Sadie Jones: Die Skrupellosen

Die englischsprachige Presse (jedenfalls ein Teil davon) ist voll des Lobes für diesen Roman, der im Original etwas anders heisst (The Snakes) und glücklicherweise nicht wörtlich übersetzt wurde. Der Auftakt ist grandios: „In der Nacht, als sie beschlossen, London zu verlassen, hatte Bea einen Traum. Träume sind wie Stummfilme – da werden Waffen abgefeuert, ohne dass man Schüsse hört, und Menschen reden ohne Stimme. Dieser Traum hingegen war ohrenbetäubend. Bea wachte von dem Lärm auf, in atemlosem Schock und Entsetzen.“ Träume sind wie Stummfilme – eine Einsicht mit dem Potential hängenzubleiben.

Bea, Psychotherapeutin, und Dan, ein in der Immobilienbranche tätiger Maler, leben frisch verheiratet in London und müssen jeden Penny umdrehen. Sie wollen für drei Monate eine Auszeit machen, das Burgund sowie den Norden Italiens erkunden. In Frankreich besuchen sie auch Beas Bruder Alex, der dort in einem heruntergekommenen Hotel haust, das ihm die Eltern gekauft haben, und der nicht nur ein Suchtproblem hat, sondern auch mit seiner Selbsthilfegruppe nicht klarkommt.

Simone Weils „Das Gebet ist nichts anderes als Aufmerksamkeit in ihrer reinsten Form“ spricht Alex mehr an als das Gelassenheitsgebet („Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“). Wie viele Süchtige ist er ein Besserwisser, der andere Besserwisser nicht erträgt. Sehr schön auch, die Bezüge auf Simone Weil: „Sie sagt, die Reichen und Mächtigen können nicht rein sein, weil sie nicht akzeptieren können, dass sie nichts sind. Sie können ihre Jämmerlichkeit nicht akzeptieren.“

Kurz darauf treffen Beas Eltern, Griff und Liv Adamson, in ihrem riesigen, hellroten Porsche Cayenne mit Allradantrieb ein. Der Vater, ein enorm reicher Immobilien-Geschäftsmann, ist auch ein Rechthaber, aber von eines anderen Art als sein Sohn. Grossspurig, nicht von moralischen Erwägungen belastet, von Gegnern und Konkurrenten bedroht.

Beas Verhältnis zu ihren Eltern ist angespannt. Sie weigert sich, von ihnen Geld anzunehmen. Dan beugt sich ihrem Entschluss, ist jedoch alles andere als glücklich damit. Die Skrupellosen ist auch ein Buch über die Unmöglichkeit, sich zu verständigen (alle reden viel, doch nie darüber, was sie wirklich beschäftigt) sowie eine Auseinandersetzung darüber, dass ein „moralisch richtiger“ Entscheid ein Desaster anrichten kann, da er mannigfaltige Auswirkungen auf ganz unterschiedliche Leute hat.

Nach und nach streut die Autorin Hinweise auf ein Familiengeheimnis ein, das hier natürlich nicht verraten werden soll. Dann stirbt Alex bei einem Unfall. „Und was hat all das mit dem Mord an Beas Bruder Alex zu tun?“, steht auf dem Umschlag – eine denkbar ungeschickt platzierte Information, ausser man will der Geschichte die Spannung nehmen.

