Johanna Mo: Nachttod

Öland ist eine Insel (und auch eine Provinz) an Schwedens Südostküste, die mit dem Festland durch eine Brücke verbunden ist. „Ingrid war nicht allein mit der Meinung, dass die meisten Probleme von dort kamen…“. Man kennt sich also auf Öland, weshalb denn auch jeder weiss, dass Hannas Vater Lars, der sich vor Kurzem zu Tode gesoffen hat, vor sechzehn Jahren einen grausamen Mord beging.

Damals ist Hanna, des ewigen Geredes wegen, nach Stockholm geflüchtet und zur Polizei gegangen. Als sie jetzt als Polizistin nach Öland zurückkehrt, wird sie von der Vergangenheit eingeholt. Sie trifft auf alte Bekannte und fürchtet ständig, von den Inselbewohnern vornehmlich als die Tochter des Mörders wahrgenommen zu werden. Einige finden es mutig, andere heissen sie willkommen und wieder anderen gefällt es gar nicht, dass sie zurückgekommen ist.

Joel, ein unsicherer Teenager auf Identitätssuche, 15 Jahre alt, befreundet mit der gefährdeten Nadine, die bereits zwei Selbstmordversuche hinter sich hat, wird erstochen aufgefunden; seine Mutter Rebecka ist Hannas beste Jugendfreundin, zu seinem leiblichen Vater, der nicht mit der Mutter zusammen ist, hat er eine problematische Beziehung.

Hanna ist nicht wohl in ihrer Haut; sie wirkt verunsicher, unausgeglichen, leicht reizbar und voller Ressentiments. Über ihren Vater will sie schon gar nicht reden. Eine komplexe und vielschichtige Frau, wie auch all die anderen Charaktere in diesem Buch.

Erzählt wird die Geschichte mit Rückblenden auf Joels letzten Tag – der Leser weiss also immer mehr (etwa dass Joel ein genauso gefährdeter Mensch ist wie seine Freundin Nadine) als die ermittelnde Polizei. So irritierend ich dieses Vorgehen auch finde, der Spannung ist es nicht wirklich abträglich. Wobei: Spannend ist die Geschichte weniger als Kriminalroman denn als Beziehungs- und Persönlichkeitsdarstellungen. Zudem: Der Bezug zu LGBT ist meines Erachtens wenig überzeugend.

Jeder und jede scheint in Nachttod mit einem Klumpen im Magen und Identitätsproblemen durchs Leben zu gehen. Seine Gefühle zu zeigen beziehungsweise sich diesen zu stellen. ist offenbar niemandem gegeben. Was, zugegeben, nicht unrealistisch ist, doch einen die Lektüre gelegentlich etwas anstrengend und langfädig vorkommen lässt.

Sehr gut getroffen ist etwa Hannas Kollege Erik, der mit der indischen Zahnärztin Supriya verheiratet ist. Ihre kulturellen Werte sind nicht immer kompatibel, was sich auch zeigt, als Supriyas Eltern zu Besuch kommen. Johanna Mo versteht es ausgezeichnet, Mutter-Kind-Dialoge wiederzugeben. Und über Polizeiarbeit aufzuklären: „Ermittlungsarbeit war zum Grossteil eine sitzende Tätigkeit.“

Nachttod ist wesentlich geprägt von dem, was auf einer Insel so geredet wird. Eifersüchteleien und Neid sind an der Tagesordnung und die Nachbarn wissen meist mehr über einen als man selber. Dabei fehlt es nicht an humorvollen Einschüben. „Lassen Sie sich nicht aus der Ruhe bringen“, rät Ingrid, Hannas betagte Nachbarin. Was diese wie folgt kommentiert: „Offenbar gab es für Ingrid keine schlimmere Vorstellung, als aus der Ruhe gebracht zu werden.“

Und nicht zuletzt: Sehr anschaulich gelungen ist die Schilderung Ölands – in mir erwachte jedenfalls der Wunsch, da nächstens mal hin zu fahren.

