Lauf der Dinge sein, empfänglich für subtile Verschiebungen … Wenn man es genau bedachte, war der private Sicherheitsdienst eine Form des Buddhismus oder Tai Chi. Man lebte im Augenblick, fliessend und ohne an mehr zu denken als daran, wo man ist und was einen umgibt.“) und platten Klischees („In seiner Zeit als privater Sicherheitsbeauftragter hatte er mit einigen der schönsten Frauen der Welt geschlafen, mit Models, Prinzessinnen und Filmstars. In den Neunzigerjahren kursierte die Theorie, er habe Angela Jolie entjungfert.“)

Trotzdem: „Vor dem Fall“ ist ein gutes Buch, ein wirklich gutes Buch. Das liegt zu einem grossen Teil daran, dass es überzeugend aufzeigt, wie Voreingenommenheiten und Verschwörungstheorien unsere Wahrnehmung nicht nur beeinträchtigen, sondern in die Irre führen. „Sie haben entschieden. Er habe etwas zu verbergen, aber vielleicht können Sie auch nur nicht akzeptieren, dass das Leben voller x-beliebiger Zufälle ist, und dass nicht alles, was bedeutsam zu sein scheint, auch bedeutsam ist.

Noah Hawley
Vor dem Fall
Goldmann Verlag, München 2016

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen

François Vély ist geschäftlich aussergewöhnlich erfolgreich und hat von seinem Vater mit auf den Weg bekommen: „Wenn du von deinen Freunden nicht enttäuscht werden willst, achte bei ihrer Auswahl auf den Bestand ihrer Bibliothek.“ Es gib noch einige solcher fürs berufliche Fortkommen hilfreicher Lebensweisheiten in Karine Tuils neuestem Buch. „Als Topmanager in einem grossen Wirtschaftsunternehmen wusste François natürlich, dass Misstrauen eine Tugend war.“

Als Vély seine Exfrau informiert, dass er sich wieder verheiraten will, stürzt sich diese aus dem Fenster. Dann entdeckt er, dass seine neue Frau, die Journalistin Marion Decker, eine Affäre mit dem gerade aus Afghanistan zurückgekehrten, schwerst traumatisierten Offizier Romain Roller, und dass sein Sohn Thibault von der Spielsucht zum orthodoxen Judentum gewechselt hat.

Parallel dazu erzählt Karine Tuil die Geschichte des Politikers Osman Diboula, der zusammen mit Romain Roller in Clichy-sous-Bois aufgewachsen ist und Karriere gemacht hat, jedoch seines aufbrausenden Temperaments wegen „entsorgt“ und dann, weil es das politische Klima so will, wieder eingestellt wird. Und natürlich führt das Schicksal sie alle zusammen.

„Die Zeit der Ruhelosen“ ist ein gut geschriebenes, spannendes und berührendes Stück Zeitgeschichte – die überzeugende und fesselnde Darstellung des Kampfes aller gegen alle sowie der Gier, die uns im Würgegriff hat, und ihrer Folgen. Sehr gelungen sind besonders die Schilderungen der Leidenschaft zwischen Marion Decker und Romain Roller, inklusive Eifersucht, Misstrauen sowie einem extremen emotionalen Hin und Her; weniger überzeugend sind hingegen die Selbstmordspielereien von Osman Diboula, nachdem er bei der Geburtstagsfeier der Präsidentengattin abgewiesen wurde.