Dann wird Dan, der von „gemischtrassiger Herkunft“ ist, von der französischen Polizei vernommen. Eindrücklich zeigt Sadie Jones auf, wie Staatsmacht funktioniert – es ist die Macht, den Kontext nicht nur vorzugeben, sondern zu bestimmen. Die Sichtweise der Polizei wird dem Befragten quasi übergestülpt. Das ist sehr realitätsnah geschildert.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, ein Buch zu lesen, das zum Teil in einer Gegend spielt, in der man vor kurzer Zeit selber einige Male war (Burgund, Dijon, Bourg-en-Bresse) – man scheint das spezifisch Französische gleichsam einzuatmen. Was mich jedoch vor allem an diesem Roman packt, ist die Charakterisierung der Protagonisten, die allesamt verwundet durchs Leben gehen, sich jedoch ganz unterschiedlich schützen. Griff, laut und aggressiv, sich vorwärts verteidigend; Liv, neurotisch, die ohne Bewunderung nicht sein kann, immer die Fassade hochhaltend; Bea, mit dem „Firnis der Durchschnittsfrau, den sie für die Arbeit auflegte“ , den sie durch die Ereignisse allmählich abstreifte und welcher von der „Adamson-Kraft“ ersetzt wurde; Dan, der sich selber neu entdeckt, als sich die Welt um ihn herum verändert.

Dieser Roman, der sich wie ein Thriller liest, ist durchsetzt mit cleveren Beobachtungen und sehr eigenständigen Einsichten, die mich immer mal wieder überraschen und innehalten liessen, damit sie sich setzen konnten. „Da ihm der Fluch der Sensibilität erspart geblieben war, meinte er, über den Rest der Menschheit erhaben zu sein, die vor sich hin litt und sich wegen Dingen Sorgen machte, auf die sie sowieso keinen Einfluss hatten.“ Oder: „Kokain, Gras, Wein, Whisky, Medikamente, Meditation, Philosophie und Gebet. Alex hatte sein Leben lang versucht, sich selbst zu entkommen.“

Die Skrupellosen besticht auch durch seinen Witz, der sich immer mal wieder den routinierten Sprachgebrauch vornimmt. „Er hatte schon zweimal Eltern erlebt, die den Tod von Kindern betrauerten. Dafür, dass die Leute das immer als ‚unvorstellbar‘ bezeichneten, schien es doch öfters vorzukommen.“ Oder: „’Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen“, sagte Hélène Guerin. Es tat ihr überhaupt nicht leid.“ Ganz wunderbar auch die Spitzen gegen die arrogant-unterwürfigen Angestellten von Luxusetablissements und gegen hochbezahlte Anwälte, die wenig Substanzielles zu sagen haben und sich hinter juristischen Barrikaden verschanzen.

Fazit: Ein packender und beklemmender Thriller über die Macht des Geldes.

Sadie Jones
Die Skrupellosen
Penguin Verlag, München 2021

Elinor Greenberg: Borderline und Narzissmus

Von den vielen Büchern über Borderline, die ich gelesen habe, ist dies erst das zweite, das im Titel Borderline und Narzissmus zusammenbringt, obwohl die Verbindung doch, jedenfalls in meiner Vorstellung, offensichtlicher kaum sein könnte: Eine von Impulsen dirigierte Gefühlsachterbahn, gekoppelt mit einer Unfähigkeit zur Empathie, dabei süchtig nach Bestätigung, das jedes Mass sprengt. Und nicht zu vergessen: Wut, Hass und ein Sich-An-Schuldzuweisungen-Klammern, das einem den Schnauf abdreht.

Borderliner suchen hauptsächlich Liebe, Narzissten Bewunderung und Schizoide Sicherheit, so die Gestalttherapeutin Elinor Greenberg. Dass sie diese drei Störungen zusammen nimmt, erachte ich als sehr sinnvoll, ist doch für alle drei die Abspaltung charakteristisch. Wie unterschiedlich sich diese manifestiert, erfährt man in diesem Buch. Und auch wie man darauf sinnvoll regiert. Das Buch richtet sich an Therapeuten und Therapeutinnen. Wie sich Persönlichkeitsstörungen ausserhalb des geschützten Therapie-Raums manifestiert, ist noch einmal eine andere Geschichte.