Johanna Mo
Nachttod
Kriminalroman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Es gibt Bücher, die kann man eigentlich nicht besprechen, weil sie derart treffend formuliert daherkommen, dass man den darin dargelegten Gedanken eigentlich gar nichts mehr hinzufügen mag. Zu diesen Büchern gehört „Der Sinn des Lebens“ von Terry Eagleton. Am besten stellt man dieses Werk vor, indem man den Autor selber zu Worte kommen lässt – und so sei es denn auch, doch bemerkt sein soll zuallererst noch dies: „Der Sinn des Lebens“ ist ein scharfsinniges, witziges und hilfreiches Buch, das sich philosophierend am Leben, und nicht an der Theorie darüber, orientiert: ein gescheites, anregendes und – für einen Professor für Englische Literatur – erfrischend unakademisches Buch, das hiermit wärmstens empfohlen werden soll, weil man darin so Sätze findet wie:

Nicht jede Frage kann zu jeder Zeit gestellt werden. So hätte etwa Rembrandt nicht fragen können, ob die realistische Malerei durch die Fotografie überflüssig wird.

Weshalb sollten wir glauben, dass es für jedes Problem auch eine Lösung gibt?

Sicher haben die Menschen in vormodernen Zeiten sich ab und an auch gefragt, wer sie sind und was sie hier tun. Nur bewegte sie diese Frage offenbar weniger als etwa Albert Camus oder den frühen T.S. Eliot. Und das hat viel mit ihrem Glauben zu tun.

Was den Glauben angeht, reist die Postmoderne lieber mit leichtem Gepäck. Sie glaubt so manches, aber sie hat keinen Glauben.

Weshalb sollte es nur einen Sinn des Lebens geben? Wie wir ihm mehr als einen Sinn zuschreiben können, so könnte es auch mehr als einen ursprünglichen Sinn haben, sofern es denn überhaupt einen ursprünglichen Sinn hat.

Und wenn nun das Leben einen Sinn hätte, der ganz und gar nicht unseren Vorstellungen entspräche? Vielleicht hat das Leben einen Sinn, aber die Mehrzahl aller Menschen, die jemals gelebt haben, hat sich darüber getäuscht. Falls Religion falsch wäre, träfe genau dies zu.

Für die meisten leidenschaftlichen Sinnsucher zählt vor allem die Ausbeute. Für Liberale und Postmoderne zählt dagegen der fröhliche Lärm des Gesprächs, der in ihren Augen wahrscheinlich das Maximum an Sinn ausmacht, das wir überhaupt zutage fördern können. Der Sinn des Lebens liegt in der Suche nach dem Sinn des Lebens. Vielen Liberalen sind Fragen wichtiger als Antworten, da sie Antworten für unangemessen einschränkend halten. Fragen haben etwas frei Fliessendes, Antworten hingegen nicht. Es kommt darauf an, den Geist für vielfältige Fragen offenzuhalten statt ihn mit einer faden, eindeutigen Antwort zu verschliessen. Es stimmt zwar, dass dieser Ansatz nicht sonderlich gut funktioniert, wenn man zum Beispiel fragt: „Wie können wir genug Lebensmittel dorthin schaffen, bevor die Menschen verhungern?“ Oder: „Könnte man durch diese Massnahme rassistische Morde verhindern?“ Aber vielleicht haben Liberale ja Fragen höherer Art im Sinn.

Der Sinn des Lebens ist nicht die Lösung eines Problems, sondern eine bestimmte Art zu leben. Er ist nicht metaphysisch, sondern ethisch. Er ist nichts vom Leben Losgelöstes, sondern das, was das Leben lebenswert macht – das heisst eine bestimmte Qualität, Tiefe, Fülle und Intensität des Lebens. In diesem Sinne ist der Sinn des Lebens das Leben selbst, auf eine bestimmte Weise betrachtet.

