Die englischsprachige Presse (jedenfalls ein Teil davon) ist voll des Lobes für diesen Roman, der im Original etwas anders heisst (The Snakes) und glücklicherweise nicht wörtlich übersetzt wurde. Der Auftakt ist grandios: „In der Nacht, als sie beschlossen, London zu verlassen, hatte Bea einen Traum. Träume sind wie Stummfilme – da werden Waffen abgefeuert, ohne dass man Schüsse hört, und Menschen reden ohne Stimme. Dieser Traum hingegen war ohrenbetäubend. Bea wachte von dem Lärm auf, in atemlosem Schock und Entsetzen.“ Träume sind wie Stummfilme – eine Einsicht mit dem Potential hängenzubleiben.
Bea, Psychotherapeutin, und Dan, ein in der Immobilienbranche tätiger Maler, leben frisch verheiratet in London und müssen jeden Penny umdrehen. Sie wollen für drei Monate eine Auszeit machen, das Burgund sowie den Norden Italiens erkunden. In Frankreich besuchen sie auch Beas Bruder Alex, der dort in einem heruntergekommenen Hotel haust, das ihm die Eltern gekauft haben, und der nicht nur ein Suchtproblem hat, sondern auch mit seiner Selbsthilfegruppe nicht klarkommt.
Simone Weils „Das Gebet ist nichts anderes als Aufmerksamkeit in ihrer reinsten Form“ spricht Alex mehr an als das Gelassenheitsgebet („Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“). Wie viele Süchtige ist er ein Besserwisser, der andere Besserwisser nicht erträgt. Sehr schön auch, die Bezüge auf Simone Weil: „Sie sagt, die Reichen und Mächtigen können nicht rein sein, weil sie nicht akzeptieren können, dass sie nichts sind. Sie können ihre Jämmerlichkeit nicht akzeptieren.“
Kurz darauf treffen Beas Eltern, Griff und Liv Adamson, in ihrem riesigen, hellroten Porsche Cayenne mit Allradantrieb ein. Der Vater, ein enorm reicher Immobilien-Geschäftsmann, ist auch ein Rechthaber, aber von eines anderen Art als sein Sohn. Grossspurig, nicht von moralischen Erwägungen belastet, von Gegnern und Konkurrenten bedroht.
Beas Verhältnis zu ihren Eltern ist angespannt. Sie weigert sich, von ihnen Geld anzunehmen. Dan beugt sich ihrem Entschluss, ist jedoch alles andere als glücklich damit. Die Skrupellosen ist auch ein Buch über die Unmöglichkeit, sich zu verständigen (alle reden viel, doch nie darüber, was sie wirklich beschäftigt) sowie eine Auseinandersetzung darüber, dass ein „moralisch richtiger“ Entscheid ein Desaster anrichten kann, da er mannigfaltige Auswirkungen auf ganz unterschiedliche Leute hat.
Nach und nach streut die Autorin Hinweise auf ein Familiengeheimnis ein, das hier natürlich nicht verraten werden soll. Dann stirbt Alex bei einem Unfall. „Und was hat all das mit dem Mord an Beas Bruder Alex zu tun?“, steht auf dem Umschlag – eine denkbar ungeschickt platzierte Information, ausser man will der Geschichte die Spannung nehmen.
Dann wird Dan, der von „gemischtrassiger Herkunft“ ist, von der französischen Polizei vernommen. Eindrücklich zeigt Sadie Jones auf, wie Staatsmacht funktioniert – es ist die Macht, den Kontext nicht nur vorzugeben, sondern zu bestimmen. Die Sichtweise der Polizei wird dem Befragten quasi übergestülpt. Das ist sehr realitätsnah geschildert.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, ein Buch zu lesen, das zum Teil in einer Gegend spielt, in der man vor kurzer Zeit selber einige Male war (Burgund, Dijon, Bourg-en-Bresse) – man scheint das spezifisch Französische gleichsam einzuatmen. Was mich jedoch vor allem an diesem Roman packt, ist die Charakterisierung der Protagonisten, die allesamt verwundet durchs Leben gehen, sich jedoch ganz unterschiedlich schützen. Griff, laut und aggressiv, sich vorwärts verteidigend; Liv, neurotisch, die ohne Bewunderung nicht sein kann, immer die Fassade hochhaltend; Bea, mit dem „Firnis der Durchschnittsfrau, den sie für die Arbeit auflegte“ , den sie durch die Ereignisse allmählich abstreifte und welcher von der „Adamson-Kraft“ ersetzt wurde; Dan, der sich selber neu entdeckt, als sich die Welt um ihn herum verändert.
Dieser Roman, der sich wie ein Thriller liest, ist durchsetzt mit cleveren Beobachtungen und sehr eigenständigen Einsichten, die mich immer mal wieder überraschen und innehalten liessen, damit sie sich setzen konnten. „Da ihm der Fluch der Sensibilität erspart geblieben war, meinte er, über den Rest der Menschheit erhaben zu sein, die vor sich hin litt und sich wegen Dingen Sorgen machte, auf die sie sowieso keinen Einfluss hatten.“ Oder: „Kokain, Gras, Wein, Whisky, Medikamente, Meditation, Philosophie und Gebet. Alex hatte sein Leben lang versucht, sich selbst zu entkommen.“
Die Skrupellosen besticht auch durch seinen Witz, der sich immer mal wieder den routinierten Sprachgebrauch vornimmt. „Er hatte schon zweimal Eltern erlebt, die den Tod von Kindern betrauerten. Dafür, dass die Leute das immer als ‚unvorstellbar‘ bezeichneten, schien es doch öfters vorzukommen.“ Oder: „’Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen“, sagte Hélène Guerin. Es tat ihr überhaupt nicht leid.“ Ganz wunderbar auch die Spitzen gegen die arrogant-unterwürfigen Angestellten von Luxusetablissements und gegen hochbezahlte Anwälte, die wenig Substanzielles zu sagen haben und sich hinter juristischen Barrikaden verschanzen.
Fazit: Ein packender und beklemmender Thriller über die Macht des Geldes.
Sadie Jones
Die Skrupellosen
Penguin Verlag, München 2021