Doch was ist eigentlich eine Persönlichkeitsstörung? Elinor Greenberg zieht den Begriff „Persönlichkeitsanpassung“ vor „um zu betonen, dass der Ursprung dieser Schwierigkeiten in kreativen Anpassungen an eine schwierige Kindheitssituation liegt.“ Charakteristisch für die Betroffenen ist, dass sie sich selbst und andere durch eine extrem polarisierte Brille sehen, also entweder als rundum gut oder rundum schlecht. Auch fehlt ihnen die Objektkonstanz. „Ohne die Fähigkeit, gilt buchstäblich das Prinzip ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘.“ Überdies projizieren sie von den Eltern nicht erfüllte Bedürfnisse auf ihr Gegenüber, reagieren wütend, wenn diese die ihnen zugedachte Rolle nicht spielen wollen, lassen jedoch nicht davon ab, diesen besonderen Menschen zu suchen, den sie in der Kindheit entbehren mussten.

Die Behandlungsvorschläge, die Elinor Greenberg macht, richten sich daran aus, dass der Therapeut dem Klienten zu lernen hilft, „Freude an sich selbst zu haben.“ Borderliner sind gefühlsmässig in der Kindheit steckengeblieben, da sie in der Regel emotional dafür belohnt wurden, sich nicht von ihren Eltern abzulösen. Oder sie wurden mit Liebesentzug und Beschimpfungen bestraft, wenn sie es trotzdem versuchten. Und was macht nun der Therapeut oder die Therapeutin? Sie ermuntert sie (unter anderem), sich dem Schmerz zustellen. Ein trockener Alkoholiker gab dazu einmal diesen Rat: „Ich lasse es wehtun. Und mit jedem Mal ist der Schmerz ein wenig schwächer.“

Schaffen Sie ein sicheres, verlässliches Umfeld, Finden Sie einen angemessenen Umgang mit Wut, Übernehmen Sie bei Bedarf Hilfs-Ich-Funktionen, Fördern Sie die Ich-Entwicklung, Ermutigen Sie zu Ablösung und Individuation, Selbstwertgefühl aufbauen, Ändern Sie allzu strafende Über-ichs und negative Introjekte, Nutzen Sie eine angemessene Art der Konfrontation, Finden Sie Ihren Klienten oder Ihre Klientin liebenswert. So lauten die 10 Punkte, die bei der Behandlung von Borderline-Patienten zur Anwendung kommen sollten. Es handelt sich hier nicht um eine abschliessende Liste. „Es wäre unmöglich, alles aufzulisten, was ich tue, zumal meine besten Interventionen spontan sind.“ Was die aufgeführten Punkte klar machen, ist vor allem, dass Elinor Greenberg auch nur mit Wasser kocht. Wie so recht eigentlich alle, die Borderliner zu therapieren versuchen.

„All das verlangt Therapeuten eine Menge ab“, hält sie fest. Das ist zweifellos richtig, zutreffender wäre allerdings zu sagen, dass Borderliner Therapeuten schlicht überfordern. Übrigens nicht nur Therapeuten, sondern auch Partner, Freunde und Familienangehörige, und zwar in weit höheren Masse, also fast rund um die Uhr und nicht nur ein-, zweimal die Woche für eine Stunde. Die Borderline-Anpassung nimmt übrigens den weitaus grössten Teil dieses Buches ein. 

Elinor Greenberg unterscheidet den gesunden Narzissmus vom defensiven oder pathologischen Narzissmus, bei dem „das Selbstwertgefühl der Person von der Meinung anderer abhängt.“ Die Gründe werden wie üblich in der Kindheit verortet. Das Bemühen des Therapeuten sollte sich auf eine realistische Selbsteinschätzung des Klienten zubewegen. Dies geschieht wesentlich dadurch, dass seine Stärken und Erfolge betont und seine negativen Selbsteinschätzungen in Frage gestellt werden.