Terry Eagleton
Der Sinn des Lebens
Ullstein Verlag, Berlin 2009

Christian Mähr: Von Alkohol bis Zucker

Wem der Chemieunterricht in der Schule gänzlich unverständlich geblieben ist, indes die Hoffnung nicht aufgegeben hat, vielleicht doch noch einen Zugang zu dieser Materie zu finden, der wird möglicherweise zu diesem Buch greifen, das „Interessantes und Wissenswertes aus der Welt der Chemie“ verspricht. Der Autor Christian Mähr, promovierter Chemiker und Journalist aus Vorarlberg, hält Wort, doch aufgepasst, so ganz ohne Formeln geht es auch bei ihm nicht. „In Tat und Wahrheit verabscheuen die meisten Zeitgenossen Strukturformeln …“, schreibt er und führt dann sofort eine vor, vermutlich mit dem Ziel, dem Leser den Widerwillen davor zu nehmen. Und, funktioniert das? Bei mir nicht.

Doch so schnell wollte ich mich nicht abschrecken lassen und so habe ich weiter gelesen und unter anderem gelernt, dass der Zucker nicht nur als Nahrungs- und Süssungsmittel, sondern auch „als Medizin, als Grundbestandteil für essbare Verzierungen, als Konservierungsmittel und in Form der Melasse als Ausgangsstoff für Rum“ eingesetzt wird. Und dass Benzin so recht eigentlich unsichtbar ist. Und dass trotz vielfältiger Anstrengungen der Medizin, dem Kaffee negative Wirkungen zuzuschreiben, das Gegenteil der Fall ist. Und und und …

„Zwölf Substanzen, die die Welt veränderten“ stellt Mähr in diesem Band vor. Und zwar Zucker, DDT. Anilin, Soda, Benzin, Chinin, Penicillin, Alkohol, Gummi, Coffein, Ammoniak und die Antbabypille. Letztere erscheint auf den ersten Blick in dieser Aufzählung als Fremdkörper – die Antibabypille solle eine Substanz sein? Nun ja, sie beruht auf einer chemischen Formel mit Namen Ethinylestradiol und dabei handelt es sich zweifellos um eine Substanz. Und dass diese die Welt verändert hat, daran besteht überhaupt kein Zweifel, ausser offenbar für das Nobelpreiskomitee, das keinen der Forscher, der mit der Entwicklung der Pille im Zusammenhang stand, ausgezeichnet hat. „Eine Schande“, kommentiert das Christian Mähr.

Man lernt einiges in diesem Buch. Dass zum Beispiel das westliche Abendland alkoholgetränkt ist. So fragt etwa Mähr ganz ernsthaft, ob im Mittelalter überhaupt jemand nüchtern war? „Im heutigen medizinischen Sinne wahrscheinlich nicht. Der Grund war das Wasser. Man konnte es meistens nicht trinken. Das ganze Mittelalter hindurch wird jedes andere Getränk dem Wasser vorgezogen.“ Und warum das? Weil, zum Beispiel, in den Städten Brunnen und Abtritte nebeneinander lagen …

Übrigens: Wussten Sie, dass das Schnapsbrennen von abstinenten Muslimen erfunden wurde? Oder warum Gummi etwas Einzigartiges ist? Oder dass Soda für die Glasherstellung unerlässlich ist? Oder wer das Penicillin entdeckt hat? Und unter was für Umständen? Oder dass das Chinin dafür verantwortlich ist, „dass die Staaten des tropischen Gürtels so auf dem Globus verteilt sind, wie wir das heute kennen.“

Davon, und von vielem anderen mehr, erzählt „Von Alkohol bis Zucker“.

Christian Mähr
Von Alkohol bis Zucker
DuMont Buchverlag, Köln 2010

Tilman Jens: Die Freiheit zu leben und zu sterben

Tilman Jens, 1954-2020, Journalist, Autor und Filmemacher, litt über zwanzig Jahre lang an Diabetes. Darüber wollte er ein Buch schreiben, herausgekommen ist jedoch etwas anderes. Ein Lebensbericht, ein unvollendeter. Tilman Jens hat seinem Leben am 29. Juli 2020 ein Ende gesetzt.

Sein Buch Demenz. Abschied von meinem Vater habe ich vor allem als Dokument des (unguten) Verdrängens in Erinnerung. Die Freiheit zu leben und zu sterben wirkt auf mich (so ehrlich es sich auch liest) genauso. Es könnte/dürfte/sollte – auch – Anlass sein, sich mit den eigenen Verdrängungsmechanismen auseinanderzusetzen.

