Öland ist eine Insel (und auch eine Provinz) an Schwedens Südostküste, die mit dem Festland durch eine Brücke verbunden ist. „Ingrid war nicht allein mit der Meinung, dass die meisten Probleme von dort kamen…“. Man kennt sich also auf Öland, weshalb denn auch jeder weiss, dass Hannas Vater Lars, der sich vor Kurzem zu Tode gesoffen hat, vor sechzehn Jahren einen grausamen Mord beging.
Damals ist Hanna, des ewigen Geredes wegen, nach Stockholm geflüchtet und zur Polizei gegangen. Als sie jetzt als Polizistin nach Öland zurückkehrt, wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Sie trifft auf alte Bekannte und fürchtet ständig, von den Inselbewohnern vornehmlich als die Tochter des Mörders wahrgenommen zu werden. Einige finden es mutig, andere heissen sie willkommen und wieder anderen gefällt es gar nicht, dass sie zurückgekommen ist.
Joel, ein unsicherer Teenager auf Identitätssuche, 15 Jahre alt, befreundet mit der gefährdeten Nadine, die bereits zwei Selbstmordversuche hinter sich hat, wird erstochen aufgefunden; seine Mutter Rebecka ist Hannas beste Jugendfreundin, zu seinem leiblichen Vater, der nicht mit der Mutter zusammen ist, hat er eine problematische Beziehung.
Hanna ist nicht wohl in ihrer Haut; sie wirkt verunsicher, unausgeglichen, leicht reizbar und voller Ressentiments. Über ihren Vater will sie schon gar nicht reden. Eine komplexe und vielschichtige Frau, wie auch all die anderen Charaktere in diesem Buch.
Erzählt wird die Geschichte mit Rückblenden auf Joels letzten Tag – der Leser weiss also immer mehr (etwa dass Joel ein genauso gefährdeter Mensch ist wie seine Freundin Nadine) als die ermittelnde Polizei. So irritierend ich dieses Vorgehen auch finde, der Spannung ist es nicht wirklich abträglich. Wobei: Spannend ist die Geschichte weniger als Kriminalroman denn als Beziehungs- und Persönlichkeitsdarstellungen. Zudem: Der Bezug zu LGBT ist meines Erachtens wenig überzeugend.
Jeder und jede scheint in Nachttod mit einem Klumpen im Magen und Identitätsproblemen durchs Leben zu gehen. Seine Gefühle zu zeigen beziehungsweise sich diesen zu stellen. ist offenbar niemandem gegeben. Was, zugegeben, nicht unrealistisch ist, doch einen die Lektüre gelegentlich etwas anstrengend und langfädig vorkommen lässt.
Sehr gut getroffen ist etwa Hannas Kollege Erik, der mit der indischen Zahnärztin Supriya verheiratet ist. Ihre kulturellen Werte sind nicht immer kompatibel, was sich auch zeigt, als Supriyas Eltern zu Besuch kommen. Johanna Mo versteht es ausgezeichnet, Mutter-Kind-Dialoge wiederzugeben. Und über Polizeiarbeit aufzuklären: „Ermittlungsarbeit war zum Grossteil eine sitzende Tätigkeit.“
Nachttod ist wesentlich geprägt von dem, was auf einer Insel so geredet wird. Eifersüchteleien und Neid sind an der Tagesordnung und die Nachbarn wissen meist mehr über einen als man selber. Dabei fehlt es nicht an humorvollen Einschüben. „Lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen“, rät Ingrid, Hannas betagte Nachbarin. Was diese wie folgt kommentiert: „Offenbar gab es für Ingrid keine schlimmere Vorstellung, als aus der Ruhe gebracht zu werden.“
Und nicht zuletzt: Sehr anschaulich gelungen ist die Schilderung Ölands – in mir erwachte jedenfalls der Wunsch, da nächstens mal hin zu fahren.
Johanna Mo
Nachttod
Kriminalroman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021