Sehr schön beschreibt die Autorin wie wir alle in einem Kontakt-Rückzug-Zyklus gefangen sind, der so charakterisiert werden kann: Gewahrwerden – Verlangen – Handlung – Kontakt – Übersättigung – Rückzug. „Aber was geschieht, wenn wir Angst vor dem haben, wonach es uns am meisten verlangt?“ Und vor allem: Was tun wir dann? Aktiv in die Therapie eingebunden zu werden, stösst mitunter auf Widerstand, was die Therapeutin Greenberg schon mal dazu bewegt, das Handtuch zu werfen. An diesem Punkt jedoch geschieht manchmal Faszinierendes …

Elinor Greenberg
Borderline und Narzissmus
Wie Menschen nach Liebe und Bewunderung streben
Kösel Verlag, München 2021

Daniel Kahneman / Olivier Sibony / Cass R. Sunstein: Noise

Das Irritierende zuerst: Wieso bloss ein englischer Titel für eine deutsche Publikation? Und dazu noch einer, der ungenauer und verwirrender nicht sein könnte, denn unter Lärm, Störgeräuschen, Krach und Geräusch, wie sich Noise übersetzen liesse, versteht man gemeinhin etwas anderes als die Autoren mit diesem Begriff meinen. Akademiker sind schon auch ziemlich lebensfremd, sogar wenn sie sich, wie in diesem Buch, sehr genau mit dem praktischen Leben auseinandersetzen.

Was also meinen sie mit Noise? Die Zufallsstreuung, das störende Rauschen. Und dieses unterscheidet sich von Bias, der systematischen Abweichung, der Verzerrung. Bias lässt sich in der Regel leicht erklären (Eine Frau kriegt einen Job nicht, weil sie eine Frau ist). Die Zufallsstreuung hingegen lässt sich nicht erklären, sie ist ein statistisches Phänomen.

Die Autoren zeigen anhand der Strafjustiz und der Versicherungen, die auf den ersten Blick verschiedener kaum sein könnten, dass beiden die Zufallsstreuung gemeinsam ist. Konkreter: Dass es bei der Beurteilung ein und derselben Straftat oft zu sehr unterschiedlichen Strafzumessungen kommt, ist bekannt. Dies wird meist mit Voreingenommenheiten erklärt. Dasselbe gilt für die Einschätzungen von Versicherungsmitarbeitern. Dabei können Fachkräfte in ihren Urteilen bis zu 55 Prozent voneinander abweichen. Doch wie ist das möglich, dass die Beurteilung ein und desselben Sachverhalts derart auseinanderliegt?

„Die meisten von uns leben die meiste Zeit mit der nicht hinterfragten Überzeugung, dass ‚wir die Welt genauso wahrnehmen, wie sie nun einmal ist.‘ Es ist nur ein kleiner Schritt von dieser Überzeugung zu jener: ‚Andere Menschen nehmen die Welt genauso wahr, wie ich es tue.’“ Dieser sogenannte naive Realismus wird kaum einmal hinterfragt. Ausser von den Russen, die das schöne Sprichwort haben: Er lügt wie ein Augenzeuge.

„Die Tatsache, dass Noise einen erheblichen Beitrag zu Urteilsfehlern leistet, widerspricht der weitverbreiteten Überzeugung, dass zufallsabhängige Fehler keine Rolle spielen, weil sie sich ‚gegenseitig aufheben‘. Diese Ansicht ist falsch.“ Wie so vieles, das die, welche unbedingt wollen, dass alles so bleibt, wie es nun mal ist, gerne behaupten.

Was also ist bzw. wäre zu tun? Zunächst stellen die Autoren fest, es gebe Grund zur Annahme, dass einige Menschen urteilsfähiger sind als andere. „Aufgabenspezifische Kompetenz, Intelligenz und ein gewisser kognitiver Stil – der sich am besten als aktiv selbsthinterfragend beschreiben lässt – kennzeichnen diese Topbeurteiler.“ Eine einigermassen banale Feststellung wie ich finde, doch die Autoren werden spezifischer und leiten aus ihren Untersuchungen sechs Grundsätze der Entscheidungsghygiene ab, die im Wesentlichen darauf hinauslaufen, Entscheidungsprozesse zu entpersönlichen bzw. zu versachlichen.