„Ich habe früh mein Lebensmuster gefunden. Jede Form der Einschränkung, ob nun bei der Arbeit, beim Trinken oder Schlemmen, die mir wohlmeinende Ärzte zunehmend nahelegten, widersprach meinem Naturell. Einen gewissen Mangel an Weitsicht kann ich nicht leugnen. Mass und Diät halten mögen bittschön andere.“ Ein Idiot, denkt es in mir. Stur und egozentrisch. Soll ich mir dieses Buch wirklich antun? Ich lese weiter …

„Mein Lebensplan war eindeutig. Arbeiten, solange es irgend geht.“ Daran hat er sich gehalten. Die Arbeit rettet ihn vor sich selber, sein Journalisten-Dasein erlebt er als Selbsttherapie – Sucht scheint mir angemessener. Wie es engagierten Reportern so eigen ist, erzählt er, wo er alles dabei war – von Konfliktherden und Abenteuerlichem rund um den Globus bis zur Sterbebegleitung in Zürich. Ganz besonders angesprochen hat mich seine Begegnung mit dem Zeichner Horst Janssen, dessen Credo mir genau so gut gefällt wie dem Autor: „Um mich herum ist das reine Chaos, in mir ist die reine Harmonie.“

Timan Jens, ein Aussenseiter mit Sympathien für Aussenseiter, zeichnet in diesem Bekenntnis auch ein wenig erfreuliches Bild der Mainstream Medien. Besonders ihre Reaktion auf seine Demontierung Reich-Ranickis (dessen Spitzeltätigkeit für den polnischen Geheimdienst dieser lange bestritt) könnte deutlicher nicht machen, wie unreflektiert sie, ganz im Gegensatz zu ihm selber, oft agieren. „Ich habe möglicherweise einiges bewirkt in meinen bald fünfzig Berufsjahren. Aber ein gewisser Hang zum Grobianismus, den ich auch im Umgang mit mir selber walten liess, lässt sich schwer leugnen.“

Zwei Zehen hat der Diabetes gefordert, sie mussten amputiert werden. „Der Zerfall schreitet voran. Ich kann ihm zusehen.“ Seinen Kollegen, Freunden und Bekannten verschweigt er seinen Zustand. Aus Scham. Und auch aus Angst, er könnte möglicherweise keine Jobs (er ist hundertprozentiger Freischaffender) mehr kriegen.

Mit über sechzig zieht er zu seiner Freundin nach Sarajevo. Wunderbar, wie er diese aus der Zeit gefallene Stadt beschreibt, mit Handwerkern, die Professionen betreiben, die es anderswo schon lange nicht mehr gibt – ich möchte sofort hin.

Tilman Jens weiss, was das Fortschreiten seines Diabetes bedeutet. Er will nicht zum Pflegefall werden. Und obwohl er den stressgesteuerten Diabetes selber verursacht, lässt er von seinem ungesunden Lebenswandel nicht ab. „Ich log mich durchs Leben, soff wie ein Loch – und flüchtete, wann immer ich konnte.“ Ändern mag er das nicht. Obwohl: „Im Rückblick erschreckt mich die Rücksichtslosigkeit, mit der ich damals wegen eines Fernsehstücks, von dem ich nicht lassen wollte, mit mir umgegangen bin. Die Verleugnung von Krankheit und Schwäche ist keine Heldentat, sondern ein Armutszeugnis, ein Mangel an Demut. Ich machte dennoch in gewohntem Tempo weiter. Nachhaltige Reue? Fehlanzeige.“

Er weiss, wer er ist, versteht, wie er tickt. „Ich bin ein durchaus sensibler Beobachter, an Empathie, an tätigem Mitgefühl aber hat es mir oft gefehlt.“ Das Bild, das er von sich zeigt, wird ergänzt durch ein Nachwort von Heribert Schwan und eine Erinnerung von Matthias Jim Günther.

Die Freiheit zu leben und zu sterben ist ein eindrückliches Dokument der Selbst-Reflexion, das unter anderem deutlich macht, dass aufrichtig zu sein, keine Kursänderung zur Folge haben muss, denn eine solche muss gewollt werden. Doch wer weiss schon, weshalb wir wollen, was wir wollen?