Als François Vély auf der Skulptur eines norwegischen Künstlers, die eine schlanke schwarze Frau in einer obszönen Haltung zeigte, fotografieren lässt, entlädt sich in den sozialen Medien ein „shitstorm“ über ihn, gegen den er sich unter anderem wie folgt wehrt: „Man kann heute offenbar nicht mehr mit den Codes von Rasse, Religion und Herkunft spielen, ohne gleich des Rassismus verdächtigt zu werden, man kann Sexualität und Erotik nicht mehr darstellen, ohne die Moral der Selbstgerechten auf den Plan zu rufen. Das ist intellektueller Totalitarismus!“

So recht er haben mag, dass er dabei sein eigenes Verhalten, dass unsensibler nicht hätte sein können, vollständig ausser Acht lässt, kontert sein einziger schwarzer Geschäftspartner mit vor Zynismus triefenden Worten. „Wenn ich meinen Hintern auf das Original von Allen Jones platziert hätte, du weisst schon, diese weisse Frau mit dem blonden Pagenkopf und den himmelblauen Wimpern, dann hätte ich teuer dafür bezahlen müssen. Ich wäre auf der Stelle gefeuert worden, mir sässen sämtliche nationalistischen weissen Vereinigungen der USA im Nacken, ich würde Morddrohungen erhalten und nicht nur ich, meine Frau und meine Kinder auch! Vielleicht würden sie mich am Ende sogar umbringen. Aber du bist weiss, sie werden dich eine Weile der Form halber abkanzeln, aber letztlich werden sie dich verschonen.“

Es ist zwar recht viel vom Rassismus die Rede in diesem Buch, doch eben nicht schwarz/weiss, sondern aus ganz unterschiedlichsten Perspektiven. So will etwa Sonia, die Freundin und spätere Gattin von Osman Diboula mit dem Opfer-Geheule nichts zu tun haben. Auch wird eindrücklich aufgezeigt, wie die sich als Opfer-Fühlenden selber zu Tätern werden.

Dass der Mensch nun mal, wie Freud einst an den Schweizer Pfarrer Pfister schrieb, eine wenig erfreuliche Erscheinung ist (ich zitiere aus dem Gedächtnis), zeigt sich unter anderem in Neid und Missgunst. In „Die Zeit der Ruhelosen“ werfen sich diese ungebremst auf François Vély, der von einem Tag auf den andern einfach gar nichts mehr richtig machen kann. Der Satz von Warren Buffet geht einem unweigerlich durch den Kopf: „Es braucht 20 Jahre, um einen guten Ruf aufzubauen, und 5 Minuten, um ihn zu ruinieren.“

„Die Zeit der Ruhelosen“ schildert eine Welt im Krieg und handelt so recht eigentlich (und überaus packend) fast alles ab, was im gegenwärtigen Frankreich (und in der politischen Welt allgemein) ein Thema ist: der Antisemitismus, das westliche Engagement in Afghanistan, das Söldnerwesen im Irak, die sexuellen Gepflogenheiten auf den Chefetagen, die Krise in den Vorstädten von Paris, der Kampf um die Vorherrschaft in den Vorstandsetagen der grossen Konzerne. Doch weder den Gefühlen (… in Liebesdingen verhielt sie sich, die Fachfrau für Finanzanalysen, die vor männlich dominierten Verwaltungsräten komplexe Argumentationsketten abspulen konnte, nicht viel klüger als eine Arztroman-Leserin aus den 1980er-Jahren.“) noch der eigenen Herkunft lässt sich entkommen.

Fazit: Fesselnd geschrieben, aufwühlend und nachdenklich machend. Nicht zuletzt Sätzen wegen wie dieser: „In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut. Versuchst du, aus diesem Muster auszubrechen, halten sie dir vor, dass du dein wahres Ich verleugnest, und stehst du dazu, wirst du als rückgratloser Mitläufer verunglimpft.“

Karine Tuil
Die Zeit der Ruhelosen
Ullstein, Berlin 2017

Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland

Richard Flanagan wurde 1961 in Tasmanien geboren, wo auch dieser mit dem „Man Booker Preis 2014“ ausgezeichnete Roman seinen Anfang nimmt. Wie er Landschaft und Lebensgefühl dieser zu Australien gehörenden Insel schildert, lässt mich gleichsam vor Ort fühlen und nimmt mich sofort für diese Geschichte ein. Sie spielt im Zweiten Weltkrieg, der auch Australien erreichte und für nicht wenige Australier in japanischer Kriegsgefangenschaft endete.