Das Bauchgefühl, dies ist eine der Lektionen, die ich aus diesem Buch mitnehme, ist dann gut und sinnvoll, wenn man es durch Überprüfung ergänzt. Das tut man, indem man sich selber und andere befragt, sich von aussen, aus einer Meta-Perspektive, betrachtet. Denn das Bauchgefühl kreiert stimmige Geschichten, indem es innere Widersprüche auflöst und Komplexität reduziert. Das ist attraktiv, weil wir keine inneren Widersprüche mögen. Verständlich zwar, aber auch ziemlich blöd.

Nicht wenige der zahlreichen Beispiele machten mich staunen. Als im März 2004 in Madrid 192 Menschen zu Tode kamen (durch Sprengsätze in Nahverkehrszügen), identifizierte das FBI innert Tagen einen Fingerabdruck, der einem Mann zugeordnet werden konnte, dessen Vorgeschichte ihn als Täter wahrscheinlich machte und der zudem auf der FBI-Fahndungsliste stand. Er wurde in Haft genommen, zwei Wochen später jedoch wieder entlassen, da die spanische Polizei den Fingerabdruck einer anderen Person zuordnete. Die US-Regierung zahlte ihm im Rahmen eines Vergleichs zwei Millionen Dollar (!). Merke: Auch die Auswertung von Fingerabdrücken ist fehleranfällig.

Noise nimmt Bezug auf viele aufschlussreiche Untersuchungen. Die von Paul Meehl, auf welche sich Daniel Kahneman auch in Schnelles Denken, Langsames Denken bezogen hat, finde ich besonders spannend, denn sie steht dem, was wir gemeinhin annehmen, diametral entgegen: „Einfache Modelle schlagen Menschen.“ Der Grund? Sie sind frei von Noise. Andererseits: Auch der Algorithmus macht Fehler, manchmal dumme Fehler, die ein Mensch nicht machen würde. „Aber wenn urteilende Menschen noch grössere Fehler machen, wem sollten wir dann vertrauen?“

Doch aufgepasst: Noise ist kein Plädoyer für eine mechanistische Herangehensweise. Vielmehr schwebt den Autoren vor, menschliche Entscheide durch eine Reduzierung von Störgeräuschen zu ergänzen.

Zweitmeinung, Leitlinien, Regeln, Standards, Checklisten gehören zu den Instrumenten mittels derer man versucht, menschlichen Unzulänglichkeiten, die wesentlich darin begründet sind, dass der Mensch sich selber schlecht einzuschätzen weiss, zu begegnen. Die Autoren plädieren für ein Noise-Audit, eine Bestandesaufnahme von Noise bei Fachkräften, welche die gleichen Fälle bearbeiten. Dabei geht es keineswegs um die vollständige Beseitigung von Noise. „Wenn man Fehlverhalten verhindern möchte, sollte man ein gewisses Mass an Noise tolerieren.“

Fazit: Eine hilfreiche Anleitung für bessere Entscheidungen.

Daniel Kahneman / Olivier Sibony / Cass R. Sunstein
Noise
Was unsere Entscheidungen verzerrt – und wie wir sie verbessern können
Siedler, München 2021

Heike Behrend: Menschwerdung eines Affen

„Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung“ heisst der Untertitel dieser Memoiren, von denen sich die Autorin fragt: „Ist ein Text noch eine Autobiografie, wenn er sich bemüht, Elemente einer autobiografischen Fremdbeschreibung zu liefern?“ Klingt etwas arg akademisch, finde ich, doch die nachfolgenden Zeilen machen deutlich, was es mit diesem Buch auf sich hat: „Tatsächlich ist mein Text der Versuch nachzuvollziehen, wie im Austausch mit den Subjekten meiner Forschungen zahlreiche sehr befremdliche und sehr beunruhigende ‚Ichs‘ entstanden, die mich fragen liessen, welche Wahrheit, welche Kritik, welches Versprechen und welches Versagen diese fremden Namen bergen, die mir gegeben wurden.“