Tilman Jens
Die Freiheit zu leben und zu sterben
Ein Bekenntnis
Ludwig Verlag, München 2021

Marion Zechner: Bewölkt aber trocken

„Ein Roman-Debüt, in dem tiefer Ernst und überbordernder Witz auf grossartige Weise zusammenkommen“, lese ich auf dem Buchumschlag. Da habe ich offenbar ein ganz anderes Buch gelesen. Auf mich wirkte die Lektüre extrem detailreich (jeder Gedanke, welcher der Protagonistin durch den Kopf geht, scheint ihr wert, aufgezeichnet zu werden – sogar was es in der Klinik zum Mittagessen gibt und dass man dabei Schlange stehen muss, erfährt man); ihre Rückblenden auf die Probleme mit Mann und Sohn waren mir schlicht zu viel. Doch dieses wortreiche Abschweifen von dem, worum es eigentlich gehen sollte – sich der Sucht zu stellen – ist natürlich typisch für Alkoholiker und insofern eben auch ausgesprochen realitätsnah.

Lucy, 35, fährt angetrunken in eine Leitplanke. Der zweijährige Sohn auf dem Rücksitz bleibt zwar unverletzt, doch sie selber kriegt einen gehörigen Schreck (Schuldgefühle inklusive). Auf Betreiben ihrer Freundin Marie geht sie in eine Entwöhnungsklinik. „Sie sind nicht sehr freundlich gewesen zu ihrem Körper“, fasst die einweisende Ärztin den Alkoholismus schön zusammen.

Ein Klinikeintritt bedeutet nicht, dass man bereit ist, sich der Sucht zu stellen und das Nötige zu tun, um davon loszukommen bzw. sie zum Stillstand zu bringen. Lucys Widerstände sind mannigfaltig, ihr differenziertes. kritisches Denken, das sie vornehmlich zum Rationalisieren ihrer Skepsis einsetzt, stehen einer Genesung im Weg. Sie hat einen Rückfall, wird jedoch nicht rausgeschmissen.

Sie nimmt an Treffen der Anonymen Alkoholiker teil, hört Hilfreiches von der Therapeutin, die ihr rät, in den Körper, ins Hier und Jetzt zu kommen. „Der Körper kennt keine Vergangenheit. Und keine Zukunft. Er ist immer gegenwärtig. In jeder Sekunde sterben Zellen und es bilden sich neue. Je besser Sie lernen, sich in Ihrem Körper zu verankern, umso weniger kann die Angst Sie überfluten. Ihr Körper holt Sie zurück auf den Boden. Üben Sie, ihn zu spüren. einfach irgendwo anfangen. Bei den Händen zum Beispiel.“ Es sind vor allem solche Stellen, welche die Lektüre für mich lohnen.

Bewölkt aber trocken  überzeugt vor allem als Dokument des Sich-Nicht-Ändern-Wollens. Nichts, das die Protagonistin nicht kritisiert. „Alles, was  in der Gruppe passiert, bleibt hier im Raum“, sagt die Therapeutin nach einem Gruppentreffen. Ein Standardsatz, der bei den Meetings der Anonymen Alkoholiker regelmässig zu hören ist. Es ist eine Aufforderung an alle Teilnehmenden, doch Lucy, weit weg von jeder Eigenverantwortung, fragt sich, wie die Therapeutin das bloss garantieren will.

Therapeuten haben den Vorteil der Distanz und können so Muster erkennen, die denen, die zu nahe dran sind, meist entgehen. Lucy wollte nie so sein, wie ihre trinkende Mutter. „Kinder sind wie Spiegel“, sagt die Therapeutin einmal. Möglicherweise habe ihre Mutter sich selbst gesehen.

Wie alle Alkoholiker ist Lucy feige, weicht aus, konfrontiert sich nicht mit der Lebenswirklichkeit. Bevor sie eine Entscheidung treffe, so die Therapeutin, müsse sie auch die Konsequenzen kennen. Ein Leben ohne Alkohol bedeute: „Kein Sicherheitsnetz mehr. Sie werden Angst haben. Sich einsam fühlen. Wütend sein. Alles, was zum Leben gehört.“ Kein Wunder, gelingt den wenigsten, der Sucht Paroli zu bieten.