Einer dieser Kriegsgefangenen ist der junge Chirurg Dorrigo Evans, der zum Bau der berüchtigten „Todeseisenbahn“, die 400 Kilometer durch den thailändischen Dschungel verlief, abkommandiert wurde. Flanagans Vater, ein Überlebender der „Todeseisenbahn“ starb am Tag, an dem sein Sohn „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ fertigstellte.

„Der schmale Pfad durchs Hinterland“ ist sowohl historisches Zeugnis (90 000 asiatische Zwangsarbeiter, 12 000 alliierte Kriegsgefangene, darunter fast 3000 Australier kamen dabei ums Leben) als auch aufwühlende Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen wie Schuld, Gehorsam und Liebe.

Wieso unternahmen die Japaner eigentlich diesen wahnwitzigen Versuch, eine Eisenbahnlinie von Siam nach Burma („Dantes Vorhölle“) ohne Maschinen und mitten durch die Wildnis zu bauen? Genauer: Kriegsgefangene, von den Japanern mit unglaublicher Brutalität angetrieben, sollten sie bauen. „Es geht darum, den Europäern zu beweisen, dass sie nicht die überlegene Rasse sind, sagte Nakamura. Und uns selbst, dass wir es sind, sagte Colonel Kota.“

Nicht alle, doch viele wissen, dass uns meist nur wenig vom Wahnsinn trennt. Bedingungen wie die, welche beim Bau der „Todeseisennbahn“ herrschten, brachten viele fast um den Verstand. Etwa Colonel Kota, „je länger er tötete, so beiläufig und so freudig, desto bewusster wurde ihm, dass irgendwann die eine ausser Kontolle geratene Hinrichtung sein Ende bedeuten würde“, doch seltsamerweise „hatte er beim Töten das Gefühl, er könne die Kontrolle gewinnen über das, was von seinem Leben noch übrig war.“ Oder Dorrigo Evans, der nicht merkte, dass er einen Toten zusammennähte, weil die anderen nicht gewusst hatten, „wie sie es ihm beibringen sollten.“

Dorrigo, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden durch einen Dokumentarfilm, ist mittlerweile siebenundsiebzig und passt nicht mehr „in dieses neue Zeitalter der Konformität, die in allen Dingen steckte, sogar in den Gefühlen, und es verblüffte ihn, dass die Leute einander hemmungslos berührten und offen über ihre Probleme sprachen, gerade so, als liesse sich das Rätsel des Lebens entschlüsseln, allein indem man alles benannte.“

Als junger Mann hatte Dorrigo eine mehr als nur leidenschaftliche Affaire mit Amy, der Frau seines Onkels. Zu ihr kehrt er gedanklich und gefühlsmässig im Alter immer wieder zurück. Trotz der Magie zwischen ihnen („Ihre Anziehung schien eine Macht jenseits der Liebe gewesen zu sein.“), leben beide in ganz verschiedenen Welten. Dies schildert Flanagan ergreifend und sehr berührend, man glaubt das schicksalhaft Verbindende und gleichzeitig Trennende ihrer Beziehung schmerzlich zu spüren.

Wie alle wirklich guten Bücher ist auch „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ weit mehr als eine aussergewöhnlich und spannend erzählte Geschichte. Richard Flanagan vermittelt einem nämlich auch höchst hilfreiche Einsichten (zugegeben, ich spreche von mir), die manchmal in einem Satz zusammenfassen, was ganz viele Sätze nicht zustande bringen. „Manchmal kann man reden und reden und reden, und es hat nichts zu bedeuten, und manchmal sagt man nur einen Satz, und dieser Satz bedeutet alles.“

Ein fesselndes, ungemein starkes Buch!

Richard Flanagan
Der schmale Pfad durchs Hinterland
Piper Verlag, München/Berlin 2015

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