„Affe“ und „Kannibale“ war die Ethnologin in Kenia und Uganda, das war Ende der 1970er, von Frauen und Männern genannt worden. Statt diese Bezeichnungen zurückzuweisen, versucht sie, sich mit den Augen ihrer Forschungsobjekte zu sehen. Ein nobles Unterfangen, das Nicht-Akademikern vermutlich nicht in den Sinn kommen würde. Auch den kolonialen Kontext berücksichtigt die Autorin, die während einiger Jahre zwischen Berlin und Ostafrika pendelt und das als „festen Rhythmus der Zerrissenheit“ (klingt ziemlich dramatisch) bezeichnet.

Heike Behrends Einleitung wirkt auf mich sensibel, differenziert und bedeutungsschwanger, ganz so, als ob noch den simpelsten Vorgängen Bedeutung gegeben werden müsse. Mir kam es vor als würde ich so etwas wie „die heiligen Hallen der Ethnologie“ betreten. So kommt sie nicht einfach nach Hause und schreibt die Monografie, sondern: „Dieses Schreiben hat Michael Harbsmeier als ‚Heimkehrritual‘ bezeichnet, durch das die Heimgekehrte ‚gereinigt‘ wird und sich reintegriert.“ Fehlt nur noch der Weihrauch …

Davon abgesehen ist dieser Bericht über vier ethnografische Forschungsreisen in Kenia und Uganda in einem Zeitraum von fast fünfzig Jahren erfreulich nüchtern geschrieben und machte mich auch immer mal wieder laut herauslachen. Etwa darüber, dass die neue asphaltierte Strasse, auf der vornehmlich Ziegen verkehrten, genau bis zum Geburtsort des Präsidenten führte, „keinen Schritt weiter.“

Neben den Regeln der Höflichkeit war ihr auch die tonale Sprache (wer sich schon einmal in einer solchen versucht hat, weiss, dass das keine einfache Sache ist) fremd, was die Kommunikation schwierig machte. Sie ist also auf einen Dolmetscher angewiesen, was auch im besten Falle die Lage zusätzlich verkompliziert. Besonders aufschlussreich dünkte mich, dass bei den Bewohnern der Tugenberge nicht die individuelle, sondern die soziale Biografie im Vordergrund steht. „Sie sahen sich eher von aussen und betrachteten ihre Person als opak, ‚als ein geschlossenes Gefäss, in das man nicht hineinschauen kann.‘ Ihr ‚Ich‘ gehörte vor allem den anderen.“

Nach und nach wird sie zur Chronistin befördert und ihr aufgetragen, dies und jenes aufzuschreiben. Obwohl ich selber einmal in Afrika gearbeitet habe (fürs IKRK), fühlte ich mich gelegentlich an thailändische Gepflogenheiten erinnert. Dass sich ältere Frauen mit ‚Was essen die Grossmütter heute?‘ begrüssen hat dort sein Äquivalent in ‚Hast du schon gegessen?‘, obwohl das Motiv, das Heike Behrend ausmacht (Hunger, knappe Nahrung), dort ein anderes ist (In Thailand dreht sich alles ums Essen, ständig; in meinen Thai-Kursen lernte man fast ausschliesslich Ausdrücke für Nahrungsmittel).

Sie lernt Sitten und Gebräuche kennen, schämt sich für den Fauxpas, ihren Teller leer gegessen zu haben und ich realisiere zum ersten Mal, wie eigenartig ich Ethnologen finde (ich war selber einmal für zwei Semester für das Fach eingeschrieben, doch damals fiel mir das nicht auf): Sie passen sich einer fremden Kultur an, akzeptieren Sitten und Hierarchien in einem Ausmass, das mir absurd vorkommt. Zugegeben, mir fehlt die Neugierde für das Funktionieren von Gesellschaftssystemen generell (es hat erstaunlich lange gedauert, bis ich das verstanden habe).und insbesondere für Rituale, die ich in jeder Kultur als Theater wahrnehme (ich bin kein Fan von Inszenierungen).