Schlussendlich traut sich Lucy, zu fühlen, was sie fühlt und zu sagen, was sie denkt. Sie hat den Mut zur Eigenverantwortung. Und macht die Erfahrung, dass wenn sie sich ändert, auch die Menschen um sie herum sich ändern.

PS: Der Kondukteur im Zug wirft einen Blick auf den Buchumschlag und so frage ich ihn, was er glaube, wovon das Buch wohl handle. Offenbar vom Wetter, meint er. Ich nicke nur und denke so für mich: Jeder Kontext ist wieder anders, die Vorstellungen, die wir der Welt überstülpen, höchst individuell. 

Marion Zechner
Bewölkt aber trocken
Leykam Verlag, Wien 2021

Jordan B. Peterson: Beyond Order / Jenseits der Ordnung

Jordan B. Peterson, Professor für klinische Psychologie an der Universität von Toronto und gemäss der New York Times „Der einflussreichste Vordenker der westlichen Welt“ (eine Behauptung, die mit nichts wirklich belegt werden kann und nur als Ausdruck der amerikanischen Superlativ-Ideologie gesehen werden sollte), ist ein in den Medien kontrovers diskutierter Mann. Vor allem jedoch ist er ein sehr eigenständiger Denker, dem ich einige grundlegende Einsichten verdanke. Etwa die, dass niemand sagen kann, was er denkt bzw. glaubt, da wir viel zu komplex sind, als dass wir das wissen könnten – was und wie wir denken zeigt sich allein in unserem Handeln.

In der Ouvertüre schreibt Peterson von seiner lebensbedrohenden Abhängigkeit von Benzodiazepin, der heiklen Sprunggelenkoperation seiner Tochter und der schweren Krebserkrankung seiner Frau – dramatischer geht kaum, doch vorderhand ist alles gut ausgegangen. „Ich möchte nichts davon schönreden und behaupten, wir wären bessere Menschen geworden dadurch, dass wir all dies durchgemacht haben. Ich kann aber sagen, dass die Erfahrung der Todesnähe meine Frau dazu veranlasst hat, sich intensiver und ernsthafter gewissen Aspekten ihrer spirituellen und schöpferischen Entwicklung zuzuwenden, als sie es sonst getan hätte, und dass ich mich beim Schreiben und Überarbeiten dieses Buches bemüht habe, nur Worte zu verwenden, die ihre Bedeutung auch unter Bedingungen extremen Leidens bewahren konnten.“

Der Buchtitel (wieso auf Englisch und Deutsch, entzieht sich mir) gibt an, wovon dieses Werk handelt. Genauer: „wie man den Gefahren, die ein Übermass an Ordnung und Kontrolle mit sich bringt, geschickt aus dem Weg gehen kann.“ Dass der Untertitel von 12 Regeln spricht, sollte einen jedoch nicht zur Annahme verleiten, der Autor habe einen simplen Ratgeber geschrieben. Vielmehr ist Beyond Order ein differenziert argumentierendes und Konzentration erforderndes Buch, das die Grundüberzeugungen von Jordan Peterson darlegt. Zu diesen gehört auch, dass es notwendig und hilfreich ist, „ein Anfänger zu sein, und in gewisser Weise auch, es zu bleiben.“

Soziale Hierarchien, so Peterson, seien ein Produkt der Evolution. Folgerichtig wehrt er sich dagegen, dass auf Kompetenz beruhende Autoritäten in Frage gestellt werden. Dass er sich selber für eine solche Autorität hält, ist offensichtlich. Und dass er kompetenter zu argumentieren weiss als viele, ist ebenso offensichtlich. Dass ich selber meine liebe Mühe mit Autorität habe (und sie meist instinktiv ablehne; mich überzeugen soziale Systeme generell nicht), hat auch damit zu tun, dass ich selten kompetente und integre Autoritäten erlebt habe. Regel 1: „Machen Sie soziale Einrichtungen oder gestalterisches Wirken nicht gedankenlos schlecht“ leuchtet trotzdem ein.