Mein besonderes Interesse an diesem Band gehört dem Bericht über „Fotografische Praktiken an der ostafrikanischen Küste“. Auch, weil ich mich an das Modul „Understanding Pictures“ während meines Studiums in Cardiff erinnerte, wo offenbar wurde, wie abhängig das Bilderlesen von der Kultur ist (afrikanische und asiatische Auffassungen waren selten kompatibel mit westlichen), was sich auch in diesem Bericht zeigt. Er beginnt mit einer schönen Geschichte über das „Berlin Studio“, das Heike Behrend Anfang der 1980er-Jahre in Nakura entdeckte und leitet dann über zur Rolle die die Fotoporträts, die ihren späteren Text begleiten sollten, einnehmen, nämlich „eine Art Korrektiv zu meinen Interpretationen“. Und: „Die Bilder besassen das Potential, meinem Text immer wieder in den Rücken zu fallen.“ Eine ungewöhnliche und anregende Sichtweise, denn Bilder werden im Zusammenhang mit Text eher selten eigenständig wahrgenommen und haben zumeist (leider) eine untergeordnete, zudienende Funktion.

Menschwerdung eines Affen  ist auch eine aufschlussreiche Ethnografie-Geschichte, die unter anderem aufzeigt, dass auch das rücksichtsvollste Vorgehen und die besten Absichten zu absolut unvorhergesehenen Resultaten führen können. Nicht nur in der Ethnografie, auch in der Dokumentarfotografie wie das Walker Evans und James Agee während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren erlebten. Verblüfft hat mich, wie bereitwillig die Autorin gelegentlich Erklärungen akzeptierte, die ich selber für Humbug halte. „Wir wurden fast immer frontal zur Kamera aufgenommen, den Blick direkt auf das Objektiv gerichtet. Das entspräche den Regeln der Höflichkeit, erklärte ein Fotograf.“ Eher einem Mangel an Fantasie, würde ich sagen.

Um mögliche Konflikte zu vermeiden, fotografiert sie selber nicht; Fotos brauchte sie gleichwohl, für ihr Archiv. Fündig wird sie in Studios, wo sie Bilder erwirbt, die nicht abgeholt worden waren. „In Kenia zahlt der Kunde nach dem Fototermin den halben Preis und tilgt den Rest bei Abholung. Da viele Leute den Akt des Fotografierens an sich schon geniessen, weil er etwas als Ereignis markiert und aufwertet, kommt es relativ häufig vor, dass die fertigen Bilder nicht abgeholt werden.“ Das Fotografiert-Werden als Erfahrung genügt! Wie wunderbar!

Heike Behrend
Menschwerdung eines Affen
Eine Autobiografie der ethnografischen Forschung
Matthes & Seitz Berlin 2021

Klaus Püschel: Die Toten können uns retten

Ohne die Angst könnten wir nicht leben. Sie warnt uns, schützt uns vor Bedrohungen. Nimmt sie allerdings überhand, reagiert sie etwa auf Bedrohungen, die nur in unserem Kopf existieren, braucht sie einen Gegenspieler: das Wissen. Dass dieses nicht immer hilft, das wissen wir, doch meistens schon. Weshalb denn auch das Credo der Rechtsmedizin lautet: „Wir Wollen Wissen, Was Wirklich War.“

Sportmediziner wollte Klaus Püschel eigentlich werden. Wie es dann aber anders kam, er von der Rechtsmedizin gepackt wurde, schildert er (unter Mithilfe von Bettina Mittelacher, die als Ko-Autorin aufgeführt ist) höchst anschaulich.

„Die Krankheit, auf die ich von da an am häufigsten stossen sollte, war die Gewalt.“ Diese kommt in den unterschiedlichsten Formen vor und schlummert in allen von uns, so der Seniorprofessor und ehemalige Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der einen historischen Rückblick an den Beginn dieses Buches stellt. „Im 19. Jahrhundert kam es in Wien erstmals zur Spezialisierung von medizinischen Fachgebieten und der Gründung der weltweit ersten Augen- , Haut- sowie Hals-Nasen-Ohren-Kliniken.“

Rechtsmedizin und Pathologie sind übrigens eigenständige Facharztdisziplinen, schreibt der Autor. „Das wird in Kriminalromanen und -filmen leider immer wieder falsch wiedergegeben.“ Gemäss meiner Google-Kurzrecherche stammt das Missverständnis aus dem Amerikanischen, wo der Rechtsmediziner, auch Forensiker genannt, „forensic pathologist“ heisst“. Der Rechtsmediziner ist, im Gegensatz zum Pathologen, für die Justiz im Einsatz.

Die Fälle, die Klaus Püschel anführt, lassen einen sich gelegentlich in einem Krimi wähnen. Einem wirklichen, keinem Fernsehkrimi. An letzteren lässt er übrigens kaum ein gutes Haar. Zu recht, denn wirklichkeitsfremder als die Medienwelt, die ihren eigenen Gesetzen zu gehorchen hat, geht kaum. Zudem ist die Wirklichkeit um einiges spannender und verblüffender – dass zwei rote Waldameisen zur Aufklärung eines Mordes beitragen können, habe ich im Fernsehen jedenfalls noch nie gesehen.

„Der Bohrmaschinenmörder“, „Mission Ehrenmord“, die Titel lassen bereits erahnen, mit was für kranken Seelen es der Rechtsmediziner zu tun hat. Nur schon über diese Fälle zu lesen, ist schwer erträglich. Drogen, Druckgeschwüre und Viren (von HIV zu Covid-19), der Tod, mit dem Professor Püschel sich auseinandersetzen musste, hat viele Gesichter.

Die Toten können uns retten fragt auch, was uns die Konfrontation mit dem Tod (jeder Tod, nicht nur der gewaltsame) lehren kann. Klaus Püschel hat sie gelehrt, sich auf Wesentliches zu konzentrieren, intensiver zu leben und sich für die Schwächeren der Gesellschaft zu engagieren. „Letztlich führt die eigene Sterblichkeit uns vor Augen, wer und was im Leben wirklich wichtig ist.“

Sich mit dem Tod auseinanderzusetzen meint auch, sich um eine Patientenverfügung zu kümmern, eine Organspende ins Auge zu fassen. „Die Fakten: Im Dezember 2018 warteten allein in Deutschland rund 12 000 Menschen auf ein Spenderorgan. Gespendet wurden im selben Jahr 2 995 Organe.“

Sich auf die Realität einzulassen ist heilsam; es sind unsere Vorstellungen, die das Potential haben, uns irre werden lassen. „Alle Prozesse des Sterbens und Verwesens machen uns deutlich, dass wir ein Bestandteil der Natur und ihren Gesetzen unterworfen sind. Ob Pflanze, Tier oder Mensch – die Verwesungsprozesse bringen uns alle wieder ein in den Kreislauf der Natur.“

Nicht zuletzt ist Die Toten können uns retten ein höchst aktuelles Buch, das unter anderem aufzeigt, dass dieselben Verschwörungstheorien (auch von prominenten Wissenschaftlern), von denen wir in unseren Corona-Zeit hören, auch in der HIV-Zeit gang und gäbe waren. Und vom Hamburger Weg erzählt, also davon, was Obduktionen uns über Corona verraten.

Fazit: Informativ und erhellend.

Klaus Püschel
Die Toten können uns retten
Wie die Rechtsmedizin hilft, Krankheiten zu erforschen und das Sterben zu verhindern
Quadriga, Köln 2021

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