Freud und Jung wirft er vor, dass sie sich zu stark auf die autonome Psyche konzentrierten und der Bedeutung der sozialen Gemeinschaft für die Erhaltung der psychischen Gesundheit des Menschen zu wenig Beachtung schenkten. Das schliesst er nicht zuletzt aus seiner eigenen Erfahrung – ohne die Hilfe und Unterstützung von Familie und Freunden hätte er seine Benzodiazepin-Abhängigkeit kaum überwunden, schreibt er. Auch die Beispiele, die er aus seiner klinischen Praxis anführt (diese alleine lohnen die Lektüre) weisen in diese Richtung.

Viel ist von Archetypen (grundlegenden Mustern bzw. Charakteristika) die Rede, überaus ausführlich geht Peterson auf biblische Geschichten, Harry Potter, den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch und andere bekannte Erzählungen ein. Mir kommt es oft wie ein obsessiver Versuch vor (ich fühlte mich von den vielen Details oft ganz erschlagen), die soziale Ordnung zu erklären und ihr damit Sinn zu verleihen. Wobei: Der Titel Beyond Order macht klar, dass zu viel Stabilität gefährlich ist (und zu viel Chaos sowieso); das Ziel ist eine kreative Balance.

Besonders aufschlussreich fand ich, „dass Sünden der Untätigkeit ebenso sehr, wenn nicht noch stärker, zu psychischen Erkrankungen führen können“ wie aktiv etwas Schlechtes zu tun. Und als ausgesprochen nützlich beurteile ich Petersons Ausführungen über Verantwortung. „Es scheint so, dass die Übernahme von Verantwortung dem Leben am nachhaltigsten Sinn verleiht.“ Dabei gilt auch: Wir sollten Schwierigkeiten als notwendig begreifen.

Für Anderes wie etwa „Machen Sie sich unentbehrlich“ konnte ich mich hingegen überhaupt nicht erwärmen, da es mich, im Gegensatz zum Autor, nie interessiert hat, mich als gesellschaftliche Autorität zu etablieren. Und die Frage „Haben Sie die Vergangenheit bewältigt?“ hat das Potential, mich zum Zyniker zu machen, denn wir können nur die Gegenwart erfahren. Alles ist Gegenwart. Auch die sogenannte Vergangenheit, die es so an sich hat, uns immer mal wieder einzuholen (weil sie eben da und nicht vergangen ist).

Wir brauchen ein Ziel, ein wertvolles, so Peterson. Es geht darum, ein solches zu verfolgen und zu erleben, dass es funktioniert. „Das sorgt für die verlässlichsten positiven Gefühle.“ Halt, Stopp, ich will hier nicht das Buch rekapitulieren. Doch eine der für mich (und offenbar für viele andere auch, so jedenfalls des Autors Erfahrung mit Zuhörern im Anschluss an seine gut besuchten Lesungen) wesentlichsten Einsichten will ich nicht vorenthalten: Beachten Sie, dass Möglichkeiten schlummern, wo Verantwortung abgelehnt wurde. Unsere innere Stimme weiss, dass Verantwortung wahrzunehmen befreit.

Beyond Order besticht wesentlich durch Petersons Aufrichtigkeit. Wenn er anderen rät, ihre Zimmer aufzuräumen, bedeutet das nicht, dass er selber gut darin ist – im Gegenteil (wobei auch das nicht wirklich stimmt). Wenn er davon schreibt, wie wichtig Disziplin und Fokussierung sind, sieht er auch, wie sie ihn immer mal wieder behindern.

„Es ist ein Grundsatz menschlicher Weisheit, dass eine präzisere Formulierung und ein tieferes Verständnis eines Problems heilsam sind“ notiert er einmal. Und genau dies ist es, was dieses Buch leistet. Dabei macht es bewusst, dass Chaos und Ordnung ins Gleichgewicht zu bringen, eine höchst diffizile Gratwanderung ist. Eine überaus nützliche Einsicht!

Jordan B. Peterson
Beyond Order / Jenseits der Ordnung
12 weitere Regeln für das Leben
FinanzBuch Verlag, München 2021

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte